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Full text of "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer Berücksichtigung der Homosexualität"

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T :\ 

n r 1 



Walt Whltman auf der ^Verft In Cainilen, Neujarsey, 
Juli 1900 (71 J:ilirc alll. 



Jahrbuch 



für 



sexuelle Zwischenstufen 

mit besonderer Berüclisiclitigung der 

w 

Homosexualität 



Herausgegeben unter Mitwirkung namliafter Autoren 

im Namen des wissenschaftlich -humanitären Komitees 



von 



Dr. med. Magnus fiirschfeld, 

prakt. Arzt in Charlottenburg. 



VII. Jahrgang I. Band. 



Leipzig. 

Verlag von Max Spohr, 

1905. 



• • • 

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« 



Unberechtigter Nachdruck ganzer Arbeiten aus diesem Jahrbuch 
ist untersagt; alle Rechte bezQglich Beilagen und Obersetzung 
bleiben vorbehalten. Die Verfasser tragen die Verantwortung für 

Form und Inhalt ihrer Arbeiten. 






InhaltsYerzeichnis. 



Erster Band. 

Seite 
§ 143 des Preußischen Strafgesetzbuches vom 14. April 1851 

und seine Aufrechterhaltting als § 152 im Entwürfe eines 

Strafgesetzbuches für den Norddeutschen Bund. Offene, 

fachwissenschaftliche Zuschrift an Seine Excellenz Herrn 

Dr. Leonhardt 1 

Die erbliche Belastung des Zentralnervensystems bei Uraniem, 
geistig gesunden Menschen und Geisteskranken. Von 
L. S. A. M. V. Körner, mit Tabellen 67 

Die virilen Homosexuellen. Von Dr. phil. Max Katte -Berlin 85 

Piatos Stellung zur Homosexualität. Studie von Dr. 0. K i e f e r - 

Stuttgart 107 

Äußerung Goethes über griechische Liebe und Johannes 

Müller, mitgeteilt von Dr. P.Brandt 127 

Welches Interesse hat die Frauenbewegung an der Lösung 

des homosexuellen Problems ? Rede von AnnaBüling 129 

Walt Whitman. Ein Charakterbild von Eduard Bert z . 153 

Die vermeintliche Päderastie des Reformators Jean Calvin. 

Von H. J. Schouten-Ütrecht 289 

Louise Michel. Von Karl Frhr. v. Levetzow-Marseille 307 

Ein Brief Emile Zolas an Dr. Laupts über die Frage der 
Homosexualität. Übersetzt und eingeleitet von Rudolf 
V. Beulwitz 371 

Entwurf zu einer reizphysiologischen Analyse der erotischen 
Anziehung unter Zugrundelegung vorwiegend homo- 
sexuellen Materials. Von Benedict Friedlaender- 
Berlin ^ 387 

Schadet die soziale Freigabe des homosexuellen Verkehrs der 
kriegerischen Tüchtigkeit der Rasse? Ein vorläufiger 
Hinweis von Benedict Friedlaender-Berlin . . . 463 

Zusammenstellung der Literatur über Hermaphroditismus beim 

Menschen. Von Dr. med. Franz von Neugebauer . 471 



— IV 

Zweiter Band. 

Seite 
Die Bibliographie der Homosezualitftt für das Jahr 1904. 

Von Dr. jnr. Numa Praetorius 671 

Teil I. Homosexuelle Schriften mit Ausnahme der 

Belletristik 679 

Teil II. Belletristik 857 

Teil III. Die Bibliographie der Holländischen 
Schri/ten für das Jahr 1904 von Jonkheer 

Dr. jur. J. A. Schorer 907 

Teil IV. Besprechungen des Jahrbuches und von ^ 

Teilen desselben 940 ^ 

Jahresbericht 1904—1905 von M. Hirschfeld 949 



Bilderverzeichnis. 



V^alt Whitman auf der Werft in Camden, Ne^jersey, Juli 1890 

(71 Jahre alt) Titelbild 

Walt Whitman 1882 (68 Jahre alt) 158 

Walt Whitman 1850 (81 Jahre alt) 202 

Walt Whitman um 1855 (36 Jahre alt) 208 

Walt Whitman (Titelbild der 1. Aufl. der „Grashalme", 1855) 219 

Walt Whitman, Mftrz 1880 (61 Jahre alt) 256 

Reproduktion einer 1865 in Washington aufgenommenen 

Photographie mit Autogramm Walt Whitmans. . . . 283 
Wiedergabe eines alten Schimpfbildes, welches die Brand- 
markung Calvins wegen angeblicher Päderastie darstellt 289 

Louise Michel auf dem Totenbette 808 

Louise Michel nach der Amnestie 314 

Louise Michel in Uniform während der Kommune .... 348 

Louise Michel und ihre Freundin Charlotte Vauwelle . . 863 



$ 143 des Prenssischen Strafgesetzbuches 
Tom 14. April 1851 nnd seine Anfreelit- 

erhaltnng als § 152 

im 

Entwürfe eines Strafgesetzbuches für den 
Norddeutschen Bund. 

Offene, fachwissenschafUiche Zuschrift 

an 

Seine Excellenz Herrn Dr. Leonhardt 

kdntgl. preußischen Staats- imd Justizminister. 



Jalirbach VIL 



Yorbemerkimg des fleransgebers. 

Dem Wnnsche eines höheren Justizbeamten und 
mehrerer älterer Freunde unserer Bewegung Sechnung 
tragend, bringen wir an dieser Stelle den offenen Brief, 
welchen ein anonymer Verfasser im Jahre 1869 an den 
damaligen Justizminister Leonhardt richtete, als es sich 
darum handelte, ob der preußische Umingsparagraph in 
das damals in Aussicht stehende neue Strafgesetzbuch 
ftar den Norddeutschen Bund (welches später zum Beichs- 
stra^esetzbuch wurde und noch heute zu Becht besteht) 
aufgenommen werden sollte. 

Die lange Zeit verschollene und vergriffene Schrift 
wird von Kennern als eine der besten Arbeiten über das 
homosexuelle Problem angesehen und enthält in der Tat 
eine Fülle von Gesichtspunkten, die heute, wo man sich 
wieder anschickt unser Strafgesetz einer Revision zu 
unterziehen, ebenso beachtenswert sind wie vor 36 Jahren. 

Über den Verfasser teilt uns Herr Professor Earsch 
mit, daß derselbe mit dem Schriftsteller E. M. Kertbeny 
identisch ist Earsch verdankt diese Mitteilung dem im 
Dezember 1904 verstorbenen Schriftsteller Earl Egells 
(TgL Jahresbericht dieses Bandes), dessen Gewährsmann 
Ulrichs war. „In einem seiner letzten Briefe an Egells, 
von Aquila, 10. Mai 1884, — wir zitieren hier Earschs 
Zeilen an uns — schreibt nämlich Ulrichs: „Ja, Eertbeny 
ist jener anonyme Verfasser.^' „Obwohl nun in diesem 



— n — 

Schreiben der § 143 nicht ausdrücklich genannt ist, 
so kann doch nur diese Schrift in Frage kommen, da 
Ulrichs erzählt, Eertbeny habe ans Eifersacht seine 
(Ulrichs') Ausdrücke nicht gebrauchen wollen, sondern 
eigene erfunden, wie Homosexueller für Urning; er teilt 
weiter mit^ daß er lange mit Eertbeny korrespondiert 
habe; er wolle auch Egells wissen lassen, wie er es 
erfahren, daß der Verfasser jener anonymen Schrift 
eben kein anderer als Eertbeny sei, nämlich keines- 
wegs durch ihn selbst. (Diesen Bericht finde ich leider 
nicht, vielleicht ist er unterblieben.) In einem späteren 
Schreiben erst, vom 21. Mai 1884, an Egells bezeichnet 
dann Ulrichs Eertbeny direkt als den Verfasser des 
§148; ihn habe er 1864 oder 1865 kennen gelernt, als 
einer der ersten »Genossen«.'' 

Professor Earsch beabsichtigt die in seinen Besitz 
Übergegangenen Briefe von Ulrichs und Egells zu ver- 
öffentlichen, „welche viel Interessantes enthalten und die 
ganze Denkweise und Tätigkeit des Umingsapostels offen« 
baren'S ^^^ ^^^ &^<^h bei dieser Gelegenheit eingehend 
die Identität des Verfassers von § 148 mit Eertbeny 
erörtern. 

Wie Ulrichs mitteilt, war Eertbeny übrigens auch 
ein Gewährsmann Gustav Jägers. 

Von Schriften Eertbenys stellte uns Herr John 
Henry Mackay „Silhouetten und Reliquien <'^) I und 11 
(Wien 1861), sowie „Petöfis Tod vor 30 Jahren 1849, 
Jokais Erinnerungen an Petöfi 1879''*) zur Verfügung. 



^) Silhouetten u. Reliquien. Erinnerungen an Albach, Bettina, 
Grafen Louis und Casimir Batthy&nyi, B^m, B^ranger, Delaroche, 
Haynau, Heine, Petöfi, Schrdder-Devrient, Sz^ch^nyi, Vamhagen, 
Zflchokke usw. von K. M. Kertbeny, Wien und Prag, Kober und 
Markgraf 1861. 

*) PetSfis Tod vor dreißig Jahren 1849. Jokais Erinnerungen 
an Petöfi 1879. Historisch -literariscbe Daten und Enthailnngen, 



— in — 

In Band IE der ^^Silhouetten'' fand ich nnter den Er- 
innerungen an Heinrich Heine ein Gespräch , welches 
Eertbeny in Paris mit Heine über Platen hatte. 

Es lohnt sich wohl, auch diese Stelle auszugraben^ 
weil sie in charakteristischer Weise zeigt, zu welchen 
Untaten die fidsche Auffassung der Homosexualität damals 
und auch heute noch gemißbraucht wird. 

Aus ,,Silhouetten und Reliquien'' vonKlULKertbenj. 

^^einrich Heine'' Seite 235. 

„Wir schwatzten nun, vor dem Kamine sitzend, noch 
allerlei Dinge, auf deren Details ich mich nicht mehr 
entsinne. Nur weiß ich, daß ich ihm sagte, wie ich die 
GebrQder Frizzoni in Bergamo kennen gelernt^ und allerlei 
Näheres über Platen erfahren, und endlich fragte ich 
ihn: „Sagen Sie mir aufrichtig, halten Sie Platen wirklich 
Ar keinen Dichter? Und yrissen Sie, daß der Mann an 
ihrem Hohn gestorben?" — „Ei freilich", meinte Heine, 
„halte ich ihn für einen Dichter, und zwar für einen 
bedeutenden, wenn auch innerlichst kalten, er war ein 
Dichter im griechischen Sinne, dessen Poesie nicht im 
Gemüte, sondern in einem inneren musikalischen Sinn 
bestand, in einem mathematischen Sinn für Musik." — 
„Weshalb taten Sie ihm mit so vollem Bewußtsein Un- 
recht?" „Ja, sehen Sie", erwiderte Heine und lächelte 
fiaunisch, „ich trat damals gerade erst auf, und mein 
ganzes geistiges Wesen ist ein derartiges, daß es not- 
wendig ein Hallo von Opposition hervorrufen mußte; 
das fühlte ich voraus, und besonders all die kleinen 
Eläffer waren meinen Waden unvermeidlicL Ich wollte 
dem kurzweg vorbeugen, und so erwischte ich gleich den 



bibliographische Nachweise. Zusammengestellt von K. M. Kert- 
beDjT. Mit einem Plan der Schlacht von SchftsBbnrg. Leipzig, 
Wilhelm Friedrich, 1880. 



— IV — 

größten unter ihnen herans^ schindete ihn, wie Apollo 
den Marsyas, und schleppte diesen Biesen gleich mit mir 
auf die Schaubühne, damit den Kleineren der Mut ver- 
gehe. Das gehört so zur Taktik literarischer Feldzüge, 
und dann war der Mensch wirklich ein Halbnarr, als 
Mensch wenigstens ; er ging in München mit einem Lorbeer- 
kranze spazieren, das hab' ich selbst gesehen. Auch — 
hier stockte Heine etwas — ^^war er schrecklich arrogant; 
ich ließ ihm einige Male sagen^ er möge mich keinen 
Juden nennen, ich sei keiner, am allerwenigsten einer 
in seinem Sinne, er blieb aber störrisch wie Don Quixote, 

und so nannte ich ihn dann einen und endli'^h 

erstach er sich, wie ein Skorpion.'' 



Erörterung strafrechtlicher Fragen aus dem Ge- 

biete der gerichtlichen Medizin. Eine Anlage za 
den Motiven des Strafgesetz-Entwurfes für den Nord- 

y deutschen Bund. (Berlin, 1869. Druck der k. geh. 
Oberhof buchdruckerei, R. v. Decker) Klein -Folio, 

" 36 Seiten. 

Inhalt: 

1) ZarechnuDgsföhigkeit. 2) Geminderte Zurechnungsföhigkeit 
3) Altersstufe für kriminelle Strafbarkeit 4) Widernatürliche Un- 
xaeht. 5) Mißbrauch jugendlicher Personen. 6) Kunstfehler der 
Arzte. 7) Begriff des Aasdruckes ,,Gift'^ 8) Medizinal- Pfuscherei. 
9) Verweigerung ärztlicher Hilfe. 10) Öffentliche Ankündigung von 
Geheimmitteln. 11) Diebstahl an Leichen. 12) Körperverletzungen. 
13) Feilhaltung und Verkauf trichinenhaltigen Fleisches. 

12. August 1868. 

Leonhardt an den k. Staatsminister und Minister der 
geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten 
Herrn Dr. 'von Mühler, Excellenz. 

IV. Der § 143 des Preußischen StG.B. bestimmt: 
„Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen 
Personen männlichen Geschlechtes oder von Menschen 
mit Tieren verübt wird, ist ... . zu bestrafen." 

Die auf Unzucht zwischen Menschen und Tieren 
angedrohte Strafbestimmung beruht wesentlich auf der 
früheren Annahme, daß eine solche Vermischung frucht- 
bar sei, und Bastard- Arten zwischen Menschen und Tieren 
erzeugen könne. Diese Annahme hat, soviel bekannt, 
die gegenwärtige Wissenschaft verworfen; und neuere 
Gesetzgebungen, z. B. die Französische^ Bayrische. Bei- 



— 4 — 

gischci sowie der im yergangenen Jahre veröif entlichte 
Entwurf eines Osterreichischen Strafgesetzbuches haben 
die im § 143 cit. erwähnte Unzucht nicht in die 
Beihe der kriminalrechtlich strafbaren Handlungen auf- 
genommen. 

In den Motiven zu dem Osterreichischen StG.B. 
wird zur Rechtfertigung dessen angeführt: es lasse sich 
nicht erkennen^ warum gerade die hier in Rede stehen- 
den ünzuchtsakte insbesondere als Verbrechen mit Strafe 
bedroht werden sollten, möge man dieselben nach ihrer 
Beschaffenheit als unzüchtige, oder nach ihrer allgemeinen 
Handlung als gesundheitsschädliche Handlungen erachten. 
Es gebe noch eine Reihe von anderen wider- und un- 
natürlichen Unzuchtsakten, sei es zwischen Personen 
desselben, sei es zwischen Personen yerschiedenen Ge- 
schlechts, welche in gleicher Weise unsittlich seien und 
gesundheitsschädlich wirkten, ohne daß man sie mit 
Strafe bedrohe. 

In den Motiven zu dem Preußischen St.G.B. (von 
1851) ist dagegen zur Rechtfertigung des § 143 ange- 
führt worden: die darin unter Strafe gestellten Handlungen 
bekunden eine so große Entartung und Herabwürdigung 
des Menschen, und seien so gefährlich für die Sittlich- 
keit, daß das Strafgesetz notwendig darauf Rücksicht 
nehmen müsse. Der neue (Norddeutsche) StG.E. wird 
sich somit darüber zu entscheiden haben: 

a) ob er nach dem Vorgänge der angeführten anderen 
Gesetzgebungen den § 143 ganz ausscheiden, oder 
vielleicht 

b) die Strafe der niedem Unzucht bloß auf die 
zwischen Personen männlichen Geschlechts verübte 

beschränken wolle. 

Die zu treffende Entscheidung wird mit davon ab- 
hängen, wie die medizinische Wissenschaft jene Unzuchts- 



— 5 — 

akte beurteilt, und es muß daher eine gutachtliche 
Äußerung über die zu a und b gestellten Fragen vom 
medizinischen Standpunkte aus gewünscht werden. 

V, § 144, Nr. 3, mit Personen unter 14 Jahren. 
Ob man nicht auf das 12. Jahr zurückgehen könne? 

12. April 1869. 

MQbier an den k. Staats- und Justizminister Herrn Dr. 
Leonhardt^ Exzellenz. 

— — finde ich meinerseits nur zu Nr. IV des Gut- 
achtens zu erinnern, daß es mir im Interesse der öffent- 
lichen Moral unstatthaft erscheint, Sodomiterei und 
Päderastie, auch wenn sie offenkundig betrieben werden, 
mit keiner Strafe zu bedrohen. Ich halte die in den 
Motiven zu § 143 des St.G.B. vom 14. April 1851 ge- 
gebene Rechtfertigung der Strafbestimmung auch gegen- 
über dem Gutachten der wissenschaftlichen Deputation 
für wohlbegründet 

Bei den übrigen Punkten finde ich kein Bedenken, 
den Vorschlägen beizutreten. 

Gatachten der Königlichen wissenschaftliclien 

Deputation für das Medizinalwesen. 
Berlin, 24. März 1869. 

Unterzeichnet: 

Lehnert, Dr. 0., zweiter Arzt des Elisabethkranken- 
hauses, Eönigsgrätzerstraße 126, IL 

Jüngken. 

V. Hörn, Dr. W., Geh. Obermedizinalrat, Unterbaum- 
straße 7. 

B. ?. Langenbek, Dr., Geh. Ob.-Med.-Rat, Prof. der 
Univ. usw., Sommerstraße 4. 

Housaelle, Dr. C, Geh. Ob.-Med.-Rat, vortragender Rat 
im Kultus-Minist., Erausenstraße 39. 



— 6 — 

Martin, E., Geh. Med.- Rat und Professor, Dorotheen- 
Straße 5. 

Virchow, Dr. Eudolf, Professor, Schellingstraße 10. 

A. W. Hofmann, Prof. der' Chemie/ Mitglied der Aka- 
demie, Dorotheenstraße 10. 

Bandeleben, Dr., Geh. Med.-Rat, ord. Professor der 
Universität, Direktor der chir. Klinik in der Charit^, 
Schiff bauerdamm 18. 

Skrzeczka, C, prakt. Arzt, Professor, gerichtl. Physikus, 
Linksstraße 14. 

Wir sind aufgefordert, uns gutachtlich darüber zu 
äußern, wie die medizinische Wissenschaft jene Unzuchts- 
fälle beurteilt 

Was zunächst die Unzucht von Menschen mit Tieren 
betrifft, so soll die dagegen gerichtete Strafbestimmung 
wesentlich auf der früheren Annahme beruhen, daß eine 
solche Vermischung fruchtbar sei, und Bastardarten 
zwischen Mensch und Tier erzeugen könne. Diese An- 
sicht ist in früherer Zeit entstanden durch eine ganz 
unrichtige Beurteilung der sogenannten Mißgeburten, d. h. 
mißgebildeter menschlicher Leibesfrüchte, bei denen man 
nicht ohne erhebliche Mitwirkung der Phantasie in einem 
oder dem anderen abnorm geformten Körperteil eine 
Ähnlichkeit mit entsprechenden Körperteilen irgend eines 
Tieres zu erkennen glaubte. Dies flihrte zu der Vor- 
stellung, daß eine solche Leibesfrucht halb menschliche, 
halb tierische Bildung habe, und zu dem Schluß, daß 
sie das Produkt einer geschlechtlichen Vermischung eines 
Menschen mit einem Tiere sei. Seither hat die Wissen- 
schaft längst gezeigt, wie durch krankhafte Entwickelung 
der Früchte oder das Zurückbleiben gewisser Körperteile 
in ihrer Ausbildung die sogenannten Mißgeburten zu- 
stande kommen. Andernteils hat sie die Unmöglichkeit 
einer fruchtbaren Vermischung von Menschen und Tieren 



I 



außer Zweifel gestellt. Wenn hiernach der wesentliche 
Grund der betreffenden Strafbestimmung hinfällig wird^ 
so sind auch andere Gründe für die Beibehaltung der- 
selben Yom medizinischen Standpunkte aus nicht beizu- 
bringen. 

Die Fälle von Unzucht mit Tieren sind überhaupt 
nur selten und betreffen meistens auf sehr niedriger 
Bildungsstufe stehende Bauemburschen, Hütejungen usw., 
welche viel mit dem Vieh lebend, durch Einsamkeit und 
Langeweile zu dieser unnatürlichen Art der Befriedigung 
des Geschlechtstriebes geführt werden. Daß ihnen aus 
derselben ein Nachteil für ihre Gesundheit erwachse, 
läßt sich nicht behaupten. Es könnte dies nur durch die 
Häufigkeit der Ausübung jenes Aktes geschehen, und 
würde dann derselbe in ähnlicher Weise wie die Onanie 
wirken. Letztere muß als ein ungleich gefährliches 
Laster bezeichnet werden, und ist bei der Verbreitung, 
die sie bisher erlangt hat, ihr gegenüber die Unzucht 
mit Tieren als kaum der Beachtung wert anzusehen. 

Wichtiger ist jedenfalls die Unzucht unter Personen 
männlichen Geschlechts, und kommt bei diesem Ver- 
brechen (?) namentlich auch in Betracht, daß dieselbe in 
inniger (?) Beziehung zu den im § 144 (Personen unter 
14 Jahren) des Preußischen St.G.B. vorgesehenen Hand- 
lungen steht. 

Das Motiv für die im Preußischen StG.B. er- 
lassene Strafandrohung wegen Unzucht zwischen Personen 
männlichen Geschlechts besteht darin, daß dieselbe „eine 
so große Entartung und Herabwürdigung des Menschen 
bekunde, und so gefährlich für die Sittlichkeit sei, daß 
sie nicht unbestraft bleiben könne.'' Dagegen enthält 
der Entwurf zu dem Osterreichischen St.G.B. keine 
Strafandrohung für die in Rede stehenden Handlungen 
und illhrt in seinen Motiven aus, daß diese spezielle Art 
der Unzucht sich von andern, bisher nirgend mit Strafe 



— 8 — 

bedrohten nicht unterscheide, möge man dieselben nach 
ihrer Beschaffenheit als unzüchtige, oder als gesundheits- 
schädliche Handlungen auffassen. Hiergegen läßt sich in 
Beziehung auf den letzteren Punkt von Seiten der medi- 
zinischen Wissenschaft nichts einwenden, und namentlich 
wenn das Königliche Ober« Tribunal in verschiedenen Ent- 
scheidungen die von Männern gegenseitig aneinander ge- 
übte Manustupration als Unzucht zwischen Personen 
männlichen Geschlechts nicht gelton läßt, müssen wir 
der Auffassung des Österreichischen Entwurfs völlig 
beistimmen. In gesundheitlicher Beziehung würde gerade 
auf jene Onanie allein Gewicht gelegt werden können, 
während eine zwischen männlichen Personen ausgeführte 
Nachahmtmg des Koitus, abgesehen von etwa zustande 
kommenden örtlichen Verletzungen, im wesentlichen, 
ebenso wie der gewöhnliche Koitus nur durch den Exzeß 
nachteilig werden kann. 

Ein Urteil darüber, ob in der zwischen Personen 
männlichen Geschlechts verübten Unzucht eine besondere 
Herabwürdigung des Menschen und eine besondere Un- 
sittlichkeit gegenüber anderen Arten der Unzucht liegt, 
wie sie in widerwärtigster Weise zwischen Männern und 
Weibern, oder gegenseitig unter Weibern bekanntermaßen 
zur Ausführung kommen, dürfte kaum zur Kompetenz 
der medizinischen Sachverständigen gehören. 

Hiemach sind wir nicht in der Lage, irgend welche 
Gründe dafür beizubringen, daß, während andere Arten 
der Unzucht vom Strafgesetze unberücksichtigt gelassen 
werden, gerade die Unzucht mit Tieren oder zwischen 
Personen männlichen Geschlechts mit Strafe bedroht 
werden sollte. 

Wir geben schließlich anheim, zu erwägen, ob die 
eventuelle Aufhebung des § 143 vielleicht von Einfluß 
auf die Fassung des § 146 (gewerbsmäßige Unzucht) des 
Preußischen Strafgesetzbuches werden könnte. 



— 9 — 

Motive za dem Entwürfe eines Strafgesetzbaches 
für den Norddeutschen Bund. Berlin, im Juii 

1869 (Druck der k. preuß. geh. Oberhof buchdruckerei 
von R. V. Decker. Univ.-Folio.) 

§ 152 
hält die auf Sodomie und Päderastie .im Preußischen 
Strafgesetzbuch (§ 143) gesetzte Strafe aufrecht. Denn 
wenn auch der Wegfall jener Straf bestimmung vom 
Standpunkte der Medizin, wie durch manche, Theorien 
des Strafrechts entnommenen Gründe gerechtfertigt werden 
kann, das Rechtsbewußtsein im Volke beurteilt diese 
Handlungen nicht bloß als Laster, sondern als Ver* 
brechen, und der Gesetzgeber wird billig Bedenken 
tragen müssen, dieser Rechtsanschauung entgegen Hand- 
lungen für straffrei zu erklären, die in der öffentlichen 
Meinung glücklicherweise als strafwürdig gelten. Die 
Verurteilung solcher Personen, welche in dieser Weise 
gegen das Naturgesetz gesündigt haben, dem bürgerlichen 
Strafgesetze zu entziehen, und dem Moralgesetze anheim 
zu geben, würde unzweifelhaft als gesetzgeberischer Miß- 
griff getadelt werden, und der Entwurf hat deshalb auch 
nicht geglaubt, dem Vorgange anderer Gesetzgebungen 
hierbei folgen zu dürfen. 



I. 

Es gab von jeher, uod unter allen Völkern, welche 
zu den Kulturträgern gerechnet werden können, Naturen, 
die stets unzufrieden mit dem Gegebenen, voll von Ideal- 
vorstellungen waren, welche alle nach der Möglichkeit 
zu gravitierten, es könnten bessere und reinere Zustände 
unter den Menschen herbeigeführt werden, entweder schon 
hier, oder in einer Fortsetzung jenseits. Dm ersteres zu 
erreichen, ersann man die Theorie der Verbrechen und 
Strafen, welche beide doch nur Folgerungen des Gesell- 
schaftsvertrages sein konnten, also nie mehr Berechtigung 
hatten, als die eines Mittels der Disziplin; und mit Hin- 
blick auf das Jenseits gab man dem dunklen Gefühle des 
Glaubensbedürfnisses im Volke bestimmte persönliche 
Vorstellungen, verlieh diesen die Attribute der Allgerech- 
tigkeit und Allweisheit, und erklärte jede, auch die bloß 
geistige Opposition gegen derlei fiktive Gebote fUr Sünde, 
und alle Folgezustände des ersten angeblichen Fehltritts 
für Erbsünde, deren Begriff selbstverständlich zuletzt zu 
dem blasphemistischen der Prädestination führen mußte. 
So hat denn die europäische Menschheit nach den denk- 
hellen Tagen des Griechentums, und den durchaus rea- 
listischen der Römerherrschaft weit mehr denn anderthalb 
Jahi-tausende der heterogensten spiritualistischen Begriffs- 
verwirrungen, gleich so und soviel geistigen Berauschungen 
und Kundgebungen logischer Unzurechnungsfähigkeit 
durchgemacht, Millionen und Millionen ihrer Brüder dem . 
wahnwitzigsten religiösen, moralischen, juristischen, so- 



— 11 — 

zialen und staatlichen Facatismus und dessen Doktrinen 
geopfert, und jegliche gesunde Vernunft schon im Keime 
zu ersticken gesucht. 

Glücklicherweise ist aber der Sieg der gesunden Ver- 
nunft ein unabänderliches Naturgesetz; man kann sie zwar 
zeitweilig hemmen, aber nicht auf die Dauer unterdrücken; 
endlich kommen ihre Prinzipien mit ganzer Souveränität 
des Naturgesetzlichen zur Herrschaft. 

So hat sich denn unsere Menschheit auch richtig 
seit den letzten zwei Jahrhunderten immer mehr und 
mehr emanzipiert von den ungesunden, geistverwirrenden, 
idealistischen Doktrinen, und sich durchgearbeitet bis 
zum klaren Bechtsbegriffe, bis zur konkreten Natur- 
anschauung, bis zur staatlichen Konsequenz des Gesell- 
schaftsvertrages, und bis zur Toleranz der verschiedenen 
Arten der Gottesverehrung. Freilich sind diese geläuter- 
teren Anschauungen noch nicht in all und jeglichen 
Folgerungen zur lebendigen Anwendung gekommen, wie 
nicht minder ihnen aus Sonderinteresse, Tradition oder 
Vorurteil noch manche Konsequenz streitig gemacht wird. 
Aber in den Hauptprinzipien sind wir schon alle einig; 
und sogar jene, welche es in ihrem Sonderinteresse finden, 
dies Zugeständnis öffentlich zu verneinen, können diese 
£inigung im geheimen nicht in Abrede stellen. Man 
könnte sogar sagen, daß in den Zielen die ganze moderne 
Menschheit einig ist, und die verschiedenen Parteien sich 
bloß insoweit leidenschaftlich bekämpfen, als jede dasselbe 
Ziel auf ihre eigene Weise und wahrscheinlich auch mehr 
oder minder zu ihrem ausschließlichen Vorteil erreichen 
möchte. Man denke nur geschichtsphilosophisch zurück 
an die Ideenprozesse, deren Resultate durch die Jahres- 
zahlen 1789, 1816, 1880, 1848, 1866 angedeutet werden 
können, und alle Parteien werden zugestehen müssen, 
daß die heutige Menschheit radikal mit dem doktrinären 
Idealismus gebrochen hat und in allen Folgerungen der 



— 12 — 

geistigen wie der konkreten Weltanschauung nach dem 
fiealismus, und nach der richtigen Erkenntnis von dessen 
Gesetzen und deren Konsequenzen drängt. 

Dieser Trieb führt jedoch von selbst zur Revision 
all und jeglicher bisherigen Anschauungen, und zwingt 
uns, jegliche Frage neu durchzudenken, und nicht mehr 
nach doktrinärer, idealer Weise die Dinge zu betrachten, 
wie sie sein sollten, sondern auf empirischem Wege jedes 
Ding anzusehen wie es eben seiner besonderen Natur 
nach ist 

So wird es nun Aufgabe der Menschheit, diese Er- 
kenntnis dahin auszunützen, daß wir uns in das Unver- 
meidliche fugen, es als Naturgesetz anerkennen, und 
eben dadurch Herr seiner uns unliebsamen Einflüsse 
werden können, ja vielleicht daraus noch Vorteile ziehen. 
Vorzüglich aber hatten wir die Natur aller Dinge von 
den Vorurteilen zu säubern, die wir selbst in jahrtausend- 
altem doktrinärem Idealismus in sie hineinlogen, die 
Welt des Konkreten zu befreien von den Fratzen, ein- 
gebildeten Schrecknissen und Gespenstern erhitzter Phan- 
tasie, mit denen wir sie bevölkert hatten und wodurch 
wir ein Dasein, das schon naturgesetzlich so kurz, jeden 
Augenblick von Gefahren umdroht^ und für die Mehrheit 
schon an und für sich so sorgenvoll und kampfreich ist^ 
auch noch durch künstlich erdachte Qualen zur doppelten 
Hölle machten, in der den Menschen nicht bloß die 
Natur bedrängt, sondern in der ihm auch noch der 
Mensch, befangen von falschen Vorstellungen und bösen 
Leidenschaften zur Geißel fanatischer Verfolgungssucht 
wird! 

Nachdem die gesunde Vernunft sich so weit Bahn 
gebrochen hatte, was unausweichlich zur humansten 
Toleranz durch Erkenntnis der Gebundenheit mensch- 
licher Natur führen mußte, hatten wir vor allem unsere 
Bechtsbegriffe zu läutern, und vollständig mit den früheren 



— 13 — 

zu brechen, welche nirgend aus der Natur der Sache, 
sondern überall nur aus den Abstraktionen eines doktri- 
nären Idealismus hervorgehend, schon von selbst hart 
und ungerecht waren, weil sie auf die menschliche Natur 
keine Rücksicht nahmen. Der alte feudale Staat war 
der Pflichtstaat, in dem jedermann nur dadurch mehr 
oder weniger Rechte behaupten konnte, daß er Pflichten, 
als aus der Erbsünde hervorgegangen, anerkannte, und 
somit baute sich dieser Pflichtstaat auf dem Begriffe der 
Theokratie auf. Die Hörigen hatten Pflichten gegen 
ihre Herren, diese gegen ihre Herren oder Vorgesetzten, 
jene wieder gegen den Souverän, dieser aber mit allen 
zusammen gegen Gott Er fühlte sich also allen Ernstes 
berufen, Gfottes irdischen Ekekutor zu spielen, jind jeder 
Folgende setzte diese eingebildete Aufgabe im Drucke 
nach unten fort, bis zuletzt die große Masse nur noch 
dazu da war, es bitterst zu empfinden, daß sie bloß zur 
Erfüllung von Pflichten gegenüber verschiedenartigster 
Willkür existierte, während Rechte nur der physisch 
oder geistig Stärkere zu beanspruchen vermochte. Der 
moderne Rechtsstaat dagegen ist das strikte Gegenteil 
des theokratisch-hierarchischen Pflichtstaates der Feuda- 
lität Der Rechtsstaat hat keinerlei andern Zweck, als 
die Rechte zu wahren, und wo solche nicht gekränkt 
werden, hat er sich gar nicht fühlbar zu machen, so 
sehr auch die Gesellschaft sonst der religiösen, mora- 
lischen und sozialen Disziplin bedarf, oder zu bedürfen 
meint, um ihren idealeren Aufgaben gerecht zu werden. 
Denn der Rechtsstaat kann keine abstrakten Rechte an- 
erkennen, bloß persönliche der Individuen an sich, sowie 
gegenüber der Gesellschaft und dem Staate. Dieser 
Rechtsstaat begann mit Anerkennung der Menschenrechte. 
Der unveräußerliche und unverlierbare Besitz derselben 
ist jedem Lebenden garantiert, und erst durch diese 
Anerkennung, daß jedermann im Staate Rechte hat, ent" 



— 14 — 

stehen zugleich auch für jedermann Pflichten, welche 
sich einfach und in allen Eonsequenzen dahin zusammen» 
fassen lassen, daß niemand die Bechte anderer verletzen 
darf, will er seine eigenen gewahrt wissen. 

Nachdem diese einfache und klare Wahrheit, welche 
schon das Evangelium als sittlichen Abschluß der alten 
Weltanschauung in der tief humanen Lehre: „Tue deinem 
Nächsten nicht, was du nicht willst, daß er dir tue*' 
aufgestellt hatte, und welche das historische Christentum 
faktisch geradezu entgegengesetzt durchführte, nach jähr* 
tausendlangen Begrififsyerwirrungen durch den Sieg der 
gesunden Vernunft wieder zu allgemeinem Bewußtsein 
gekommen war, sollte man meinen, daß endlich das Frie- 
denszeitalter der Menschheit angebrochen, und daß es 
nun sehr leicht sei, mit diesem Maßstab in der Hand 
Gesetze zu machen, welche wirklich gerecht sind, und 
die jeglichen eingebildeten Verbrechensbegriff ausschließen, 
so daß nur solche Handlungen als Verbrechen gelten, 
die auch der Täter als Bechtsverletzungen anerkennen 
muß, wenn sie nicht durch ihn, sondern gegen ihn ver- 
übt werden. 

Jedoch wie es schwer ist Erziehungsfehler ganz ab- 
zulegen, irreführende Jugendanschauungen ganz zu ver- 
gessen, trotz besserer Erkenntnis, so war es auch nicht 
leicht, sofort resolut und in allen Konsequenzen aus dem 
Pflichtstaate der Feudalität in den Rechtsstaat moderner 
Weltanschauung überzutreten, vielmehr weiß man aus 
der Geschichte des letzten Jahrhunderts, daß jegliche 
Beform, sogar die harmloseste, nur Schritt f&r Schritt 
durchzubringen war, daß das Prinzip oft lange schon 
vollste Anerkennung gefunden hatte, bevor seine prak- 
tische Anwendung ermöglicht wurde, und daß, trotz 
eines gewissen Prahlens mit dem Bechtsstaate, bekannt- 
lich in tausend Bichtungen noch immer dessen wirkliche 
und letzte Konsequenzen nicht gezogen sind. Denn, 



— 15 — 

ganz abgesehen von allen Fällen bösen Willens, auch 
bei den Besten heißt es nur zu oft bis heute: ,,der Zopf^ 
der hängt noch hinten." Besonders aber uns Deutsche^ 
die wir uns von unseren spintisierenden Gelehrten so 
ungeniert sagen lassen, daß wir den RechtsbegrifP am 
meisten entwickelt hätten^ und uns mit dieser theore- 
tischen Schmeichelei zufrieden geben, uns trifit in der 
Praxis der Vorwurf, daß wir, und nicht bloß in den 
politischen, noch mehr in den juristischen Rechtsanschau- 
ungen, am längsten unter allen europäischen Kultur- 
völkern gezögert haben, denselben auch ins Leben zu 
übertragen, und am spätesten uns nicht bloß doktrinär, 
sondern auch praktisch von den Nachwehen der mittel- 
alterlichen Begriffsverwirrung emanzipiert zu haben. 
Frankreich weihte das Jahrhundert bereits durch seine 
neue, aufs Menschenrecht basierte Gesetzgebung ein, 
England hat schon seit den zwanziger Jahren den legis- 
lativen Reformweg betreten, wir Deutsche machten erst 
zu Beginn der vierziger Jahre, und das bloß in einigen 
kleineren Staaten, die ersten Versuche zu eigenen, mo- 
dernen Gesetzbüchern der gesunden Vernunft und der 
Humanität; in den Großstaaten dachte man erst daran, 
nachdem das Jahrhundert schon halb zurückgelegt war, 
und brachte es vielfach doch wieder nur zu halben mo- 
dernen Rechtsanschauungen; und sogar noch heute, wo 
man damit beschäftigt ist, endlich allgemeine Gesetze 
wenigstens f)ir den Norddeutschen Bund zu verfassen, 
ergibt sich die Anomalie, daß in einzelnen dieser dem 
Bunde beigetretenen Staaten die „Karolina'' von 1532 
herrscht, wenigstens in ihren Grundzügen, wenn auch 
nicht mehr alle ihre Konsequenzen in ihrer ganzen Ab- 
surdität zur praktischen Anwendung gelangen, so sehr 
diese für ihre Zeit berechtigt gewesen sein mögen. 

Diese vielfach kaum bewußte, noch andauernde 
Nachwirkung des eingeimpften Giftes der Begriffsver- 



— 16 — 

■ 

wirruDg im Kampfe mit dem kategorischen Imperativ 
der Logik merkt man auf keinem Gebiete mehr, ah*, auf 
dem der Gesetzgebung gegenüber den Sexualitäts- 
fragen der Gesellschaft Die moderne Gesellschaft hat 
sich zu gänzlich anderen Verhältnissen und Bedürfnissen 
entwickelt, als sie je in früherer Zeit denkbar waren. 
Besonders die riesig zunehmende europäische Städte- 
beyölkenmg — in 8,656 bis hinab zu dreißigtausend 
Einwohner zählenden Städten zusammen 75 Millionen 
Individuen^ also mehr als ^/^ von Europas Gesamtbevölke- 
rungl — mit ihrer stündlich weiter um sich greifenden 
politischen wie sozialen Demokratisierung, mit ihren 
immer höher sich schraubenden Ansprüchen auf Freiheit^ 
leichtere Mühen, größeren Verdienst, ergiebigere Ver- 
wertung der Arbeitskraft, behaglicheren Lebensgenuß, 
und mit ihrer Gier des raschen Erwerbs; und dagegen 
der Reichtum des einzelnen, der sich fortwährend mehrt, 
und die unbeschränktesten Mittel zu jeglichem Luxus 
bietet und die grassesten Gegensätze von arm und reich 
zeigt; endlich das immer allgemeiner werdende Bewußt- 
sein der Gleichheit der Rechtsansprüche an das Leben^ 
— all diese Faktoren drängen gebieterisch darauf hin, 
daß der Staat in keiner Weise mehr die ohnehin un- 
dankbare und stets schikanierende Rolle des Vormundes 
spiele, sondern sich in jeglicher Konsequenz auf sein 
endlich gewonnenes Prinzip des Rechtsstaats beschränke, 
und nur dort sich um die Gesellschaft und ihr Treiben 
kümmere, wo durch selbige Rechte anderer verletzt oder 
in Frage gestellt werden. Das Menschenrecht beginnt 
aber doch jedenfalls mit dem Mensehen selbst, und das 
Unmittelbarste des Menschen ist sein eigener Leib, mit 
dem er völlig frei beginnen und an dem er zu seinem 
Vorteil oder Nachteil verüben kann was ihm beliebt, 
sofern er nur dadurch die Rechte anderer — des Indi- 
viduums, der Gesellschaft, oder des Staates nicht stört 



— 17 — 

Dies menschliche Urrecht hat sich durch die Wucht 
des engeren Zusammenlebens und dessen zwingende Be- 
dürfnisse derart in allen Daseinsfolgerungen zur Geltung 
zu bringen gewußt, daß die Gesetzgebung überall ihre 
Doktrinen, welche sie bis dahin hegte^ aufgeben und sich 
den Verhältnissen anbequemen mußte, wo die Majorität 
mit dem vollen Prestige ihres unbezwinglichen Triebes 
auftrat^ und sich gar nicht mehr darum kümmerte^ ob 
etwas verboten oder erlaubt sei. Derart wären Tausende 
von Reformen aufzuzählen^ welche Handlungen betrafen, 
die zu Beginn unseres Jahrhunderts noch unter die Ver- 
brechen und Vergehen rangierten, oder doch als höchst 
nnziemlich angesehen wurden, heute aber so allgemein 
Gewohntes sind, daß die Erwähnung ihrer ehemaligen 
Verpönung bei der jetzigen Generation das größte Er- 
staunen hervorrufen würde. Es sei nur so obenhin das 
öffentliche Tabakrauchen, die straflose Schlemmerei, das 
Aufhören der Paßkontrolle, die Freigebung des soge- 
nannten Wuchers, die Beseitigung der Schuldhaft u. dgl. 
in E^nnerung gebracht, mit denen überdies sonst noch 
vor kurzem mehr oder minder ehrlos machende Neben- 
begriffe verbunden waren, eben weil Strafgesetze dies 
für ehrenrührig erklärten. Noch unumschränkter, in 
mancher Beziehung fast sogar schon erschreckend, hat 
sich die willkürliche Befiriedigung des Sexualitätstriebes 
der Majorität, unbekümmert um etwa noch bestehende 
Gesetze, zur Geltung gebracht und solche Dimensionen 
angenommen, daß die Legislative sich faktisch darauf 
beschränken muß, wenigstens noch die Eechte anderer 
zu schützen, und Mißbrauch der Unmündigkeit, Gewalt, 
Verletzung der öffentlichen Schamhaftigkeit, Blutschande 
und Mißbrauch durch Vertrauens- und Autoritätspersonen 
gerechterweise um so härter zu strafen, je mehr die so- 
genannte allgemeine und öffentliche Unsittlichkeit un- 
hemmbar um sich greift, und zur Macht in der Ge- 

Jmhrbach VIL 2 



— 18 — 

Seilschaft wie im Staate wird, die man dulden muß, 
versagt man ihr auch noch so zähe die gesetzliche Be- 
rechtigung. 

Durch dies unfreiwillige Verhältnis^ daß man solche 
Zustände tolerieren muß, weil sie nicht mehr zu unter- 
drücken sind, sich aber gewissermaßen dadurch an der 
Frechheit ihrer Existenz rächte daß man sie sich gänz- 
lich überläßt, und ihre Ausschreitungen nur dort straft, 
wo selbe sich gegen die Rechte anderer kehren, ist man 
zu unglaublichen Widersprüchen gekommen. Wo das 
sogenannte Laster in Karossen fährt, bedarf es sogar 
der gesellschaftlichen Achtung nicht mehr, um doch 
Herrin der Situation zu sein, und dadurch in den unteren 
Ständen immer mehr die Anschauung einwurzeln zu 
lassen, daß der Reichtum alles ermöglicht und straflos 
macht; daher ist jegliches Mittel gut» möglichst rasch 
zu Reichtum zu gelangen. Diese Anschauung geht Hand 
in Hand mit der durch Volkserzieher so gerne gepredig- 
ten Lehre, daß keinerlei Arbeit den Menschen schände. 
Die mittelalterliche Anschauung, daß gewisse Akkommo- 
dationen und Verrichtungen für Geld ehrlos machen, ist 
Gott sei Dank längst gründlich überwunden. Wenn es 
also heute Individuen gibt, welche, um ihr Brot zu ver- 
dienen, keinen Anstand noch Ekel nehmen zum Geschäfte 
des Vidangeurs und zu allen den hundert anderen 
schmutzigen, stinkenden, ja fast bestialischen Gewerben 
sich herzugeben, und doch dann in der Gemeinde wie 
im Staate die volle bürgerliche Ehre beanspruchen, 
während weiblichen Wesen gewissermaßen noch ärgere 
Selbsverleugnung ganz offen zugemutet wird — was sollte 
das Volk abhalten, auch sexual aus seinem Körper den 
möglichst großen Gewinnst — und, was nicht gering an- 
zuschlagen ist, — auch noch dazu persönlichen Genuß 
zu ziehen? Verkauft doch der Lastträger seine Muskel- 
kraft, der Nachtwächter den Schlaf, die Sängerin ihre 



- 19 — 

Stimme, die Schauspielerin den Beiz ihrer Erscheinung, 
das Modell seine körperlichen Beize, ja der Arzt und 
der Soldat sogar ihr Leben, um derlei Vergleiche nicht 
noch weiter zu führen. Nachdem das Volk daher stets 
allgemeiner zu diesem Bewußtsein gelangt ist, wird selten 
ein Mädchen oder eine Witwe mehr Anstand nehmen, 
wenn nicht direkt für Geld, doch fftr sonstige Vorteile, 
ihr Leben zu genießen und es genießen zu lassen. Noch 
mehr treibt die Not, die gar nicht reflektiert, und am 
allermeisten die Halbnot, welche zugleich des Luxus be- 
dürftig ist, höchst ungeniert in den Wirbel des „feinen 
Lebens^'. So hatte 1867 allein Berlin an Einwohnern 
352,914 männliche Individuen, 349,127 weibliche — 
unter diesen aber verehelicht bloß 111,300 Männer und 
111^142 Weiber. Also fast ^3 der gesamten Bevölkerung 
lebte ehelos, verwitwet oder geschieden, und da ist es 
ziemlich naturgemäß, daß die Sittenpolizei 11,855 Dirnen 
direkt eingeschrieben, noch weitere 12,000 aber unter 
Aufsicht hatte, während überdies gewiß an 20,000 weib- 
liche Dienstboten, Arbeiterinnen, Ladenmamsells usw., 
welche sich all und jeglicher Eontrolle entziehen, als in 
zeitweilig oder dauernd wilder Ehe lebend angenommen 
werden können. Also allermindestens gerechnet, lebt gut 
Vg der weiblichen Bevölkerung Berlins mehr oder weniger 
offen in sogenannter natürlicher Unzucht, gegenüber 
bloß *l^ Ehefrauen; und diese ganze und Halbprostitu- 
tion, welche nicht nur gesetzlich nicht anerkannt ist, 
gegen die sogar noch ein Paragraph des Preußischen 
Strafgesetzbuches aufrecht besteht — ist längst schon 
solch eine Macht geworden, daß sie sich weder um diesen 
Paragraphen bekümmert, noch sonstige polizeiliche Maß- 
regeln anders als höchst momentan gegen sie aufkommen 
können. Diese offene wie versteckte Prostitution be- 
herrscht, besonders zu gewissen Stunden, und auf ge- 
wissen Strichen, das öffentliche Leben Berlins — um 

2» 



— 20 - 

von den anderen Städten vorerst nicht zu reden — so 
sehr, daß der ruhige Spaziergänger sogar leicht Insulten 
ausgesetzt ist, noch regelmäßiger aber den schamlosesten, 
und sehr vielfach sogar den sogenannt widernatürlichsten 
Anträgen. 

Und dieser Massenprostitution gegenüber verhält sieb 
die Gesetzgebung längst schon völlig passiv, streng nur 
die Wahrung der Rechte anderer in Buhe haltend, und 
bei Verletzungen zu deren Sühne bereit. Es ist die» 
vom Standpunkte des Rechtsstaates korrekt. Das un- 
schuldige Mädchen über 16 Jahre kann beliebig verführt, 
geschwängert, angesteckt, physisch, moralisch, sozial für 
ihr ganzes Leben unglücklich gemacht werden, ohne auf 
mehr als höchstens die Alimentationskosten einklagen zu 
können, und diese fallen weg, sobald der Verführer sie 
nicht zu leisten vermag. 

In zweiter Reihe erscheint diese schreiende Inkonse- 
quenz noch absurder, ja empörender, als einesteils be- 
kanntlich aus hundert Gründen in modernen Staaten die 
legitime Ehe so ungemein erschwert ist, daß kaum Y3 
der Einwohner in sie eintreten können; während man 
andemteils gerade In Deutschland so gerne über Über- 
bevölkerung jammert; daß ein Mensch, wie der Medizinal- 
rat Dr. C. Ä. Reinhold 1827 es wagen konnte, der 
Regierung die Niederträchtigkeit der „Infibulation" vor- 
zuschlagen, die willkürliche Hemmung in Ausübung des 
ersten aller Menschenrechte, das sogar dem Neger nicht 
versagt wird. Und solch brutales Absurdum hat seine 
Anhänger gefunden, hat sie wohl heute nochl Welch 
krasse Widersprüche: diese ungemeine Erschwerung der 
Ehe, trotzdem diese Furcht von der Bevölkerung, die 
ermutigte, dem Staate sogar Verbrechen zuzumuten, — 
im selben Athem aber fort und fort die barbarische 
Strafe für sogenannte widernatürliche Verspritzung auch 
nur eines Tropfen Samens, der zwischen zwei männlichenr 



— 21 — 

Individaen unfruchtbar vergeudet wird, aber zwischen 
Mann und Weib, Weib und Weib, und zuletzt be- 
sonders in einsamer Onanie, also in allen, auch den 
widernatürlichsten Unzuchtsformen straflos verwendet 
werden kann! 

In dritter Reihe dann das erschreckende Umsich- 
greifen der venerischen Krankheiten und ihrer Folge- 
zustände, um welche beiden Tatsachen sich weder Regie- 
rung noch Gesetzgebung kümmern, auch den Prinzipien 
des Rechtsstaats nach sich nicht zu kümmern, sondern 
<lie Sorge dafür den Individuen zu überlassen haben. 
Und diese seit vier Jahrhunderten in der europäischen 
Menschheit wütende Geißel trifft nicht nur so häufig die 
Menschen, daß unter 100 männlichen Erwachsenen kaum 
zwei zu finden sein dürften, die im langen Leben nicht, 
wenn auch nicht sehr folgenreich, diese Seuche an sich 
kennen lernten, — noch gräßlicher sind die Wirkungen 
dieser drei venerischen Übel in ihren sekundären und 
tertiären Folgezuständen mit Rücksicht auf die Gene- 
ration^ so daß wir Arzte ohne Übertreibung sagen können, 
daß wohl ein Drittel aller Erbübel seine Wurzeln in 
den Eltern und Großeltern haben und tausendfältig der 
rätselhafte Verlauf gewöhnlicher oder besonders schwerer 
Übel bei vielen Individuen nur in Dispositionen eine 
Erklärung finden kann, die durch sekundäre Ursachen 
hervorgerufen sind. So fanden sich 1866 in Frankreich 
unter 325,000 Rekruten — also der jugendlichen Blüte 
des Volkes — 109,000 Untaugliche, die dies durch alle 
möglichen sekundären und tertiären Folgen von Ge- 
«chlechtskrankheiten ihrer Eltern geworden waren. Über 
Deutschland fehlt ein solcher statistischer Ausweis. Ist 
es da nicht ziemlich entschuldbar, wenn eine täglich 
bedeutendere Zahl von Lebemännern aus Furcht vor 
solchen Folgen die sogenannt widernatürlichsten Arten 
der Befriedigung gerade auch bei den Weibern den so- 



— 22 — 

genannt natürlichen vorziehen, welche bisher als alleinige 
Möglichkeit der Ansteckung bekannt sind? 

Endlich viertens gerade je mehr die Gefahr der An- 
steckung wächst, und je mehr schon dadurch zarten 
Gemütern die sogenannt natürliche Unzucht zum Schreck- 
gespenst; die sogenannt widernatürliche im männlichen 
Geschlechte zur Verbrechensvorstellung wird, die normale 
Ehe aber so ungemein erschwert, und meist erst in 
reiferen Jahren möglich ist, in um so erschreckenderem 
Maße kommt die Onanie, die einsame Selbstbefleckung, 
in allen Schichten, bei allen Geschlechtem, in allen 
Altem unserer Gesellschaft zur Herrschaft, die Mensch- 
heit mit beinahe völligem Aussterben bedrohend. Wir 
wissen, daß fast unsere gesamte männliche, wie auch 
weibliche Schuljugend, gleich von den Einderjahren 
an von dieser wahrhaft lasterhaften Manie befallen 
ist, mit der im Vergleiche die ärgste sogenannt natür- 
liche und widernatürliche Unzucht direkt noch phy- 
sische, wie sogar auch moralische Bettung ist. Denn 
das so gesundheitschädliche wie verwerfliche der ein- 
samen Selbstbefleckung läßt sich in folgenden Sätzen 
zusammenfassen: Ihr Motor ist nicht physische Sinn- 
lichkeit, hervorgerufen durch ein anderes lebendes Wesen, 
sondern Wirkung erhitzter Phantasie, sie greift also nicht 
bloß den Körper, sondern zugleich auch alle geistigen 
Kräfte und dadurch so gefährlich Hirn und Rückenmark 
und Kehle, Bmst und Lunge an. Noch schädlicher ist 
die einsame Selbstbefleckung durch das Moment der 
Willkür, wodurch Maßlosigkeit entstehen kann; jeder mit 
ihr Behaftete bedarf weder besonderer Gelegenheit noch 
eines vis- ä- vis, kann daher zu jeder Minute, bei sehr 
nervenzerrütteten Individuen sogar an jeglichem Orte, 
inmitten zahlreicher Gesellschaft und ohne Berührung 
des Körpers, bloß durch Anreiz der Phantasie, sie ver- 
üben und deshalb wird sie auch gewöhnlich zur täglich 



— 23 — 

sich steigernden Manie, bis ihr Opfer schon allein an der 
Übertreibung zugrunde geht. Trotzdem sterben nicht 
alle an den Folgen, wenn auch verhältnismäßig sehr 
viele. Doch bei einer nicht unbedeutenden Anzahl wird 
der Onanietrieb chronisch, sie ergeben sich ihm ihr 
ganzes Leben lang, sogar in der Ehe, zu der oft Ver- 
bältnisse oder Vorteile Onanisten zwingen, und manche 
erreichen ein hohes, anscheinend ganz gesundes Alter, 
nachdem sich ihr Körper längst an diese wirklich un- 
natürliche Aufregung gewöhnt hat Aber das Gemein- 
same aller geheimen Selbstbeflecker und Selbstbeflecker- 
innen ist gänzliche Unempfänglichkeit für sinnliche 
Aufregung durch andere, Erektionsmöglichkeit bloß durch 
eigene Phantasie, Manustupration und ohne Zeugen. Somit 
sind geheime Onanisten nie und nimmer weder des nor- 
malen Ehegenusses, noch der Fortpflanzung fähig, da 
aus ihrem Samen die Spermatozoiden verschwunden sind 
und derselbe wäßrig wird — aber auch weder der so- 
genannten natürlichen Unzucht zwischen Mann und Weib, 
noch auch der sogenannten widernatürlichen im eigenen 
G^schlechte. Es sind dies also wahre physische Eunuchen. 
Noch trostloser aber ist es, daß geheime Onanisten zugleich 
auch geistige Eunuchen, Zwitter des Gemüts werden. 
Der geheime Selbstbeflecker verliert mit der Wärme des 
Bluts auch die Wärme des Gefühls. Er wird gemüts- 
kalt, menschenscheu, herzlos, abstrakt, hart in seinen 
Urteilen und Weltanschauungen, der gegenseitigen Ge- 
schlechtstriebsbefiriedigung gegenüber voll von körper- 
lichem wie moralischem Abscheu; und wo man im Leben 
auf einen kühl erbarmungslosen, ironisch hartherzigen 
Menschen stößt, bei dem kann man sicher geheime 
Selbstbefleckung voraussetzen. Und wir haben es durch 
unsere Begriffsverwirrung über natürlich .und wider- 
natürlich, dazu mit Hilfe der Furcht vor Ansteckung 
dahingebracht, daß fast ^s ^^^ männlichen, wie des 



— 24 — 

weiblichen Geschlechts sich, oft ihr lebelang, geheimer 
Selbstbefieckung ergibt ! ! ! 

Den Jungen über 14 Jahre kann jegliche Dirne oder 
sonst jegliches weibliche Wesen ungestraft verführen, 
ihn ausplündern, ihn zu den sogenannten widernatür- 
lichsten Akten mißbrauchen, ihn auch durch Ansteckung 
krank, Tielleicht für immer zum elenden Siechling machen, 
und es gibt keinen Richter für solche Verbrechen, für 
solche in ihrer Tragweite oft gar nicht übersehbare Taten 
des gegengeschlechtlichen Verkehrs. Aber wehe beiden, 
sobald ein Mann auch nur den Versuch einer unzüchti- 
gen Handlung mit einem Jungen oder einem andern 
Manne, wenn auch mit deren Einwilligung und bei Aus- 
Schluß aller Öffentlichkeit vornimmt! Wer das Leben 
nicht bloß aus Büchern oder nach dem Getratsche alter 
Weiber kennt, weiß zudem, daß kaum eine Prostituierte 
ansteht, sich in jeglicher Form widernatürlich, wie man 
es nennt, gebrauchen zu lassen, daß es tausende, oft der 
bürgerlich angesehensten Männer gibt, welche — teils 
aus Raffinement, teils aus Scheu vor Ansteckung — sich 
den sogenannt widernatürlichen Akten mit dem anderen 
Geschlechte ergeben, ja mit ihren eigenen Ehefrauen 
das cunnilingere , anilingere, fellare, irrumare, paedicare 
und manustupratio treiben, oder dies an sich verüben 
lassen, wie andemteils Frauen, auch der höheren Stände, 
und meist aus Raffinement zum sogenannten wider- 
natürlichen Koitus direkt provozieren, nicht minder mit 
andern weiblichen Wesen sich als „Tribaden" sogenanntes 
widernatürliches Raffinement verschaffen. Und all 
diese Personen bleiben bei allen diesen, doch gewiß so- 
genannten widernatürlichen und für den Leidenschafts- 
losen ekelhaften Akten nicht nur ungestraft, unverfolgt, 
manche unter diesen Männern genieren sich gar nicht, 
solche Geschmacksrichtungen öffentlich einzugestehen, 
lachend und schmunzelnd davon zu erzählen, ohne auf 



— 25 — 

sittliche Entrüstung oder auch nur auf Ekel zu stoßen. 
Ja, wieviele der bürgerlich hoch ehrenwert erscheinen- 
den Personen ergeben sich im Geheimen derlei Leiden- 
schaften aus sogenanntem widernatürlichen Bafünement 
mit Weibern, und oft weiß höchstens ihr Arzt^ oder ihre 
vertrautesten Freunde davon; aber wäre es auch stadt- 
kundig, sie verlieren trotzdem weder Ehre noch Achtung, 
da sie ja keine Strafe bedroht Und wie mancher Ge- 
schworene, nicht minder mancher Richter^ die^ aus Feig- 
heit oder Vorurteil bei einem Unzuchtsprozesse zwischen 
Mann und Mann das ^«Schuldig'' aussprechen, haben sich 
vielleicht nur eine Stunde vorher denselben sogenannten 
Widernatürlichkeiten, aber mit Weibern, ergeben und 
sitzen daher mit ruhigem Gewissen als strenge Moralisten, 
und wohl gar noch mit physischem wie moralischem Ab- 
scheu da, weil sie an den Brüsten der jahrtausendalten 
Begriffsverwirrung auferzogen wurden,- daß dieselbe Tat 
ein erlaubtes Raffinement und zugleich auch ein scheuß- 
liches Verbrechen sei, je nachdem sie zwischen Mann 
und Weib, wie Weib und Weib, oder zwischen Indivi- 
duen männlichen Geschlechtes vorkommt Diese Begriffs- 
verwirrung ist nicht nur absurd, sie ist empörend, be- 
denkt man, daß die Majorität derer, die so etwas tun, 
straflos und ohne Ehrverlust wegkommen, während die 
Minorität derselben Taten wegen Tag und Nacht das 
Damoklesschwert der Denunziation, der Verfolgung, des 
Anklagezustandes über sich hängen fühlt und weiß, daß 
sie, auch bei völliger Freisprechung, durch die bloße 
Untersuchung, meist in ihren bürgerlichen, wie geschäft- 
lichen Verhältnissen schwer zerrüttet, oft ruiniert wird, 
bei Schuldigsprechung aber beide Angeklagte einer Strafe 
▼erfallen, welche an Maß und Härte fast an die für 
Mörder, Räuber, Diebe und Fälscher heranreicht, und 
sozial noch ehrloser macht, noch mehr im späteren 
Weiterkommen behindert, als jede für ein wirkliches und 



— 26 — 

schweres Verbrechen erkannte. Endlich aber trifiPt solche 
Schmach unverdient die ganze Familie des Verurteilten 
mit^ welche nie in diese Lage kommen noch sie als 
Schmach fühlen würden, besäße sie ein Familienmitglied 
mit denselben widernatürlichen Leidenschaften, das die- 
selben am entgegengesetzten Geschlechte befriedigte! 

Also in erster Linie finden wir etwa ^s ^^^ ^^* 
wohner einer Großstadt — Männer und Weiber — außer- 
ehelich zu jeder sogenannten natürlichen und wider- 
natürlichen Unzucht, wenn nicht befugt, doch völlig un- 
behindert, sich ihr zu ergeben, in keiner Weise strafbar, 
ja nur verfolgbar, wo durch sie nicht Rechte anderer 
verletzt werden. Und ebenso wie in Berlin, ist es, im 
Verhältnis zur Einwohnerzahl, im Handel und Wandel, 
im Luxus wie im Proletariat^ in allen größeren Städten 
des Norddeutschen Bundes, also in einigen approximativ 
sogar noch ärger; und in kleinen Städten ist zwar die 
öffentliche, aber nicht die geheime Prostitution geringer. 
Jedenfalls gelten doch jetzt die Gesetze durch ganz 
Preußen, sollen künftig durch den ganzen Norddeutschen 
Bund gelten, also ist auch jetzt sogenannt natürliche, 
wie sogenannt widernatürliche Unzucht durchs ganze Reich 
erlaubt und straffrei — zwischen Mann und Weib, und 
zwischen Weib und Weib! Aber zwischen Mann und 
Mann ist sie bis jetzt scheußliches Verbrechen! 



II. 

Und solch einer Gesellschaft gegenüber, wie es unsere 
heutige^ besonders in den großen und mittelgroßen 
SUUlten ist — und Preußen allein hat nicht weniger als 
1212 Städte TOD über hunderttausend, bis unter sechs- 
tausend Einwohner — will man noch mittelalterliche 
Anschauungen über sexuale Ausschweifungen aufrecht 
erhalten, will man die gleichen Taten bei der immensen 
Majorität der gegengeschlechtlichen Naturen völlig straflos 
lassen^ bei der verhältnismäßig doch noch so ungemein 
geringen Minorität der homosexualen Naturen hart und 
brutal gleich wirklichen Verbrechen und sogar noch mit 
Ehrloserklärung strafen? Das ist nicht mehr bloß un- 
gerecht, das ist von unserem heutigen Standpunkte der 
Weltanschauung aus eine sträfliche Absurdität 

Bloß ein Drittel unserer heutigen Gesellschaft kann 
es zu einer gesetzlichen Ehe bringen, über ein Sechstel 
ergibt sich frei und ungeniert, weil ungestraft, beliebig 
der sogenannten natürlichiBn, wie widernatürlichen Un- 
zucht zwischen Mann und Weib, und Weib und Weib, 
findet bei frühzeitigster Verführung über das sechzehnte 
Jahr hinaus weder Schutz noch auch Mitleid oder Sühne, 
muß in den meisten Fällen die oft bittersten Folgen der 
Schwangerschaft, nicht minder die grausigsten der ge- 
schlechtlichen Seuche auf eigene Verantwortung hin tragen, 
und wenn tiefstes Elend und der Tod ihre Folgen wären, 
ebensowenig bekümmert sich Staat oder Gesetzgebung 
darum — und handelt im Eechtsstaate prinzipiell korrekt — 



— 28 — 

ob die Seuche auch auf die kommenden Generationen 
übergeht und die Menschheit täglich kraft- und saftloser, 
fortpflanzungsunfähiger und so recht im Sinne des Pro- 
fessor Leo zum „skrofulösen Gesindel" macht. Endlich 
verzehrt sich ein weiteres Sechstel unserer heutigen Ge- 
sellschaft von frühester Jugend an bis spät ins Alter 
durch geheime Selbstbefleckung, die jeder Arzt in den 
meisten Fällen dem langsamen^ doch sicheren Selbstmorde 
gleich stellen muB, und die auch noch zur schrecklichen 
Folge Gemütsabstumpfung und egoistische Herzerkaltung 
in moralischer Beziehung hat. Angesichts aller dieser 
evidenten und straffreien Tatsachen, die weder ein Arzt 
noch überhaupt ein Menschenkenner, sofern er sich nicht 
selbst belügt, in Abrede zu stellen vermag, ist man — 
inmitten all der übrigen Eonsequenzen des modernen 
Rechtsstaates — noch so sehr befangen von traditionellen 
Vorurteilen und Begriffsverwirrungen, die aus früheren 
religiösen Anschauungen über Erbsünde, Teufel und 
Hexentum hervorgegangen sind und durch die historische 
Entwickelung des Juden- und Christentums, zu allen 
möglichen absurden Konsequenzen geführt haben, daß 
man die, überdies verhältnismäßig so überaus gering 
Torkommenden Fälle von Unzucht zwischen Mensch und 
Tier, und die auch im Verhältnis zu allen übrigen so- 
genannten natürlichen wie widernatürlichen Unzuchtarten 
selten vorkommenden Fälle zwischen Mann und Mann 
überhaupt noch — straft, ja sie mit einer Härte straft 
und sie für entehrend erklärt, wie im Vergleiche kaum 
¥rirkliche und sehr schwere Verbrechen. 

Solch ein himmelschreiendes Unrecht, das zugleich 
solch ein Absurdum ist, ließ sich nun auch bis in unsere 
.Zeit nicht unangefochten erhalten. 

Der große und edle italienische Rechtsphilosoph 
Graf Cäsar Beccaria sprach 1781 in seinem Werke 
„Dei delitti e delle pene*' in dieser Frage das erste, 



— 29 — 

bahnbrechende Wort^ wenn auch noch mehr ans Gefühl, 
als an den logischen Rechtssinn appellierend. 

Mit juristischen und vernunftrechtlichen Gründen 
trat dann 1787 der deutsche Rechtsphilosoph Johann 
Jakob Cella aus Zweibrücken in seinem Werke ,,Uber 
Verbrechen und Strafen in ünzuchtfäUen'^ auf. Er lehrte 
klar und nüchtern, daß fleischliche Vergehen nur bei 
Verletzung der Rechte anderer straffällig sein können, 
an sich aber nie, so wenig wie Völlerei, vertierende 
Schlemmerei, Berauschung, und sonstige Unfiäterei. Er 
rief schon damals warnend aus: „Es ist sehr gefährlich, 
wo bloße Polizei ausreicht, mit dem peinlichen Gesetz- 
buche aufzutreten. Das Volk hat zuletzt keinen klaren 
Begriflf mehr, was wirklich Verbrechen ist, was bloß 
Vergehen und Unart.'' Welch prophetisches Wort auf 
83 Jahre voraus ! 

Unterdes war jedoch die französische Revolution 
ausgebrochen, welche 1789 als Grundlehre die Menschen- 
rechte publizierte. 

So war es denn der große französische Jurist — 
der frühere zweite Konsul, nachherige Herzog von Parma 
und Reichskanzler des Kaisertums J. J R^gis de Cam« 
bac^räs, geb. 1753, gest. 1824, welcher die Theorien 
des italienischen wie des deutschen Denkens ins praktische 
Leben übertrug und zuerst in der europäischen Gesetz- 
gebung in dem unter seiner Redaktion 1806 erschienenen 
Code pönal Napoleon sich von jahrtausendlanger Begriffs- 
verwirrung emanzipierte, und die sogenannte natürliche 
wie widernatürliche Unzucht überhaupt gar nicht in Er- 
wähnung brachte, wo sie nicht mit Rechten anderer in 
Konflikt gerät Was seine Gegner übrigens von des 
großen Gesetzgebers und Organisators persönlicher Neigung 
erzählen, ist heute noch in jedem französischen biographi^ 
sehen Lexikon zu lesen. 

Rasch danach verdankte ein deutsches Land die 



— 30 — 

erste gesetzgeberische Tat in dieser Richtung dem Ritter 
Anselm v. Feuerbach, geb. 1775, gest 1833. Er war 
berufen, an Stelle des bestialen bayrischen Kriminalkodex 
von 1751, das bayrische Strafgesetzbuch zu schaffen, 
das 1813 Gesetzeskraft erlangte, und dessen hier ein- 
schlagende Grundsätze das bayrische Strafgesetzbuch von 
1851 beibehalten hat; die nach den Protokollen des 
k. geheimen Rats zu jenen Paragraphen herausgegebenen 
Anmerkungen sagten: „die älteren Gesetze haben oft 
das Unmoralische mit dem Rechtswidrigen verwechsele 
Niemand wird Hexerei (I), Sodomie, Unzucht, Unglauben, 
Ketzerei, Blasphemie u. dgl. billigen oder für etwas (sittlich) 
Erlaubtes ansehen. Allein dergleichen Gegenstände (!) 
liegen, so lange als damit keine Verletzung der Rechte 
des Staates oder eines Privaten verbunden sind, außer 
der Sphäre eines Strafgesetzbuches. Wo solche Rechte 
jedoch verletzt werden, dagegen bestehen längst besondere 
Straf bestimmungen.'^ Mit solcher Logik motivierte Feuer • 
bach die Konsequenzen seiner Rechtslehre, daß Selbst- 
mord, Selbstverstümmelung, Selbstbefleckung an sich keine 
Rechtswidrigkeiten sein können, sofern sie nicht Rechte 
anderer schädigen, und was beim einzelnen nicht straf- 
fällig ist, kann es auch nicht werden, wenn es, unter 
gleicher Rücksicht auf anderer Rechte, von zwei und 
mehreren Individuen gegenseitig und freiwillig aus- 
geübt wird. 

Man sollte es zwar nicht glauben, aber leider ist es 
historisch, daß von 1813 an noch über ein Vierteljahr- 
hundert die schreiende Anomalie vorherrschte, daß in 
einem Staate Deutschlands dieselbe Tat völlig straflos 
war, welche in allen übrigen Staaten Deutschlands fort 
und fort als scheußliches Verbrechen galt, und mit einer 
Härte für strafbar und entehrend erklärt wurde, wie ver- 
hältnismäßig kaum wirkliche und sehr schwere Ver- 
brechen. 



— 31 — 

Nachdem Feuerbachs Prinzipien durch Yolle22 Jahre 
in Bayern sich genugsam praktisch erprobt hatten^ und 
wahrlich in dieser Richtung keine „größere Entsittlichung^' 
zeigten, war Württemberg der zweite deutsche Staat, 
der sich derselben Rechtslogik anschloß. § 310 des 
württembergischen Strafgesetzbuches von 1839 bestimmte, 
daß „widernatürliche Unzucht" nicht an sich strafbar 
sei, sondern bloß in jenen Fällen, — und das nur mit 
nicht unter sechs Monaten Kreisgefängnis — wo durch 
sie öffentliches Ärgernis erregt wird, oder der Beleidigte 
klagend auftritt, für welchen übrigens, auch gegen seinen 
Willen seine Eltern oder Ehegatten (?) zur Klage be- 
rechtigt seien. 

Schon das Jahr danach akzeptierte Hannover die- 
selbe Rechtsanschauung und das „Kriminalgesetzbuch für 
das Königreich Hannover vom 8. August 1840" erklärte 
in § 276 „widernatürliche Unzucht^' prinzipiell für eben- 
falls straffrei, und nur im Falle von „Erregung öffent- 
liehen Ärgernisses" — „oder wenn sich mit Grund eine 
solche besorgen lasse für verfolgbar, dann aber auch 
bloß mit geschärftem Arbeitshause nicht unter sechs 
Monaten." 

Beide Bestimmungen, die württembergische wie han- 
noversche, öffneten zwar der Denunziation, der böswilligen 
Verleumdung, der Polizeischikane Tür und Tor, aber sie 
giogen an sich vom Prinzipe der Straflosigkeit aus, und 
hoben diese bloß durch Nebenbedingungen auf. 

Ja noch mehr. Euer Excellenz, den man in der 
juristischen Literatur als Verfasser des mustergültigen 
hannoverschen Zivilgesetzbuches kennt, sollen auch an 
der Redaktion dieses Strafgesetzbuches einen entscheiden- 
den Anteil genommen haben. Jedenfalls waren Euer 
Exzellenz später Hannovers Justizminister, sind daher 
höchste Autorität über die Frage, ob die sechzehnjährige 
praktische Durchführung jenes toleranten Paragraphen 



— 32 — 

ein Wesentliches dazu beitrugt daß die ^^gefährlichste 
Entsittlichung'' im hannoverschen Volke Platz greifen 
konnte? Wer jenen so gutmütigen deutschen Volks- 
stamm kennt, in dessen Mitte auch wirkliche Verbrechen 
in Jahren seltener vorkommen , als anderswo in Tagen, 
kann sich selbst die Antwort geben. 

Trotzdem nun schon in drei deutschen Staaten dieses 
Prinzip angenommen war und zur Austlbung gelangte, 
beharrten sogar noch die nächsten Nachbarstaaten auf 
der Begriffsverwirrung, welche von der „Carolina" bis 
ins ^Jiandrecht^' reichte. Braunschweig und Oldenburg 
bestimmten nicht nur noch 1840 neuerdings „Zwangs- 
arbeit von 1 Jahr'S sondern die dortigen Legislatoren 
waren so naiv prüde, das Delikt, das sie im Auge hatten, 
nicht einmal in der Gesetzgebung genau beim Namen 
zu nennen: „denn man hat sich sehr zu hüten, solche 
Verbrechen in Oesetzbüchem deutlicher zu bezeichnen**. 
Wahrscheinlich von gleichen Anschauungen gingen 1841 
auch Hessen -Darmstadt und Frankfurt aus, mit ihrem 
„Zuchthaus bis zu 5 Jahren!'* und die thüringischen 
Staaten 1846 mit „Gefängnis bis 1 Jahr*^ Letzteres Ge- 
setzbuch, hierin das einzige in Deutschland, bestrafte 
überdies im gleichen Paragraphen auch noch „Schändung 
von Leichen". 

Verhältnismäßig am ärgsten verfuhr man aber in 
den beiden deutschen Qroßstaaten, in Preußen und 
Osterreich, wo man überhaupt ein halbes Jahrhundert 
gebraucht hatte, um sich über ,Jiandrecht" und den 
,,Kriminalkoipus" hinaus und endlich zur Abfassung 
neuer Strafgesetzbücher im Geiste des neunzehnten Jahr- 
hunderts zu entschließen. 

Preußen erhielt dann das bis jetzt gültige Straf- 
gesetzbuch am 14. April 1851, und Osterreich das seine 
bis heute in Kraft bestehende am 27. Mai 1852. 

Das erstere bedroht „widernatürliche Unzucht zwischen 



— 33 — 

Mensch und Tier, sowie zwischen Personen männlichen 
Geschlechtes mit 6 Monaten bis 4 Jahren einfachen 
Kerkers, zugleich aber mit dem Verlust der bürgerlichen 
Ehrenrechte, wenn auch bloß zeitweilig'', das letztere 
bezieht sich sogar auch im Sinne der „Carolina", auf 
Unzucht zwischen „Weib und Weib"; denn es bestraft 
dem Wortlaute nach Unzucht: ,,a] mit Tieren, b) mit 
Personen desselben Geschlechts", mit schwerem Kerker 
von 1 — 5 Jahren. Dem Prinzip des preußischen Straf- 
gesetzbuches nach sind solche Taten aber bloße Ver- 
gehen, dem des österreichischen zufolge geradezu Ver- 
brechen ! 

Kein Wunder, daß nach solchen Vorbildern dann 
auch das Königreich Sachsen samt Sachsen -Altenburg 
1855 „Gefängnis oder Arbeitshaus bis zu 1 Jahr" be- 
stimmte, ja sogar auch — wieder ein Unikum in Deutsch- 
land! — die Verbreitung der Lustseuche gleich schwer 
bestrafte, und daß die beiden Mecklenburg, Baden usw. 
mit ihren ,,bis zu 2 Jahre Arbeitshaus" nicht zurtlck- 
blieben, weiß jeder juristische Historiker. 

Welches waren nun die Resultate dieser Drakonismen? 

Die schon 1847 ausgearbeiteten „Motive zum Preu- 
ßischen Strafgesetzbuche" stellten den § 143 als ge- 
boten hin: 

„weil solche Handlungen besondere Entartung und 
Herabwürdigung des Menschen bekunden, und so ge- 
fährlich für die Sittlichkeit seien". 

Diese dreizeilige Argumentation scheint vor allem, 
vielleicht unbewußt, Reminiszenz gewesen zu sein, von 
Kaiser Theodosius „sacrosanctum esse debere hospitium 
virilis animae", wodurch dieser Byzantiner den Feuer- 
tod, welchen sein Kodex diktierte, zu motivieren suchte 
— aber die millionenmal noch mehr entwürdigende und 
vertierende Leibeigenschaft doch aufrecht erhielt! 

Jahrbach VIL B 



— 34 — 

Jedenfalls jedoch zeigt die dreizeilige Argumentation, 
daß ihre Begründer entweder über die wirklichen Zu- 
stände der heutigen Gesellschaft sich selbst anlogen, 
oder die Welt zugunsten ihrer lieben Prüderie anlügen 
wollten. 

Vor allem passen alle drei Schlußfolgerungen dieser 
Argumentation überhaupt auf jegliche Art von ge- 
schlechtlicher Ausschweifung, auf die Yöllig erlaubten 
sogar am meisten, und überdies auch noch auf zahlreiche 
sonstige Anforderungen und Verrichtungen gar nicht 
sexualer Art. Oder setzt dieselbe Tat, verübt zwischen 
Mann und Weib, oder Weib und Weib, nicht die gleiche 
„Entartung und Herabwürdigung^' des Menschen voraus, 
wie wenn sie zwischen Mann und Mann verübt wird? 
Wo kann da vernünftigerweise ein solch riesiger Unter- 
schied gedacht werden, daß dieselbe Tat bei der Majo- 
rität als völlig straflos, bei der Minorität als scheußliches 
und entehrendes Verbrechen erscheinen könnte? Und 
wenn sich ein Mensch freiwillig dazu hergibt, bloß um 
nicht zu verhungern, zum Vorteile der Gesellschaft, das 
bei bloßer Benennung Ekel erregende Geschäft eines 
Vidangeura zu betreiben, oder hundert andere nicht 
minder zurückstoßende Handwerke, Beschäftigungen und 
Broterwerbe — salva venia! — deren weitere Andeutung 
hier rücksichtsvoll vermieden werden möge — sollten 
zimperlichere Naturen nicht auch aus solchen, bürgerlich 
sogar belobten, Verrichtungen auf „besondere Entartung^^ 
und auf „Herabwürdigung des Menschen'^ schließen? 
und was das Gefährliche für die Sittlichkeit betrifft, 
nun so werden jene Akte am gefährlichsten auf die Ge- 
sellschaft einwirken, welche, weil straflos, ihre Lockungen 
auf jeder Straßenecke ungeniert ausgestellt haben, zu 
denen die Gelegenheit so massenhaft auftritt, daß be- 
sondere moralische Stärke dazu gehört, ihnen auf die 
Dauer zu widerstehen, zu welchen überdies die Jugend 



— 35 — 

am leichtesten zu yerführen ist, da sie so sehr ihrem 
Naturtriebe entsprechen, und die in so überaus vielen 
Fällen täglich die schwersten, oft ganze Existenzen unter- 
grabenden, oder junge Körper flir ihr Lebelang ver- 
giftenden Folgen haben? Endlich aber wenn sich die 
Gesetzgebung streng auf ihr Rechtsprinzip zurückzieht 
und sich, korrekterweise, um die Sittlichkeitszustände 
solcher Charaktere nicht bekümmert, welche als junge 
kräftige Männer bloß des Geldes wegen sich alten, siechen 
Weibern zu jeglicher Art sogenannter natürlicher, wie 
widernatürlicher Unzucht ergeben, dabei ihre Gesundheit 
und ihre gesellschaftliche Achtung riskieren, wie um- 
gekehrt junge Mädchen aus gleichen Motiven alten Män- 
nern in bodenlosestem Baffinement zu Diensten sind, 
oder auch in völlig normalen Ehen erwiesenermaßen die 
eine Ehehälfte die andere, indem sie dieselbe zwingt, 
ihrer viehischen Brunst zu genügen, körperlich zugrunde 
richtet, oft den langwierigsten Krankheiten aussetzt und 
zuletzt oft ganz, trotz aller ärztlichen Warnung, den 
Tod des Opfers herbeiführt, — wie käme diese halbe 
Gesetzgebung zu der Inkonsequenz aus überbesorgter 
Sittlichkeit^rücksicht, allein den Mann, überdies also 
das stärkere Geschlecht, vor den Zumutungen anderer 
Männer deshalb zu bevormunden, weil dieselbe Tat nur 
zwischen Mann und Mann, nicht auch zwischen Mann 
und Weib, oder Weib und Weib, als besondere „Ent- 
artung^' und „Herabwürdigung des Menschen'^ aufgefaßt 
wird? 

Man sieht, es läßt sich aus diesem Zirkel von Wider- 
sprüchen nicht herauskommen, der nur durch die Alter- 
native zu lösen wäre, entweder jegliche Form der gegen- 
seitigen^ Unzucht für gleich strafwürdig zu erklären und 
zu verfolgen, oder keinerlei Kategorien der Straffälligkeit 
anzuerkennen, außer in den Fällen, wo Rechte anderer 
verletzt werden, Ersterer Ansicht ist überhaupt jeder 

8» 



— 36 — 

sittlich denkende Mensch; sie läßt sich aber praktisch 
aus zahllosen Gründen nicht durchführen, wie die Er- 
fahrung sattsam lehrt, so bleibt denn gerechterweise und 
vernunftgesetzlich nichts als die zweite Alternative übrig, 
welche die des Rechtsstaates ist. Jene Argumentationen 
der Strafgesetzmotivierung von 1851 verraten aber zudem 
eine sonderbare Naivität gegenüber den historischen Tat- 
sachen, eine direkte Ignoranz in anthropologischen und 
überhaupt naturwissenschaftlichen Fragen und zuletzt 
auch noch eine offenbare Unkenntnis der wirklichen Natur 
der Sache, um die es sich handelt, ihres wahren Ver- 
hältnisses zur Gesellschaft und zum Individuum, und 
ihres Charakters vom sanitätlichen Standpunkte aus. 

Denn das Wort „Entartung" bezog sich ohne Zweifel 
auf jene Individaen, welche von solchen homosexualen 
Leidenschaften befallen sind, und activ sich Personen 
zu deren Befriedigung suchen; bei den Passiven wird 
dagegen vorausgesetzt^ daß sie ihrerseits keinerlei eigene 
Befriedigung dabei finden, sich also nur aus den aller- 
schmählichsten Interessen und dazu stets ausschließlich 
nur in solch widriger, zugleich — wie traditionell an- 
genommen ward — so gesundheitsgefährlicher Art preis« 
geben, die unbedingt „Herabwürdigung des Menschen*' 
genannt zu werden verdient Es ist hier nicht der Ort, 
Sexualitätsstudien von naturwissenschaftlichem Detail 
auszukramen. Deren Schlußfolgerungen sind aber in 
Kürze: neben dem norroalsexualen Triebe der ge- 
samten Menschheit und des Tierreiches scheint die Natur 
in ihrer souveränen Laune bei Mann wie Weib auch den 
homosexualen Trieb gewissen männlichen oder weiblichen 
Individuen bei der Geburt mitgegeben, ihnen eine ge- 
schlechtliche Gebundenheit verliehen zuhaben, welche 
die damit Behafteten sowohl physisch als geistig unfähig 
macht, auch bei bestem Willen, zur normalsexualen 
Erektion zu gelangen, also einen direkten Horror vor 



— 37 — 

dem Gegengeschlechtlichen voraussetzt^ und es den mit 
dieser Leidenschaft Behafteten ebenso unmöglich macht, 
sich dem Eindrucke zu entziehen , welchen einzelne In- 
dividuen des gleichen Geschlechtes auf sie ausüben. 
Solche weibliche Homosexualistinnen nannten die Griechen 
bekanntlich ,yTQißaStq'^ und solche sind vielfach in ge- 
wisser Beziehung auch körperlich abnorm gestaltet; derlei 
Homosexualisten hießen bei den Griechen aber gemeinhin 
„^aiÖBgartog^'f weil bei südlichen Rassen dieser Trieb meist 
nur auf jugendliche geschlechtsreife Männer gerichtet war. 
In nördlichen Klimaten dagegen hat sich ein naturwissen- 
schaftlich noch merkwürdigeres und rätselhafteres Resultat 
ergeben, dessen an gehöriger Stelle Erwähnung geschehen 
soll. Es versteht sich nun für jeden anthropologisch 
gebildeten Denker von selbst, daß mit solchen Trieben 
Behaftete entweder auf Individuen ihrer eigenen Natur 
stoßen, und dann ist wohl gegen solche gegenseitige 
Neigungen platterdings gar nichts Berechtigtes einzu- 
wenden; denn beide sind von Natur für den Normal- 
sexualismus verloren, und es wäre ihnen also höchstens 
zuzumuten, ihr Lebelang in absoluter Keuschheit zu leben, 
and ihr Dasein als IStrafe dafür hinzunehmen, daß^ ohne 
ihre Schuld, die Natur sie eben so gebunden organisierte. 
Oder aber^ solche Homosexualisten wenden ihre Neigung 
Normalsexualen zu, und wenn der moderne Rechtsstaat 
letzteren prinzipiell das Zugeständis macht, in allen Fällen, 
in welchen dadurch nicht Rechte anderer verletzt werden, 
mit ihrem Körper zu tun, was ihnen beliebt, so ist es 
nicht abzusehen, welch ein Unterschied im selben Akte 
darin liegen soll, ob derselbe sogenannt natürlich oder 
sogenannt widernatürlich, gegengeschlechtlich oder gleich- 
geschlechtlich begangen wird? Jedenfalls muß aber bei 
beiden Individuen, bis zu einem gewissen Grade mehr 
oder minder, Gegenseitigkeit der Befriedigung voraus- 
gesetzt werden, denn diese liegt ja in der Natur der 



^-. 38 — 

Sache, wenn sie auch für den Normalsexualen gegen- 
geschlechtlich weitaus befriedigender sein mag. Dies ist 
um so einleuchtender, wenn man sich eine nüchterne 
Vorstellung darüber macht, was denn möglicherweise 
unter zwei gleichgeschlechtlichen Individuen sexual Yor- 
fallen kann? Platterdings nur zwei Abschlußformen: 
entweder die Emissio seminis, oder die Immissio seminis. 
Beide Akte sind auch zwischen Mann und Weib nicht 
nur möglich, sie kommen — der erstere oft aus Furcht 
Yor Ansteckung^ der letztere aus gleichem Grunde, doch 
eben auch direkt nur aus Raffinement — gegengeschlecht- 
lich auch weitaus mehr täglich vor, als der Nichtbeobachter 
des Realismus glauben will! Der allerentschiedenste 
Unterschied zwischen den Akten der Gegengeschlecht- 
lichen und jenen der Gleichgeschlechtlichen ist aber der, 
daß erstere in fast allen Fällen mit dem wirklichen 
oder imitierten Koitus abschließen, dagegen unter letz- 
teren höchstens bei lO^o £^ktiv oder passiv die Imitation 
des Koitus verkömmt, also die so verrufene Immission, 
daß vielmehr ^/^^ aller Homosexualen bloß nach gegen- 
seitiger Manustupration lüstern sind, der bloße Ge- 
danke an weiteres ihnen aber schon Ekel ist. Wir 
werden sehen, daß auch das königl. Obertribunal sich, 
und sofort nachdem das Strafgesetzbuch von 1851 in 
Wirkung getreten war, der Rücksichtnahme auf diese 
höchst charakteristische Tatsache nicht verschließen konnte. 
Diese ist um so charakteristischer und um so fester im 
Auge zu behalten, wollen wir hoffen, anthropologisch 
auch nur annähernd den richtigen Schlüssel zur Er- 
klärung des Naturrätsels der Homosexualität zu erlangen. 
Also nicht die sogenannt widernatürliche Imitation des 
Koitus ist der Erektor des Triebes von Mann zu Mann; 
sie kommt höchstens bisweilen auch bei dieser wie bei 
normalsexualer Leidenschaft vor, und wohl nur bei be- 
sonders rohen und gemeinsinnlichen Individuen. Diese 



- 39 — 

Tatsache beweist sich ja schon dadurch von selbst^ daß^ 
wenn bei Homosexualen die Aktivität der Immissio der 
Trieb wäre^ sie zu dessen Befriedigung ja keines anderen 
männlichen Individuums bedürften, ihm vielmehr auch 
am Weibe genügen könnten , was für sie überdies, wie 
schon bemerkt, doppelt gefahrlos und völlig straffrei wäre. 
Aber sie sind nicht nur desselben Aktes mit dem Weibe 
nicht fähig, ja, einem solchen gegenüber nicht einmal der 
Erektion; sondern geradezu ^/^^ der Homosexualen suchen 
auch bei gleichgeschlechtlichem Genüsse diesen Abschluß 
nicht, haben vielmehr physischen Abscheu dagegen, 
während sie sich um so leidenschaftlicher gegenseitiger 
Manustupration ergeben. Also stellt es sich für den 
anthropologischen Beobachter evident heraus, daß das 
Männliche an sich, als Gegensatz des Weiblichen, dessen 
habituelle Atmosphäre, sowie dessen genitalerektive Son- 
derheit, der eigentliche Motor dieser Leidenschaft ist, 
und daß höchstens einzelne unter den Verfallenen direkt 
bis zur Imitation des Koitus sinnlich gedrängt werden. 
Diese Tatsache erklärt einesteils, weshalb gewisse Apo- 
logeten so oft schon versucht haben, den homosexualen 
Trieb durch einen besonderen Sinn für Schönheit, nament- 
lich für plastische, erklären zu wollen, da nicht nur, rein 
anthropologisch, der männliche Körper als Selbstzweck 
unstreitig ästhetisch schöner ist, als der mehr sinnlich 
verlockende des Weibes, der aber nur Mittel zum Zwecke 
ist, andernteils, warum in der Tat der homosexuelle 
Trieb sich meist unleugbar körperlich oder physiognomisch 
schönen Personen zuwendet, in solchem Verhältnisse 
auch gar oft rein platonisch seine vollste Befriedigung 
findet, noch öfter diese bloß in gegenseitiger Manu- 
stupration sucht, und nur in verhältnismäßig sehr seltenen 
Fällen bis zur grobsinnlicheu Imitation des Koitus herab- 
sinkt. Das Charakteristikum des Normalsexualismus ist 
aber gerade das entgegengesetzte. Rein platonisch kann 



— 40 — 

sich dieser volle Geschlechtstrieb überhaupt nicht er- 
halten, gelangte er bereits bis zur körperlichen BeriQirung. 
Gegenseitige Manustupration findet bei ihm höchstens aus 
Vorsicht statt und erscheint gerade von seinem Stand- 
punkte aus wirklich widernatürlich. In den meisten Fällen 
also führt die gegengeschlechtliche Berührung mit aller 
Kraft der Leidenschaft direkt zum Koitus, und das Be- 
dürfnis nach diesem Ausgang macht es von selbst er- 
klärlich, daß der Anreiz zu demselben weniger durch 
besondere ästhetische Schönheit, als zumeist nur durch 
lockende Sinnlichkeit, die oft sogar mit Häßlichkeit und 
ünsauberkeit verbunden ist, erregt wird. Daher sehen 
wir, daß der Mann so ziemlich mit jedem Weibe, noch 
mehr das Weib fast mit jeglichem Manne leicht in ein 
sinnliches Verhältnis zu bringen ist, welches fast stets 
zum Abschluß durch den Koitus führt; dagegen aber, 
daß der Homosexuale unter Tausenden seines Geschlechtes, 
in deren Mitte er sich täglich bewegt, ohne ihnen durch 
seine besondere Neigung auch nur aufzufallen, bloß ein- 
zelnen selbe zuwendet, und in der Tat selten Unschönen. 
Alles das muß uns denn logisch zur allgemeinen Schluß- 
folgerung führen, daß der Homosexuale eine gebundene 
Natur ist^ der sich, auch wenn er noch so sehr darnach 
strebte, weder dem Weibe, — oder das Weib dem Manne 
— noch unreifen Kindern — denn die Virilität ist flir 
ihn Grundbedingung seines Triebes, ja nicht einmal jedem 
männlichen Individuum zuwenden kann, sondern in seiner 
Leidenschaft von gewissen sinnlichen Ursachen abhängt, 
und gar keiner Erektion fähig ist, sobald diese fehlen. 
Hieraus erklärt sich auch das höchst Charakteristische, 
daß der Homosexuale fast nie sich einsamer Selbst- 
befleckung hingibt, so sehr er nach gegenseitiger 
Manustupration drängt, eben weil sein Trieb nicht durch 
die Phantasie, noch durch einen in seinem Körper gegen- 
standslos sich regenden Prurigo erweckt wird, sondern 



- 41 - 

bloß durch bestimmte Persönlichkeiten^ welche, vom reifen 
Knabenalter bis ins männliche, das YoUe Gepräge der 
Yirilitäti als Gegensatz des Femininen, in allem 
Detail ihres Habitus repräsentieren. In dieser Gebunden- 
heit liegt zugleich auch die volle Garantie, daß selbst 
bei unbeschränktester Freiheit dieser yerhältnismäßig 
stets nur in geringer Zahl vorhandenen Sonderwesen die 
allgemeine Sittlichkeit nie starker Gefahr ausgesetzt sein 
wird; ja im Gegenteile. Denn einesteils sind homosexuale 
Triebe keine Willkür, kein etwaiges Raftinement — wie 
gedankenlose Tradition so oft behauptet, — sondern an- 
geboren. Dies schließt also das Bedenken aus, daß der 
Homosexualismus auf die Dauer in den Reihen der 
Majorität Proselyten machen könne, welcher der stärkere 
Trieb des Normalsexualismus angeboren ist, die sich 
daher höchstens zeitweise solchen Zumutungen ergibt, 
dann aber immer wieder der stärkeren Natur folgen wird. 
Und andemteils ist noch weniger Gefahr für die Gene- 
rationsfirage. Denn der Homosexuale ist dieser Aufgabe 
ja schon durch seine Natur verloren: und der Normal- 
sexuale kann die eigene ebenfalls nicht für immer um- 
wandeln. Und leiht er sich auch bisweilen zu dem ihm 
nur halben Genuß her, das „ewig Weibliche'' zieht ihn 
bei nächster Gelegenheit doch wieder stärker an. Das 
lehrt uns die Geschichte aller Südlande alter und neuer 
Zeit, in denen trotz aller Zügellosigkeit, durch diese 
allein die Generation nie ins Stocken kam, im Gegen- 
teile seit Jahrtausenden sich immer wieder vermehrte. 
Was endlich die sogenannte „Verführung der Jugend" 
betrifft, so ist jene unter 14 Jahren schon durch die 
Natur des Homosexualen, der nur durchs Virile erregt 
werden kann, vor seinen Angriffen sicher, die reifere 
männliche Jugend jedoch, besonders die allgemeine unserer 
zivilen und militärischen Schulen ergibt sich — wie leider 
von allen Fachmännern zugestanden werden muß — so- 



— 42 — 

bald die Pubertät erwacht, da durch unsere bisherigen 
Sittlichkeitsanschauungen in der Gesellschaft jede andere 
Befriedigung als Sünde und Verbrechen verschrieen ist, 
fast schon epidemisch der geheimen Selbstbefleckung. 
Einzelne Sinnliche verfallen wohl auch der gegengeschlecht- 
lichen Prostitution^ und oft noch rascher der erschreckend- 
sten, vielfach ihre ganze Zukunft vergiftenden Seuche. 
Nun, und diesen beiden Alternativen gegenüber kann der 
Arzt nur sagen, daß gegenseitige Manustupration vom 
sanitätlichen Standpunkte aus als direkte Rettung er- 
scheint! 

Völlig anders, und in der Ungebundenheit der Aus- 
artungsfahigkeit ungleich gefährlicher für die Gesellschaft, 
erscheint dem nüchternen Anthropologen die Normal- 
sexualität sowohl des Mannes wie des Weibes. Beide 
treibt ihre Natur an, sich gegen geschlechtlich, da sie 
ungebunden in der Potenz sind, sowohl dem sogenannten 
natürlichen wie widernatürlichen Koitus zu ergeben. Auch 
sind sie fähig, sich aktiv oder passiv den gleichgeschlecht- 
lichen Ausschweifungen zu überliefern. Nicht minder 
treiben Normalsexuelle auch zeitweilig geheime Selbst- 
befleckung, fehlt entsprechendere Gelegenheit zur Be- 
friedigung des Geschlechtstriebes; und ebensowenig stehen 
sie an, zügelt sittliche Selbstbeherrschung nicht ihre 
Brunst, sich an unreifen Kindern männlichen, besonders 
aber weiblichen Geschlechtes zu vergreifen, der Blut- 
schande zu fröhnen, ja bis zum Mißbrauch von Tieren, 
sogar von Leichnamen zu verwildem. Und nur unter 
Normalsexualen kommt die Spezialität der sogenannten 
„Bluter^' vor, wie man das Beispiel ja auch bei gewissen 
Tieren hat, die nur blutlechzend, verwundend und quälend 
ihrer Brunst genügen können. Denn Normalsexuale sind 
von Natur aus völlig ungebunden in der Erektions- 
fähigkeit; wogegen Homosexuale, wie gleichfalls Mono- 
sexuale, — bei denen geheime Selbstbefleckung zum 



— 43 — 

chronischen Bedürfnisse geworden ist — höchstens ein- 
seitig gebunden und impotent sind, fehlen die allein 
sie erigierenden Bedingungen. 

Es ist daher eine der ärgsten Begriffsverwirrungen 
seit Jahrtausenden, hervorgegangen aus religiösen Vor- 
stellungen, durch welche das Erkennen höchst klarer, 
wenn auch sonst rätselhafter Naturgesetze so lange ver- 
hindert war: anzunehmen, Homosexuale könnten ihrer 
Natur entgegengesetzte sexuale Verbrechen begehen. Das 
strikte Gegenteil ist die Wahrheit. Jene Scheusale der 
römischen Imperatorenzeit, wie dann im 16. Jahrhunderte 
ein Mar6chal de Retz, im 18. ein Marquis de Säde, 
sie alle ergeben sich den ekelhaftesten und blutdürstigen 
Ausschweifungen, doch bekanntlich nicht ausschließlich 
mit männlichen Individuen, mit diesen nur nebenbei aus 
Raffinement, hauptsächlich aber mit Weibern, ja sogar 
mit Tieren. Dagegen findet der anthropologische For- 
scher, daß bei den primitivsten Völkern — nach Sextus 
Empirikus auch bei den alten Deutschen, was die harten 
Strafen späterer Gesetze außer Zweifel stellen; nach den 
spanischen und portugiesischen Schriftstellern aus der 
Zeit der Entdeckung Amerikas bei allen Indianerstämmen; 
nach anderen Autoren bei den Kamtschadalen, den Ko- 
saken, den schweizer Alpenvölkern, den Slaven und Mon- 
golen der Donauländer usw. — die Homosexualität stets 
so vorhanden war, wie bei den luxuriös raffiniertesten, 
also unzweifelhaft angeboren sein muß; der historische 
Forscher dagegen, daß trotz soviel jahrtausendlanger 
bestialischer Bestrafung dieser Trieb bei den von ihm 
Befallenen nie zu unterdrücken war. Der Historiker 
stößt hauptsächlich auch auf das scheinbar so höchst 
unerklärliche psychologische Rätsel, daß uns die Geschichte 
so viele vornehme, reiche, sowie andemteils so viele der 
geistig wie moralisch bedeutsamsten und edelsten Per- 
sonen nennt, denen trotzdem der Ruf ununterdrückbarer 



- 44 — 

homosexualer Neigungen yerblieb. Von dem griechischen 
wie römischen Altertume ganz zu schweigen, und aus 
christlicher Ära auch nur die auffallendsten Namen zu 
zitieren^ so seien von fürstlichen Personen erwähnt: 
Cosimo di Medici; Farnese; Charles IX., Henri I1I.| 
Papst Julius II, James I., beide Cond6, der Herzog 
Ton Vendöme, Louis XIIL, dessen jüngerer Sohn 
Philippe d'Orleans L, William III. der Oranier, 
August Wilhelm von Wolfenbtlttel, der Prinz de Conti^ 
des vierzehnten Louis natürlicher Sohn, der Graf Yer- 
mandois, dann Charles IL Stuart, Peter der Große, 
Karl XIL, Corsicas abenteuerlicher König, Theodor 
Neuhoff, Schwedens Gustav UI., Zar Paul L, sogar 
in gewisser Zeit Napoleon L, dann Louis XVIIL, usw. 
Und welche Anschauung Friedrich der Große über 
diese Frage hat, findet man in seinen Werken! Von 
Sommitäten des Staatslebens, der Kunst, Wissenschaft 
und Poesie seien auch hier nur die allerbedeutendsten 
genannt: Gonsalvez de Cordova, A. Politiano, 
Machiavelli, Michel Angelo, Razzi, genannt „il Sod- 
doma'S Giulio Romano, Bonfadio, seinen Jugend- 
gedichten nach Theodore de Buze, dann Mureto, 
EbJodelli, William Shakespeare, Mazarin, F. Palla- 
vicini. Meliere, der Mar^chal de Luxembourg, 
Lully, Bischof John Atherton/ Erzbischof Tellier, 
Isaak Newton, Kardinal Bouillon, Earl of Rochefort, 
Count of Portland, Michel Baron, Graf Zinzendorf, 
der Abenteurer Bonneval^ Parlamentspräsident Harley, 
Mylord Albermarie, J. J. Winckelmann, Marquis de 
Villete, Chevalier de Bouffiers, Cagliostro, Johannes 
von Müller^ Cambac^räs, Reichskanzler des Kaisertums, 
E. Bridgewater, Canova, Iffland, A. W. v. Schlegel, 
Minister Kolowrat, Lord Byron, Erzbischof Sibous, 
Marquis de Custine, Komiker Wurm, August Graf 
Platen, Chevalier d'Appert, W. Kunst, F. M. L. Banus 



— 45 — 

Jellachich, Eugene Sue, A. v. Sternberg, F. Pon- 
sard usw., welche Aufzählung bis in die Tausende zu 
yermehren wäre. Auch ist diese Liste nicht deshalb an- 
zuzweifeln, weil sie so viele nachweist, die notorisch ver- 
heiratet, ja Väter waren. Das beweist nur — was joder 
eingeweihtere Anthropologe ohnehin weiß — daß Homo- 
sexualität oft erst sehr spät zum bewußten:^ nrchbruch 
kommt, dann freilich allein vorherr8.cb«^wird, aber doch 
nicht früher schon — ^ -gleielr^der Monosexualität — ab- 
solut impotent macht, wenn auch bedingt stets dem nicht 
Homogenen gegenüber. Aber angesichts jener, sehr leicht 
in den Quellen nachweisbaren historischen Tatsachen 
nebeneinander bestehen zu lassen, oder gar zusammen- 
zureimen, daß so zahlreich solch eminente Geister und 
vielfach würdige Charaktere, welche der Stolz unserer 
Kulturgeschichte sind, doch zugleich, trotz ihres erhellten 
Urteils, und andere wieder trotz ihrer Macht und ihres 
Reichtums, die ihnen doch freie und schrankenlose Wahl 
der Genüsse gestatteten — im Verdachte solcher Neigungen 
standen oder derselben überführt sind, welche man bis- 
her als Verbrechen, Sünde und Schandtaten ansah, die 
geradezu des Zuchthauses würdig machen? Wird solche 
Auffassung auch noch femer festgehalten, so ist ja unsere 
ganze historische Lehre Lüge und Schönfärberei, über 
die man sich doch gewiß nicht mit den Worten des 
Dr. Reydellet Beruhigung verschaffen kann, die da lauten: 
„On pourrait dire en g^nöral que ces grands hommes 
sont en tout plac^s hors de la nature!''? und in der 
Tat, all diese durchaus unreimbaren Widersprüche 
zwischen unserer bisherigen doktrinären Begriffsverwirrung 
und den psychologisch rätselhaften historischen Tatsachen 
riefen endlich in unserer Zeit die wissenschaftUche Unter- 
suchung dieser Frage auch vom naturwissenschaftlichen, 
medizinischen und sozialen Standpunkte hervor. Das 
preußische Strafgesetzbuch vom 14. April 1851 hatte schon 



— 46 — 

am 1. Juli 1853 die prinzipiell so wichtige Entscheidung 
über ^^gegenseitige Onanie'^ des k. preußischen Ober- 
tribunals zur Folge; 1856 begann der Medizinalrat wei- 
land Dr. Casper seine merkwürdigen gerichtsärztlichen 
Untersuchungen zu publizieren; diese bewogen 1858 
Dr. Tardinu zu Paris seine eigenen Erfahrungen mit- 
zuteilen; und 1860 erschien des damaligen k. Polizei- 
direktors Dr. Stieb er praktisches Lehrbuch der Kriminal- 
polizei; 1864 aber des Pariser Polizeichefs Canlär Ent- 
hüllungen über diese bis dahin prüde totgeschwiegene 
Frage. 

Anmerkung zu iL Wenn zuerst behauptet worden, der 
Homosezuale sei gar nicht erektionsfähig durch Gegengeschlecht- 
liches, die historische Liste aber doch einige Namen aufweist, 
deren Träger notorisch verheiratet geweseu sind und sogar Väter 
oft mehrerer Rinder waren, so scheint das ein Widerspruch zu 
sein. Es kann hier, wie schon bemerkt, nicht der Ort sein, auf 
anthropologisches und psychologisches Detail einzugehen, schon 
allein, weil dies an der Rechtsfrage, um die es sich in diesen 
Briefen handelt, nichts ändern würde. Hier sei nur kurz bemerkt, 
daß die fast durchgehende Regel dieses Triebes auf angeborene 
Antipathie gegenüber dem Gegengeschlechtlichen hinweist, von 
der auch jene nicht abweichen können, welche, weil sie entweder 
völlig im Unklaren über die Natur ihres Dranges waren, und ihn 
zu befriedigen nie Gelegenheit hatten, oder weil konventionelle 
Ursachen sie dazu zwangen, gegengeschlechtliche Ehen eingingen. 
Diese sind im Durchschnitt entweder besonders für den Mann 
höchst unglücklich und unfruchtbar; oder seine Jugend unterliegt 
im Anfange infolge ihrer Potenz mechanisch dem Anreiz, ohne 
daß er trotzdem Genuß am Weibe hätte, und trotzdem er Vater 
geworden, so lange, bis er endlich auf die richtige Fährte seines 
dunklen Dranges gelangt Von da ab ist eine Rückkehr ins 
Normalsezuale für ihn so wenig möglich, als für den, der aus 
Instinkt von Jugend an das Weib nie kennen lernte. Und solche 
merkwürdige Beispiele, welche noch mehr als alle anderen Sym- 
ptome für Angeborenheit des Triebes sprechen, der sich durch 
Verhältnisse gar lange unterdrücken, aber nie gänzlich ersticken 
läßt, kommen dem Anthropologen wie dem Arzte in der Tat 
Öfter vor, wenn auch nie in entscheidender Majorität Dagegen 
aber gibt es wirklich auch, wenngleich bis jetzt wenig bekannt. 



— 47 — 

Naturen, welche in sich beide Triebe zugleich, den zum Weib- 
lichen, und den zum, wenigstens knabenhaft Männlichen haben. 
Horaz erzahlt das von sich selbst in der zweiten Satyre, Z. 116 — 118, 
betreff Ljsiscus. Dem Stammherm der Medici, dem alten Cosimo, 
der sich Panormitas „Hermaphroditus'* offen widmen ließ, erzählt 
die Geschichte das Gleiche nach. Und von Zar Peter dem Großen 
sagt einer seiner Biographen: „II aimait beaucoup les femmes, et 
il n 6tait par fort d^licat sur le choix : dans Teffervescence de son 
temperament un sexe supplait quelquefois 4 Tautre.'* Bei all diesen 
Fällen ist aber vielmehr anzunehmen, daß ihre Helden keineswegs 
wirkliche Homosexualisten waren, vielmehr starkpotentige leiden- 
schaftsblinde und raffinementsüchtige Normalsezuale. Dies anthro- 
pologische Naturrätsel ist jedoch seit Jahrtausenden so absichtlich 
außerhalb aller naturwissenschaftlichen Beobachtung gehalten 
worden, daß man über sein Wesen nur etwa höchst blödsinnige 
Traditionen erhalten hat und dessen Ausnahms- oder Übergangs- 
spielarten gar nicht kennt Und doch bleibt die Natur in keinem 
Dinge sich treu, sondern in jedem erscheint sie so tausendfaltig 
launisch. Das steht dagegen fest, daß die große Überzahl der 
Homosexualen des Weibes direkt unfähig sind, die meisten unter 
ihnen auch gar nie mit Weibern zu tun hatten, sondern schon 
von erster Pubertätsentwickelung an sich stets nur, und ununter- 
drückbar dem eigenen Geschlechte zuwandten. Und dies Charakte- 
ristikum des Gebundenseins bei der Überzahl jener Homosexualen 
ist das allein Entscheidende für forensische Medizin, wie für 
moderne Legislatoren des absoluten Rechtsstaates. 



m. 

Wenn die ersten beiden Briefe die Belege und Orllnde 
dafür erbringen sollten, daß eich schon seit Beginn 
unseree Jahrhunderts in allen zivilisierten Ländern die 
Rechtsansicht Bahn gebrochen habe, die geschlechtliche 
Unzucht könne, soweit durch sie nicht Rechte anderer 
gekränkt werden, an and fUr sich ebensowenig Ton 
StaatBwegeo strafbar sein, als andere Akte der Unsitt- 
lichkeit und Unfläterei, und daß somit auch die so- 
genannte widernatürliche Unzucht — sowohl die sodomia 
generis, wie die sodomia sexns — nicht als Äasnahme 
zn betrachten seien, da sie sich in nichts von allen 
anderen Arten unterscheidet, die sodomia sexus aber 
zwischen Manu und Weib von jeher, zwischen Weib und 
Weib jedoch schon lange straflos war and ist, und die- 
selbe Tat bloß wegen des Unterschiedes der Individuen 
billigerweise nicht strafbar sein kann, wenn nur durch 
sie nicht Rechte anderer verletzt werden — endlich daß, 
während die Gesetzgebongen von Frankreich, Ba7em, 
Württemberg und Hannover sogenannte widernatürliche 
Unzucht zwischen Männern nar dann strafen, wenn durch 
dieselbe Rechte anderer verletzt werden, das preußische 
om 14. April 1850 nicht nur die schweren 
I beibehielt, sondern sie auch — um den 
Iruck zu gebrauchen, — subjektiv so 
arte — so soll der vorliegende Brief ver- 
nachzuweisen, wie diese Theorie eich in 
; als undurchführbar erwies. 



— 49 — 

Die k. preußische Obertribunalsentscheidung vom 
1. Juli 1853 schoß gleich die erste Bresche in den § 143, 
und hielt ihre Ansicht auch durch wiederholte gleiche 
Entscheidungen prinzipiell aufrecht. Sie bestimmte, daß 
nicht nur ,yOnanie'', sondern auch ^^gegenseitige Onanie 
zwischen Mann und Mann straflos sei", und motivierte 
diese Entscheidung als Eonsequenz der Tatsache, daß 
gegenseitige Onanie auch zwischen Mann und Weib, wie 
zwischen Weib und Weib außer Strafbedrohung stehe. 
Man erstaunt, eine so richtige Schlußfolgerung dann aber 
doch nicht zu Ende geführt zu sehen. Was rechts- 
begrifflich für Freiheit gegenseitiger Onanie spricht, 
spricht doch auch für jeden weiteren zwischen Mann und 
Mann irgend möglichen aktiven wie passiven Akt, der 
ebenso möglich ist, wie er zwischen Mann und Weib 
häufig vorkommt, fUr diese aber stets straflos war? 
Jedoch das k. preußische Obertribunal hielt vielleicht die 
Imitation des Koitus zwischen Mann und Mann von ge- 
richtsärztlichem Standpunkte aus fbr zu gesundheits- 
schädlich, zugleich für nur zu leicht erkennbar und 
schrecklich in den Folgen, wollte daher etwa die männ- 
liche Jugend, besonders im kaum ausgereiften Knaben- 
alter, wenigstens vor ärgster Brutalität schützen. 

Da kam aber von 1853 an der Medizinalrat weiland 
Dr. Casper, und bewies durch seine aus vielseitigster Er- 
fahrung geschöpften, zahlreichen Beispiele, die er beson- 
ders in seiner „Vierteljahrsschrift für gerichtsärztliche 
Medizin^' publizierte, daß einesteils von den sogenannten 
Sodomiten die größte Überzahl all ihr lebelang bloß gegen- 
seitige Onanisten sind, also im Sinne der Obertribunals- 
entscheidungen ohnehin straffrei; daß aber andemteils, 
auch bei der Mehrzahl derer, welche der aktiven oder 
passiven Imitation des Koitus dringendst verdächtig seien, 
sich kaum irgend welche körperliche Spuren auffinden 
lassen, aus denen, werden die Täter nicht in flagranti 

Jahrbuch VII. 4 



— 50 — 

ertappt, der gewissenhafte Oerichtsarzt auch nur annähernd 
absolut den Beweis führen könnte, daß jene Tat zwischen 
beiden geschehen sei. Hierdurch war bewiesen, daß die 
Eonzession der Obertribunalsentscheidung allerdings ^/^^ 
der im Verdacht der Homosexualität stehenden zugute 
komme, und sie straflos machte, aber sie keineswegs vor 
Anklage und Untersuchung schützen könne. Denn so 
lange noch irgend ein Akt der Homosexualität, soweit er 
nicht Rechte anderer verletzt, strafbedroht ist, kann doch, 
besonders bei böswilliger Denunziation, nicht von vorn- 
herein bestimmt werden, welch ein Akt eigentlich be- 
gangen worden: ob einer der straffrei oder einer der 
strafbedroht sei. Es bleibt also nichts übrig, als den 
Angeklagten oder Verdächtigten zur Verantwortung zu 
ziehen, ihn einer, oft langen Untersuchungshaft zu unter- 
werfen, welche allein schon genügen kann, geschäftlich zu 
ruinieren, jedenfalls ihn bürgerlich zu entehren. Dann 
hängt es Yom Zufall oder der Laune des Oerichtsarztes 
ab, der sich im Parere an gewisse traditionelle körper- 
liche Symptome hält, ob nicht vielleicht der Unschuldige 
schuldig, der im Sinne des Gesetzes wirklich Schuldige 
freigesprochen werde, je nachdem der eine durch Spiel 
der Natur oder ganz harmlose Ursachen, z. B. Elystier- 
gebrauch zufällig das Symptom am Leibe trägt — trichter- 
förmiger sphincter ani — während der andere, trotzdem 
er diese Ausschweifung erduldet, keine körperlichen 
Spuren davon trägt. Aber Dr. Casper warnte vergeblich 
vor dem Trüglichen solcher Symptomologie; der bekannte 
Pariser Qerichtsarzt Dr. A. Tardieu, — schon allein 
aus Widerspruchssucht gegenüber deutscher „beschränkter'' 
Gelehrtenanschauung — schrieb sein bekanntes daten- 
reiches aber in den logischen Schlüssen stellenweise 
geradezu albernes Buch direkt gegen Casper und machte 
ein völliges System aus den durch ihn beobachteten 
Symptomen, ohne in seinem Eifer zu merken, daß, — 



— 51 — 

da in Frankreich ja sogenannte widernatürliche Unzucht 
nirgend strafbar ist^ als wo sie mit Rechten anderer in 
Konflikt kommt — der französische Spitalarzt gar nicht 
Gelegenheit habe, dieses ^,Laster'^ in der bürgerlichen 
Gesellschaft zu beobachten, sondern es bloß an jenen in 
Schmutz und Elend verlorenen Individuen männlicher 
Straßenprostitution tun kann, welche die Polizei zeitweilig 
zusammeniangt, um öffentlichen Skandal zu unterdrücken, 
und die sich also in der Tat in nichts von der weiblichen 
Prostitution gleich tiefer Versunkeoheit unterscheiden. 
Aber man wird doch in Sexualitätsfragen wissenschaft- 
liche Schlüsse nicht bloß aus ärgster Verkommenheit des 
Abhubs der Prostitution ziehen? 

Dr. Casper war es übrigens auch, der an Beispielen 
nachwies, daß diese sogenannte widernatürliche Unzucht 
keine besonders anderen, gesundheitsschädlichen Folgen 
haben könne, als eben jegliche Unzucht, voj'züglich, wenn 
sie übertrieben wird, und Unreinlichkeit des Individuums 
sie noch gefährlicher macht Endlich war Dr. Casper der 
erste, welcher vom rein medizinischen Standpunkte aus 
— auf Angeborensein dieses rätselhaften einseitigen 
Triebes, daher auf Straflosigkeit schloß. 

Ganz merkwürdige Aufschlüsse — wenn auch von 
vielen Trugschlüssen begleitet — gab uns aber 1860 des 
k. Polizeidirektors Dr. A. Stieb er „PraJ^tisches Lehrbuch 
der Kriminalpolizei'^ 19. Kapitel. Der Hauptsatz ist, daß 
„während im Oriente junge blühende Knaben Gegen« 
stand dieses Verbrechens seien, es in Deutschland an 
Männern, namentlich an Soldaten verübt werde. Es 
erlangte zuweilen eine Ausdehnung, die alle Vorstellungen 
weit übertreffe. Es existierten leider ganze Truppenteile, 
in denen die Soldaten sich durch solche Hingebung einen 
Nebenerwerb schafften. Meistens gerieten alte Wüstlinge 
auf diesen Abweg, jedoch käme es vor, daß auch jüngere 
Personen derartigen Versuchungen unterlägen. Solche 



— 52 — 

seien zumeist Ton heftiger Abneigung gegen das weib- 
liche Oeschlecht erfüllt; aber es gäbe einzelne Fälle 
Ton glücklich verheirateten Männern, die sogar Kinder 
zeugten, and doch heimlich diesem ,,Laster^^ verfallen 
seien. Zuweilen entwickelten sich zwischen Päderasten 
förmliche Liebesverhältnisse, auch Szenen wütendster 
Eifersucht von Männern. Sie schrieben sich Briefe 
feurigsten Inhalts und behandelten sich mit einer Auf* 
merksamkeit, welche an Galanterie grenzt. In großen 
Städten hätten sie bestimmte entlegene (?) Orte, an denen 
sie förmlich auf den Strich gingen. Es gäbe sogar ganz 
geistreiche, talentvolle und hochgestellte Männer von gut- 
mütigem, sogar edlem Charakter, welche diesem traurigen (?) 
Laster erlegen seien.'' Und der Autor setzt dann als 
Polizeibeamter hinzu: ,,Dies Laster schleicht aber so im 
Dunkeln, daß man gewöhnlich wenig davon bemerkt, und 
falls nicht irgend ein öffentliches Ärgernis entsteht, oder 
die Sache einen zu ausgedehnten Charakter annimmt, 
tut der Polizeibeamte wohl daran, in diese schmutzigen 
dunkeln Verhältnisse nicht zu tief einzudringen. Es 
kommt in der Regel nicht viel hierbei heraus, da bei 
solchen Taten beide Teile strafbar sind, Zeugen bei einer 
so versteckten Tat niemals zugezogen werden, also der 
Beweis des Verbrechens schwer zu konstruieren ist/^ 
Letztere Andeutungen eines so gewiegten Kriminalisten 
sind, wohl unbewußt, schon an sich die schärfste Kritik 
gegen den § 148 und sein Fortbestehen, da sie seine 
Zwecklosigkeit schon dadurch erweisen, daß, nachdem 
uns Dr. Casper gerichtsärztlich versichert, es ergeben sieb 
infolge dieser Unzucht keinerlei allgemein zutreffenden- 
körperlichen Symptome, welehe entscheiden lassen, ob 
bloß erlaubte gegenseitige Manustupration oder der noch 
straf bedrohte Akt selbst, aktiv oder passiv, verübt worden 
sei, uns nun auch ein so erfahrener Gerichtsbeamter da& 
Geständnis macht, daß polizeilich ebenso schwer sich 



— 53 — 

Anzeichen und Nachweise finden lassen, welche „Verhaf- 
tung des Päderasten rechtfertigen." Es liegt wie bei 
keinem andern Delikt die Möglichkeit erschreckend nahe, 
daß die im Gesetzsinne wirklich Schuldigen entwischen 
oder gar nicht bemerkt werden, daß dagegen gerade 
Unschuldige durch Zusammentreffen verdächtiger Um- 
stände von der Justiz bestraft werden. Wie viele Selbst- 
morde infolge bloßer Arretierung auf solchen Verdacht 
hin vorkommen weiß jeder gewiegte Polizist und Unter- 
suchungsrichter. Und die Statistik dürfte über die prak- 
tische Unzulänglichkeit und Gefährlichkeit des § 143 noch 
mehr erschreckenden Aufschluß geben. Bevor wir jedoch 
dieser statistischen, in der vorliegenden Frage freilich 
höchst trüben Quelle, unsere Aufmerksamkeit zuwenden, 
soll nur noch bezüglich der von Dr. Stieber aufgestellten 
Charakteristik bemerkt werden, daß allerdings seine an- 
fangs Editierten Beobachtungen überraschend richtig sind, 
richtiger als je vor ihm das Gefasel einiger theoretischer 
Oelehrten, wie das des Pessimisten A. Schopenhauer. 

Jn der Tat, während in allen Südlanden diese 
Neigung sich besonders der reifen Enabenschönheit zu- 
wendet, durch sie allein inflammiert wird, die Griechen 
sogar diese Gegenseitigkeit unter bebarteten Männern 
für schmachvoll und ehrlos hielten, herrschte dieselbe 
Neigung in allen Nordlanden nicht minder heftig vor, 
aber fast nur alte Männer, welche früher sich der Normal- 
sexualität hingaben, Sinn fürs Weibliche nicht ganz los 
wurden, welchem der Knabe und Jünglirg noch ziemlich 
entspricht, oder geradezu Künstlernaturen werden durch 
das morphologisch Zartere, Schüchterne, Bartlose fasziniert; 
die weitaus größere Mehrzahl aller Nordländer, welchen 
diese Neigung angeboren ist, haben eben solchen Horror 
▼or dem Knabenhaften, Weiberhaften im eigenen Ge- 
schlechte, und um so mehr Leidenschaft nicht für den 
^üngling^^ sondern filr den „Burschen'', zu welch 



— 54 — 

letzterer Kategorie die Soldaten zumeist zählen, ja für 
den Mann, sogar für den reiferen Mann, wenn dieser 
die Tierzig schon zurückgelegt hat. Ist nun der homo 
sexuelle Trieb an sich ein höchst sonderbares Natur- 
rätsel, so ist er das gewiß noch weitaus mehr als Neigung 
für das direkt Männliche^ Ausgereifte, Bebartete und 
Muskulöse. Übrigens gibts ja auch unter uns Normal- 
sexualen Männer wie Weiber, welche nur ffir das Reife, 
ja Überreife Sinn haben, die als Männer gegenüber 
Mädchen, als Weiber gegenüber noch so schönen Jüng- 
lingen kalt bleiben. Jedenfalls aber ist die Richtung, 
welche diese Neigung im Norden nimmt, eine große 
Beruhigung für die allzubesorgte Gesellschaft, daß die 
Enabenverfuhrung nicht allzusehr einreiße, und dieser 
merkwürdigen Tatsache gegenüber ist die staatliche Be- 
vormundung logisch noch unberechtigter. Denn wenn 
es sich nur um Personen handelt, welche bereits alle 
bürgerlichen Rechte genießen und ausüben, bei denen 
Verantwortlichkeit und Kraft der Selbstbeherrschung 
vorausgesetzt wird, denen zudem straflos jeglichen Akt 
sogenannter natürlicher wie widernatürlicher Unzucht zu 
begehen freisteht, so wirkt es geradezu komisch, sich 
vorzustellen, daß bei so selbständigen Staatsbürgern der- 
selbe Akt verübt mit einem Weibe erlaubt, dagegen 
verübt mit einem Manne oder erduldet durch selben, 
ein kaum zu sühnendes Verbrechen sei. Und hier 
ist zugleich der Punkt, bei dem selbst ein so scharf- 
sinniger Beobachter, wie es der frühere k. Polizeidirektor 
ist, zu anthropologischen wie polizeilichen Fehlschlüssen 
kam. Er sagt nämlich: ^,Gewöhnlich fröhnt nur der 
aktive Päderast einem sinnlichen Genuß, der passive gibt 
sich lediglich aus Gewinnsucht preis.^' Dieser Satz 
nimmt also keine Rücksicht auf die Hauptsache, daß 
diese — so unzutreffend Päderasten d. i. Knabenliebhaber 
— genannten nordischen Homosexualisten zu ®/io über- 



— 55 — 

haupt nur gegenseitige Manustupration treiben, welche 
doch unmöglich bloß einseitigen Genuß ergeben kann. 
Jedoch bei der aktiven wie passiven Imitation des Koitus, 
wenn sie zwischen zwei Homosexualisten erreicht wird, 
findet stets gegenseitiger Genuß statt — was schon 
daraas hervorgeht, daß so viele Passive sich Aktive direkt 
aushalten und sie schwer bezahlen — und auch der, 
welcher sich bloß aus Eigennutz passiv hergibt, muß — 
trotzdem er dieselbe Tat mit dem Weibe vorziehen mag 
— doch auch umgekehrt mehr Genuß als Pein davon 
haben, denn zu bloßen Leiden ohne Mitbefriedigang, 
z. B. dazu sich einen Zahn für Geld herausreißen zu 
lassen, gibt niemand sich freiwillig wiederholt her, 
höchstens ist er ein erstes Mal hierzu zu übertölpeln. 
Jedoch, daß die Gewinnsucht nebenbei auch in solchen 
Verhältnissen eine Hauptrolle spielt, ist doch nicht zu 
verwundem, da sie eine noch weitaus stärkere in der 
Normalsexualität spielt and uneigennützige, opferfahige 
Liebe doch gewiß am wenigsten auf dem Gebiete der 
Unzucht zu suchen ist, sei es der sogenannten natürlichen 
wie sogenannten widernatürlichen. 

Erlauben Euer Exzellenz nun für diesmal zum Ab- 
schluß auch auf die statistisch erforschbaren Resultate 
hinzuweisen, welche seit 18 Jahren durch jenen § 143 
in der Gerichtspraxis Preußens erzielt wurden. Hierüber 
liegen leider keine detaillierteren Ausweise vor als die 
über die Schwurgerichtsverhandlungen von 1854 — 1865, 
herausgegeben durch das k. Justizministerium in der 
k. Geh. Oberhof buchdruckerei zu Berlin, 7 Bände 4°. 
Diese weisen aus 1854 auf 8500 zur Verhandlung ge- 
kommene Verbrechen 399 Verbrechen gegen die Sittlich- 
keit, also 57o; 1855 ist das Verhältnis auf 9663: 3 7^, 
nämüch 325; 1856 auf 9856 Fälle 47^, nämlich 414; 
1857 gab es auf 7550 Fälle 87^, d. i. 569; 1858 zu 
6021:107^, oder 587; 1859 zu 6532 :97o, oder 580; 



— 56 — 

1860 auf 6920: 87o, d. h. 550; 1861 auf 7374 Verbrechen 
77o, nämlich 551; 1862 auf 7548:87o> oder 683; 1863 
auf 7645: 9 7o, oder 714; 1864 auf 7435: 9 7^, oder 695; 
und 1865 auf eine Summe von 8154 zur Verhandlung 
gekommenen Verbrechen 97o> oder 774 Fälle von Ver- 
brechen gegen die Sittlichkeit. Also in 1 2 Jahren waren 
unter 93225 zur Verhandlung gekommenen Verbrechen 
bloß 6789, demnach beinahe bloß 67^, überhaupt und 
allgemein gesagt ^^Verbrechen gegen die Sittlichkeit'', 
während allein die „Verbrechen gegen das Eigentum** 
alljährlich gut 44 — 56 7o cter Gesamtanklagen überstiegen. 
Unter „Verbrechen gegen die Sittlichkeit*' werden aber 
alle Taten begriffen, welche die §§ 139—151 des Pr. Str.G.B. 
mit Strafen bedrohen, also: Ehebruch, Bigamie, Blut- 
schande in allen Graden, Mißbrauch durch Vertrauens- 
personen, Beamte und Ärzte, Gewalt, Notzucht, Verführung 
unreifer, Trauungsvorspiegelung, gewerbsmäßige Unzucht, 
Kuppelei, Verführung von Mädchen bis zu 16 Jahren; 
öffentliche Verletzung der Schamhaftigkeit; Verbreitung 
unzüchtiger Bücher oder Bilder; und endlich beide bis 
jetzt noch strafbare Arten der sogenannten widernatür- 
lichen Unzucht zwischen Mensch und Tier, und unter 
männlichen Individuen. Da haben wir demnach gering 
gerechnet 15 verschiedene straf bedrohte Beate, welche 
die Statistik unter den EoUektivtitel zusammenfaßt, und 
trotzdem konnten auf 19^4 Millionen Preußen in 
12 Jahren nur insgesamt 6789 solcher Verbrecher nach- 
gewiesen werden, derart, daß — nach 0. Hausners 
vergleichender Statistik von Europa — auf 39500 
preußische Untertanen bloß je ein Unzuchtsfall kam, 
während dies in Osterreich schon auf 20000, in Frank- 
reich auf 36000, in Bayern auf 37000 der Fall war. Da 
wir es mit 15 Reaten unter einem Titel zu tun haben, 
worunter Notzucht, Gewalt, sowie öffentliche Verletzung 
der Sittlichkeit ohnzweifelhafb die stärksten Zahlen 



— 57 — 

lieferten, so ist es wohl nicht zu tief gegriffen, wenn 
angenommen wird, daß unter den in 12 Jahren zur Ver- 
handlung gekommenen 6789 Fällen verschiedener Ver- 
brechen gegen die Sittlichkeit kaum 600 Fälle der sodomia 
sexus wie sodomia generis waren, welch letztere wie an- 
erkannt in Preußen überhaupt so selten vorkommen, daß 
sie kaum nennenswert sind. 

Dies Zahlenverhältnis läßt nur zweierlei Schlüsse zu: 

Entweder ist die Handhabung des § 143 in der 
Praxis unendlich milder und nachsichtiger, als in der 
Theorie nach dem Wortlaute des Paragraphen; 

oder, die strafgerichtliche Verfolgung steht in keiner- 
lei auch nur annäherndem Verhältnisse zu den durch sie 
strafbedrohten Handlungen. 

Denn wer die Verhältnisse unserer großen wie kleinen 
Städte, und auch die auf dem Lande tiefer kennt, und 
realistischer, als bisher, wie es scheint, sowohl unsere 
Gresetzgeber, wie die Männer der Wissenschaft überhaupt 
orteilt, der wird sich kaum täuschen, wenn er approxi- 
mativ z. B. auf die 700000 Bewohner Berlins allein 
10000 Homosexualen rechnet, welche wohl die Woche 
einmal sich zu Handlungen verleiten lassen, die, trotz 
der Eonzession der Obertribunalsentscheidung vom I.Juli 
1853, stündlich aller Gefahr der durch §' 143 angedrohten 
Verfolgung ausgesetzt sind. Das ergäbe also bloß in 
Berlin 520000 Fälle jährlich, welche Sühne zu fürchten 
haben — und dieser Überzahl gegenüber wies die Berliner 
Sittenpohzei — nach der bekannten Broschüre „Die öffent- 
liche Sittenlosigkeit" — als im Jahre 1867 zur Anzeige 
gekommen nach: 57 Fälle „widernatürlicher Unzucht". 
Zu einer Verurteilung kam es bloß in 18 Fällen, während 
man in 35 Fällen „Abstand" nahm und 4 „unerledigt^- 
blieben, aber keine einzige direkte Freisprechung erfolgte. 
Im Jahre 1868 kam aber in ganz Berlin bloß ein Fall 
„widernatürlicher Unzucht" überhaupt zur Anzeige! 



'jrtl^rt» 



\ 



— 59 — 

Verbrechen erklärt worden waren, was dann durch das 
historische Christentum — nicht durch die Lehre 
Christi — bis zum Aberwitz der Erbsünde, des Ver- 
brechens und der Unreinheit gesteigert wurde — die 
Kirchenväter und Anachoreten zur Selbstverstümmelung 
führte — die Doktrin des Jungfernzustandes veranlaßte 
und alle fleischlichen Gelüste als Versuchung des Teufels 
und Signum der Häresie erscheinen ließ, während später 
durch das hierarchische Christentum das Zölibat und 
das Eategorisieren der größeren und kleineren Sünden 
hinzukam, nachdem dann durch die Reformation der 
Gegenstoß erfolgte, der die legitime Ehe allein sanktio- 
nierte, aber das Amathema aussprach über alle anderen 
Ausschweifungen als „widernatürliche" und doch in die ; 
Lehren von der Erbsünde, dem Bund mit dem Teufel/ 
und der Hexerei zurückfiel — nachdem also derartig 
jahrtausendelang diese Begriffsverwirrung mit blutijgstem 
Fanatismus geherrscht, chamäleonartig in neuen Phasen 
orthodoxer Blindheit geschillert, und Millionen von un« 
schuldigen Opfern verschlungen hatte, — war es dem 
19. Jahrhundert vorbehalten, während der zurückgelegten 
G9 Jahre, diesem gräßlichen Bann zu entkommen und 
den scheußlich übertriebenen Popanz wieder auf seine 
normale Naturwahrheit zurückzubringen. Es haben sich 
also nach und nach sowohl über Unzucht an sich, wie 
über sogenannte widernatürliche, folgende Anschauungen 
als Grundwahrheiten wie als Resultate praktischer Er- 
fahrungen Bahn gebrochen: 

1. Der moderne Rechtsstaat, der nur Rechte zu 
schützen, sonst aber keinerlei Nebenaufgaben hat, für 
welche andere Organe in der Gesellschaft vorhanden und 
berufen sind, hat sich um Geschlechtsfragen nirgend zu 
kümmern, wo durch selbe nicht Rechte anderer ver- 
letzt werden. 

2. Da der moderne Rechtsstaat sich auf der Eon« 



— 60 — 

Sequenz dieses Prinzips aufbaut^ daher unter der Be- 
dingung, daß dadurch nicht Rechte anderer verletzt 
werden^ sich auch schon längst nicht mehr um alle 
anderen Arten von sogenannter natürlicher^ wie so- 
genannter widernatürlicher Unzucht kümmert^ und Koitus, 
jede sonstige Figura Veneris, einsame Onanie wie so- 
genannte Sodomie zwischen Mann und Weib wie zwischen 
Weib und Weib nicht mit Strafe bedroht, so kann er 
auch logisch und rechtlich keine Ausnahme allein bei 
sodomia generis und sodomia sexus zwischen Mann und 
Mann machen. 

3. um so weniger, als in allen Sexualitätsfragen die 
Ungebundenheit der modernen Gesellschaft eine solch 
ausgebreitete wurde, daß die Majorität hierin überhaupt 
tut, was ihr beliebt, und dem gegenüber der Staat sich 
nur auf Wahrung der Rechte anderer zu beschränken hat 

4. Um so weniger, da uns die Geschichte lehrt, daß 
der Homosexualismus neben dem Normalsexualismus stets 
und überall unter allen Rassen und Elimaten vorhanden 
war und ist, und sich auch durch die bestialischesten 
Verfolgungen nicht unterdrücken läßt 

5. Weil ferner sowohl durch diese Tatsache wie 
durch das Wesen dieses Triebes, seine Sympathien wie 
Antipathien, evident wird, daß er in einem launenhaften 
Naturrätsel wurzelt, also weder Willkür noch bloß Raffine- 
ment, sondern ein angeborener, daher ununterdrück- 
barer Trieb sein dürfte. 

6. Diese Annahme bestärkt sich noch durch die 
historische Tatsache^ daß so viele bedeutende und edle 
Charaktere unserer allgemeinen Geschichte dieses ein- 
seitigen Triebes teils verdächtig, teils überwiesen sind, 
welcher, wäre er kein angeborener, daher ein unterdrück- 
barer, sich doch weder mit den übrigen geistigen wie 
physischen Fähigkeiten so bedeutender Männer zusammen- 
reimen ließe, noch bei reichen und mächtigen Personen, 



— 61 — 

wo die freie Wahl des Genusses unbeschränkt war, vor- 
kommen würde. 

7. Dieser unleugbaren Tatsache gegenüber müßten 
wir entweder unsere Eulturbegriffe in solchen Wider- 
spruch bringen, daß wir dieselben Leute, die wir geistig, 
wie ihres historischen Charakters wegen so hoch schätzen 
und verehren, zugleich auch für völlig würdig der Ent- 
ehrung durchs Zuchthaus halten; oder wir müßten 
zweierlei Recht erfinden, eines für die geistig und sozial 
Mächtigen, ein anderes für all die übrige Menschheit. 

8. Es kommt aber nicht vor, daß wir hundertweise 
bedeutende Träger der geistigen wie weltlichen Geschichte 
herzählen können, welche solcher Verbrechen, wie Raub, 
Mord, Diebstahl, Fälschung und Betrug fähig waren, 
also liegt hier das Verbrecherische in unserer Annahme, 
nicht in deren eigenem angeborenem Rechtsgeflihle. 

9. Wenn in Ausschweifung, Unzucht, Unfläterei, wie 
in jeglicher Unmäßigkeit und Gier „eine Entartung und 
eine Herabwürdigung des Menschen liegt'', so kann das 
doch wohl nur fELr jeglichen Akt der Unzucht gemeint 
sein; am wenigsten aber ist von solchem Standpunkte 
aus ein und dieselbe Tat als straflos zu entschuldigen, 
wenn begangen zwischen Mann und Weib oder Weib 
und Weib, zugleich aber entsetzlichstes Verbrechen, verübt 
zwischen Mann und Mann! 

10. Hat die endliche nähere Untersuchung des so 
lange ungehört verdammten Deliktes überdies zur Evidenz 
bewiesen, daß fast 7io ^^^^ Homosexualisten sich bloß 
einfach der gegenseitigen Manustupration ergeben, die 
doch unmöglich straf bedroht sein kann, indem sie ja 
jedem Individuum einzeln als Naturrecht zusteht, und 
auch gegengeschlechtlich straflos verübt wird. 

11. Bei der leider so riesigen Ausbreitung aber, 
welche, besonders infolge der abschreckenden Lehren der 
Prüderie, die einsame Onanie in unseren Zeiten gewonnen 



— 62 — 

hat, und bei der ungemeinen Schädlichkeit dieser egoisti- 
schen Feigheit für körperliche und geistige Gesundheit 
und den Gemütszustand, ist gegenseitige Manustupration 
noch Bettung und menschlich gemütsreicher zu nennen; 
denn ihr Motor ist doch nicht bloß die Phantasie — 
daher sind ihre Folgen auch physisch und moralisch ge- 
fahrloser; denn bei jeder menschlichen Gegenseitigkeit 
tritt doch nie eine solche Gemütskälte als Folge ein, wie 
bei einsamer Auspumpung der Lebenswärme. 

12. Ans allen diesen Gründen erklärte denn auch 
der Entscheid des k« Obertribunals vom 1. Juli 1853 
gegenseitige Onanie unter Männern für straffrei. 

13. Somit hatte der § 143 überhaupt nur noch Sinn 
gegen sogenannte widernatürliche Unzucht zwischen Tier 
und Mensch, und gegen direkte Imitation des Koitus 
unter männlichen Individuen. 

14. Die Praxis hat aber gelehrt, daß in unseren 
Kulturzuständen Unzucht zwischen Tier und Mensch über- 
haupt sehr selten yorkommt, daß sie nie aus Leidenschaft, 
sondern stets nur entweder aus Mangel an gegengeschlecht- 
lichen Personen, oder aus Langerweile und Übermut in 
einsamen Stunden und zudem stets von Personen so 
primitiven Selbstbewußtseins verübt wird, daß solchen eine 
Kenntnis der Strafgesetze keinesfalls zuzumuten ist 

15. Die Praxis hat dagegen mit Bezug auf sodomia 
propria zwischen Mann und Mann gelehrt^ daß es polizei- 
lich höchst schwer und selten ist, werden die Täter nicht 
in flagranti ertappt, gerade diesen Akt nachzuweisen, und 
daß es gerichtsärztlich noch schwerer ist, körperliche 
Symptome als positiv nur aus dieser Handlung herrührend 
aufzufinden und zu bezeichnen, daher der gewissenhafte 
Gerichtsarzt sich fast stets eines bestimmten Urteils ent- 
halten muß. 

16. Aus alledem ergibt sich der schreiende Gegen- 
satz zwischen der Praxis und der Theorie, daß Tausende, 



— 63 — 

ja Hunderttausende im Stillen Taten ausüben — täglich 
— stündlich — , welche nun einmal noch strafbedroht 
sind, deren Strafe sie sich aber durch ihre Stellang, ihr 
Vermögen, die Behaglichkeit ihres Privatlebens und durch 
hundert andere Vorteile leicht entziehen können, während 
bloß der einzelne, das Opfer der Denunziation oder 2;u- 
fälligen Unglücks, zum Märtyrer und Sündenbock für die 
gesicherte Majorität wird, schon durch die bloße Unter- 
suchungshaft geschäftlich ruiniert, familiär brouilliert, 
sozial entehrt ist, weshalb ihn auch Freisprechung nicht 
rehabilitiert und er obendrein, wird er par hazard schuldig 
gefunden, eine schwere peinliche und entehrende Strafe 
zu erleiden hat, wie verhältnismäBig nicht der wirkliche 
Verbrecher. 

17. Daß dieser traurigen Möglichkeit aber auch der 
Entscheidung des k. Obertribunals durchaus nicht yor- 
beugt; denn vor geschlossener Untersuchung ist kaum 
festzustellen, ob erlaubte gegenseitige Manustupration 
oder noch strafbedrohte sodomia sexus vorliegt. Da auf 
letztere so schwere Strafe gesetzt ist, so kann ihre Mög- 
lichkeit nicht ununtersucht bleiben. Es genügt also die 
nächstbeste anonyme Denunziation, auf daß der Faden 
des Damoklesschwerts — des § 143 — reiße, und daß 
nicht bloß solch ein Homosexualer, welcher nur gegen- 
seitige Manustupration zu treiben pflegt, sondern etwa 
auch ein nach jeder Richtung hierin völlig schuldloser 
Normalsexualer der ganzen an sich schon entehrenden 
und Schaden bringenden Voruntersuchung unterworfen, 
und über Taten kriminalistisch zur Verantwortung ge- 
zogen wird, welche — täglich, stündlich, sogenannt natür- 
lich, wie sogenannt widernatürlich — alle Welt straflos 
begeht; und alle die dies tan, tragen in diesem Sicher- 
heitsgef&hle das Haupt hoch, sitzen etwa gar noch als 
Geschworene über solch Unglücklichen zu Gericht, dik- 
tieren ihm die schwersten und entehrendsten Strafen, weil 



— 64 — 

jener dieselbe Tat, aber nicht mit Personen desselben 
Geschlechts verübte! 

18. Dieser empörende Nonsens steigert sich zu noch 
empörenderem bewußten Unrecht mit Bezog auf unsere 
Zeit und unsere heutige Gesellschaft: 

a) in welcher die Ehe kaum einem Drittel der Staats- 
bürger möglich ist^ 

b) die durch das Gespenst der Übervölkerung in 
beständiger Angst gehalten wird, doch aber die unfrucht- 
bare Vergeudung eines Tropfens Samen für Verbrechen 
hinstellt, 

c) welche schon seit Jahrhunderten durch die ent- 
setzliche Geißel der Lustseuche gequält worden ist, so 
daß nicht nur die Gesundheit des Individuums schwer 
bedroht ist, sondern auch die aller nachkommenden 
Generationen, ohne daß gegen diesen sozialen Vampyr 
Strafgesetze existierten, um seine Weiterverschleppung zu 
verhindern, oder die Wissenschaft bis jetzt ein spezifisches 
Mittel kennte, oder wir in unserer prüden Feigheit 
allgemeine und rationelle Maßregeln ergriffen hätten, 
um dem furchtbaren Umsichgreifen etwa doch Einhalt 
zu tun. 

d) Andemteils verschulden und erklären gerade die 
Furcht vor dieser Geißel des Normalsexualismus, und da- 
neben die den Homosexualismus zum Verbrechen stempeln- 
den Strafgesetze die schreckenerregende Ausbreitung der 
körperlich wie geistig überaus gefährlichen einsamen 
Selbstbefleckung, so daß vielleicht ein Drittel männlicher 
wie weiblicher Personen unserer Gesellschaft diesem wahr- 
haft entnervenden Körper, wie Seele verkümmernden Laster 
verfallen sind; 

e) femer haben unsere sozialen Verhältnisse die Not 
und Erwerbsschwierigkeit in unseren Städten, das täglich 
mehr erwachende Bewußtsein des allgemeinen Rechts auf 
Existenz und Genuß gegenüber dem täglich provozierender 



— 65 — 

m 

um sich greifenden Luxus , längst schon so manches 
frähere Bedenken als Vorurteil überwunden; Millionen 
Yon Menschen geben ihren Körper ungeniert den gefähr- 
lichsten, unflätigsten, erschöpfendsten, peinlichsten und 
nach alten Begriffen auch entehrendsten Zumutungen 
gegen Lohn preis, so daß ein Verkaufen des Körpers 
zu gegenseitigem Genüsse doch kein Verbrechen sein kann. 

f) Endlich ist es in Zeiten, in welchen das unschul- 
dige, schwache Weib aller und jeder Verführung preis- 
gegeben ist, der Schwängerung, der Krankheit, dem Tode, 
oder dem Elende, der Vergiftung aller Zukunft und jeg- 
licher Demoralisierung, ohne daß sich die Staatsgewalt 
im geringsten darum bekümmert, wenn nur dadurch 
nicht Bechte anderer gekränkt werden, geradezu lächer- 
lich, das von Natur physisch und moralisch stärkere 
männliche Geschlecht durch Drakonismen vor seines- 
gleichen schützen zu wollen, in der Mehrzahl harmlose 
ünflätereien zu entsetzlichen Verbrechen zu stempeln, 
mit so hohem Strafmaß und so entehrend zu bestrafen, 
während dieselbe Staatsgewalt denselben männlichen Li- 
dividuen gegenüber sich nicht im geringsten darum be- 
kümmert, daß sie fast ohne Ausnahme schon in den 
Schulen und völlig unreif der einsamen Selbstbefleckung 
verfallen, kaum reif vom nächstbesten Weibe verführt, 
entkräftet» krank gemacht, durchseucht und zu jeglicher 
Art der sogenannten natürlichen wie widernatürlichen 
Unzucht mißbraucht werden können, ohne daß irgendein 
Teil Straf bedrohung zu fürchten hätte, und bei derselben 
Tat, verübt zwischen männlichen Personen, beide Teile 
gleich schwer straffällig sind, nicht nur der Verführer, 
auch der Verführte! 

Alle diese jegliche Logik und alles Rechtsgefühl 
empörenden Widersprüche bewogen denn im Laufe dieses 
Jahrhunderts auch bereits die Legislativen von Frankreich, 
Bayern, Belgien, Württemberg, Hannover, nun ebenfalls 

Jalirbueh VII. 5 



— 66 — 

von Osterreich, die sogenannte widernatürliche Unzucht 
der sogenannten natürlichen Unzucht völlig gleich zu 
stellen, d. h. sie nur in den Fällen mit Strafen zu be- 
drohen, in welchen durch sie Rechte anderer verletzt 
werden. 

Sßjährige Praxis in Bayern, 30jährige in Württem- 
berg, 26jährige in Hannover haben jedem zur Evidenz 
bewiesen, daß die sittlichen Zustande durch diese Toleranz 
in nichts sich verschlimmerten. 

Es war also mit vollstem Rechte zu erwarten, daß, 
nachdem durch die Ereignisse von 1866 eine legislative 
Einigung des größten Teils von Deutschland erzielt 
worden, — und Preußen an die Spitze gekommen war, 
das sich selbst den „Staat der Intelligenz^' nennt, dessen 
Strafgesetzbuch von 1851 ohnehin im Hauptteile des 
§143 durch Entscheidung des k. Obertribunals schon 
paralysiert ist, und wo die Praxis längst schon gemäßigter 
auftritt als die Theorie — daß endlich die mittelalter- 
liche Rechtsreminiszenz, gleich dem früheren Hexenprozeß 
ganz getilgt, und das Strafgesetzbuch für den Nord- 
deutschen Bund von diesem Makel des Unrechts ganz 
rein sein werde. Und das war um so mehr unter einem 
preußischen Justizminister zu hoffen, der, als früherer 
hannoverscher, schon in seinem Heimatlande diese juri- 
stische Reform durchgeführt hatte und ihre praktischen 
Resultate kennt! 



Die erbliche Belastung 

des Zentralnervensystems bei Uraniern, 

geistig gesunden Menschen und 

Geisteskranken. ') 



Von 
L. S. A. M. T. BOmer, 

Nerrenarzt lu Amsterdam. 



*) Dieser Artikel ist ein Teil meiner größeren Arbeit: „Die 
uraniBche Familie", welche epftter bei dem Verleger G. P. Tierie, 
Amsterdam, erscheinen wird. 

Unter „uranische Familie*' verstehe ich eine Familie, in der 
ein Uranier vorkommt. 

5* 



Es scheint mir von höchster Wichtigkeit fbr die Er- 
kenntnis des Uranismas zu sein, daß man untersucht, 
wie es sich mit der Aszendenz des üraniers verhält. In 
einer umfangreichen Monographie, welche demnächst er- 
scheinen soll« habe ich so genau es bei dem vorliegenden 
Material^) möglich war, in verschiedenen Punkten die 
Aszendenz des üraniers im Vergleich zu der des Durch- 
schnittsmenschen studiert und bin zu folgenden Schlüssen 
gekommen: 

1. daß der Uranismus in einem Minimum von 2% 
und in einem Maximum von 33 7^ vorkommt; 

2. daß der Uranismus mindestens in 35^0 ^^^ Fälle 
familiär vorkommt; 

8. daß der Typus der umischen FamiHe im Vergleich 
zu dem anderer Familien (vergleiche die Untersuchung 
Orschanskys) sich darin dokumentiert, daß die Unter- 
scheidung der Geschlechter mehr nach der Richtung 

Neben meinem eigenen in Holland gesammelten Material 
hat Herr Dr. Hirsch feld mir in Hebens wQrdigster Weise das 
Fragebogenmaterial zur Verfügung gestellt Ihm meinen herz- 
lichen Dank dafdr auszusprechen, fühle ich als ehrenvolle Ver- 
pflichtang. Neben ihm bin ich großen Dank schuldig den Herren 
Dr. jur. Jonkheer Schorer, Adolf Weber, Otto Müller^ 
Janeck y. Chylinski in Berlin, für das Kopieren und Ordnen 
der Antwortzettel, und Herren Arzt M. A. Ittmann, cand. med. 
Heinz Pitsch, cand. med. Poser, stud. med. Floris Jansen, 
Herrn R. Doting, alle in Amsterdam, für die vielen Berechnungen 
und Tabellierungen, bei denen sie mich unterstützt haben, endlich 
Herrn Dr. med. Burchard, Nervenarzt in Berlin, für die Durch- 
sicht des deutschen Textes. 



— To- 
des Geschlechtstriebes als nach den Oenitalien zu ge- 
schehen hat; 

4. daß der Altersunterschied zwischen den Eltern 
meist viel größer ist, als bei den anderen Familien; 

5. daß aber in den uranischen Familien die all- 
gemeine erbliche Belastung nicht größer ist als in 
anderen; 

6. daß bei den uranischen Familien Carcinom viel 
häufiger als Tuberkulose vorkommt, und in den anderen 
Familien gerade das Umgekehrte der Fall ist; 

7. daß die Möglichkeit für die Entwicklung eines 
Uraniers in dafür disponierten Familien größer wird, 
wenn der Zeitpunkt der Erzeugung des Kindes dem 
absoluten oder relativen Ende der Produktivität der Eltern 
näher rückt; 

8. daß ein solches Kind in der übergroßen Mehrzahl 
der Fälle schon von frühester Jugend ab Eigenschaften 
und Eigentümlichkeiten zeigt, welche in größerer Über- 
einstimmung mit einem Individuum des anderen Ge- 
schlechts — nach dem Standesregister — stehen würden; 

9. daß die Entwicklung eines Uraniers jeder anderen 
EntwickluDgsanomalie, welche zur Bildung von Varietäten 
führt, gleichgeachtet werden muß; 

10. daß in Übereinstimmung damit keine Zufällig- 
keiten oder Umstände, welche es auch sein mögen, fähig 
sind, eine Person in der Entwicklung nach der Geburt 
zu einem wirklichen Uranier zu machen, es sei denn daß 
die angeborene Prädisposition da war, und dieselben also 
nur als auslösende Momente, aufgefaßt werden können 
und müssen, nie aber als Ursache. 

Zur Begründung und Deduktion dieser Schlüsse ver- 
weise ich auf meine Monographie; hier will ich nur einen 
Teil meiner Untersuchungen, namentlich über die heriditäre 
Belastung bei geistigen Abnormitäten, geben. 

Das Vergleichsmaterial habe ich in einer Studie 



— 71 — 

Jenny Kollers^) gefunden; auf der Tabelle VII ^ habe 
ich die Eoll ersehen Zahlen unter den Rubriken B und C 
und unter A die Zahlen, welche aus meinem Materiale 
stammen^ eingetragen. Ich habe unter „auffallende 
Charaktere^' auch die Familienglieder mit aufgenommen, 
welche in meinem Materiale als üranier angeführt sind^ 
da ich dadurch^ daß ich dieselben hier unterbrachte, am 
allerwenigsten einer vorgefaßten Meinung Folge zu leisten 
glaubte, und tatsächlich für nicht Sachverständige üranier 
meistens nur als Sonderlinge erscheinen werden. 

Obwohl man natürlich mit diesen relativ beschränkten 
Zahlen sehr viel Vorsicht üben muß, glaube ich doch, 
daß es höchst interessant sein muß, das Besultat dieser 
Vergleichungen näher zu betrachten. Sicher wird der 
gesamte Prozentsatz der Belastung bei Uraniern zu niedrig 
sein; es wird hier die relativ kleine Anzahl der unter- 
suchten Fälle störend wirken. Aber in jedem Falle ist 
anzunehmen, daß in Wirklichkeit der Prozentsatz eher 
mit dem bei geistig gesunden Menschen als mit dem bei 
geistig Kranken übereinstimmen wird. 

Eine einfache Berechnung lehrt uns schon, daß bei 
den 101 üraniem, welche fehlen, um ihre Anzahl auf 
370 Personen zu bringen, die erbliche Belastung im 
Durchschnitt doppelt so schwer sein müßte, als bei den 
übrigen 269, damit ihre Belastung derjenigen der Geistes- 
kranken gleich würde, was doch nicht sehr wahrscheinlich 
zu nennen ist 

Daß die Angaben der drei Kategorien gleiche Glaub- 



^) Jenny Koller, Beitrag zur Statistik der Geisteskranken 
im Kanton Zürich; Yergleichung derselben mit der erblichen Be- 
lastong gesander Menschen darch Geistesstörungen u. dergl. (Aus 
der psychiatrischen Klinik in Zürich, Prof. Dr. Forel). Archiv 
f. Psychiatrie und Nervenkrankheiten 17. Bd., 1895, S. 268—294. 

'J Diese Zahl kommt daher, das diese Tabelle die siebente 
aus meiner Monographie ist. 



— 72 — 

Würdigkeit verdienen , ergiebt sich schon aas dem (Im- 
stande, daß bei den Fällen, wo man überhaupt vergleichen 
kann, d. h. wo z. B. sowohl für Väter als für Mütter 
Zahlen angeführt sind, immer in A, B und C Über- 
einstimmung in dem Verhältnis zwischen väterlicher und 
mütterlicher Belastung besteht 

Um eine viel deutlichere Übersicht über den Sach- 
verhalt zu bekommen, habe ich die Zahlen aus Tabelle VII 
graphisch in Kurven dargestellt Auf Tabelle VIII 
sind die prozentualen Totalzahlen nach den Familien- 
beziehungen durch Kurven abgebildet. 

Die punktierte Kurve gibt die Verhältnisse bei den 
geistig gesunden Menschen, die durchzogene Kurve die 
bei den üraniern und die unterbrochene Kurve die bei 
den Geisteskranken. 

Die römische Zahl I giebt als Ordinate den heriditär 
belastenden Prozentsatz 

I der Väter, 
n „ Mütter, 

III „ Großeltern, 

IV „ Geschwister, 

V „ Onkel und Tanten. 

Auch aus diesen Zeichnungen geht die Glaub- 
würdigkeit der Angaben deutlich hervor. Denn, wenn 
wir von sehr belastenden Großeltern ausgehen, können 
wir erwarten, daß auch die Onkel und Tanten, d. h. die 
Geschwister des Vaters und der Mutter der untersuchten 
Person ebenfalls sehr viele derartige stark belastende 
Eigenschaften zeigen werden; und, wenn wir mit weniger 
belastenden Großeltern anfangen, werden wir — mutatis 
mutandis — das entsprechende Resultat erwarten können. 

Für das erstere sind nun die Punkte A und B 
Beispiele in der Aszendenz der geistig gesunden, vom 
letzteren resp. a und /9, und a, b. 



— 73 — 

Die Kurve C, D, A, E, B gibt zugleich ein hofinungs- 
Yolles Bild) bezüglich der Möglichkeit, bei einem dafür 
günstigen Individuum durch Heirat eine Nachkommen- 
schaft zu erzielen, die unter günstigeren Bedingungen 
steht^ als die vorhergehende Generation. 

Im Falle der durch Koller untersuchten Geistig- 
gesunden scheint diese Änderung offenbar durch die 
Mütter der betreffenden Personen beeinflußt zu sein, da 
dieselben sowohl relativ als absolut eine viel leichtere 
Belastung zeigen (D] als die Väter (C). 

Denn, daß eine solche Abnahme der Belastung bei 
der Generation, zu der diese Personen gehören, eingetreten 
ist» geht aus der geringeren erblichen Belastung der Ge- 
schwister (E) deutlich hervor. 

Bei der Kurve der Geisteskranken (c, d, a, b, e) sehen 
wir gei*ade das Gegenteil. 

Ausgehend von Großeltern: a, die nur geringe Be- 
lastungsfaktoren zeigen, womit eine ebenfalls geringe 
Belastung bei Onkeln und Tanten (b) übereinstimmt, 
finden wir äußerst schwer belastende Väter (c) und eben- 
falls äußerst schwer belastende Mütter (d) und auch sehr 
ausgesprochene Abweichungen bei den Geschwistern (e). 

Es scheint wohl, als ob bei den Vätern und Müttern 
der Geisteskranken irgendwelche schädliche Einflüsse ge- 
wirkt hätten, um eine solche Veränderung hervorzurufen. 
Wir werden unten sehen, welche Faktoren dabei wahr- 
scheinlich von Bedeutung waren. 

Wenn wir nun die Kurve der Uranier [a, /?, y, S, e) 
in Beziehung zu diesen beiden Kurven betrachten, so 
finden wir, daß auch sie von Großeltern ausgeht, die 
wenig belastende Faktoren zeigten, aber doch schon 
offenbar verschiedene Eigentümlichkeiten hatten, wodurch 
ihre Nachkommenschaft, Eltern der untersuchten üranier 
(y, S) und Onkel und Tanten (/S), viel mehr derartige 
Faktoren zeigten. Wenn nun aber ihre Väter (y) mehr 



— 74 — 

belastend zu sein scheinen wie die der geistig gesunden 
(C), so ist das für die Mütter {S resp. D) offenbar um- 
gekehrt. Die Geschwister ihrer Eltern aber (ß und B) 
sind ebenfalls im Falle B, d. h. bei geistig gesunden, 
viel mehr abweichend als im E^alle ß\ sie beide aber 
übertreffen b. 

Bei den Geschwistern der untersuchten Uranier aber 
ist im Vergleich mit ihren Onkeln und Tanten der be« 
lastende Einfluß geringer geworden. Das wird offenbar 
wohl auch der äußerst geringen Belastung der Mütter 
zuzuschreiben sein. 

Wenn wir nun die mehr detaillierten graphischen 
Darstellungen untersuchen, finden wir sehr wichtige An- 
gaben (Tabelle IX). 

Die Kurven sind wieder ganz wie bei der früheren 
Tabelle dargestellt ; äußerst wichtig sind die Kurven, welche 
sich auf das Potatorium beziehen. Hier finden wir offenbar 
eine der Ursachen, weshalb die Großeltern dieser ver- 
schiedenen Menschenklassen sich so ganz verschieden 
zeigten. 

Wir können nämlich bei den Großeltern und auch 
bei den Vätern und Onkeln und Tanten, resp. A und B 
stark ausgesprochene Trunksucht konstatieren, dagegen 
ein fast völliges Fehlen dieser Neigung bei den Müttern, 
deren Einfluß auf die Geschwister (E) der untersuchten 
Personen und deshalb auch auf diese selbst, offenbar 
deren geistige Gesundheit bedingte. 

Dasselbe wird deutlich durch die Kurve (c, d, a, e, b] 
demonstriert. Sicher waren die Großeltern hier weniger 
mit dieser Eigenschaft belastet, dagegen waren es die 
Eltern, und namentlich die Väter, sehr stark. Daß aber 
dieser Trieb zum Alkoholismus schon bei der Generation, 
der die Eltern angehören, bestand, und also nicht diese 
allein betraf, stellt sich deutlich dadurch heraus, daß 
auch die Onkel und Tanten (b) eine Verstärkung dieser 



— 75 — 

Neigung zeigen. Die uranische Kurve {y, S, a, s, ß) zeigt 
uns, daß auch hier die Väter (;') weniger an Trunksucht 
leiden als die der Geisteskranken und selbst die der Geistig- 
gesunden, daß aber das Potatorium der Mütter in der 
Mitte zwischen beiden steht Bei den Geschwistern ist 
in der uranischen Kurve zu konstatieren, daß hier eben 
80 wie bei den Onkeln und Tanten die Trunksucht weniger 
ausgesprochen ist als bei den beiden anderen Kategorien 
(vergleiche 6 und ß mit E und e, bzw. mit B und b). 

Der Einwand, welcher möglicherweise erhoben werden 
könnte^ daß die Angaben der Uranier von den unter- 
suchten Personen in beschönigender Weise gemacht sein 
könnten, wird schon dadurch widerlegt, daß die üranier 
einerseits einen so hohen Prozentsatz des Potatoriums 
bei ihren Müttern angeben, und dieselben anderseits, wie 
ich es bereits an einer anderen Stelle gezeigt habe ^), sich 
gerade durch ihre Liebe für die Mütter charakterisieren. 

Wir sehen aber aus dieser Kurve, daß offenbar auf 
den Uranier in seiner Aszendenz und in seiner Generation 
der allem Anscheine nach sehr verderbliche Einfluß des 
Potatoriums viel weniger gewirkt hat 

Betrachten wir nun die Kurve, für Apoplexien, so 
sehen wir, daß diese als erbliche Belastung von keinerlei 
Bedeutung sind, da gerade bei geistig gesunden Menschen 
dieses Leiden am meisten vorkommt, mit Ausnahme der 
Väter, die bei den Geisteskranken die größte Neigung 
fiir diese Krankheit zeigen. 

Für die Dementia senilis finden wir, daß die Uranier 
weit unter der Kurve der Geistiggesunden bleiben mit 
Ausnahme der Onkel und Tanten. 

') Ongekend leed, de physiologische ontwikkeling der ge- 
slachten in verband met de hoinosexnaliteit. Rede uitgesproken 
op cuTsas-vergaderingen van ,,Hein Leven'^ te Amsterdam, Haarlem 
en Utrecht op den 16. en 21. Februari en den 9. Maart 1904. 
Amsterdam, G. P. Tierie, 1904, S. 19—23. 



— 76 — 

Sehr charakteristisch ftir die uranischen Familien 
scheint offenbar die Kurve der auffallenden Charaktere 
zu sein. Obwohl die Väter hinsichtlich der Quantität 
dieser Abweichung zwischen denen der Geisteskranken c 
und der Geistiggesunden G stehen, und die Mütter weniger 
als die beiden anderen Kategorien diese Exzentrizität 
zeigen, tritt dieselbe bei den üraniern stark hervor bei 
den Großeltern, mehr noch bei der Generation, aus der 
die Väter und Mütter stammen, d. h. bei den Onkeln 
und Tanten (ß), am meisten aber in der Generation, zu 
der die untersuchten üranier gehören, bei den Ge- 
schwistern (e). 

Die Tatsache, daß gerade die Väter und Mütter 
(c resp. d) der Irrsinnigen offenbar neben stark aus- 
gesprochener Neigung zum Potatorium und neben vielen 
anderen Erscheinungen ähnlicher Art am meisten auch 
diese Exzentrizität zeigen, wird uns doch immer zur 
Vorsicht mahnen müssen, wenn wir die Lust ver- 
spüren, einem Uranier zur Ehe und Kinderzeugung zu 
raten. Auf der anderen Seite darf man hier aber nicht 
vergessen, daß die Väter und Mütter der Geisteskranken 
offenbar plötzliche Ausschläge aus dem bisherigen Familien- 
zustande darstellen, was aus der Tatsache, daß die Groß- 
eltern und Onkel und Tanten (a resp. b) diese Abweichung 
von den drei Menschenklassen am wenigsten zeigen, 
während dieselbe bei den Uraniem etwas sehr gewöhn- 
liches ist, ohne weiteres klar wird. 

Die Nervenkrankheiten üben offenbar einen sehr ge- 
ringen Einfluß auf das Entstehen von Geisteskrankheiten 
aus, und dürfen also nicht als schwere erbliche Belastung 
angesehen werden. Daß also die Väter auf der uranischen 
Kurve bezüglich dieser Krankheiten die anderen weit 
überragen, kann für die Feststellung der Degeneration 
in geistigem Sinne nicht in Betracht kommen. 

Was nun Geistes- und Gehimkrankheiten anbelangt, 



— 77 — 

welche offenbar für das Entstehen der Geisteskrankheiten 
▼on höchster Wichtigkeit sind, wenn sie als direkte oder 
indirekte hereditäre Momente angesehen werden können, 
so treten diese beiden Abweichungen in der uranischen 
Familie quantitativ im Vergleich mit den Verhältnissen 
bei den geistig Gesunden nur bei den Müttern in den 
Vordergrund, und auch etwas bei den Großeltern. Es 
scheint mir plausibel, diese Erscheinung auf Rechnung 
des, bei den Müttern — wie wir früher gesehen haben — 
stärker hervortretenden Potatoriums zu setzen« 

Als letzte Abweichung ist auf dieser Tabelle der 
Selbstmord behandelt. Daß in dieser Beziehung die 
uranischen Familien alle anderen Geschlechter quantitativ 
weit überragen, war schon a priori zu erwarten, da ich 
unter den Exzentrizitäten auch die uranischen Familien- 
glieder eingereiht habe, und, wie ich schon an anderer 
Stelle berichtet habe, unter Uraniem der Selbstmord 
äußerst häufig ist.^) 

Die beiden folgenden Tabellen X und XI beleuchten 
diese Tatsache noch deuthcher. Tabelle X gibt in Pro- 
zenten die Totalzahlen der sieben hier verglichenen Ab- 
weichungen, die direkte Belastung (d. h. Väter, Mütter, 
Großeltern) und die indirekte (d. h. durch Geschwister 
und Onkel und Tanten) umfassend. 

Die Buchstaben an der Abszisse haben die Bedeutung, 
die sich aus Tabelle IX ergibt. 

Wir sehen hier deutlich demonstriert, daß Nerven- 



') Ongekend leed, S. 17 gekürzt lantet diese Stelle: ^^Unter 
216 Personen (ich hatte damals nur diese Zahl Personen unter- 
sucht) waren 162, welche sich tief unglücklich fühlten, d. h. 75 7o- 
Unter diesen 162 befanden sich 100, deren Leid zum Lebens- 
überdruß geworden war, d. h. 46,29 ^o- Und yon diesen 100 
waren 55, die lange Zeit und oft heute noch sich mit Selbst- 
mordgedanken trugen, d. h. 25,46^0. Und von diesen 55 haben 
16 Personen — oft mehrere — Selbstmordversuche verübt, d, h. 
7,87%. 



— 78 — 

krankheiten und Apoplexien keine Ursache Ton Geistes- 
störungen bei der Nachkommenschaft sein können, da 
diese Abweichungen gerade in der Aszendenz und in den 
aufsteigenden Seitenlinien der geistig gesunden Menschen 
am meisten yorkommen. Typisch für die Familien der 
Geisteskranken ist das enorme Überwiegen von Geistes- 
und Gehimkrankheiten in Aszendenz und aufsteigenden 
Seitenlinien, und ein Hervortreten des Potatoriums. Für 
die uranischen Familien sind dagegen charakteristisch: 
die auffallenden Charaktere, Exzentrizitäten und Selbst- 
morde, und ebenso das sehr schwach vertretene Potatorium. 

Tabelle XI gibt uns eine Zusammenfassung der 
direkten erblichen Belastung. Hier fällt uns bei den 
Familien der Geisteskranken das enorme Überwiegen von 
Geistes- und Gehirnkrankheiten und von auffallenden 
Charakteren, aber auch vom Potatorium, auf. 

Die höchsten Punkte bei der Kurve der Geistig- 
gesunden werden durch Nervenkrankheiten und Apo- 
plexien erreicht. 

Die uranische Kurve entspricht hier viel mehr der 
normalen, nur ist sie in den übrigen Punkten mehr oder 
weniger verstärkt, bleibt dagegen, was Dementia senilis, 
Apoplexien und Potatorium betriflft, weiter hinter jener 
zurück. 

Die Tabellen Xu und XIII, welche die Verhältnisse 
bei den Großeltern und Eltern darstellen, lehren uns 
sehr vieles, was von großem sozialem Interesse ist und 
eine hoffnungsvolle Aussicht für die Zukunft bietet. 

Sie erbringen die statistischen Beweise dafür, daß 
in einem Geschlechte eine Neubelebung wieder möglich 
ist, und geben auch, wenn nicht alles trügt, wenigstens 
eine der Ursachen an. Wir finden nämlich, daß bei den 
Großeltern der Geistiggesunden das Potatorium an Häufig- 
keit im Vergleich mit den anderen Kurven ausgesprochen 
ist. Dagegen finden wir, daß bei den Eltern der unter- 



— 79 — 

suchten Personen das Potatorium bei den Geisteskranken 
stark überwiegt y und daß hiermit eine ungeheuere Zu* 
nähme der Geistes« und Gehirnkrankheiten und auf- 
fallenden Charaktere verbunden ist Während nun einer- 
seits dieses zu konstatieren ist, finden wir andererseits, 
daß, während bei den Großeltern ein relativ geringer 
Unterschied zwischen den drei Menschenklassen bestand, 
wie z. B. bei den Geistes- und Gehirnkrankheiten, oder 
wo sogar die normalen und uranischen Familien den 
Geisteskranken gegenüber stärker hervortraten, wie z. B. 
bei den Nervenkrankheiten, auffallenden Charakteren und 
dem Potatorium, diese Abweichungen sich bei den Eltern 
viel weiter von der Kurve der Geisteskranken entfernt 
haben, resp. unter diese Kurve gekommen sind, wie das 
letztere bei den auffallenden Charakteren und dem Pota- 
torium der Fall ist. 

Als sozial von hohem Interesse erscheint also auch 
hier unbedingt die Bekämpfung des Alkoholgebrauches, 
wenigstens bei Personen, welche Nachkommenschaft er- 
zeugen. 

Die Tabellen XIV und XV beleuchten noch viel deut- 
licher, wie sich diese hereditären Momente bei den Vätern 
und Müttern der untersuchten Personen verhalten. 

Wir finden: 

1. daß, wenn bei den Vätern sowohl wie bei 
den Müttern 

Gehirn- und Geisteskrankheiten, 
auffallende Charaktere, 
Dementia senilis und Apoplexien, 
Potatorium 

stark ausgesprochen sind, irrsinnige Kinder 
sehr häufig sind (vergleiche Tabelle XVI)^ 
worauf offenbar Nervenkrankheiten keinen Ein- 
fluß geübt haben. 



— 80 — 

2. daß^ wenn im Vergleich zu den Verhältnisseii 
bei den geistig gesunden Menschen 

A. bei den Vätern ein stärkeres Hervortreten von 

Geistes- und Gehirnkrankheiten, 
Apoplexien, 
Potatorinm. 
Dagegen ein schwächeres Ausgesprochen- 
sein von 
Nervenkrankheiten^ 
auffallenden Charakteren; 

B. bei den Müttern ein schwächeres Aus- 
sprochensein von 

auffallenden Charakteren, 
Apoplexien; 
dagegen ein stärkeres Hervortreten von 
Selbstmord, 

Geistes- und Gehirnkrankheiten, 
Potatorium 
vorkommt: 
die Entwickelung eines Draniers viel wahrscheinlicher ist 
als die eines anderen Kindes. 

3. Daß aber das umgekehrte Verhältnis des soeben 
geschilderten der Entwickelung eines geistig- 
gesunden Menschen nicht im Wege steht 

Aus allem aber geht deutlich hervor, daß die uranische 
Familie kein in Degeneration, sondern vielmehr, ein in 
Regeneration begriffenes Geschlecht darstellt. 

Dasselbe geht auch aus den Tabellen XVI und XVU 
hervor. 

Genau dieselben Veränderungen sehen wir in Ta- 
belle XVI im Vergleich mit Tabelle XVII als Regeneration 
auftreten wie in Tabelle XUI, mit Ausnahme davon, daß 
die Häufigkeit der Nervenkrankheiten und auch Geistes- 
krankheiten bei der uranischen Generation, zu der der 
untersuchte Uranier selbst gehört, sehr ausgesprochen 



— 81 — 

zurückgetreten ist im Vergleich zu der Häufigkeit, mit 
der diese AbweichuDgen noch bei den Geschwistern eines 
geistig Gesunden sich äußern können. 

Statt dessen aber hat eine enorme Zunahme der auf- 
fallenden Charaktere stattgefunden, von Menschen also, 
welche anders sind als die gewöhnlichen Menschen, und 
diese Erscheinung ist schon bei den Onkeln und Tanten 
zu konstatieren, d. h. bei der Torhergehenden Generation. 

Bei den Geisteskranken ist gerade diese Erscheinung 
zurückgegangen. 

Wenn sich nun diese Verhältnisse auch bei einem 
größeren Material, als es das, worüber ich urteilen kann, 
ist, genau so herausstellen — ich möchte hier bemerken, 
daß das hier gegebene Material zwar klein, doch, soweit 
es Uranier betrifft, das größte ist, welches bis heute 
statistisch studiert worden ist, — dann wird es mir nicht 
ganz unmöglich erscheinen, daß man (in der Annahme, 
daß die Evolutionstheorie wahr ist, woraus unbedingt 
folgt, daß das, was wir als absolut höchste Evolutions- 
fitufe, die Menschen, betrachten, nie die absolut höchste 
sein kann, da es nicht einzusehen ist, warum die Evolution 
bei uns aufhören sollte), demnach in der uranischen Familie 
Tielleicht einen Teil der Menschheit, der in Mutation begriffen 
ist, sehen könnte, worin die üranier selber einen oft vielleicht 
schön blühenden, aber immer doch, wenn sie wenigstens 
ihrer Natur nachleben, absterbenden Zweig darstellen. 

Man verstehe mich wohl; es liegt mir fern, be- 
haupten zu wollen, daß man aus alledem, was ich hier 
vorgebracht habe, so weitgehende Schlüsse ziehen dürfe, 
ich wollte aber nur einen — vielleicht nicht ganz unmög- 
lichen — Ausblick für weitere Untersuchungen eröffnen. 

Ganz sicher aber ist es: daß man das allergrößte 
Recht hat, zu behaupten, daß der Uranier lediglich als 
Varietät aufzufassen ist. 

Jahrbuch VU. 6 



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Die virilen Homosexuellen 



Von 



Dr. phil. Max Katte-Berlin. 



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Hiu und her wogt der Kampf um die öffentliche 
Anerkennung der homosexuellen Liebe. Zwar können 
die Vorkämpfer für die rechtliche^ gesellschaftliche und 
sittliche Befreiung einer unterdrückten Menschenklasse 
noch nicht den Namen „Sieg" auf ihre Fahnen schreiben; 
aber daß überhaupt schon gekämpft wird, daß eine 
glücklichere Majorität nicht mehr ohne weiteres still- 
schweigend und selbstverständlich einer in ihrem 
inneren Wesen vorwurfsfreien physio- und psychologischen 
Sondererscheinung im Naturganzen mit Verachtung 
und Feindschaft begegnet, ist ohne Zweifel als ein Fort- 
schritt in der menschlichen Kulturentwicklung zu begrüßen. 
Die wissenschaftliche Forschung, die — wenn auch lang- 
sam, doch ernst und gründlich — vorwärts geht, hat diesen 
neuen Stand der Dinge herbeigeführt. Man kann in dem 
Homosexuellen keinen Verbrecher mehr sehen, wenn man 
sich den Ergebnissen der Arbeiten eines Krafft-Ebing, 
Neugebauer, Hirschfeld, Moll u. a. gegenübergestellt 
sieht Aber auch die ebenfalls auf oberflächlicher Beob- 
achtung beruhende Anschauung, daß der homosexuelle 
Mann durch Übersättigung am Weibe zu dem Verkehr 
mit Angehörigen seines Geschlechtes gelange, ist mehr 
und mehr im Schwinden begriffen. Die zahlreich auf- 
gedeckten Fälle^ in denen Personen während ihres ganzen 
Lebens nie anders als mit dem gleichen Geschlecht 
Umgang hatten, beweisen die Unhaltbarkeit jener Annahme. 
Könnte eine Änderung der sexuellen Triebrichtung im 
Menschen stattfinden, so müßte doch auch — wenigstens 



— 88 — 

hier und da — eine Übersättigung des homosexuellen 
Mannes am Manne eintreten und aus dem Homosexuellen 
von Geburt zu irgend einer späteren Zeit ein Hetero- 
sexueller werden. Aber niemals habe ich, trotzdem 
meine Kenntnis der sexuellen Psyche der Angehö- 
rigen des dritten Geschlechts keine geringe ist, 
dergleichen beobachtet noch auf Grund der Erfahrungen 
anderer zu konstatieren vermocht. Welch' Armutszeugnis 
stellen übrigens die der genannten Anschauung zuneigenden 
Heterosexuellen sich selber aus^ wenn sie meinen, da& 
ihre Triebanlage geändert werden könne, während dies 
bei den Homosexuellen nicht der Fall ist Noch auf- 
fallender erscheint dieser Gegensatz, wenn man der weiteren 
Behauptung, wie sie vor allem noch in den Kreisen der 
Sittlichkeitsfanatiker herrschend ist, Raum gibt, daß auch 
Verführung die Ursache der Homosexualität sein könne 
und daher in Zukunft, wenn der § 175 des ßeichsstraf- 
gesetzbuches aufgehoben würde, unser Volk „homosexuell 
verseucht" werden könnte. Hier erschiene ja der nicht 
verführbare Homosexuelle — trotzdem allgemeine 
Anschauung, Erziehung und Litteratur im Sinne einer 
Verleitung zur Heterosexualität den größten und fast 
ausschließlichen Einfluß auf ihn ausüben — geradezu 
moralisch höherstehend; und daß dies der Fall sei, werden 
die Feinde der homosexuellen Bewegung doch gewiß 
nicht zugeben wollen. 

Um aber auf die Frage der Übersättigung zurück- 
zukommen: wie will man die gleichgeschlechtliche Liebe 
beim Weibe erklären? Ist hier etwa die Übersättigung 
am Manne die Ursache der Erscheinung? — Das läßt 
sich doch angesichts der Tatsache, daß dem Weibe eine 
viel geringere Freiheit in der sexuellen Betätigung ver- 
gönnt ist als dem Manne, gewiß nicht behaupten. Über- 
haupt übersehen die Gegner in dem in Hede stehenden 
Befreiungskampf viel zu sehr die — ja nicht mit Strafe 



— 89 — 

bedrohte — Homosexualität beim weiblichen Geschlecht. 
Warum erfährt die Öffentlichkeit so wenig davon? und 
warum kommen da so gut wie gar keine Erpressungs- 
fälle vor? — Eben weil das Strafgesetz, indem es die 
Homosexualität beim weiblichen Geschlecht nicht verfolgt, 
sie gewissermaßen anerkennt^ zum mindesten aber toleriert^ 
worin ihm dann die öffentliche Meinung folgt. 

Immer wieder muß auch betont werden, daß der 
Abscheu, den die Heterosexuellen noch vielfach der Homo- 
sexualität gegenüber empfinden, und die Ungerechtigkeit, 
die sie begehen, wenn sie bei Männern verfolgt wissen 
wollen, was bei Frauen erlaubt ist, sich darauf zurück- 
führen lassen, daß ihnen hauptsächlich eine Form der 
homosexuellen Betätigung vorschwebt, die beim homo- 
sexuellen Verkehr der Frauen aus anatomischen Gründen 
so ziemlich ausgeschlossen ist, aber auch beim männlichen 
Geschlecht nur selten vorkommt (die immissio penis in 
anum), und es ist interessant, wie die gewöhnlichste 
Form des Verkehrs: die mutuelle Onanie heterosexueller- 
seits nicht selten eine ganz eigenartige, nicht verdammende 
Beurteilung erfährt So erlebte ich erst kürzlich folgenden 
Fall: Als ein jüngerer Herr, der sich von mir Aufklärung 
über die Homosexualität erbat, hörte ^ daß die mutuelle 
Onanie unter die homosexuellen Akte falle, war er aufs 
höchste überrascht und gestand mir, daß er, der doch 
die ausgesprochenste Neigung zum weiblichen Geschlecht 
empfände, oft genug — faute de mieux — mit Schul- 
freunden und Kollegen mutuelle Onanie getrieben habe; 
er fugte sogar die — allerdings übertriebene — Meinung 
hinzu, daß dies allgemein üblich sei. Von einem anderen 
heterosexuellen Manne erfuhr ich die kaum glaubliche 
Auffassung, daß mutuelle Onanie unter jugendlichen 
Heterosexuellen, die doch später ihren Weg zum Weibe 
fänden, nicht zu verwerfen sei, wohl aber unter solchen, 
die nicht anders verkehren könnten! Auch die Bemerkung 



— 90 — 

eines dritten möge hier noch ihren Platz finden, daß er 
es zwar begreifen könnte, wenn ein weiberliebender Mann, 
der sich in Not befände, um des Geldes willen sich 
einem Angehörigen des gleichen G-eschlechtes hingäbe, daß 
es ihm aber unverständlich wäre, wie jemand derartiges 
aus ihm innewohnender Neigung fertig bringen könnte. 

Es muß homosexuellerseits entschieden dagegen 
Protest erhoben werden, daß die Heterosexuellen, wenn 
es sich um homosexuelle Beziehungen handelt, stets auf 
die Art des sexuellenVerkehrs ihr erstes Augenmerk, 
ihre Fragen und ihre Spürtätigkeit richten. Als ob man, 
wenn ein Schiller das Liebesverhältnis zwischen Ferdinand 
und Luise oder Max Piccolomini und Thekla, ein Goethe 
zwischen Faust und Gretchen oder Egmont und Klärchen, 
ein Shakespeare zwischen Romeo und Julie usw. schildern, 
nach den Einzelheiten ihrer gegenwärtigen oder zukünf- 
tigen geschlechtlichen Betätigung forschen wollte. Und 
daß es auch auf heterosexuellem Gebiet verschieden- 
artige und nicht immer ungekünstelte Formen der letz- 
teren gibt, weiß ich sowohl aus dem Munde von Don 
Juans wie von Ehemännern, die es mir gegenüber nicht 
nötig zu haben glaubten, die Maske der Heuchelei an- 
zulegen. 

Man gewöhne sich daran, auch auf dem Gebiete der 
Homosexualität die Neigung als die Hauptsache und 
das Entscheidende anzusehen, wie es ja der Natur der 
Sache entspricht, und richte seine Forschungstätigkeit 
auf das, was die Seele bewegt, und auf die Handlungen 
der Liebe, der Aufopferung und — der Entsagung, zu 
denen auch die Homosexuellen fähig sind und die sie 
in nicht geringerem Maße ausüben als der heterosexuelle 
D urchschnittsm ensch. 

Nach dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis und 
Aufklärung ist es zweifellos, daß das Angeborensein des 
homosexuellen Liebestriebs bald allgemeiner Einsicht und 



— 91 — 

Anerkennung begegnen wird. Aber dieses Angeborensein 
könnte immerhin ein krankhaftes sein. Wie es auch 
sonst Fehler und Gebrechen gibt, die von Geburt an 
dem Menschen anhaften, so soll dies nach der Ansicht 
zahlreicher Heterosexueller auch mit der gleichgeschlecht- 
lichen Neigung der Fall sein; und dem Homosexuellen 
wird von diesem Standpunkte aus der Rat erteilt, sich 
ärztlich behandeln zu lassen, und ein kränkendes Mit- 
leid ist alles, worauf er bei seinen heterosexuellen Mit- 
menschen Anspruch erheben darf. 

Dieser Anschauung gegenüber ist es höchst rätselhaft, 
daß nicht nur das Gros der Homosexuellen auf den ver- 
schiedensten Gebieten der Berufstätigkeit genau wie die 
andern seine Pflicht erfüllt und, abgesehen von dem be- 
sonderen Liebestrieb, frei von Absonderlichkeiten ist, die 
ihre Besitzer zu unbrauchbaren Mitgliedern der mensch- 
lichen Gesellschaft machen würden, sondern daß gerade 
unter der Schar der Homosexuellen die hervorragendsten 
Namen der Menschheitsgeschichte genannt werden. In 
dieser Hinsicht schreibt im Jahre 1884 Prof. Gustav 
Jäger im III. Teile seines „Lehrbuchs der allgemeinen 
Zoologie" („Entdeckung der Seele«, 3. Aufl., Bd. I, S. 269): 
„Was mich anfangs am meisten frappiert hat, mir 
aber jetzt vollständig erklärlich, ja natumotwendig er- 
scheint: Unter den Homosexualen steckt die merk- 
würdigste Sorte von Männern, nämlich die, welche ich 
superviril nenne. Dieselben stehen, vermöge einer 
individuellen Variation ihrer Seelenstoffe, ebenso über 
^ dem Mann, wie der Normalsexuale" (sollte heißen: 
Durchschnittssexuelle) „über dem Weib. Ein solches 
Individuum ist imstande, die Männer durch seinen 
Seelenduft zu bezaubern, wie diese — aber in passiver 
Weise — ihn bezaubern. Da er nun stets in Männer- 
gesellschaft lebt und Männer sich ihm zu Füßen legen^ 
so erklimmen solche Supervirile häufig die höchsten 



— 92 — 

Stufen geistiger Entwicklung, sozialer Stellung und 
männlichen Könnens.^' 

Abgesehen von der im letzten Satze gegebenen Be- 
gründung, hat Jäger in der Tatsache selbst recht Recht 
hat er daher auch weiter, wenn er — nachdem er als 
Homosexuelle Alexander den Großen, Sokrates, Plato, 
Julius Cäsar y Michel Angelo, Karl XII. von Schweden 
und Wilhelm von Oranien genannt hat (eine sehr knappe 
und unvollständige Liste) — fortfahrt: 

„Also das Strafgesetz des Deutschen Reiches stellt, indem 
es die Homosexualität zum Verbrechen stempelt, die 
höchsten Blüten der Menschheitauf dieProskriptionsliste !^' 
Wir aber fragen: Sollten alle diese Männer, auch 
wenn man sie nicht als Verbrecher ansehen will, geistes- 
krank gewesen sein? 

Bis zu welcher Verkehrtheit der Auffassung die 
Hypothese von der Krankhaftigkeit der homosexuellen 
Neigung bei den Heterosexuellen gehen kann, möge fol- 
gendes Beispiel zeigen: Ein Verwandter von mir, ein 
Student in mittleren Semestern, der neben bemerkens- 
werter geistiger Begabung vor allem den einen Vorzug 
großer Vorurteilslosigkeit besitzt, sagte mir, als ich ihn 
bei gegebener Gelegenheit über das Wesen der Homo- 
sexualität aufgeklärt hatte, daß er zwar die Homosexuellen 
ihrer Veranlagung wegen nicht geringer achten wolle, 
ihre Neigung aber doch für krankhaft halten müsse, 
während er über seine eigene Sexualität kurz zu- 
vor folgendes offenbart hatte: Er fühle sich nicht 
von jüngeren weiblichen Personen (in dem ihm selb^ 
entsprechenden Alter) angezogen, sondern lediglich von 
älteren, besonders von verheirateten Frauen, zumal wenn 
sie vollentwickelte körperliche Proportionen aufzuweisen 
hätten ; und es müsse, wenn er von Sehnsucht nach ihnen 
ergriffen sein solle, eine höhere geistige Veranlagung, 
womöglich geistige Präponderanz derselben hinzukommen ; 



— 93 — 

ihnen gegenüber habe er den innigsten Wunsch, von ihnen 
umschlungen, an sich gezogen, auf den Schoß genommen 
und zu geschlechtlichen Liebeshandlungen verführt zu 
werden. Ich wies ihm diesem Geständnis gegenüber nach, 
daß, wenn überhaupt von Krankhaftigkeit oder Perversität 
gesprochen werden könnte, er jedenfalls perverser wäre 
als die Homosexuellen; denn bei ihnen bliebe der Ältere, 
der die zarte Erscheinung und das weiche Wesen des 
Jüngeren liebte, zweifellos Mann, und nur der letztere 
spielte allenfalls die Rolle des Weibes, wohingegen er 
selbst (mein Verwandter) sich zum Weibe und das Weib 
zum Manne machen möchte — ein Fall doppelter Per- 
version und somit viel gewisserer Perversität! Aber dieser 
junge Mann nannte die Homosexuellen krankhaft und be- 
trachtete sich als normal, weil er nur auf den äußeren, 
greifbaren — primären — Geschlechtscharakter Gewicht 
legte und die feineren psychologischen Motive nicht sah. 

Dieses Beispiel ist in der Tat sehr lehrreich. Es 
zeigt, wie die Menschen sich — trotz aller Intelligenz — 
immer an das, was grob vor Augen liegt, halten und 
andererseits nur das gelten lassen wollen, was durch 
Gewohnheit geheiligt ist. Mann und Weib dürfen mit- 
einander verkehren — das wollen Natur und Sitte; in 
welchem gegenseitigen Verhältnis sie das tun, da- 
nach wird nicht gefragt, und ebensowenig danach, ob der 
mit männlichen Geschlechtswerkzeugen Ausgestattete auch 
vrirklich in jeder Hinsicht als Mann zu betrachten ist. 

Und wenn nun in einem männlichen Individuum sich 
zahlreiche Züge — körperliche und seelische — finden, die 
ihm zum Teil — und es kann der überwiegende Teil in ihm 
sein — einen weiblichen Charakter aufprägen, so trägt 
man dieser Naturerscheinung als solcher nicht Rechnung, 
weil sie eben eine besondere, vom Gewohnten abweichende 
ist, sondern begegnet ihr womöglich mit Abneigung, Ver- 
achtung und Haß. Die Griechen, diese naiven und feinen 



— 96 — 

Weibe überwiegt dagegen das weibliche Element, so daß 

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das Verhältnis — beträchtlich unter 1 herabsinkt Der 

homosexuelle Mensch zeigt eine gewisse Ausgeglichenheit, 
ein Gleichgewicht zwischen männlichem und weiblichem 

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Element, so daß das Verhältnis -. dem Verhältnis — mehr 

oder weniger nahekommt. Natürlich läßt sich diese Be- 
ziehung nicht genauer mathematisch verfolgen ; es handelt 
sich hier eben nicht um mathematisch -physikalische, 
sondern um physiologische und psychologische Erschei- 
nungen, die stets viel komplizierter sind als jene. Und 
wenn ich vom männlichen und weiblichen Element im 
Menschen sprach, so müssen auch hier die primären, 
sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere unter- 
schieden werden (die sich 1. auf die Geschlechtswerkzeuge, 
2. auf Beckenbildung, Brüste, Behaarung, Stimme usw. 
und 3. auf die psychischen Eigentümlichkeiten beziehen), 
und es sind dazwischen mannichfache Kombinationen 
möglich. 

Im ganzen wird sich sagen lassen, daß beim homo- 
sexuellen Manne die Summe des Männlichen (der männ- 
lichen Elemente) noch größer ist als die des Weiblichen, 
beim homosexuellen Weibe die Summe des Weiblichen 
größer als die des Männlichen; in beiden Fällen aber 
kommt das Verhältnis nahe der 1. Bleiben wir nun bei 
den homosexuellen Männern stehen, so können wir weiter 
die virilen dahin charakterisieren, daß bei ihnen — 
im ganzen genommen, d.h. alle drei Arten der Geschlechts- 
charaktere zusammengefaßt — ein beträchtlicheres 
Plus des Zählers (^/) gegenüber dem Nenner [W) vor- 
handen ist, und die femininen dahin, daß sie ein ge- 
ringeres Überwiegen des Zählers über den Nenner 
aufweisen ; auf alle Fälle aber bleibt zu betonen, daß der 
virile Homosexuelle, der uns nun vorzugsweise interessieren 




- 97 — 

!. yerhältnismäßig mehr Weibliches in sich trägt 

or heterosexuelle Mann und daß er 2. zur dauern- 

Ergänzung seiner Natur — eben aus diesem Grande — 

CS Weibes, sondern einer (mehr femininen) homo- 

lellen männlichen Person bedarf. 

Beachtenswert bleibt hierbei aber vor allem noch 

Umstand, der bei den bisherigen Untersuchungen 

<t immer übersehen worden ist, nämlich die Berück- 

• htigung des absoluten Quantums (wenn ich mich so 

isdrücken darf) des männlichen und weiblichen Elements 

nd seine scharfe Scheidung von dem relativen Verhältnis. 

ich will dies an einem mathematischen Beispiel klar 

'uachen. 

Die unechten Brüche ]^, |^ und |^ stellen alle 
drei dasselbe Verhältnis = 6:5 dar, aber die absoluten 
Werte sowohl der Zähler als auch der Nenner sind unter 
sich verschieden. Und wiederum stellt der Bruch f J^ ein 
größeres Verhältnis dar als die erstgenannten drei Brüche 
(=8:5), während sein Zähler, verglichen mit den Zählern 
jener Brüche, teils größer, teils ebenso groß und teils 
kleiner ist So kann also ein homosexueller Mann, trotz- 
dem sich das männliche und das weibliche Element in 
ihm mehr als beim heterosexuellen Manne das Gleich- 
gewicht halten, doch ein derartiges absolutes Quantum 
der Männlichkeit besitzen, daß der Heterosexuelle unrecht 
tut, ihn verächtlich zu behandeln. 

Daß letzteres noch immer geschieht, kommt ja leider 
daher, daß, wie schon vorher gesagt, dem Heterosexuellen 
meist nur der feminine Homosexuelle überhaupt geschildert 
wird und daß der vorgeführte und ihm hauptsächlich in 
die Augen fallende Typus gerade derjenige ist, bei dem 
das absolute Quantum des männlichen Elements nur gering 
ist. So sieht er wissenschaftlich und praktisch in dem 
Homosexuellen ein halb bejammernswertes, halb lächer- 
liches — allerdings bei sonst guten Charakteranlagen 

Jahrbuch VU, 7 



— 98 — 

nicht verachtenswertes — Geschöpf vor sich, zu dem ihn 
nichts hinzuziehen vermag und dem er daher auch seine 
Sympathien versagt. Er übersieht aber, weil er es nicht 
weiB^ daß es eine große Zahl Homosexueller gibt — 
mögen sie nun viril oder feminin sein — deren 
absolutes Quantum des männlichen Elements sie 
ihm durchaus an die Seite stellen kann. 

Ich hob soeben auch die femininen Homosexuellen 
hervor. In der Tat, es liegt mir fern, den femininen 
Typus herabzusetzen; es wäre dies wissenschaftlich falsch 
und würde auch meiner tatsächlichen Erfahrung wider- 
sprechen. Ich habe (wie es ja nach meiner Darlegung 
auch durchaus denkbar ist) feminine Homosexuelle kennen 

M 
gelernt^ bei denen, trotzdem das Verhältnis -j.j mehr 

als bei den virilen Homosexuellen der 1 genähert 
also das weibliche Element stark hervorgekehrt war, doch 
das absolute Quantum des männlichen Elementes 
sich in dem Maße entwickelt zeigte, daß sie als geistig 
hervorragende Persönlichkeiten bezeichnet werden müssen. 

In noch höherem Grade kann natürlich bei den 
virilen Homosexuellen das männliche Element im absoluten 
Sinne hervortreten, da es ja schon proportional das 
weibliche tiberwiegt. Und so gelangen wir denn unter 
besonders günstigen Umständen hier zu einem 
Typus Mensch, wie er in dieser Vollkommenheit auch auf 
heterosexuellem Gebiet schwerlich anzutreffen ist — und 
zwar aus dem Grunde nicht, weil beim Heterosexuellen 
der weibliche Einschlag zu gering ist. Wir werden somit 
im Gegensatz zu dem Voll mann und dem Vollweib, 
von denen in neuerer Zeit so viel die Rede ist, die Er- 
scheinung eines Vollmenschen zu konstatieren haben. 

Sie ist mit dem Typus der Supervirilen im Sinne 
Gustav Jägers identisch; es ist also nicht, wie Jäger 
meint, der mehr äußere Umstand, daß sich den Supervirilen 



— 99 — 

andere Männer zu Füßen legen, welcher es bewirkt^ daß sie 
^,die höchsten Stufen geistiger Entwicklung erklimmen", 
sondern ihre eigene innere Beschaffenheit, die von Natur 
in ihnen vorhandenen Qualitäten stellen sie so hoch. 

Es ist dies ja auch vollkommen erklärlich; denn 
wenn der höher geartete Heterosexuelle wegen des 
bedeutenden Quantums des männlichen Elementes auch 
auf dem Gebiete männlichen Könnens und männlicher 
Art sich auszeichnen wird, wenn Schärfe und Tiefe des 
Geistes, Größe der Seele, die Xjewalt seiner ganzen Per- 
sönlichkeit ihn bewundernswert erscheinen lassen können, 
so fehlt ihm doch, da das weibliche Element eben relativ — 
und somit auch absolut, da die Summe des Männlichen 
und Weiblichen nicht ins Ungemessene steigen kann — 
zu gering entwickelt ist, die Feinheit, Innigkeit und Milde 
sowie der Reichtum und die Buntheit der Phantasie, die 
gerade beim edlen Weibe vorzugsweise anzutreffen sind. 
Aus dem Gros der Heterosexuellen werden daher Heroen 
hervorragen — bedeutende Feldherren und Staatsmänner, 
Könige im Reiche der Forschung, auch die streitbare 
und politische Gruppe religiöser Reformatoren — aber 
verhältnismäßig weniger häufig feinsinnige Dichter und 
Künstler^); und auch auf dem Gebiete alles umfassender 
Lebensphilosophie und der Reformation der Seele 
werden sie relativ nicht die größere Zahl der Genies 
stellen. Der supervirile Homosexuelle findet gerade in 
allem Seelischen, vorzugsweise in der Kunst, seine eigent- 
liche Domäne, ohne daß es ihm (in absolutem Sinne) an 
Kraft zu mangeln braucht. 

Man wird mir Richard Wagner (als Heterosexuellen) 



*) Als bemerkenswert aber möge erwähnt werden, daß auf 
der Berliner Schloßbrücke eine Marmorgruppe sieb befindet, die 
einen Knaben darstellt, dem Nike auf einem Schilde die Namen 
dreier der größten Kriegshelden vorhält: Alexander, Cäsar, Friedrich 
— alle drei ganz oder teilweise homosexuell! 



— 100 — 

entgegenhalten. Wohl^ es gibt Ansnahmen; aber auf alle 
Fälle bleibt es eigentümlich, daß gerade ihn der homo- 
sexuelle Ludwig IL liebte, wie die an Wagner gerich- 
teten Briefe des letzteren beweisen. Andererseits nenne 
ich Shakespeare und Byron, Heinrich von Kleist, Grill- 
parzer u. a. standen der geistigen Homosexualität nicht 
fern. Plato aber ist ein leuchtendes Beispiel, und wenn 
August von Platens homosexuelle (allerdings in der 
Geschlechtssphäre feminine) Veranlagung unzweifelhaft 
ist, so läßt sich bei anderen Größen der Menschheit 
nur deshalb der Nachweis schwer erbringen, weil sie 
geheim hielten, was die Durchschnittsmasse in der Welt 
verpönte. 

Auf die herrlichste Erscheinung der Kulturgeschichte, 
in der das Menschliche zu vollkommener Harmonie und 
Größe gereift uns entgegentritt, kann ich mir den Hin- 
weis unmöglich versagen. Meine Gedanken richten sich 
auf Jesus von Nazareth; aber wenn ich ihn nenne, 
hebe ich sogleich nachdrücklich hervor, daß es 
mir fernliegt, ihn in die Schar der Homosexuellen 
einzureihen. Seine Persönlichkeit, in der die Gottheit 
entweder verkörpert war oder die doch göttliche Eigen- 
schaften bis zur höchsten Potenz gesteigert umfaßte, 
tritt so bedeutsam aus der Masse der Menschheit heraus 
und steht so hoch über derselben, daß es — von jeder 
religiösen Stellungnahme abgesehen — völlig fehlgegriffen 
wäre, ihn irgendwie ein- oder angliedern zu wollen — 
auch dann, wenn man das rein Sexuelle ausschließen 
wollte, wie ich dies für selbstverständlich halte. Bei 
dieser Gelegenheit möge übrigens betont werden, daß 
mit dem Begriffe „homosexuell" keineswegs notwendiger- 
weise geschlechtliche Akte verbunden zu denken sind; 
die Homosexualität bezeichnet nur die Triebrichtung, 
die innere Neigung zu Personen des gleichen Geschlechts, 
die sich nicht einmal als Neigung auf das Gebiet 



— 101 — 

sexuell- sinnlicher Betätigung zu erstrecken braucht, 
geschweige denn, daß sie zu solcher Betätigung praktisch 
unbedingt führen müßte. 

Über das Liebesleben Jesu, das natürlich seinem gött- 
lichen Wesen entsprechend nicht anders als rein innerlich 
aufzufassen ist, gibt uns der einfache biblische Bericht siche- 
ren Aufschluß. Er teilt uns mit, daß Jesus unter der Schar 
seiner Jünger, mit denen er (in täglicher Gemeinschaft) 
durch das Land zog und denen er zweifellos insgesamt 
seelisch zugetan war, einen „heb hatte": den jugend- 
lichen Johannes; daß dieser bei Tische in seinem Schöße 
lag (oder nach anderer Version: an seiner Brust, was — 
nach orientalischer Tischsitte — nicht viel anderes 
besagt); daß er der Vertraute Jesu war, denn bei der 
letzten gemeinsamen Oster-Mahlzeit bittet Petrus den 
Johannes, den Herrn zu fragen, wer es sei, der ihn verraten 
würde; daß endlich Jesus ihn wie seinen Bruder oder mehr 
betrachtete, denn in der Todesstunde empfiehlt er ihn der 
Liebe seiner Mutter mit den Worten: „Siehe, das ist dein 
Sohn", und zu Johannes sagt er: „Das ist deine Mutter'^ 

Die Persönlichkeit Jesu nun soll im folgenden nur 
so weit in den Kreis der Betrachtung gezogen werden, 
als sie in menschlicher Hinsicht (und nach religions- 
philosophischer und kirchlicher Feststellung ist in Jesus 
neben seiner göttlichen Natur auch eine menschliche vor- 
handen] den Typus des Vollmenschen repräsentiert, 
und zwar in seiner vollkommensten Gestalt. Dies zeigt 
die biblische Darstellung unmittelbar. Auf der einen 
Seite finden wir in Jesus einen machtvoll entwickelten 
Geist und eine große Seele, beide das ganze Eeich alles 
innerlich Menschlichen umfassend; dazu eine vor keiner 
Eonsequenz zurückschreckende Fortführung des Gedankens 
(so daß selbst seine Jünger sich über seine Beden ent- 
setzten), eine ünerschrockenheit des Auftretens, die bis 
zur Gewalttätigkeit (bei der Austreibung aus dem Tempel) 



— 102 — 

gehen konnte — lauter Erscheinungen, wie sie nur einer 
starken Männlichkeit eigen sein können. Auf der andern 
Seite aber ist sein Inneres weich, so daß er über Jeru- 
salem sowohl wie über den Tod seines Freundes Lazarus 
weint, und seine Gesinnung ist milde, denn er lehrt 
nicht nur, man solle vergeben und dulden, sondern ver- 
dammt auch selbst weder die Ehebrecherin noch eine Dirne 
und läßt sich, gefangen genommen^ peinigen und töten, 
noch im Sterben flir seine Henker betend. Gerade das 
sich in solchen Zügen offenbarende weibliche Element 
in Jesus hat es ja möglich gemacht, daß er so viel- 
fach als der schwache und süßliche Dulder hingestellt 
wurde, der nie und nimmer hätte die Welt erschüttern 
können. — — 

Wir verlassen jetzt die Einzelerscheinung des Voll- 
menschen und Supervirilen und treten den Eigenschaften 
der Gesamtheit der Virilen näher. 

Vor allem muß bei ihrer Charakterisierung hervor- 
gehoben werden, daß trotz des weiblichen Elementes in 
ihnen, das ihnen einen gewissen Zug der Milde auiprägt, 
doch ihre Erscheinung wie ihr Wesen vorwiegend 
männlich geartet sind. Natürlich gibt es auch hier 
Abstufungen und Übergänge zu den femininen 
Homosexuellen. Wenn wir daher auf Einzelheiten 
näher eingehen, halten wir uns an diejenigen Typen^ die 
den Femininen am fernsten stehen; muß sich doch jede 
menschliche Klassifizierung an die markanten oder — 
was auf eins herauskommt — extremen Erscheinungs- 
gruppen halten. 

Wir nehmen demnach an dem virilen Homosexuellen 
äußerlich weder einen trippelnden noch wiegenden Gang 
wahr; alle seine Bewegungen sind männlich charakteri- 
siert, ohne eckig und schroff zu sein; seine Stimme be- 
sitzt ein tieferes Timbre (vorwiegend Bariton). Auch 
seine Neigungen entsprechen seinem vorwiegend mann- 



— 103 — 

liehen Wesen; weder hat er Vorliebe für Kochen^ Nähen, 
Sticken usw. noch zeichnet ihn weibliche Neugier und 
Klatschsucht aus. Sein logischer Verstand ist entwickelt; 
er vermag auf mathematischem, naturwissenschaftlichem 
oder einem anderen Forschungsgebiete beachtenswerte 
Leistungen hervorzubringen; aber es fehlt ihm gleich- 
zeitig nicht das Verständnis und die Liebe ftir Poesie 
und Musik. Seine Lebensführung ist überwiegend ernst^ 
von Oberflächlichkeit und Tändelei ist er frei. Aber 
andererseits vermag er, durch das Schicksal getrieben, 
sich wilder Ausgelassenheit hinzugeben oder gar zu ge- 
waltsamem Verhalten sich hinreißen zu lassen. 

Auf dem Gebiete des Liebeslebens fühlt er sich 
vorzugsweise zu Jünglingen hingezogen, die ihn durch 
die Zartheit und Anschmiegsamkeit ihres Wesens und 
ihrer Erscheinung fesseln. Ln Verkehr mit ihnen spielt 
das pädagogische Moment eine hervorragende Rolle. Er 
übt — halb unbeabsichtigt und unbewußt — eine Er- 
ziehung zur Ordnung und Gründlichkeit, zur Vertiefung 
ihrer Lebensauffassung und Veredlung ihrer Gesinnung 
auf sie aus, soweit ihm selbst dies gegeben ist. Er 
bringt ihnen durch Theaterbesuch und Lektüre die Pro- 
dukte der klassischen Dichter nahe^ berauscht sich mit 
ihnen an den Tonschöpfungen eines Mozart, Weber, Verdi 
und Wagner — und führt sie in vertrauten Gesprächen 
tief in die Philosphie und eine reine religiöse Anschauung 
ein — schmerzlich bewegt, wenn ihm dies nicht in dem 
Maße gelingt, wie er's möchte. Von der Zeit der 
Griechen träumt er, wo nach Piatos Schilderung 
jenes schöne, dem von ihm ersehnten gleiche Verhältnis 
zwischen Liebhaber und Liebling bestand. 

Daß gerade die Jugend — und zwar überwiegend die 
homosexuell veranlagte und trotz femininer Präponderanz 
doch (im absoluten Sinne) nicht zu schwach männlich gear- 
tete — ihn vorzugsweise anzieht, erhellt sehr begreiflich 



— 104 — 

daraus^ daß sie noch am wenigsten vom Vonirteil verbildet 
und vergiftet, noch aufnahmefähig für originale Ideen und 
Geistesrichtung ist und leichter als die durch die Härten 
des Lebens des schwärmerischen Wahns beraubten aus- 
gereiften Personen tatenbereit ist für das Schöne, 
Wahre und Gute. 

Aber diese Vorliebe des virilen Homosexuellen für 
die Jugend birgt leider auch ihre Gefahren in sich; 
nicht für den jugendlichen Liebling, sondern für den Lieb- 
haber. Denn man macht gerade ihm von seiten der 
Heterosexuellen, welchen das Verständnis für sein inneres 
Leben fehlt und die das Bild der antiken Jünglingsliebe 
aus dem Gedächtnis verloren oder ihr Wesen gleichfalls 
nicht verstanden haben, gar leicht und gern den schon 
vorher erwähnten Vorwurf der Verführung, die er an 
der Jugend verübe. 

Nun ist es aber klar, daß, wenn in einem jungen 
Manne der homosexuelle Trieb angelegt ist, mit der Be- 
tätigung dieses Triebes irgend einmal ein Anfang gemacht 
werden muß; und daß dieser Anfang gewöhnlich nicht 
von dem jungen Manne — sowohl seiner Jugend wie 
seiner mehr femininen Natur wegen, der die Aggressivität 
fehlt — eingeleitet wird, ist gleichfalls erklärlich. Die 
Initiative wird also meist von dem älteren, dessen Inneres 
Interesse für den jungen Mann empfindet, ausgehen. Es 
gehört ja zur Entfaltung jeder Anlage eine erste Ge- 
legenheit, welche sie gewissermaßen auslöst; aber es ist 
ganz falsch, ganz unwissenschaftlich, zu behaupten, wie 
es immer wieder von heterosexueller Seite geschieht, 
daß diese Gelegenheit erst die Anlage schafft — 
ebenso falsch, als wollte man etwa annehmen, daß ein 
musikalisches Talent oder gar Genie dadurch geschaffen 
werden könnte, daß man einem unmusikalischen Menschen 
Musikunterricht erteilen ließe. 

Überhaupt ist der Begriff der Verführung unklar 



— 105 — 

und verworren. Was ist denn Verführung? — Besteht 
sie schon darin, daß der virile Homosexuelle Liebe zu 
seinem jüngeren Freunde empfindet? oder daß er, wie zuvor 
besprochen und was durch Tatsachen bewiesen werden kann, 
fördernd auf ihn einwirkt? daß er von seiner Schönheit be- 
glückt ist? daß er ihn küßt? — Und selbst, was die sexuellen 
Akte betrifft — seien wir einmal ganz ehrlich: Ist es 
denn so viel schlimmer, sie auszuüben, als wenn der 
Jüngere sich der einsamen Onanie ergibt — voraus- 
gesetzt natürlich, daß er geschlechtlich völlig entwickelt 
ist? — Oder will man vielleicht ernsthaft die Meinung 
vertreten, daß irgendein nennenswerter Prozentsatz der 
Menschen bis zur eventuellen Verheiratung (ohne die 
Homosexualität] absolute Keuschheit beobachtet? — Das 
würde auf nichts anderes als Unkenntnis, Vergeßlichkeit 
oder gar Heuchelei hinauslaufen. 

Aber man wird auf Fälle verweisen, in denen ein 
Übermaß geschlechtlichen Verkehrs stattfand oder der 
Virile sich an Personen im kindlichen Alter heranmachte 
oder auch der seelische Einfluß des Liebhabers auf den 
Liebling ein ungünstiger war. — Es soll nicht bestritten 
werden, daß solche bedauernswerten Fälle vorkommen; 
aber genau so finden sie sich auf heterosexuellem Gebiet. 
Würde es indessen ihretwegen irgend jemandem in den 
Sinn kommen, Liebschaften zwischen Mann und Weib 
zu verbieten? Man suche die Auswüchse zu ent- 
fernen, ihremAuftreten durch eine vollkommenere 
Erziehung der Menschheit vorzubeugen, aber 
man lasse den von der Natur geschaffenen Kern 
bestehen. Dies tut man ja auch — unlogischerweise — 
hinsichtlich des homosexuellen Verkehrs zwischen Per- 
sonen des weiblichen Geschlechts. Oder will man hier 
abermals seine Unwissenheit bloßstellen oder der Heuchelei 
Raum geben, indem man behauptet: zwischen Frauen^ 
die einander in Liebe zugetan sind, kämen sexuelle 



— 106 — 

Handlungen nicht vor? — Wir, die wir Erfahrungen 
besitzen, wissen es besser. 

Ich schließe mit einigen Sätzen aus Piatos ,,Gast- 
mahl" : 

„Anständig und sittig betrieben, kann keine Hand- 
lung, welche es auch sei, gerechter Tadel treffen/' 
(Rede des Pausanias.) — 

,,Jene nun, die dem Leibe nach zeugungslustig 
sind, wenden sich mehr zu den Weibern und sind auf 
diese Art verliebt, indem sie durch Einderzeugen Un- 
sterblichkeit und Andenken und Glückseligkeit, wie sie 
meinen, für alle künftige Zeit sich verschaffen." (Bede 
des Sokrates.) — 

„Der Eros der himmlischen Aphrodite aber gehört 
einer Göttin an, die erstens nicht von Weiblichem, 
sondern nur von Männlichem abstammt — und dies 
ist die Liebe zu den Jünglingen — und die zweitens 
älter und deshalb frei von allem Frevel ist Daher 
wenden sich die von diesem Eros Ergiffenen zu dem 
Männlichen, indem sie das von Natur Stärkere und 
mehr Vernunft in sich Habende lieben." (Rede des 
Pausanias.) — 

„Wenn also jemand, vermittelst der rechten 
Jünglingsliebe" (d. i. derjenigen, welche die Seele 
höher schätzt als den Körper) „emporgestiegen, jenes 
Schöne" (nämlich das allgemeine Schöne, die ewige 
und absolute Idee des Schönen) „zu erblicken anfängt, 
der kann beinahe zur Vollendung gelangen." (Rede 
des Sokrates.) 



Piatos Stellung zur Homosexualität. 



Studie von 



Dr. 0. Kiefer- Stuttgart. 



Wenn man die Geschichte der Homosexualität in 
Europa studiert, ist man genötigt zu allererst bei den 
Hellenen länger zu verweilen, als einem Volke, das für 
das Verständnis dieser Erscheinung die bedeutendsten 
Quellen liefert Haben sich doch bei ihm alle nur denk- 
baren Formen entwickelt, wie der Mensch sich gegen- 
über dieser Erscheinung verhalten kann. 

Und wenn man dann weiter auch nur einen flüchtigen 
Blick auf die uns erhaltenen hellenischen Quellen wirft, 
fällt einem gewiß in erster Linie der Name und das 
Lebenswerk desjenigen Mannes auf, der in allen Kreisen, 
sie mögen sich zur Homosexualität stellen wie sie wollen^ 
auch heute noch als ein philosophischer Qenius ersten 
Ranges gilt, der Name Piatons, der selbst dem Un- 
gebildeten wenigstens insofern nicht unbekannt ist, als 
nach ihm die so viel genannte und so wenig richtig ver- 
standene „Platonische Liebe'' ihren Namen hat. Viele 
von unsem Mitmenschen reden von „Platonischer Liebe" 
und meinen damit nur ein sog. rein geistiges Verhältnis, 
natürlich zwischen Angehörigen verschiedenen Geschlechtes, 
etwa so, wie ein Petrarca seine Laura, ein Dante seine 
Beatrice geliebt haben soll. Diese Leute ahnen nicht, 
was man nach dem klaren Inhalte der platonischen 
Schriften eigentlich unter „Platonischer Liebe'* verstehen 
muß, sie würden sonst das Wort gewiß nicht im Munde 
führen! Doch es sei ferne von mir, diesen Personen 
einen Vorwurf zu machen, wissen doch anscheinend 
auch große Forscher und Gelehrte nicht recht, was sie 



— 110 — 

mit der eigentlichen Platonischen Liebe anfangen sollen: 
man vergleiche einmal unsere großen Piatonforscher wie 
H. V. Stein in seiner „Geschichte des Piatonismus", 
Zell er 8 Philosophie der Griechen an der betreffenden 
Stelle über Piaton, bis zu dem Herausgeber des 
Platonischen Gastmahls in Hendels Bibliothek der 
Gesamtliteratur, um nur einige wenige zu nennen, und 
man macht überall die nämliche Erfahrung: von den 
unleugbaren, durch keine Vertuschung aus der Welt zu 
Bchaffenden natürlichen Grundlagen der Platonischen 
Liebesphilosophie wird entweder gar nicht geredet oder 
höchstens mit mitleidiger Miene, wie man Ton den 
Schwächen eines großen Mannes spricht. 

So kommt es, daß man über die Frage, wie Piaton 
sich zur Homosexualität stellte, die er als allgemein an- 
erkannte Sitte seines Volkes vorfand, eigentlich bis auf 
den heutigen Tag noch keine auch nur einigermaßen 
befriedigende Arbeit von wissenschaftlicher Seite findet. 
Wenn ich mit meinen bescheidenen Kräften, der freund- 
lichen Aufforderung des wissenschaftlich- humanitären 
Komitees folgend, mich an diese nicht leichte Arbeit 
mache, so geschieht das, weil mir einerseits eine lang- 
jährige Beschäftigung mit hellenischen Kulturzuständen, 
andererseits ein eingehendes Studium der Frage der 
Homosexualität die für eine solche Aufgabe nötige Sach- 
kenntnis und Freiheit des Blickes einigermaßen zu ge- 
währen scheint, so daß meine Arbeit wenigstens einmal 
für spätere Forschungen eine nicht ganz unbrauchbare 
Vorstufe sein möchte. 

Was nun die Frage betrifft: wie verhielt sich Piaton 
zur Homosexualität? so haben wir zur Beantwortung der- 
selben verschiedene Quellen , nämlich Piatons eigene 
Schriften, daneben aber auch mehr oder weniger gut 
bezeugte Überlieferungen aus Piatons eigenem Leben, 
insofern sie auf unsere Frage Bezug haben. Wir wollen 



— 111 — 

zunächst diese Quellen prüfen; denn es ist doch von 
größter Wichtigkeit, zu wissen, ob Piaton selbst die 
Empfindungen erlebt habe> die ihm in seinen Schriften 
so oft zum Ausgangspunkt tiefster philosophischer Spe- 
kulationen und herrlichsten Aufschwungs ins Reich des 
Geistes dienen. Sind nun auch die Quellen, die wir über 
Piatons Leben besitzen, recht unsicher, das scheint 
bestimmt nachweisbar zu sein, daß er auch persönlich die 
Empfindungen gehabt hat, die so oft in seinen Dialogen in so 
wunderbarer Weise geschildert werden: mehrere Überliefe- 
rungen, wie Plutarch, Diogenes Laertius und Aelian 
berichten übereinstimmend, Piaton sei Liebhaber des, 
als er ihn kennen lernte, 20 Jahre alten Dion in Syrakus 
gewesen, den er für seine Lehre gewann und mit welchem 
ihn eine langjährige Freundschaft verknüpfte. Fernerwerden 
Aster, Phädrus und Alexis als seine Lieblinge ge- 
nannt; ob die dem Piaton zugeschriebenen stark homo- 
sexuellen Epigramme, welche auf die genannten Lieb- 
linge gedichtet sind, wirklich von unserm Piaton stammen, 
scheint zu zweifelhaft, als daß man aus ihnen Bestimmtes 
über Piaton schließen könnte. (Vgl. Bergk: Poetae lyrici 
Graeci 1882 Bd. 11 S. 61 6 ff.) 

Wenn wir aber auch gar nichts vom Leben des 
Mannes wüßten, der das Gastmahl und den Phädrus 
geschrieben hat, so würden diese seine Schriften uns 
schon völlig genügen, um zu erkennen, welchen Standpunkt 
er gegenüber der Homosexualität, wie sie zu seiner Zeit 
sich allgemein vorfand, einnahm. Wenn man nun im 
einzelnen untersucht, wie Piatons Ansichten über diese 
Erscheinung beschaffen waren, tritt einem das zunächst 
überraschende Ergebnis entgegen, daß der junge Piaton 
über die Homosexualität nicht dieselben Ansichten hatte, 
wie der Greis. Nicht mit Unrecht unterscheidet ein so 
bedeutender und sachkundiger Forscher wie G. A. S y m o n d s 
(vgl das Werk: „Das konträre Geschlechtsgefühl" von 



- 112 — 

H. Ellis und J. A-Symonds, deutsch von Dr. H. Kurella 
S. 96 S.) die platonischen Dialoge „Phädrus" und „Gast- 
mahl'S welche die naidtgatTrla als „das größte Gut de» 
menschlichen Lebens" und „eine Bedingung des philo- 
sophischen Temperaments" preisen, „Lysis" und „Char- 
mides"^ in welchen sie sympathisch beschrieben wird, und 
die Schrift „der Staat", wo sie wenigstens tolerant be- 
handelt wird, von der platonischen Altersschrift „die Ge- 
setze'', welche diese Leidenschaft scharf verurteilt. Halten 
wir uns bei unserer Betrachtung an diese Einteilung, 
die mir recht zweckmäßig scheint, und versuchen wir 
dann, die Gründe für die so verschiedenartige Beurteilung 
der Sache von Seiten Piatons aufzufinden. 

Beginnen möchte ich mit der Darstellung der äußeren 
Erscheinung der naiötgaariu (Jünglingsliebe), wie sie uns 
in den wohl auch ältesten der oben genannten Schriften 
des Meisters, im Lysis und Charmides entgegentritt Der 
Dialog Lysis ist in jeder Beziehung so etwas wie ein 
Präludium zu den späteren, deutlicheren, ausführlicheren 
Abhandlungen über denselben Gegenstand: zunächst er- 
scheint Sokrates hier im Gespräch mit Knaben und 
kaum den Enabenjahren entwachsenen Jünglingen, dann 
liest sich aber auch der Inhalt der Unterhaltung von 
der „Freundschaft" {(fiXta, nicht igoagl) nur wie 
eine Andeutung der späteren, gar keinen Zweifel mehr 
lassenden Liebesgespräche; man hat gesagt, Piaton 
habe mit diesem Dialog sagen wollen, unter Knaben 
und gegenüber von Knaben könne nur von (piXiu, nicht 
von ÜQOjg die Rede sein, und das würde auch trefflich 
damit übereinstimmen, daß er im Gastmahl den Pau- 
sanias ein Verbot erotischer Verbindungen mit Knaben 
wünschen läßt. Wie dem auch sei, jedenfalls ist das 
Bild, das uns Piaton im Lysis von der äußeren Er- 
scheinung der nut3%Qa(TTia gibt, ein Beweis daftlr, daß 
er ihr, wenn sie nicht ausartete oder lächerlich wurde. 



— 113 — 

keineswegs unsympathisch gegenüberstand. Er läßt in 
dem Dialog Lysis den Sokrates ein Erlebnis erzählen: 
Sokrates kommt gerade Ton der Akademie imd will zum 
Lykeon, da trifft er am Eingang der neuen Palästra 
den jungen Hippothales, den bekannten schwärmerischen 
Liebhaber der Knaben Lysis und Ktesippos, welche 
beide mit einigen anderen von Mikkos, einem Freunde 
des Sokrates, unterrichtet werden, während eine Schar 
anderer Knaben, darunter Lysis und dessen Freund 
Menexenos weiter drinnen das Hermaienfest begehen 
und sich mit Spielen die Zeit yertreiben. Sokrates 
wird aufgefordert, ebenfalls einzutreten und sagt zu. 
„Willst du uns nun folgen, '' fragte Hippothales, „und 
die Leute sehen, die drüben sind?'< „Zuvor wüßte ich 
aber auch gerne, wer dort Schönes ist, denn deshalb 
will ich ja hin.^^ „Jeden von uns gilt ein anderer dafür, ^' 
erwiderte er. „Wer aber dir, Hippothales? Sag es 
mir doch." Auf diese Frage errötete er. Und ich 
(Sokrates) sagte: „. . . du brauchst es mir gar nicht mehr 
zu sagen, ob du jemanden liebst oder nicht, denn ich 
weiß, daß du nicht bloß verliebt bist, sondern auch 
schon tief in die Liebe eingedrungen. Ich bin ja sonst 
unbedeutend und wenig wert, aber die Gabe, schnell einen 
Liebenden und einen Geliebten zu erkennen, ward mir 
gleichsam von Gott verliehen.^' Als er dies hörte, er- 
rötete er noch weit mehr. — Nun mischt sich vorlaut 
Ktesippos ins Gespräch, lacht den Hippothales wegen 
seiner Schüchternheit aus und meint, man müsse sich 
nur ein Weilchen mit ihm unterhalten, um bald den 
Namen seines Angebetenen zu hören, denn: „Uns hat 
er wenigstens mit seinem Lysis die Ohren zum Taub- 
werden vollgeredet," auch dichte er ihn, seine Vorfahren, 
ihren Reichtum, ihre Gestüte, ihre Siege in Olympia usw. 
in einer Weise an, daß es schon mehr zum Lachen sei. 
Sokrates äußert hierauf zunächst im Eintreten die An- 

Jahrbuch YII. 8 



— 114 — 

sieht, wer in der Liebe weise verfahre, lobe den Geliebten 
erst^ wenn er sich ihn sicher erworben habe, aus Furcht 
vor dem Ungewissen Ausgange, und entwickelt dann auf 
Hippothales' Bitte, ihm zu sagen, wie man sich einen 
Liebling gewinnen könne^ eingehend seine Ansichten über 
das Wesen der Freundschaft. 

Da Sokrates meint, es sei am besten, wenn man den 
Ljsis selbst ins Gespräch hineinziehe, begeben sie sich in 
die Nähe der innen spielenden Knaben, unter denen auch 
Lysis stand, „bekränzt, durch sein liebliches Antlitz sich 
vor allen auszeichnend, würdig, nicht nur schön, sondern 
auch schön und gut genannt zu werden/' Lysis hat die 
Eintretenden bemerkt, getraut sich aber, bescheiden wie 
er ist, nicht zu ihnen herüber, sondern bleibt in der 
Feme stehen, ständig den Blick zu ihnen gerichtet; da 
kommt Menexenos, der den Ktesippos kennt, herein, tritt 
herzu und da wagt sich auch Lysis heran und setzt sich zu 
seinem Freunde. Hippothales will von seinem Angebeteten 
nicht bemerkt werden, tritt daher in den Hintergrund. 

Nun entwickelt Sokrates im Gespräch bald mit Lysis, 
bald mit Menexenos, wie ein richtiger Pädagoge, der die 
Knaben keineswegs eingebildet machen will, sie im Gegen- 
teil mehrmals von ihrer Unreife überzeugt, in liebens- 
würdiger Weise seine Ansichten, die darin gipfeln, daß 
man einen Menschen nur um seines inneren Wertes willen 
lieben dürfe, und dieser Wert bestehe in der Einsicht 
und dem Verstand; Freundschaft beruhe auf Gegenseitig- 
keit und entspringe einem gewissen Bedürfnis nach gegen- 
seitiger Ergänzung (damit deutet Piaton auf den ÜQfogl), 

Scheint die Ausbeute an positiven Aufstellungen in 
dieser Schrift gering, so wird sie um so reicher für den, 
der zwischen den Zeilen zu lesen vermag: und da dürfte 
denn für unsere Frage sich folgendes ergeben: Auch 
die Neigung Alterer zu Knaben verwirft Piaton nicht als 
unsittlich, wünscht aber hier absolute Beachtung des 



— 115 — 

noch jugendlichen Alters und Charakters, den man nicht 
durch Liebedienerei eingebildet und hochmütig machen 
soll; man sei dem Knaben gegenüber Freund, und zwar 
erziehender Freund; und der Knabe sei demütig, dank- 
bar und freundlich; darum kann Piaton ruhig sagen: 
yjdem wahren Liebhaber sei es notwendig, von seinem 
Liebling geliebt zu werden/' Daß er diesem Alter gegen- 
über jede sinnliche Betätigung der Liebe verurteilt, ergibt 
sich von selbst, geht aber auch daraus deutlich genug 
hervor, daß er den Sokrates diesen Knaben gegenüber 
nicht einmal vom iomg reden läßt, sondern den Dialog 
abbricht, als man soweit gelangt ist, vom Wesen der 
Liebe zu sprechen, die auch der Freundschaft zu- 
grunde liegt 

Nicht weniger sympathisch berührt uns das Bild, 
welches der Dialog Charmides in seinen ersten Kapiteln von 
der naiStoaaxia zeichnet, ja es ist beinahe noch lieb- 
licher, zeigt uns aber auch zugleich, welche große Rolle 
die Jünglingsliebe in der attischen Gesellschaft damaliger 
Zeit spielte: Sokrates kehrt eben von der Schlacht bei 
Potidaea heim und sucht, um alte Bekannte zu treffen, 
die Palästra des Taureas auf, wo er viele Leute trifft, 
mit denen er sich ins Gespräch einläßt; bald ist man 
denn auch bei dem allen angenehmen Thema,, wer sich 
durch Weisheit und Schönheit oder durch beides aus- 
zeichne, angelangt, und Sokrates erfährt von Kritias, 
der Schönste von allen sei zurzeit Charmides, ein eben 
herangereifter Jüngling, der auch schon als Knabe „nicht 
unbedeutend^' gewesen sei. Da tritt Charmides ein. 
Sokrates schildert den Eindruck, den er auf ihn macht 
mit folgenden Worten: „Nach mir, mein Freund, darf man 
hierin freilich nichts beurteilen, denn inbetreff des Schönen 
bin ich recht eigentlich wie Kreide auf weißer Wand; 
denn in diesem Alter erscheinen mir so ziemlich alle schön. 
Damals nun aber erschien mir jener nach Größe und 

8* 



— 116 — 

Schönheit ganz bewundernswert; und die übrigen alle waren, 
wie mir Yorkam, verhebt in ihn, so aufgeregt und lärmend 
waren sie, als er eintrat, und auch unter denen, die ihm 
folgten, waren noch viele andere Liebhaber. Und bei 
uns nun^ den Männern, war das weniger zu be- 
wundern, aber auch bei den Knaben bemerkte ich, wie 
keiner von ihnen anderswohin bUckte, auch der kleinste 
nicht, sondern alle auf ihn schauten wie auf ein Götter- 
bild/' Auf die Frage, ob der Jüngling dem Sokrates 
gefalle, erwidert dieser: „Über die Maßen'' als aber je- 
mand bemerkte, wenn er sich erst entkleiden würde, 
würde man sein Gesicht gar nicht bemerken, so schön 
sei seine Gestalt" antwortet Sokrates, er wolle lieber 
seine Seele, als seine Gestalt kennen lernen, worauf 
ELritias den Gharmides herbeiruft. 

Was nun folgt, ist wiederum so bezeichnend, daß wir es 
wörtlich bringen müssen: „Gharmides kam und verursachte 
ein großes Gelächter; denn jeder von uns (sagt Sokrates) 
die wir schon saßen, drängte, um Platz zu schaffen, seinen 
Nachbar eifrig auf die Seite, damit er sich neben ihn 
setzen möchte ... Er aber, als er kam, setzte sich zwischen 
mir und Kritias nieder. Schon da, mein Lieber, geriet 
ich in Verlegenheit, und meine frühere Dreistigkeit, mit 
der ich es sogar leicht genommen hatte, eine Unterredung 
mit ihm anzustellen, erlitt einen großen Stoß. Als er 
aber . . . seine Augen mit unbescbreiblichem Ausdruck auf 
mich richtete . . . während alle in der Palästra uns in 
dichtem Kreise umdrängten, da sah ich ihm ins Gewand 
und entbrannte ganz und war nicht mehr bei mir selbst 
und urteilte, daß der Dichter Kydias doch in Liebes- 
sachen am weisesten sei, welcher, als er von einem schönen 
Knaben redet, einem anderen den Rat gibt: „es solle 
das Reh sich hüten, dem Löwen zu begegnen, damit 
es nicht der Beute Los teile. Denn es war auch so ein 
Baubtierbegehren über mich gekommen." Das läßt Piaton 



— 117 — 

denselben Sokrates sagen, der darauf mit Charmides von 
der Besonnenheit redet! Klingt dieses Selbstbekenntnis 
des größten Weisen wie eine Verurteilung der ;rai^6()«^öT/(a? 
Enthält sie aber anderseits etwa den Preis der rein 
sinnlichen Liebe? Beides denke ich^ liegt diesem jungen 
Piaton ferne. 

Völlig bestätigt wird diese Ansicht durch die ein- 
gehende Behandlung, die die naiS^Quaria im Phädrus 
und Gastmahl findet. Wir wollen hier zunächst einmal 
von der philosophischen Bedeutung des Platonischen 
ioioq absehen und uns nur fragen, wie beurteilt der Ver- 
fasser des Phädrus und des Gastmahles die Erscheinung 
der Homosexualität? Der Dialog Phädrus unterscheidet, 
soweit er sich auf die Liebe bezieht, zwei Arten von 
Liebe, die Liebe als reinsinnliche Lust, und als Enthu- 
siasmus ; die Erörterung über die Liebe als reinsinnliche 
Lust geht von einer angeblichen Rede des Lysias aus^ 
die Phädros dem Sokrates vorliest; in dieser Rede preist 
ein in heuchlerischer Weise sich als nicht verliebt stellender 
Liebhaber seinem Liebling den Vorzug des Nichtverliebten 
vor dem Verliebten, um ihn dadurch desto gewisser für 
seine reinsinnlichen Zwecke zu fangen. Piaton läßt nun 
den Sokrates im Anschluß an diese Rede zeigen, daß 
die Liebe als Lust nur Schaden bringt: sie strebt not- 
wendigerweise darnach jeden Vorzug, den der Geliebte 
genießt, wie Freundschafts- und Verwandtschaftsbezie- 
huDgen, geistige und körperliche Vorzüge, ja selbst bloß 
äußeres Hab und Gut zu vernichten, da alles dies ge- 
eignet ist, die unbedingte Hingabe des Geliebten an den 
Liebhaber zu zerstören ; sie erzeugt in dem Geliebten keines- 
wegs Gegenliebe, erfüllt ihn vielmehr mit stets steigendem 
Ekel, aber sie ist auch für den Liebhaber selbst nur ein 
Scheingut, denn auf die Lustbefriedigung folgt Sättigung 
und Überdruß, die Lust verwandelt sich also in Unlust! 
Ganz anders verhält es sich aber, wenn man die Liebe 



— 118 — 

als Enthusiasmus auffaßt: sie ist dann nur die prophetische 
und dichterische Begeisterung, eines der höchsten Grüter 
und wird von Piaton geradezu als Vehikel betrachtet, 
mittels dessen die Menschenseele aus dieser Welt in ihre 
ursprüngliche Heimat, ins Reich des Übersinnlichen zu- 
rückkehrt. Doch wie muß nach Piaton die Liebe be- 
schaffen sein, soll sie diese Aufgabe erfüllen können? 
Ist sie nichts weiter als die Sinnenbegierde? Oder ist 
sie rein geistiger Natur, allem Sinnlichen fremd? Keines 
von beiden ausschließlich. Durch den Anblick eines 
Schönen entflammt die Liebe in der Seele, allein gar 
verschieden ist die Wirkung, die sie in den verschiedenen 
Menschen hervorruft. Piaton unterscheidet den „Einge- 
weihten", welcher sich noch des Anblicks der idealen 
Schönheit im Reiche des Übersinnlichen, dem er ent- 
stammte, erinnert, und den „Ungeweihten und Verdor- 
benen", also die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen; 
von diesen sagt er: „dem Vergnügen ergeben, befolgt er 
das Gesetz der vierftißigen Tiere und zeugt Kinder, ja 
er scheut nicht die Unzucht und ist ohne Scham vor 
seinen widernatürlichen Begierden", von jenem: „Wenn 
aber der Gereifte ... ein gottgleiches Antlitz . . . oder 
die schöne Gestalt eines Körpers erblickt, bebt er auf 
und eine heilige Angst fällt über ihn . . ., dann erst sieht 
er hin und verehrt den Jüngling wie einen Gott; ja wenn 
er nicht den Schein des Narren meiden wollte, würde er 
dem Geliebten opfern wie einem Gott; doch indem er 
den Geliebten also anblickt, geht ein Wunderbares in ihm 
vor: der Schauer weicht und tritt in ungewöhnliche 
Hitze über. Schweiß bricht aus ihm ; was von der Schön- 
heit wie ausströmt, das fließt ihm ins Auge und netzt 
und wärmt die Flügel der Seele ... So oft sie nun die 
Schönheit des Jünglings sieht, ergreift sie die Sehnsucht, 
die Seele brennt an ihr auf und wird ganz warm und 
frei von Schmerzen und jubelt Doch wenn sie wieder 



- 119 - 

von ihm getrennt ist und nach ihm dürstet^ dann ver- 
siegen auch die Quellen der Flügel und schließen sich. 
Da also Freuden und Leiden in ihr gemischt sind, wird 
die Seele sich selbst fremd, unheimlich, rast- und hilflos 
und kann bei Nacht nicht schlafen und hat nirgends 
am Tage Ruhe, sehnsüchtig eilt sie dorthin, wo sie 
den erblicken zu können glaubt, der die Schönheit 
hat, darum will sie auch nicht mehr vom Geliebten 
lassen, die Seele stellt nichts über ihn und vergißt die 
Eltern und Geschwister und Freunde, und wenn sie um 
ihn ihre ganze Habe verlöre, würde sie es nicht achten ; 
sie verschmäht die Gewohnheiten und Sitten und alles, 
womit sie früher sich zierte und ist bereit^ dem Geliebten 
„zu dienen und will bei dem Geliebten liegen und in 
seinen Armen sein." (Nach der ganz vortrefflichen Über- 
tragung Kastners bei Eug. Diederichs in Jena.) 

Je nachdem nun ein Mensch selbst beschaff'en ist, 
wählt er sich auch seinen Geliebten, also der Weis- 
heitsfreund einen ihm Ahnlichen, der königlich Gesinnte 
einen ähnlich Gesinnten usw. und sucht ihn seinen Idealen 
entsprechend zu bilden. Doch wird diese Liebe rein 
geistig bleiben? Piaton antwortet darauf mit dem be- 
rühmten Bilde, in welchem der höchste, mittlere und 
unterste Teil der Seele in moralischer Beziehung durch 
einen Wagenlenker, ein zahmes und ein unbändiges Roß 
dargestellt wird: bei dem besten Menschen behält stets 
der Wagenlenker die Oberhand und hält seine Pferde 
zurück, mag auch das unbändige beim Anblick des Ge- 
liebten noch so stürmisch fordern. „Sei mir zur Lust !" doch 
verurteilt er auch nicht die Menschen, bei denen in einem 
unbewachten Augenblicke — „beim Wein oder sonst in 
sorglosen Stunden" — der sinnliche Trieb, das unbändige 
Roß, „ftir die lange Entsagung sich ein wenig entschädigt'^, 
und „das wählt, was die Vielen so glücklich macht". 
Daß der Geliebte hierzu ohne weiteres bereit sei, nimmt 



— 120 — 

Platon an, denn „der Geliebte liebt doch den, der ihm 
gut ist und wäre nicht imstande dem Freunde, was auch 
immer es sei, zu versagen, wenn er ihn darum bäte," 
denn auch „er sehnt sich, nur weniger heftig, dem 
Liebenden nahe zu sein, ihn zu sehen, zu berühren, mit 
ihm schön zu tun und zu schlafen, und er tut das alles 
auch bald, wie es ja za erwarten war." 

Man beachte also wohl: das sinnliche Moment, so- 
weit es nur in Umarmungen und „Zusammenliegen^^ be- 
steht, billigt Platon hier selbst bei den allerbesten, 
weisesten Menschen, das Reinsexuale aber hält er für 
einen verzeihlichen Fehler der ,, Vielen", ja auch diesen 
billigt er nach dem Tode „ein Leben im Lichte" zu, 
„denn auch sie haben geliebt". 

Fast ganz zu demselben Resultate gelangt Platon im 
Gastmahle. Diese wunderbare Schrift liefert uns zugleich 
den besten Einblick in die damals allgemein herrschenden 
Ansichten über die natSeoccaricc, Nehmen wir an, Piatons 
eigentliche Ansicht sei dem Sokrates in den Mund gelegt, 
was wohl der Wahrheit am nächsten kommen dürfte, so 
erscheint das, was die andern vorbringen, als verschiedene 
Seiten des von Sokrates in seinem tiefsten Wesen erfaßten 
iomg; wir erhalten also folgende Beschreibung: der ä{)(üg 
ist zunächst die stärkste Triebfeder zu einem edeln 
Leben, sie teilt den Liebenden die Scham und den Ehr- 
geiz mit, sie begeistert zu großen Taten: „Ich wüßte 
denn auch keine höhere Gabe als für einen Jüngling den 
treuen Freund und für diesen den Geliebten. Was allen 
Menschen, die edel ihr Leben führen wollen, immer notwendig 
sein soll, das können diesen nicht Geburt, nicht Ehre, 
nicht Reichtum so reich geben, wie die Liebe es gibt 
Denn die Liebe allein gibt Scham vor dem Laster und 
den Ehrgeiz alles Guten, und ohne beide vermag eine 
ganze Stadt, vermag der Einzelne nicht das Große zu 
wirken. Ich meine, wenn ein Jüngling irgend etwas 



— 121 — 

Schlechtes getan hat, oder seine Feigheit den Gegner 
nicht wehren wollte, so wird die oflFene Scham ihn vor 
Beinen Eltern oder Gefährten lange nicht so wie vor dem 
Geliebten schmerzen, und wenn der Geliebte bei etwas 
Schlechtem ertappt wird, so empfindet er vor niemandem 
80 bitter die Schande, wie vor dem Frennde! Die 
Freunde und die Geliebten — ja sollte es möglich sein, 
aus beiden eine ganze Stadt oder ein ganzes Heer zu 
bilden, so könnten eine so gemeinsame Abscheu vor dem 
Laster und ein so selbstloser Ehrgeiz das Staatswesen 
nicht besser verwalten, und wenn sie gemeinsam in die 
Schlacht zögen, müßten sie, wenn ihrer auch nur einige 
wären, alle andern, ich sage gleich, die ganze Welt be- 
siegen. Ein Jüngling, der die Waffen wegwirft und die 
Schlachtreihe verläßt, würde wohl von allen andern 
besser als von dem Geliebten empfangen werden und 
eher sterben, bevor er dies täte. Oder gar den Geliebten 
verlassen, ihm in der Gefahr nicht beispringen, ja niemand 
ist so feige, jeden hat die Liebe so mit göttlichem Mute 
begabt, daß er sich dann mit dem Kühnsten mißt'^ 

Im gleichen Zusammenhange findet sich die psycho- 
logisch so bedeutsame Stelle: „Es ehren die Götter ja 
überall den Mut in der Liebe, aber sie staunen mehr 
und spenden reicher die Gnade, wenn der Geliebte dem 
Freunde, als wenn der Freund dem Geliebten die Liebe 
beweist Denn der Freund ist göttlicher als der Ge- 
liebte.*' Im weiteren wird der Unterschied zwischen 
dem gemeinen und dem „uranischen*' (himmlischen) Eros 
erläutert: „der gemeine liebt wahllos Weiber und 
Knaben*' (man beachte dies besonders!), „und er liebt 
immer nur den Leib, er liebt vor allem die geistig noch 
unentwickelten Knaben, da er eben nur den Zweck will 
und die Art ihn nicht kümmert;" von dem uranischen 
Eros aber heißt es: „die himmlische Aphrodite war aus 
dem Manne frei geschaffen und ist die ältere, voll Maß 



— 122 — 

und gebändigt ^^ und darum also streben sehnend alle 
JtLnglinge und Männer ^ welche diese Liebe begeistert, 
zum männlichen, zum eigenen Geschlecht hin d. h. sie 
lieben die stärkere Natur und den höheren Sinn. Aber 
auch hier in der Männerliebe müssen wir von andern 
scharf unterscheiden diejenigen, die nur von der hohen 
Liebe und nur von ihr geführt werden. Diese lieben 
die Jünglinge erst, wenn die Jünglinge selb- 
ständig zu denken beginnen, es ist das im allge- 
meinen um die Zeit, da diesen der Bart keimt 
Und wer hier ihn zu lieben beginnt, wird dann auch 
bereit sein, sein ganzes Leben mit dem Geliebten ge- 
meinsam zu führen, und wird ihn nicht betrügen und 
auslachen und davon zu einem andern laufen, etwas, das 
immer vorkommt, wenn er den Geliebten, da dieser bei- 
nahe noch ein Kind war, genommen hat. 

Man solle, verlangt Piaton dann weiter, Knaben über- 
haupt nicht lieben dürfen, „damit nicht so ins Ungewisse 
hinein viel Leidenschaft verschwendet wird." Ein edler 
Mensch schreibe sich dies Gebot selber vor, die andern solle 
man dazu zwingen, denn sie allein seien es, die die hohe 
Liebe in Verruf gebracht hätten. Piaton erörtert dann 
die Stellung der einzelnen hellenischen Stämme zur 
naiSegaaria und findet, in Athen seien die Anschauungen 
besonders schwierig zu verstehen: einerseits gestattet die 
Sitte den Liebhaber zur Gewinnung des Lieblings Dinge 
zu tun, die ihm Schande brächten, wenn sie einem 
anderen Zwecke dienten, wie Bitten und Flehen, Schwören 
von Eiden und niedrige Sklavendienste, — anderseits 
verbieten die Väter ihren Söhnen, mit dem, der ihre 
Liebe begehren sollte, sich ins Gespräch einzulassen, und 
die Altersgenossen rügen den Verkehr eines Geliebten 
mit seinem Liebhaber; woher diese Zwiespalt? Die Ant- 
wort darauf lautet: die Sittlichkeit jeder Handlung liege 
in der Art ihrer Ausführung, tadelnswert sei also 



— 123 — 

jene Liebe, die nur den Körper liebt und treulos 
von einer Sinnenlust zur andern eilt, löblich 
dagegen sei die der Sinnlichkeit zwar ebenfalls 
nicht völlig entbehrende, aber durch geistige 
Bande geadelte Liebe, wobei der Liebhaber sittlich 
bildend auf den Geliebten einzuwirken suche, wofür dann 
der Liebling dem Geliebten wohl zu willen sein dürfe. 
Diese Ansicht, welche mit der im Phädrus f&r die 
gewöhnlichen Menschen giltigen übereinstimmt, darf man 
nun freilich nicht ohne weiteres als Piatons eigene An- 
sicht betrachten; es ist vielmehr, wie mir scheinen will, 
die Volksansicht seiner Zeit, die der Philosoph hier vor- 
führt; geradeso ist es mit dem im weiteren Verlauf des 
Dialogs dem Aristophanes in den Mund gelegten bekannten 
Mythus von den Menschen als zerschnittenen und darum 
einander suchenden Hälften eines einstigen Urmenschen- 
geschlechts; diese Sage enthält den zweifellos wahren 
Kern, daß die Liebe jeder Art viel mehr ist als nur ein 
Sehnen nach Geschlechtstriebbefriedigung, daß die Ver- 
einigungssehnsucht im mystischen Sinne dieses Wortes 
das eigentliche Wesen der Liebe, also auch der ;raid6()a(7r/fl? 
ausmacht, die hier klar und deutlich als eine Naturer- 
scheinung aufgefaßt wird. In echt hellenischer Weise 
erscheint dabei freilich die itutÖBgaoTiu als die bessere, 
wertvollere Art Liebe, es heißt z. B.: „Schon als Knaben 
lieben sie (die geborenen Homosexuellen, könnte man 
sagen) die Männer und sind froh, wenn sie Männer umarmen 
und mit Männern liegen können. Gerade die mutigsten 
sind unter ihnen, da sie ja doch schon von Natur aus 
sozusagen die männlichsten sind Wer sie schamlos 
nennt, der lügt. Denn nicht aus Schamlosigkeit 
handeln sie so, nein, ihr Mut, ihre Mannhaftigkeit, ihre 
Männlichkeit liebt eben ihresgleichen. Und das beweist 
es: nur sie dienen, reif und zu Männern geworden, dem 
Staate. Als Männer lieben sie wieder Knaben und Jung- 



— 124 — 

linge und kümmern sich wenig darum, ein Weib zu 
nehmen und Kinder mit ihm zu zeugen, es genügt ihnen 
durchaus, unverheiratet nur miteinander zu leben." — 
,,Aber sie, die von nun an ihr ganzes Leben bei einander 
weilen, sie wissen dennoch niemals, was sie wollten, daß 
mit ihnen geschähe. Die sinnliche Begierde könnte doch 
kaum den einen an den andern mit so großer Leiden- 
schaft binden. Ihre Seele will doch wohl etwas anderes: 
sie kann es nicht sagen und ahnt es nur und stammelt'^ 
Kann man das innerste Wesen der Liebe schöner 
und zutreffender beschreiben? Daß diese Auffassung vom 
Wesen der Liebe überhaupt Piatons eigene Ansicht ist, 
bedarf für den Kenner seiner Philosphie keiner Er- 
örterungen. Welch idealer Aufgaben er aber die natSBoatnia 
als solche für fähig hält, enthüllt er uns ganz klar und 
zweifellos in der dem Sokrates in den Mund gelegten 
Rede. Piaton sieht hier von der nutStgaaria als einer 
ziemlich untergeordneten einzelnen Form des coo)^ ab und 
beschreibt das Wesen dieses letzteren : er ist einmal der 
Trieb yermittelst der Schönheit fruchtbar zu werden, 
dann aber im höchsten Sinne „das beste und einzige 
Band, das uns mit der vollen Glückseligkeit eines vor- 
zeitlichen Schauens der Ideenwelt verbindet" (H. v. Stein.) 
Weiter auf diesen philosophischen iQcoq einzugehen würde 
außer unserem Thema liegen; es sei nur darauf hinge- 
wiesen, daß ein Trieb, den Piaton solcher Veredelung für 
fähig hält, einerseits im Sinne dieses Philosophen kein 
verdammenswerter sein kann, anderseits aber auch 
himmelhoch über der sinnlichen Neigung zu schönen 
Menschen stehen muß. Gleichsam als Illustration, wie 
der von solchem Trieb Beseelte sich der Sinnlichkeit 
gegenüber zu verhalten habe, dient die am Schluß der 
Schrift von Piaton dem Alkibiades in den Mund gelegte 
treuherzige Schilderung des Sokrates: er stellt Piatons 
Idealmenschen dar, der aus den Armen des schönsten 



— 125 — 

Jünglings wie ein Vater aus den Armen des Sohnes 
sich erhebt. (Vgl. auch die Deutung dieser Episode in 
B. Friedländers Buch „Die Renaissance des Eros 
Uranios" Zusatz 9.) 

Ergibt sich aus all dem, daß selbst der jüngere 
Piaton der rein sinnlichen Form der nuiÖBgaarla nur 
bedingungsweise zustimmen konnte, so darf es uns nicht 
mehr so sehr wundernehmen, wenn der alte Piaton sie 
überhaupt verurteilte. 

In seiner Schrift „der Staat" fordert er zwar noch, 
daß, wer sich im Kriege befinde, jeden Einzelnen lieben 
und von ihm geliebt werden dürfe, ja es solle keinem er- 
laubt sein, sich loszusagen von seinem Liebhaber, damit da- 
durch sein Kampfeseifer erhöht werde. In den „Gesetzen" 
dagegen, seiner letzten Schrift« nennt er die Liebe zum 
gleichen Geschlecht geradezu naQu (pöaiv (unnatürlich). 
Das scheint denn doch auffallend, wird aber etwas verständ- 
licher, wenn man außer dem Obengesagten noch weiter in- 
betracht zieht, daß der Piaton dieser Schrift die sinnliche 
Lust überhaupt als etwas Sündhaftes verwirft; gelten 
läßt er hier nur noch die Freundschaft als rein geistiges 
Verhältnis und die Ehe zur Kindererzeugung — mit 
einem Wort ganz der Standpunkt senilen Empfindens. 

Nur nebenbei will ich noch erwähnen, daß die Ge- 
setze von manchen Forschern gar nicht fQr eine Schrift 
Piatons gehalten werden. Wie dem nun auch sei, Piatons 
Namen ist mit der Homosexualität zu tief verwoben, als 
daß die in den „Gesetzen" ausgesprochene Verurteilung 
derselben uns veranlassen könnte, die wunderbaren, 
zweifellos ersten Werke wie den Phädrus und das Gast- 
mahl nur als von jugendlicher Unreife diktiert zu be- 
trachten und die Verurteilung der natSeoadria in den 
Gesetzen als die eigentlich maßgebende Meinung Piatons 
anzusehen. 

Nein, solange es Homosexuelle geben wird — und 



— 126 — 

das wird wohl sein, solange es Menschen gibt — werden 
auch die platonischen Dialoge, deren Hauptbedeutung ja ge« 
wiß'auf einem ganz anderen Gebiete liegt als auf ihrer 
Stellung zur natSegaaria, als Trost- und Erhebungschriften 
für unglückliche Menschen dienen, welche hier ihren 
eigenen Sexualtrieb in seiner relativen Berechtigung, aber 
auch in seiner schönsten Veredelung vor Augen geführt 
bekommen! 

Die Piatonforscher aber, welche aus falschem Scham- 
gefühl meinen, diesen Punkt totschweigen oder entstellen 
zu dürfen, werden hoffenüich immer mehr aussterben, 
denn wie sagt doch Baco? 

,^Was des Seins würdig ist, ist auch würdig erkannt 
zu werden." 



Änßemng Goethes über griechische Liebe 

nnd Johannes Müller. 

Zu dem im Jahrbuche V, 1, S. 425 von Dr. P. I. Möbius 
mitgeteilten Briefe Goethes über mannmännliche Liebe 
in Bom wird uns folgendes ergänzende Seitenstück von 
Oberlehrer Dr. Brandt in Leipzig mitgeteilt. 

Aus Ooethes Unterhaltungen mit dem Kanzler 

Friedrich von Müller. 

265. Mittwoch, 7. April 1830. 

. . . „Nun fiel das Gespräch auf griechische Liehe 
und auf Johannes Müller, Er entwickelte, wie diese 
Verirrung eigentlich daher komme, daß nach seinem 
ästhetischen Maßstab der Mann immerhin weit schöner, 
vorzüglicher, vollendeter wie die Frau sei. Ein solches 
einmal entstandenes QefüM schu^enke dann leicht ins 
Tierische, grob Materielle hinüber. Die Knahenliebe 
sei so alt wie die Menschheit, und man könne daher 
sagen, sie liege in der Natur, ob sie gleich gegen die 
Natur sei.*' — 



Welches 

Interesse hat die Frauenbewegung 

an der 

Lösung des hon^osexuellen Problems? 

Rede von 
Anna Rttllng. 



(Grebalten auf der Jahresversammluiig des wissenschaftlich-humani- 
tSren Komitees im Hotel Prinz Albrecbt am 8. Oktober 1904.) 



Jahrbuch VU. 9 



Sehr verehrte Anwesende! 

Die Frauenbewegung ist eine kulturgeschichtliche 
Notwendigkeit! 

Die Homosexualität ist eine naturgeschichtliche Not- 
wendigkeit, sie bedeutet die verbindende Brücke, den 
naturgemäßen und selbstverständlichen Übergang zwischen 
Mann und Weib. Das ist heute für die Wissenschaft 
eine feststehende Tatsache, gegen die sich Ignoranz und 
Unduldsamkeit vergebens sträuben. Gleichwohl wird sich 
mancher gefragt haben, wie ich dazu gekommen bin, die 
kulturgeschichtliche und die naturgeschichtliche Wahr- 
heit in einem Atem zu nennen, zwei Dinge, die bei ober- 
flächlicher Betrachtung Gegensätze zu sein scheinen. 

Der Grund für diese verbreitete Ansicht ist darin 
zu suchen und zu finden, daß man im allgemeinen^ wenn 
von Homosexuellen die Rede ist, nur an die urnischen 
Männer denkt und übersieht wie viele homosexuelle 
Frauen, es gibt, von denen freilich weniger geredet wird, 
weil sie — ich möchte fast sagen „leider" — keinen 
ungerechten und aus falschen sittlichen Anschauungen 
hervorgegangenen Strafgesetzparagraphen zu bekämpfen 
haben. 

Den Frauen droht kein peinliches Gericht und kein 
Zuchthaus wenn sie ihrem angeborenen Liebestriebe folgen. 
Aber der seelische Druck, unter dem die Urninden stehen, 
ist ebenso schwer, ja noch schwerer, als das Joch, unter 

9* 



— 132 — 

dem ihre männlichen Leidensgefährten seufzen. Sie sind 
für die nach dem äußeren Scheine mleilende Welt um 
vieles auffallender als selbst der weibischste Urning. Sie 
werden nur zu oft von moralisierendem Unverstand mit 
Spott und Hohn tiberschüttet 

Für unser gesamtes soziales Leben aber sind die 
umischen Frauen von mindestens ebenso hoher Bedeutung 
wie ihre männlichen Gefährten, denn sie beeinflussen, auch 
ohne daß von ihnen geredet wird^ unser Leben in mannigfal« 
tiger Weise. Wenn man sich die Tatsachen vor Augen hält, 
wird man bald zu dem Schlüsse kommen^ daß sich Homo- 
sexualität und Frauenbewegung nicht gegensätzlich gegen- 
überstehen, sondern daß sie vielmehr dazu bestimmt 
sind, sich gegenseitig zu Recht und Anerkennung zu 
verhelfen und die Ungerechtigkeit, die sie verdammt, 
aus der Welt zu schaffen. 

Die homosexuelle Bewegung kämpft für das Recht 
aller Homosexuellen, für das der Männer, wie für das 
der Frauen. Das wissenschaftlich -humanitäre Komitee 
hat sich, darin vorteilhaft von allen anderen Be- 
wegungen, die ein Interesse an dem Kampf haben oder 
haben sollten, ausgezeichnet, daß es sich auch den Ur- 
ninden immer mit lebhafter Anteilnahme gewidmet hat. 

Die Frauenbewegung erstrebt die Anerkennung der 
lange mißachteten Frauenrechte; sie kämpft namentlich 
für möglichste Selbständigkeit und rechtliche Gleichstellung 
der Frau mit dem Manne innerhalb und außerhalb der 
Ehe. Die letzteren Bestrebungen sind besonders wichtig, 
weil es erstens unsere heutigen wirtschaftlichen Verhält- 
nisse und zweitens der durch Statistik festgestellte nomi- 
nelle Überschuß von Frauen in der Bevölkerung unseres 
Vaterlandes mit sich bringen, daß eine große Anzahl von 
Frauen nicht zur Ehe gelangen kann. Diese Frauen 
sind, soweit sie nicht von Haus aus über ausreichende 
Geldmittel verfügen — was nur bei etwa lO^o der Fall 



— 133 — 

ist — gezwungen, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen 
and in irgend einem Berufe ihr tägliches Brot zu ver- 
dienen. Die Stellung und Anteilnahme der homosexuellen 
Frauen in der Frauenbewegung zu und an einem ihrer 
Mächtigsten Probleme ist von größter und einschneidenster 
Bedeutung und verdient die allgemeinste und weit- 
gehendste Beachtung. 

Man muß bei der homosexuellen Frau zweierlei unter- 
scheiden, ihre Persönlichkeit im allgemeinen und 
ihre sexuelle Veranlagung. Das wesentliche ist natür- 
lich ihre Persönlichkeit im allgemeinen, erst in zweiter 
Linie kommt die Richtung ihres sexuellen Triebes, ohne 
dessen genaue Kenntnis und gerechte Würdigung mau 
freilich nie imstande sein wird, sie voll und gerecht zu 
beurteilen, denn der physische Liebestrieb ist fast immer 
nur ein Ausfluß, eine natürliche Folge der psychischen 
Eigenschaften; d. h. er richtet sich bei Menschen mit 
vorwiegend männlichen Charaktereigenschaften naturgemäß 
auf das Weib und umgekehrt, ohne daß die Natur immer 
auf den äußeren Körperbau des Menschen Rücksicht 
nimmt. Die homosexuelle Frau besitzt viele Eigenschaften, 
Neigungen und Fähigkeiten, die wir gewöhnlich als rechts- 
gültigen Besitz des Mannes betrachten. Ganz besonders 
entfernt sie sich auf der Bahn des Gefühlslebens von 
der mittleren weiblichen Linie. Während bei dem aus- 
gesprochen heterosexuellen Weibe das Gefühl fast immer — 
Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel — vor- 
herrschend und ausschlaggebend ist, überwiegt bei der 
Urninde meist der klar blickende Verstand. Sie ist, wie 
im Durchschnitt der normale Mann, objektiver, energischer 
und zielbewußter, als das weibliche Weib, ihre Gedanken 
und Empfindungen sind die des Mannes; sie ahmt den 
Mann nicht nach, sie ist veranlagt wie er, dies ist 
der entscheidende springende Punkt, den die Hasser 
and Verleumder des sogenannten .,Mannweibes'' immer 



— 134 — 

außer acht lassen, weil sie sich Die die Mühe geben , der 
homosexuellen Erscheinung einmal gründlich nachzu- 
forschen. Es ist gar leicht, etwas zu verurteilen, was 
man nicht versteht, ebenso leicht, wie es schwer zu sein 
scheint, eine vorgefaßte und falsche Meinung zu korri- 
gieren oder durch Aufklärung korrigieren zu lassen. Ich 
möchte an dieser Stelle bemerken, daß es eine absolute 
und eine nur psychische Homosexualität gibt, daß also 
männliche Charaktereigenschaften nicht unbedingt einen 
sexuellen Trieb zum eigenen Geschlecht im Gefolge haben 
müssen; denn jeder Uminde sind naturgemäß auch mehr 
oder weniger zahlreiche weibliche Züge eigen, die sich 
bei den ungeheuer verschiedenen Gradabstufungen in den 
XJbergängen zwischen den Geschlechtem auch wohl ein- 
mal im sexuellen Trieb zum Manne äußern können. Frei- 
lich pflegt sich der Trieb in diesen Fällen meist auf 
einen sehr weiblichen Mann zu erstrecken, als die natur- 
gemäße Ergänzung des Weibes mit stark männlicher 
Seele. Ich erinnere zum Beweise für diese Behauptung 
nur an George Sand und Daniel Stern, die beide 
Männer liebten, welche zu den weiblichsten aller Zeiten 
gehören, Friedrich Chopin und Franz Liszt. Auch 
Klara Schumann, die große Künstlerin, war einem Manne 
mit stark weiblichen Neigungen vermählt — Robert 
Schumann. Es scheint übrigens, als ob sich bei den 
Frauen, die ich als psychisch homosexuell bezeichnet habe, 
der Geschlechtstrieb nie besonders kräftig entwickelt hat, 
auch George Sand und Daniel Stern liebten ihre Künstler 
weit mehr mit der Seele, als mit den Sinnen; ich bin 
daher geneigt^ bei psychisch homogenen Frauen gewisser- 
maßen von „unsexuellen'' Naturen zu sprechen. Da 
die homosexuelle Frau mit ihren männlichen Anlagen und 
Eigenschaften niemals eine passende Ergänzung zu dem 
Vollmann bilden kann, so ist es ohne weiteres klar, daß 
die Urninde sich nicht für die Ehe eignet. Die urnischen 



— 135 -^ 

Franen selbst wissen das zumeist sehr wohl, oder em- 
pfinden es doch unbewußt und sträuben sich ihrer Natur 
gemäß gegen den Gang zum Standesamt Aber wie oft 
haben sie ohne Eltern, Basen, Tanten und die anderen 
lieben Freunde und Verwandte gerechnet, die ihnen tag- 
aus^ tagein yon der Notwendigkeit einer Ehe yorreden, 
die ihnen mit ihren weisen Batschlägen das Leben zur 
Qual machen. Sie tappen oftmals blindlings in eine Ehe 
hinein, dank unserer unverständigen Mädchenerziehung, 
ohne klare Anschauungen und Begriffe über die Sexualität 
und das sexuelle Leben. So lange es die Ansicht der 
sogenannten „Gesellschaft^' bleibt^ daß die alte Jungfem- 
schaft, d. h. die Ehelosigkeit des Weibes etwas Unan- 
genehmes, ja etwas Minderwertiges bedeutet, so lange 
wird es nur zu oft eintreten, daß die ürninde sich durch 
äußere Umstände in eine Ehe treiben läßt, in welcher 
sie weder Glück finden, noch Glück schaffen kann. 
Eine solche Ehe aber ist doch wohl weit eher unmoralisch 
zu nennen, als das Liebesbündnis zweier Menschen^ die 
eine mächtige Natur gewaltig zueinander reißt. 

Die Frauenbewegung will die Ehe reformieren, sie 
will rechtlich yieles ändern, damit die heute oft so un- 
erquicklichen Zustände aufhören, damit Unfrieden und 
Rechtlosigkeit, Willkür und sklavische Unterwerfung ver- 
schwinden aus dem Heim der Familie, damit ein gesunderes 
und kräftigeres Geschlecht erblühe. 

Bei diesen Reformbestrebungen darf die Frauen- 
bewegung nicht vergessen, wie viel Schuld die falsche 
Bewertung der homosexuellen Frau an den unfreundlichen 
Zuständen trägt; ich sage ausdrücklich „wie viel Schuld^', 
es liegt mir selbstverständlich fern, dieser falschen Be- 
wertung etwa die ganze Schuld aufbürden zu wollen. 
Aber schon um diesen Teil der Schuld willen ist es eine 
einfache und unabweisbare Pflicht der Frauenbewegung, 
die breitesten Volksmassen in Wort und Schrift darüber 



— 186 — 

aufzuklären, wie yerderblich die Ehe von Homosexuellen 
ist. Zunächst natürlich für die beiden beteiligten Men- 
schen. Der Mann wird einfach betrogen, denn ganz ab- 
gesehen Yon ihrer ideellen Bedeutung ist der Abschluß 
einer Ehe ein gegenseitiger Vertrag, in welchem beide 
Teile Bechte und Pflichten übernehmen. Eine homo- 
sexuelle Frau aber kann ihre Pflichten dem Manne gegen- 
über nur mit Abneigung, im besten Falle mit Gleichgültig- 
keit erfüllen. Eine erzwungene sexuelle Gemeinschaft 
ist ohne Zweifel für beide Beteiligte eine Qual und kein 
anständig denkender Mann kann darin etwas Erstrebens- 
wertes sehen, kann mit einer urnischen Frau das Glück 
finden, das er in der Ehe gesucht hat. Sehr oft kommt 
es vor, daß solch ein Mann aus anständigem Empfinden 
heraus um der Frau willen den sexuellen Verkehr mit 
ihr meidet und die Befriedigung seines Triebes in den 
Armen einer Maitresse oder bei käuflichen Dirnen sucht. 
Wem aber die wahre Sittlichkeit und die Gesundheit 
unseres Volkes so ehrlich am Herzen liegt, wie der Frauen- 
bewegung, der muß zur Vermeidung der Eheschließung 
von Homosexuellen tun, was in seinen Kräften steht. 
Und die Frauenbewegung kann in der Aufklärungsarbeit 
unendlich viel tun, damit alle Kreise erkennen, daß die 
Ehe von ürninden ein dreifaches Unrecht ist, gegen den 
Staate die Gesellschaft und ein ungeborenes Geschlecht, 
denn die Erfahrung lehrt, daß die Nachkommenschaft 
urnischer Menschen nur in den seltensten Fällen gesund 
und kräftig ist Die unglücklichen, ohne Liebe, selbst ohne 
Lust empfangenen und geborenen Geschöpfe stellen einen 
großen Prozentsatz zu der Zahl der Schwachsinnigen, Blöd- 
sinnigen, Epileptischen, Brustkranken, Degenerierten 
aller Art Auch sind die krankhaften sexuellen Triebe, 
wie Sadismus und Masochismus oft ein Erbteil umischer 
Menschen, die wider ihre Natur Kinder erzeugten. Staat 
und Gesellschaft haben ein dringendes Interesse daran, 



— 137 — 

daß urnische Menschen nicht heiraten^ denn auf ihnen 
lastet später nicht zum kleinsten Teil die Sorge für 
solche kranke und schwache Wesen ^ von denen sie 
ihrerseits kaum irgend eine Gegenleistung erwarten 
dürfen. 

Ein wesentlich praktischer Punkt für die 
heterosexuellen Frauen scheint mir der zu sein, 
daß sie, wenn die Urninden ohne Schädigung ihrer sozialen 
Stellung ehelos bleiben könnten, um vieles leichter den sie 
doch, gemäß ihrer natürlichen Veranlagung, zumeist be- 
friedigenden Wirkungskreis der Gattin, Hausfrau und Mutter 
linden würden. Eine genaue statistische Erhebung über 
die Zahl der homosexuellen Frauen fehlt uns leider noch, 
doch dürfen wir nach meinen sehr großen Erfahrungen 
und eingehenden Studien auf diesem Gebiete annehmen, 
daß das Resultat, das die statistischen Erhebungen von 
Herrn Dr. Hirschfeld über die Verbreitung der männ- 
lichen Homosexualität ergeben haben, auch auf die Frauen 
in Anwendung gebracht werden kann. Demzufolge würde 
es in Deutschland annähernd die gleiche Anzahl umischer 
und lediger Frauen geben. Das ist nicht falsch auf- 
zufassen. Ich will z. B. sagen, es gäbe 2 Millionen lediger 
und 2 Millionen homosexueller Frauen. Unter diesen 
2 Millionen der ledigen befindet sich naturgemäß schon 
ein größerer Prozentsatz der urnischen, sagen wir 50 ^Z^^, 
also 1 Million, unter den Homosexuellen aber befinden 
sich wiederum etwa 50%, die sich infolge äußerer Um- 
stände verheiratet haben, die also, wie Sie sich sicherlich 
ausrechnen werden/ den 50 7o normal sexueller lediger 
Frauen bei einer Eheschließung im Lichte standen. Die 
Konsequenzen aus dieser Tatsache sind leicht zu ziehen. 
Bei möglichster Ehelosigkeit aller Urninden würde die 
Wahrscheinlichkeit einer Eheschließung für die hetero- 
sexuellen Frauen um ein beträchtliches steigen, womit 
ich freilich nicht gesagt haben will, daß hier etwa ein 



— 138 — 

üniversalmittel gegen die alte Jungfernschaft gefunden 
worden sei, denn die zunehmende Animosität der Männer 
gegen die Ehe hat ihren Grund vielfach in sozialen 
Verhältnissen, über welche zu reden hier nicht der 
Ort ist. 

Wenn die Frauenbewegung sich' aber kräftig der 
homosexuellen Seite der Ehefrage annähme, dann würde 
sie damit auch einen Schritt weiter tun auf dem Wege 
zu dem schönen und hohen Ziele, die Uridee der Ehe, 
das Liebesbündnis zwischen Mann und Weib, wieder zu 
ihrem Rechte gelangen zu lassen. Denn es ist eine 
ethische Forderung, der die heute so zahlreichen Geld- 
und Vemunftheiraten täglich ins Gesicht schlagen, daß 
die Menschen nur aus Liebe den Bund der Ehe eingehen 
sollen. 

Ich habe bemerkt, daß viele homosexuelle Frauen 
heiraten, weil sie sich ihrer Natur zu spät bewußt werden 
und so ohne ihre Schuld unglücklich werden und un- 
glücklich machen. Auch hier kann die Frauenbewegung 
helfend eingreifen, indem sie, wenn sie über Jugend- 
erziehungsfragen spricht, — was oft geschieht — auch 
einmal darlegt, wie notwendig es ist, größere Kinder 
und junge Leute, an denen die Eltern in langer, liebe- 
voller und genauer Beobachtung den homosexuellen Trieb 
wahrgenommen haben, — und ehrliche und verständige 
Beobachter können ihn an mancherlei Anzeichen er- 
kennen — in vernünftiger, faßlicher Weise über das 
Wesen der Homosexualität und ihrer eignen Natur auf- 
zuklären. So könnten sie unendlich viel frühe Qual und 
vieles Elend verhüten, anstatt daß sie — wie es häufig 
geschieht — mit allen Mitteln versuchen, homosexuelle 
Kinder in heterosexuelle Bahnen zu zwingen. Man 
braucht dabei nicht zu befürchten, daß etwa weichliche 
heterosexuelle Kinder als homosexuell angesehen werden 
könnten und so zu Homosexuellen gemacht werden, denn 



— 139 — 

erstens hätte eine solche AufkläruDg natürlich nur nach 
Konsultation eines auf dem Gebiete erfahrenen Arztes 
zu erfolgen und zweitens hat auch bereits die Erfahrung 
gelehrt, daß weder Verführung noch sonst irgend etwas, 
den heterosexuellen Trieb in einen homosexuellen yer- 
wandeln kann und umgekehrt. Gewiß, ein hetero- 
sexueller Mensch kann sich zu homosexuellen Handlungen 
Terftihren lassen, aber dies geschieht dann aus Neugier, 
Genußsucht oder um ein Surrogat flir mangelnden nor- 
malen Verkehr zu haben, — wie letzteres z. B. zu- 
weilen bei den Seeleuten der Fall ist — der an- 
geborene sexuelle Trieb aber wird dadurch nicht Ter- 
ändert und behauptet unter normalen Umständen immer 
das Feld. 

An dieser Stelle möchte ich meinerseits noch einmal 
sagen, was Dr. Hirschfeld schon öfter ausgeführt hat, 
daß nämlich die Homosexualität keine Begleiterscheinung 
irgend einer sozialen Klasse ist, daß sie unter den höheren 
Volksschichten keineswegs häufiger vorkommt als unter 
den niederen oder umgekehrt. Kein Vater und keine 
Mutter, also keiner yon Ihnen, yerehrte Anwesende, der 
Kinder hat, ist von vorneherein sicher, daß sich unter 
seinen Sprößlingen kein umisches Kind befindet. In 
bürgerlichen Kreisen nimmt man merkwürdigerweise an, 
daß in ihnen die Homosexualität keine Stätte habe und 
aus diesen Kreisen rekrutieren sich auch die ärgsten 
Feinde der Bewegung fllr die Befreiung der umischen 
Menschen. Ich möchte als Beispiel für diese Be- 
hauptung anführen, daß mein Vater, als zufällig 
einmal die Rede auf Homosexualität kam, mit 
überzeugter Bestimmtheit erklärte: „in meiner 
Familie kann so etwas nicht vorkommenl'' Die 
Tatsachen beweisen das Gegenteill Ich brauche 
wohl dem nichts hinzuzufügen! 

Zur Ehefrage zurückkehrend, möchte ich noch be- 



— 140 — 

merken, daß eine homosexuelle Frau fast niemals wird^ 
was man mit dem Ausdrucke ,,alte Jungfer^' bezeichnet. 
Dieser Umstand ist bemerkenswert, weil er die Urninden 
besonders im späteren Alter leicht erkenntlich macht. 
Sehen Sie sich einmal eine unverheiratete homosexuelle 
Frau zwischen 80 und 50 Jahren an, Sie werden 
nichts von den so viel bewitzelten Eigenschaften des 
ledigen heterosexuellen Weibes vom Durchschnitt an ihr 
finden. Diese Beobachtung ist lehrreich , denn sie be- 
weist, daß eine vernünftige und maßvolle Befriedigung 
des Geschlechtstriebes auch die Frau lebensfroh, frisch 
und tatkräftig erhält, während absolute sexuelle Abstinenz 
leicht die Eigenschaften entwickelt und ausbildet, die 
wir an der alten Jungfer unangenehm empfinden, z. B. 
UnliebenswQrdigkeit, hysterische Reizbarkeit usw. 

Um nun aber den Homosexuellen und überhaupt 
allen Frauen die Möglichkeit zu verschaffen, ihrer Natur 
entsprechend leben zu können, ist es durchaus notwendig, 
den Bestrebungen der Frauenbeweguog sich tatkräftig 
anzuschließen, die den Frauen erweiterte Bildungsmöglich- 
keit und neue Berufe öffnen wollen. Ich berühre zunächst 
den uralten Sireitpunkt um den Wert der Geschlechter. 
Ich glaube mit einigem guten Willen könnte man sich 
leicht einigen, wenn man auch hier wieder untersucht, 
welche Absichten die nie fehlende Natur bei der Schaffung 
von Mann, Weib und den Übergängen zwischen beiden 
gehabt hat. Und da muß man zu dem Schlüsse ge- 
langen, daß es falsch ist, ein Geschlecht höher zu be- 
werten, als das andere — gewissermaßen von einem erst- 
klassigen — dem Manne — einem zweitklassigen — dem 
Weibe — und einem drittklassigen Geschlechte — dem 
urnischen — zu reden. 

Die Geschlechter sind nicht verschiedenwertig, sie 
sind nur verschiedenartig. An dieser Tatsache, aus der 
sich naturgemäß und klar ergibt, daß Mann, Frau und 



— 141 — 

Urning sieb nicht für alle Berufe gleich gut eignen^ 
kann die Frauenbewegung nichts ändern — die ver- 
ständige Richtung will es auch nicht. Das weibliche 
Weib ist schon organisch von der Natur dazu bestimmt, 
vor allen Dingen Gattin und Mutter zu werden. Und 
sie hat alles Recht, auf diese, ihre Naturbestimmung 
stolz zu sein, denn einen höher zu bewertenden Beruf, 
als den der Mutter gibt es nicht! Die Frau, die Gattin 
und Mutter oder eines von beiden ist, braucht natürlich 
über diesem Berufe nicht die ganze übrige Welt zu 
vergessen — sie soll vielmehr ihren wohlgemessenen 
Anteil an allen Ereignissen des öffentlichen Lebens 
nehmen — daß sie dazu imstande ist, will die Frauen- 
bewegung erreichen und das ist wohl eines ihrer 
schönsten Ziele. 

Dem normalen, d. h. dem durchaus männlichen 
Manne, sind von der Natur vielfach andere Funktionen 
zugewiesen, andere Wege gezeigt, als der Frau. Er ist 
— was nicht geleugnet werden kann — zumeist schon 
körperlich mehr für einen harten Lebenskampf prä- 
destiniert, als das Weib, so daß ihm Berufe offen- 
stehen, die sich für die Frau ganz von selber schließen, 
z. B. der Soldatenberuf, alle Berufe, die schwere körper- 
liche Arbeit verlangen usw. Selbstverständlich gibt es 
auch hier eine Brücke, auf welcher die Berufe liegen, 
die Mann und Weib gleich gut ausfüllen können , je 
nach ihrer besonderen Lidividualität. Die Logik der 
Feinde der Frauenbewegung krankt vor allem daran, 
daß sie sämtliche Frauen in dem EoUektivbegriffe „das 
Weib" vereinigt, ohne zu bedenken, daß die Natur zwei 
völlig gleiche Wesen nicht geschaffen hat, daß es bei 
der Beurteilung, ob ein Mensch für einen Beruf tauglich 
ist oder nicht, einzig und allein auf seine innere Per- 
sönlichkeit ankommt, die sich wieder aus der Mischung 
seiner männlichen und weiblichen Eigenschaften ergibt. 



— 142 — 

Wir können demgemäß eine weibliche Individualität, 
bei welcher die weiblichen Eigenschaften — eine männ- 
liche, bei der die männlichen Eigenschaften vorherrschen 
und endlich eine mannweibliche oder weibmännliche In- 
dividualität, bei der eine annähernd gleiche Mischung 
beider vorhanden ist, unterscheiden. 

Als die Natur die Geschlechter verschiedenartig schuf, 
wollte sie ganz gewiß nicht damit sagen, daß es für die 
Frau nur einen Wirkungskreis geben dürfe — das Haus — 
und für den Mann einen anderen — die Welt — 
sondern ihr Wille war und ist ohne Zweifel, daß jeder 
Mensch die Möglichkeit hat, den Platz zu erreichen, 
den er nach seinen Eigenschaften und Fähigkeiten aus- 
zufüllen imstande ist. 

Die Mischungsverhältnisse der männlichen und weib- 
lichen Eigenschaften im Menschen sind so unendlich ver- 
schieden, daß es ein Erfordernis einfachster Qerechtigkeit 
ist, jedes Kind — ob männlich oder weiblich gilt gleich — 
zur Selbständigkeit zu erziehen. Der erwachsene 
Mensch wird dann selbst entscheiden müssen, ob 
ihn seine Natur ins Haus oder in die Welt, ob 
in die Ehe oder zur Ehelosigkeit treibt. Ein freies 
Spiel der Kräfte muß stattfinden, dann wird sich am 
besten und sichersten die Scheidung vollziehen können 
zwischen den Frauen, die irgend einen außerhäuslichen, 
künstlerischen oder gelehrten Beruf ergreifen können und 
wollen und denen, welche die Kraft dazu nicht in sich 
fühlen. Und wieder sind es die Eltern, die eine heilige 
Pflicht darin sehen sollten, jedem Kinde nach seiner 
Individualität gerecht zu werden und unter allen Um- 
ständen ein schablonenhaftes Erziehungssystem zu ver- 
meiden. Etwas anderes ist es natürlich mit der Schule, die 
eines gewissen Schemas nicht entbehren kann, das aber 
in Zukunft für Mädchen und Knaben übereinstimmend 
sein muß, um mit dem altem Wahne aufzuräumen, daß 



— 143 — 

Mädchengehime weniger Schulweisheit in sich aufnehmen 
können als Enabengehirne. 

Man braucht nicht zu fiirchten, daß bei gleicher 
Mädchen- und Enabenausbildung und Bildungsmöglichkeit 
die Konkurrenz in allen Berufen ins Ungemessene steigen 
würde — besonders, wie von feindlicher Seite behauptet 
wird — in akademischen Berufen. Gerade für diese 
wissenschaftlichen Berufe eignen sich besonders die homo- 
sexuellen Frauen, weil sie eben die dem weiblichen Weibe 
meist mangelnden Eigenschaften der größeren Objektivität, 
Tatkraft und Ausdauer haben. Diese Beobachtung schließt 
natürlich nicht aus, daß es unter unseren weiblichen 
Arztinnen, Juristinnen usw. auch äußerst tüchtige hetero- 
sexuelle Frauen gibt, aber trotzdem möchte ich behaupten, 
daß die weitaus meisten heterogenen Frauen unter 
günstigen Verhältnissen ihr Glück fast stets und jeden- 
falls bedeutend lieber in der Ehe suchen und eine tiefere 
und umfassendere Bildung für das weibliche Geschlecht 
hauptsächlich deshalb erstreben, um dem Manne eine 
gleichwertige Gefährtin sein zu können, die er nicht nur 
mit den Sinnen liebt, sondern die er achtet, weil er er- 
kennt, daß sie auf derselben geistigen Stufe steht wie 
er, und der er dann die gleichen Rechte, die er besitzt, 
als etwas Selbstverständliches zuerkennt. 

Männer, Frauen und Homosexuelle haben also von 
einer zweckmäßigeren Erziehung, sowie von der weitesten 
Bildungsmöglichkeit der männlichen und weiblichen Jugend 
gleichmäßigen Vorteil. Die Männer erhalten denkende 
und verstehende Lebensgefährtinnen, die Frauen erlangen 
allmählich eine würdigere und rechtlich angesehenere 
Stellung und die TTrninden können sich frei den ihnen 
zusagenden Berufen widmen. 

Wie der homosexuelle Mann oftmals mit Vorliebe 
Berufe ergreift, die ans Weibliche anklingen — z. B. 
die Damenschneiderei, die Krankenpflege, den Beruf des 



— 144 — 

Kochs, des Dieners — so gibt es auch Berufe^ denen 
die urnischen Frauen besonders geneigt sind-, wie die 
Erfahrung lehrte weisen unter anderen der ärztliche, 
der juristische, der landwirtschaftliche und der selbst 
schaffende Eünsterberuf eine besonders große Zahl homo- 
sexueller Frauen auf. 

Es gibt Männer^ die, wie Weininger, behaupten, 
alle geschichtlich, literarisch, wissenschaftlich oder sonst 
irgendwie bekannten, bedeutenden oder berühmten Frauen 
seien homosexuell gewesen. Nach meinen bisherigen Aus- 
führungen brauche ich wohl nicht besonders zu betonen, 
daß ich diese höchst einseitige Auffassung für unbewiesen 
halte, da uns nicht nur die Geschichte, sondern auch der 
eigene Augenschein täglich die Haltlosigkeit dieser Theorie 
lehren. Andererseits kann und soll auch nicht geleugnet 
werden, daß yiele bedeutende Frauen allerdings homo- 
sexuell veranlagt waren — ich nenne nur Sappho, Christine 
von Schweden, Sonja Kowalewska, Rosa Bonheur. Da- 
gegen dürfte es doch recht sonderbar erscheinen, wollte 
man Elisabeth von England und die große Katharina von 
Rußland zu den urnischen Menschen rechnen; letztere 
war vielleicht bisexuell — ihre vielen männlichen und 
weiblichen „Freundschaften" deuten wenigstens darauf- 
hin — rein homosexuell war sie jedenfalls nicht. 

Im Gegensatze zu den Anti-Feministen, die das weib- 
liche Geschlecht für minderwertig erklären und nur die 
Frauen überhaupt gelten lassen wollen, die stark männ- 
liche Charakterzüge aufweisen, halte ich die Frauen den 
Männern an sich für gleichwertig, bin aber der Über- 
zeugung, daß die homosexuelle Frau ganz besonders 
dazu geeignet ist, in der großen, alle Kulturländer um 
fassenden Bewegung für die Rechte der Frauen eine 
führende Rolle zu spielen. 

Und in der Tat — von den ersten Anfängen der 
Frauenbewegung an bis zum heutigen Tage — sind es 



— 145 — 

zum nicht geriogen Teil homogene Frauen gewesen, die 
in den zahlreichen Kämpfen die Führerschaft übernahmen, 
die erst durch ihre Energie die von Natur gleichgültige 
und sich leicht unterwerfende Frau des Durchschnitts 
zum Bewußtsein ihrer Menschenwürde und ihrer an- 
geborenen Rechte brachten. 

Ich kann und will keine Namen nennen, denn so 
lange in vielen Kreisen die Homosexualität noch als 
etwas Verbrecherisches und Naturwidriges, im besten Falle 
als etwas Krankhaftes gilt, könnten sich Damen, welche 
ich als homosexuell bezeichnen wollte, beleidigt ftihlen. 
Überhaupt gebietet es Anstand und Pflicht^ nicht in- 
diskret zu sein und die edlen Liebesgefühle einer umischen 
Frauenrechtlerin gehören so wenig yor das Forum der 
Öffentlichkeit, wie Empfindungen Heterosexueller. Wer 
die Entwickelung der Frauenbewegung auch nur ober- 
flächlich verfolgt hat, wer einige oder viele führende 
Frauen der Bewegung persönlich oder dem Bilde nach 
kennt, der wird, wenn er nur einen Funken Verständnis 
für homosexuelle Zeichen hat, die TTminden unter den 
Frauenrechtlerinnen bald herausfinden und er wird er- 
kennen, daß nicht die Schlechtesten unter ihnen sind. 

Wenn wir alle Verdienste, die sich homosexuelle 
Frauen seit Jahrzehnten um die FrauenbeweguDg erworben 
haben, betrachten, so muß es sehr erstaunen, daß die 
großen und einflußreichen Organisationen dieser Bewegung 
bis heute keinen Finger gerührt haben, der nicht geringen 
Anzahl ihrer umischen Mitglieder ihr gutes Recht in 
Staat und Gesellschaft zu verschaffen, daß sie nichts, 
aber auch gar nichts getan haben, um so manche ihrer 
bekanntesten und verdientesten Vorkämpferinnen vor Spott 
und Hohn zu schützen, indem sie die breitere Öffentlich- 
keit über das wahre Wesen des üranismus aufklärten. 
Sie hätten es nicht einmal so schwer, darauf hinzuweisen, 
wie sich die Eigenheiten der homosexuellen Anlage vielfach 

Jahrbuch VII. 10 



— 146 — 

ungewollt und ohne die geringste persönliche absichtliche 
Nachhülfe in Aussehen, Sprache, Haltung, Bewegung, Klei- 
dung usw. ausdrücken und die hetreffenden Uminden völlig 
uDgerechterweise dem herzlosen Spottroher oder unwissender 
Menschen preisgeben. Dazu ist aber zu bemerken, daß die 
homosexuellen Frauen natürlich durchaus nicht immer ein 
mit ihrer Natur im Einklang stehendes männliches Äußere 
aufweisen. Es gibt auch zahlreiche Uminden mit voll« 
kommen weiblichem Äußern, das sie selbst, aus Furcht 
als homosexuell bekannt zu werden, gern noch durch sehr 
weibliches Gebahren unterstützen, eine Komödie, die ihnen 
freilich oft recht sauer wird und unter der sie schwer leiden. 

Ich kenne den Grund für diese YoUständige, — 
bei der Frauenbewegung, die sonst sogar rein geschlecht- 
liche Dinge mit seltener Freimütigkeit und Sachlichkeit 
behandelt — doppelt auffallende Zurückhaltung sehr 
wohL Er besteht in der Furcht, die Bewegung könne 
sich durch Anschneiden der homosexuellen Frage, durch 
energische Vertretung des Menschenrechtes der üranier 
in den Augen der noch blinden und unwissenden Menge 
schaden. Ich gebe gern zu, daß diese Furcht in den 
Kindertagen der Bewegung, in der sie sorgfältig y er- 
meiden mußte, gewonnene Freunde wieder zu verlieren, 
berechtigt und eine durchaus einwandfreie Entschul- 
digung für die einstweilige völlige Ignorierung der homo- 
sexuellen Frage war. 

Heute aber, wo die Bewegung unaufhaltsam fort- 
schreitet, wo keine bureaukratische Weisheit, keine 
Philisterei ihren Siegeszug mehr hemmen kann, heute 
muß ich das völlige Beiseitelassen einer zweifellos recht 
wichtigen Frage doch als ein Unrecht bezeichnen, als 
ein Unrecht, das die Frauenbewegung nicht zum geringen 
Teile sich selber zufügt. Die sogenannte ,^gemäßigte^' 
Richtung wird sich freüich kaum je zu einer Tat zu- 
gunsten der Homosexuellen aufraffen, aus dem einfachen 



- 147 — 

Grande, weil Taten dieser Richtung überhaupt nicht 
liegen. Der Sieg wird einmal im Zeichen des Radikalis- 
mus erfochten werden und die Radikalen sind es auch, 
von denen wir erwarten, daß sie endlich den Bann brechen 
und einmal ehrlich und offen bekennen: ja, es gibt eine 
große Anzahl üminden unter uns, und wir verdanken 
ihnen eine FüUe yon Mühe und Arbeit und auch 
manchen schönen Erfolg. Nichts als ob ich nun etwa alle 
Fragen der Frauenbewegung yom homosexuellen Stand- 
punkt behandelt sehen, als ob ich gar den TTrninden alle 
oder auch nur den größten Teil der Verdienste zuschieben 
wollte; — das wäre wohl ebenso töricht^ wie es falsch ist, 
das homosexuelle Problem gar nicht zu beachten. 

Ohne Zweifel, die Frauenbewegung hat größere und 
wichtigere Aufgaben zu erfüllen, als die Befreiung der 
Homosexuellen, — aber großen Aufgaben kann sie nur 
gerecht werden, wenn sie kleinere nicht achtlos bei- 
seite läßt. 

Die Frauenbewegung soll daher die homosexuelle 
Frage nicht zu einer besonderen Wichtigkeit erheben, 
sie braucht nicht auf Mai'kt und Gassen gegen die un- 
gerechte Bewertung der üranier zu predigen, — sie könnte 
dies gar nichts ohne sich tatsächlich zu schaden — ich ver- 
kenne diese Seite der Sache absolut nicht; sie braucht 
nichts weiter zu tun, als der homosexuellen Frage den 
gebührenden Platz einzuräumen, wenn sie über die ge- 
schlechtlichen, ethischen, wirtschaftlichen und rein mensch- 
lichen Beziehungen der Geschlechter zueinander spricht 
Das kann sie; und damit kann sie auch langsam und 
ohne viel Geschrei aufklärend wirken. 

Ich komme nun noch zu einem Punkte, den die 
Frauenbewegung in den letzten Jahren besonders in den 
Kreis ihrer Arbeit hineingezogen hat, — ich meine die 
Prostitution. Man kann über dieselbe vom ethischen 
Standpunkte aus denken wie man will, man wird auf 

10* 



— 148 — 

jeden Fall unter den nun einmal gegebenen Verhältnissen 
noch auf lange Zeit hinaus mit ihr rechnen müssen. Ich 
persönlich halte die Prostitution f&r ein zwar bedauer- 
liches, aber notwendiges Übel, das auszurotten so lange 
unmöglich sein wird, als menschliche Leidenschaften be? 
stehen, das wir im günstigsten Falle um ein weniges 
werden eindämmen können, — ein Ziel, das immerhin 
der schweren Arbeit wert ist 

Von nicht unwesentlicher, bisher ganz außer acht 
gelassener Bedeutung für den Kampf der Frauenbewegung 
gegen das Überhandnehmen der Prostitution und damit 
gegen die völkervernichtenden venerischen Krankheiten, 
erscheint es mir, daß nachweislich unter den Prostituierten 
etwa 20 Prozent homosexuell veranlagt sind. Das mag 
zunächst befremden, scheinen doch Homosexualität und 
dauernder sexueller Verkehr mit dem Manne das 
Widersprechendste zu sein, das es geben kann. Auf meine 
Frage, wie es denn möglich sei, daß eine Uminde zur 
Prostituierten werde, antwortete mir mehr als einmal 
ein „Mädchen der Straße*', daß sie ihr trauriges Hand- 
werk rein als Geschäft auffaßte, — ihr geschlechtlicher 
Trieb komme dabei gar nicht in Betracht, den befriedige 
sie bei der Geliebten. Widrige häusliche und wirtschaft- 
liche Verhältnisse hatten diese Mädchen auf die Straße 
getrieben. 

Wenn es der Frauenbewegung gelänge, den Frauen 
alle geeigneten Berufe zu öffnen, eine gerechte Bewertung 
der Eigenschaften und Veranlagungen des einzelnen 
Menschen durchzusetzen, dann würde es bald keine 
homosexuelle Dirne mehr geben und ein großer Teil der 
heterosexaellen Mädchen, die unter den schlechten sozialen 
Verhältnissen heute der Prostitution in die Arme laufen, 
würde sich ebenfalls besser und menschenwürdiger er- 
nähren können. Sie würden sich von vornherein be- 
mühen, einen Beruf zu ergreifen, weil sie in ihrer Jugend 



— 149 — 

yerständiger und zur Selbständigkeit erzogen wurden. 
Ein Mädchen^ das früh für den Lebenskampf gestählt 
würde, wird weit seltener auf der Straße enden, als ein 
Mädchen y das gedankenlos und ohne Kenntnis tou den 
einfachsten und natürlichsten Dingen des Lebens dahin 
lebte. In gewissem Sinne ist der Kampf der homogenen 
Frau um ihre soziale Anerkennung auch ein Kampf 
gegen die Prostitution, wobei ich freilich nochmals betone, 
daß es sich in diesem Kampfe immer nur um eine Ein- 
dämmung, nie aber um eine völlige Unterdrückung 
handeln kann. 

Nicht zu vergessen ist, daß bei gerechterer Be- 
urteilung des üranismus im allgemeinen, eine große An- 
zahl homosexueller Männer, die heute aus Furcht, ihre 
Veranlagung könnte bekannt werden, sehr wider ihre 
Neigung zu Dirnen gehen, diesen Schritt unterlassen 
würden. Das hätte natürlich eine Abnahme der Ge» 
schlechtskrankheiten zur Folge, die freilich zahlenmäßig 
nicht riesengroß wäre, — meiner Ansicht nach aber trotz- 
dem wertvoll, denn jeder einzelne Fall, in dem eine 
syphilitische oder andere venerische Ansteckung vermieden 
wird, bedeutet einen Gewinn für die Volksgesundheit und 
damit für das kommende Geschlecht, auf dem das Wohl 
und die Größe unseres Vaterlandes beruht. — 

Die Frauenbewegung kämpft für das Recht der 
freien Persönlichkeit und der Selbstbestimmung. Sie 
muß sich also sagen, daß der ächtende Bann, den die 
Gesellschaft heute noch auf die üranier schleudert, dieses 
Becht unterdrückt, und daß es somit ihre Pflicht ist, 
den Homosexuellen im Kampfe beizustehen, gerade wie 
sie den unehelichen Müttern, den Arbeiterinnen und 
vielen andern mehr hilfreich und tatkräftig zur Seite 
steht in ihrem Kampfe um Freiheit und Recht, in ihrem 
Kampfe gegen altüberlieferte falsche Meinungen von einer 
Sittlichkeit, die eigentlich Unsittlichkeit ist, von einer 



— 150 — 

Moral, die beim Lichte sich als schlimmste Unmoral er- 
weist Wie die Frau ein urewiges Menschenrecht hat, 
das rohe Gewalt ihr einstens nahm, und das sie sich 
nun mutig zurückerobern will in heißen Schlachten, so 
haben auch die Dränier ein angeborenes, urewiges Natur- 
recht auf ihre Liebe, die edel und rein ist, wie die 
heterosexuelle Liebe, wenn die, die sie empfinden, gute 
Menschen sind. Gute Menschen aber gibt es unter den 
Homosexuellen, wie unter den sogenannten „Normalen". 

Ich möchte vor allen Dingen den Schein, als ob ich 
die urnischen Menschen zu hoch einschätzte, vermeiden. 
Ich kann Sie versichern, verehrte Anwesende, ich tue es 
nicht, — ich kenne die Fehler und Schwächen der Homo- 
sexuellen nur zu gut, aber ich kenne auch ihre guten 
Seiten, und darum darf ich sagen: die Uranier sind nie 
und nimmer bessere, sie sind aber auch keine schlechteren 
Menschen als die Heterosexuellen, — sie sind nicht anders- 
wertig, nur andersartig. 

Meine Ausführungen kurz zusammenfassend, betone 
ich noch einmal, daß an allen Fragen unserer großen 
Frauenbewegung die umische Frau ihren wohlgemessenen 
Anteil in jeder Beziehung hat, daß sie es oftmals ge- 
wesen ist, die eine Einzelbewegung in Fluß gebracht 
hat, weil sie infolge ihrer, der Männerart zuneigenden, 
Charaktereigenschaften naturgemäß doppelt die vielen, 
vielen Ungerechtigkeiten und Härten empfindet, mit denen 
Gesetze, Gesellschaft und altbackene Sitte die Frau be- 
handeln, — daß ohne die tatkräftige Mitwirkung der 
Urninden die Frauenbewegung heute noch nicht so weit 
wäre, als sie es tatsächlich ist, — wie an Beispielen leicht 
zu beweisen wäre. 

Die Frauenbewegung und die Bewegung für das 
Recht der Homosexuellen sind lange einen dunklen Weg 
gegangen, auf denen sich ihnen zahllose EUndemisse ent- 
gegen stellten. Nun wird es langsam heller und heller 



— 151 — 

um uns und in den menschlichen Herzen. Nicht, daß 
der schwere Kampf für das Recht der Frauen und der 
Dränier schon zu Ende wäre; wir stehen auf beiden 
Seiten noch mitten im Streite und manche heiße Schlacht 
wird noch geschlagen werden, noch manches Opfer einer 
falschen Wertung , eines unglücklichen und irrigen Ge- 
setzes wird matt und todeswund hinsinken müssen, ehe 
beide Bewegungen ihr Ziel — die Freiheit der Persön- 
lichkeit — erreichen. Ein gutes Teil früher aber wird 
die Höhe erreicht sein, wenn beide Bewegungen erkennen, 
daß sie manche gemeinsame Interessen haben, wenn sie 
sich friedlich die Freundeshand reichen, um dort zu- 
sammen zu kämpfen, wo es not tut 

Und wenn zuweilen noch ernste und harte Stunden 
kommen für beide, dann heißt es nicht feige verzagen, 
sondern mutig fort durch feindliche Reihen, fort bis zum 
Siege, der uns sicher ist. Denn die Sonne der Er- 
kenntnis und der Wahrheit ist im Osten aufgegangen, 
— keine Macht der Finsternis kann sie noch aufhalten 
in ihrem strahlenden Lauf, — langsam wird sie höher 
und höher steigen! Nicht heute oder morgen, aber in 
einer nicht all zu fernen Zukunft werden Frauenbewegung 
und Uranier ihre Fahnen am Ziele aufpflanzen 1 

Per aspera ad astral 



Wiilt Wliilman I8S2 in» JaUic fkU|. 



Walt Whitman. 



Ein Charakterbild. 



Von 



Eduard Bertz. 



Inhalt. 

Mte 

1. Einleitung. Whitman eine problematische Gestalt Sein 

Einfloß auf die moderne Literatur 155 

2. Extreme Gkgensatze in seiner Bearteilong 158 

3. Rechtfertigung des Studiums seiner Sezualpsjche . . 163 

4. Die Kritiklosigkeit des ersten Whitman-Biographen . 170 

5. Whitmans Ableugnung seiner Homosexualität .... 178 

6. Das Evangelium der Kameradenliebe 183 

7. Übergang zu Whitmans Persönlichkeit 193 

8. Das Gresetz der Korrelation in seiner Bedeutung f&r die 

sexuelle Individualität 193 

9. Die vier Stigmata der Homosexualität 197 

10. Whitmans scheinbare Männlichkeit 198 

11. Gresundheitsverhältnisse und Erblichkeit 202 

12. Das erste Stigma: Somatische Eigentümlichkeiten . . 207 

13. Das zweite Stigma: Psychische Eigentümlichkeiten . . 210 

14. Das dritte Stigma: Abneigung gegen das Weib . . . 246 

15. Whitmans komplizierte Geschlechtsnatur 253 

16. Das vierte Stigma: Freundschaftsenthusiasmus von ge- 

schlechtlichem Grundcharakter ........ 256 

a) Neigung zu Naturburschen 257 

b) Umischer Magnetismus 261 

c) Sinnliche Natur seines Liebeslebens . . . 271 

d) Soldatenliebe 274 

e) Sein bekanntestes Verhältnis 281 

17. Schluß. Whitman ein Edel-Uranier 286 



1. WaltWhitman ist wohl die merkwürdigste^ aber 
auch die problematischste G-estalt des amerikanischen 
Schrifttums. Seine dichterische Individualität setzt sich 
aus nahezu unvereinbaren Gegensätzen zusammen. Un«- 
vereinbar deshalb , weil sein weiblich rezeptiver Geist 
jeder Befruchtung zugänglich war und nicht die Wider- 
standskraft besaß, das Fremdartige von sich abzuwehren. 
Seine eigentümliche psychische Sexualität ist die Grund* 
läge seiner Fehler wie seiner Vorzüge. Er ist durchaus 
nicht so völlig originell und autochthonisch wie seine 
fanatischsten, Anhänger behaupten. ,^Sehet in den ^Gras- 
halmen' den unermeßlichen und absoluten Sonnenaufgang 1'' 
ruft William Douglas O'Connor. „Ein Werk, rein und 
gänzlich amerikanisch, kein Hauch aus Europa darin, 
noch aus der Vergangenheit, noch aus irgendwelcher 
andern Literatur I'*^ Das ist eine der vielen Übertreibungen, 
die sich an seinen Namen knüpfen. So ungern es auch 
manche Amerikaner zugestehen, die Wurzeln ihrer Kultur 
ruhen im Boden der alten Welt, und auch von Whitman 
läßt sich nachweisen, daß die Hauptstücke seiner Weltan- 
schauung in Europa und Asien gewachsen sind. Aus allen 
Himmelsrichtungen hat er sein Wissen zusammengetragen, 
und die umfassende Sympathie seines Herzens wurde das 
Bindeglied, in dem sich die Widersprüche versöhnten. 
Aber der kosmische Zug an ihm, den schon Freiligrath 
erkannt hat, war wesentlich Sache des Gefühls, dem keine 
gleich starke Gedankenklarheit entsprach, und so ist der 
Kosmos seines Geistes nicht völlig über das Chaos hinaus- 
gelangt. 



— 156 — 

Indessen, wenn auch diese Seite noch durch ein* 
dringendere Darlegung erwiesen werden mbß^ — äußer- 
lich wenigstens ist die Fülle jener in ihm zusammen- 
tre£fenden Kontraste das Erste, wodurch er in Eürstaunen 
setzt Der Columbus einer neuen Dichtung, der den 
Grundstock seiner revolutionären Form aus dem uralten 
Alten Testament entlehnt; der Dichter der modernen 
Naturwissenschaft, dem doch seine ererbten Quäkerinstinkte 
über alle Wissenschaft gehen; ein tiefsinniger Mystiker 
und der offenste Verherrlicher des Fleisches, der Sänger 
sinnentrunkener Phalluslieder; der Begründer einer neuen 
Menschheitsreligion, die alle bisherigen Glaubenssysteme 
überflügeln soll, und zugleich ein ganz beschränkt national 
gesinnter Yankee, ja einer der ersten Vorläufer des länder- 
gierigen amerikanischen Imperialismus; ein Träumer voll 
tiefen, seligen NaturgefUhls, ein zarter, inniger Lyriker, 
und ein Sturm- und Drang-Mensch, dessen sensationeller 
Einbruch in die Literatur unter seinen Charakterzügen 
vielleicht der alleramerikanischste ist 

Bei uns in Deutschland wurde er 1868 durch einen 
Aufsatz Freiligraths eingeführt,') der wohlgeeignet 
schien, die Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, aber ganz 
ohne Wirkung blieb. Auch das Wenige, was in den 
nächsten 24 Jahren hierzulande über ihn geschrieben 
wurde, darunter ein Aufsatz des Verfassers dieser Arbeit, 
fand die Zeit für Whitmans Anerkennung noch nicht reif^ 
und auf den jüngstdeutschen Naturalismus blieb er ohne 
jeden Einfluß. Erst als 1892 nach seinem Hinscheiden 
die ganze Presse sich mit ihm beschäftigte, wurde man 
willig, mehr von ihm zu hören, und Johannes Schlaf 
nahm seine Sache mit großer Hingebung in die Hand. 
Seitdem ist sein Ansehen fortdauernd gestiegen, so daß 



>) Ferdinand Freiligrath, Gesammelte Dichtungen, Bd.IV, 
S. 86 £ 



— 157 — 

Frau Ämelia yon Ende im Januar 1904^) schreiben 
konnte: ,|Walt Whitman teilt mit seinem Zeitgenossen 
Emerson die Auszeichnung, als eine geistige Macht an- 
erkannt zu sein, deren Einfluß die edelsten Geister der 
jüngeren Generation in Deutschland sich freudig über- 
lassen, in der Ho£fnung, durch ihn aus dem Sumpf des 
Kleinmuts oder der Dekadenz heraufgezogen zu werden/' 
Ja, ein Jahr früher hatte dieselbe Dame gesagt: „Der 
Humor von Whitmans Einfall in die deutsche Poesie 
liegt in der Ernsthaftigkeit, mit, der alle Arten von Schulen 
und Systemen ihn für sich in Anspruch zu nehmen be- 
gannen/'^ Und ebenso wie unser Deutschland hält er 



*) The Coneervator, Philadelphia, XIV, 11 und 2. 

*) Whitmans erste Gedichtsammlung, die „Grashalme" 
(1855), die jetzt ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern kann, wurde 
nach und nach durch die Einfügung späterer Bändchen, welche 
ursprünglich unter anderen Titeln erschienen waren, erweitert, und 
enthält in der heutigen Gestalt seine sämtlichen poetischen Werke. 
Deutsche Gesamtübersetzungen der „Grashalme** werden jetzt so- 
wohl von Karl Federn wie von Johannes Schlaf vorbereitet. 
Die ersten Whitm ansehen Gkdichte, den „Trommelwirbeln" ent- 
nommen, hat uns 1868 Ferdinand Freiligrath vermittelt; sie 
finden sich mit dem erwähnten Aufsatz zusammen an der vor- 
bezeichneten Stelle. Der zweite Übersetzer war Adolph Strodt- 
xnann, dessen „Amerikanische Anthologie^* (Leipzig, o. J.) acht 
Gedichte von Whitman enthält. Darauf erschien 1889 in Zürich 
die erste größere Auswahl, deutsch von Karl Knortz und 
T. W. Roll es ton, und 1899 von Knortz allein eine weitere 
Auslese als Anhang zur zweiten Auflage seiner Broschüre über 
unseren Dichter (Walt Whitman, der Dichter der Demokratie. 
Leipzig 1899). Hierauf folgte 1904 in Leipzig eine neue Auswahl- 
Übertragung von Wilhelm Schölermann und in demselben 
Jahre noch eine andere von Karl Federn in Minden i. Westfl 
Aber in allen diesen Auslesen fehlt noch die Mehrzahl der für 
Whitmans Sexualempfindung charakteristischen Gedichte. Ich 
habe mich daher veranlaßt gesehen, sämtliche hier in Frage 
kommenden Stücke selbst zu übertragen, d. h. den ganzen homo- 
sexuellen Abschnitt, den er Calamus betitelt, einen beträcht- 
lichen Bruchteil aus den „Trommelwirbeln" und noch sehr viele 



— 158 — 

den übrigen europäischen Kontinent in Atem^ nachdem 
England ihm bereits früher und rückhaltsloser als die 
eigene Heimat gehuldigt hatte. Besonders eifrig hat sich 
Italien mit ihm beschäftigt, und in französischer Sprache 
hat Maeterlinck ihm abgeguckt, wie er sich räuspert 
und wie er spuckt, so daß dessen Nachahmungen trotz 
ihrer Ernsthaftigkeit fast wie Parodien aussehen. 

2. Aber was er seinen ergebensten Bewunderem 
und Jüngern bedeutet, kann man nur ermessen, wenn 
man ihre eigenen Worte vernimmt 

Der Engländer Richard Le Gallienne nennt die 
„Grashalme" „Das Neue Testament der Neuen Welt". 
Bronson Alcott meint, Whitman sei größer als Plato. 
William Douglas O'Connor erklärt in seinem Pane- 
gyrikus:^) ^,Er erscheint mir als ein Charakter, den nur 
Plutarchs heroische Feder darstellen könnte, und den 
selbst Sokrates nachahmen und beneiden dürfte/' Jo- 
hannes Schlaf in seiner sehr liebevollen, aber freilich 
auch allzu enthusiastischen Monographie^ betrachtet ihn 
als den, den Nietzsche ersehnte; es mutet ihn an „wie 
das Wunder einer Reinkamation der Individualität Jesu, 
in einem jüngsten, modernsten Stadium ihrer Entwick- 
lung", wenn Whitman durch die Lazarette schreitet; er 
gilt ihm als „ein Jesus, dessen Reich von dieser Welt 



Stellen, die durch die ganzen Werke serstreat sind, zusammen 
etwa neunzig Gredichte. Alle meine Zitate sind dieser eigenen 
Verdeutschung entnommen, die ich, wenn möglich, gleichzeitig 
mit der vorliegenden Abhandlung in besonderem Bande verSffent- 
lichen werde. Auch die zitierten Auszüge aus Whitman s Prosa 
nnd aus anderen englischen und französischen Quellen gebe ich 
in eigener Übertragung. 

>) The Oood Gray Poet. A Vindication. Neuyork 1866. 

•) Walt Whitman. Von Johannes Schlaf. (Bd. XVIH 
der von PaulRemer herausgegebenen Sammlung „Die Dichtung*'.) 
Berlin u. Leipzig 1904, S. 51. 61. 62. 69. 



— 159 — 

ist"; und endlich sagt er: „ICr ist wie ein Buddha, der 
sich aus langem tiefen Sinnen, Nachdenken und Schauen, 
aus der Versunkenheit letzten und umfassendsten Wissens 
unter seinem Bodhibaum mit einem Mal erheben würde 
als ein tätiger Held, der seine Bahn betritt/' Sokrates, 
PlatOy Buddha^ Christus und der Übermensch müßten 
also, wenn seine Anhänger recht hätten, in Walt Whitman 
vereinigt sein. 

Allerdings wären diese Vergleiche vielleicht auch 
auf den Ausgang seiner Laufbahn anwendbar gewesen, 
wenn er einige Jahrhunderte früher und nicht in einer 
Republik mit dem verfassungsmäßigen Grundsatz voller 
Qlaubensfreiheit gelebt hätte; denn breite Schichten der 
Staatenrepublik sind selbst heute noch lange nicht reif 
f&r diese Verfassung und verfolgen den, der sein eigenes 
Leben zu leben wagt und ihren Pharisäismus gering achtet, 
wenigstens mit Schmähungen und Verdächtigungen, da 
sie ihn nicht vergiften oder kreuzigen dürfen. Ein Mensch 
der extremen Gegensätze wie Whitman mußte natürlich 
auch alle Extreme der Beurteilung an sich erfahren. 
Was die amerikanischen Blätter an Gehässigkeiten und 
Verunglimpfungen seiner Person geleistet haben, steht auf 
derselben Stufe wie die übelriechenden Bombardements, 
denen in früheren Zeiten die Opfer der Volkswut am 
Pranger ausgesetzt waren. Und auch auf dieser Seite 
haben Männer von geachtetem Namen ihr Wort in die 
Wagschale geworfen und dazu beigetragen, daß Whitman, 
wenn nicht als ein moralisches Scheusal, so doch als ein 
Verrückter betrachtet wurde. Und auch in diesem Falle 
haben Europäer sich den Amerikanern angeschlossen. 
Ein bekannter Arzt in Philadelphia, Dr. Gould, der den 
Dichter oft gesehen hatte, schrieb: „Whitman war ein 
alter Schwamm und Vagabund — ein moralischer und 
geistiger und poetischer und physischer Vagabund, mit 
allen Lastern des Vagabundentums in jedem Tropfen seines 



— 160 — 

Blutes."*) Algernon Charles Swinburne, der ihn zu- 
erst in begeisterten Versen gefeiert hatte^ zog später 
gegen die Übertreibungen seiner Lobredner in einem Essay, 
den er nicht übel ,^Whitmania'' betitelte^ zu Felde und 
verglich seine Muse mit einem betrunkenen Hökerweib, 
das sich im Rinnstein wälzt. ^ Theodore Watts-Dunton, 
ein sehr angesehener Kritiker aus dem Kreise der Prä- 
raphaeliten, nannte ihn nach der komisch -verächtlichen 
Gestalt in einem Dickensschen Roman den „Jack Bunsby 
des Parnaß^^ und schloß seinen Nekrolog mit den Worten: 
„Seine erstaunliche Unanständigkeit ist lediglich der Ver- 
such eines Journalisten, den — edlen Wilden zu spielen, 
indem er die Türschwelle der Zivilisation mit Kot be- 
sudelt '<*) Lombroso glaubte in ihm „ganz zuverlässig 
ein wahnsinniges Genie*' zu erkennen,*) und Nord au, der 
Lombroso zu überbieten sucht, leugnet auch Whitmans 
Genie, behauptet, daß er ^,wenig8tens mit der Feder, 
wenn nicht im wirklichen Leben ein verworfener Wüstling** 
war^ der an moralischem Irrsinn litt; und seinen Ruhm 
verdanke er jenen „viehisch sinnlichen Stücken, die zuerst 
die Aufinerksamkeit aller amerikanischen Schmutzfinken 
auf ihn gelenkt haben'*. ^) Diese Blütenlese von Verdam- 
mungsurteilen zeigt uns die Kehrseite seiner Berühmtheit: 
hüben ein Weiser, drüben ein Narr; hüben ein Heiliger, 
drüben ein schamloser Lüstling; hüben der Übermensch, 
drüben ein Entarteter. Wer hat nun recht? Welches 
ist Whitmans wahres Bild? 

Nach meiner in vieljährigem Studium entwickelten 
und mehrfach revidierten Auffassung dieser merkwürdigen 

^) The CoDBervator, Philadelphia, Okt 1900. 
*) Fortnightly Eeview, London, AugoBt 1887. 
') The Athenaeum, London, 2. April 1892. 
^) Gesare Lombroso, Genie und Irrsinn. Deutsch von 
A. Gourth. Leipzig, o. J. 

») Max Nordau, Entartimg, Bd. I, S. 409 ff. 



— 161 — 

Gestalt muß ich sagen, daß sowohl die enthusiastischen 
Bewunderer wie die erbitterten Tadler mir weit über 
das Ziel hinauszuschießen scheinen. Aber ein Körn- 
chen Wahrheit finde ich bei den Freunden wie bei 
den Feinden. Was den Vergleich mit dem Idealbild des 
Christ betrifft, so wird er erst absurd^ wenn man ihn 
auf die Spitze treibt Tatsächlich hat es viele gegeben, 
nicht nur unter Märtyrern und Heiligen^ sondern auch 
in alltäglichen Verhältnissen, die ehrliche Nachfolger 
Christi waren und in dieser Nachfolge den Besitz wesentn 
lieber Züge aus dem Charakter ihres Meisters bekundeten. 
Wäre das nicht der Fall^ welchen Sinn hätte das Christen- 
tum? Warum soll man also einem Menschen wie Whitman, 
in dessen Wesen das ererbte christliche Empfinden viel- 
leicht die Grundkraft war^ eine Verwandtschaft mit jenem 
edlen Typus absprechen? Nur darf man nicht vergessen, 
daß, nach William Sloane Kennedys Ausdruck, in 
seiner Jugend auch das satanische Element stark aus- 
geprägt war, wie er ja auch selbst dem Satan in seinem 
mystischen Gedicht vom göttlichen Quadrat eine vor- 
bestimmte Mitwirkung im Weltplan zuerkannt hat Es 
heißt, Whitmans übermoralische, über den Gegensatz 
von Gut und Böse hinausstrebende kosmische Lebens- 
betrachtung gänzlich verkennen, wenn man einseitig das 
Christusideal in ihm sucht Die philosophische Abstrak- 
tion beruhte in diesem Falle auf konkreter Wirklichkeit; 
es war der Instinkt der Selbstverteidigung, was ihm die 
Rechtfertigung des Bösen erleichterte, wenn nicht gar 
ihn dazu prädisponierte. Es ergibt sich eben zwingend 
aus dem Studium seiner Persönlichkeit, daß starke Keime 
von beiden Extremen in ihm vorhanden waren, daß großen 
Vorzügen auch große Mängel in seiner Natur und dem 
mächtigen Plus ein bedeutendes Minus entsprachen. 

Lombrosos oberflächliche, auf einer unberechtigten 
Verallgemeinerung begründete Theorie von dem unmittel- 
jfthrbuch vn. 1 1 



— 162 — 

baren Zasammenhang zwischen Oenie und Wahnsinn ist 
sowohl im allgemeinen wie speziell in Whitmans Falle 
unhaltbar. Aber daß das geniale Gehirn ein Fortschritt 
zu einem höheren Typus sei, wie Flechsig lehrt, dürfte 
doch nur relativ gültig sein, nicht aber absolut; denn 
sonst wäre es nicht fast immer von auffallenden Schwächen 
begleitet Vielmehr zeigt uns die Erfahrung, daß die 
Heimat des Genies auf dem Grenzgebiet geistiger 
Gesundheit liegt: so viel also ist an Lombrosos Theorie 
begründet. Die beste Erklärung für diese Tatsache 
scheint mir P. J. Möbius gegeben zu haben: „Je über- 
mächtiger ein Talent ist, um so häufiger wird es zu 
ernsten Störungen des Gleichgewichts kommen/*^) In 
seinem Buche über Schopenhauer*) sagt er: „Wir 
finden hier einen Mann von einer in gewissem Sinne zwar 
einseitigen, aber so außerordentlich großen geistigen Be- 
gabung, daß wir offenbar eine partielle Hyperplasie des 
Gehirns anzunehmen haben, einen Zustand, der nicht 
möglich ist, ohne daß zugleich im engeren Sinne krank- 
hafte Störungen beständen.'^ Er rechnet ihn daher „zur 
Klasse der D^s^quilibr^s, in der sich bekanntlich die feinen 
Köpfe zusammenfinden'^ Alles dies läßt sich auch auf 
Whitman anwenden, obwohl er als Vertreter des äußersten 
Optimismus dem Philosophen des Pessimismus so fern 
wie möglich steht: die Extreme berühren sich eben. 
Ja, in Whitmans Falle läßt sich noch in höherem Grade 
eine Störung des Gleichgewichts behaupten. Er also, der 
den „göttlichen Durchschnitt'', den Normalmenschen in 
allen seinen Werken gefeiert hat, war selbst nichts weniger 
als ein Normalmensch. 

Er war kein Normalmensch, und zwar besonders 
nicht in dem. was die Grundlage des Charakters und 



^) Stachyologie, S. 113. 

*) Ausgewählte Werke, Bd. IV, S. 8 f. 



— 163 — 

jeder individuellen Geisteseigentümlichkeit ist, in seiner 
seelischen Geschlechtsnatur: er war ein ausgeprägter 
Typus des Homosexuellen. 

3. Whitman teilt die homosexuelle Veranlagung 
mit vielen genialen und um ihre Mitmenschen in den 
verschiedensten Richtungen hochverdienten Männern. 
Krafft-Ebing^) sagt: ^^Geschichtliche Tatsachen und 
eigene Erfahrungen haben mich genugsam darüber auf- 
geklärt, daß es nicht selten sonst höchst ehrenwerte und 
für die menschliche Gesellschaft sehr wertvolle Individuen 
waren und sind, die mit der unseligen psychosexuellen 
Anomalie behaftet sind.'' Ebenso betont MoU^, y,daß es 
zahlreiche homosexuelle Männer gibt, die von tadellosem 
Charakter sind, die alle niedrigen Charakterzüge ver- 
missen lassen'^ Die freimütige Untersuchung des 
Geschlechtslebens solcher ausgezeichneten Menschen ist 
von der größten wissenschaftlichen Bedeutung« In die 
intimsten Geheimnisse der Persönlichkeit einzudringen^ 
hat zwar in jedem Falle etwas Bedenkliches. Das 
Geschlechtsleben ist Privatsache, soweit keine fremden 
Rechte darunter zu leiden haben ^ und die natürliche 
Scham, sowie die Achtung vor der Freiheit des Indi- 
viduums verbietet uns, ohne Not davon zu reden. Wenn 
es aber abnorm ist, so hat die Wissenschaft gegründete 
Veranlassung^ sich damit zu beschäftigen. Zeigt sich 
«in solches abnormes Geschlechtsleben aber gar bei be- 
deutenden^ genial veranlagten Männern und Wohltätern 
ihrer Gattung, so besteht neben dem wissenschaftlichen 
auch ein praktisches Interesse^ das hellste Licht darüber 



') Im Vorwort zur 1. Aufl. von Moll, Die kontrftre Sexual- 
empfindung, 1891. 

*) Dr. Albert Moll) Die konträre Sezualempfindang. 8. Aufl. 
Berlin 1899, S. 180. — Auch die späteren Verweisungen auf Moll 
l>eziehen sich auf diese Auflage seines Buches. 

11* 



— 164 — 

zu verbreiten, solange eine solche abnorme Veranlagung 
verachtet und verfolgt wird; denn nichts ist so sehr ge* 
eignet, das Vorurteil zu beseitigen und einer gerechten 
Beurteilung Bahn zu brechen, wie die Erkenntnis der 
Tatsache, daß viele von den Größten der Menschheit 
diese Anlage besaßen und dadurch nicht im mindesten 
gehindert wurden, ihren Mitmenschen mehr zu nützen 
als Tausende und aber Tausende von Normalen. Und 
vor allem muß das Gewissen der Redlichen dann geweckt 
werden, wenn es sich nachweisen läßt, daß die ver- 
abscheute und geächtete homosexuelle Veranlagung viel- 
fach geradezu die Grundlage edler und hervorragender 
Leistungen ist. Daß es sich wirklich so verhält, wird 
von Havelock Ellis^) nachdrücklich hervorgehoben. 
„Es ist bisher noch nicht betont worden," schreibt er, 
„daß bei den Führern religiöser und ethischer Bewegungen 
und unter Individuen mit starkem sittlichen Gefühl eine 
Tendenz zu der höheren Form des homosexualen Gefühls 
besteht — Wie eine unterdrückte Liebe zu einem Weib 
oder einem Manne häufig normal veranlagten Menschen 
das Motiv für eine weite philanthropische Tätigkeit ge- 
worden ist, so bringt ein Mensch, der auch sein eigenes 
Geschlecht im warmen Lichte der Geschlechtsliebe sieht, 
für die Arbeit im Dienste der Menschheit eine Glut mit, 
die normal veranlagten Menschen ganz fremd ist; Ethik 
ist für ihn eins geworden mit Liebe." Wir werden noch 
sehen, wie sehr uns gerade Whitman durch diese 
Beobachtung verständlich wird. 

Die Gründe, die man gegen den Nachweis homo- 
sexueller Gefühle in den Werken der Elite der Mensch- 
heitvorgebracht hat, sind daher insgesamt nicht stichhaltig. 
Ludwig Fulds Meinung, daß die Homosexualität großer 

^) Havelock EUis und J. A. Symonds, Das konträre 
GeschlechtagefÜbl. Deutsche Original- Ausgabe, besorgt unter Mit- 
wirkung von Dr. Hans Kurella. Leipzig 1896, S. 14 f. 



~ 165 — 

Männer für die Gesetzgebung gleichgültig sei, hat bereits 
Numa Praetorius^) damit widerlegt^ daß die Fest- 
steUang der homosexuellen Natur bei zahlreichen der 
berühmtesten Oeisteshelden es nicht länger gestattet, 
den Homosexuellen zum Verbrecher und Wüstling zu 
stempeln. 

Wenn aber Fuld nur die Nutzlosigkeit solcher Fest- 
stellungen behauptet, so geht Erich Mühsam^ noch 
viel weiter, indem er sie als gleichgültig oder gering- 
wertig für das Verständnis der auf solche Weise „aus- 
geschlachteten^^ homosexuellen Berühmtheiten ansieht. 
Er sagt: „Oscar Wilde war, wenn auch seine kon- 
trärsexualen Empfindungen ein wesentliches Moment in 
seiner Kunst ausmachen, doch in erster Reihe Dichter^ 
und erst an zweiter Stelle Homosexueller/' Dieser Ein- 
wurf ist noch viel unhaltbarer als der vorige. Nicht 
nur Wilde, sondern überhaupt jeder umisch veranlagte 
Poet ist in erster Reihe Homosexueller, und erst an 
zweiter Stelle Dichter. „Was wäre die bildende Kunst 
und die Poesie ohne sexuelle Grundlage !'' ruft Kr äff t- 
Ebing.^ „In der (sinnlichen) Liebe gewinnt sie jene 
Wärme der Phantasie^ ohne die eine wahre Kunst- 
schöpfung nicht möglich ist, und in dem Feuer sinn- 
licher Gefühle erhält sie ihre Glut und Wärme.'' Moll 
schließt sich diesen Ausführungen widerspruchslos an, 
und Hirschfeld^) schreibt: „Die Sexualpsyche im 
weiteren Sinne beherrscht mehr oder weniger unbewußt 
die ganze Lebensführung und Geschmacksrichtung einer 



*) Jahrbuch für sexuelle Zwischenstafen, Bd. Ill, S. 472 ff. 

*) Erich Mühsam, Die Homoseziialitftt. Berlin 1908, S. S2ff. 

') Psychopathia sezualis, I. 

^) Dr. Magnus Hirsch feld, Der Umische Mensch. Leipzig 
(1908), S. 69. — Die spftteren nicht näher bezeichneten Zitate aus 
diesem Autor sind teils dem ersten, besonders aber dem zweiten 
Kapitel des genannten Buches entnommen. 



— 166 — 

Person. In einem auch nicht im entferntesten geahnten 
Umfange senden die Schicksale und Werke der Menschen 
ihre geheimnisvolle Hauptachse in das Geschlechtszentrum 
hinein. — Mit Recht sagt Nietzsche: Grad und Art 
der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in den 
letzten Gipfel seines Geistes hinauf/' 

Wenn nun Fuld und Mühsam teils die Nutzlosig- 
keit, teils die Belanglosigkeit des Nachweises der Homo- 
sexualität an ihren bedeutenden Vertretern behaupteten^ 
80 setzt ein Dritter sich auf ein ganz hohes Pferd, redet 
von „niederer Neugier'^ und sucht die wissenschaftliche 
Aufklärungsarbeit moralisch verächtlich zu machen, indem 
er erklärt: ,,Jedem vornehm Empfindenden kann ein 
derartiges Lauschen an der Wand nur Abscheu erregen.'^ 
Es ist dies Herr Wilhelm Schölermann in der Ein- 
leitung zu seiner Auswahl-Übersetzung der ;,Grashalme'^ 
Und speziell von Whitman wagt er zu versichern, es 
liege bei ihm „kein zwingender Grund vor, auf dieses 
Kapitel erotischer Verirrung näher einzugehen'^ Aber 
das eigene Verhalten dieses gestrengen Herrn zeigt uns, 
daß er kaum berufen ist, sich zum Richter über vor- 
nehmes Empfinden aufzuwerfen. Er machte sich keine 
Skrupel, die ehrliche Pionierarbeit der älteren Knortz- 
Rollestonschen Übersetzung, obwohl er auf ihren 
Schultern steht, geringschätzig zu behandeln, recht wie 
ein Handelsmann die Ware des Konkurrenten, die er 
verdrängen möchte, herabsetzt. Es wäre wohl vornehmer 
gewesen^ solche plumpen Usancen des Geschäftslebens 
nicht in die Literatur hineinzutragen und das ' Urteil 
über den höheren oder geringeren Wert seiner Leistung 
der Kritik zu überlassen. Die Sachverständigen sind 
durch sein Manöver nicht geblendet worden, wie bei 
Johannes Schlaf zu ersehen ist, der ihm die innere 
Berechtigung zu seinem Selbstlob durchaus abspricht und 
bis jetzt das feinere Sprachgefühl und den richtigen, 



— 167 — 

getreuen und liebevollen Ubersetzertakt allein bei Enortz- 
ßoUeston findet In der Tat ist ein gleicher Mangel an 
Ubersetzertakt selten in solchem Maße zu konstatieren wie 
bei Herrn Schölermann. Seine Taktlosigkeit aber steht 
im innigsten Zusammenhang mit seiner Verständnislosig- 
keit, und zwar ist diese eine zwiefache: er versteht weder 
Whitman selbst, noch das Problem^ das er zu lösen 
meint, indem er mit stumpfem Beil darauf loshackt. 
Der Terrorismus, mit dem er die wissenschaftliche 
Forschung zu verhindern suchte ist von den gegnerischen 
Kampfmethoden die allerverwerflichste. 

Wie sehr Schölermann die wahre Natur des Problems 
verkennt, zeigt er, wenn er von Whitman sagt: „So 
kam es^ daß man ihm unerlaubte, aber unbewiesene 
Beziehungen zu jungen Leuten nachsagen mochte/' Ich 
weiß nicht, woher er diese Anklage entnommen hat; 
Schölermann ist der erste, bei dem ich sie lese; in keinem 
anderen der vielen Bücher über Whitman, die ich zu 
Rate gezogen habe, ist sie mir mit einer solchen Un- 
geschminktheit aufgestoßen. Und ich bezweifle sogar, 
daß Whitman „unerlaubte'^ Beziehungen zu jungen Leuten 
unterhalten hat, wenn ich ihn auch nicht im geringsten 
deswegen verurteilen würde. Nein, nicht auf bestimmte 
Akte, gleichviel ob erlaubt oder verboten, kommt es an, 
wenn wir die Homosexualität eines Mannes feststellen 
wollen, sondern auf seinen Charakter, seine Gefühls- 
weise. Es gibt und gab jederzeit eine beträchtliche 
Gruppe von Edel- Uraniern, die niemals dem Triebe ihrer 
Leidenschaft gehorchten. Es ist einer der wichtigsten 
Gesichtspunkte für das Verständnis des Problems^ den 
Hirschfeld in den Worten ausdrückt: „Der Betätigung 
ist nur ein ganz untergeordneter, höchstens sympto- 
matischer Wert beizumessen gegenüber der Gesamtheit 
der psychischen Sexualität.'' 

Wenn aber die Untersuchung der Geschlechts- 



— 168 — 

natur Walt Wbitmans noch einer persönlichen ßecht- 
fertigung bedarf, so liegt sie in der folgenden Äußerung 
von ihm^): „Hätte Tai ne, der französische Kritiker, keinen 
anderen Nutzen gehabt, so würde es genügen, daß er 
den ersten 7 letzten und alles erleuchtenden Punkt hin- 
sichtlich irgend welches großen Literaturerzeugnisses in 
den Vordergrund gerückt hat: daß das einzige Mittel, 
es endgültig zu verstehen, das bis ins Kleinste gehende 
Studium der Persönlichkeit dessen ist, der es hervor- 
brachte, seines Ursprungs, seiner Zeit, seiner Umgebung 
und seines tatsächlichen Schicksals, Lebens und Gebarens. 
Dies alles bedeutet für uns nicht nur das Glas, dessen 
wir uns zur Betrachtung bedienen, sondern es ist die 
Atmosphäre, das wirkliche Licht selbst <' Sollte Whit- 
man, der wie keiner vorher die freie Behandlung 
geschlechtlicher Dinge in der Literatur wagte und zum 
Grundsatz erhob, nicht auch diesen Punkt im Äuge 
gehabt haben, als er hier das bis ins Kleinste gehende 
Studium der Persönlichkeit forderte? Wenn er gelegent- 
lich sagt,^ die sexuelle Leidenschaft an sich sei, wie 
anerkanntermaßen für den Mann der Wissenschaft, so 
auch für den Dichter ein wesentlich legitimes, achtbares 
und nicht notwendig ungehöriges Thema: solange sie 
nämlich normal und unverkehrt bleibe: so scheint 
er mit dem Vorbehalt der letzten Worte allerdings jede 
Perversion abzuleugnen. Aber die Kritik, der er sich 
unterwirft, darf derartige Selbsttäuschungen nicht auf 
Treu und Glauben hinnehmen, sondern hat im Gegenteil 
die Pflicht, sie schonungslos aufzudecken. 

Was Schölermanns schon erwähntes Diktum an- 
belangt, es liege bei Whitman kein zwingender Grund 
vor, auf dieses Kapitel erotischer Verirrung näher ein- 



») The Critic, Neuyork, 8. Dez. 1881. 

*) A Memorandum at a Venture. Complete Prose, S. 803. 



_ 169 — 

zagehen, so weiß man nicht, ob man mehr über die 
Kühnheit oder über die Verblendung, die sich darin 
kundtut, erstaunen soll. Wenn irgend wer die Unter- 
suchung seiner sexuellen Veranlagung herausgefordert hat^ 
so ist es Walt Whitman, und zwar nicht nur, weil er 
einen ganzen Abschnitt seiner Gedichte der erotischen 
Freundschaft gewidmet hat, nicht nur, weil das homo- 
sexuelle Empfinden bei ihm überall zwischen den Zeilen 
zu lesen ist, nicht nur, weil seine ganze Biographie ihn 
in dieser Hinsicht von einer Seite zeigt, wie kein normaler 
Mensch sie aufweist, sondern noch aus einem Orund von 
viel allgemeinerer, über das Persönliche weit hinaus- 
gehender Wichtigkeit Niemals ist das Recht der wissen- 
schaftlichen Kritik, das Geschlechtsleben eines bedeutenden 
Mannes unter die Lupe zu nehmen, so offenbar, wie dann, 
wenn er sein abnormes Empfinden als das normale ver- 
kündet und ein Evangelium, ja eine Religion daraus 
macht. Und das ist bei Walt Whitman der Fall. Hier 
besteht das größte öffentliche Interesse daran, zu unter- 
suchen, wie weit seine Forderungen normal und gesund 
oder abnorm und pathologisch begrüp^^^t sind, weil Un- 
heil und Verwirrung dadurch angerichtet wird, wenn die 
ungesunde Idee als die gesunde und erlösende kursiert. 
Auf den Einwurf aber, die Ehrfurcht verbiete es, 
große Männer bloßzustellen, und man schädige sie, indem 
man ihre Schattenseiten aufdeckt, kann man getrost 
antworten, daß auch ihnen selbst durch die Darlegung 
ihrer homosexuellen Veranlagung ein Dienst erwiesen 
wird. Denn indem man sie herbeizieht, um das Problem 
der Homosexualität aufzuklären, wird auch ihre eigene 
Stellung geklärt Während man ehedem scheu über den 
dunklen Punkt in ihrem Leben hinwegging und durch 
die Voraussetzung, hier sei etwas, das man verschweigen 
müsse, sie am meisten beleidigte, begreift man jetzt, 
daß die Homosexualität einen naturnotwendigen Bestand- 



— 170 — 

teil ihres Wesens ausmachte , mit dem auch das, was 
sie vor anderen Menschen auszeichnete, in psycho- 
logischem Zusammenhang stand. Der Nachweis seiner 
homosexuellen Naturanlage ist also f&r niemand^ sei er 
groß oder klein, eine Anklage, sondern eine Becht^ 
fertigung, und in diesem Bewußtsein sagte Platen: 

„Es kenoe mich die Welt, auf daß sie mir verzeihe!"^) 

4. Ein sehr merkwürdiger Zufall hat es gefugt, daß 
Whitmans erste Biographie von einem Irrenarzt ge- 
schrieben wurde, dem Dr. Bücke ^. Aber noch viel 
merkwürdiger, ja eigentlich unglaublich ist es, daß dieser 
erfahrene Psychiater, der die große Irrenanstalt in London, 
Ontario, Canada leitete, Whitmans homosexuelle Veran- 
lagung niemals erkannt hat. Die Autorität dieses Mannes, 
der in der geschlechtslosen Ebbe der Leidenschaften des 
gelähmten Qreises „untrügliche Beweise seiner vollkommen 
ausgeglichenen Männlichkeit'^ fand, ist für Scholermann 
hinreichend, ihn auf eigenes Nachdenken und Forschen 
über das in die Augen springende Problem verzichten 
zu lassen. 

Für mich war der tiefe Eindruck, den ich während 
meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten im Früh- 
ling 1882 durch Whitmans Poesie empfing, das Be- 
deutendste, was Amerika mir geben konnte. Als ich ein 
Jahr später nach England zurückkehrte, war ich noch 
immer ganz erfüllt von Whitmans Geist, zur Verwunde- 
rung meines Freundes George Gissing, des im De- 
zember 1903 allzu früh verstorbenen geistreichen, tiefen 
und wahrheitsliebenden englischen Sittenschilderers, der 
dem amerikanischen Propheten bedeutend kühler gegen- 
überstand. Gissing griff mein inneres Erlebnis als 



Gaselen, 123. 

*) Walt Whitman. Bj Richard Maurice Bücke, M. D« 
PhUadelphia 1888. 



— 171 — 

wertvollen poetischen Stoff auf und formte daraus eine 
Episode in seinem 1887 erschienenen Roman „Thyrza'^^^ 
dessen Held gleich mir während eines zweijährigen Auf- 
enthaltes in Amerika Whitmans Dichtung kennen lernt 
und gewaltig dadurch heeinflußt wird. Und ich kann 
ehrlich sagen, daß es vor allem die geistige Seite an 
Whitman war, die mich so anzog, wie das auch aus 
jenem Boman hervorgeht« der ein biographisches Doku- 
ment ist. Es darf mir also niemand vorwerfen, daß ich 
das Edle und Große an Whitman nicht von Anfang an 
so gut wie ein anderer zu würdigen gewußt hätte. 

Trotzdem habe ich, ganz im Gegensatz zu Schöler- 
mann, der Bücke als Zeugen für Whitmans vollkommen 
ausgeglichene Männlichkeit betrachtet, die Autorität dieses 
so seltsam verblendeten Beurteilers als wertlos erkannt, 
sobald sein Buch in meine Hände kam. Denn die Ein- 
sicht, daß Whitmans sexuelles Empfinden nicht normal 
sei, war mir damals bereits ganz spontan aufgegangen. 

Derjenige, durch den ich zur Beschäftigung mit 
Buckes so erstaunlich unkritischer Dichterbiographie ge- 
langte, war Walt Whitman selbst. Da meine Be- 
wunderung für diesen nie bis zur Anbetung gegangen 
war, sondern von vornherein durch manchen Vorbehalt 
eingeschränkt wurde, so wünschte ich sehr, mich in einer 
größeren Arbeit kritisch mit ihm auseinanderzusetzen. 
Im Mai 1889 bot sich mir die Gelegenheit,, mich zum 
erstenmal öffentlich über ihn zu äußern: ich konnte in 
der „Deutschen Presse^', dem Organ des Deutschen 
Schriftsteller- Verbandes*), eine beglückwünschende Würdi- 
gung unter dem Titel „Walt Whitman. Zu seinem 
siebzigsten Geburtstag'^ erscheinen lassen. Diese 



') Tfayrza. A Tale bj George Gissing. London 1887, 
vol. III, pp. 172. 177-182. 

*) II. Jahrgang, Nr. 23, Berlin 1889. 



— 172 — 

kleine Arbeit wies schon auf die geplante eingehendere 
Untersuchung hin, wollte aber zunächst nur einmal an 
den seit Freiligrath in Deutschland fast wieder ver- 
gessenen amerikanischen Sänger erinnern. Im Ton war 
sie^ dem festlichen Zweck entsprechend, sehr warm ge- 
halten und voll überzeugter Anerkennung der allum- 
fassenden Sympathie dieses menschlichsten Menschen- 
freundes, die mich hauptsächlich zu ihm gezogen hatte, 
und seines schönheitstrunkenen, echt künstlerischen Blickes 
für alles Leben^ das den Erdkreis bevölkert. Doch ver- 
schwieg sie nicht, daß Whitmans Charakterbild, von der 
Parteien Haß und Gunst verwirrt, noch immer in der 
Literaturgeschichte schwankte; auch gab sie zu, daß die 
kritischen Gegner nach meiner Auffassung nicht völlig 
im Unrecht waren. 

Da ich Whitman mit dem Artikel eine Oeburtstags- 
freude zu machen hoffte, so sandte ich ihm die betreffende 
Nummer zu, und in der Tat zeigte er sich überaus dank- 
bar. Aber noch größer vielleicht war seine Freude über 
die Aussicht auf die angekündigte umfangreichere Studie; 
denn seine Sache galt ihm als ein Evangelium, das nicht 
oft und eindringlich genug gepredigt werden konnte. 
Darum begann er, mich mit Material zu versorgen, ja er 
überschüttete mich recht eigentlich mit Büchern, Bro- 
schüren, Bildnissen und sogar mit obskuren Lokalblättern, 
die irgend welche rühmende Notiz über ihn enthielten. 
Nur war die Wirkung, die er damit erzielte, anders, als 
er beabsichtigt hatte: ich fand mich durch diese Be- 
flissenheit, an seiner Ehrung selbst mitzuhelfen, peinlich 
berührt und erkältet Es war dieselbe Erfahrung, die 
John Addington Symonds später von sich berichtet, 
wenn er sagt: „Er handelte wie einer, der zu der 
Gewißheit des schließlichen Erfolges des Genies kein 
Vertrauen hat. Er sammelte und verteilte wertlose 
Lobeserhebungen^ wie er sie aus den Löchern und 



— 173 — 

Winkeln der amerikanischen Journalistik aufgelesen 
hatte." ^) 

Aber wie dem auch sei, ich fühlte mich durch die 
Verpflichtung, die er mir mit der Masse seiner Sendungen 
auferlegte y in der Freiheit meiner Kritik beeinträchtigt, 
und das war der eine Grund, weshalb ich mich 
bald entschloß, meinen Aufsatz für eine spätere Zeit 
zurückzustellen. Der andere Grund bestand in meiner 
durch vertieftes Studium immer klarer gewordenen Er- 
kenntnis seiner Homosexualität. Ich sah, wie diese in 
seinem Charakter eine so bedeutende Rolle spielte, daß 
keine Kritik in den Kern seines Wesens eindringen konnte, 
wenn sie davon schwieg; und doch hätte ich bei Whit- 
mans Lebzeiten nicht davon reden mögen; denn: On 
doit des ^gards aux vivants, wie Voltaire sagt. So 
habe ich ihm, um ihn zu schonen, wahrscheinlich eine 
Enttäuschung bereitet Doch heute gilt der zweite Teil 
jenes Voltaire- Worts: On ne doit aux morts que la v6rit6. 

Unter jenen Büchern nun, die Whitman mir ge- 
gesandt hatte — es waren nur die verhimmelnden Pro- 
dukte seiner Erzapostel — , befand sich seine Biographie 
von dem erwähnten Dr. Bücke, und in ihr stieß mir 
zum erstenmal von fremder Seite eine Andeutung über 
Whitmans abnorme Veranlagung auf, die meinen eigenen 
stillen Verdacht bestätigte; zugleich aber auch eine ganz 
merkwürdig begründete Ableugnung dieser Sache durch 
den kanadischen Irrenarzt, ein Gutachten, dem wahr- 
scheinlich unter allen deutschen Psychiatern nicht ein 
einziger beigepflichtet hätte. Bücke zitiert nämlich aus 
dem y^Gentleman's Magazine" von 1875 einen Passus 
von Standish O'Grady über Whitmans Gedichte, der 
zuerst zwar Beifall spendet, dann aber mit folgenden 
Worten schließt: 



^) Walt Whitman. A Study. By John Addington Sy- 
monds. London 1893, S. 8. 



— 174 — 

„An anderen Stellen spricht er von dem kranken, kranken 
Bangen unerwiderter Frenndschaft, von dem Kuß des Kameraden, 
dem um den Hals geschlungenen Arm — aber er spricht zn 
Stock und Stein; dieses Gefühl existiert nicht in uns, und 
die Sprache seiner poetischen Evangelien erscheint einfach 
ekelhaft". 

Auf dieses Zitat antwortet Bücke mit der Be- 
merkuDg: 

„Ja, ekelhaft filr Gecken und gekünstelte Pedanten und ge- 
zierte Gentlemen aus den Klubs — aber gesunde, heroische, 
vollblütige, natürliche Menschen werden darin die tiefsten, von 
Gott eingepflanzten Stimmen ihrer Herzen finden.'^ 

Ich selbst wußte, daß es keine normalen Empfin- 
dungen sind, die Whitman in seinen der Kameradschaft 
geweihten Liedern zum Ausdruck bringt, und Buckes 
emphatische Behauptung konnte mich nicht verblüfFen. 
Aber um noch eine andere Meinung zu hören, erwähnte 
ich die Angelegenheit in einem Briefe an George 
Gissing, da dieser Whitman vom literarischen Stand- 
punkt wohl zu würdigen wußte und zugleich einer von 
den wenigen entschieden Heterosexuellen war, die der 
Homosexualität mit wissenschaftlichem Verständnis und 
rein menschlicher Teilnahme gegenüberstanden. 

In seiner Antwort vom 11. September 1889, die ich 
aus dem Englischen übersetze, heißt es: 

„Es ist ein wichtiger Punkt, von dem Du sprichst. Ich gehe 
nicht so weit wie der Schriftsteller im Gentleman*s: Diese Stellen 
berühren mich nicht als > ekelhaft •; aber andererseits bin ich 
geneigt, zu glauben, daß Buckes Enthusiasmus ihn gegen 
die Meinung dieses Schriftstellers eigensinnig blind macht 
In der Tat, die Stellen, an denen Whitman in dieser Weise von 
männlichen Freundschaften redet, wecken in mir keine Sym* 
pathie; ich bin gewöhnt, solche Sprache als eine verliebte 
Übertreibung zu betrachten. So habe ich auch immer gefühlt, 
daß die Sprechweise in Tennysons »In Memoriam« zum Teil 
über meine Sympathie hinausging." 

Man sieht, daß diese Äußerungen, die aus guten 



— 175 — 

Gründen sehr zurückhaltend sind, keinen Zweifel an der 
natürlichen Abneigung eines normal empfindenden Eng- 
länders gegen Whitmans Gefühlsweise zulassen. Es ist 
in ihnen einerseits bedeutungsvoll, daB ein völlig unbe- 
fangener Beurteiler — und zwar ein Schriftsteller, mit 
dessen Namen die Anerkennung einer ganz einzigen 
künstlerischen Treue und inneren Wahrhaftigkeit ver- 
bunden ist — die Untersuchung, ob Whitmans männ- 
liche Liebe normal sei oder nicht, für wichtig erklärt; 
und andererseits, daß er an Bücke, den Schölermann 
als Zeugen für Whitmans „vollkommen ausgeglichene 
Männlichkeit^' herbeiruft, den Enthusiasmus hervorhebt, 
der ihn gegen eine widersprechende Meinung eigen- 
sinnig blind macht. 

Aber wir besitzen zum Glück auch ein eigenes 
Zeugnis über Dr. Buckes enthusiastische Geistesart. 
In dem Prospekt der Clarke Company in Cincinnati 
über W. N. Guthries Whitman-Schrift^) ist ein Brief 
an den Verfasser abgedruckt, worin Bücke über dessen 
Buch schreibt: 

,Jch bewundere aehr den maßvollen Ton desselben, and 
zwar um so mehr, weil ich zn gut weiß, daß dieser für mich 
immer unmöglich war und sein wird. Aber polterndes 
Eifern hat keinen Nutzen, nur die maßvolle Darlegung kommt 
in Betracht, was Whitman selbst so gut wußte, und obgleich er 
es gut wußte, war es auch für ihn schwer, sehr schwer, maß- 
voll zu sein." 

Diese Zeilen hat Bücke in einem seltenen Augen- 
blick der Selbsterkenntnis geschrieben, der es ihm auch 
einmal möglich machte, auf Whitman das Licht der 
Wahrheit fallen zu lassen, und wir werden uns noch 
daran zu erinnern haben, daß auch Whitman zu den 
enthusiastischen Temperamenten gehörte, denen die 

^) Walt Whitman (the Camden Sage) as religious and moral 
Teacher. A Study. B7 William Norman Guthrie, Cincinnati. 



— 176 — 

Mäßigung schwer wurde, ja denen sie in der Jugend 
gleichfalls unmöglich war. Jedenfalls war Bück es Er- 
widerung auf O'Oradys Kritik in dem ihm naturgemäßen 
polternden Eifer geschrieben, und überhaupt zeigt seine 
ganze Beurteilung Whitmans die konstitutionelle Unfähig- 
keit, Maß zu halten. So gern man auch den edlen und 
großen Zügen in Whitmans Wesen Gerechtigkeit wider- 
fahren lassen mag, wird man doch, wenn man sein Leben 
und sein Werk mit nüchterner Wahrheitsliebe, dem 
ethischen Erfordernis jeder Kritik, betrachtet, Buckes 
kritiklose Schwärmerei entschieden ablehnen müssen. Zum 
Beweise, wie völlig unberufen er ist, als Autorität an- 
geführt zu werden, will ich hier nur noch zwei seiner 
Außerangen zitieren. 

An Whitmans siebzigstem Geburtstag sagte er in 
einem Festbrief ^): 

„Immer eingehendere Kenntnis Walt Whitmana und seiner 
Schriften hat mehr and mehr den Erfolg gehabt, meine alte 
Überzeugung zu vertiefen, daß in diesem Manne die moderne 
Welt ihr höchstes Ideal der Mannheit besitzt; daß, in der Tat, 
wie ein hervorragender lebender Schriftsteller einst zu mir 
sagte, Walt Whitman der Heiland, der Erlöser der modernen 
Welt ist." 

Und neun Jahre später, im Juni 1898, schreibt er 
in einem offenen Briefe über Whitmans Anhänger:') 

„Sie sind so zahlreich, getrau' ich mir zu sagen, wie die, 
welche Jesus liebten, sechs Jahre nach seinem Tode. Ich 
will nicht sagen, daß Whitmans Liebhaber eines Tages wahr- 
scheinlich so zahlreich und so mftchtig sein werden, wie es 
gegenwärtig diejenigen seines gekreuzigten Vorgängers 
sind, aber ich will sagen, daß es mir, so weit ich imstande 
bin, es zu übersehen, und indem ich von einem gleichen 
Beispiel auf ein anderes schließe, wahrscheinlich ist, daß der 

1) Camden*s Compliment to Walt Whitman. Edited by 
Horace L. Träubel. Philadelphia 1889, S. 57. 
*) The Conservator, Philadelphia, IX, 4. 



— 177 ~ 

moderne Dichter möglichenfalls eine ebenso große nnd 
leidenschaftlich liebevolle Nachfolgerschaft haben wird, 
wie sie heutigen Tages sein ftlterer Bruder hat. (Sein 
„ftlterer Bruder^M Wie seltsam klingen die Worte, angewandt 
auf den schönen jugendlichen Oaliläer, umgeben von den Hügeln, 
den Seen nnd dem Himmel Palästinas, in Beziehung auf den 
alten grauen Whitman, gelähmt, siech, in seinem gewöhnlichen 
Bretterhaus in Camden, New Jersey!)" 

Wir müssen uns hierbei erinnern^ daß Backe ein 
orthodoxer Whitman-GlÄubiger war und also auch Whit- 
mans Auffassung der Person Jesu teilte. W^hitman aher 
iiat den Stifter des Christentums keineswegs vom kühl 
rationalistischen Standpunkt betrachtet; denn er nennt 
ihn einmal y,den schönen, milden Gott*^ und ein ander- 
mal sagt er: ,,Er war gewißlich göttlich.^' Also es 
ist hier nicht die Bede von einer rein menschlichen 
Gestalt, sondern von dem göttlich vollkommenen Ideal- 
menschen. Und eine Oleichstellung Whitmans mit diesem 
Idealbilde zeugt von einer an das Pathologische streifenden 
Überspanntheit. 

Natürlich war Bücke auch selbst ein Mystiker, wie 
Whitman und die meisten seiner persönlichen Jünger. 
Es sind gewiß lauter hochstrebende, überzeugte Idealisten, 
aber ihre Meinungen über Whitman kommen in keiner 
Weise in Betracht, und selbst wo sie Tatsachen anführen, 
muß man sehr vorsichtig prüfen, ob sie nicht, im guten 
Glauben, subjektiv gefärbt oder das Wichtigste davon 
in ihrem Mangel an kritischer Einsicht unterdrückt haben. 
Das Organ der Whitman Gemeinde ist der von Horace 
Träubel geleitete „Conservator", der ungefähr in 
gleichem Maße, wie er Whitmans Andenken pflegt, 
bemüht ist, dasjenige Shakespeares zu vernichten und 
Francis Bacon an dessen Stelle zu setzen. O'Connor, 
der oben zitierte leidenschaftliche Vorkämpfer Whitmans, 
war auch einer der ersten Anhänger der wahnsinnigen 
Delia Bacon, von der die Theorie ausging, daß Bacon 

Jahrbuch VII. 12 



— 178 — 

die Dramen Shakespeares geschrieben habe. Whitman 
selber hatte sich dieser Meinung angeschlossen, Bücke, 
Platt, Träubel standen und stehen auf demselben Stand- 
punkt: eine Tatsache, die für den kritischen Geist der 
engeren Whitman -Gemeinde außerordentlich charakte- 
ristisch ist. 

5. Größere Beachtung als die leidenschaftliche Ab- 
leugnung seitens eines so unkritischen Kopfes wie Dr. 
Bücke verdient Whitmans eigene Äußerung über 
seine Stellung zur Homosexualität. 

Diese eine und einzige Äußerung Whitmans zur 
Sache, nur ein paar Wochen Tor seiner letzten Krankheit 
und vor seinem Tode geschrieben, als Antwort auf eine 
von dem Engländer John Addington Symonds an 
ihn gerichtete Frage, ist in einem Briefe an den letzteren 
enthalten. Symonds war einer von Whitmans aufrichtigsten 
Verehrern, ja er betrachtete ihn dankbar als denjenigen, 
der durch seine Botschaft seinem eigenen Leben Halt 
und höhere Weihe gegeben hatte. Sein Buch über den 
Dichter wird noch heute, wenn auch mit einem auf 
unser Problem bezüglichen Vorbehalt, selbst von den 
eigentlichen Evangelisten als die schönste kritische 
Würdigung anerkannt, die bisher über Whitman er- 
schienen ist. Aber Symonds, einer der hervorragendsten, 
feinsinnigsten Kulturhistoriker und Essayisten seiner Zeit, 
war durchaus nicht so blind gläubig wie der amerikanische 
Apostelkreis, und er besaß vor allem ein sachverständiges 
Urteil über das Problem der Geschlechtsnatur, die in 
Whitmans Werken zum Ausdruck kommt. Er ist unter 
den Bewunderem der einzige, der es bis jetzt gewagt hat, 
an die mannmännliche Liebesbotschaft seines Meisters 
die kritische Sonde zu legen, — freilich mit aller Zurück- 
haltung, die ihm teils durch seine Ehrfurcht, teils durch 
die Vorurteile des englischen Publikums geboten schien. 



— 179 — 
In jenem Buche sagt Symonds: 

„Es ist klar, daß Whitman in seiner Bebandlung der Kamerad- 
schaft, oder der leidenschaftlichen Liebe von Mann zu Mann, 
einen Grandton angeschlagen hat, an dessen Empfindungsintensitftt 

die moderne Welt nicht gewöhnt ist Whitman scheint mit 

einigen der Phänomene zeitgenössischer Moral nicht gebührend 
gerechnet za haben, obwohl er sie gekannt haben muß. Sonst 
würde er vorausgesehen haben, daß wir, wie die Menschennatur 
nun einmal ist, nicht erwarten dürfen, von solchen bis zu einem 
hohen Qrade leidenschaftlicher Intensität gesteigerten Empfin- 
dungen jede sinnliche Beimischung fernzuhalten, und daß 
dauernde Elemente inmitten unserer Gesellschaft die absolute 
Reinheit des Ideals, das er aufzustellen unternimmt, gefährden 
werden. Es liegt auf der Hand, daß jene unbeneidenswerten 
Sterblichen, welche die Erben sexueller Anomalien sind, in 
Whitmans »herrlicher Freundschaft, ezaltö, ehedem 
unbekannt«, die »wartet, und immer gewartet hat, 
schlummernd in allen Männern«, indem »Schrecklichen 
in mir, das hervorbrechen möchte«, der »ätherischen 
Kameradschaft«, »der letzten athletischen Wirklich- 
keit« ihre eigene Empfindungsweise erkennen werden. Hätte 
ich in Whitmans persönlichem Briefwechsel mit mir nicht den 
stärksten Beweis, daß er alle solche Folgerungen aus seinem 
»Calamus« zurückwies, so würde ich sie, ich gestehe es, für 
berechtigt gehalten haben; und ich bin nicht sicher, ob seine 
eigenen Gefühle hinsichtlich dieses delikaten Gegenstandes seit 
der Zeit, als »Calamus« geschaffen wurde, sich nicht vielleicht 
geändert haben." 

Whitmans briefliche Äußerung selbst hat Symonds 
in seiner Studie nicht veröffentlicht, aber wir finden sie 
in dem schon zitierten Buche über das konträre Ge- 
fichlechtsgefühlj das er mit Ellis gemeinschaftlich ver- 
faßt hat und das erst drei Jahre nach seinem Tode 
erschien. Hier ist der Wortlaut: 

„Die Fragen über Calamus verblüffen mich. Leaves of Grass 
kann nur durch und innerhalb seiner eigenen Atmosphäre, 
seines eigentlichen Charakters richtig verstanden werden, in 
allen seinen Stücken und Seiten. Daß der Abschnitt Calamus 
jemals die Möglichkeit einer solchen Konstruktion, wie die er- 
wähnte, zugelassen hat, ist furchtbar. Ich hoffe, man wird die 

12* 



~ 180 — 

Seiten selbst niemals in Verbindung mit einer solchen willkürlich 
angenommenen und von mir seiner Zeit nicht im mindesten ver- 
muteten und gewönschten Möglichkeit krankhafter Beziehungen 
nennen, welche ich abweise und für verdammenswert halte.*' 

Nun ist es sonderbar, daß Whitman in diesemJBriefe 
so spricht, als ob durch die von Symonds gestellte Frage 
zum erstenmal in seinem Leben ein Zweifel an der 
völligen Gesundheit und Normalität seines Ideals der 
Männerliebe an ihn herangetreten wäre. Aber tatsächlich 
war dies nicht das erstemal. Man müßte sich wundern^ wenn 
eine solche Waffe von seinen erbitterten Feinden in der 
amerikanischen Presse niemals bei seinen Lebzeiten^ sei 
es auch nur versteckt, gegen ihn angewandt worden wäre ; 
indessen ist mir darüber nichts zu Ohren gekommen. 
Aber da ist jener schon erwähnte Artikel von O'Grady 
im ,^Oentleman's Magazine^', den Bücke zum Abdruck 
brachte. Es ist unzweifelhaft, daß Whitman Buckes 
Buch gelesen haben muß; in dem mir gesandten Exemplar 
hat er sogar eigenhändig einen Druckfehler verbessert. 
In dem genannten Artikel heißt es: 

„Die Griechen waren wohl bekannt mit jener Leidenschaft, 
einer Leidenschaft, die in späteren Tagen sich verstieg und 
abnorme Gestalt annahm; denn die Frucht wird zuerst reif, 

darauf überreif, und dann fault sie. In hochentwickelten 

Rassen ist die Freundschaft zweifellos eine Leidenschaft, und 
wie alle Leidenschaften mehr physisch als intellektuell in ihrem 
Ursprung und ihren Äußerungsarten.'^ 

Dann wird ohne Übergang eine Stelle aus Whitmans 
Grashalmen" zitiert: 



7f 



Ich will das Lied der Kameradschaft singen, 

Ich will zeigen, was allein diese Lande zuletzt verbinden soll, 

Ich glaube, sie müssen ihr eigenes Ideal männlicher Liebe 

gründen, wie ich es verkünde. 
Darum will ich aufflammen lassen aus mir das brennende Feuer, 

das mich zu verzehren drohte. 
Ich will abheben, was allzulange dies glimmende Feuer nieder- 
gehalten hat, 



— 181 — 

Ich will ihm volle Freiheit schaffen, 

Ich will das poetische Evaugelium der Kameraden und der 

Liebe schreiben, 
Denn wer anders als ich verstünde wohl die Liebe mit all ihrem 

Leid und ihrer Lust? 
Und wer anders als ich sollte der Dichter der Kameraden sein? 

„Das sind starke Ausdrücke, und zweifellos echt", 
fährt O'Grady fort, und er schließt mit den schon oben 
angeführten Worten: ,4 Aber er spricht zu Stock und 
Stein; die Empfindang existiert nicht in uns, und die 
Sprache seiner poetischen Evangelien erscheint einfach 
ekelhaft" 

Diese Kritik also hat Whitman sicherlich gekannt, 
und wenn er trotzdem erklärt, daß ihn Symonds' Fragen 
yerbliifften, so muß man entweder an seiner vollen Auf- 
richtigkeit zweifeln, oder man muß annehmen, daß er 
jene Fragen mißverstanden hat. Ellis meint, seine Auf- 
richtigkeit sei über jeden Verdacht erhaben; deswegen 
sei es klar, daß er nie auf den Einfall gekommen ist, 
es könne zwischen dem leidenschaftlichen Genießen einer 
körperlichen Berührung von Mann zu Mann und der 
Handlung, die er mit anderen Menschen als ein wider- 
natürliches Verbrechen betrachten würde, irgend eine Ver- 
wandtschaft bestehen. Das möge zwar sonderbar erscheinen, 
da es doch viele Konträre gibt, die volle Befriedigung 
in Freundschaften finden, welche weniger körperlich und 
leidenschaftlich sind, als die in den ^,6rashalmen'^ be- 
schriebenen; aber Ellis findet die Erklärung dieses Mangels 
an Selbsterkenntnis in Whitmans eigentümlicher Geistes- 
art, die er trefflich charakterisiert 

Ich kann indessen nicht zugeben, daß man kein Recht 
habe, Whitmans Aufrichtigkeit in diesem Falle etwas 
skeptisch anzusehen. Einmal muß man sich an die be- 
kannte^ z. B. von Moll erwähnte Verschlossenheit der 
Homosexuellen gegenüber Fragen nach ihrem Geschlechts- 



— 182 — 

leben erinnern. Sodann weiß man ja, daß er von dem 
Gift des Erzsophisten Hegel genascht hatte. Eins seiner 
spateren Gedichte betitelt sich „Alles ist Wahrheit", 
und darin heißt es: „Ich sehe, daß es in Wirklichkeit 
weder Lügen noch Lügner gibt — — und daß, was man 
Lügen nennt, vollkommene Heimzahlungen sind.'' Es ist 
zweifellos, daß er vom asexuellen Greisenstandpunkt anders 
über seine Jugendleidenscbaft dachte als vom konträr- 
sexuellen seiner Mannesjahre; es war bei ihm wie bei 
Plato, der in den Dialogen seiner Jugend ein sym- 
pathisches Verständnis für die Knabenliebe zeigte, die 
er in seiner Altersschrift „De legibus", als das Feuer 
in ihm erloschen war, verurteilte. Wenn Whitman sie 
aber verurteilte, hatte er dann nicht im Mystizismus seines 
Greisenalters^ als man ihn schon als Stifter einer neuen 
Religion und amerikanischen Christus verehrte, das größte 
Interesse daran, den anormalen Charakter irgend eines 
Teiles seiner Botschaft, den seine blindgläubigen und 
verblendeten Anbeter als allgemeine Menschenliebe auf- 
nahmen, auch ferner abzuleugnen? Denn was abnorm 
war, konnte keine Religion für alle Menschen werden. 

Daß er dagegen in jungen Jahren wirklich kein 
Bewußtsein von der Anomalie seines Trieblebens gehabt, 
sondern ihm in voller Unschuld nachgehangen hat, ist 
sehr wahrscheinlich, und gerade diese Unschuld ist es, 
die seinen Gedichten ihre suggestive Kraft verleiht Dar- 
auf wird später noch einzugehen sein. Ganz gewiß ist 
es aber, daß seine Gefühle wirklich und tatsächlich zur 
Zeit, als die Calamus-Lieder entstanden, homosexuelle 
Gefühle waren, und es muß beachtet werden, daß auch 
Symonds geneigt ist, dies trotz Whitmans Ableugnung 
anzunehmen. 

Übrigens ist der Wortlaut der Fragen, auf die sich 
Whitmans Antwort bezieht, leider nicht erhalten, so daß 
man gar nicht sicher weiß, was es eigentlich war, das 



— 183 — 

er bestritt. Vielleicht dachte er nur an bestimmte Akte, 
deren extremer Form es doch keineswegs bedarf^ um die 
Natur der Leidenschaft zu beweisen. Falls er aber den 
homosexuellen Charakter seines Empfindens bestreiten 
wollte, so würde er durch sein eigenes Werk widerlegt; 
denn niemals ist die umische Gefühlsweise starker, wahrer, 
naiver zum Ausdruck gelangt als in den „Grashalmen'^ 

6. über Whitmans Evangelium der Eameraden- 
liebe ist natürlich in England und Amerika viel ge- 
schrieben worden ; aber über ihren homosexuellen Charakter 
haben sich nur wenige Schriftsteller geäußert. Wo man 
diesen ahnte^ beschränkte man sich zumeist auf dunkle, 
rätselhafte Andeutungen, entsprechend der englischen Auf- 
fassung, die in homosexueller Betätigung das Verbrechen 
erblickt, „das unter Christen nicht genannt werden darf.'' 
So heißt es z. B. im Christian Register, Boston, über 
die Whitman- Schrift eines bekannten Wortführers der 
Ethischen Kultur-Bewegung:^) „Herr Salter erzählt nicht 
die ganze Geschichte. Mancher wurde durch Dinge 
zurückgestoßen, die fragwürdiger sind als irgend welche, 
auf die er hinweist, z. B. der ganze Abschnitt, der sich 
Calamus betitelt und mit einer ähnlichen Insinuation 
schrieb 1898 der New Yorker Critic anläßlich des Er- 
scheinens der Whitmanschen Lazarettbriefe: „Die Lehre, 
daß eine Art göttlichen Anhauchs von dem gesunden 
menschlichen Leib ausgeht und für Kranke und Ver- 
wundete nützlicher ist als ärztliche Medikamente, erscheint 
mehr als einmal in diesen Briefen. Sie ist ein integrie- 
render Bestandteil jenes Evangeliums des Fleisches und 
der Gefühle, die Whitman in Calamus vortrug und später 
teilweise beseitigte." Letztere Bemerkung ist eine An- 
spielung auf die Tatsache, daß Whitman in den späteren 
Auflagen seiner Gedichte manche frühere Kühnheijb homo- 

>) Walt Whitman. ByWilliam M. Salter. Philadelphia 1900. 



— 184 — 

sexuellen wie faetero8exue)leu Charakters ausgemerzt hat, 
so daß die jetzigen offiziellen Ausgaben expurgierte Aus- 
gaben sind. Die Selbstkritik, die er tatsächlich an seinen 
früheren Äußerungen geübt hat^ bestätigt Symonds' Ver- 
mutung, daß mit den Jahren in seinen Empfindungen eine 
Abkühlung vorgegangen ist, und gibt uns einen weiteren 
Orund, an der vollen Aufrichtigkeit seiner angeblichen 
Überraschung über die homosexuelle Deutung zu zweifeln. 
Außer in den schon angeführten Arbeiten wirdWbit- 
mans homosexuelle Veranlagung meines Wissens nur noch 
vorausgesetzt von Marc Andr6 Raffalovich^), von 
Edward Carpenter*), von Moll, im Jahrbuch für 
sexuelle Zwischenstufen'} und von Max Nordau. 
Letzterer spricht allerdings in dem schon zitierten Kapitel 
nur indirekt, indem er behauptet, als Mensch habe 
Whitman eine überraschende Ähnlichkeit mit dem schon 
früher als homosexuell charakterisierten Verlaine, mit 
dem er alle Stigmata der Entartung teile. Tatsächlich 
beschränkt sich jedoch die Ähnlichkeit zwischen diesem und 
Whitman auf ein paar oberflächliche Einzelzüge^ wenn 
auch der Vergleich nicht ganz so beschämend ist^ wie 
Nordau sich einbildet, da doch Verlaine ein Lyriker ersten 
Ranges war. Übrigens verdient Nordaus Charakteristik 
in ihrer unglaublichen Gehässigkeit nur Verurteilung, 
wie denn seine Kritiken überhaupt wahre Vitriol-Atten- 
tate sind. Raffalovich rechnet Whitman zu den großen 
Konträsexuellen, die stets Verzeihung für ihre Verkehrung 
erwirkt haben, ^^da sie trotz derselben nie sich selbst 
verloren und ihre Arbeit auf der Erde vollbracht haben." 



') Marc Andr6 Ratfalovicb, Die Entwickelung der Homo- 
sexualität Berlin 1895. S. 27. 

*) Edward Carpenter, Die homogene Liebe und ihre Be- 
deutung in der freien Geeellscbaft. Deutsch von H. B. Fischer. 
Leipzig. 

») Bd. II, S. 444. 



— 185 — 

• 

Am eingehendsten und liebevollsten hat nächst Symonds 
Carpenter die Frage nach Whitmans psychischer Sexuali- 
tät behandelt 

Sehen wir nun^ was es mit dem Evangelium der 
Kameradenliebe eigentlich für eine Bewandtnis hat. 

Walt Whitman war ein glühender amerikanischer 
Patriot^ nicht nur in der Liebe zu dem Staatenbund 
seiner Zeit, sondern ganz besonders in seinen visionären 
Hoffnungen, in dem festen Vertrauen auf die künftige 
grandiose Bestimmung der westlichen Repubhk. Seine 
dithyrambischen Prophezeiungen sind oftmals bis zum 
Unbehaglichen überhitzt, seine schwärmerische Zukunfts- 
musik versteigt sich mitunter bis zur Raserei. Er glaubte 
nicht allein an die innere Vollkommenheit der Welt, 
sondern als echter Chiliast auch an eine Art kommenden 
WeltfeiertageSy eine völlige Harmonie als Endzweck alles 
Lebens. Und diese Harmonie soll durch die Vereinigten 
Staaten herbeigeführt werden; von ihnen haben alle anderen 
Länder das Heil zu erwarten; seine westliche Heimat 
ist berufen, die Welt zu erlösen. 

Und du, Amerika, 

Für die Erfüllung des Weltplans, .fiir seinen Gedanken und 

seine Wirklichkeit, 
Für diese (nicht deiner selbst wegen) bist du gekommen.* 

Wir zurückgebliebenen Europäer sind geneigt, in 
solchen ausschweifenden Träumen eine tragikomische 
Selbsttäuschung zu erblicken; denn wir sehen, daß Amerika 
alle Schwächen der alten Welt geerbt und dazu noch 
seine eigenen neuen, größeren, abstoßenderen hinzugefügt 
hat. Aber man darf nicht meinen, Whitman habe die 
häßliche Seite des amerikanischen Lebens übersehen; im 
Gegenteil, er schildert sie gelegentlich ohne jede Be- 
schönigung. Und wenn Nordau behauptet, er sei in 
seinen vaterländischen Gedichten ein Schweifwedler vor 
der verderbten amerikanischen Gelddemokratie und ein 



— 186 — 

Eriecher Tor der dünkelhaftesten Yankee-Uberhebung, so 
ist das eine ebenso unzutreffende wie yerständnislose Be- 
schuldigung. Whitman glaubte trotz aller scheufilichen 
Auswüchse des Amerikanismus an Amerikas höhere Sen- 
dung: er glaubte, das Mittel gefunden zu haben, um diese 
Auswüchse zu überwinden. Und dies Allheilmittel erblickte 
er nicht in irgend einer politischen oder ökonomischen 
Doktrin, sondern in der Kameradschaft. 

Über das Blutbad erhob prophetisch eine Stimme sich: 

Seid nicht verzagt, Liebe soll lösen die Fragen der Freiheit noch! 

Die sich lieben, sollen unbezwinglioh werden, 

Und siegreich wird durch sie Columbia sein. 

Sohne der Allmatter, ihr sollt noch siegreich sein. 

Verlachen werdet ihr noch den Ansturm des ganzen Erdkreises. 

Keine Gefahr soll zurückschrecken in Columbia die Liebenden, 

Tausende werden in Not entschlossen sich opfern für einen 

einzigen. 

Männliche Liebe soll in Hfinsem und Straßen ein offener Brauch 

werden. 

Die Furchtlosesten und Bauhsten sollen zum Gruß in leiser 

Berührung Antlitz zu Antlitz neigen, 

Die Freiheit soll sich gründen auf die Liebenden, 

Die Gleichheit soll fortdauern durch die Kameraden. 

Diese sollen euch binden und stärker euch zusammenhalten 

als eiserne Beifen. 

Ich, begeistert, o Gefährten, o Länder, mit der Liebe der 

Liebenden binde ich euch. 

Oder meintet ihr etwa, Bechtsgelehrte sollten euch zusammen- 
halten? 

Oder ein papierener Vertrag? Oder Waffengewalt? 

Nein, weder die Welt noch was in der Welt lebt, wird solcher- 
maßen zusammengehalten. 

Dem gleichen Gedanken hat er auch mehrfach in 
nüchterner Prosa Ausdruck gegeben. In denDemocratic 
Vistas^) beschäftigt sich seine Phantasie mit der Ent- 
wicklung, die Amerika in hundert Jahren erreicht haben 
wird, und er sagt: 



>) Complete Prose, S. 247. 



— 187 — 

„Hochgespannte und liebende Kameradacbaft, die persönliche 
und leidenschaftliche Neigung des Mannes zum Manne — welche, 
schwer zu erklären, den Lehren und Idealen der tiefsten Erlöser 
jedes Landes und Zeitalters zugrunde liegt, und die, wenn voll- 
kommen entwickelt, gepflegt und anerkannt in Sitten und Literatur, 
die wesentlichste Hoffnung und Sicherheit für die Zukunft dieser 
Staaten zu versprechen scheint, wird dann zum vollen Ausdruck 
gelangt sein.*' 

Hierzu fügt er die Anmerkung: 

„Die Entwicklung, Verwirklichung und allgemeine Vor- 
herrschaft dieser glühenden Kameradschaft (der anhangenden Liebe, 
die der bis jetzt im Alleinbesitz der poetischen Literatur befind- 
lichen amativen Liebe zum mindesten den Rang streitig macht, 
wenn nicht gar darüber hinausgeht) ist das, wovon ich das Gegen- 
gewicht und die Oberwindung unserer materialistischen und vulgären 
amerikanischen Demokratie und ihre Vergeistigung erhoffe. Viele 
werden sagen, das sei ein Traum, und werden meinen Folgerungen 
nicht zustimmen: aber ich erwarte zuversichtlich eine Zeit, wenn 
die Fäden männlicher Freundschaft, innig und liebend, rein und 
süß, stark und lebenslänglich, und bis zu einem jetzt noch un- 
bekannten Grade gesteigert, wie ein halb verborgener Einschlag 
alle die Myriaden hörbarer und sichtbarer weltlicher Interessen 
Amerikas durchziehend, vor Augen liegen werden, — und sie 
werden nicht nur dem individuellen Charakter seinen Ton geben 
und ihn wie nie zuvor gefühlswarm, muskulös, heroisch machen 
und verfeinern, sondern auch auf die allgemeine Politik den 
tiefsten Einfluß ausüben. Ich sage: aus der Demokratie ergibt 
sich solch eine liebende Kameradschaft, als ihr unvermeidlichstes 
Zwillingsgeschwister und Seitenstück, ohne welches sie unvoll- 
ständig, vergeblich sein wird und unfähig, sich am Leben zu 
erhalten.'* 

Femer heißt es in der Vorrede von 1876: 

„Noch etwas weiteres mag hinzugefügt werden — denn da 
ich einmal dabei bin, möchte ich ein volles Geständnis ablegen. 
Ich sandte die „Grashalme*' auch deswegen hinaus, um in den 
Herzen der Männer und Frauen, jung und alt, endlose Ströme 
lebendiger, pulsierender Liebe und Freundschaft zu wecken und 
in Fluß zu bringen, von ihnen zu mir, jetzt und immerdar. Dieser 
schrecklichen, ununterdrückbaren Sehnsucht (die gewiß mehr oder 
weniger auf dem Untergrund der meisten l^lenschenseelen ruht) — 
diesem niemals befriedigten Hunger nach Sympathie, und dieser 



— 188 — 

grenzenlosen Darbietung von Sympathie — dieser universellen 
demokratischen Kameradschaft — diesem alten, ewigen und doch 
immer neuen Austausch fester Verbindung, so passend sinnbildlich 
f&r Amerika, habe ich in diesem Buche un verhüllt, ihr Ver- 
künder, den offensten Ausdruck gegeben. Zugleich, so wichtig 
CS für meine Absichten ist, als Äußerungen des Gemütslebens 
der Menschheit: der besondere Sinn des „Calamus^'- Straußes in 
den „Grashalmen'* (mehr oder weniger auch das ganze Buch 
durchziehend und in den „Trommelwirbeln" zur Eeife gediehen) 
liegt hauptsächlich in seiner politischen Bedeutung. Nach meiner 
Ansicht ist es die glühende, anerkannte Entwicklung der Kamerad- 
schaft, die schöne und gesunde Liebe des Mannes zum Manne, 
unter der Oberfläche lebendig in allen den jungen Burschen, in 
Nord und Süd, Ost und West — es ist diese, sage ich, und was 
direkt und indirekt sie begleitet, wodurch die Vereinigten Staaten 
der Zukunft (ich kann es nicht zu oft wiederholen) am wirksamsten 
zusammengeschweißt, eingeschaltet, zu einer lebendigen Einheit 
geschmiedet sein werden.' ' 

Ein paar poetische Stücke aus „Calamus^ in denen 
diese Tendenz besonders packende Sprache erhielt, mögen 
hier folgen: 

Für Dich, o Demokratie. 

Kommt, unauflöslich will ich den Kontinent machen. 

Die herrlichste Rasse will ich schaffen, die je von der Sonne 

beschienen ward. 
Gottliche, magnetische Lande will ich schaffen 
Mit der Liebe der Kameraden, 

Mit der lebenslangen Liebe der Kameraden. 
Dicht wie die Bäume des Waldes will ich Freundesbündnisse 

pflanzen längs aller Ströme Amerikas 
und an den Ufern der großen Seen und 
über die ganze Prärie, 
Unzertrennliche Städte will ich machen, ihre Arme einander 

um den Hals geschlungen, 
Durch die Liebe der Kameraden, 

Durch die männliche Liebe der Kameraden. 
Dir widme ich dies, o Demokratie, deinem Dienste, ma femme! 
Für dich, für dich trillere ich diese Lieder. 

Besonders prägnant ist die politische Absicht in dem 
folgenden Gedicht ausgedrückt: 



— 189 — 

Es kam mir zu Ohren, daß man mir vorwirft, ich sachte die 

Institutionen des Staats zu zerstören. 
Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen. 
Was hätte ich auch mit ihnen gemein? Oder was mit ihrer 

Zerstörung? 
Nur dies eine will ich einsetzen in Mannahatta und in jeder Stadt 

dieser Staaten, im Inland wie an der See, 
In Feld und Wald und über jedem Kiel, sei er klein oder groB, 

der die Wellen durchschneidet-, 

m 

Ohne Amtshaus oder Gesetz, ohne Beamten oder Disput: 
Die Institution der herzlichen Kameradenliebe. 

Wie es sein wird, wenn seine Botschaft in Erfüllung 
gegangen und die Institution der Eameradenliebe in Kraft 
getreten ist^ prophezeien die Verse: 

Ich träumte einen Traum von einer Stadt, die dem Ansturm der 

ganzen Welt unbesieglich standhielt 

Ich träumte, dies sei die neue Stadt der Freunde, 

Nichts größeres gab es in ihr als die kraftvolle Liebe, die alles 

übrige beherrschte: 

Zu jeder Stunde war sie in allem Tun der Bürger dieser Stadt 

offenbar 

Und in jedem ihrer Blicke und Worte. 

Sein gläubiges Vertrauen aber, daß sein Traum wirk- 
lieh Wahrheit werden wird, und seine Überzeugung, daß 
die Grundlage dazu in der allgemeinen Menschen- 
natur gegeben ist, bekennt er in dem folgenden Stück: 

Dem Osten und dem Westen, 

Dem Mann von den Küstenstaaten und aus Pennsylvanien, 
Dem Kanadier aus dem Norden, dem Südstaatler, den ich liebe. 
Widme ich diese Blätter, in der festen Zuversicht, daß ich euch 

als meinesgleichen zeichnen darf, denn in 
jedem Manne ruht der gleiche Keim. 
Ich glaube, es ist der höchste Zweck dieser Staaten, den Grund 

zu legen zu einer herrlichen Freund- 
schaft, erhaben, wie man sie niemals 
gekannt. 
Denn ich fühle, daß sie wartet und immer gewartet hat, ver- 
borgen schlummernd in jedem Manne 




— 190 — 

Es kann nicht zweifelhaft sein^ daß das Urbild der 
Männerliebe als eines politisch wertyoUen Faktors im 
alten Griechenland zu suchen ist, und mit Recht wird 
Whitman yonSjmonds als derjenige unter den modernen 
Schriftstellern bezeichnet, der im Geiste und der Dar- 
stellung am meisten Grieche ist Aber daß die griechische 
Hännerliebe einen sexuellen Untergrund hatte , ist eine 
historische Tatsache. Whitman dagegen hält zwar die 
Liebe des Mannes zum Manne i^und was direkt und in- 
direkt sie begleitetes für politisch wichtig; ist jedoch so 
yerblendet, zu glauben, homosexuelle Empfindungen und 
Akte müßten und könnten von der direkten und indirekten 
Begleitung ausgeschlossen sein. Dies ist es^ was ihn theo- 
retisch von den Griechen unterscheidet; die zwar auch 
nach Veredlung des Triebes strebten , aber sich doch 
keiner Selbsttäuschung über seine sinnliche Natur hin- 
gaben und den Mut hatten, die Wirklichkeit fest ins 
Auge zu fassen. 

Doch ist freilich mit dem griechischen in Whitmans 
Botschaft das christliche Ideal vermählt Er hat sein 
homosexuelles Empfinden christianisiert; gemäß dem Jo- 
hanneswort: ;,Kindlein; liebet euch untereinander.^' Aber 
die Wahrheit wird doch verschleiert, wenn Knortz ge- 
legentlich äußert der Dichter meine mit seinen Kameraden 
alle Menschen. Selbstverständlich gehört die allgemeine 
Menschenliebe zu Whitmans Religion. Aber seine Kame- 
raden; das sind unter den übrigen die AuserwählteU; 
deren physischer Typus ihn anzieht Dies werden wir 
im folgenden noch erkennen. Ebenso irreführend ist es, 
wenn der engere Jüngerkreis auf das Symbolische und 
Mystische in ,;Galamus'' hinweist und dadurch alles hin- 
wegdeuten möchte, was eine nervenschwache Moral be- 
ängstigen könnte; ungefähr wie bei Luther die glühende 
orientalische Sinnlichkeit im Hohenlied Salomonis das 
Sehnen der christlichen Kirche nach ihrem Bräutigam 



— 191 — 

Christas symbolisieren muß. Das erinnert stark an jenen 
Yon Ulrichs^) erwähnten englischen Gelehrten^ der zu 
Piatos y^Phädrus" herausgegrübelt hat, nur als AUegoriei 
im Sinne der Mysterien, habe Plato ^iKnabe'^ geschrieben; 
stets habe er ^^Mädchen^' gemeint. In der Tat ist ja 
Whitman mit dem Alter immer mystischer geworden; aber 
was er in den meisten der Calamuslieder schildert^ ist die 
einfache, naive Stimme der Natur und das offene, direkte 
Bekenntnis persönlicher, stark sexuell gefärbter Gefühle. 

Wenn Kameradenliebe nichts weiter bedeutete als 
christliche oder allgemeine Menschenliebe, so wäre daran 
nur der Name originell^ nicht aber der Gedanke. Whit- 
man würde dann neben dem ihm allerdings noch zu pessi- 
mistischen Tolstoi stehen, ein edler Schwärmer, der 
plötzlich der Politik christlichen Geist einzuhauchen hofft, 
nachdem sie in fast zwei Jahrtausenden christlicher Ge- 
schichte ganz und gar heidnisch geblieben ist Es wäre 
ein harmloser Optimismus. Die altruistischen Instinkte 
sind zwar zum Teil recht düi-ftig entwickelt; aber sie 
gehören sicher zur Menschennatar, und die Hoffnung, daß 
ihre schwachen Keime schließlich zu allgemeiner Menschen- 
liebe heranwachsen werden, verdient gewiß Ermutigung. 

Anders aber würde die Sache liegen, wenn wir unsere 
Glaubensinbrunst und Zuversicht auf das Wort eines 
Propheten gründeten, der ein ganz subjektives, abnormes 
Empfinden als die allgemeine Eegel betrachtet und also 
seine Erlösungslehre auf einer falschen Voraussetzung 
aufbaut Sobald seine Illusion als solche erkannt ist, 
würde man ihn zu den falschen Propheten rechnen 
müssen, zu den wunderlichen Heiligen, die ihr Leben 
lang von einer fixen Idee besessen waren. Das ist bei 
Whitmann der Fall, wenn man die Grundlage seiner 
Liebesbotschaft in seiner Homosexualität findet, und als- 



>) Memnon, Einltg. V. 



— 192 — 

dann hat dieser Teil seiner Verkündigung nur noch ein 
psychologisches oder gar ein psychopathisches, aber kein 
praktisches Interesse mehr. 

Zwischen Whitmans Evangelium der Kameradenliebe 
und einigen neueren Standpunkten besteht übrigens eine 
auffallende YerMandtschaft Seiner Voraussetzung, 
daß die Anlage zu der von ihm yerkündeten leiden- 
schaftlichen Männerfreundschaft, also die homosexuelle 
oder wenigstens bisexuelle Natur, eine ganz allgemein 
menschliche Eigenschaft sei, nähern sich in erster Linie 
Benedict Friedländor, ferner auch Edwin B a b. 
Andrerseits mit seinen Zielen, seinem Streben^ die Männer- 
liebe, auch ohne daß sie als eine allgemeine Erscheinung 
angesehen wird, zu einem mehr oder minder politischen 
Faktor zu machen, stimmte in der Schweiz bereits Hößli 
überein, und in Deutschland stehen Elisar von Kupffer 
sowie etliche Mitarbeiter des von Adolf Brand heraus- 
gegebenen „Eigenen^' dieser Richtung nahe; als ihr Haupt- 
vertreter aber kann Edward Carpenter gelten, auf den 
nach Grosby^) der Mantel Whitmans gefallen ist. Den 
ersten Punkt, ob nämlich Homosexualität oder wenigstens 
psychosexuelle Hermaphrodisie Gemeingut aller Menschen 
sei, will ich hier nicht weiter erörtern, weil ich glaube, 
daß er sich nur aus der großen Subjektivität seiner Ver- 
teidiger erklärt, die pro domo plädieren und dabei im 
Eifer des Gefechts auch das Haus der Heterosexuellen 
mit fordern, welches diese ihnen jedoch sicherlich nicht 
überlassen werden. Da ich eine solche Grenzüberschrei- 
tung nicht billigen kann, vermag ich mich natürlich auch 
für den zweiten Punkt nicht zu erwärmen. Eine beschei- 
dene Minorität, die bisher von der normalen Majorität 
verfolgt und geächtet war, hat vorerst nur darnach zu 

') Edward Carpenter, Poet and Prophet. By Ernest Crosby. 
Philadelphia 1900. 



— 193 — 

trachten, daß sie von dieser Majorität geduldet werde, 
und was darüber hinausgeht, ist eine Schwärmerei, die 
mit den Tatsachen zu rechnen yergißt Dies ist auch 
die Ansicht des besonnenen Symonds, obwohl er sich 
subjektiv mit Whitman in yoUer Sympathie befindet 
Er schließt sein Kapitel über den Calamus-Zyklus mit 
den Worten: ,,Die Zeit ist noch nicht gekommen, die 
Frage zu stellen, ob die Liebe yon Mann zu Mann durch 
eine bisher ungeahnte Bitterlichkeit zu edlerer Eraft- 
entfaltung erhoben werden soll, gerade wie es einst mit 
der barbarischen Liebe des Mannes zum Weibe geschehen 
ist. Diese Frage entbehrt im gegenwärtigen Augenblick 
der Aktualität Man kann nicht verlangen, daß die Welt 
sich damit befasse." 

7. Whitmans Forderungen sind augenscheinlich nur 
aus seiner homosexuellen Naturanlage verständlich und 
würden schon zum Beweise seiner Homosexualität ge- 
nügend sein, auch wenn man nichts von seiner Persön- 
lichkeit und seinem Leben wüßte. Wir gelangen nun 
zu der Frage: Ist das Studium seiner Biographie ge- 
eignet, unseren Schluß zu entkräften, oder dient es ihm 
zur Bestätigung? Wobei wir natürlich nicht nur seine 
Taten und Schicksale, sondern vor allen Dingen sein Wesen 
selbst, wie es sich äußerte, zum Biographischen zu rechnen 
haben. 

8. Die vielumstrittene Frage nach dem physiologischen 
oder pathologischen Ursprung der konträren Sexualem- 
pfindung, sowohl im allgemeinen wie bei Whitman im 
besonderen, können wir dabei zunächst unerörtert lassen, 
weil sie praktisch keineswegs von ausschlaggebender 
Wichtigkeit ist Denn auch Krankheit und Krankhaftig- 
keit sind Erscheinungen, die dem Naturgesetz unterliegen^ 
und da die wissenschaftlichen Vertreter der einen sowohl 
wie der anderen Theorie die Entstehung der Homo- 

Jahrbach VIL 18 



- 194 — 

Sexualität aus natürlichen Ursachen nicht leugnen können, 
80 ist zwischen beiden auch eine Versöhnung möglich. 
Es sei hier an Goethes Ausspruch erinnert: ,,Auch 
die Worte Mißentwicklung, Mißbildung , Verkrüppelung, 
Verkümmerung sollte man mit Vorsicht brauchen^ weil 
in diesem Reiche die Natur, zwar mit höchster Freiheit 
wirkend, sich doch von ihren Grundgesetzen nicht 
e n t f e r n e n k a n n/' ^) Goethe steht hier ganz auf dem Stand- 
punkt Spinozas: ,,Die Gesetze und Regeln der Natur, 
nach welchen alles geschieht und aus der einen Gestalt 
in die andere yerwandelt wird, sind überall und immer 
dieselben, und sonach muß es auch eine und dieselbe Weise 
geben, die Natur der Dinge, welche es auch sein mögen, 
zu yerstehen, nämlich durch die allgemeinen Gesetze und 
Regeln der Natur."") 

Wenn man dies im Auge behält, wird man die hohe 
Bedeutung des Gedankens würdigen, in welchem Ulrichs 
sein „aufzufindendes Naturgesetz^' formuliert^ Er 
sagt: ^,Die Bestandteile der Geschlechtsnatur der ein- 
zelnen Urninge sind, wie gezeigt, äußerst verschieden. — 
Für dieses scheinbare Chaos von Varietäten wird ein 
künftiger Forscher vermutlich ein ganz bestimmtes Ge- 
setz auffinden, nach welchem der Mischung scheinbare 

Willkür zur Notwendigkeit wird. Für dieses Gesetz 

wird man eine Formel finden müssen, — — — so daß 
man z. B. aus je zwei bekannten dieser Bestandteile, 
dieser Elemente, ein noch nicht bekanntes drittes wird 
finden können. Die Elemente der urnischen Geschlechts- 
natur stehen ganz unzweifelhaft sämtlich zu ein- 
ander in notwendiger Wechselbeziehung. '< Bei der 
unendlichen Mannigfaltigkeit der Zwischenstufen war 

*) Goethe, Zur Morphologie. Werke, Bd. 88, S. 108 der 
HempelBchen Ausgabe. 

*) Spinoza, Ethik, III, S. 89 der Aaerbachschen Übersetzung 
*) Memnon, § 122. 



— 195 — 

Ulrichs* Hoffnung wohl zu kühn; aber der Kern seines 
Gedankens ist jedenfalls richtig. 

Moll rechnet den heterosexuellen Geschlechtstrieb 
unter die sekundären Geschlechtscharaktere und hält da- 
für^ daß wir manche Fälle Ton Homosexualität ohne 
weiteres als die Entwicklung eines konträren sekundären 
Geschlechtscharakters betrachten dürfen. Nun wissen wir 
durch Darwin^], in wie hohem Maße die sekundären 
Geschlechtscharaktere variieren, und wir wissen femer 
durch ihn, welche bedeutende Holle bei der Variation 
das Yon Goethe und Geoffroy St Hilaire entdeckte 
und von dem Sohn des letzteren noch eingehender be- 
gründete Gesetz der Korrelation spielt, nach welchem 
die eine Veränderung in einem Organismus unfehlbar 
auch von einer Heihe yon anderen, die mit ihr in Wechsel- 
beziehung stehen, begleitet ist Es ist dieses Gesetz der 
korrelativen Variation, das Ulrichs geahnt hat, wenn 
er es nicht kannte. Man darf sicher behaupten, daß, 
wenn ein sekundärer Geschlechtscharakter wie der Ge- 
schlechtstrieb variiert, andere sekundäre Geschlechts- 
charaktere gleichfalls, wenn auch für die oberflächliche 
Betrachtung unerkennbar, variieren müssen. Hirsch- 
felds Hoffnung auf die Möglichkeit einer objektiven Dia- 
gnose der Homosexualität ist daher für die Mehrzahl und 
vielleicht bei tieferem Eingehen sogar für alle Fälle 
wohl begründet 

Aber die Tatsächlichkeit der korrelativen Entwicklung 
konträrer sekundärer Geschlechtscharaktere ist nicht ein- 
mal eine neue Entdeckung, sondern sie wurde bereits vor 
hundert Jahren von dem französischen Arzt P. J. Cabanis 
konstatiert:^ 



') Origin of Species, chap. V. 

*) P. J. Cabanis, Rapports du Physique et du Moral de 
rHomme. 2"^ 6d. Paris 1S05, vol. I, p. S9&. 

18* 



— 196 — 

„Bei den jungen Leuten, denen die Natur ganz oder teil- 
weise die männlichen Fähigkeiten versagt hat*' (und hierher ge- 
hören die Homo8exuellen)| „bringt die Pubertät nicht die gewöhn- 
lichen Wirkungen hervor, und das muß so sein. Zudem aber nähern 
sich in dieser Epoche alle Teile des Knochengerüsts und der Mus- 
kulatur täglich mehr den äußeren Formen und den Dispositionen, 
die der Frau eigen sind. Ich bin solchen zweideutigen Personen 
begegnet, bei denen nicht nur die Stimme heller, die Muskeln 
schwächer und der allgemeine Bau des Körpers weicher und 
schlaffer waren, sondern die auch noch jene verhältnismäßig 
größere Breite des Beckens aufwiesen, von der wir gesagt haben, 
daß sie das Knochengerüst der Weiber charakterisiert: und in- 
folgedessen gingen sie wie diese, indem sie einen größeren 
Bogen um ihren Schwei'punkt beschrieben. In diesen FäUen 
schien mir der physische Zustand immer von einem vollkommen 
entsprechenden moralischen Znstand begleitet zu sein." 

Ja^ schon im Altertum waren die äußeren Merkmale der 
Urninge, also die Eigenschaften^ die mit ihrem Geschlechts- 
trieb im Verhältnis der Korrelation stehen, wohl bekannt, 
so daßLucian den Ausspruch tun konnte, es wäre leichter, 
fünf Elefanten unter der Achsel zu verbergen als einen 
Kynäden. 

Kynäden gehören nun allerdings dem Extrem der 
Effemination an, und auch in den von Cabanis beob- 
achteten Fällen handelte es sich zweifellos um Effeminierte. 
Und da es alle Grade der Homosexualität gibt, sowohl 
im Körperbau wie in der Charakterfärbung, vom völlig 
femininen Typus bis zum völlig virilen, so ist es selbst- 
verständlich, daß das Gesetz der Korrelation sich häufig 
der Feststellung entziehen wird. Aber trotzdem ist es 
höchst unwahrscheinlich, daß, wenn der Geschlechtstrieb 
homosexuell ist, jemals die korrelative Entwicklung anderer 
äußerer oder innerer Eigenschaften gänzlich abwesend 
sein sollte. Moll sagt, die Erfahrung zeige, daß, wenn 
ein sekundärer Geschlechtscharakter konträr entwickelt 
ist, oft genug auch andere die Neigung haben, sich 
konträr zu entwickeln. Man darf aber hinzufügen, da& 



— 197 — 

über alle Erfahrung hinaus eine solche Neigung immer 
anzunehmen ist. Man muß nur tief genug graben. Gre- 
rade bei Whitman, in dem seine fanatischen Anhänger 
den yoUkommenen^ den Idealmann erblicken, leiblich 
sowohl wie seelisch, und der sich auch wohl selbst dafür 
hielt, fährt eine tiefere Betrachtung im Lichte unserer 
Theorie zu den überraschendsten Aufschlüssen. 

9« Nach Hirschfeld gibt es yier charakte- 
ristische Stigmata der Homosexualität, näm- 
lich somatische Zeichen, psychische Zeichen, große 
Abneigung gegen das Weib und Freundschafts- 
enthusiasmus Ton geschlechtlichem Orundcha« 
rakter. Wir werden sehen, daß diese in höherem oder 
geringerem Grade samt und sonders bei Whitman vor- 
handen sind. Und besonders zu bemerken ist, daß sie 
insgesamt unbewußt und ungewollt von Leuten aufgeführt 
werden, die ihre Bedeutung nicht kennen und vonWhit- 
mans Homosexualität keinen Begriff haben oder deren 
Behauptung mit Entrüstung zurückweisen. Ich habe bei 
einigen von ihnen sehr beträchtliche Mühe gehabt, sie 
aus all dem Wust panegyrischer Darstellungen heraus- 
zufischen; aber ich wußte, daß ich sie finden würde, und 
ich habe sie gefunden. 

Trotzdem ist es, wie schon Havelock Ellis hervor- 
hebt, nicht leicht, Whitman nach dem sexuellen Gesichts- 
punkte zu klassifizieren. Selbst nachdem die Tatsache 
seiner Homosexualität konstatiert sein wird, werden wir 
noch unschlüssig sein, welcher Platz in der Beihe der 
Zwischenstufen ihm gebührt; denn die Widersprüche, die 
wir schon zu Anfang in seiner dichterischen Persönlich- 
keit feststellten, beruhen auf Widersprüchen in seiner 
physischen und seelischen Organisation. Es werden uns 
daher selbst in der Eichtung seines Triebes gewisse 
Schwankungen auffallen. Er war eben eine höchst kom- 



— 198 — 

plizierte Natur. Wenn man die mehr virilen Umingstypen be- 
trachtet, mag uns ja überhaupt wohl, der Gedanke kommen, 
daß in der Mischung weiblicher und männlicher Elemente 
eher Willkür obwaltet als Gesetz — so launisch scheint 
die Natur ihre Gaben an die Zwischenstufen zu verteilen. 
Jedenfalls sind wir noch weit davon entfernt, das Gesetz 
der Korrelation in seinen scheinbaren Unregelmäßigkeiten, 
die doch sicher eiserne Notwendigkeiten sind, zu begreifen. 
Nichtsdestoweniger dürfen wir uns nicht irre machen 
lassen und z. B., wenn wir einzelne jener psychischen 
oder somatischen Stigmata auch bei heterosexuell em- 
pfindenden Männern antreffen^ nicht meinen, dadurch sei 
die Hypothese des Eorrelationsgesetzes widerlegt. Diese 
männlichen Männer mit weiblichen Zügen sind eben andere 
Grade von Zwischenstufen,' und so ist auch das Verhältnis 
der Korrelation bei ihnen ein anderes. Aber solche Fälle 
sind freilich gegenwärtig noch die dunkelsten. Dagegen 
vollkommen klar in seinen Umrissen, wenn auch schwankend 
in Einzelheiten und, wie alle konträre Sexualempfindung, 
noch ein psychisches Eätsel, liegt Whitmans Fall, in 
welchem alle jene vier Stigmata zusammenkommen. Hier 
kann die Diagnose nicht anders als auf Homosexualität 
lauten. 

10. In den äußerlich zunächst in die Augen springen- 
den Grundlinien seiner Individualität gehörte Whitman 
so sehr dem virilen Typus an, daß diejenigen, die in ihm 
den YoUmann, ja den Idealmann erblickten, bei ober- 
flächlicher Betrachtung gerechtfertigt erscheinen. Es 
möge also zunächst einmal sein Bild, wie diese Zeugen 
es sahen, mit allen seinen männlichen Eigenschaften 
hier gezeichnet werden. 

O'Connor erzählt in seiner Vindication, als Abra- 
ham Lincoln den Dichter zum erstenmal erblickte, habe 
er gesagt: „Well, he looks like a ManI'' Das Wort 



— 199 — 

Man hat zwei Bedeutungen, von denen der eine Über- 
setzer diese, der andere jene wählt Schlaf übersetzt: 
,^Er sieht doch wie ein Mensch aus?'' Aber wenn dies 
Lincolns Meinung gewesen wäre, hätte er vermutlich das 
Adjektiv human gebraucht Auch müßte man in diesem 
Falle annehmen, daß der Verfasser der ,,Gra8halme'' dem 
Präsidenten als eine Art Unmensch geschildert worden 
war. Die Szene würde sich dann wohl erst nach Whit- 
mans kränkender Amtsentlassung durch seinen metho- 
distischen Vorgesetzten abgespielt haben, was nicht wahr- 
scheinlich ist In Freiligraths Verdeutschung lautet 
die Äußerung dagegen: „Nun, der sieht aus wie ein Mann,'' 
und sie würde dem bekannten Worte Napoleons über 
Goethe entsprechen. Ich halte diesen Sinn für den 
richtigen. 

Also er sah wie ein Mann aus. Zu diesem Eindruck 
stimmt auch O'Connors eigene Schilderung: 

,,Ein Mann von aa£fallender männlicher Schönheit^' — nichts 
von jener UftBlichkeit an ihm, die Möbins als ein Stigma der 
Entartung betrachtet — „ein Dichter, eine kraftvolle und ehr- 
würdige Erscheinung; groß, ruhig, herrlich von Gestalt; angetan 
zumeist mit dem sorglosen, rauhen und immer malerischen 
Kostüm der gemeinen Leute; anzusehen, und von Fremden ge- 
wöhnlich dafür gehalten, etwa wie ein großer Handwerker oder 
Auslader oder Seemann, oder wie ein stattlicher Arbeiter von 
dieser oder jener Art; so wandelt er langsam, mit nachlftssigem 
und hochmütigem Schritt auf dem Bürgersteig einher, von 
Sonnenlicht und Schatten umspielt Da es ein warmer Tag 
war, hielt er, als ich ihn eben sah, den dunklen Sombrero- 
Hut, den er gewöhnlich trägt, in der Hand. Volles Licht, wie 
ein Kfinstler es gewählt hätte, lag auf seinem unbedeckten 
Haupt, das majestätisch, erhaben, homerisch und in der Hoheit 
antiker Bildwerke auf seinen Schultern thronte. Auch sein 
Angesicht prägte ich mir ein: heiter, stolz, fröhlich, blOhend, 
ernst, die Stirn von edlen Falten durchfurcht; die ZOge kräftig 
und hübsch, mit festen blauen Augen; die Brauen und Augen- 
lider von jener vollendeten Wölbung, die man selten sieht, 
außer an antiken Büsten. Das herabwallende Haar und der 



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— 200 — 

weiche Bart, beides stark ergraut, milderten den jugendlichen 
Anblick des erst Fünfundvierzigjfthrigen durch den Schein des 

Alters. Die ganze Gestalt war von Männlichkeit umgeben 

wie von einem Nimbus, und in ihrer vollkommenen Gesundheit 
und Kraft atmete sie den erhabenen Zauber der Starken/'- 

Ähnlich beschreibt Backe noch den Einundsechzig- 
j&hrigen: 

lyEr ist sechs Fuß hoch und ganz gerade. Er wiegt beinahe 
200 Pfund. Körper und Glieder sind wohl proportioniert. Ruhe 
ist der gewöhnliche Ausdruck seines Gesichts, aber mit aus- 
geprägter Festigkeit und Entschiedenheit. Alle seine Züge sind 
groß und massiv, aber von solchem Ebenmaß, daß sie nicht 
schwerfällig erscheinen. Sein Gesicht ist das edelste, das ich 
jemals gesehen habe. Keine Beschreibung kann eine Vor- 
stellung von dem außerordentlichen physischen Beiz des Mannes 
geben." 

yyDie volle Schönheit seines Gesichts nnd Kopfes 
wurde erst nach seinem sechzigsten Jahre augenschein- 
lich/' meint John Burroughs. „Nach dieser Zeit ist 
mir's fast zweifellos, daß es der schönste Kopf war, den 
dies Zeitalter und dies Land gesehen hat. Jeder Künstler, 
der ihn sah, hatte sofort den lebhaften Wunsch, ihn zu 
zeichnen." 

Von anderer Seite wird sein Körperbau als der eines 
Gladiators beschrieben. Bis zu dem Lazarettfieber, das 
ihn im Anfang der Vierzig während seiner Liebestätig- 
keit an den Verwundeten befiel, hatte er niemals auch 
nur einen Tag der E^rankheit gekannt; er hielt sich selbst 
für unverletzlich; er schwelgte in dem Bewußtsein der 
Gesundheit und war stolz auf seine prachtvolle Gestalt 
und seine sprudelnde, überströmende Lebensfrische, wie 
eine Landsmännin aus seinen jüngeren Mannesjahren 
berichtet 

Seine Füße und Hände waren groß, sein Bart reichte 
bis auf die Brust, und diese zeigte kräftige Behaarung. 
Er war ein starker Esser, sein Temperament sanguinisch, 
jeder Freude offnen. Er hatte Lust am rauhen Leben 



_ 201 — 

und liebte die freie Natur; aber gegen häuslichen Komfort 
und harmonischen Schmuck oder Ordnung in seinem Heim 
war er TöUig gleichgültig. Kleidete er sich an, so weckte 
er die Nachbarn durch seinen Gesang; wanderte er mit 
Freunden durch die Landschaft, so pfiff er wie ein leicht- 
herziger Junge. (Er konnte also pfeifen, was den Homo- 
sexuellen nach Ulrichs häufig versagt sein soll.) Kurz, 
er erscheint uns in diesen und vielen anderen Schilde- 
rungen so recht als ein vollblütiger, rotbackiger, urkräftiger 
Normal- und Durchschnittsmensch, vom schönsten Gleich- 
gewicht auch in seinem Charakter, edel und gut und doch 
auch selbstbewußt und energisch; immer einfach, immer 
natürlich, keine Spur von Krankhaftigkeit oder Sentimen- 
talität an ihm, und auch nicht ein einziger umischer Zug. 
Es ist eine wunderschöne, von kunstfertigsten Händen 
retouchierte — Photographie, wie dem Atelier eines 
Modephotographen entstammend, der in seiner Camera 
alle Sünden auslöscht und auch dem unseligsten Geschöpf 
das Antlitz der Verklärung aufsetzt. 

Wenn wir nun von dieser irreführenden Schönfärberei 
zu einer kritischen Betrachtung des Lebensganges unseres 
Dichters übergehen, so erkennen wir^ wie sehr Möbius^) 
recht hat, indem er sagt: 

„Leider sind die Lebensbeschreibungen im ftrztlichen Sinne 
gewöhnlieh ganz ungenügend. Das schönste Material ist ver- 
schlendert worden and wird verschleudert, weil die Bearbeiter 
keine psychiatrischen Kenntnisse haben und weil sie in der 
Begel ttberhaapt keine Ahnung davon haben, worauf es an- 
kommt. Unser Urteil über viele historische Persönlichkeiten 
ist und bleibt mangelhaft, weil die Fragen, die der Arzt zu 

stellen hätte, nicht mehr beantwortet werden können. 

Kein Mensch wird verstanden, wenn das ärztliche Urteil über 
ihn fehlt*« 

Über Whitman besitzen wir allerdings nicht nur eins, 
sondern mehrere ärztliche Urteile; aber auch diese Arzte 

^) Stachyologie, S. 55« 



— 202 — 

haben ganz entschieden nicht gewußt, worauf es ankommt» 
und so haben sie durch ihre Oberflächlichkeit, ja durch 
ihre falschen Diagnosen den Fall nur um so mehr Ter- 
dunkelt Von dem schon erwähnten Dr. Gould in Phila- 
delphia will ich nicht reden: wer so in Bausch und Bogen 
Terurteilt, ist ebenso unzuverlässig wie die blindgläubigen 
Enthusiasten. Und Dr. Bücke in seinem psychiatrischen 
Gutachten über Whitmans Tollkommen ausgeglichene 
Männlichkeit sündigt nach der entgegengesetzten Seite. 
Aber da ist das ärztliche Attest über Whitmans Norma- 
lität von Dr. W. B. Drinkard in Washington, welcher 
erklärt: „Er besaß die natürlichsten Gewohnheiten, An- 
lagen und Organisation, die mir bei einem Manne je vor- 
gekommen oder von mir beobachtet sind."^) Femer ist 
auch Whitmans zweiter Biograph ein Mediziner, nämlich 
Dr. Isaac HuU Platt; ^ und dieser liefert uns aller- 
dings mehrere neue und für die Beurteilung unseres 
Problems überaus wertvolle Mitteilungen. Aber augen- 
scheinlich ahnt er ihre Tragweite gar nicht; denn gegen 
Symonds' Whitman-Buch, das er sonst höher als alle 
anderen stellt, erhebt er den Vorwurf, der Verfasser 
„habe sich durch seine krankhafte Mißdeutung von ein 
paar Zeilen in einer Gruppe der Gedichte in eine elende 
Eotpfütze leiten lassen/' und damit zeigt er, daß anch 
er kein Sachverständiger ist Nur ein fünfter Arzt, 
Dr. Daniel G. Brinton in Philadelphia, ein ethno- 
logischer Forscher, hat durch sein kritisches Verhalten 
indirekt znr Aufklärung des Falles etwas beigetragen. 

11. Da ich nicht glaube, daß Homosexualität vom 
Himmel fällt, sondern fest überzeugt bin, daß sie stets 
auf irgend eine Form erblicher Belastung zurückzuführen 



1) In Be Walt Whitman. Edited by his literary executors. 
Philadelphia 1893. 

*) Walt Whitman. By Isaac HoU Platt. Boston 1904. 



W.ilt Whilman ISüO (31 J.iliri; alt). 



— 203 — 

ist, so habe ich zunächst meine Aufmerksamkeit auf 
Whitmans sonstige Gesundheitsverhältnisse und dann 
auf diejenigen seiner Anverwandten gerichtet 

Es kann iiicht geleugnet werden^ daß auch er selbst^ 
weil er sich auf seine Eörperkonstitution so viel einbildete, 
dazu beigetragen hat, die Wahrheit zu verschleiern. Er 
äußert noch nach seinem siebzigsten Geburtstag: ^Jch 
zweifle, ob ein tüchtigerer, stärkerer, gesünderer Körper 
je gelebt hat als der meine von 1840 bis 1870" (d. h. 
bis über sein fünfzigstes Jahr hinaus), und Bücke schreibt^ 
jedenfalls auf Whitmans eigene Mitteilungen gestützt: 
„Gleichermaßen von Vater und Mutter erbte er seine 
prachtvolle Körperbeschaffenheit und seine nahezu beispiel- 
lose Gesundheit und leibliche Lebensfülle. Walt Whit- 
man konnte vielleicht mit besserem Recht auf solche 
Prahlerei als beinah irgend ein anderer Mensch sagen, 
daß er ,wohlgeboren war und genährt von einer voll- 
kommenen Mutter^'' 

Den Schagfluß, eine linksseitige Hemiplegia, wodurch 
er in seinem vierundfänfzigsten Jahre zum Invaliden ge- 
macht wurde, konnte und mochte er sich daher auch nicht 
als eine aus ererbter Disposition ableitbare Folge eines 
latenten Konstitutionsfehlers erklären. Das hätte seine 
Eitelkeit nicht zugegeben. Sondern die Schuld mußte 
in einer äußeren Ursache gesucht werden. Eine solche 
ließ sich denn auch finden: natürlich mußte es seine 
Überanstrengung bei der Verwundetenpflege sein. Er 
hatte während des Sezessionskrieges — zwar nicht von 
Anfang an, aber in den letzten drei Jahren — mit großer 
Hingebung in den Hospitälern zu Washington eine frei- 
willige Elrankenpflegertätigkeit ausgeübt und sich dabei 
eine leichte Blutvergiftung und anscheinend auch einen 
Anfall von Lazarettfieber zugezogen. Allerdings war er 
davon wieder völlig genesen, wie mehrfach bezeugt wird, 
und erst etwa neun Jahre nach dem Kriege warf die 



— 204 — 

Paralysis ihn nieder. Indessen, der oben erwähnte 
Dr. Drinkard war doch ein beliebter Arzt^ und der sagte 
eben (wahrscheinlich, weil er nichts besseres wußte, und 
um seinem Patienten entgegenzukommen), der SchlagfluB 
sei die Folge zu extremer körperlicher und geistiger 
Anspannung während jener drei Jahre im Lazarettdienst. 
Das ließ sich Whitman um so lieber einreden, als er 
seine Lähmung somit als eine ruhmvolle Märtyrerkrone 
betrachten durfte. In diesem tröstlichen Selbstgefühl 
trug er sie fortan wie einen Orden, und wenn er davon 
schrieb oder sprach, nannte er sie stets seine „Kriegs* 
Paralysis^^ Wem fiele dabei nicht der Fall Nietzsche 
ein, dessen Zusammenbruch gleichfalls auf eine kurze 
Erankenpflegertätigkeit zurückgeführt wurde^ obwohl die 
ererbten Defekte seiner Konstitution sich schon weit 
früher gezeigt hatten! 

Nun wird aber bezeugt, daß Whitman bereits mit 
dreißig Jahren, also lange vor den Kriegsstrapazen, völlig 
ergraut war, und vorzeitiges Ergrauen gilt als ein Ent- 
artungszeichen. Doch ist dies immerhin aus der von 
Hirsch feld mitgeteilten Liste körperlicher Degenerations- 
merkmale das einzige, das Whitman aufweist. Möbius 
rechnet auch übermäßige Größe der Ohrmuscheln zu den 
Zeichen der Gehirnentartung; allein ich will nicht bestimmt 
behaupten, daß dies hier in Frage kommt; denn Whitmans 
Ohren waren zwar groß, aber vielleicht nicht unverhältnis- 
mäßig, und sie waren angeblich schön geformt Wenn 
weiter nichts vorläge, müßte man also noch Bedenken 
tragen, ob man von Entartung reden dürfe. 

Nordau allerdings behauptet kühn, Whitman habe 
mit Verlaine alle Zeichen der Entartung geteilt, selbst 
die rheumatische Lähmung. Jedoch das ist falsch, wie 
wir sahen; Hemiplegia ist nicht rheumatischen Ursprungs, 
und mit den sonstigen Stigmaten könnten doch nur geistige 
gemeint sein. Aber wahr ist es trotzdem, daß Whitmans 



— 205 — 

Schlagfluß mit erblicher Belastung in Verbindung stand. 
An diese denkt man jedenfalls sofort, und damit wird 
man an dem ursächlichen Zusammenhang zwischen seinem 
Pflegerdienst und der so viel später eingetretenen Lähmung 
zweifelhaft, wenn man sich erinnert, daß er von seinem 
jüngsten Bruder Edward schreibt^ dieser sei „zeitlebens 
übel verkrüppelt, wie ich selbst es in diesen letzten Jahren 
bin.'' und bestätigt wird diese Vermutung, wenn man 
bei Bücke von dem Vater liest, der wenige Seiten vor- 
her neben der Mutter als Vererber jener fast beispiellosen 
Gesundheit gerühmt wurde, er sei nach vieljährigem 
Leiden an schwerer Krankheit und Hinfälligkeit gestorben. 
Aber die letzte Bestätigung erhält man erst durch die 
mündlichen Mitteilungen jenes Dr. Brinton, nach dessen 
Tode ein Freund sie im „Conservator'' ^) veröflFentlicht hat. 
Darin heißt es: „Paralysis war in seiner Familie 
erblich. Sein Vater litt in dieser Weise, und sein 
Bruder George, den ich kenne, hat wiederholte Anfälle 
gehabt." George, das ist der älteste Sproß unter neun 
Geschwistern, von denen Walt der zweite war. 

Und noch etwas anderes zeugt von der Degene- 
ration der Familie. „Es ist ein bemerkenswerter Um- 
stand," schreibt T. P. O'Connor,^ „daß sämtliche über- 
lebenden Glieder der Familie Whitman kinderlos sind, 
so daß die Basse nach aller Voraussicht mit der gegen- 
wärtigen Generation aussterben wird. Wer mit den 
„Grashalmen^' vertraut ist, weiß, wie der Dichter immer 
wieder sang vom Manne als dem „Vater derer, die auch 
ihrerseits Väter sein sollen", und vom Weib als „der 
gebärenden Mutter von Müttern'^; und doch hat Whitman 
selbst niemals geheiratet, und die Tatsache, daß alle seine 
Anverwandten kinderlos geblieben sind, ist deswegen eine 
um so größere Anomalie.^' 

') Tbe Conservator, Philadelphia, X, 9. Nov. 1899. 
') Mainlj about People; London 1899. 



— 206 — 

Die Eltern waren ganz einfache Landleute, der 
Vater einer englischen, die Mntter einer holländischen 
Linie entsprossen. Die Großmutter mütterlicherseits ge- 
hörte den Quäkern an, und auf das Quäkerblut in 
seinen Adern legte Whitman Tiel Gewicht. An der Mutter 
hing er bis zuletzt mit rührender Innigkeit, und sie scheint 
wirklich an Leib und Seele gesund gewesen zu sein. Sie 
starb erst im siebenundsiebzigsten Lebensjahre. Der 
Vater dagegen war offenbar auch nach seinem Charakter 
eine weniger liebenswürdige Natur. In den ,,Herbstbächlein'< 
findet sich das ganz subjektive Gedicht: ,,Es war ein 
Eind, das ging alle Tage hinaus'^ Darin heißt es: 

Die Matter von milder Rede, mit sauberem Hftubchen und 

Gewand, ein gesunder Duft entströmt 
ihrer Person und ihren Kleidern, wenn 
sie vorübergeht; 

Der Vater, stark, selbstgenügsam, männlich, filzig, zum Zorn 

' geneigt, ungerecht. 

Leicht schlägt er zu, schnell entfahren ihm laute Worte, ein 

geriebener Geschäftsmann, der die Leute 
schlau zu ködern weiß. 

Also auf der einen Seite die Gelassenheit eines schönen 
inneren Gleichgewichts, auf der anderen ein nervös 
stark reizbares Temperament. Vielleicht war auch dort 
der holländische, hier der englische Ursprung an der 
Gharakterentwicklung beteiligt. 

Dennoch, falls das folgende Gedicht aus den 
„Schläfern'' keine poetische Übertreibung enthält, ist es 
nicht ausgeschlossen, daß diese „vollkommene Mutter*' 
gewisse urnische Anlagen besaß, und daß gerade sie es 
war, von welcher der Dichter die seinigen geerbt hat: 

Nun etwas, das meine Mntter mir eines Tages erzählte, wie wir 

zusammen beim Mittagsmahl saBen, 

Aus der Zeit, da sie fast ein erwachsenes Mädchen war and 

noch zu Haus bei ihren Eltern lebte 
auf der alten Stammfarm. 



— 207 — 

Eine rote Sqaaw kam einmal zur FruhfitückBBtande aaf die alte 

Heimstätte, 

Aaf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Binsen, am Staklsitze 

damit zu flechten, 

Ihr Haar, schlicht, glänzend, grob, schwarz, reichlich, verhüllte 

zur Hälfte ihr Gesicht, 

Ihr Schritt war frei and elastisch, ihre Stimme klang aas- 
nehmend wohl, als sie sprach. 

Meine Matter schaute mit Entzücken und Staunen auf die Fremde, 

Sie schaute auf die Frische ihres hochgetragenen Gesichts und 

ihrer vollen and biegsamen Glieder, 

Je mehr sie schaute, desto mehr liebte sie sie, 

Nie zuvor hatte sie solche wunderbare Schönheit und Beinheit 

gesehen, 

Sie ließ sie auf einer Bank am Kaminpfeiler niedersitzen, sie 

kochte Speise für sie, 

Sie hatte ihr keine Arbeit zu geben, aber sie gab ihr Er- 
innerung und Liebe. 

Die rote Squaw blieb den ganzen Vormittag, und gegen die 

Mitte des Nachmittags brach sie auf, 

O, meine Mutter litt es ungern, daß sie fortging, 

Die g^ze Woche gedachte sie ihrer, sie wartete manchen 

Monat auf sie, 

Sie erinnerte sich ihrer manchen Winter und manchen Sommer, 

Aber die rote Squaw kam niemals wieder, und niemals wieder 

hörten sie daheim von ihr. 

13, Oehen wir nun dazu über, die eigentlichen 
Stigmata der Homosexualität an dem Dichter fest- 
zustellen, und zwar zunächst die somatischen. 

Ulrichs sagt^ daß er den weiblichen Habitus 
merkwürdigerweise bei allen Urningen sich wiederholen 
sah, wenn auch variierend in den einzelnen Zügen. ^) Als 
eine mehrfach beobachtete charakteristische Eigentümlich- 
keit erwähnt er den „gleichsam durchsichtigen, trans- 
parenten, mädchenhaften Teint^ und die mädchenhaft 
blühende Gesichtsfarbe."^ Auch zitiert er von einem 

Inolosa, § 16. 

^ Formatriz, § 41. 



— 208 — 

Wiener Gewährsmann die Worte: ,,Der Teint ist meist 
schöner, gleichsam durchsichtige nnd farbiger, rosiger als 
bei Dioningen/'^) Ebenso berichtet Hirschfeld nach 
seiner reichen Erfahrung: ^^Die Haut ist fast stets be- 
deutend zarter e glatter und weißer wie beim Mann/' 
Ferner beobachtete er „in körperlicher Hinsicht eine 
bemerkenswerte Jugendlichkeit — kleine, zarte, ihrem 
Alter nicht entsprechende Figuren,'' und er wiederholt 
die Angabe eines Homosexuellen, „daß er den Körperbau 
eines etwa fünfzehnjährigen Jungen habe/' Des weiteren 
heißt es in seiner Charakteristik: „Die Muskeln der 
Uranier sind schwächer wie die der männlichen, wenn 
auch selten so schwach wie die weiblichen. Infolgedessen 
besteht meist ein natürlicher Trieb zu ruhigen Be- 
wegungen/' 

Hierzu vergleiche man nun die Schilderung, die 
John Burroughs von Whitman gibt, derjenige ameri- 
kanische Schriftsteller, der ihn am besten gekannt und 
zwei Bücher^ über ihn geschrieben hat: „Britische 
Kritiker haben Yon Whitmans Athleten tum, seinem 
athletischen Temperament u. dergl. gesprochen , aber er 
war in keinem Sinne ein muskulöser Mann, ein 
Athlet Sein Körper, wenn auch prachtvoll, war in merk- 
würdiger Weise der Körper eines Kindes; man sah 
dies an seiner Form, an seiner rosenroten Farbe, 
und an dem zarten Gewebe der Haut. Er hatte 
wenig Interesse an Kraftübungen oder an athletischen 
Sports. Er schritt mit langsamem, rollendem Gange 
dahin; in der Tat, er bewegte sich langsam in jeder 
Hinsicht." 



*) Memnon, § 92. 

*) John Burroughs, Notes on Walt Whitman as Poet and 
Person. New York 1867.— John Burroughs, Walt Whitman 
A Study. Boston 1896. 



Walt Whitmao um 1855 (3G Jahre iiltl. 



— 209 — 

Was den Oaog der Urninge betrifft, so war schon 
den Alten daran als typisch die weibliche Art, sich zu 
drehen und in den Hüften zu wiegen, aufgefallen^ und 
sowohl Cabanis wie Ulrichs, Moll und Hirschfeld be- 
stätigen diese Beobachtung. Ich will aber die EVage 
offen lassen, ob Whitmans rollender Gang etwas vom 
weiblichen Charakter aufwies. 

Als besonders charakteristisch ftlr den urnischen 
Typus gilt femer bei den meisten Sachverständigen der 
weibliche Akzent der Stimme des [Jmings. Auch von 
diesem Stigma finden sich bei Whitman starke An- 
deutungen: wenn auch seine Stimme nicht gerade extrem 
weiblich gewesen sein mag, jedenfalls nicht bis zum 
Lächerlichen oder Peinlichen, so näherte sie sich doch 
zweifellos mehr der weiblichen als der männlichen Klang- 
farbe. „Seine Stimme war ein weicher Bariton", sagt 
John Burroughs. „Eine Stimme von gewinnender und 
einschmeichelnder Freundlichkeit", äußert W. D. Howells. 
^,Seine Stimme hat eine hohe Lage und ist musikalisch'^ 
berichtet der englische Arzt Dr. John Johnston. „Es ist 
seine wunderbare Stimme, die es so angenehm macht, mit 
ihm zu sein'^j sagte ein Musikverständiger zu Dr. Bücke. 
Von einer „Stimme, die mit allen Schattierungen des 
Tons und der Farbe spielt", spricht Horace Träubel. 
Und endlich erzählt Isaac HuU Platt, daß ein alter 
Schüler Whitmans gleichfalls in der Stimme einen seiner 
besonderen Reize erblickt habe. An anderen Stellen 
sprechen Burroughs und Bücke allerdings auch von 
seiner tiefen sympathischen, von seiner tiefen, klaren 
und ernsten Stimme; aber Bücke fügt gleich hinzu^ 
daß sie wie süße Musik wirkte; sie muß also melodischer 
gewesen sein, als tiefe Stimmen es zu sein pflegen. Zieht 
man von alledem ab, was auch in dieser Angelegenheit 
die Schönfärberei der Esoterischen an der Wahrheit 
retouchiert hat, so wird wohl als Rest ungefähr die 

Jahrbuch YII. H 



- 210 — 

Charakteristik übrig bleiben, die T6odor de Wyzewa^) 
in die Worte faßt: ,,Le son tout feminin de sa voiz^' — 
der völlig weibliche Ton seiner Stimme. 

Das dürfte zur Erkenntnis seiner somatischen Stig- 
mata genügen. 

13. Ungleich umfassender ist aber bei Whitman 
der Komplex der psychischen Stigmata seiner homo- 
sexuellen Naturanlage. Falls die neuropathische Kon- 
stitution nicht, wie Krafft-Ebing glaubt, als ein wesent- 
liches Moment zur konträr empfindenden Individualität 
gehören sollte, so ist sie doch überaus häufig mit ihr 
verknüpft. Daher kommt es^ dafi die Homosexuellen 
einen beträchtlichen Prozentsatz jener problematischen 
Naturen bilden, ,, welche keiner Lage gewachsen sind, 
und denen keine genug tuf Und selbst abgesehen von 
der aus der neuropathischen Konstitution entspringenden 
Charakterschwäche ist die Homosexualität an sich ge- 
eignet^ eine gewisse Unstetigkeit in der Lebens- 
richtung zu erzeugen, sowohl weil der damit Behaftete 
sich in einem inneren Konflikt mit der normalen Majorität 
befindet, als auch weil er, außer in den seltenen Fällen, 
wo ein Urning das Objekt seiner Liebe ist, keine Gegen- 
liebe genießt und daher der vollen Befriedigung entbehrt. 
Er fühlt sich unter solchen Umständen in seiner Haut 
nicht wohl, ist mit der Welt zerfallen, und so schwankt 
er, im vergeblichen Streben nach Ruhe, oftmals in einer 
von normalen Menschen schnell verurteilten Ziellosigkeit 
von einem Berufe zum andern. Whitman ist nun zwar 
der größte Optimist der Weltliteratur, und seine blinden 
Verehrer scheinen zu glauben, daß seine Seele sich ewig 
mit dem Dasein in schönster Harmonie befunden habe. 
Aber man findet doch Stellen bei ihm, die beweisen, 
daß er die tie&ten Schmerzen der urnischen Zerrissen- 



>) ^ksrivains toangers. Paria 1896, S. 114. 



— 211 — 

heit sehr wohl gekannt hat. Als Beispiel sei hier das 
Gedicht ,,Tränen'< zitiert: 

Tr&nenl Tränen! Tränenl 

In der Nacht, in Einsamkeit, Trftnen, 

An der weißen Küste tropfend, tropfend, eingesangt vom Sande, 

Tränen, nnd nicht ein Stern scheint, alles finster und trostlos. 

Nasse Tränen au9 den Augen einen verhüllten Hauptes. 

0,. wer ist dieser Geist? Diese Gestalt im Dunkeln, mit Tränen? 

Was fUr ein formloser Klumpen ist das, gebeugt, zusammen- 
gekauert dort auf dem Sand? 

Strömende Tränen, schluchzende Tränen, Schmerzen, die in 

wildem Aufschrei sich Luft machen. 

O verkörpertes Wetter, du erhebst dich, du rasest mit fliegendem 

Schritt am Gestade dahin! 

O wildes und unheimliches nächtliches Wetter, mit Sturm — 

in verzweifeltem Auabruch! 

O Schatten, bei Tage so gelassen und wohlanständig, mit ruhigem 

Angesicht und gemessenem Gang, 

Aber bei Nacht, wenn du hinausfliehst, wo niemand dich sieht — 

o dann der entfesselte Ozean 

Der Tränen! Tränen! Tränen! 

Das ist sicher erlebte Wahrheit Und wir werden in 
der Folge hören, wie er noch viel unzweideutiger über 
die Schmerzen unerwiderter Liebe klagt. 

Eine ünstetigkeit, wie sie sich aus den genannten 
Ursachen erklären läßt, und die wohl schwerlich allein 
auf den überströmenden Lebensdrang der Eünstlerseele 
zurückzuführen ist, prägt sich denn auch in Whitmans 
Entwicklungsgang sehr deutlich aus. Es ist zwar sicher, 
daß sie für seine dichterische Reife von allergrößtem 
Vorteil war, weil er nur durch seinen Wandertrieb jene 
Universalität der Beobachtung gewinnen konnte ^ die zu 
seinen Hauptvorzügen gehört. Allein dies war doch 
nur die Wirkung, nicht der be¥nißte Zweck seiner vielen 
Wandlungen. 

Als der Knabe vier Jahre alt war, verließ der Vater 
Mine Farm auf Long Island und zog mit den Seinen 

14* 



— 212 — 

nach Brooklyn, so daß Whitman in der Großstadt auf- 
wuchs. (Schlafs Angabe, er sei bis zum sechzehnten 
Jahr auf dem Lande geblieben, und was er sonst daraus 
folgert, ist irrtümlich.) Vom sechsten bis ins dreizehnte 
Jahr besuchte er die Volksschule und diente einige Zeit 
als Laufjunge bei einem Rechtsanwalt. Dann war er 
zwei Jahre Schriftsetzerlehrling. Darauf wurde er für 
einige Semester Dorfschullehrer auf Long Island. Nun- 
mehr gründete er daselbst eine wöchentlich erscheinende 
Zeitung, die er zugleich schrieb, redigierte, setzte und 
druckte. Aber da er niemals in seinem Leben Zwang 
und Ordnung vertrug, so betrieb er die Sache mit köst- 
licher Lässigkeit, so daß es manchmal vierzehn Tage 
oder drei Wochen dauerte, gerade wie es ihm paßte, 
bis er eine neue Nummer ausgab. Die Leute, die das 
Kapital zu dem Unternehmen gegeben hatten, verloren 
deswegen das Vertrauen und jagten ihn davon. Man 
hielt ihn damals für einen Bummler. Er wurde darauf 
wieder Drucker in Neuyork; aber dazwischen verdingte 
er sich auch mehrere Sommer hindurch als Farmarbeiter 
auf dem Lande. 

Mittlerweile hatte er mit selbständigen literarischen 
Arbeiten begonnen. Er schrieb eine große, sehr senti« 
mentale Temperanz-Erzählung sowie etliche kleinere Auf- 
sätze und novellistische Versuche, die noch ohne Eigen- 
art waren. 1848 war er Redakteur des Brooklyn Eagle. 
Dann ging er mit einem seiner Brüder auf die Wander- 
schaft, arbeitete bald hier, bald dort in Druckereien, 
gelangte bis nach Neuorleans, wo er wieder in eine 
Redaktion eintrat, kam auf dem Umwege über Canada 
nach Brooklyn zurück und gründete dort von neuem 
eine Zeitung. Darauf wurde er Zimmermann und Bau- 
spekulant. Mit seinem Vater zusammen errichtete er 
eine ganze Anzahl von Häusern (was man so nennt; sie 
waren alle von Holz) und verdiente eine Menge Geld damit. 



— 218 — 

Dann^ 1855, brachte er die erste Auflage der „Grashalme" 
heraus und hing das Baugeschäft wieder an den Nagel. 
Einmal in der Zwischenzeit vertrat er auch ein Viertel- 
jahr lang einen erkrankten Freund in Neuyork als 
Omnibuskutscher, um ihm die Stelle zu erhalten. Soldat, 
wie Lombroso und Nordau angeben^ war er nie. 

Der Bürgerkrieg hatte schon beinahe 1'/^ Jahr ge- 
dauert, als sein Bruder Oeorge in der Schlacht bei 
Fredericksburg in Virginien (13. Dezember 1862) ver- 
wundet wurde. Um ihn zu besuchen, ging Whitman 
nach dem Kriegsschauplatz, und hier erst beginnt seine 
Tätigkeit als Pfleger der Kranken und Verwundeten in 
den Lazaretten. Es war keine vorherige Überlegung, die 
ihn dazu veranlaßte, sondern nur der Zufall. Er kam 
und sah die vielen jungen Soldaten in ihrer Hilflosigkeit; 
das faszinierte ihn und hielt ihn fest So blieb er etwa 
drei Jahre, nicht als regelrechter und angestellter Wärter, 
sondern als freiwilliger Diakon, der sich seine Fälle nach 
Neigung auswählte, in Washington in den Lazaretten tätig, 
und zwar als Vertrauensmann wohltätiger Geber, aus 
deren Händen ihnr viele tausend Dollars zu Liebesgaben 
zuflössen. Seinen eigenen Unterhalt bestritt er während- 
dessen durch Zeitungskorrespondenzen. 

Schon anfangs 1865 verschafften seine Freunde ihm 
zur Belohnung eine Anstellung im Ministerium des 
Inneren, und nachdem er aus dieser wenige Monate 
später „als Verfasser eines unsittlichen Buches^' von 
seinem muckerischen Vorgesetzten entlassen war, erhielt 
er sofort eine ebenso behagliche Stelle, mit einem Gehalt 
von 1600 Dollars, im Bureau des Generalfiskals. Diese 
bekleidete er, bis ein Schlaganfall ihn lähmte. 

Für die letzten neunzehn Jahre seines Lebens bezog 
er darauf ein kleines Häuschen in Camden, Neu-Jersey» 
und erhielt sich teils durch den Verkauf seiner Bücher, 
für die er von seinen Verehrern gern doppelte und 



— 214 — 

dreifache Preise annahm, teils durch andere Spenden 
reicher Wohltäter, unter denen sich die Millionäre Childs 
und Carnegie befanden. Diese sorgten in liberalster Weise 
für ihn; unter anderem sandten sie ihm einen Spezial- 
arzty dem sie einen einzigen Besuch mit tausend Dollars 
bezahlten. Sie boten ihm eine Villa an der See an, die 
er aber ablehnte, um in der Nähe seiner Freunde zu 
bleiben; sie schenkten ihm Pferd und Wagen, und er 
war in der Lage, sich eine Wirtschafterin und einen 
Diener zu halten. Er brauchte also in seinem hilflosen 
Alter keine Not zu leiden, ja, wie es heißt, konnte er 
sogar noch Geld bei einer Bank anlegen. Er machte 
sich auch keinerlei Skrupel darüber, daß er die Almosen 
privater Mildtätigkeit empfing, forderte sie vielmehr in 
seinem Qedicht „An reiche Geber'' direkt heraus: 

Warum sollte ich mich schämen, solche Gaben anzunehmen, warum, 

bekannt zu machen, daß ich sie wünsche? 

Bin ich doch nicht einer, der selbst für Mann und Weib keine 

Spende hat, 

Denn ich biete jedem Mann oder Weib den Eingang zu allen 

Gaben des Weltalls. 

Er hatte eben das Bewußtsein, der Erlöser zu sein. „Wer 
an mich glaubt, der wird selig werden.^' Mit diesem 
mächtigen Selbstgefühl ist er gestorben. 

Wenn die Unstetigkeit in den äußeren Linien seines 
Lebenslaufes auffällt, so darf man jedoch nicht verkennen, 
daß er als Dichter von der Zeit an, da er die „Gras- 
halme^< konzipierte, trotz aller inneren Widersprüche, 
die seine Gedichte aufweisen, mit einer seltenen Festig- 
keit und Uberzeugungstreue seine Ideale ausgebaut und 
in zähem Widerstände gegen Hohn und Haß verteidigt 
hat, und daß sein Lebenswerk, was immer man kritisch 
daran aussetzen möge, Zeugnis gibt von einem in vieler 
Hinsicht großen, edlen und über den Durchschnitt seiner 
Zunftgenossen hervorragenden Willen. 



— 215 — 

Die kolossal hohe SelbsteinschätzuDg seiner Bedeutang, 
wie sie in den oben zitierten Versen hervortritt, begegnet 
uns in Whitmans Werken allenthalben. Er liebte es nicht, 
sein Licht unter den Schefifel zu stellen, und die Be- 
scheidenheit war hinter seinen anderen Tugenden stark 
zurückgeblieben. Diese gewaltige Eigenwertung wird ja 
nun allerdings von seinen Aposteln flir vollkommen be- 
rechtigt gehalten. Wie natürlich das ist, wußte schon 
Mephistopheles: 

Und wenn ihr each nur selbst vertraut, 
Vertrauen euch die andern Seelen. 

Ein rechtes Glaubenstalent wird eben von der Kraft 
völlig hypnotisiert. In unserem Falle sieht man dies 
z. B. bei Oscar Lovell Triggs^), dem Herausgeber der 
großen, zehnbändigen Subskriptionsausgabe der Werke 
Whitmans: 

„Die Ursache, daß Whitman so allgemein mißverstanden 
wird, liegt in dem außerordentlichen Anspruch, den der Dichter 
an die persdnliche Sympathie seiner Leser stellt, — dem nämlichen 
Anspruch, den Christus an den reichen Mann stellte, als er von 
ihm forderte, alles zu verlassen und ihm nachzufolgen. Kurz, 
meine These lautet, daß völliges persönliches Aufgehen in ihm 
der Preis für das Verständnis Whitmans ist Christi »Folge 
mir nach« ist nicht absoluter als Whitmans »Komm, gib mir 
deine Hand*. — *< 

In demselben Sinne sagt Horace Träubel^: „Zu 
denen, die ihn mit den wenigen Meistern aller Zeiten 
und Rassen gleichstellen, kommt er wie jenes geheimnis- 
volle Etwas, das zu Paulus kam. Was gekommen ist, 
kann nicht bewiesen, ja es kann kaum genannt werden.^ 
In Deutschland ist es Johannes Schlaf, der die gleiche 
mystische Erleuchtung durch den Genius Whitmans, des 
Religionsstifters, erfahren zu haben scheint. 



*) In The Dial, 1896. 

•) The Conservator, VIII, 1. 



— 216 — 

Glaube und Wissenschaft sind jedoch getrennte Ge- 
biete^ und die Kritik hört auf, wo ein solches sacrificium 
intellectus stattfindet. Wenn man aber Whitman 
mit dem nüchternen Blick des Psychologen betrachtet^ 
80 findet man^ daß sein Christusbewußtsein menschliche, 
allzu menschliche Wurzeln hatte, und zwar wurzelte es 
in einer Charaktereigenschaft, die nach Möbius^) zu 
den aufs engste mit der weiblichen Eigenart zusammen- 
hängenden, spezifisch weiblichen Lastern gehört und 
nach Moll mitunter bei den Urningen unbegreiflich ist, 
— nämlich in der Eitelkeit Dr. Weir Mitchell sagt 
von ihm^: „Er war das allereitelste Geschöpf, das ich 
jemals gekannt habe. Die ganze Geschichte seiner Eitel- 
keit wird niemals geschrieben werden. Sie grenzte an 
das Unglaubliche.'' Schon die erste Auflage der „Gras- 
halme'^ brachte er mit seinem Porträt heraus, damit 
jeder sehen konnte, was er mit dem typischen Mann 
meinte, den der „Gesang von mir selbst^' schildert. In 
den folgenden Auflagen erschienen sogar mehrere und 
immer neue Bildnisse. Überhaupt gibt es zahllose Photo- 
graphien, Gemälde, Zeichnungen und Büsten von ihm; 
fast sämtlichen bekannteren Photographen in Neuyork 
und anderen amerikanischen Großstädten hat er gesessen. 
Wie stolz er auf seine physischen Vorzüge war, ist sowohl 
aus seinen Gedichten wie auch — falls man diese mit 
seinen Lobrednern als metaphorisch oder symbolisch be- 
trachten will — aus seinen ganz persönlichen Lazarett- 
briefen ersichtlich. Selbst die schon erwähnte Lands- 
männin, die ihn ein Jahr nach dem Erscheinen der 
),Gra8halme^' kennen lernte, sagt trotz größter Bewunderung 
von ihm, daß sie etwas an ihm bemerkt habe, was sie 
in Ermangelung eines anderen Wortes als Eitelkeit be- 



^) Stachyologie, S. 187. 

') Weir Mitchell, When all the Woods are green. 



— 217 — 

zeichnen müsse. Er war völlig verliebt in die Pracht 
seines Körpers. Auch Emersons Freund Sanborn in 
Concord meint: „Ich glaube, Whitman war sich seiner 
schönen Erscheinung ein bißchen zu sehr bewußt" Im 
Christian Register^) finde ich das Urteil: „Elinfach 
war er nicht, sondern immer posierte er zur Augenweide 
des Publikums und sich selbst zur Lust. Niemals gab 
es ein stutzerhafteres Wesen. Nicht einmal der ,schöne 
Brummet sorgte sich mehr um seine Kleidung.'' 

Diese Sorgfalt, die er seinem Äußeren widmete, 
scheint zuerst unwahrscheinlich, wenn man vernimmt, 
daß er sich gern wie ein Arbeiter trug. Aber wir sahen, 
daß O'Connor von der immer malerischen Arbeiter- 
tracht sprach, und da der Arbeiteranzug gewöhnlich nicht 
malerisch ist, so muß Whitman das malerische Element 
eben bewußt hinzugefügt haben. Doch hat er diese 
malerische Arbeitertracht überhaupt erst angenommen, 
nachdem er in sich den poetischen Typus der Demokratie 
entdeckt hatte. Ursprünglich kultivierte er einen anderen 
Typus. Von dem Fünfundzwauzigjährigen schreibt ein 
bevorzugter Freund*): „In der Regel trug er Gehrock 
und Zylinderhut, in der Hand einen kleinen Spazierstock, 
und das Knopfloch im Aufschlag seines Rockes war fast 
ausnahmslos mit einer Blume geschmückt." Man muß sich 
das vorstellen: der Naturmensch Whitman im Zylinderhut 
Auch wenn er während des Krieges seine Lazarettbesuche 
antrat, trug er immer solchen Blumenschmuck, und 
80 noch als Greis, wie Bücke erzählt; auch wand er 
gewaltige Blumensträuße und brachte sie auf den Mittags- 
tisch, als er bei Bücke zu Gaste war. Ulrichs sagt^: 
,J)ie Liebhaberei, sich mit Blumen zu schmücken, ist 
unter Urningen, nicht bloß eigentlichen WeibUngen, so 

^) Boston, 1898. 

^ The Conservator, July 1901. 

*) Memnon, § 106. 



— 218 — 

allgemein, daß man dem Urning schon daran leicht 
erkennt'' 

Man hat wohl ein Recht, aus jenem Jugendbilde 
zu schließen, daß in seiner späteren Verwandlung sehr 
viel Gemachtes war. Wie er sich in dieser darstellte, 
und wie exzentrisch er darin erschienen sein muß, schildert 
ein anderer authentischer Bericht^), den ich auszugsweise 
übersetze: 

,,Walt8 Erscheinung pflegte die allgemeine Aufmerksamkeit 
der Passagiere su erregen, wenn er auf das Fährboot kam. In 
gutgewaschenen karrierten Hemdärmeln, die Hosen häufig in den 
Stiefelschäften, sein schöner Kopf mit einem riesigen schwarzen 
oder hellen Filzschlapphut bedeckt, so bewegte er sich mit einem 
von Natur majestätischen Schritt herum, ein massives Modell 
von Gemächlichkeit und Unabhängigkeit. Passagiere, die ihn 
nicht kannten, rieten nach seinem auffälligen Äußeren auf eine 
Menge verschiedener Berufe, deren einem oder anderen er an- 
gehören müsse. Ist er ein früherer Schifiskapitän? fragte man. 
Ein Schauspieler? Ein Offizier? Ein Geistlicher? War er viel- 
leicht vordem ein Schmuggler oder ein Sklavenhändler? Um 
Walt zu amüsieren, erzählte ich häufig von diesen sonderbaren 
Betrachtungen über seine Person. Er lachte, bis die Tränen 
kamen, als ich ihm einst mitteilte, ein sehr vertraulicher Beob- 
achter habe mir die Versicherung gegeben, daß er über- 
geschnappt sei.*' 

Aber noch eine besondere Form der Koketterie be- 
richtet derselbe Augenzeuge: „E^n wallender grauer Bart 
mischte sich mit den Haaren auf seiner breiten^ leicht 
entblößten Brust" Genaueres über diesen Punkt, der 
auch sonst mehrfach bestätigt wird, erwähnt Bücke 
selbst: „Die einzige Besonderheit an seiner Kleidung 
war, daß er niemals ein Halstuch hatte und immer 
Hemden mit sehr breiten Umlegekragen trug, deren 
Knopf am Halse sich etwa fünf oder sechs Zoll 
niedriger, als es bräuchlich ist, befand^ so daß der 
Hals und der obere Teil der Brust unbedeckt 



>) Bücke, Walt Whitman, S. 88. 



Walt Whitmao. 



— 219 — 

waren/' Daß hierbei eine ganz speziell urnische Eitelkeit 
im Spiel war, dürfte kaum zu bezweifeln sein. Tief aus- 
geschnittene Hemdkragen waren, als die Mode das Kinn 
noch nicht durch einen gesteiften unterbau himmelan 
preßte, ein untrügliches Merkmal der Effeminierten, und 
als charakteristisch erwähnt schon Tardieu, daß einem 
solchen der Hemdkragen in ganzer Breite auf die Schultern 
herabfällt. Zu beachten ist, daß dieser Schnitt, mit dem 
Whitman von allen anderen Menschen abwich, auf Be- 
stellung gemacht und beabsichtigt gewesen sein muß: er 
wollte sich unterscheiden. Ellis meint, die Sitte der 
Homosexualen, den Hals bloß zu trägen, sei bei den 
mehr weiblich gearteten in der Neigung begründet, weib- 
liche Anmut der Form zu kultivieren, und bei den 
männlicher gearteten^ sich als Athleten zu geben. Bei 
Whitman haben wohl beide Motive mitgewirkt, das 
erstere, insofern es dem Hang vieler Efifeminierten zu- 
grunde liegt, sich in Weiberkleidem zu bewegen, das 
letztere, weil es eben zu der Rolle gehörte^ die er am 
liebsten spielte. Man stößt bei ihm immer wieder, phy- 
sisch und psychisch, auf Mischungsverhältnisse. 

Vielleicht aber werden die Esoterischen auch in 
diesem Falle einen symbolischen Sinn behaupten und auf 
das zweite Calamusgedicht verweisen, wo es heißt: 

Denn ich bin entschlossen, diese meine breite Brust zu ent- 
blößen; lange genug hab* icb*8 nieder- 
gehalten und erstickt. 

Doch dann bestätigen sie nur die homosexuelle Be- 
deutung des wunderlichen Brauchs; denn mit jenem 
Worte meint Whitman, daß er seine mannmännlichen 
Liebesgefühle nicht länger verbergen, sondern endlich sie 
ofifen zur Schau tragen wolle. Daß diese Entblößung 
einer späteren Entwicklungsperiode angehörte, erkennt 
man an jenem der ersten Auflage der „Grashalme'^ 
beigegebenen Porträt, das ihn zwar auch nicht mit 



— 220 — 

geschlossenem Hemd, aber mit einer darüber in geschmack- 
loser Weise hervorragenden wollenen Unterjacke zeigt, 
welche alle Illusionen zerstört Die homosexuellen Calamus- 
lieder, in denen er endlich seine Seele entblößte, erschienen 
erst in der dritten Auflage, und wahrscheinlich datiert 
auch von diesem Zeitpunkt der neue Hemdschnitt mit 
dem einen halben Fuß tiefer hinabgerückten Knopf. 
Übrigens ist jenes Porträt des Natur- und Ejraftmenschen 
mit der flanellenen Unterziehjacke, d. h. die Prätension, 
die sich selbst negiert, eine unbewußte Satire und für 
Whitmans widerspruchsvolles Wesen in höchstem Grade 
bezeichnend. 

In das Kapitel der Eitelkeit gehört wohl auch das 
geschmacklose Prunken mit fremden Vokabeln in seinen 
Versen. Er dichtete in sieben Sprachen, obwohl er nur 
seine Mutlersprache verstand. 

Ohne eine überaus naive Selbstbewunderung würde 
er wohl auch schwerlich noch im Alter von siebzig 
Jahren in einem Gedicht über ein Dutzend seiner 
poetischen Produkte bei ihren Titeln aufgezählt haben. 

In Verbindung mit der Eitelkeit wird von Moll 
darauf hingewiesen, daß die Urninge eine gewisse 
Benommisterei lieben. Ich glaube nicht, daß diese 
Eigenschaft die Begel ist; und wenn doch, so wäre sie 
jedenfalls kein rein weiblicher Charakterzug. Aber häufig 
genug mag sie wohl vorkommen, und auch bei Whitman 
fehlt sie nicht: das vrird ein vorurteilsloser Leser der 
„Grashalme'^ nicht verkennen können. Gerade daß man 
ihn als Typus des Athletentums betrachten konnte, ist 
ja die Folge davon. Er identifizierte sich mit dem ge- 
sunden amerikanischen Kraftmenschen und maßte sich 
Eigenschaften an^ die er gar nicht besaß. Er hatte gar 
kein Recht, sich als Musterbild des Normalmannes hin- 
zustellen. Auch nicht in seinem Verhältnis zum weib- 
lichen Geschlecht Man empfängt aus seinen Gedichten, 



— 221 — 

wenn man nicht zwischen den Zeilen zu lesen versteht, 
den Eindruck, als wäre er ein gewaltiger Weiberheld, 
und er wurde ja auch als vermeintlicher Vertreter der 
freien Liebe seines Amtes beraubt Aber nichts war 
weniger verdient; Theorie und Praxis gingen bei ihm in 
diesem Stück weit auseinander. 

Ebenso mag man etwas Renommistisches auch in 
der Art erblicken, wie er seinen Dichterruhm ausbreitete. 
Im allgemeinen haben ja seine Freunde so ungeheure 
Reklame Dir ihn gemacht, daß er ganz ruhig den Dingen 
hätte ihren Lauf lassen können. Aber er tat es nicht. 
Besonders anstößig war die Art, wie er den Brief aus- 
beutete, in dem ihm Emerson, als Antwort auf ein 
überreichtes Freiexemplar, seinen Beifall aussprach. Nicht 
nur, daß er diesen Brief ohne Autorisation im Anhang 
zur zweiten Auflage veröffentlichte, — er ließ sogar 
daraus die Worte „Ich begrüße Sie am Anfang einer 
großen Laufbahn'' mit Emersons Unterschrift in goldenen 
Buchstaben auf den Einband drucken. Diese Taktlosig- 
keit hat ihm Emerson sein Leben lang nicht verziehen, und 
wenn W. D. O'Connor sagt, Whitman habe ein voll- 
kommenes Recht gehabt, so zu handeln, so beweist er 
damit nur, daß auch er des Taktgefühls ermangelt. 

Besonders renommistisch aber erscheint es, daß Whit- 
man kurz nach dem Kriege den Zeitungen mitteilte und 
diese Mitteilung dann auch in seinen Werken abdruckte, 
er habe von achtzig- bis hunderttausend Verwundete und 
Kranke gepflegt, woraus der Mythos schnell sogar über 
hunderttausend machte. Ganz abgesehen davon, daß es 
nicht zartfühlend ist, sich guter Werke in solcher groß- 
sprecherischen Weise zu rühmen, ist die Zahl offenbar 
auch viel zu hoch gegriffen. Nur zwei Jahre laDg, die 
noch durch einen Erholungsaufenthalt bei seinen Anver- 
wandten unterbrochen waren, widmete er dem Lazarett- 
dienst seine ganze Zeit, im dritten Jahre nur noch die 



— 222 — 

MuBestunden, die ihm sein Amt freiließ. Gibt man ihm 
drei volle Jahre zu and nimmt an, daß er in dieser Zeit 
nur 90000 Patienten gepflegt hat, so würden auf jeden 
Tag über 82 neue Fälle kommen, was fbr eine einzelne 
Kraft schon ganz enorm wäre. Bedenkt man aber, daß auch 
die alten Fälle Wochen und Monate im Lazarett blieben, 
80 daß mit jedem neuen Fall Dutzende von alten zu 
zählen sind, so ist es klar, daß eine unmögliche Summe 
herauskommt Man kann es deswegen nicht zu hart 
finden, wenn 1898 der Newyorker Critic über diesen 
Abschnitt im Leben des Dichters urteilt: ,, Wahrscheinlich 
war ein hübsches Maß von Humbug dabei im Spiel. 
Diese Briefe bekräftigen unsere Überzeugung, daß Whit- 
man im Grunde wirklich das war, für was er sich immer 
ausgab — der durchschnittliche Amerikaner, mit allen 
Schwächen sowohl wie mit allen Vorzügen dieser Person.^' 

Indessen, wenn auch Whitmans Charakter einige von 
den Schattenseiten der weiblichen und der umischen 
Seele aufwies, so soll doch hier gleich betont werden, 
daß in reicherer Fülle die edlen Seiten der weiblichen 
Natur bei ihm ausgeprägt sind. Stand er also auch in 
dieser und jener Hinsicht dem Durchschnittsmann nach, 
so überragte er ihn doch in anderen Beziehungen gerade 
durch die weibliche Beimischung seines Wesens, wie dies 
gerechterweise noch von manchem anderen höheren 
Uranier zugegeben werden muß. Das bekannte Wort 
der George Sand läßt sich auch umkehren: Jeder, und 
somit auch der Urning, hat nicht nur die Fehler seiner 
Tugenden, sondern gleichermaßen die Tugenden seiner 
Fehler. 

Zunächst fallen uns noch einige mehr äußerliche 
Charakterzüge weiblicher Art an ihm auf. Sein ver- 
trautester junger Freund, Peter Doyle, erzählt von 
ihm: „In seinen Gewohnheiten war er sehr mäßig. Er 
rauchte nicht Die Leute schienen es sonderbar zu 



— 223 — 

finden, daß er's nicht tat; denn jedermann rauchte in 
Washington. Aber er schien einen positiven Widerwillen 
gegen Tabak zu haben« Er war auch ein sehr mäßiger 
Trinker." 

,,Das Kriegführend Schießen und Jagen liegen dem 
Urning im allgemeinen nicht^^' sagt Hirschfeld. Whit- 
man dachte wie Freiligrath, ^yD&ß Wunden heilen 
besser denn Wunden schlagen, ist''« und während die 
andern kämpften, pflegte er die Kranken. Auch ging er 
als junger Mensch niemals auf die Jagd, was sonst in 
Amerika auf dem Lande jeder Bursche tut. Er liebte 
überhaupt die Tiere und hielt sich einen Kanarienvogel, 
dem er sogar ein Gedicht widmete. 

Der beträchtliche Hang zur Bequemlichkeit, den 
Hirschfeld vielfach bei Urningen beobachtet hat, war 
unserem Dichter in hohem Grade eigen. Alles, was er 
tat, tat er gemächlich; er machte stets den Eindruck, als 
ob er unendliche Muße hätte, und überarbeitet hat er 
sich gewiß in seinen ganzen Leben nicht. 

Nach Bücke war er unwandelbar höflich und 
freundlich gegen jedermann, machte jedoch niemals 
Komplimente und ging sparsam um mit den äußeren 
Formen der Höflichkeit. Die seinige war also sicherlich 
die des Herzens; von einer a£Pektierten Art derselben 
und einem etwas süßlichen Benehmen, das Moll vielen 
Homosexuellen nachsagt, war er jedenfalls frei. 

Er war ein leidenschaftlicher und verständnisvoller 
Freund des Theaters, der Oper, der Musik überhaupt, 
wie alles Schönen in Kunst und Literatur, und wenn er 
sich in der Poesie von den herkömmlichen Kegeln ab^ 
wandte, so geschah das wohl mehr, weil sie ihm für 
seine Frachtladung von Sto£fen zu eng waren, als aus 
ursprünglicher Mißachtung. Besonders stark entwickelt 
war aber sein Sinn für schöne Formen in der Natur 
und im täglichen Leben, denen er mit einem wahren 



— 224 — 

Heißhunger nachging, ja, es hat vielleicht nur wenige 
Menschen gegeben, die in gleichem Maße beständig ihre 
Augen auf die Weide fährten. In alledem entsprach er 
im höchsten Grade der Charakteristik, die Hirschfeld 
Tom Urning gibt, wie auch dessen Wort ihn bezeichnet: 
„Vorerst kommt bei ihm der Trieb zu empfangen, auf- 
zunehmen, und erst aus der Empfängnis heraus formt und 
gestaltet er/' Seine Poesie besteht daher auch zum 
großen Teil aus Bildern alles dessen, was er gesehen 
hat; und das ist so viel, daß seine Aufnahmefähigkeit 
und die Sympathie, mit der er alle Dinge aufnahm, das 
höchste Staunen erregen; sein Blick ist von einer wohl 
selten erreichten Universalität. Weil er aber ein echter 
Dichter ist, so sieht er auch alles mit den Augen des 
Dichters, und was er Schönes geschaut hat, gibt er mit 
solcher Meisterhand wieder, daß in vielen seiner Gedichte 
jede Zeile ein mit wenigen markigen Strichen plastisch 
hingeworfenes Bild enthält Ich wüßte deswegen auch 
kaum einen zweiten Dichter, aus dem ein Maler oder 
Bildhauer so viele Anregungen schöpfen könnte. Be- 
sonders allgegenwärtig ist in seinen Dichtungen die 
männliche Schönheit in allen denkbaren Gestalten, 
Situationen, Berufen und Geschäften, wie das moderne 
Leben sie aufweist, und gerade hier wird's einem so 
recht ad oculos demonstriert, daß er zuerst homosexuell 
war und dann erst Dichter. 

Wenn derselbe Gewährsmann weiter sagt, der Urning 
liebe ,^die ungebundene Geselligkeit, wie sie sich 
beispielsweise in dem Treiben der Boheme sowie oft in 
Wirtschaften niederer Gattung kundgibt", gehe „gern auf 
Abenteuer aus, liebe es, immer Neues kennen zu lernen, 
sei oft sehr reiselustig'', interessiere sich deshalb für Ent- 
deckungsreisen und Völkerkunde, so trifft auch dies alles 
bis ins einzelne auf Whitman zu. Wie gern er seine 
Phantasie in fremde Länder und Zonen schweifen läßt, 



— 225 — 

wie er das Fernste gleichsam zu sich heranzieht und 
sich zu eigen macht , und welche genaue Kenntnis ent- 
legener Stätten, Völker, Kulte er besitzt^ fällt dem Leser 
immer wieder au£ Geographische und ethnologische 
Werke müssen seine Lieblingslektüre gewesen sein. Man 
kann ihn den Weltreisenden der Poesie nennen. 

Den träumerischen Ausdruck seiner Augen, den 
man öfter bei Urningen findet und der seinem dichterischen 
Temperament entspricht, erkennt man sehr deutlich auf 
seinen jüngeren ßildem. 

Er war leicht gerührt, auch durch freudige Ver* 
anlassungen, und da er, wie wir schon sahen, die auch 
von Hirschfeld erwähnte starke Empfänglichkeit der 
Urninge f&r Beifall und Bewunderung besaß, die mit 
ihrer weiblichen Natur zusammenhängt, so kamen die 
Tränen ihm besonders gern, wenn neue Anerkennung 
seiner dichterischen Leistungen zu ihm drang. ,yUminge 
weinen leicht, es treten ihnen leicht die Tränen in die 
Augen," sagt Ulrichs.^) 

Als charakteristisch ist nach Hirsch feld auch eine 
gewisse Kindlichkeit zu betrachten, eine naiv heitere, 
harmlose, o£Pene Art, die stets mit jenen mannigfaltigen 
geistigen Interessen verknüpft sei. Von Whitman sagt 
O'Connor: „In seinem Anblick waren der Prophet und 
das Kind eigenartig verschmolzen." Auf das liebens- 
würdigste äußert die reine, naive Kindlichkeit seines 
Wesens sich in den Lazarettbriefen an seine Mutter. 

Die weibliche Kardinaltugend ist die Kinderliebe, 
die der Hauptbestimmung des weiblichen Geschlechts 
entspricht Sie ist bei diesem stärker als beim männ- 
lichen, bei welchem nach Gall der Begattungstrieb vor- 
wiegt. Cabanis zeichnet sehr hübsch, wie verschieden- 



») Formatrix, § 29—31. 
Jahrbuch Vn. 1 5 



— 226 — 

gradig beide Geschlechter zur Kinderpflege geeignet sind. 
Theoretisch muß man also erwarten, daß bei weib- 
lich gearteten Männern auch diese Neigung stark ent- 
wickelt ist^ und es überrascht, wenn Möbius sagt:^] 
„Bei ^^^ Entarteten, die sich als Weib fühlen^ scheint 
weibliche Kinderliebe nicht gerade oft yorzukommen/' 
Ich möchte glauben, daß Möbius in dieser Hinsicht keine 
reiche Erfahrung besitzt Er meint, häufiger sehe man 
Eanderliebe, die einen unmännlichen Eindruck macht, bei 
nervösen Männern, die nur einzelne weibliche Charakter- 
züge tragen. Ist dies der Fall, so gehören diese nervösen 
Männer, auch wenn sie keine Urninge sind, dennoch zu 
den sexuellen Zwischenstufen, und ein Überschuß von 
Kinderliebe beim Manne wird immer ein verdächtiges 
Symptom sein. Bei Whitman war sie ungewöhnlich 
reich ausgebildet^ und so stand sie durchaus in Harmonie 
mit seinem sonstigen Naturell. ImNewYorkEvening 
Mail wird einmal erzählt, daß es seine Gei^ohnheit ge- 
wesen sei, auf der Straße stillzustehen und kleine Kinder 
zu liebkosen, die er sehr gern hatte. Bücke berichtet, 
daß auch ihrerseits alle Kinder ihn leiden mochten und 
sofort zutraulich zu ihm waren. Wie man ihn einst 
während eines Kinderfestes vermißte, saß er still am Fluß- 
ufer, ein vierjähriges rosiges Kind fest schlafend in seinem 
Schoß. Als -sein kleiner Neffe gestorben war und die 
Jugend aus der Nachbarschaft hereinkam, um die Leiche 
zu sehen, lehnte er nahe dabei in einem großen Stuhl, 
ganz umringt von Kindern, jeden Arm um eins geschlungen 
und ein schönes kleines Mädchen vor sich auf den Knieen. 
Die Kleine schaute neugierig auf den Toten und dann 
mit fragendem Blick zu ihm empor, und er sagte: „Du 
weißt nicht, was das ist^ nicht wdir, mein Liebling? Wir 
wissen's auch nichf 



^) Geschlecht und Kinderliebe. Halle 1904, S. 27. 



— 227 — 

Das Merkwürdigste aber ist eine Szene, die John 
Barroughs^] uns aufbewahrt hat: 

pich gebe liier ein Augenblicksbild von ihm in Washington, 
in einem Pferdebahn wagen, gegen das Ende des EjriegeSi eines 
SommertagSi um Sonnenuntergang. Der Wagen ist gedrängt 
voll und erstickend heiß, viele Passagiere stehen auf der hinteren 
Plattform, und unter ihnen ein bärtiger Mann mit blühendem 
Gesicht, ältlich, aber rüstig, der sich neben dem jungen Kon- 
dukteur, augenscheinlich seinem intimen Freund, an das Spritz- 
leder lehnt Der Mann trägt einen breitkrempigen weißen Hut 
Innerhalb in dem Gedränge sitzt eine junge Engländerin aus 
4er Arbeiterklasse nahe der Tür mit zwei Kindern. Den ganzen 
Weg hat sie sich mit dem jüngsten abgemüht, einem kräftigen, 
•dicken, unruhigen, frischen Baby von vierzehn oder fünfzehn 
Monaten, das voraussichtlich die Mutter mit seinem Strampeln 
zu Tode ermüden wird und für alle andern eine heulende Plage 
ist. Wie der Wagen sich langsam um den Kapitolhügel schleppt, 
ist der Junge dämonischer denn je, und die erhitzte und 
schwitzende Mutter ist nahe daran, vor Ermattung und Ärger 
in Tränen auszubrechen. Der Wagen hält auf der Höhe des 
Hügels an, um die meisten der Passagiere auf der hinteren 
Plattform absteigen zu lassen, und der Mann mit dem weißen 
Hut langt nach innen, und indem er sanft, aber fest das Baby 
von seinem erstickenden Platz in den Armen der Mutter loslöst, 
nimmt er's in seine eigenen und heraus in die freie Luft Das 
•erstaunte und aufgeregte Kind hält teils aus Furcht, teils aus 
Befriedigung über die veränderte Lage mit seinem Brüllen ein, 
und wie der Mann es sicherer an seiner Brust bettet, drückt es 
seine dicken Händchen gegen ihn, legt sich, soweit es kann, 
zurück und schaut mit einem guten, langen Blick gerade in 
sein Gesicht; dann, wie befriedigt, schmiegt es sich mit dem 
Kopf an seinen Hals, und in weniger als einer Minute schläft 
es gesund und friedlich, ohne auch nur noch einmal gewinselt 
zu haben, völlig erschöpfe. Als der Wagen die nächste Ecke 
erreicht, steigt der Kondukteur^ der ein ungewöhnlich schweres 
und ununterbrochenes Tagewerk hinter sich hat, ab, um die 
erste Mahlzeit seit dem Morgen und die erste Ruhepause zu ge* 
nießen. Und nun tritt der Mann mit dem weißen Hut, während 
er das schlummernde Baby hält, für den Rest der Strecke in 
das Amt des Kondukteurs, und behält die Passagiere im Innern 

») Birds and Poets. New York 1877, S. 224 ff. 

15* 



— 228 — 

des Wagens, die sieh allmählich sehr gelichtet haben, im 
Auge. Er macht einen sehr guten Kondukteur, indem er 
mit der Klingel nach BedQrfnis das Signal zum Halten oder 
zum Weiterfahren gibt, und scheint an der Sache sein Ver- 
gnügen zu haben. Das Baby aber ruht die ganze Zeit mit 
seinen dicken Bäckchen eng an seinem Hals und grauen Bart, 
sorgsam von einem seiner Arme umfaßt, während der andere 
von Zeit zu Zeit mit der Leine die Signale gibt; und die er- 
hitzte Mutter im Wagen hat eine gute halbe Stunde, um auf- 
zuatmen und sich abzukühlen und sich zu erholen/' 

Im engsten ZusammenhaDg mit der Liebe zu Kindern 
und jungen Leuten steht die gleichfalls von Hirschfeld 
hervorgehobene weit verbreitete Befähigung des Urnings 
zum Pädagogen, zum Volkserzieher im engeren und 
weiteren Sinne. Das klassische Beispiel hierfür ist So- 
krates. Auch bei Whitman muß die pädagogische Anlage 
bemerkenswert gewesen sein, wie die ErinneruDgen eines 
seiner Schüler bezeugen, die Platt uns aufbewahrt hat. 
Zur Zeit seiner Lehrtätigkeit auf LoDg Island war der 
Dichter fast noch ein Knabe; er stand im Alter von 
16 — 17 Jahren; aber er hatte volle Autorität über die ihm 
anvertraute Schar, die zum Teil mit ihm gleichaltrig war, ob- 
wohl er niemals Strenge anwandte, sondern Milde mit Ernst 
verband und außerhalb der Unterrichtsstunden den Lehrer 
vergaß. Die Reinheit und ethische Würde seines Wesens 
hat bei dem Erzähler den tiefsten Eindruck hinterlassen. 

Diese geistige Reinheit in Whitmans ganzem Auf- 
treten wird später auch von W. D. Howells betont, und 
Bücke sagt von ihm, daß er niemals in der Unterhaltung 
oder in irgendwelcher Gesellschaft oder unter irgend 
welchen Umständen eine unzarte Sprache geführt habe. 
Es war ihm also jene Schamhaftigkeit eigen, durch 
die das Weib sich vom Manne unterscheidet, und die 
auch häufig als eine auszeichnende Eigenschaft der Homo- 
sexuellen genannt wird. Hiermit scheint nun freilich in 
seinen Werken das im Widerspruch zu stehen, was man 



— 229 — 

seine Brutalität genannt hat und was Gabriel Sarrazin^) 
&l8 seine „erhabene Schamlosigkeit'' anitlhrt. In der Tat 
hat die Poesie vor ihm das sexuelle Leben niemals mit 
gleicher ünverhüUtheit behandelt; er beschreibt den Koitus 
in aller Ausführlichkeit, schildert eine nächtliche Pollution 
und erzählt, wie er mit einer gemeinen Straßendirne ein 
Stelldichein verabredet. Aber solche Stellen erklären 
sich leicht als die notwendige und äußerste Eonsequenz 
seiner Weltanschauung. Nach seinem Glauben ist alles 
in der Welt gleich vortrefflich und gleich jenseits von 
Gut und Böse; wie sollten es also nicht die Akte sein, 
welche alles persönliche Leben erschließen? Hierin stand 
er auf dem gleichen Standpunkt, den Nietzsche in den 
Worten ausspricht: „Jede Verachtung des geschlechtlichen 
Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff 
„unrein'' ist das Verbrechen selbst am Leben — ist die 
eigentliche Sünde wider den heiligen Geist des Lebens." 
Trotzdem haben normal Empfindende sich stets gescheut^ 
diese Intimitäten ihres mysteriösen Charakters zu ent- 
kleiden. Aber Whitman war eben kein normal Empfin- 
dender. Er konnte von dem heterosexuellen Geschlechts- 
verkehr völlig objektiv, weil als ein unbeteiligter, sprechen; 
ihm fehlten in dieser Hinsicht die normalen Hemmungs- 
vorstellungen. Dagegen hat die Offenbarung seiner männ- 
lichen Liebe, so zart und ätherisch sie bleibt, sich 
keineswegs ohne Konflikt mit seiner Schamhafbigkeit 
vollzogen. Wir werden auf diesen Punkt im folgenden 
noch einzugehen haben. 

„Die Großmut, welche der Urning Feinden gegen- 
über zu zeigen imstande ist, ist oft geradezu erstaunlich. 
Freier von Vorurteilen als der Durchschnittsmann, ist er 
meist unfähig, ein hartes Urteil zu fällen," sagt Hirsch- 
feld, wozu ich nur einschränkend bemerken möchte, daß 



*) La Renaissance de ]a Podsie anglaise. Paris 1889, S. 245. 



— 230 — 

diese und andere gute Seiten in ihrer Vollendung 
natürlich nur dem höheren Typus der Homosexuellen, 
dem Edel-Üranier, eigen sind. Bei Whitman finden sie 
sich in reinster Ausprägung, wie denn überhaupt seine 
ganze Weltbeurteilung von dem Grundsatz geleitet scheint: 
Tout comprendre c'est tout pardonner. ,,NiemaIs erfuhr 
ich, daß er von irgend einer Person oder Sache ver- 
ächtlich geredet hätte/' heißt es bei Bücke. Ein treues 
Bild seines Innern gibt das kleine Gedicht ^»Versöhnung'' 
in den „Trommelwirbeln": 

Größer als alles, schön wie der Himmel, 

Schön ist das Wort, daß der Krieg und sein blutiges Walten 

dereinst völlig verschwinden muß. 

Daß mit sanften Hftnden die Schwestern Tod und Nacht un- 
aufhörlich wieder und immer wieder 
diese befleckte Welt waschen. 

Denn mein Feind ist tot, ein Mensch göttlich wie ich ist tot. 

Ich sehe ihn liegen mit weißem Gesicht und still in seinem 

Sarge — ich trete heran, 

Ich beuge mich nieder, und leise mit meinen Lippen berühre ich 

das weiße Gesicht im Sarge. 

Weiter sagt Hirschfeld: .,Die Unterschiede des 
Standes, der Religion, der Rasse und Nationalität spielen 
bei dem Urning nicht im entferntesten die Rolle, wie bei 
dem normalen Manne. — — Alle diese Eigenschaften 
berähigen ihn ungemein zum Altruisten und Vermittler, 
zum Friedensstifter und Überwinder sozialer Gegensätze.'* 
Diese Tatsache wurde schon in jenem merkwürdigen Be- 
kenntnis eines hochgestellten Homosexuellen ausgesprochen, 
das Casper zuerst veröffentlicht hat:^) „Zwar gehöre ich 
selbst einer edlen Familie an, und mehr als ich brauche, 
wird mir zuteil, dennoch sehe ich im Geringsten meinen 
Bruder, so ist es fast bei uns allen, ich habe Handwerker 
in den Häusern von Herzogen gesehen, sich frei bewegend — 



*) Casper-Liman, Handbuch der gerichtlichen Medizin. 
7. AuB. Berlin 18S1, Bd. I, § 21. 



— 231 — 

also nur weil wir Ausgestoßene, sind wir Menschen! 
Vielleicht wären wir anders gemeinere Naturen geworden!" 
Dagegen meint allerdings Moll, daß gerade in der Welt 
der Homosexuellen ausgesprochene Standesunterschiede 
existieren, die höchstens durch die besondere Art der 
umischen Leidenschaften zeitweise verwischt würden. 
Doch schließe ich daraus, daß er wahrscheinlich nur mit 
wenigen Homosexuellen von höherer Geistesart engere 
Fühlung gehabt hat; denn daß eine tiefe Humanität, 
der alles heilig ist, was Menschenangesicht trägt, gerade- 
zu zur Wesensart des höheren Homosexuellen gehört, 
halte ich für unbestreitbar. Es wäre natürlich lächerlich, 
zu behaupten, daß dieses innere Verhältnis zur Mensch- 
heit von den Homosexuellen erfunden sei, und es wäre 
traurig, wenn man glauben müßte, kein Normaler sei 
dazu beiUhigt. Der soziale Instinkt gehört zu den Grund- 
anlagen der Menschennatur, und seine höchste theoretische 
Verfeinerung sehen wir als Strebensideal bereits im Buddhis- 
mus, bei den antiken Stoikern und in den christlichen 
Evangelien lebendig. Aber bei Whitman finden wir 
ihn stärker und reiner ausgeprägt als bei irgend einem 
Modernen. Die gänzliche Aufhebung des trennenden 
Klassenbewußtseins^ die Anerkennung des gleichen mensch« 
liehen Anspruchs auf unsere Sympathie in jedermann, 
die Ablehnung von allem, was nicht jeder unter den 
nämlichen Bedingungen haben kann, das ist für ihn 
charakteristisch, — »es ist der eigentlich altruistische 
Geist in seiner letzten Konsequenz. Auch bei ihm ist 
daher der Versuch gemacht worden, diese und ähnliche 
Züge auf ererbte christliche oder vielmehr speziell auf 
ererbte Quäker-Instinkte zurückzuführen. Besonders hat 
diesWilliamSloane Kennedy^) unternommen. Whitman 



^) The Qaaker Traits of Walt Whitman. The Conservator, 
I, 5. Jaly, 1890. 



— 232 — 

hat das sehr gern gesehen; denn er sandte mir noch 
selbst das Blatte in dem dieser Nachweis yersucht wurde. 
Nun ist gewiß nicht zu leugnen, daß die christliche Erb- 
schaft in seinem Charakter und in seiner Weltanschauung 
ganz enorm war. Aber eben der Umstand^ daß sie er- 
erbt^ also instinktiv und nicht durch Yemunftschlüsse 
erworben war, bürgt dafür, daß sie mit anderen ererbten 
Elementen seiner Seele, speziell also mit seiner weiblichen 
Natur, im innigsten Zusammenhang stand. Menschen- 
liebe aber ist nach Schopenhauer die charakteristische 
Tagend des weiblichen Geschlechts. Es ist also tatsächlich, 
daß die allgemein menschliche Erbschaft altruistischer 
Instinkte sich bei Whitman mit spezifisch weiblichen In- 
stinkten, sekundären weiblichen Geschlechtscharakteren, 
verschmolzen hat, und es darf daher auch nicht bezweifelt 
werden, daß seine grenzenlose Sympathie eben durch 
diese Summierang des ererbt altruistischen oder christ- 
lichen und des homosexuellen Elements ihre intensive 
Färbung erlangt hat. 

Dadurch also wurde er der Dichter der Demokratie 
und der Anwalt der vollkommenen Gleichberechtigung 
aller Menschen. Typisch für sein Empfinden ist das 
Wort im „Sang von mir selbst*': 

Zu dem geplackten Nigger im Baumwollfeld oder dem Abtritt- 
aasräumer beuge ich mich nieder, 
Auf seine rechte Wange drücke ich den Familienkuß, 
Und in meiner Seele schwöre ich: Ich will ihn niemals verleugnen. 

Natürlich haben auch rein amerikanische Elemente 
ihren Beitrag zu dieser Stimmung geliefert. Wenngleich 
die unerhörte Entwicklung des Kapitalismus gewaltige 
soziale Gegensätze erzeugt, ist doch das stolze Gefühl 
ihrer freien Menschenwürde in den Bürgern der amerika- 
nischen Bepublik stärker entwickelt als im feudalen 
Europa, und als ihr Wortführer redet Whitman durchaus 
die Stimme Amerikas. Auch darf man nicht vergessen, 



— 233 — 

daß er aus dem Volke hervorgegangen und lange nichts 
anderes als ein Arbeiter unter Arbeitern war. Es hat 
also bei ihm nicht einer so durchgreifenden inneren Selbst- 
befreiung bedurft wie bei einem Europäer der gebildeten 
Klassen, der sich zu vorurteilsloser Humanität durchringt 
Trotzdem hat kein anderer Amerikaner das Ideal gleicher 
Menschenrechte so wie er in Wort und Leben verwirk- 
licht. Wie sehr aber dieser demokratische Geist bei ihm 
mit dem urnischen zusammenfällt, wird ein späterer Ab- 
schnitt uns noch im einzelnen erkennen lassen. 

Was das Instinktive in seiner Natur betrifft, so 
ist auch dies ebenso sehr eine umische wie eine weibliche 
Eigentümlichkeit Daß beim Weibe der Instinkt eine 
größere Bolle spielt als beim Manne, daß es ein GefQhls- 
wesen ist, wurde schon mehrfach nachgewiesen, und be- 
sonders eingehend hat zuletzt noch Möbius dies Kapitel 
behandelt^ Die Homosexuellen teilen diese Eigenschaft 
zumeist mit der Frau. „Der Urning schafft fast stets 
aus dem Gefühl heraus. Das zielbewußte, Verstandes- 
mäßige Arbeiten des Mannes ist ihm nicht eigen,'' lesen 
wir bei Hirschfeld. Ausnahmsweise gibt es allerdings 
auch üranier mit männlichem Verstand; aber zu ihnen 
gehörte Whitman entschieden nicht. Das Unzulängliche 
seiner Weltanschauung findet in dieser weiblichen Geistes- 
art durchaus seine Erklärung. Er gestand selbst von 
sich, im Gespräch mit Bücke, er habe kaum je im 
Leben etwas mit bewußter Absicht getan. Immer folgte 
er seinen Trieben und Impulsen, dem inneren Gebot, dem 
inneren Licht, der Intuition der Seele, und glaubte 
damit nur eine Doktrin der Qaäker zu verwirklichen, 
während der vermeintliche Quäkerzug bei ihm doch in 
Wahrheit ein weiblicher, ein urnischer Zug war. So ist 



*) Ober den physiologischen Schwachsinn des Weibes. 6. Aufl. 
S. 16 £ 



— 234 — 

überhaupt aller Mystizismus, der nach Intuition strebt, 
eine unbewußte Elffemination der Seele. Ganz vortrefflich 
wird Whitmans Oeistesart in ihren Wurzeln und Schwächen 
von Ellis charakterisiert: ^Whitman war eine auf das 
Konkrete gerichtete, emotive, instinktive Natur mit auf- 
fallend geringer Fähigkeit für die Analyse, für alle Ein- 
flüsse empfänglich, aber ohne alles Bedürfnis, sie mit 
einander in Harmonie zu bringen/^ 

Aus dem weiblich Instinktiven, aus der Vorherrschaft 
des Gefühls erklärt sich seine ungeheure Subjektivität. 
Er betrachtet die ganze Welt nur in Beziehung auf sich 
selbst In einer Bede hat er das auch ausgesprochen: 
^,Die meisten von den großen Dichtem sind unpersönlich; 
ich bin persönlich. In meinen Gedichten konzen- 
triert sich alles um mich, strahlt alles von mir aus, 
dreht sich alles um mich. Ich habe nur eine Zentral- 
figur, die allgemein menschliche Persönlichkeit, deren 
Typus ich bin.'' Daher die sieghafte Selbstgewißheit 
seiner Überzeugung. Er diskutiert nicht über die Wahr- 
heit und will von logischen Schlüssen nichts wissen. Er 
weiß, daß er recht hat, und damit Punktum. Bogumil 
Goltz sagt sehr richtig^), „daß der Mann von Natur be- 
scheidener und mehr' zur Pietät geneigt ist als das Weib, 
dem nichts imponiert Der Mann will systematisch, wahr 
und gründlich sein, das macht ihn unsicher und unge- 
schickt, während des Weibes Naivetät und Dreistigkeit 
durch nichts einzuschüchtern isf Das paßt vortrefflich 
auf Whitmans weiblichen Intellekt, und deshalb war er 
zum Propheten geboren; aber alles Wesentliche, was den 
Denker macht, fehlt ihm. Er besitzt nicht die Gewissen- 
haftigkeit des Forschers^ des Wahrheitsuchers; der wissen- 
schaftliche Geist ist ihm völlig fremd. Mit voller Be- 



Zur Charaktemtik und Nator- Geschichte der Frauen. 
Berlin 1859, S. 140. 



— 235 — 

rechtiguDg spricht daher Edmund Gosse ^) von seiner 
„schreckh'chen Gedankenlaxheit und Oberflächlichkeit des 
Urteils/' Ebenso ergötzlich wie zutre£Pend äußert sich 
S.L. Stevenson^ darüber: ^,Wennerin etwas prophetisch 
ist^ so ist's in seiner souveränen Mißachtung der Eonse- 
quenz. ,,Al80 ich widerspreche mir?'' fragt er irgendwo; 
und, patsch, kommt darauf die Antwort, die beste Ant» 
wort, die je gedruckt wurde, würdig eines Weisen, oder 
vielmehr eines Weibes: „Nun wohl, so widerspreche 
ich mir eben!"" 

Weil aber sein Geist kein scharfer, männlicher Geist 
. war und doch mit abstrakten Stoffen rang, die er nicht 
bewältigen konnte, so ist auch sein Stil oftmals dunkel, 
seine Sprache nicht nur schwärmerisch, sondern sogar 
schwülstig und von einer phrasenhaften Tautologie, die 
bei der Übersetzung in eine weniger synonymenreiche 
Sprache sich als eitles Wortgeklapper herausstellt Der 
Italiener Luigi Gamberale führt auch diese Eigen- 
schaft auf Unklarheit des Denkens zurück. Auch sonst 
noch hat seine Form allerlei Mängel, die aut ein inner- 
liches Manco hinweisen. Oft vernachlässigt er in er- 
schreckender Weise den Satzbau, so daß manche seiner 
Gedichte sich lesen wie willkürlich aneinandergereihte 
Merkworte aus dem Notizbuch, rohes Erz ohne Prägung, 
während andererseits wieder seine Sätze oftmals von 
einer unglaublichen und rückgratlosen Länge und, um 
sie noch schwerfälliger zu machen, durch allerlei viel- 
leicht später eingeschobene Parenthesen unterbrochen 
sind. Auch in seiner Prosa, die allerdings reich ist an 
den feinsten impressionistischen Augenblicksbildern, zeigt 
sich eine souveräne Verachtung der herkömmlichen Satz- 



') Walt Whitman. Von Edmund Gosse. Deutsch von 
Berta Franz. (Moderne Essays zur Kunst und Literatur.) Berlin 
1902, S. 19. 

*) Familiär Studies of Men and Books. London 1905, S. 78. 



— 236 — 

konstruktioD. B. L. Stevenson sagt von den Erinne- 
rungen aus der Zeit seines Lazarettdienstes: „Mehr als 
eine Frau, mit der ich das Experiment versuchte, er- 
klärte den Verfasser sofort für eine Geschlechts- 
genossin.^' 

Es ist höchst sonderbar, daß ein so unklarer, wider- 
spruchsvoller und dabei nicht einmal selbständiger Geist 
als der poetische Vertreter der modernen monistischen 
Weltanschauung ausgerufen werden konnte. Er hat frei- 
lich kühn behauptet, er habe sich die Ergebnisse der 
großen Gelehrten und Experimentalforscher unserer Zeit 
und der letzten hundert Jahre durchaus angeeignet, 
freudig die moderne Naturwissenschaft akzeptiert, treulich 
und ohne das leiseste Zögern sich von ihr führen lassen. 
Aber damit befand er sich in einer großen Selbsttäuschung, 
und auch Symonds, der in der Kritik seiner philo- 
sophischen Ideen recht oberflächlich ist, irrt sich, wenn 
er dieser Versicherung Glauben schenkt Whitman konnte 
gar kein loyaler Jünger des Wissenschaft sein, weil er 
ihr von vornherein einen Zweck gesetzt hatte. Ihm 
galt es als die Krone der Forschung, „daß sie gewißlich 
den Weg für eine glänzendere Theologie eröffne.'^ Er 
mißbrauchte sie zu einer seichten Apologetik des Welt- 
schöpfers, ein direkter Geisteserbe jener amerikanischen 
Puritaner des 17. Jahrhunderts, für die es als die einzige 
Bestimmung aller Wissenschaft galt, die biblische Offen- 
barung zu rechtfertigen. Es steckt eine ganz unzulässige 
Teleologie in seinem Gedicht vom Kreislauf des Stoffes 
bis zu der Entwicklungsstufe, die er im Individuum er- 
reicht. Im Grunde wurzelt seine Philosophie ganz und 
gar in der Bibel, deren Pluralismus und Teleologie nur 
durch die Verquickung mit He gel scher, freilich nicht 
aus der Quelle, sondern aus populären Bearbeitungen 
aufgelesener Sophistik einen Schein von Wissenschaft 
erhielt. Was er sonst noch von naturwissenschaftlichen 



— 237 — 

Arabesken hinzugefügt hat, beruhte sicher nicht auf 
gründlichen Studien, sondern zumeist auf den Anregungen 
zufälliger Joumallektüre. Daher auch sein widerspruchs- 
voller Eklektizismus, der sich um wenige ganz naive 
Glaubenssätze rankt Gosse sagt, sein ganzes Evangelium 
könne in sehr enge Grenzen zusammengerückt werden, 
und so verhält es sich in der Tat Es ist eigentlich 
nur eine breitere Ausführung der Zensumote, die der 
Verfasser der Genesis dem Sechstagewerk erteilt: „Und 
Gott sähe an alles, was er gemacht hatte, und siehe da, 
es war sehr gut'' — vermehrt um das Hegeische Schlag- 
wort: „Alles, was ist, ist vernünftig." Hegel, der ihm 
als summus philosophus galt, hat bekanntlich auch wieder- 
holt erklärt, daß seine Philosophie denselben Inhalt habe 
wie die christliche Beligion. 

Aus der blindgläubigen Annahme jener beiden Sätze 
wird Whitmans bis zum Empörenden übertriebener Opti- 
mismus begreiflich, welcher keineswegs zum Wesen der 
in viele Sichtungen zersplitterten monistischen Welt- 
anschauung gehört und nicht nur aus dem mehr idea- 
listischen Monismus Schopenhauers verbannt ist, sondern 
auch vor dem Monismus der Entwicklungslehre, wie ihn 
Ernst Haeckel^) vertritt, keine Gnade findet Das So- 
phistische in Hegels Wort, d. L die Verwechslung von 
gesetzmäßiger Notwendigkeit mit ordnender Vernunft, 
konnte Whitman nicht erkennen, weil er eben nie vom 
biblischen Glaubensgeist losgekommen ist In Wirklich- 
keit wollte er ja auch gar nicht die Wissenschaft, sondern 
er wollte ein Mystiker sein, und wie aller Mystizismus 
offenbart auch der seinige nicht die Wahrheit, sondern 
verbirgt sie und setzt an ihre Stelle die Phantas- 
magorie der Selbstberauschung. Für sein Verhältnis 

*) Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissen- 
schaft. 11. u. 12. Tausend. Stuttgart 1905, S. 31. 



— 238 — 

zur Wissenschaft ist das folgende Gedicht ungemein 
charakteristisch: 

Als ich den gelehrten ABtronomen hörte, 

Ab die Beweise, die Figuren in Reihen vor mir aufgeführt 

wurden, 
Als mir die Karten und Diagramme gezeigt wurden, um sie zu 

addieren, zu dividieren und zu messen. 
Als ich so saß und den Astronomen hörte, wo er mit vielem Bei- 
fall im Auditorium seinen Vortrag hielt, 
Wie bald fühlte ich mich unerklärlich gelangweilt und übel. 
Bis ich aufstand und hinausschlüpfte und allein davonwanderte. 
In der mystischen feuchten Nachtluft, und von Zeit zu Zeit 
In vollkommener Stille emporblickte zu den Sternen. 

Also or verstand die exakte Wissenschaft nicht; darum 
verschmähte er sie und flüchtete hinaus in das roman* 
tische Land, wo er in Gefühlen schwelgen und seine 
mystischen Träume spinnen konnte. 

Johannes Schlaf zitiert jenes teleologische Gedicht 
vom IndiTidaum, um dessentwillen der Sternennebel sich 
zur Kugel zusammenzog. Ursache und Zweck sind in 
diesem Gedicht in naiver Weise vertauscht; denn Darwin 
und den Darwinismus hat Whitmän nie begrififen. Aber 
Schlaf sagt: „Dies ist die Wissenschaft^ die Religion 
geworden ist.'^ Nein^ das ist die Religion, die niemals 
Wissenschaft gewesen ist, sondern sich von der Wissen- 
schaft nur ein paar Flitterchen anhängt Dann redet er 
von dem „großen heiligen Identitätsgefiihl'' und inter- 
pretiert einen Monismus in Whitman hinein^ der gamicht 
vorhanden ist. Die Identität, von der Whitman wieder 
und immer wieder spricht, ist etwas sehr viel trivialeres. 
Indem das Individuum bei ihm identisch wird, erlöst es 
sich nicht, wie Schlaf in überraschender Verwechslung 
der beiden Wortbedeutungen glaubt, „in die große eine In- 
dividualität, die alles ist/' sondern trennt sich für immer 
und ewig von ihr, d. h. es wird eine persönliche unsterb- 
liche Seele, die nimmermehr wieder mit dem All identisch 



— 239 — 

werden kann, völlig wie in der christgläubigen Kinder- 
lehre. Identität bedeutet eben in den „Grashalmen'' per- 
sönliche Elxistenz und nichts anderes. Erst gegen das 
Ende seines sechsten Jahrzehntes überkommt den Dichter 
bei einem Sonnenbad die Stimmung jenes anderen, des 
monistischen Identitätsgefühls, und er erinnert sich an 
Schelling und Fichte. Aber auch da betrachtet er 
sie nur wie eine Illusion, und er kann ja nicht anders, 
solange er an die reale Existenz und Ewigkeit jedes 
einzelnen Individuums glaubt. Darum enthalten also 
Whitmans Gedichte nicht die Religion des modernen 
Monismus. 

Aber da seine Religion keinen wissenschaftlichen 
Untergrund hat, so ist sie nur um so schwärmerischer. 
Einmal in seiner Entwicklung hat er etwas von Kant 
läuten hören, und die schreckliche Ungewißheit der Er- 
scheinungswelt bedrückt ihn. Doch schon damals ist es 
die Liebe, die ihn trösten muß: 

Auf dies und ähnliches finde ich eine seltsame Antwort in meinen 

Liebhabern, meinen lieben Freunden, 

Wenn der, den ich liebe, mit mir wandert oder eine Weile neben 

mir sitzt und mich bei der Hand hftit, 

Wenn der feine, der körperlose Hauch, die Stimmung, die 

Worte und Verstand nicht begreifen, um 
uns webt und uns sättigt. 

Dann erfüllt mich unausgesprochene und unaussprechliche Weis- 
heit, dann bin ich still und begehre 
nichts weiter: 

Ich weiß keine Antwort auf das Rätsel der Erscheinungswelt und 

der Unsterblichkeit jenseits des Grabes, 

Aber ich schreite dahin oder sitze still und kümmere mich nicht 

darum, ich bin befriedigt, 

£r, der meine Hand hält, hat mich völlig befriedigt. 

In einer Art sublimierter Sinnlichkeit findet er also 
einen Ersatz für die Olaubensgewißbeit Aber später 
schwinden alle Zweifel, und seine Zuversicht, daß er den 
Weltplan erkannt habe, wird fast zur wahnsinnigen Über* 



— 240 — 

hebung. In dem prophetisch rasenden Oedicht ^^Passage 
to India'^ ruft er aus: 

Schau um dich, Seele! Siehst du nicht Gk>tte8 Zweck von 

Anbeginn? 

Sein Glaubensanker bat festen Grund gefunden, das Welt- 
geheimnis ist ihm offenbar, und er stammelt entzückt: 

0, die gesegneten Augen, die glücklichen Herzen, 

Die da sehen, die da kennen den feinen leitenden Faden 

Durch das mflchtige LabTrinth! 

Und er betet um gläubige Zuversicht auch für diejenigen, 
denen sein Herz gehört: 

Gib mir, o Gk>tt, daß ich jenen Gedanken singe, 

Gib mir, gib ihm oder ihr, die ich liebe, diesen unausldsch- 

liehen Glauben 

An Deine Übereinstimmung; was immer sonst versagt sei, ver- 
sage uns nicht 

Den Glauben, daB Dein Plan in Zeit und Raum beschlossen ist, 

Gesundheit, Friede, allumfassende Erlösung. 

Diese tiefe Religiosität Whitmans— E arlFedern nennt 
ihn geradezu ein religiöses Genie — leitet W. S. Kennedy 
nun auch aus seinem Quäkerursprung her, und zum Teil 
ist das ja sehr wahrscheinlich. Aber in der Übertreibung, 
wie sie bei ihm auftritt, ist sie ganz extrem weiblich, ja 
sie geht bereits in das Delirium des ekstatischen Rausch- 
zustandes über: 

Auch ich, der ich vielen folge und dem viele folgen, inauguriere 

eine Religion, ich steige in die Arena 
hinab. 

Wer weiß, ob ich nicht bestimmt bin, dort den lautesten Buf aus- 
zustoßen, des Siegers klingenden Schrei? 

Wer weiß, ob dieser Schrei nicht noch von mir aufsteigen wird 

und sich über alles schwingen? 

Nichts ist um seiner selbst willen da. 

Ich sage : die ganze Erde und alle Sterne am Himmel sind der 

Religion wegen da. 

Das sind ungeheuerliche Worte. Aber auch in diesem 
Entwicklungsstadium kommt bei Whitman noch als be> 



— 241 — 

sonderes, höchst charakteristisches Moment die schon 
vorher bemerkte sinnliche Färbung seiner Schwärmerei 
hinzu. Nicht nur, daß der Phalluskult ganz nnverhüllt 
einen integrierenden Bestandteil seiner Religion bildet, 
viel bezeichnender noch, wenn auch dem Unerfahrenen 
weniger offenbar, ist eine homosexuelle Lüsternheit, 
ein schwüler Hauch perverser Sinnlichkeit, die sich durch 
die ganzen „Grashalme" ziehen, und es ist wohl gerade 
dies Element, was auf urnisch geartete Leser so mag- 
netisch wirkt Schon Ulrichs^) hat auf den engen 
Zusammenhang zwischen religiöser Schwärmerei und ge- 
schlechtlicher Erregung hingewiesen. Er sagt: ,,In weib- 
lich gearteten Gemütern wohnt aufrichtige Religiosität 
nicht selten unmittelbar neben heftiger Liebesbedürftigkeit, 
ja wollüstiger Sinnlichkeif Und bei Krafft-Ebing^ 
heißt es, nachdem er von der wollüstigen Mystik in der 
Kultur der alten Völker gesprochen hat: „Umgekehrt 
sehen wir, daß nicht befriedigte Sinnlichkeit gar häufig 
in religiöser Schwärmerei ein Äquivalent sucht und findef 
Es ist wohl mehr als wahrscheinlich, daß auch bei Whit- 
man, den seine schon erwähnte Landsmännin „einen ge- 
borenen exalt^^' nennt, der unbefriedigte homosexuelle 
Trieb das war, was sich in seiner religiösen Uberschwäng- 
lichkeit Luft machte. Daß er die christliche Dogmatik 
und das Kirchenwesen verwirft und der Meinung ist, die 
Zeit der Priester sei vorüber, wirkt nicht im mindesten 
abkühlend auf seine mystische Oefühlsglut 

Bei allen kritischen Ausstellungen muß jedoch im 
Auge behalten werden, daß mit seinen Schwächen seine 
Kraft im engsten Zusammenhange steht. Er war ganz 
gewiß, wenn nicht ein religiöses, so doch ein dichterisches 
Genie, eine auserlesene Künstlernatur. Mag auch seine 



^) Incubos. Einltg. 11. 

*) Psychopathia sezualis, Kap. I. 

Jahrbuch VII. 16 



— 242 — 

Begeisterung ihn häufig zu weit führen, so ist sie doch 
so gewaltig und hinreißend, und die poetische Kraft und 
Schönheit der Sprache , in der sie Ausdruck findet, ist 
trotz häufiger Dunkelheiten so überwältigend, daß dem- 
jenigen, der für solche Eigenschaften Sinn und Verständnis 
besitzt, auch die klarste Erkenntnis seiner großen Mängel 
den Genuß an seinen Werken nicht verderben kann. Mir 
wenigstens geht es so: nachdem ich ihn mit kaltem Ver- 
stände seziert habe, brauche ich nur die ,,Grashalme'' 
wieder aufzuschlagen und etwa aus dem „Sang von mir 
selbst^' irgend einen Abschnitt zu lesen, so packt mich 
das Feuer seiner genialen Leidenschaft und der Zauber 
seiner universellen Sympathie, und es kommt mir fast 
wie eine Entweihung vor, daß ich ihn so rücksichtslos 
unter die kritische Lupe genommen. Ich möchte das so 
nachdrücklich wie möglich betonen: WaltWhitman bleibt 
groß für die Kritik, die über der Verneinung das Bejahen 
nicht verlernt hat. Was Emerson ihm schrieb, nachdem 
er die erste Auflage der „Grashalme^^ gelesen, wird immer 
Geltung behalten: „Ich beglückwünsche Sie zu Ihrem 
freien und tapferen Denken. Ich habe große Freude 
daran. Ich finde unvergleichliche Dinge unvergleichlich 
gut ausgesprochen, wie sie es müssen. Ich finde den 
Mut der Behandlung, der uns so entzückt, und den nur 
großes Empfinden zu wecken vermag.'' 

Wenn es wahr ist, daß der Homosexuelle eine weib- 
liche Seele besitzt, so heißt das nicht, daß in ihm das 
weibliche Ideal lebendig ist Es gibt in der urnischen Natur 
j eden nur denkbaren individuell en Gradunterschied, also auch 
jedes denkbare Verhältnis weiblicher Bestandteile ihrer 
Seele. Und da das schwache Geschlecht aus guten und 
weniger guten Weibern besteht, so zeigen auch die Homo- 
sexuellen teils die guten, teils die weniger guten Eigen- 
schaften des Weibes. Pessimisten haben nun behauptet, 
daß die weniger guten die Begel seien. Allein dies harte 



— 243 — 

Urteil rührt Tielleicht nur daher, daß es im allgemeinen 
bloß diese weniger guten sind^ welche in die Öffentlich- 
keit treten, während die edleren sich scheu verbergen. 
Aber das Edle ist freilich überall in der Welt in der 
Minorität. Auch Whitman ist ein Edel-Uranier, und als 
solcher besitzt er zwar unleugbar gewisse Schwächen 
der weiblichen SeelOi aber in viel ausgeprägterem Grade 
die höchsten weiblichen Tugenden. Mit der größten 
von diesen wollen wir die Betrachtung der psychischen 
Stigmata seiner Homosexualität abschließen. 

Schopenhauer erblickt im Mitleid das Fundament 
der Moral, und obwohl er kein Verehrer der Weiber ist, 
gesteht er zu, daß sie dies Fundament in höherem Grade 
besitzen als die Männer, daher auch mehr Menschenliebe 
und Teilnahme an Unglücklichen.^) Doch würde diese 
Ansicht des alten Pessimisten zu optimistisch sein, wenn 
wir nicht noch einen anderen Pessimisten zur Ergänzung 
heranzögen, — Eduard von Hartmann ^, der die Be> 
merkung macht, daß man das Gefühl der Frauen leicht 
überschätzt, weil es auf der Oberfläche sitzt, dagegen das 
der Männer leicht unterschätzt, weil sie ihm mißtrauen 
und es bei ihnen tiefer zu sitzen pflegt Eir meint: 
„Mangel an tieferem Gefühl wird man beim Weibe ebenso 
häufig finden wie beim Manne.'' Das ist zweifellos richtig, 
und man würde die Homosexuellen mit unrecht über 
die Frau stellen, wenn man behauptete, das edlere Mit- 
leid sei bei ihnen allgemein. Aber in demselben Maße 
wie den Frauen, d. h. mehr oder weniger, je nach ihrer 
tieferen Veranlagung, ist es auch ihnen eigen. 

Gerade das Mitleid, die schönste unter den weiblichen 
Tugenden, und die Opferfreudigkeit» die in ihrem Gefolge 
einhergeht, tritt nun in Wbitmans Wesen so mächtig 



^ Schopenhauer, Ethik 215. — Parerga II, 652. 
*) E.V. Hartmann, Das sittliche Bewußtsein. 2. Aufl., S. 146. 

16* 



— 244 — 

hervor, daß eben deswegen solche überschwenglichen 
Lobredner wie O'Connor und Bücke in Amerika, 
Johannes Schlaf in Deutschland eine Reinkamation 
Jesu in ihm erblicken. Darin gehen sie freilich zu weit 
Was Whitman in den Hospitälern getan hat, haben schon 
viele barmherzige Frauen in der Pflege der Kranken und 
der Verwundeten getan und tun es noch alle Tage, ohne 
daß man in ihnen Reinkamationen Jesu sähe. Warum? 
Weil die hingebende, opferfreudige Liebe für das Weib 
natürlich, weil sie weiblich ist, so daß sie uns gamicht 
göttlich, sondern nur schön menschlich erscheint Wenn 
daher ein Mann die gleiche Liebe betätigt, so haben wir 
auch bei ihm keinen Grund, ihn für göttlich zu erklären, 
sondern wir sind genötigt, ihm eine weibliche Gemütsart 
zuzusprechen. Und die weibliche Gemütsart beim Manne 
ist eben ein Stigma seiner Homosexualität Whitman 
handelte in dieser Hinsicht ganz so instinktiv wie das 
Weib überhaupt, und er verdient dafür dieselbe Be- 
wunderung und Liebe wie das sich aufopfernde Weib, 
aber auch nicht mehr. 

Man darf jedoch nicht vergessen, daß die im opfer- 
freudigen Mitleid wirksame Gefühlsmoral auch gewissen 
Bedenken unterliegt, wenn nämlich das Gefühl nicht 
durch Gerechtigkeit und weise Voraussicht kontrolliert 
vnrd. Die neue Ethik des „Zarathustra'S die sich 
gegen die der Rasse ans der Verzärtelung wahlloser 
Mitleidsmoral drohenden Gefahren kehrt, ist männlicherer 
Art und reifer als die Whitmansche Instinktmoral. Das 
Gefllhl ist eben parteiisch und kann sich allzu leicht 
verirren. Auch Ellis läßt durchblicken, daß er in dem 
weiblichen Charakter des homosexuellen Mitleids nicht nur 
einen Vorzug, sondern vielleicht noch mehr einen Mangel 
sieht Bei vielen Konträren, sagt er, sei die geschlecht- 
liche Reizbarkeit mit ausgesprochener Anlage des Gemüts 
zu altruistischen Gefühlen und Selbstaufopferung ver- 



— 245 — 

bunden; worin aber der Kontitoe an das normale Weib 
erinnere, das sei in der Übertreibung dieser Gefühle. 
Eine solche wird man auch bei Whitman nicht über- 
sehen dürfen. Es gehörte zu seinen Grundsätzen, keinem 
Bettler ein Almosen zu versagen. Aber die Tatsache ist 
historisch erwiesen, daß das blinde Almosengeben, wie 
die Eirche des Mittelalters es ausübte, demoralisierend 
gewirkt hat Ferner erzählt O'Connor von dem Dichter, 
daß er einst einem verkommenen Subjekt, das sich eines 
Totschlags schuldig gemacht, mit dem Kuß des Er- 
barmens, den er ihm auf die Stirn drückte, gleichsam 
Absolution erteilt und ihm durch Gelduntorstützung zur 
Flucht über die Grenze verhelfen habe. Solche Hand- 
langen entsprangen bei ihm den edelsten Motiven, aber 
sie haben doch auch ihre fragwürdige Seite. Ebenso 
gehört hierher seine Haltung gegenüber den Prostituierten. 

Ich glaube übrigens, es war in alledem nicht nur 
der gedankenlose Instinkt wirksam, sondern es war auch 
eine etwas zu bewußte imitatio Christi im Spiel. Wie 
Christus der Ehebrecherin vergab, wie er mit den Zöllnern 
und Sündern zu Tische saß^ so wollte auch Whitman 
sein Handeln gewertet sehen. Wenn er es ursprünglich 
instinktiv aus weiblichem Mitleid tat, so war es un- 
vermeidlich, nachdem ihn seine Vergötterer einmal mit 
Christus gleichgestellt hatten, daß er es von da an als 
seine Aufgabe betrachtete, die Rolle Jesu im modernen 
Leben zu spielen. 

Femer dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß es 
wahrscheinlich ein ausgesprochen geschlechtlicher Trieb 
war, der seine Opferfreudigkeit stärkte. Ich zweifle, ob 
ein gleiches brennendes Mitleid ihn an die Lazarette 
hätte fesseln können, wenn diese mit den Verwundeten 
und Maroden eines Amazonenkorps belegt gewesen wären. 
Es waren Soldaten, und zwar meist junge Soldaten, denen 
er seine Pflege widmen konnte, und er liebte eben als 



— 246 — 

ein echter Urning die Soldaten mit geschechtlicher Liebe; 
daher war es für ihn auch eine Art sublimierter Geschlechts«* 
befriedigung, ihnen Liebesdienste erweisen und als Dank 
ihre Liebe erwerben zu können. Trotzdem ist es ein ergrei- 
fendes Bild, ihn wie eine barmherzige Schwester unermüdlich 
durch Jahre und Jahre in dem schweren, aufreibenden 
Amte walten zu sehen. Doch eben wegen des sexuellen 
Moments in dieser seiner Liebestätigkeit darf ich mir 
das nähere Eingehen darauf bis zu dem Abschnitt yer*' 
sparen, in welchem von dem vierten Stigma der Homo- 
sexualität, dem Freundschaftsenthusiasmus von geschlecht- 
lichem Grundcharakter, die Hede sein soll. 

14« Als das dritte Stigma betrachtet Hirschfeld 
,,große Abneigung gegen das Weib'^ Auch diese 
ist bei Whitman vorhanden, wenngleich man über ihren 
Grad zweifelhaft sein kann und zum Teil auf eigene 
Schlußfolgerungen angewiesen ist, da gerade hier einer* 
seits die ungerechtesten Anklagen gegen ihn erhoben 
und diese Beziehungen andererseits von seinen Ver- 
teidigern geflissentlich verdunkelt wurden. 

Aus seiner Jugend finden wir zwei wertvolle Zeug- 
nisse in Isaac Hüll Platts Biographie. Das erste 
betrifift seine Lehrerjahre und rührt von dem schon 
erwähnten Schüler des Dichters her: „Die Mädchen 
schienen keine Anziehung für ihn zu haben. Er hielt 
sich nirgends besonders mit ihnen, noch zeigte er außer«- 
gewöhnliche Neigung für ihre Gesellschaft.'^ Das zweite 
bezieht sich auf die nächste Periode, als Whitman in 
Huntingdon das erste von ihm gegründete Wochenblatt 
redigierte, und wurde durch die Nachfragen des kritischer 
als die übrigen Jünger veranlagten Arztes und Ethno- 
logen Dr. Daniel G. Brinton, auf den ich bereits hin- 
wies, ans Licht gezogen: „Er war augenscheinlich ganz 
indifferent gegen die Anziehungen der Weiber. Einer 



— 247 — 

Yon denen, die uns bei dieser Gelegenheit Bericht gaben, 
ein alter Mann, der sich seiner erinnerte, sagte: Er 
schien die Weiber zu hassen." 

Dementsprechend ist Whitman unverheiratet ge- 
blieben. Dr. Bücke, der Seelenarzt^ war wie mit Blind- 
heit geschlagen, indem er den Dichter fragte: „Es scheint 
mir überraschend, daß Sie niemals heirateten. Blieben 
Sie mit bewußter Absicht ledig?" Whitman leugnete 
jede bewußte Absicht und fügte nach kurzer Pause hinzu: 
„Der Hauptgrund, daß ich niemals heiratete, muß Ter* 
mutlich eine übermächtige Leidenschaft für gänzliche 
Freiheit und Zwanglosigkeit gewesen sein. Ich hatte 
einen Instinkt gegen Fesseln, die mich binden konnten." 
Also keine Absicht, sondern Instinkt. Es war eben seine 
Natur, die gegen die Ehe sprach. 

Aber es wird ihm ja vorgeworfen, daß er der freien 
Liebe huldigte, und seine Gedichte scheinen es zu er- 
weisen. „Falsche Freiheitsapostel predigen heutzutage 
das Hecht darauf, und Whitman fand es offenbar in 
seiner Jugend nicht unter seiner Würde, sich in solche 
Verhältnisse einzulassen,*' äußert William M. Salter. 
Ganz anders lautet jedoch das Zeugnis von John 
Burroughs, der ihm so nahe stand. Sein Interviewer 
berichtet : ^) 

„Herr Burroughs erklärt, daß während der dreißig Jahre 
seiner intimen Bekanntschaft mit Whitman, soviel ihm bewußt, 
keine Verwicklungen mit Weibern und nicht einmal der Ver- 
dacht einer solchen vorhanden waren, und solche Beziehimgen 
sind doch geeignet, den männlichen Freunden eines Mannes zur 
Kenntnis zu kommen. Whitman war im Umgang mit den 
Frauen seiner Bekanntschaft etwas kalt und reserviert, und in 
seinem persönlichen Charakter gegenüber der Gksellschaft war 
er gewissermaßen mehr ein Mann für Männer als für Weiber. 
£i fühlte, daß er sich im intellektuellen Verkehr mit seinem 
eigenen Geschlecht freier geben konnte als mit Frauen; denn 



*) The Conservator, VII, 5. 



— 248 — 

da er niemals an die Ehe dachte, empfand er eine gewisse 
Schüchternheit gegenüber den Frauen, nicht um seiner selbst 
willen, sondern weil Frauen von Natur so leicht geneigt sind, 
geistige Vertraulichkeit und Freundlichkeit für etwas tieferes 
and ernsteres zu halten. Herr Bnrroughs hatte vielmehr den 
Verdacht, daß gewisse reife Weltdamen Absichten auf den 
Dichter hatten, der jedenfalls von weiblicher Seite bemerkens- 
wert freimütige und unkonventionelle Briefe empfing." 

Also der Dichter, der theoretisch die völlige Eman- 
zipation des Fleisches predigte, war praktisch ein keuscher 
Joseph, den auch das Weib des Potiphar nicht verf&hren 
konnte. Wunderbar, höchst wunderbar. 

Femer berichtet sein geliebtester junger Günstling, 
der damalige Trambahnkondukteur Peter Doyle: ^) 

„Nie ist mir ein Fall bekannt geworden, daß Walt sich um 
ein Weib Gkdanken gemacht hätte. In der Tat hatte er nichts 
besonderes mit irgendeinem Frauenzimmer zu tun, mit Aus- 
nahme von Frau 0*Connor und Frau Burroughs'* (den Gattinnen 
seiner intimsten literarischen Freunde). „Seine Anlage war 
anders. Das Weib in jenem Sinne kam niemals in seinen 
Kopf. Walt war zu reinlich, er haßte alles, was nicht reinlich 
war. Keine Spur von irgendwelcher Art Liederlichkeit in ihm. 
Ich muß doch wissen, wie es mit ihm in jenen Jahren bestellt 
war — wir waren schrecklich vertraut miteinander." 

Nun schildert er zwar in seinen Gedichten den Ge- 
schlechtsverkehr zwischen Mann und Weib mit besonderer 
Brutalität, um Edmund Gosses Ausdruck zu gebrauchen. 
Aber es ist in diesen Schilderungen nichts enthalten, was eine 
tiefere, seelische Beteiligung verriete. Diese Empfindung 
hat bei der Lektüre schon Henry David Thoreau ge- 
habt, der 1856 in einem Briefe äußerte: „Er feiert über- 
haupt nicht die Liebe. Es ist» als ob die Tiere sprächen.'^ 
Das ist außerordentlich treffend, und es erscheint um so 
bedeutungsvoller, wenn man mit solchen Stellen seine an 

*) Calamus. Letters written — by Walt Whitman to a 

young friend (Peter Doyle> Edited by Richard Maurice Bücke. 

Boston 1S97. 



— 249 — 

Männer und Jünglinge gerichteten Liebesgedichte ver- 
gleicht, in denen sich alle Zartheit und Innigkeit des 
Gefühls yerrät, wie sie sonst nur in der heterosexuellen 
Liebeslyrik zum Ausdruck kommt. ,Jn ^Galamus'/' sagt 
Symonds, ,,tritt das Element des Seelischen in der 
Leidenschaft, der Romantik und der tiefen, dauernden 
Empfindung, welches in dem Abschnitt über die normale 
Geschlechtsliebe beinahe durch seine Abwesenheit 
glänzte, lebhaft in den Vordergrund und verleiht der 
künstlerischen Behandlung eine besondere Wärme der 
Poesie.^' Man muß ferner bedenken, welche Nebenrolle 
in seinen Werken überhaupt die Frau spielt, wie flüchtig 
er immer über ihre Erwähnung hinweggeht, während er 
sich nicht genug tun kann, den Mann in seiner Kraft und 
Schönheit immer wieder zu verherrlichen. Sehr richtig 
sagt daher Ellis: „Eine ganz normal veranlagte Natur 
von Whitmans sehr freier literarischer Haltung würde 
dem Thema der sexuellen Beziehungen zum Weibe und 
allem, was mit der Mutterschaft zusammenhängt, viel 
mehr Baum und mehr Schwung haben verleihen müssen, 
als ihnen in Leaves of Grass gegeben wird." Daher 
schreibt Edmund Holmes mit gutem Grund, Whitman 
habe das Weib gamicht verstanden; er habe es nur in 
der Bedeutung der Mutter gewürdigt. Ein kleines Epi- 
gramm hat er allerdings auf „schöne Frauen" ge- 
dichtet; das aber lautet: 

Frauen sitzen oder bewegen sich hin und her, einige alt, 

einige jung, 
Die jungen sind schön — aber die alten sind schöner als die 

jungen. 

So spricht kein Mann, dem das Weib der Gegenstand 
geschlechtlichen Verlangens ist. 

Auch bei Robert Buchanan^) finde ich noch ein 

') The Fleshly School of Poetry and other Phenomena of 
the Daj. London 1872. Notes 8. 



— 250 — 

paar sehr wahre Worte über jene heterosexuellen 
Brutalitäten: 

„Wenn ich aas der innneren Augenscheinlichkeit dieser 
Stellen einen Schluß ziehe, muß ich sagen, daß Whitman keines- 
wegs ein Mann von starken animalischen Leidenschaften war. 
In seinen Ausdrücken liegt etwas schrecklich gewaltsames, was 
ein Epikuaräer der Lust vermieden haben würde. Dieser Teil 
seines Buches hat ihm vermutlich bedeutende Mühe gemacht; 
er ist nicht con amore geschrieben, und, abgesehen von seiner 
zwiefachen oder mystischen Bedeutung, ist er genau das, was ein 
alter Philosoph schreiben könnte, wenn er die Leidenschaft im 
trüben Licht der Erinnerung darzustellen versuchte.'* 

Ohne Zweifel hat Whitman die Würde der Frau 
begriffen; er hatte die höchste Ehrfurcht vor ihr, und 
er war gewiß kein Verächter des Weibes, wie er denn 
überhaupt nichts verachtete. Doch Ehrfurcht ist mit 
Liebe nicht identisch. Sicherlich hat er zuzeiten auch 
die Sehnsucht nach einem normalen Leben und dem 
Olück eines Gatten und Vaters empfunden. Aber dann 
wieder wollte er doch nicht anders sein, als er war, 
sondern lieber sein einsames, unstetes Los mit allen 
seinen bittersüßen Schmerzen sich erhalten, wenn er 
nur frei in den Aufregungen der Großstadt schwimmen, 
wenn er nur seine Sinne täglich an dem jugendschönen 
Bilde frischer Burschen, strammer Soldaten ergötzen 
konnte, und gerade diese Stimmung ist ganz außer- 
ordentlich charakteristisch für den geborenen Homo- 
sexuellen, der zwar theoretisch von einem anderen 
Schicksal träumen kann, aber praktisch doch trotz aller 
damit verbundenen Leiden seine Natur nicht aufgeben 
möchte, weil es eben unnatürlich ftir ihn wäre, eine 
andere Natur zu wünschen, die mit seiner ganzen Trieb- 
richtung in Widerspruch steht Es ist dies der un- 
auslöschliche Instinkt der Selbstbehauptung, dessen All- 
gemeinheit Spinoza in den Worten lehrt: „Jedes Ding, 
soweit es in sich ist, strebt in seinem Sein zu ver- 



— 251 — 

harren''; ^) derselbe Instinkt^ den er im theologisch-politischen 
Traktat^ als das höchste Gesetz der Natur bezeichnet, 
ein Gesetz, worauf er jedes einzelnen Recht zum Dasein 
und Wirken so, wie er natürlich bestimmt ist^ begründet; 
derselbe Instinkt, dem Spinozas großer Schüler, Goethe, 
im west-östlichen Divan^) poetischen Ausdruck gibt: 

Jedes Leben sei zu führen, 

Wenn man sich nicht selbst vermißt: 

Alles könne man verlieren, 

Wenn man bliebe, was man ist 

Für solchen inneren Konflikt und die instinktive 
Wahl der homosexuellen Natur, die selbst von dem, was 
sie unglücklich macht, nicht geheilt werden möchte, gibt 
es vielleicht kein merkwürdigeres Zeugnis, als in folgendem 
zweiteiligen Gedicht aus den „Trommelwirbeln'^ ent- 
halten ist: 

1. 

Gib mir die glänzende stille Sonne in blendender Strahlenpracht, 

Gib mir saftige Herbstfracht reif und rot ans dem Obstgarten, 

Gib mir ein Feld, wo das ungemähte Gras sproßt, 

Gib mir eine Laube, gib mir die Traube am Spalier, 

Gib mir frisches Rom und Weizen, gib mir die sorglos weidende 

Herde, mich Zufriedenheit zu lehren. 
Gib mir tiefruhige Nächte, wie auf dem Hochland westlich des 

Mississippi, laß mich aufechauen zu den 

Sternen, 
Gib mir, dufterfiillt bei Sonnenaufgang, einen Garten voll schöner 

Blumen, wo ich ungestört wandeln mag. 
Gib mir zur Ehe ein Lebensfrische atmendes Weib, dessen ich 

nimmer müde würde, 
Gib mir ein vollkommenes Kind, gib mir abseits vom Lärm der 

Welt auf dem Lande ein häusliches 

Leben, 
Gib mir, daß ich aus der Seele quellende Lieder schmettere, allein 

mit mir und nur für mein eigenes Ohr, 



Ethik, Pars III, Propos VI. 
') Cap. XVI, 4. 
■) VIII, 21. 



— 252 — 

Gib mir Einsamkeit, gib mir Natur, gib mir wieder, o Natur, 

deine ursprüngliche Gesundheit 

Alles dies wünschte ich mir (der endlosen Aufregung satt und 

vom Kriegsgetöse gefoltert). 
Unaufhörlich um air dies fleh" ich, und mein Hers schreit danach. 
Und doch, während ich unaufhörlich flehe, hänge ich fest an 

meiner Stadt, 
Tag für Tag und Jahr für Jahr, o Stadt, schreite ich durch 

deine Straßen, 
Wo du, solange du magst, mich gefesselt hältst und mich nicht 

loslassen willst, 
Und doch, indessen du mich übersättigst und meine Seele reich 

machst, immer und immer schenkst du 

mir neue Gesichter. 
(0, was ich fliehen wollte, ich sehe, es kommt mir entgegen, and 

mein Schrei kehrt sich wider mich, 
Ich sehe, wie meine eigene Seele niedertritt, was sie erflehte.) 

2. 

Behalte deine glänzende stille Sonne, 

Behalte deine Wälder, o Natur, und die ruhigen Stätten am 

Waldrand, 
Behalte deine Felder voll Klee und Wiesenlieschgras, deine 

Kornfelder und Obstgärten, 
Behalte das blühende Buchweizenfeld, wo die Bienen des Herbst- 

monds summen; 
Gib mir Gesichter und Straßen — gib mir diesen unablässigen, 

endlosen Zug der Gestalten auf dem 

Bürgersteig! 
Gib mir unermeßliche Augen — gib mir Frauen — gib mir 

Kameraden und liebende zu Tausenden 1 
Laß mich jeden Tag neue sehen — laß mich jeden Tag neue 

an der Hand halten I 
Gib mir solche Schauspiele — gib mir die Straßen von Manhattan. 
Gib mir den Broadway mit marschierenden Soldaten, gib mir 

den Klang der Trompeten und Trommeln! 
(Die Soldaten in Kompagnien oder Regimentern — die einen 

hinausziehend, glühend and leichtherzig, 
Andere zur Entlassung heimkehrend in gelichteten Reihen, 

jung und doch schon alt, marode, stumpf 

einherschreitend) ; 



— 253 — 

Gib mir die Kfisten und Werften, dicht nms&amt mit Bchwarzen 

Schiffen ! 

0, nur solches fär mich! 0, ein hochgespanntes Leben, yoll 

zum Überfließen und wechselreich! 

Ffir mich das Leben des Theaters, der Schenke, des gewaltigen 

Hotels, 

Der Salon des Dampfers, der Massenausflug fär mich, der 

Fackelzug! 

Die geschlossene Brigade beim Abmarsch in den Krieg, dahinter 

die hochgeladenen Train wagen; 

Menschen in endlosem Strom, mit lauten Stimmen; Leiden- 
schaften, Festaufzüge, 

Manhattans Strafien mit ihrem mächtigen Pulsschlag, mit Trommel- 
wirbeln wie eben jetzt. 

Der endlose und lärmende Chor, das Rasseln und Geklirr der 

Musketen (sogar der Anblick der Ver- 

wundetenX 
Manhattans Volksgetümmel, mit seinem brausenden, musikali- 

lischen Chor! 
Manhattans Gesichter und Augen für mich immerdar! — 

15. Wenn man aber auch geneigt ist und Grund 
hat, die heterosexuellen Stücke in Whitmans Gedichten 
fllr rein objektive Darstellungen zu halten, die er nur 
aufgenommen hat, weil es zu seinem System gehörte, die 
Heiligkeit des normalen Geschlechtslebens zu singen und 
weil der Phalluskult nicht möglich war ohne den Phallus; 
so liegt doch eine persönliche Mitteilung vor, die uns 
stutzig machen kann: er soll einmal gesagt haben, daß 
er Vater mehrerer Kinder wäre. Da man gar nichts 
näheres darüber weiß, so kann diese Sache freilich 
mythisch sein; und wenn sie auch wahr wäre, so würden 
dadurch die homosexuellen Grundzüge in Whitmans 
Wesen nicht ausgelöscht werden, überdies wäre er nicht 
der einzige Homosexuelle, der Kinder gezeugt hat Aber 
wenn man die Äußerung mit jenen heterosexuellen 
Stücken in Zusammenhang bringt, so wird man allerdings 
an Ellis' Wort erinnert, daß es nicht leicht sei, ihn 
nach dem sexuellen Gesichtspunkt zu klassifizieren, und 



— 254 — 

man sieht sich vor die Frage gestellt: Lag bei ihm viel- 
leicht Bisexualität oder tardive Homosexualität vor? 
Oder gar eine spätere Geschlechtsverwandlung, also er- 
worbene Homosexualität? Alle diese Fragen erhalten 
Nahrang durch das folgende Gedicht aus dem Galamus- 
Zyklus ^ das Symonds für die am meisten verdichtete 
und gewichtigste Äußerung Whitmans über das Thema 
der Liebe erklärt: 

Fest verankert auf ewig, o Liebe! Weib, das ich liebe! 

Braut! Gattin! Unwiderstehlicher, als ich sagen kann, 

ist der Gedanke an dich! 

Dann losgelöst, wie entkörpert oder als ein anderer wieder- 
geboren, 

Ätherisch, und mein Trost jetzt die letzte athletische Wirk- 
lichkeit,^) 

Schwinge ich mich auf und schwimme in der Begion deiner 

Liehe, o Mann, 

Du Gefahrte meines unsteten Lebens. 

Symonds scheint aus diesem Gedicht auf Whitmans 
Bisexualität zu schließen, d. h. auf das gleichzeitige 
Nebeneinanderbestehen des heterosexuellen und des homo- 
sexuellen Triebes. Das will mir nicht ganz einleuchten; 
denn obwohl von der Ewigkeit der Weibliebe geredet 
wird, löst der Dichter sich doch nach seinem Ausdruck 
Yon ihr los, und die Liebe zum Manne tritt an ihre 
Stelle. In der ältesten Fassung stand auch nicht „fest 
yerankert^^i sondern „uranfänglich'^, was eine ganz andere 
Sache ist. Wir hätten danach also kein Zusammen- 
bestehen beider Triebe, also keine eigentliche Bisexualität, 
sondern eine tardive oder erworbene Homosexualität. 



^) Wenn man die vierte Zeile mit Whitmans Interpunktion 
liest, muß sie allerdings heißen: 

Ätherisch, die letzte athletische Wirklichkeit, mein Trost 

Dies scheint mir jedoch keinen klaren Sinn zu geben; deswegen 
habe ich durch Auslassung eines Kommas den in der obigen 
Form enthaltenen, der mir besser gcfllllt, hergestellt 



~ 265 — 

Nun stand aber in der älteren Ausgabe auch nicht 
„als ein anderer wiedergeboren^'« sondern „als der Reinste 
geboren'^, was gleichfalls einen ganz anderen Sinn ergibt, 
aus dem zu folgen scheint, daß der Dichter^ wenn über- 
haupt, so doch nicht ursprünglich an eine Geschlechts- 
yerwandlung, sondern vielmehr an eine Läuterung seiner 
Oefühle gedacht hat. Nicht ganz abzuweisen wäre auch 
die Möglichkeit, daß infolge eines pathologischen Pro- 
zesses der sinnliche Zug zum Weibe erloschen und nur 
noch ein ätherisches Freundschaftsgefühl übrig geblieben 
war. Aber mit dem Ätherischen steht wieder die athletische 
Wirklichkeit im Widerspruch, wie denn auch Omnibus- 
kutscher und Soldaten gerade keine ätherischen Wesen 
sind. Wenn man sich dann erinnert, daß in seinem 
Leben die Liebe zum Weibe tatsächlich weder uran- 
fänglich noch fest verankert war, und daß Braut und Gattin 
darin nie auf der Szene erschienen sind, so hat man ge- 
gründete Veranlassung^ in diesem Gedicht die nämliche Zwei- 
teilung zwischen Theorie und Praxis vorzunehmen, die in 
den ganzen „Grashalmen^' zu konstatieren ist Theorie sind 
die ersten beiden Zeilen: er gesteht dem Weibe den 
Ehrenplatz in seiner Weltanschauung zu, ganz objektiv, 
und spricht im Namen des Durchschnittsmenschen, den 
er vorstellt, ohne es zu sein. Dagegen enthält alles 
Folgende ein subjektives Bekenntnis. Die Disposition 
zur Männerliebe hatte er immer, wie es sein Leben und 
Wesen beweist; nur ist er sich ihrer erst später bewußt 
geworden — ihres homosexuellen Charakters ja eigentlich 
niemals. Von Erwerb, der ja überhaupt niemals wahr- 
scheinlich ist, kann also keine Bede sein. 

Trotzdem wird man einräumen können^ daß Whitman 
gewisse Budimente von heterosexuellem Empfinden be- 
saß: er war kein ganz extremer Weibling. Aber diese 
Budimente waren doch nicht so bedeutend, daß man ihn 
bisexuell nennen könnte; es waren allerhöchstens zehn 



— 256 — 

Prozent, während neunzig Prozent seines Trieblebens yoII- 
kommen weiblich waren. Jedenfalls darf man behaupten: 
er war vorwiegend homosexuell. Daß diese Schätzung 
nicht willkürlich ist, wird sich aus dem folgenden Ab- 
schnitt ergeben, in dem wir endlich zu dem vierten 
Stigma seiner Homosexualität gelangen^ zu seinem 
Freundschaftsenthusiasmus von geschlechtlichem 
Grundcharakter. 

16. Das Erste, was wir über sein Verhältnis zu 
Knaben und jungen Leuten erfahren, berichtet uns Platt 
nach den Erinnerungen jenes ehemaligen Schülers aus 
seiner Lehrerzeit Er hatte ein Herz für die ihm an- 
vertraute Dorfjugendy und deswegen liebten ihn alle. Er 
war nicht streng und nicht steif, gab sich nicht den An- 
schein der Überlegenheit, aber tändelte auch nicht 
Außerhalb der Stunden verkehrte er als ein Junge unter 
Jungen und nahm an ihren Scherzspielen tätigen Anteil. 
Seine Freundlichkeit, Leutseligkeit und sein inniges Verhält- 
nis zu den Schülern nennt der Erzähler ungewöhnlich. 

Ein paar Jahre später, als der Zwanzig- bis Ein- 
undzwanzigjährige das selbstgegründete Wochenblatt redi- 
gierte, war es sein größtes Vergnügen, des Abends die 
jungen Burschen des Dorfes in der Druckerei um sich 
zu sammeln und ihnen Geschichten zu erzählen oder 
Verse zu deklamieren, und als Fünfundzwanzigjähriger, 
während er Redakteur an der Daily Aurora war, gewann 
er einen siebzehnjährigen Setzergehilfen lieb^ der mit ihm 
in dem gleichen Stockwerk arbeitete, kam oft zu ihm 
hinein, half ihm am Setzkasten und wurde überhaupt 
ganz kameradschaftlich mit ihm. Um diese Zeit ent- 
standen auch die kleineren Prosaerzählungen, die er in 
seine Werke aufgenommen hat^ unbedeutende Sachen, 



^) Novellen von Walt Whitman. Deutsch von Thea £ttlinger. 
Mit Geleitwort von Johannes Schlaf. Minden i. Westf. 1901. 



■Walt Whitman, Mlir 



— 267 — 

aber an denen es sehr charakteristisch ist^ daß sie ganz 
und gar das Knaben- und Barschenleben zum Gegenstand 
haben und nur flüchtige Andeutungen von normaler Liebe 
enthalten. 

16 a. Allmählich gewann sein Leben dann jenen ab- 
sonderlichen Charakter, der ohne den homosexuellen 
Grundzag seines Wesens gar nicht verständlich sein 
würde. Er war auf seine Arbeit angewiesen, aber er 
wußte ihr die reichlichste MuBe abzugewinnen; von 
seinem dreizehnten bis nach seinem fünfzigsten Jahre 
arbeitete er durchschnittlich nur sechs bis sieben Stunden 
jeden Tag. In der übrigen Zeit tauchte er mit Leib und 
Seele in das Volksleben ein und fraternisierte mit den 
^^kraftvollen, ungebildeten Leuten'^ die sein Ideal waren, 
also mit Naturburschen aller Art, mit der Arbeiterklasse, 
mit Athleten, Kutschern, Matrosen, Bettlern, Land- 
streichern und Prostituierten. Lazarette, Armenhäuser, 
Gefängnisse und ihre Insassen wurden ihm vertraut, 
überall in Neuyork und Brooklyn und der ländlichen 
Umgebung streifte er umher, in den verrufensten Stadt- 
teilen wurde er heimisch, mit den gefahrlichsten Elementen 
der Bevölkerung schloß er Freundschaft. Seine größte 
Lust aber war es, oben auf dem Kutschbock der Omni- 
busse den Broadway hinauf- und hinabzufahren oder auf 
den Fährbooten zwischen Neuyork und Brooklyn über 
den East River zu setzen, immer wieder, herüber und 
hinüber. Wie sehr sein Gemütsleben an diesen Fahrten 
beteiligt war, verrät uns seine Poesie. Ich zitiere ein 
paar Stellen aus dem großen Gedicht „Auf dem Brook- 
lyner Fährboot": 

Nicht besser als die andern war ich, und ließ mich treiben mit 

den andern, 

Waide mit meinem vertraulichsten Namen angerufen von den 

hellen, lauten Stimmen junger Burschen, 
wenn sie mich kommen oder vorüber- 
gehen sahen, 
Jahrbueh Vn. 17 



— 258 — 

Ffihlte ihre Anne um meinen Hals, wenn ich stand, oder wie 

ihr Fleisch sich iSssig an mich an- 
schmiegte, wenn ich saß, 

Sah viele, die ich lieben mußte, in den Straßen, auf dem Ffthr- 

boot oder in Versammlungen, und sagte 
doch nie su ihnen ein Wort davon. 

Ach, was könnte es je für mich großartigeres und wunder- 
volleres geben als das mastenumsäumte 
Manhattan? 

Als den Strom bei Sonnenuntergang, als die zackigen Wellen 

zur Flutzeit? 

Die Seemöven in wiegender Bewegung, das Heuschiff im Zwie- 
licht und den verspäteten Lichter? 

Welche Götter können herrlicher sein als die, die mich bei der 

Hand fassen und mit Stimmen, die ich 
liebe, mich laut bei meinem vertrau- 
lichsten Namen rufen, sobald ich daher- 
komme? 

Was ist zarter denn das Band, das mich an das Weib knüpft oder 

an den Mann, der mir ins Gesicht blickt? 

Was mich jetzt mit dir verschmilzt und den Sinn meiner Worte 

in dich überströmen Iftßt? 



Blickt aus, liebende und dürstende Augen, im Haus oder auf 

der Straße oder in der Versammlung! 

Ertönt, ihr Stimmen der jungen Burschen! Laut und musikalisch 

ruft mich bei meinem vertraulichsten 
Namen! 

Ungeheuer war der Gewinn, den er als Dichter aus 
der Fülle von Eindrücken erntete, die der Umgang mit 
der vieltausendköpfigen Masse in allen Lagen und Be- 
rufsarten ihm darbot Aber seine Schmeichler sind völlig 
im Irrtum, wenn sie glauben, er habe lediglich in künst- 
lerischer Absicht und zu Studienzwecken mit den Omni* 
buskutschem des Broadway und den Piloten, Matrosen 
und Deckarbeitem der Fährboote Kameradschaft ge- 
schlossen. Ebenso unzutreffend ist es, wenn Gabriel 
Sarrazin sagt, es gereiche ihm sehr zur Ehre, daß er 
diese Vorliebe für die Schichten gehabt habe, die von 



— 259 — 

den Snobs aller Länder das gemeine Volk genannt 
würden. Nein, diese Kameradschaft war ihm Selbstzweck; 
es war der Zug seiner Natur, der ihn durch seine ganze 
Laufbahn an ,^kraftYolle ungebildete Leute" fesselte. 

Ich bin verliebt in das Dasein unter freiem Himmel, 

In Männer, die mit dem Vieh leben oder den Hauch des Oseans 

oder des Waldes ausströmen, 
In Schiffbauer und Steuerleute, in Axt- und Scblegelschwinger 

und in Rosselenker, 
Woche für Woche kann ich mit ihnen essen und schlafen. 

Ein anderes Stück schildert noch deutlicher den 
Typus, zu dem er sich hingezogen fühlt: 

Der Bursche, den ich liebe, wird nicht durch Erbfall zum Mann, 

sondern aus eigener Kraft 
Eher ist er gottlos denn aus Fügsamkeit oder Furcht tugendsam. 
Seine Liebste hat er gern, sein Beefsteak schmeckt ihm wohl. 
Unerwiderte Liebe oder Mißachtung verwunden ihn schwerer 

denn scharfen Stahles Schnitt 
Meister ist er zu Roß und im Kampf, im Zentrumschuß, am 

Steuer des Segelboots wie im Lieder- 

singen und Banjospiel, 
Narbige, bärtige und blattemzerrissene Gesichter gehn ihm über 

alle glattrasierten 
Und die wettergebräunten über solche, die sich vor der Sonne 

scheuen. 

Zu diesem Gedicht bemerkt Symonds in einer An- 
merkung: ^^Dies erinnert an ein Fragment, das ich aus 
den Werken des wenig bekannten deutschen Schriftstellers 
Karl Heinrich Ulrichs übersetzt habe," (welcher ihm 
selbst übrigens sehr wohl bekannt war: er hat ihn in 
Aquila besucht und einen tiefen Eindruck von Ulrichs' 
edler und genialer Persönlichkeit empfangen). Das Frag- 
ment, das er meint, ist das oft zitierte Stück „Lieber 
ist mir ein Bursch, vom Dorf, mit schwellenden Gliedern." ^ 

Whitman und Ulrichs liebten in der Tat den gleichen 
Typus, denselben, zu dem ein Urning in Krafft-Ebings 

^) Inclosa, S. 8. 

11* 



— 260 - 

Kasuistik sich bekennt, wenn er sagt: ,,Dabei ist mein 
Geschmack keineswegs diffizil, etwa wie derjenige eines 
Dienstmädchens, das sich in einem strammen Dragoner- 
wachtmeister ihr Ideal erträumt/' Bis an sein Ende 
bewahrte der Dichter diese Neigung. Noch aus seinem 
gelähmten Alter erzählt Edmund Gosse: 

„Das Einzige, was die Kahlheit dee UinterzimmeiB, in 
welchem Whitmans gebundene Werke aufgestapelt waren, mil- 
derte, war die Photographie eines sehr schönen jungen Mannes. 
Ich befragte ihn über dieses Portrftt, und er sagte darauf aller- 
lei Bemerkenswertes. Zunächst erklärte er, das sei einer seiner 
liebsten Freunde, ein berufsmäßiger Ruderer von Kanada, ein wohl- 
bekannter sporting character. Er fügte hinzu, diese Art Leute seien 
es, die seinem Herzen am nächsten stünden, Athleten, die ein Frei- 
luftleben führen, und deren Geschäft es sei, sich frisch, rein 
und rotbackig zu erhalten. Seine Seele fliege solchen Menschen 
zu, und sie fühlten sich auch seltsam zu ihm hingezogen, so daß 
zur Zeit der niedersten Ebbe seines Glücks, da die Welt ihn 
am ärgsten schmähte und verhöhnte, reiche Männer dieser Art 
ihn ausgeforscht und sich ihm gegenüber freundlich erwiesen 
hätten." 

Nur muß hierzu nochmals bemerkt werden, dafi 
Whitmans homosexuelle Liebesrichtung komplizierter war 
und daß er, wie wir bald sehen werden, auch eine ge- 
wisse Neigung für das Zartere, Knabenhafte, ja sogar 
f&r das Umische besaß, was ja seiner starken Virilität 
und dem Prozentsatz heterosexueller Veranlagung in 
seinem Naturell vollkommen entspricht 

Von seiner Leidenschaft für Fährboote, die ihm 
„unnachahmliche, strömende, nie versagende, lebende 
Gedichte'^ bedeuteten, erzählt er selbst in den Specimen 
Days. Nun ist allerdings das Küstenpanorama rings um 
Neuyork so schön und interessant, daß auch ein Hetero- 
sexueller, der Sinn für malerische Naturszenen und buntes 
Menschentreiben besitzt, vor allem wenn er ein Dichter 
ist, nicht leicht müde werden wird, seine Augen daran 
zu berauschen. Aber bei Whitman waren es doch vor- 



— 261 — 

wiegend die Leute^ mit denen er auf seinen Überfahrten 
in Berührung kam, was ihn so sehr anzog, und er nennt 
sie an jener Stelle zum Teil sogar bei Namen. 

In demselben Buche spricht er auch von seinen 
Omnibustouren und den Kutschern: 

„Und die Männer, die speziell mit den Streckenwagen iden- 
tifiziert erscheinen itnd ihnen Leben und Bedeutung verleihen — 
die Kutscher — eine seltsame, natürliche, schnellblickende und 
erstaunliche Rasse — wie gut ich mich ihrer erinnere. — Wie 
viele Stunden, vormittags und nachmittags — wie viele erheiternde 
Nachtstunden habe ich mit ihnen verlebt — vielleicht im Juni 
oder Juli, bei kühlerem Wetter, wenn ich die ganze Broadway- 
Strecke mit ihnen fuhr. — — Ja, ich kannte damals alle 
Kutscher'* — — hier nennt er auch sie bei Namen — „diese 
und Dutzende dazu, denn es gab ihrer Hunderte. Sie hatten 
gewaltige Eigenschaften, hauptsachlich animalische — essen, 
trinken, Weiber. — — Nicht nur in Hinsicht auf Kamerad- 
schaft und manchmal liebevolle Zuneigung — auch großartige 
Studienobjekte fand ich in ihnen." 

16 b. Wie populär er durch diesen ungezwungenen 
Verkehr mit dem Volke geworden war, geht aus der 
Eünleitung zu den Calamus-Briefen hervor, wo Dr. Bücke 
von seinem ersten Besuch bei dem schon gelähmten 
Dichter erzählt, der damals noch ein Hausgenosse seines 
Bruders war: 

„Nachdem wir einige Zeit in dem Zimmer gesessen hatten, 
fuhren wir mit der Straßenbahn zum Delaware, setzten auf der 
F&hre über und legten dann in Philadelphia wieder in einem 
offenen Straßenbahnwagen mehrere Meilen die Marktstraße auf- 
wärts zurück. Unterwegs fiel mir auf, daß Männer und Knaben, 
Kutscher, Kondukteure, Fährleute, Arbeiter, Schuhputzer, Zei- 
tungsjungen und der Best meinen Begleiter fast alle zu kennen 
schienen, und der nicht mißzuverstehende Liebesblick, mit wel- 
chem viele von ihnen sein ruhiges Wort oder sein Zunicken 
erwiderten, war etwas neues in meiner Menschenerfahrung, und 
bisher ist mir noch nichts gleiches wieder aufgestoßen." 

Noch merkwürdiger sogar ist folgende Stelle aus 
W. D. O'Connors Verteidigungsschrift: 



— 262 — 

„Ich denke daran, wie ich mit ihm über die Straße ging und 
ein ihm ganz unbekannter Kutscher eines Straßenbahnwagens 
das Fahrwerk anhielt und ihn einlud, aufzusteigen und mit ihm 
zu fahren. Abenteuer dieser Art sind häufig, und in solchen 
Fällen wird immer die Erklärung gegeben: ,Ich fand Gefallen 
an Ihnen* oder ,Sie sehen wie einer von meiner Sorte aus'." 

Daß die gemütliche, volkstümliche Art einer so ge- 
winnenden und zudem hervorragenden Persönlichkeit von 
einfachen Leuten dankbar gewürdigt wurde und herzliche 
Erwiderung fand, ist ganz natürlich; Sympathie wird 
durch Sympathie geweckt. Aber das spontane Entgegen- 
kommen seitens gänzlich Fremder erscheint auffälliger. 
Solche Vorkommnisse werden von seinen Evangelisten 
einer wunderbaren^ mystischen Eigenschaft seines Wesens, 
einer Art von übermenschlichem persönlichen Magnetismus 
zugeschrieben. Demgegenüber ist es wichtig, daß der 
kritischer veranlagte Arzt Daniel G. Brinton ausdrück- 
lich sagt: „Soweit meine Erfahrung geht, hatte er nichts 
besonders anziehendes in seinem Wesen oder Verhalten. 
Er war schlicht einfach, natürlich.^' Der magnetische 
Rapport zwischen ihm und anderen Individuen wird also 
wohl davon abhängig gewesen sein, daß diese durch 
ihre Veranlagung geeignete Medien waren. Mit anderen 
Worten: es ist wahrscheinlich^ daß es mehr oder minder 
QleichfÜhlende, d. h. bis zu einem gewissen Grade umisch 
veranlagte Persönlichkeiten waren, welche solchen Magne* 
tismus empfanden. Unter diesem Gesichtspunkt ist das 
kleine Gedicht ^,Im Volksgewühl'^ sehr interessant: 

Unter Männern und FVauen, im VolksgewQhl 

Merk' ich, wie einer nach geheimen, göttlichen Zeichen mich 

herausfindet. 
Einer, der weiB, daß oiemand, weder Vater noch Weib, weder 

Gatte, Bruder oder Kind, ihm näher steht 

als ich. 
Viele lassen sich täuschen, nur dieser eine nicht — nur dieser 

eine kennt mich. 
Ah, Geliebter, der du völlig mir gleichst, 



— 268 — 

Das gerade wollt* ich: durch heimliche, ansichere Merkmale 

BoUtest du mich entdecken, 
Und wenn ich dir begegne, will ich dich ebenso entdecken. 

Dies Stück ist gewiß mehr symbolisch und geistig 
gemeint, entspricht aber ganz dem schon früher erwähnten 
nrnischen Bekenntnis bei Casper-Liman: ^^Die gütige 
Natur hat uns einen gewissen Instinkt verliehen, der uns 
gleich einer Brüderschaft vereint; wir finden uns gleich, 
es ist kaum ein Blick des Auges, wie ein elektrischer 
Schlag, und hat mich bei einiger Vorsicht noch nie ge- 
täuscht'' Ohne Zweifel beruht Whitmans Gedicht auch 
auf den gleichen EIrfahrungen. Moll verweist zwar die 
Erzählungen von dem instinktiven Erkennen der Urninge 
untereinander in das Reich der Fabel; er meint, es sei 
immer der Blick des Interesses, der zum Erkennen 
führe. Er hat darin nicht unrecht; nur die E^eminierten 
und die Werbenden sind augenblicklich erkennbar. Aber 
darum sagt Gaspers Gewährsmann dennoch über sich und 
seinesgleichen die Wahrheit; denn jener Blick des 
Interesses geht dem elektrischen Schlag eben in der 
Regel als Ursache voraus, und solchen Blick hat Whii- 
man sicherlich auf jeden hübschen, wohlgewachsenen 
Burschen gerichtet, und zudem trug er ja gewisse Stig- 
mata wie die Blume im Knopfloch und die halb entblößte 
Brust äußerlich zur Schau, so daß er nur die ursächliche 
Beziehung von Frage und Antwort darstellt, wenn er sagt: 

Weißt du, was es ist, im Vorübergehen von Fremden geliebt 

zu werden? 
Kennst du die Sprache jener surückblickenden Augäpfel? 

Wie der geschilderte elektrische Schlag, wie das Er- 
kennen auf den ersten Blick sich im günstigen Moment 
vollzieht, berichtet uns ein (Gedicht aus den „Trommel- 
wirbeln": 

Mein sonnengebrftunter Junge ans der Prärie, 

Ehe du ins Lager kamst, kam manche willkommene Gabe, 



— 264 — 

Ehren und Geschenke kamen und nahrhafte Speise, bis zuletzt 

mit den Bekniten 

Du selbst kamst, schweigsam, arm an allem, das sich ver- 
schenken Iftßt 

Kaum hatten unsere Blicke sich getroffen: 

Siehe, da gabst du mir mehr als alle Schätze der Welt 

Jedenfalls darf man versichert sein, dafi Whitman, 
da er suchte, auch gefunden hat, und daß er auch selbst 
gefunden wurde, und zwar nicht nur trotz, sondern sogar 
wegen seines früh ergrauten Haares; denn die Zahl der 
Gerontophilen, jener Homosexuellen, deren Liebestrieb 
sich werbend auf bejahrte Männer richtet, ist keineswegs 
unbeträchtlich. Deswegen wird die triumphierende Stim- 
mung, die sich in folgenden Versen ausspricht, wohl 
begründet sein: 

Und wer hat die Liebe der meisten Freunde empfangen? Denn 

ich weiß, was es ist, die leidenschaft- 
liche Liebe vieler Freunde zu empfangen. 

Und wer besitzt einen vollkommenen und verliebten Körper? 

Denn ich glaube nicht, daß irgend wer 
einen vollkommeneren und verliebteren 
Körper besitzt, als der meinige ist. 

und doch, wer viel liebt, wird auch viele Ent- 
täuschungen erleben, und der Homosexuelle am meisten. 
Darum finden wir auch, wie schon früher ersichtlich 
wurde, manches Wort schmerzlicher Klage bei Whitman. 
Ja, er bekennt, daß der ganze Galamus-Zyklus seinen 
Ursprung dem Leid unglücklicher Liebe verdankt: 

Manchmal gerate ich innerlich über einen, den ich liebe, in Wut, 

aus Furcht, meine Liebe müsse uner- 
widert verrinnen. 

Nun aber glaube ich, es gibt keine unerwiderte Liebe, der Lohn 

ist sicher, so oder so; 

(Denn glühend hab* ich einst geliebt, und meine Liebe ward 

nicht erwidert. 

Aber daraus erblühten mir diese Lieder). 

Das gleiche Herzweh äußert sich in Stellen wie die 
folgenden: 



— 265 — 

Niemals wieder werden die Klagen unerwiderter Liebe mich ver- 
lassen — . 

Das kranke, kranke Bangen vor unerwiderter Freundschaft — . 

Ihr Schmersen aus nicht befriedigter Freundschaft, (ach, von 

allen Wunden die tiefisten!) — 

und es findet besonders schmerzlichen Ausdruck in diesem 
Calamus-Gedicht : 

Wenn ich von errungenem Heldenrahm lese und von den Siegen 

mächtiger Feldherm, so beneide ich die 

Feldherm nicht, 
Noch den Pr&sidenten in seiner Präsidentschaft, noch den Reichen 

in seinem großen Hause. 
Aber wenn ich von der Brüderschaft Liebender vernehme, wie 

es ehedem bei ihnen zuging, 
Wie sie zusammenhielten durchs Leben, durch Gefahren und 

Haß, unveränderlich, lange, lange, 
Durch die Jugendzeit, durch die Jahre der Manneskraft und das 

Greisenalter, wie beständig, wie liebevoll 

und treu sie waren. 
Dann ergreift mich Schwermut — dann hastig wend* ich mich 

ab, erftlUt vom bittersten Neide. 

Aber von allen Gedichten, die in den jetzigen auto- 
risierten Gesamtausgaben enthalten sind, ist kein einziges 
ein so tief persönlicher Ausdruck leidenschaftlichster Liebes- 
schmerzen, kein einziges ein so treaes Selbstporträ.t der 
zerrissenen Seele des Homosexuellen, wie das folgende, 
das nur in der Ausgabe von 1860 steht und in allen 
späteren von dem Dichter unterdrückt wurde; bemerkens- 
wert auch durch die darin ausgesprochene Erkenntnis, 
daß er anders empfindet als andere Menschen: 

Lang* andauernde Stunden, traurig und schweren Herzens, 
Stunden der Dämmerung, wenn ich an einen einsamen und un- 
betretenen Fleck mich zurückziehe, mich 
niedersetze und mein Gesicht in die 
Hände lehne; 
Schlaflose Stunden, tief in der Nacht, wenn ich hinausgehe, hastig 

auf der Landstraße dahineile, oder durch 
die Straßen der Stadt, oder MeUen und 
Meilen wandere mit ersticktem Klagelaut; 



— 266 — 

Mutlose, sinnverwirrte Stunden — um den Einen, ohne den ich 

mich nicht zufrieden gehen kann, seit ich 
sah, daß er sich ohne mich zufirieden gab; 

Stunden, wenn ich vergessen bin, (o, Wochen und Monate gehen 

dahin, aber ich glaube, ich werde nie- 
mals vergessen!) 

Düstere und leidvolle Stunden! (Ich schäme mich — aber es 

ist nutzlos — ich bin, was ich bin;) 

Stunden meiner Pein — ob wohl andere Männer jemals die gleiche 

leiden, als Folge gleicher Empfindungen ? 

Gibt es auch nur einen andern gleich mir — sinnverwirrt — 

dem sein Freund, sein Geliebter, ver- 
loren ist? 

Ist auch er so wie ich jetzt bin? Erhebt er sich noch am Morgen 

niedergeschlagen, im Gedanken, wer ihm 
verloren ist? Und bei Nacht, wenn er 
erwacht, denkt er, wer verloren ist? 

Hegt auch er seine Freundschaft still und endlos? Hegt er seine 

Qual und seine Leidenschaft? 

Bi;ingt irgend eine zuf&Uige Erinnerung oder die gelegentliche 

Äußerung eines Namens den Anfall wieder 
über ihn, schweigsam und niedergedrückt? 

Sieht er sein SpiegelbUd in mir? In diesen Stunden, sieht er 

in ihnen das Antlitz seiner Stunden 
wiedergespiegelt? 

Gleichfalls später unterdrückt wurde ein anderes 
Stück aus der Ausgabe Ton 1860, ein Zeugnis, in welchem 
Grade die homosexuelle Liebe eine Zeitlang als die alles 
beherrschende Leidenschaft in Whümans Leben seinen 
Wissensdurst, seinen Patriotismus, seinen Ehrgeiz, seine 
Poesie zurückdrängte: 

Mögt ihr insgesamt jemand anders finden, der der Sanger 

eurer Lieder sei. 

Denn ich kann femer der Sänger eurer Lieder nicht mehr sein — 

Einer, der mich liebt, ist eifersüchtig 
auf mich und macht mich allem ab- 
wendig außer der Liebe, 

Auf das Obrige verzichte ich — wovon ich meinte, daß mir*s 

genügen würde, davon lasse ich, denn 
es genügt mir nicht — es ist jetzt leer 
und unschmackhaft für mich, 



— 267 — 

Ich kümmere mich nicht mehr um Wissen und die Herrlichkeit 

der Staaten und das Vorbild der Helden, 

Ich bin gleichgültig gegen meine eigenen Lieder — ich will mit 

dem gehen, den ich liebe, 

Es soll genug für uns sein, daß wir beisammen sind — wir 

trennen uns niemals wieder. 

Diese Dokumente seiner Homosexualität konnte er 
nicht mehr aus der Welt schaffen, ob er sie gleich nie- 
mals wieder abdruckte , und wenn er nach solchen 
Bekenntnissen den konträrsexuellen Charakter seines Em- 
pfindens verleugnet, erscheint er wie der Vogel Strauß. 

Wie er sich, zum Trotz erstarkt gegen das Vorurteil 
der normalen Majorität, das Bekenntnis seiner Homo- 
sexualität abgerungen und die weibliche Schamhaftigkeit 
überwunden, verrät uns das erste Calamus-Stück „Auf 
unbetretenen Pfaden'': 

Nicht mehr versch&mt, (denn an diesem heimlichen Fleck kann 

ich antworten, wie ich mir*s anderwärts 
nicht getrauen würde). 
In der Kraft des Lebens, das sich nicht offen enthüllt und doch 

alles umfaßt, 
Entschlossen, heute keine anderen Lieder zu singen als solche 

von männlicher Neigung, 
Entsende ich sie in die Wirklichkeit des Lebens 
und vermache euch hiermit den Typus athletischer Liebe, 
Nachmittags in diesem köstlichen Herbstmond meines einund- 
vierzigsten Jahres. 
Für alle, die junge Männer sind oder einst es waren, 
Gehe ich nun daran, das Geheimnis meiner Nächte und meiner 

Tage zu verkünden 
Und zu feiern das Sehnen nach Kameradschaft. 

Ek möge nun an einigen Beispielen nachgewiesen 
werden, wie er sich die männliche Liebe träumte und 
vielleicht sie wirklich erlebt hat 

Ihr, die ihr in späten Zeiten von mir schreiben werdet. 
Kommt, ich will euch unter dies unbewegte Äußere blicken 

lassen, ich will euch sagen, was ihr von 

mir melden sollt, 



— 268 — 

Verkündet meinen Namen und häng^ mein Bild auf als des 

zfirtlichsten Liebenden, 

Das Bild des Freundes, des Liebenden, den sein Freund, sein 

Liebhaber am liebsten hatte, 

Der nicht stolz war auf seine Gesänge, aber auf den unermeß- 
lichen Ozean von Liebe in ihm, und ihn 
freigebig ausgoß. 

Der oft auf einsamen Wegen wandelte im Gedanken an seine 

lieben Freunde, seine Liebhaber, 

Der schwermütig war, wenn dem einen fem, den er liebte, und 

oftmals in der Nacht schlaflos und un- 
befriedigt, 

Der allzuwohl das wehe, wehe Bangen kannte, ob nicht der eine, 

den er liebte, im Herzen kalt gegen ihn 
empfinden möchte. 

Dessen glücklichste Tage es waren, wenn weit hinaus durch 

Feld und Wald und über die Berge er 
und ein andrer wanderten Hand in Hand, 
sie beide abseits von allen andern. 

Der oft, wenn er durch die Straßen schlenderte, seinen Arm um 

die Schulter seines Freundes geschlungen 
hielt, während auch auf seiner Schulter 
der Arm des Freundes ruhte. 

In dem folgenden Gedicht erzählt er uns, wie er 
den Besuch „seines teuren Freundes, seines Liebhabers'^ 
einen Tag und noch einen Tag in Hoffnungsseligkeit 
erwartete: 

Und der nächste kam mit gleicher Freude, und mit dem nächsten 

zur Abendstunde kam mein Freund, 
Und in jener Nacht, wie alles still war, hdrte ich die Wellen 

langsam immerfort ans Ufer rollen. 
Ich hSrte das zischende Rauschen des Wassers und des Sandes, 

als ob es an mich gerichtet wäre, um 

mich flüsternd eu beglückwünschen. 
Denn der eine, den ich am meisten liebe, lag schlafend neben 

mir unter derselben Decke in der kühlen 

Nacht, 
In der Stille, in dem herbstlichen Mondschein war sein Gesicht 

mir zugeneigt, 
Und sein Arm lag leicht um meine Brust geschlungen — und 

in jener Nacht war ich glücklich. 



— 269 — 

Man wird durch diese Stelle an die berüchtigte Er- 
zählung des Alkibiades in Piatos „Gastmahl'* erinnert 
Whitmans Verse muten uns überaus rein und keusch 
und seelenvoll an, wenn man sie dem unverhüllten und 
schamlosen Geständnis des jungen Atheners gegenüber- 
hält, dem der Weinrausch die Zunge gelöst hatte. 
Dennoch muß man zugestehen, daß im Vergleich mit der 
Haltung des griechischen Philosophen die größere Sinn- 
lichkeit auf Seiten des amerikanischen Dichters war. 
Sokrates verlachte die Schönheit des Jünglings, der mit 
ihm unter demselben Mantel lag und ihn durch seine 
Reize verführen wollte, Whitman aber — war glücklich. 

Ein anderes Stück spricht von den zärtlichen Formen 
seines Verkehrs mit den Freunden: 

Siehe dies verbraDnte Geuicht, diese grauen Augen, 

Diesen Bart, dessen weiße Wolle angeschoren meinen Hals be- 
deckt, 

Meine braonen Hände and mein schweigsames, reizloses Wesen! 

Und doch gibt*s einen in Manhattan, der mit kräftiger Liebe 

beim Abschied stets mich leicht auf die 
Lippen küßt, 

Und ich, an der Straßenkreuzung oder auf dem Schifisdeck, er- 
widere seinen Kuß. 

Wir halten fest an diesem Gruß amerikanischer Kameraden zu 

Land und zur See, 

Wir sind beide solche natürlichen und ungezwungenen Leute. 

Was den Männerkuß als angeblichen allgemeinen 
Brauch der Amerikaner betrifft, so nimmt Whitman hier 
wohl mit Bewußtsein den Zustand, den er für die Zu- 
kunft erhofft, vorweg. Ich habe während meines zwei- 
jährigen Aufenthaltes in Amerika auch nicht ein einziges 
Mal eine derartige Szene wahrgenommen. Allerdings 
lebte ich in einer vorwiegend englischen Niederlassung, 
und unter Engländern ist das gegenseitige Küssen der 
Männer streng verpönt, wenn es auch, wie uns Dühren^) 

*) Dr. Eugen Dühren, Das Geschlechtsleben in England. 
III., Berlin, 1903. S. 18 ff. 



— 270 — 

erzählt» im achtzehnten Jahrhundert Mode war. Es mag 
wohl sein, daß die Sitte da schwankt, wo in den Ver- 
einigten Staaten viele Ahkömmlinge des europäischen 
Kontinents sich ausgehreitet hahen ; aber im großen und 
ganzen ist doch wohl angelsächsisches Zeremoniell in diesem 
Punkte noch tonangebend. 

Sehr zart, innig und bedeutungsvoll ist besonders 
folgende kleine Skizze: 

Ein AugenblickBbild, zafallig erhascht: 

Arbeiter und Fuhrleute in der Schenke rings um den Ofen 

gruppiert, spät an einem Winterabend, 
und ich unbeachtet in einer Ecke. 

Ein Jüngling, der mich liebt und den ich liebe, naht sich mir 

still und setzt sich zu mir, daß er meine 
Hand halten kann. 

Und lange, lange, mitten unter dem Lärm der Kommenden und 

Gehenden, der Trinkenden und Fluchen- 
den und ihrer schmutzigen Spaße, 

Sitzen wir beide da, zufrieden, glücklich, daß wir beisammen 

sind, und sprechen nur wenig, vielleicht 
nicht ein Wort. 

Ja, er ftlhlte sich schon befriedigt, wenn er dem 
Geliebten nur nahe sein durfte, auch unverstanden: 

du, zu dem ich oftmals schweigend komme, um bei dir zu 

sein, wo du bist, 
Wenn ich an deiner Seite gehe oder in deiner Nähe sitze oder 

in demselben Gemach mit dir verweile. 
Wie wenig ahnst du das heimliche elektrische Feuer, das um 

deinetwillen in mir züngelt. 

Auf heißeres sinnliches Begehren aber deuten ein 
paar Verse, die Symonds für typisch hält: 

Erde, mein Ebenbild, 

Unempfindlich scheinst du zwar, du weite, runde, 
Aber ich habe dich im Verdacht, daß du mehr bist; 
Ich ahne nun, daß du etwas wildes in dir trägst, das hervor- 
brechen möchte. 
Denn ein Athlet ist in mich verliebt, und ich in ihn, 



— 271 — 

Doch was mich zu ihm zieht, ist etwas wUdes und schreckliches, 

das hervorbrechen möchte, 

Ich getraue mich nicht, es in Worten auszusprechen, nicht ein- 
mal in diesen Liedern. 

Schließlich darf in diesem Zusammenhange ein ganz 
kurioses Stilleben aus dem „Sang von mir selbst '< nicht 
übergangen werden: 

Ruhe mit mir im Grase, schließe deine Kehle auf. 

Nicht Worte mdcht* ich hören, nicht Musik oder Keime, nicht 

Phrasen, keinen Vortrag, und wenn es 

der beste wäre, 
Nur das Murmeln hab* ich gern, den summenden Tonfall deiner 

Stimme. 
Ich muß daran denken, wie wir einst so dalagen an solch einem 

klaren Sommermorgen, 
Wie deinen Kopf du quer Ober meine Hüften legtest und dich 

sanft auf mir umdrehtest 
Und mir das Hemd über dem Brustbein öffnetest und die Zunge bis 

an mein entblößtes Herz hinabtauchtest 
Und hinauflangtest, bis du meinen Bart fühltest, und hinab- 
langtest, bis du meine Füße hieltest 
Alsbald zog herauf und breitete sich um mich her der Friede 

und die Erkenntnis, die da höher sind 

denn alle irdische Vernunft, 
Und ich weiß nun, daß die Hand Grottes die Verheißung meiner 

eigenen ist . 

Nur der Merkwürdigkeit wegen erwähne ich, daß 
der wunderliche Dr. Bücke von der hier geschilderten, 
sicher etwas perversen Szene das Erwachen des ,,kos- 
mischen Enthusiasmus'' inWhitmans Seele herleitet, der 
ihn zum Dichter und Propheten machte; er hätte uns 
hier sozusagen symbolisch seinen Tag von Damaskus vor 
Äugen geführt Mir scheint die Stelle nur ein weiterer 
Beweis, wie nahe verwandt seine religiöse Mystik geschlecht- 
lichem WoUustgeftihl) ja wie sie vielleicht dessen Frucht ist. 

16 c« Daß seine männliche Liebe in ihrer Außerungs- 
weise des entschieden sinnlichen Charakters nicht ent- 
behrte, ist aus allen diesen Beispielen ersichtlich. Er 



— 272 — 

verlangt darchans nach körperlicher Berfihmng^ nach 
Umschlingung und Kuß, gerade wie es Plato im ,^hädras''^) 
schildert: „Er nennt es aber und glaubt es auch nicht 
Liebe y sondern Freundschaft, wünscht aber doch eben 
wie jener, nur minder heftig, ihn zu sehen, zu berühren, 
zu umarmen, neben ihm zu liegen; und also, wie zu erwarten, 
tut er hierauf bald alles dieses/' Ätherisch kann man das 
nicht nennen. „Dieser wunderartige Genuß bei Berüh- 
rungen," sagt Ulrichs^ „ist, mir unzweifelhaft, derselbe, 
wie der, den bei Berührungen eines blühenden Burschen 
auch ein Mädchen empfindet DaßWhitman an diesen 
Formen der Befriedigung Genügen fand, muß man an- 
nehmen, wenn er uns versichert: 

Ich bewege mich bloß, dracke, fühle mit meinen Fingern, and 

bin glücklich. 
Mit meinem Leib den eines andern zu berühren, ist ungeföhr 

so viel wie ich aushalten kann. 

Ich bin geneigt, ans dieser Stelle den Schluß zu 
ziehen, daß er an sexueller Hyperästhesie litt, und daß 
diese es war, die ihn so bedürfnislos machte. Wie wohl 
bekannt und häufig das Genügen an solchem zwischen 
Aktivität und Passivität die Mitte haltenden, gleichsam 
neutralem Genuß im homosexuellen Geschlechtsverkehr 
ist, wird von Moll des Näheren ausgettlhrt. 

Daß aber wenigstens in Whitmans Phantasie 
wollüstige Bilder eine stärkere Rolle spielten, machen viele 
schwülgestimmten Gedichte wahrscheinlich, z. B. die große 
nächtliche Vision „Die Schläfer", in der er über die ganze 
Erde schweift und die Schlummernden belauscht, wie sie 
mit nackten Leibern daliegen. Ganz subjektiv sind auch 
solche Stücke, in denen er sich in die Bolle des Weibes 
hineindenkt, des Mädchens, zu dem der Mann kommt» 

^ 255. cap. XXXVI £, Schleiermachers Obersetsung. 
*) Formatrix, § 8. 



— 273 — 

oder der alten Jungfer, die hinter den Gardinen ihres 
Fensters achtundzwanzig am Strande badenden Jünglingen 
zuschaut, um dann im Geiste zu ihnen hinauszueilen tmd 
mit zitternd abwärts gleitender Hand die Leiber der auf 
dem Rücken treibenden, deren weißer Bauch sich in der 
Sonne wölbt, zu betasten. Sehr merkwürdig sind ferner 
die Stellen, wo er sich mit seinem Buche identifiziert 
und dadurch in seiner Idee mit dem Leser in sinnlichen 
Rapport tritt Man merkt, wie derartige Phantasien ihn 
aufregen: 

Oder wenn da willst, so verbirg mich unter deinem Kleid, 
Wo ich den Schlag deines Herzens fahlen and an deiner Hüfte 

rahen kann, 
Nimm so mich mit dir, wenn da über Land and Meer ziehst; 
Denn dich nar za berühren, genügt mir und ist am schönsten, 
Und wenn ich dich so berühre, möchte ich still schlafend ewig 

von dir getragen werden. 

Besonders charakteristisch ist in diesen Fälleu die 
vollkommen weibliche Art seines Empfindens. Man 
sollte erwarten, daß er als Dichter, der den Geist des 
Lesenden befruchtet, sich iu einer männlichen Rolle 
fühlen müßte; aber das Gegenteil ist der Fall: den Leser, 
der ihn liest, betrachtet er wie den Mann, der das Weib 
überwältigt Ganz eigentümlich wirkt in diesem Sinne 
ein Passus aus dem Äbschiedsgedicht, in dem sich der 
Gedanke an das Sterben mit der Vorstellung, wie er nach 
seinem Tode gelesen wird, Terschmilzt und beide Vor- 
stellungen im Bilde des Orgasmus eines wollüstig em- 
pfangenden Weibes zusammenfließen: 

Camerado, dies ist kein Bach, 

Wer dies berührt, berührt einen Mann, 

(Ist es Nacht? Siud wir hier allein beisammen?) 

Ich bin es, den du hältst and der dich hält. 

Ich springe aas den Seiten in deine Arme — das Scheiden 

ruft mich ab. 
0, wie deine Finger mich einschläfern, 

Jahrbuch YIL IB 



— 274 — 

Dein Atem f^llt Ober mich wie Tau, dein Pals lullt die Trommeln 

meiner Ohren ein, 
Ich fühle, wie ich versinke vom Kopf bis zu den Fußen — 
Köstlich! Genug! 

16 d. Wir wollen nun noch einen Blick auf die Eriegs- 
jahre werfen, in denen sein Trieb sich als Soldaten- 
liebe äußerte, die unter den Homosexuellen eine solche 
Rolle spielt, daß Symonds sich gedrungen fühlte, ihr 
in dem mit Ellis gemeinsam verfaßten Buche ein be- 
sonderes Kapitel zu widmen. „Je weiblicher des Urnings 
Gemüt, ein desto männlicherer Dioning ist erforderlich, 
um in ihm Liebe zu erregen,'^ schreibt Ulrichs^] „Ein 
mehr weiblicher Urning wird die größeren Extreme lieben: 
echte „Burschen'^ und fixe kernige Soldaten. So will es 
das Gesetz der Natur/' „Der Soldat bildet den Traum 
vieler Uranisten/' heißt es in M. A. Raffalovichs 
Einleitung zu dem „Roman eines Konträrsexuellen/''] 
Man begreift daher, daß die Zeit» als das Militär in den 
Vereinigten Staaten vorübergehend in den Vordergrund 
trat und ihm reichlichste Gelegenheit geboten wurde, mit 
Soldaten zu fraternisieren, den Höhepunkt von Whitmans 
Leben bildet Wenn man von seinem wundertätigen 
Magnetismus spricht, soll man auch jenen Magnetismus 
nicht vergessen, den die jungen Krieger auf ihn selbst 
ausübten und der ihn beseligend durchströmte. Wie 
anderwärts Liebe und Religion, so schmolzen hier bei 
ihm Liebe und Patriotismus in eins zusammen, und eben 
dadurch wurden die Gedichte dieser Periode, die „Trommel- 
wirbe^^ seine Glanzleistung. 

Wir haben oben schon gesehen, daß der Krieg be- 
reits beinahe P/^ Jahr gedauert hatte, ehe er durch 
einen Zufall in die Lazarette geführt und dort gefesselt 
wurde. Vorher hatte er sein ganzes Augenmerk auf die 



») Ära Spei; VI, g 139. 

*) Deutsch Ton Wilhelm Thal, Leipzig 1899, S. 17. 



— 275 — 

gesunden Mannschaften gerichtet ^^Selbst die typischen 
Soldaten I mit denen ich persönlich intim befreundet ge- 
wesen bin/' erzählt er „ — es scheint mir, wenn ich eine 
liiste von ihnen zu machen hätte, w&rde sie so lang wie 
ein städtisches Adreßbuch werden.'^ So oft Truppen durch 
die Stadt marschierten, pflanzte er sich am Bande des 
Bürgersteigs auf und verschlang sie mit seinen Blicken. 
Seine Freude an ihren kräftigen Gestalten kommt in den 
Gedichten vielfach zum Ausdruck. Bemerkenswert sind 
seine Elrinnerungen an den Durchzug südstaatlicher 
Deserteure: 

„Ich stand ganz nahe dabei, und mehrere recht hübsche 
jange Leate (aber ach, von welchem Elend erzählte ihre Er- 
scheinung) nickten mir zu oder sprachen ein fluchtiges Wort zu 
mir; ohne Zweifel lasen sie Mitleid und Väterlichkeit in meinem 
Gesicht, denn mein Herz war voll genug davon. — — Ein 
Bursche aus West -Tennessee — große, klare, dunkelbraune 
Augen, sehr schön — wußte nicht, wofür er mich nehmen 
sollte — vertraute mir endlich, daß er großes Verlangen hfttte, 
sich reine Unterkleider und ein paar anständige Hosen zu ver- 
schaffen. Wünschte eine Gelegenheit, sich ordentlich zu waschen 
und das Unterzeug anzuziehen. Ich hatte das sehr große Ver- 
gnügen, ihm bei der Verwirklichung dieser anerkennenswerten 
Absichten behilflich zu sein.'' 

Aus dem Lager bei Culpepper schreibt er: 

„Ich hatte gar keine Schwierigkeit, mich unter Soldaten, 
Train und allerlei, heimisch zu machen — ich finde beinahe 
immer, daß sie es sehr gern sehen, mich bei sich zu haben; 
es scheint ihnen gut zu tun. Ohne Zweifel fühlen sie bald, 
daß mein Herz und meine Sympathien aufrichtig mit ihnen 
sind, und es ist sowohl etwas neues wie ein Vergnügen far sie 
und rührt ihre Gefühle, und so tut^s ihnen zweifellos gut — 
wie ganz gewiß auch mir selbst'* 

Aber die Jahre in den Lazaretten, wo die jungen 
Burschen, denen sein Herz gehörte, verwundet, krank, 
hilflos, verlassen, seiner unermüdlichen Pflege anvertraut 
waren, wo er ihnen dienen durfte und ftlr sie sorgen wie 
eine Mutter für ihre Söhne, wie eine Braut ftlr den Ge- 
is* 



— 276 — 

liebten, wie eine barmherzige Schwester für die Müh- 
seligen und Beladenen, diese Jahre, in denen das Mitleid 
seine Liebe und die Liebe sein Mitleid durchglühte und 
steigerte, das war die Zeit^ wo alles, was urnisch an ihm 
war, seine rechte Stätte im Menschheitsdienst fand, wo 
alles Abnorme sich einfügte in die große Ordnung der 
Dinge, wo er, nicht obgleich, sondern weil er ein Urning 
war, wie ein begnadeter Wundertäter tröstend, heilend, 
rettend unter den Opfern des schrecklichen Krieges wirken 
durfte. Von Ärzten, die ihn beobachtet haben, wird 
seine eigene Überzeugung bestätigt, daß unter seiner Hand 
viele dem Leben erhalten blieben, die schon verloren 
schienen, und solche, denen er geholfen hat, erinnern 
sich, daß er unter ihnen einherging als ein Mensch mit 
dem Angesicht eines Engels. Aber sollen wir darum 
glauben, daß ihm magische Kräfte verliehen waren, wie 
seine Erzapostel es tun? Ich sehe dazu kein Bedürfnis. 
Es ging alles mit natürlichen Dingen zu. Das liebende 
Weib in seiner Seele, — das ist die Lösung des Rätsels. 

Von seiner Arbeit in den Lazaretten erzählt das 
Gedicht ,JDer Wundarzt": 

In zorniger Erregung hatt' ich zuerst Alarm schlagen wollen und 

anfeuern zum Krieg bis aufs Messer, 

Aber bald versagten mir die Hände, mein Haupt senkte sich, 

und ich ließ mir daran genügen, 

Bei den Verwundeten zu sitzen und ihre Leiden zu lindem oder 

still bei den Toten zu wachen* 

An den langen Reihen der Feldbetten rechts und links schreite 

ich hinauf und hinab. 
An alle nacheinander trete ich heran, nicht ein einziges ver- 

silume ich. 

Weiter geh* ich, und wieder halt' ich. 

Mit gebeugtem Knie und sicherer Hand, Wunden zu verbinden. 
Ich bin fest gegen jeden, die Schmerzen sind scharf, aber un- 
vermeidlich. 



— 277 — 

Einer wendet seine flehenden Augen wi mir — armer Junge 

leb habe dich nie gekannt, 

Aber ich meine, ich könnte dir*8 nicht versagen, augenblicklich 

fEür dich zu sterben, wenn das dich 
retten würde. 

Ich bin getreu, ich lasse nicht nach. 

Den zerschmetterten Schenkel, das Knie, die Wunde im Unterleib, 
Diese und andere mehr verbinde ich mit fählloser Hand, 
(Doch tief in meiner Brust ein Feuer, eine brennende Flamme). 

So in den Bildern meiner stillen Trlume 

Schau* ich rückwftrts, durchleb* ich^s noch einmal, mach* ich 

meinen Weg durch die Lazarette, 

Beruhige mit lindernder Hand die Verletzten und Verwundeten, 

Sitze bei den Ruhelosen durch die ganze dunkle Nacht: manche 

sind so jung, 

Manche leiden so sehr, ich gedenke, wie süß und wie traurig 

es alles war, 

(So manches Soldaten liebende Arme haben diesen Hals um- 
schlungen gehalten. 

So manches Soldaten Kuß ruht auf diesen bftrtigen Lippen). 

Am besten wird sein Gefiihlsleben während dieses 
Lazarettdienstes durch seine eigenen Briefe^) erläutert, 
und 80 mögen einige Auszüge daraus folgen: 

So lernt man jeden Tag besondere und interessante Charak- 
tere kennen und kommt in ein intimes und bald liebevolles Ver- 
hältnis zu edlen amerikanischen jungen Männern; und hier ist*s, 

wo das wirkliche Gute, das man tun kann, erst recht beginnt. 

Ich kann bezeugen, daß Freundschaft tatsächlich ein Fieber und 
die Medizin täglicher Liebe eine schlimme Wunde kuriert hat. 
In diesen Worten steckt schließlich das ganze Geheimnis, wie mau 
die Rolle eines Hospital-Missionars unter unseren Soldaten richtig 
durchführen kann, und ich sage das für die, welche sie verstehen 
wollen." 

„Ich finde es in mancher Hinsicht eigentümlich faszinierend, 
so traurig es alles ist Auch beschränkt es sich nicht darauf, daß 

*) The Wound Dresser. A Series of Letters. By Walt 

W h i t m a n. Edited by Richard Maurice Bücke, M. D. Boston, 1 898. 



— 278 — 

ich den kranken und sterbenden Soldaten ein wenig wohltat. Sie 
tun mir auch ihrerseits wohl, mehr als ich ihnen/* 

,,Er war schon so gut wie im Sterben. Er benahm sich 
sehr mannhaft und liebevoll. Den Kuß, den ich ihm gab, als ich 
fortgehen wollte, erwiderte er yierfach/' 

„Die Tätigkeit des Armeehospital-Besuchers ist wirklich ein 
Handwerk, eine Kunst, die sowohl Erfahrung wie natfirliche An- 
lagen und die größte Einsicht erfordert, — scharfe, kritische Ffthig- 
keiten, aber im vollsten Geist menschlicher Sympathie und grenzen- 
loser Liebe. Die Leute fühlen solche Liebe mehr als irgend etwas 
anderes. Ich bin sehr wenigen Personen begegnet, die begreifen, 
wie wichtig es ist, dem Sehnen nach Liebe und Freundschaft nach- 
zugeben, das diese jungen Amerikaner empfinden, die hier krank 
und verwundet damiederliegen/* 

„Viele von den Verwundeten sind zwischen fünfoehn und 
zwanzig Jahren alt.^* 

„Für viele der Verwundeten und Kranken, besonders die 
Jungens, liegt in persönlicher Liebe, Liebkosungen und dem mag- 
netischen Strom von Sympathie und Freundschaft etwas, das, in 
seiner Art, mehr nützt als alle Arznei der Weif 

„Der amerikanische Soldat ist voller Liebe und der Sehnsucht 
nach Liebe. Und es tut ihm wunderbar wohl, daß diese Sehnsucht 
befriedigt wird, wenn er an schmerzhaften Wunden oder Krank- 
heit damiederliegt, fem von seiner Heimat, unter Fremden.*' 

„Die Arbeit fesselt mich immer mehr und fasziniert mich — 
es ist das Ergreifendste, was man sehen kann, diese Menge armer 
kranker und verwundeter junger Leute, die so sehr darauf an- 
gewiesen sind, daß ich sie kose oder beruhige oder füttere — bei 
ihnen sitzend und sie mit ihrem Mittag- oder Abendbrot fütternd. — 
Niemand als ich ist dazu zu brauchen." 

„Du kannst Dir nicht vorstellen, wie diese kranken und 
sterbenden Jungens an einem hängen, und wie faszinierend es ist.*' 

„Ich glaube, niemals haben Männer einander so geliebt, wie 
ich und einige dieser armen verwundeten, kranken und -sterbenden 
Männer einander lieben.** 

„Vor allem empfänglich sind die armen Jungen für mag- 
netische Freundschaft und Persönlichkeit (manche sind so glühend, 
hungern so sehr danach) — arme Burschen, wie jung sie sind, 
wie sie da liegen mit ihren blassen Gesichtern und diesem stummen 
Blick in ihren Augen. 0, wie man sie lieb gewinnt — oft, be- 
sondere Fälle, 60 geduldig, so gut, so männlich und liebevoll — 
viele von ihnen wie Kinder. — — Eice Menge von ihnen haben 



— 279 — 

sich schon daran gewöhnt, wenn ich des Abends heimgehe, daß 
wir einander küssen, manchmal eine ganze Zahl; ich muß die 
Runde machen, arme Jungen. Das Soldatenleben im Felde weiß 
wenig von Liebkosungen, aber ich weiß, was in ihren Herzen ist und 
immer wartet, auch wenn sie selbst sich dessen nicht bewußt sind." 
„Ich kann*8 nicht beschreiben, was für gegenseitige An- 
hänglichkeit unter diesen jungen Amerikanern lebt, und wie über- 
aus tief und zärtlich diese Jungen sind. Manche sind gestorben ; aber 
die Liebe zu ihnen lebt solange wie ich atme. Und diese Soldaten 
wissen auch zu lieben, wenn einmal die richtige Person und die 
richtige Liebe ihnen geboten wird." 

„Ich glaube, der Grund, warum ich imstande bin, etwas unter 
den armen schmachtenden und verwundeten Jungen zu nützen, lieg 
darin, daß ich so dick und wohl bin — wirklich wie ein großer, 
wilder Büffel, mit viel Haar. Viele von den Soldaten sind aus 
dem Westen und dem äußersten Norden, und sie fühlen sich hin- 
gezogen zu einem Mann, der nicht den gebleichten, glatten und 
barbierten Zuschnitt der Städte und des Ostens hat." 

Ich könnte noch erzählen, wie er sich für jeden 
Lazaretthesuch durch reichlichen Schlaf stärkte und wie 
er sich durch ein Bad^ durch frische Wäsche und eine 
Blume im Knopfloch möglichst appetitlich machte; ich 
könnte auch von dem großen Sack mit Liebesgaben be- 
richten, den er gleich dem Heiligen Christ täglich mit 
sich zu bringen pflegte: der Magnetismus, der an solchen 
Gaben hängt, bedarf gewiß keiner mystischen Deutung. 
Aber die Sprache dieser Briefe ist so beredt, daß es 
überflüssig wäre, auch nur ein Wort hinzuzufügen. Das 
Merkwürdige ist nur^ wie naiv und unschuldig er von 
solchen Gefühlen spricht, die doch eine Anomalie seiner 
Veranlagung voraussetzen. So unschuldig, so ohne jeden 
Schatten des Zweifels an ihrem natürlichen Recht war 
allein die Liebe der Griechen. Aber ob dies nicht das 
Richtige ist? Denn die Natur, die den Trieb schuf, gab 
ihm nicht das böse Gewissen als Beigabe; das ist erst 
gewachsen in einer dunklen Zeit, die alles Natürliche 
verdammte. Wird dieser an sich schuldlose Trieb niemals 
seine ursprüngliche Unschuld zurückgewinnen? 



— 280 — 

Wie übrigens fast jeder Uranier einen ganz be- 
stimmten Typus bevorzugt oder ausschließlich begehrt, 
80 scheint es der Yankeetypus gewesen zu sein^ dem 
Whitmans Herz gehörte. Denn an einer Stelle schreibt 
er: ,Jch halte immer weniger von Ausländem in diesem 
Kriege. Was ich sehe, besonders in den Hospitälern, 
überzeugt mich, daß es für dringende Notfälle keinen 
anderen Stamm gibt als den eingeboren amerikanischen 
— keinen anderen Namen, durch welchen wir können 
selig werden.^' Man kann wirklich nur annehmen, daß 
sich das sexuelle Moment bei ihm mit einem gewissen 
engherzigen Nationalismus verbunden hatte, um solches 
Urteil zu zeitigen. In den Specimen Days erwähnt er 
selbst, daß oftmals durchschnittlich lOÜOO Deserteure 
von der Nordarmee auf jeden Monat kamen. Waren das 
etwa keine Yankees? Und ist es nicht bekannt, wie brav 
die Deutschen damals mitgefochten haben? An der Grenze 
des ihm gemäßen Typus scheint auch die Grenze seiner 
Gerechtigkeit zu liegen, und das ist wieder echt weiblich. 

Auffallend ist es in den Lazarettbriefen, daß er, 
dessen Neigung so oft der rauhen Kraft zugewandt war, 
hier für ganz zarte Jünglinge, halbe Knaben, eine be- 
sondere Zärtlichkeit empfindet. Diese wird wohl zum 
Teil durch das Mitleid mit ihrer rührenden Hilflosigkeit, 
durch einen mütterlichen Zug erklärt, aber doch nur zum 
Teil. Es gibt eben Urninge von eigentümlicher Mischung 
des Männlichen und des Weiblichen, in denen bald der eine, 
bald der andere Geschlechtscharakter vorvdegt, und die 
demgemäß manchmal mehr für die Stärke, manchmal 
mehr für die Zartheit empfinden. Solche komplizierten 
Naturen sind auch imstande, unter Umständen Urninge 
zu lieben, die den rein weiblichen Urning kalt lassen 
oder gar abstoßen. Und mir scheint , daß Whitman 
etwas von dieser schwankenden GefÜhlsrichtung besaß. 
Er legt viel Wert darauf, daß seine Küsse nicht nur 



— 281 — 

geduldet, sondern erwidert werden. In jenem ergreifend 
schönen Gedicht aus den y,Trommel wirbeln": „Seltsame 
Toten wacht hielt ich im Feld eine Nacht'S heißt es 
ausdrücklich: 

Im Tode erkaltet fand ich dich, lieber Kamerad, deine Leiche 

fand ich 9 o Sohn, der oft meine Küsse 
erwiderte (wörtlich: son of responding 
kisses), ach, die du nie mehr aaf Erden 
erwidern wirst. 

Diese Erwiderung deutet auf den Urning. Denn ein 
heterosexueller Jünglinge der die Liebe des Urnings 
annimmt, läßt sie sich eben nur gefallen. In diesem 
Sinne sagt Ulrichs^): ,,Der umische Kuß kann nur 
einseitigen Liebesgenuß gewähren. — Um den dionischen 
Kuß beneide ich die Weiber. Mein Geliebter küßt mich, 
ach, so kalt" 

16 e. Es wird deshalb auch nicht überraschen, wenn 
wir zu dem Schlüsse gelangen, daß das einzige dauernde 
,, Verhältnis", das wir aus Whitmans Leben näher kennen, 
ein Bündnis mit einem Urning war. Zweifellos hat er 
viele Dioninge geliebt; aber in solchen Fällen war die 
Liebe eben meist, wie natürlich, eine unerwiderte, un- 
glückliche. Dagegen kann ein Liebesbund zwischen zwei 
Urningen ganz den Charakter einer glücklichen Ehe an- 
nehmen, und wie eine solche erscheinen uns Whitmans 
langjährige Beziehungen zu Peter Doyle. 

Gerade wie ehedem in Neuyork schloß er auch 
in Washington wieder Freundschaftsbündnisse mit den 
Straßenbahnkutschern und -kondukteuren, und auch Doyle 
gehörte zu den letzteren. Aber das Besondere ist, daß 
es in diesem Falle nicht Whitman selbst, sondern der 
junge Bursche war, der die Initiative ergriff. Bucke^ 



>) Formatrix, § 8. 

') Einleitung zu den Calamos-Briefen, S. 18. 



— 282 — 

gibt zu, daß die Freundschaft zwischen Whitman und 
Doyle, verglichen mit dem Durchschnittsgef&hl, das man 
so nennt, ganz ohne Zweifel außergewöhnlich und be- 
merkenswert war. Doch meint er, es sei aus vielen 
erhaltenen Briefen an verschiedene andere junge Männer 
eine ähnliche Zuneigung zu schließen, ganz abgesehen 
von dem Calamus- Zyklus der Gedichte, den Whitman 
schuf, ehe er Doyle kannte. Durch alles dies soll nach 
seinem Urteil Whitmans phänomenale Anlage zur Freund- 
schaft bewiesen werden. Die Tatsache ist jedenfalls richtig; 
nur muß man das Wort „Freundschaft*' durch ein wärmeres 
ersetzen, um es geradezu zu sagen: der Dichter war als 
Homosexueller polygamisch veranlagt. Aber um so be* 
merkenswerter ist die Treue, die er dem Peter Doyle 
bewahrte. 

Um die Elrlaubnis zur Veröffentlichung der an ihn 
gerichteten Briefe von Whitmans Hand zu erhalten, be- 
suchte Bücke in Traubeis Begleitung den damals 
schon achtundvierzigjährigen Günstling des verstorbenen 
Dichters, der inzwischen Eisenbahnpackmeister geworden 
war. Doyle tat erst einige Fragen, bevor er seine Zu- 
stimmung gab; dann aber weigerte er sich nicht mehr, 
„da er sich in Buckes Händen gänzlich sicher fühle.'' 
Darauf machte er mündliche Mitteilungen über sein Ver- 
hältnis zu Whitman, die Träubel protokollierte. Unter 
anderem sagte er, daß er den alten Freund während der 
letzten drei oder vier Jahre seines Lebens nur noch 
selten besucht habe, und gab den Grund an. Ehedem 
habe er Whitmans Tür immer offen gefunden; nun aber 
hätte er bei der Haushälterin, einem Wärter und wer 
weiß bei wem sonst noch Spießruten laufen müssen. 
Irgend etwas habe ihm das unmöglich gemacht „Es 
schien, als ob die Dinge nicht waren, wie sie sein sollten«'' 
Geht nicht sowohl aus dem Wort, er fühle sich in Buckes 
Händen gänzlich sicher, wie aus der Scheu vor Whitmans 



>^fe&2£^-;^5.^f^^ ' 



— 283 — 

Pflegepersonal hervor, daß er ein Gefühl hatte, als ob 
irgend etwas zu verbergen sei? Nicht als ob er ein 
böses Gewissen gehabt hätte; aber er muß wenigstens 
üble Auslegungen geftlrchtet haben. 

Peter Doyle war ein geborener Irländer und kam 
als zweijähriges Kind mit seinen Eltern nach Amerika. 
Er war, als er den Dichter kennen lernte, ein neunzehn- 
jähriger Bursche. Von ihrer ersten Begegnung erzählt er: 

yyEs ist eine sonderbare Geschichte. Wir fQhlten uns sofort 
zueinander hingezogen. Ich war ein Kondukteur. Die Nacht war 
sehr stürmisch — er war drüben gewesen, um Burroughs zu be- 
suchen, ehe er herunterkam, um den Straßenbahnwagen zu benutzen 
— der Sturm war schrecklich. Walt hatte seine wollene Decke — 
sie war um seine Schultern geschlagen — er erschien wie ein alter 
Seekapitftn. Er war der einzige Passagier, es war eine einsame 
Nacht. So dachte ich: ich will hineingehen und mit ihm reden. 
Etwas in mir trieb mich, es zu tun, uud etwas in ihm zog mich 
in dieser Richtung. Er pflegte zu sagen, es sei etwas in mir ge- 
wesen, das auf ihn die gleiche Wirkung hatte. Gleichviel, ich 
trat in den Wagen. Wir waren sofort vertraut — ich legte 
meine Hand auf sein Knie — wir verstanden. Er stieg 
am Ende der Tour nicht aus, fuhr vielmehr den ganzen Weg 
wieder mit mir zurück. Ich meine, das war 1866. Von dieser 
Zeit an waren wir die dicksten Freunde." 

„Ich legte meine Hand auf sein Knie^ — wir ver- 
standen^^ — das ist so typisch für die Verständigung 
unter Homosexuellen, daß man allen Grund hat, aus 
diesen Worten auf Doyles umische Veranlagung zu 
schließen. Dem widerspricht auch sein den Briefen bei- 
gegebenes, leider nach einer recht mangelhaften Photo- 
graphie gezeichnetes Porträt keineswegs. Es kommt nicht 
entfernt dem Typus der „letzten athletischen Wirklichkeit" 
nahe, für die Whitman sonst schwärmte.^] und auch etwas 



*) Ein zweites gemeinschaftliches Porträt Whitmans und seines 
Freundes ging dem Herausgeber des ,, Jahrbuchs'* erst während 
des Druckes aus Amerika zu, und wir sind in der glücklichen 
Lage, es nebenstehend wiedergeben zu können. Die Unterschrift 
ist von des Dichters eigener Hand. Hiemach hätte Doyle sich 



„ 284 — 

Gerontophilie spielte wohl bei ihm mit, da Whitman 
damals schon lange völlig ergraut war. 

Trotzdem besteht keinerlei Nötigung, dem nun 
folgenden langjährigen Verhältnis einen Charakter bei- 
zumessen, dessen sexuelle Formen über Whitmans in den 
Calamus-Gedichten eingestandene Betätigungs weise hinaus- 
gingen. Man ist allerdings auch nicht genötigt, ihn ganz 
zu bezweifeln; aber man muß diese Frage offen lassen. 
Wenn Whitman sich auf das beschränkte, was er in 
jenen Gedichten schildert, so erklärt sich das eben aus 
seiner Konstitution, der solche neutrale Betätigung gemäß 
war und genügte, nicht aus moralischen Skrupeln; für 
ihn war diese Form eben wahrscheinlich schon das 
Extrem. Wer ihr aber das homosexuelle Element ab- 
zusprechen wagt, Terliert die Berechtigung, wissenschaft- 
lich ernst genommen zu werden. 

Whitmans Briefe an seinen jungen Freund erstrecken 
sich über einen Zeitraum von dreizehn Jahren. Viele 
sind jedoch verloren gegangen, und es ist möglich, daß 
die erhaltenen uns nicht die ganze Geschichte erzählen. 
Aber in diesen jedenfalls finden sich keine Indizien, auf 
die eine etwaige Anklage sich hätte stützen können. Sie 
zeigen uns freilich, daß der Dichter unermüdlich auf das 
Wohl seines Günstlings bedacht war und ihn fortgesetzt 
reichlich mit Geld versorgte, wie eben auch sonst in 
homosexuellen Verhältnissen der ältere Liebhaber sich 
den jungen Geliebten durch materielle Unterstützung 
geneigt und willfährig zu erhalten pflegt Auch findet 

um ein Jahr verrechnet und die Bekanntschaft würde schon von 
1865 herrühren, wo er erst achtzehn Jahre zählte. Die Be- 
zeichnung „his rebel soldier-friend^' darf jedoch nicht mißverstanden 
werden. Doyle, der in Virginien aufgewachsen war, hatte aller- 
dings am Kriege als Soldat im Heere der Rebellenstaaten teil- 
genommen; aber Whitman lernte Ihn, wie wir sahen, erst nach 
seiner Entlassung kennen, als er den Posten eines Pferdebahn- 
schaffners in Washington bekleidete. 



— 285 — 

sich in ihnen gar keine Andeutung, daß irgend etwas 
wie ein geistiges Band diese beiden Seelen Tereinigte, 
sondern sie sind auffallend alltäglich, so daß man daraus 
schließen muß, der Dichter habe den Pferdebahnschaffner 
nicht zu sich erhoben, sondern sich zu seinem Niveau 
hinuntergelassen. Allein sie tragen keinerlei sinnlichen, 
sondern eher einen väterlichen Charakter, und Symonds, 
der sie noch im Manuskript gelesen hatte, schreibt dar- 
über: „Sie atmen eine Reinheit und Einfalt der Liebe, 
eine Naivetät und Vernünftigkeit, die sehr bemerkenswert 
sind, wenn man die unverkennbare Gefühlsintensität in 
Betracht zieht'^ Indessen muß man bedenken, daß eine 
Liebe rein und doch sinnlich sein kann, wenn der Liebes- 
trieb aus der natürlichen Anlage erwächst; denn die 
Natur kennt keine Unreinheit. Und ferner besagt solche 
Reinheit im brieflichen Verkehr überhaupt nichts; denn 
auch in den Briefen von heterosexuellen Verliebten wird 
das Geschlechtliche gewöhnlich nicht berührt Was aber 
hauptsächlich im Auge zu halten ist: die Briefe beginnen 
erst, nachdem das Verhältnis schon zwei Jahre gedauert 
hatte; es sind also keine Zeugnisse über die erste Zeit 
leidenschaftlicher Hingebung, keine Liebesbriefe, sondern 
die Korrespondenz längst verheirateter Eheleute, in deren 
Herzen vielleicht die Gewohnheit alle Sinnlichkeit ab- 
gestumpft hatte. Wahrscheinlich war, als sie begannen, 
der Rausch schon vorüber und hatte wirklich nur ein 
ganz gesetztes freundschaftliches Empfinden zurück« 
gelassen. 

Das Wichtigste für unsere Betrachtung ist also, was 
diesem Briefwechsel vorausgegangen war und was ihm 
unausgesprochen zugrunde liegt In diesem, in der 
Tatsache, daß der Dichter auf den ersten Blick einem 
neunzehnjährigen, ungebildeten Pferdebahnschaffner ver- 
fallen und fortan, solange sie in derselben Stadt lebten, 
sein unzertrennlicher Gefährte war, finden wir die Be- 



— 286 — 

stätigung ftir die Realität der in den Calamus-Liedern 
poetisch ausgesprochenen homosexuellen Triebrichtung. 
Wenn daher Platt sagt: i^Es ist nicht überraschend, daß 
einige dei* Gedichte in diesem Abschnitt der kritischen 
Analyse Schwierigkeiten dargeboten haben, so fein ist 
der Ausdruck und so mystisch der Gedanke^': so darf 
man dem getrost Whitmans Leben und seine eigenen 
Worte entgegenhalten. Besonders kommt hier eins der 
Galamusstücke in Betracht, dessen erste Zeile er bei der 
späteren vertuschenden Revision bezeichnenderweise aus- 
gemerzt hat: 

Hier mein letztes Wort und das allerverblüffendste, 

Hier meine zartesten Blätter und doch die stärksten und 

dauerndsten, 

Hier umschatte und verstecke ich meine Gedanken; nicht ich 

bin es, der sie enthüllt, 

Und doch enthüllen sie mich mehr als alle meine andern Gedichte. 

!?• Ich hatte mir die Aufgabe gestellt, Walt Whit- 
mans eingeborene homosexuelle Natur, die mit so großer 
Anmaßung abgeleugnet worden war, zu beweisen, und 
ich bin mir bewußt, daß mir die Lösung gelungen ist« 
Aber ich hoffe auch den Nachweis geführt zu haben, 
daß er, trotz so mancher fragwürdigen Seite in seinem 
Wesen, zu den höheren Homosexuellen gehörte, daß er 
ein Edel-Uranier war. Ob er mit dem gleichen Rechte, 
mit dem Sokrates von Gesner so genannt wurde, als 
sanctus paederasta charakterisiert werden darf, ist viel- 
leicht zweifelhaft. Man wird die Frage verneinen, wenn 
man bedenkt, wie sehr seine feminine Seele von der rohen 
Kraft, dem rein sinnlichen Reiz des männlichen Ge- 
schlechts überwältigt wurde; aber man wird sie freudig 
bejahen, wenn man sich erinnert, in welchen nimmer- 
müden Liebesopfern und in welcher wahrhaft weltum- 
fassenden Sympathie sie Frucht trug. Auf alle Fälle ist 
Whitman ein neuer Beweis, daß gewisse glückliche 



— 287 — 

Mischungayerhältnisse der Geschlechtscharaktere, gewisse 
Yon Zeit zu Zeit immer wieder erreichte Stufen der 
Homosexualität den Uranier nicht unter den männlichen 
Durchschnitt hinabdrücken, sondern ihn darüber erheben. 
George Meredith sagt einmal^): ,,Hin und wieder trifft 
man auf Männer, die das Weib in sich tragen, ohne 
weibisch zu sein: sie sind die Auslese der Männer/^ 
Der feinsinnige englische Psycholog hat bei diesem 
Worte wohl kaum an die Homosexuellen gedacht, und 
auf deren Majorität läßt es sich auch nicht anwenden. 
Aber ganz gewiß gilt es von den Edel-Uraniem, zu 
denen Whitman gehört 



*) The Tragic Comedians. Leipzig, Taachnltz-Editioii, 1881. 
S. 112. 



V/ledergabe eines alten Schlmpfblldes, 

welches die Brandmarkung Calvins wegen angeblicher 

Päderastie darstellt. 



Diese AbbildQDg ist einem alten niederländischen Pamphlet 
in piano entnommen, dessen Titel lautet: ,,Afbeldsel van den 
ghebrandtmarkten Sodomict Jan Calvin, gheschildert door 
Märten v. Cleef, doen tertijd levende; is te sien in de Pladdijs- 
weij f Antwerpen." 

Das Pamphlet ist sehr selten und findet sich in keiner der 
niederländischen öfTentlichen Sammlungen. Ein Exemplar ist 
jedoch im Privatbesitze eines Rotterdamer Patriziers, welcher 
die Reproduktion freundlichst gestattet hat 



Die venneintliche Päderastie des 
Reformators Jean Calvin. 



Von 
H. J. Schonten- Utrecht, 

eb«m. reC Pfarrer In den Niederlanden. 



Jahrbuch VII. 19 



Von den großen Keformatoren der Kirche ist Beza 
nicht der einzige^ den man der Homosexualität i insbe- 
sondere der Pedication^) beschuldigte, auch gegen 
Jean Calvin ist derselbe Vorwurf erhoben worden. Es 
kann nicht meine Aufgabe sein, hier wiederum über Beza 
zu schreiben; im Jahrgang 1903 dieses Jahrbuchs hat 
Professer Kar seh darüber ausführliche Mitteilungen ge- 
bracht; während aber bei Beza einige Tatsachen immer- 
hin die Möglichkeit offen lassen, daß er zu einer be- 
stimmten Zeit seines Lebens, nämlich in sehr früher Jugend, 
homosexuell fühlte, und vielleicht auch seinen Trieb be- 
tätigte, liegt bei Calvin nicht der geringste Grund für 
eine derartige Annahme vor. 

Die Vorwürfe und Anklagen gegen den Genfer Refor- 
mator sind nichts als boshafte Verleumdungen; es steht 
sogar fest, daß er in hohem Grade ^,platonisch'' fühlte. 
Diese Beschuldigungen sind auch dadurch ganz besonders 
niederträchtig, da sie während seines Lebens, da er sich 
noch verteidigen konnte, niemals hervortraten. Erst nach' 
seinem Tode tauchte das Gerede auf, Calvin hätte die 
Pedication ausgeübt und sei dafür gebrandmarkt 

^) Das Wort Pedicatio ist mit e zu schreiben, weil es von 
pedex=podex (anus) abgeleitet ist. Die übliche Schreibweise mit 
ae hat Veranlassung zn der Meinung gegeben, daß dieses Wort 
vom griechischen naCg abstamme, von dem Paederastie abgeleitet 
ist. Dieser letztere Ausdruck wird daher auch oft irrtümlich 
anstatt Pedication gebraucht, obwohl Paederastie Knabenliebe 
Überhaupt bedeutet, ohne jede Andeutung der Art und Weise der 
Liebesbetätigung. 

19* 



— 292 — 

worden. Begreiflicherweise erregte diese Anklage immer 
wieder aufs neue die Aufmerksamkeit. So fragte im Jahre 
1891 ein Herr Paul Masson im „Interm^diaire des 
Chercheurs et Curieux" voll Entrüstung an, ob die Be- 
schuldigung der yddematiirlichen Unzucht auf Wahrheit 
beruhe, die Monseigneur de S^gur in einer oft neu auf- 
gelegten Schrift gegen Calvin richtete. Pfarrer Ch. Dardier 
aus Nlmes brachte eine eingehende Widerlegung der 
Anklage, wozu er sich der trefflichen Arbeit seines Kollegen 
A. Lefranc „La Jeunesse de Calvin" bediente. Da diese 
Studien in Holland ziemlich unbekannt waren, übersetzte 
ich unter dem Titel „Calvijns vermeende Onzedelijkheid'* 
die Antwort für „De Navorscher" (Mai 1891), und erweiterte 
sie durch Mitteilungen über holländische Pamphlete usw. 
Meine Arbeit wurde seither oft in polemischen Artikeln 
erwähnt und auch Prof. Ad. Zahn wies in seinen „Studien 
über Calvin" darauf hin. Nachdem ich jetzt das Jahr- 
buch f&r sexuelle Zwischenstufen kennen gelernt habe, 
möchte ich dem wissenschaftlich- humanitären Komitee 
durch ein nochmaliges Studium dieser Frage meine An- 
erkennung für sein segensreiches Wirken aussprechen. 
Die Schrift Mgr. de S^gurs, deren 12. Auflage mir 
vorliegt, heißt: „Causeries sur le protestantisme d'aujourd'- 
hui." Die Ausgabe ist bei J. B. P61agand in Paris 1861 
erschienen und zählt 239 Seiten klein 8^ Auf Seite 79, 
Abschnitt II heißt es: „Ist es möglich, daß Gott Luther und 
Calvin auserwählt hat, um die Religion zu reformieren?" 
In der Antwort heißt es dann von Calvin: „Calvin, der 
ebenfalls Geistlicher war, wurde schändlicher und wider- 
natürlicher Sitten überwiesen und dafür vom Henker 
gebrandmarkt." Dazu sagt der Verfasser in einer Note; 
„Diese Tatsache scheint der Geschichte anzugehören. Als 
ein katholischer Schriftsteller den Calvinisten diese schänd- 
lichen Brandmale ihres Patriarchen vorhielt, hatte der 
Calvinist Whitacker die gotteslästerliche Unverschämtheit, 



— 293 — 

zu antworten: „Wenn Calvin gebrandmarkt gewesen ist, 
so sind es der Apostel Paulas und viele andere auch 
gewesen." ^) 

Zur Charakterisierung des verleumderischen Vorgehens 
der Feinde Calvins ist folgendes zu beachten: 

1. De S^gur stellt als eine historische Tatsache hin: 
Calvin hat widernatürliche Unzucht (Pedicatio) getrieben, 
und ist dafür gebrandmarkt worden. 

2. De S6gur schreibt (für einen Historiker sehr seit- 
sam!): Diese Tatsache scheint mit der Geschichte 
übereinzustimmen. 

3. Zur Bekräftigung fügt er noch den indirekten 
Beweis hinzu: ein (ungenannter) römisch-katholischer 
Schriftsteller habe diese Sache einmal (wo?) den Calvinisten 
vorgehalten, daraufhin habe (wann und wo?) der Calvinist 
Whitacker die erwähnte fürchterliche Antwort gegeben. 
Wenn aber Calvins Schuld nicht offenkundig gewesen 
wäre, hätte Whitacker wohl etwas anderes geantwortet 
Also . . . 

Es ist klar, daß solche „Beweise^' auf nicht denkende 
katholische und protestantische Leser Eindruck machen 
können. Begreiflicherweise hat daher die Schrift de 
S6gur's bei den französischen Protestanten großen Unwillen 
erregt 

Wie kommt nun Mgr. de S6gur zu seinen „historischen" 
Mitteilungen ? Er hat sie einfach von anderen übernommen ; 



') „Est-U posaible que Diea ait choisi Luther et Calvin poar 
rdformer la religion?" . . . 

pCalvin, ^ccl^siaBtLque aassi, a 6t^ convaincu de mcBurs in- 
fames contre natare et, comme tel, marqud par le bourreau/' . . . 

„Ce fait semble acqais & Thistoire. Un auteur catholique 
ayant reprochö auz calvinistea ces honteux stigmates de leur 
patriarche, le calviniste Whitacker eat Teffronterie sacrilöge de 
r^pondre: Si Calvin a M stigmatis^, Saint Paul et bien d^autres 
Tont 6t4 de m§me.*^ 



— 294 — 

und sucht nur durch seine Anmerkung den Schein zu 
erwecken, als habe er ihre Richtigkeit selber geprüft. 

Der wahre Urheber dieser Verleumdung ist Hierosme 
Hermes Bolsec^ ein Apostat des Protestantismus und eine 
Kreatur des Bischoüs von Lyon. Dieser schrieb 13 Jahre 
nach Calvins Tode eine Biographie, die 1577 zu Paris 
gedruckt ist Der V. Abschnitt ist betitelt: „Wie Calvin 
zu Noyon mit einem heißen Eisen auf der Schulter ge- 
brandmarkt wurde.^' Darin heißt es: ,Jch kann darüber 
sprechen^ weil ich die erwähnten Urkunden in den Händen 
des obengenannten Berthelier gesehen habe, der eigens 
entsandt war, um über das Leben, die Sitten und die 
Jugend des Calvin Nachforschungen anzustellen; und in 
diesen Urkunden stand geschrieben, daß der Calvin, der 
eine Pfarrpfründe und eine Kapelle inne hatte, ob der 
Sünde der Sodomie überrascht oder überwiesen wurde, 
weswegen er Gefahr gelaufen hätte, durch Feuer zu sterben, 
was die gewöhnliche Form der Strafe für eine solche 
Sünde ist; daß aber der Bischof dieser Stadt aus Mitleid 
die erwähnte Strafe milderte zur Brandmarkung mit einer 
glühenden Lilie auf der Schulter. ^) 

^) ),Histoire de la vie, moears, actes, doctrine et mort de 

Jean Calvin, jadis grand ministre de Grenöve. D^diä au r^vören- 

dissime archevesque, comte de r£gli8e de Lyon et primat de France." 

(Paris, chez Grervais Maillot, rae Saint -Jacques, k Tenseigne 

4'oTy 1577.) 

„Chap. V. Comme Calvin est flestry et marqu^ d'un fer 
chaud sar Tespaule k Noyon.'^ 

„Je puis dire cecy pour avoir veu la dite attestation es 
mains dudit Bertelier, qui avoit 6t^ express^ment envoyö poor 
avoir information de la vie et moeurs et de la jennesse dudit 
Calvin, et en ladite attestation estoit contenu que le dit Calvin, 
poorven d*ane eure et d*une chapelle fust snrpris ou convaincu 
du p^cb^ de Sodomie, ponr leqael il fiist k danger de mort par 
feu, comment est la commune forme de tel p6ch6; mais qae 
r^vesqae de la ditte ville, par compassion, feit mod^rer la ditte 
peine en ane marque de fleur de Ivs chande sur Fespanle." 



— 295 — 

Wie kam Bolsec dazu? 

Es ist bekannt, daß sich gemeine Charaktere ihren 
edlen Gegnern gegenüber mit VerdächtiguDgen jeder Art 
zu helfen pflegen. Man wußte, daß Calvin als junger 
Mann von 25 Jahren im Eapitulargefängnis von Noyon 
eingekerkert worden war. Wäre es Bolsec um die Wahr- 
heit zu tun gewesen, so hätte er die wahren Ursachen 
leicht feststellen können^ was doch sicherlich seine Pflicht 
gewesen wäre. Es ist geradezu diabolisch^ jemanden seiner 
Ehre zu berauben, und das tut man zweifellos, wenn man 
einen Heterosexuellen der Pedication beschuldigt Denn 
obgleich dieser Akt bei den Heterosexuellen (namentlich 
mit der eigenen Ehefrau) ebenso häufig, ja häufiger vor- 
kommen soll als bei den Homosexuellen, so ist er dennoch 
sicherlich fiir einen Heterosexuellen unnatürlich und wird 
vom Publikum bei Homo- und Heterosexuellen als ein 
schweres Degenerationszeichen und vom Bibelgläubigen 
als große Sünde betrachtet Bei einer näheren Unter- 
suchung hätte Bolsec folgendes gefunden: 

1. Der Reformator, der damals gerade sich für seine 
Praebende hatte bedanken müssen, da er die Annahme der 
Priesterweihe verweigerte, wurde am 26. Mai 1534 wegen 
reformatorischen Treibens in der Kirche verhaftet^) 
Das Eapitularregister sagt hierüber: „Me. Jean Calvin est 
mis en prison k la porte Corbaut pour tumulte fait dans 
Teglise la veille de la Sainte-Trinitö.'' Das hätten die Kapitel- 
herren dem Bolsec mündlich oder schriftlich mitteilen 
können. Bei einer Prüfung der Register hätte er selber 
diese Stelle finden müssen, die dann der oben erwähnte 
Pfarrer Lefranc las und zum ersten Male veröffentlichte. 

2. Im Jahre 1550, etwa 20 Jahre nachdem Calvin 
Noyon verlassen hatte, wurde dort ein Kaplan, dessen 

*) Am 3. Juni wurde er wieder in Freiheit gesetzt. Am 
5. Juni wurde er abermals verhaftet; aber bei dieser zweiten In- 
haftierung ist die Dauer der Haft nicht aufgezeichnet worden. 



— 296 — 

Namen mit dem des Beformators völlig gleich lautete, 
wegen fortgesetzter ,yi^contenance^' (UnmäBigkeit, Aus- 
Schweifung) entlassen, über die Art dieser ,,incontenance'' 
verlautet nichts Näheres. 

3. 1553 wurde ein anderer Kleriker, der aber die 
Weihen noch nicht empfangen hatte, Baldouin Le Jeune, 
wegen unzQchtiger Handlungen mit Weibern gegeißelt. 

Es liegt also erstens keine Anklage wegen Pedication 
vor, weder gegen den Namensgenossen Jean Calvins noch 
gegen Le Jeune; zweitens wurde allerdings Le Jeune^ 
aber nicht dieser Calvin gegeißelt, von einer Brand- 
markung ist überhaupt nicht die Bede. 

Eliner der ersten Verteidiger Calvins, Desmay, Doktor 
der Sorbonne und Generalvikar von Bouen, veröffentlichte 
daselbst 1621 ,^ Remarques consid^rables sur la vie et 
les moeurs de Jean Calvin, h^rösiarque". Er behauptet 
allerdings ausdrücklich, die Kapitularregister durchge- 
blättert zu haben, aber er begnügte sich doch offenbar 
in der Hauptsache mit den Mitteilungen, die er von den 
Kapitelherren mündlich empfing. Denn seine Behauptung, 
der Namensgenosse Jean Calvins sei gegeißelt worden, 
ist irrig, und femer spricht er von einem weißen Blatt 
im Register, von dem ihm einige der ältesten Kapitel- 
herren erzählt hatten.^] Es habe den Titel gehabt: 
„Condemnatio Johannis Calvini'S und weiter habe auf 
dieser Seite nichts gestanden, was über den mutmaßlichen 
Inhalt viel zu raten gab. Es ist seltsam, daß es weder 
ihm noch seinen Mitarbeitern, den Kapitelherren, je ein- 
fiel, nachzusehen, ob dieses Blatt auch wirklich existiere. 
Von einer Entfernung des Blattes aus dem Register 



^) „J'ai bien ouy dire k aucan» Chauvines des plus anciens, 
qu^ila ont vea autrefois an feaillet blanc dans les regifitres, ou en 
teste y avoit escrit: «Condemnatio Johannis Calvini» et ny avoit 
rien escrit davantage en toute la page, ainsi demeurait en blanc; 
cela a donnö k deviner k beaucoup ce qne ce pouvoit estre/' 



— 297 — 

spricht ja auch Desmay nicht Le Vasseur, der nach 
ihm über Calvin schrieb, und der die Register gründlich 
untersucht hat, spricht von diesem weißen Blatte nicht, 
obwohl er Desmays Werk sicherlich gelesen hatte, da 
er dessen Ausführungen über Calvins Namensgenossen 
widerlegt. Denn auch in betreff dessen irrt sich Desmay 
vollständig, wie schon erwähnt; und es scheint auch daraus 
hervorzugehen, daß er sich hauptsächlich mit mündlichen 
Mitteilungen der alten Eapitelherren begnügte, deren 
Zeugnis er völlig vertraute, aber deren Gedächtnis unzu* 
verlässig war. Er schreibt*): „Es findet sich noch eine 
andere Verurteilung, gegen einen Kaplan- Vikar, der den- 
selben Namen Jean Calvin trug: aber das war lange 
nachdem der Oberketzer Jean Calvin seine Pfründen auf- 
gegeben hatte j aus der Stadt und dem Lande gewichen 
und vom Glauben Jesu-Christi abgefallen war. Denn 
dieses Urteil ist im Jahre 1550 eingetragen und datiert, 
und wurde gegen den Vikar Jean Calvin ausgesprochen, 
weil er eine liederliche Weibsperson in seinem Hause 
gehalten hatte. Und dieser Calvin wurde verurteilt, in 
der Hauptwache mit Ruten gepeitscht zu werden.^' 

„Was den Oberketzer betrifft, so befand er sich da- 



') „II y a encor udo autre Sentence de condemnation, contre 
un Chapelain Vicaire que portoit le met^me nom Jean Calvin: 
mais c'eatoit long temps apres que Jean Calvin Heresiarque eust 
quitt^ ses benefices, fut sorti de la ville et du pays et eost 
abandonn^ la foy de Jesns-Christ. Car cette sentence se trouve 
enr^str^e et dat^e de Tan 1550 et prononc^e contre Jean Calvin 
Vicaire, poor avoir retena en «a maison une femme de mauvais 
gouvemement. Et fut condamne ledit Calvin k estre fustigö de 
verges soub la custode." 

„Qnand k THeresiarque il estoit alors k Genöve en la plüs 
grande flame de ses fervears, et n*ay sveu trouver autre chose 
dans les dits registres que les plaintes et reproches cy-dessos, 
c est ponrqnoy je n*en diray ricn tout ezpres, n'ayant entrepris 
d'cijcrire que ce que j'ay appris Bur les lieuz de sa nativit^ et 
conversation premi^re.*^ 



— 298 — 

mals in Genf in der größten Glut seiner Begeisterang, 
und ich habe in den genannten Registern nichts anderes 
finden können^ als die oben erwähnten Klagen und Vor- 
halte , daher werde ich auch absichtlich nichts darüber 
schreiben, da ich nur das zu berichten unternommen 
habe, was ich an den Stätten seiner Geburt und seiner 
ersten Bekehrung vemommen habe.^' 

Ob nun das weiße Blatt existierte oder nicht 
— Bolsec beschrieb es jedenfalls in Gedanken nach 
seinem Gutdünken. Da er vom Bischof von Lyon be- 
soldet war, war es ihm nur darum zu tun, den Patriarchen 
seiner ehemaligen Glaubensgenossen mit Kot zu bewerfen. 
Er schreibt daher, ein gewisser Berthelier wäre vom 
Grenfer Eirchenrat nach Noyon geschickt worden, um 
über Galyins Leben Erkundigungen einzuziehen, und 
dieser hätte ihm das betreffende Dokument gezeigt. 

Nun wissen wir aber durch den reformierten Harrer 
Charles Dr^lincourt, der im Jahre 1667 oder schon früher 
hierüber Untersuchungen angestellt hat, daß diese Be- 
hauptung völlig aus der Luft gegriffen ist. Drölincourt 
fand einen trefflichen Anlaß, die Verteidigung des Refor- 
mators zu übernehmen. Die Schmähschrift Bolsecs war 
nämlich nicht nur durch den Schotten Laingey, Doktor 
der Sorbonne, ins Lateinische übersetzt worden, um sie 
auch außerhalb Frankreichs verbreiten zu können, sondern 
auch Bichelieu hatte kein besseres Mittel gefunden, um 
die Hugenotten zu bekehren, als daß er ihnen die an- 
geblichen Verfehlungen des Reformators vorwarf. Er 
veröffentlichte daher einen „Traitt^ qui contient la 
möthode la plus facile et la plus asseuröe pour convertir 
ceux qui se sont söparez de TEglise'^ Da dieses Pamphlet 
sich zur Zeit Drölincourts noch im Umlauf befand, schrieb 
dieser ,Jia defense de Calvin contre l'outrage fait k sa 
memoire dans ceu Livre qui a pour titre: Traittä qui 
contient ** (Gteneve 1667). Darin versichert er 



— 299 — 

ans, daß das Archiv der protestantischen Gemeinde 
Genfs weder über die angebliche Mission Bertheliers^ 
noch über Erkundigungen betreffs Calvins Leben irgend 
welche Dokumente enthält. 

Wir müssen also Bolsec der absichtlichen und be- 
wußten Fälschung beschuldigen. Das Schandmal^ das er 
auf Calvins Schulter drücken wollte, steht auf des An- 
klägers Stirn! Wie schon oben erwähnt» hat später der 
Canonicus Jacques Le Vasseur nach Desmay die Ange- 
legenheit nochmals geprüft, und er hat sich nicht mit 
mündlichen Mitteilungen der Kapitulare begnügt, aus 
denen er doch bloß die halbe Wahrheit erfahren hätte. 
1633 erschien in Paris „Annales de TEglise cathödrale 
de Noyon, par Jacques Le Vasseur, docteur en Theologie, 
Doyen et chanoine de la dite Eglise'^^) 

Le Vasseur weist in dieser Schrift, wo von dem 
Namensgenossen Jean Calvins die Rede ist, die Be- 
schuldigungen gegen den Reformator energisch zurück. 
Er schreibt hierüber^: „über einen anderen Jean Calvin, 



^) Auf einif^en ebenfalls i. J. 1633 gedruckten Exemplaren 
findet sich ein längerer Titel. 

') „D'un autre Jean Cauuin Chappellain Vicaire de la mesme 
Eglise de Noyon, non hör^tique." Chapitre XCVI. Apres qae 
Jean Cauuin eust fait banqueroute k TEglise, et k la ville sa 
patrie, pour en rafraichir ou entretenir la memoire, au beut de 
dix-huict 4 vingt ans un autre mesme Tinrage pour les moeurs, 
mais non surpris de Tinrage d'heresie, se presenta et fut receu 
en notre choeur k une Chappelle Vicariale, oü ü ne tarda gueres, 
ayant peu de temps apres estö congedi^ pour son incontinence, 
apres quelques punitions dont il ne tint coute, comme 11 se voit 
par les condusions da 23. iour de Decembre et du second de 
Janvier 1552. Voyant donc son endurcissement au mal qoi luy 
faisoit negliger toute remonstrance, il fast en fin priu^ de sa 
Chappelle, et du choeur, s'estant rendu insensible k la privation 
de ses gages. De Ik il fut vicarier par les dioceses, et la croyance 
de nos anciens est qu'il deceda en la Cure de Tracby le Val, en 
ce diocese, qu*il deseruit en qualitö de Vicaire, et mourut bon 



— 300 — 

Eaplanvikar derselben Kirche von Noyon^ nicht ketzerisch.'^ 
Kapitel XCYI. „Etwa achtzehn oder zwanzig Jahre 
nachdem Jean Calvin mit der Kirche und mit seiner 
Vaterstadt gebrochen hatte, wurde ein anderer des- 
selben Namens, am das Gedächtnis daran aufzufrischen 
oder zu nähren, wegen Sittlichkeitsvergehen, nicht aber 
wegen Ketzerei überfährt; und dieser hatte sich bei 
unserm Stifte vorgestellt und war aufgenommen und mit 
einer Vikariatskapelle ausgestattet worden, in der er aber 
nur kurze Zeit bliebe da er bald darauf wegen seiner 
Ausschweifung entlassen wurde, nach einigen Bestrafungen, 
um die er sich nicht bekümmerte, wie aus den Be- 
schlüssen vom 23. Dezember und vom 2. Januar 1552 
hervorgeht. Als man daher seine Beharrlichkeit im 

Catholique: Grace qua Dien lay fit ponr n'avoir jamais tourn^ sa 
casaque, ny changd de Religion ; k qaoy sa via libertine, et Texemple 
de Caanin l'heresiarque son correspondant en Tan et Taatre nom, 
sembloient luy donner pente, connne k plusieors autres de la 
France qui se sont perdoB dans an comman naufrage. II ne fast 
neantmoins batta de verges sous la castode, comme Tescrit Monsieur 
Desmay en son petit livret, pag. 39 et 40. Aussi estoit-il Prestre, 
et non sajet k teile discipline. II s'est donc ^aivoqu6 cestuy-cy 
poar an aatre Vicaire aassi Chappellain, nomme Baldnin le Jeane, 
doublement jeane, de nom et de moeurs, non encore advanc^ k 
la Prestrise ny k aacan Ordre sacr4. £n voicy la Conclasion 
Capitalaire. Capitalo facto die Veneris andecimo Aagasti 1558. 
A. Bellemont Promotor Capitali remonstravit ex officio, qaod 
Baldainas le Jeame Cappellanas Vicarialis, a daobas mensibns 
nallam aat parvam residentiam facit in Ecdesia, scandalose yivendo 
cam qaibasdam malieribas saspectis, etc. Qaare pro defectibas, 
et absentiis k Divino servitio, eam Domini condemnarant, iuxta 
couclasiones dicti Promotoris, ad assistendam per anam mensem 
integrum omnibas Horis seraitij Divini; et pro scandalis commissis 
ordinarunt praefati Domini ipsum caedi virgis, qaia paer, et 
nondam in sacris constitatas, per magistrum pueroram in sab- 
thesauraria, praesentibas dictis paeris pro exemplo. J*ai creu 
devoir adjoaster ce cbapitre k Thistoire da premier Caaain, ad 
dilvendam homonymiam, crainte qa'on ne prenne Fan ponr Taatre, 
le Catholique au Heu de Th^r^tique." 



— 301 — 

Bösen sah, die ihn jede Ermahnung vergessen ließ, wurde 
er endlich seiner Kapelle und der Zugehörigkeit zum 
Stifte verlustig erklärt, da er sich gegen die Entziehung 
seines Gehalts gleichgültig gezeigt hatte. Nachher versah 
er in der Diözese Vikariatsstellen und unsere Vorgänger 
waren im Glauben, daß er in der Pfarrei Trachy le Val 
gestorben ist, in dieser Diözese, die er in der Eigenschaft 
als Vikar versah, und er starb als guter Katholik: eine 
Gnade, die ihm Gott erwies, da er niemals seinen Rock 
gewendet noch seinen Glauben gewechselt hatte; wozu 
ihm sein ausschweifendes Leben und das Beispiel des 
Oberketzers Calvin, dessen beide Namen mit den seinigen 
übereinstimmen, Neigung zu geben schien, wie einigen 
andern in Frankreich, die sich alle in einem gemein- 
samen Schiffbruch ins Verderben stürzten. Aber er wurde 
niemals insgeheim mit Ruten geschlagen, wie Herr Desmay 
auf Seite 39 und 40 seiner kleinen Abhandlung schreibt. 
Auch war er Priester und einer derartigen Züchtigung 
nicht unterworfen. Dieser ist daher mit einem andern 
Kaplanvikar verwechselt worden, namens Balduin Le 
Jeune, der doppelt jung (jeune) war, nämlich an Namen 
und an Sitten, und der weder zum Priesteramt noch zu 
einer der hohem Weihen schon zugelassen worden war. 
Folgendes ist der Kapitelbeschluß darüber: «Nachdem am 
Freitag dem elften August 1553 das Kapitel zusammenbe- 
rufen war, warf der Promotor des Kapitels, A. Bellemont, 
von Amts wegen vor, daß der Kaplanvikar Balduin Le 
Jeune seit zwei Monaten wenig oder gar nie in der 
Kirche gewesen ist, während er mit einigen zweifelhaften 
Weibspersonen ein ärgerliches Leben führte usw. Für diese 
Verfehlungen und für die Abwesenheit vom Gottesdienst 
haben ihn die Herren gemäß dem Antrag des erwähnten 
Promotors verurteilt, während eines ganzen Monats allen 
Hören des Gottesdienstes beizuwohnen; und wegen des 
angestifteten Ärgernisses haben die obengenannten Herren 



— 302 — 

befohlen^ ihn, da er noch ein Knabe (Kandidat) war und 
die hohem Weihen nicht empfangen hatte, vom Magister 
puerorum in der Subthesauraria mit Ruten schlagen zu 
lassen, in Gegenwart der Knaben (Novizen, Kandidaten), 
um eines Beispieles willen.« Ich habe geglaubt, dieses 
Kapitel der Geschichte des ersten Calvin anfügen zu 
müssen, ad diluendam homonymiam, aus Furcht, daß 
man den Elinen für den Andern nehmen möchte, den 
Katholiken ftir den Ketzer.^' 

Noch energischer verteidigt Le Vasseur den Re- 
formator im folgenden Kapitel. Er berichtet hier, daß 
sich unter den Personen, die mit Calvin aus Noyon 
flüchteten, auch der Civil-Lieutenant befand, ein Mann, 
dessen Macht größer war als die des Bürgermeisters. 
Dazu macht er folgende Bemerkung: „D'icy jugez s'il 
eust eu la fleur de lis k Noyon, si un Lieutenant de 
Roy Feust suiui: il se nommoit Normandio" (Urteilt da- 
nach, ob ihm ein Stellvertreter des Königs gefolgt wäre, 
wenn er in Noyon die Lilie bekommen hätte: er hieß 
Normandio). Freilich ist das kein absoluter Beweis; 
Bolsec hätte sich sicherlich nicht gescheut, auch diesen 
Mann mit Kot zu bewerfen. Aber wir verstehen doch 
daraus, daß Le Vasseur so gut wie Desmay von der 
sittlichen Reinheit Calvins^ den sie übrigens als einen 
Erzketzer haßten, durchaus überzeugt waren, oder zum 
wenigsten davon, daß er keine Pedication getrieben hatte. 

Ich möchte übrigens noch auf einen Umstand hin- 
weisen, an den weder der oben erwähnte Pfarrer Lefranc 
noch Professor E. Doumergue in Montauban in seinem 
vortrefflichen Werke über Calvin gedacht haben. 

Wäre Calvin wirklich verurteilt worden, so hätte 
entweder er oder einer seiner Bekannten oder Verwandten 
sicherlich an die „Taxa camerae apostolicae" gedacht, 
und sein reicher Vater hätte sicher die Buße bezahlt. 
Diese von Johannes XXII. festgestellte und von Leo X. 



— 303 — 

zuerst („In Campo Florae MDXUI, die XVIII Novembris") 
publizierte Liste von Bußen ^)^ für die man alle kirch- 
lichen Strafen abkaufen konnte, enthält nach der Aus- 
gabe von Julien de St.-Acheul (Paris 1820) unter „Caput 
XXX. De lapsis Carnis^' (gemeint sind fleischliche Ver- 
gehen von Geistlichen) folgendes: „3^ Si vero petatur 
tantnm absolutio a crimine contra naturam, vel cum 
brutis, cum dispensatione et cum inhibitipne, tur[en8es] 36, 
duc[ati] 9." (Wenn wegen eines Vergehens wider die 
Natur, oder mit Tieren, Ablaß erbeten wird, [kostet er] 
mit Dispensation und Inhibition 36 turenses, 9 ducati.) 
Allerdings waren zu jener Zeit die taxa noch nicht oft 
gedruckt, aber es ist nicht anzunehmen, daß weder Calvin 
selber noch irgend einer seiner Freunde oder Bekannten 
sie gekannt hätten. 

Calvin besuchte zu einer Zeit, die nach der angeb- 
lichen Verurteilung liegt, die Hochschulen von Orleans, 
wo er doktorierte, Bourges und Paris, und war überall 
angesehen und geachtet. In dem weltberühmten Vor- 
wort seiner „Institution' sagt er dem König von Frank- 
reich, sein Leben sei immer so rein gewesen, daß seine 
Feinde sich an ihm ein Beispiel hätten nehmen können. 
Hätte er wohl die Stirne gehabt, das in einem Buche 
zu schreiben, das auch in Noyon von Freund und Feind 
gelesen wurde, und noch dazu in einem offenen Brief 
an den König, wenn ihm das Kapitel von Noyon als 
Pedicator und Stigmatisierten hätte an den Pranger 
stellen können? 

Für die sittliche Reinheit Calvins zeugen mehrere 
Gegner seines Glaubens. Außer Desmay und Le Vasseur, 
die ihn als Erzketzer verabscheuten, haben wir zunächst 

*) Ober die Echtheit dieser „Taxa*^ finden sich ausführliche 
Mitteilungen und Angaben von Literatur in einem Artikel von 
H. Chr. Lea L. L. D. „The taxes of the papal penitentiary" in 
„English Historical Reviews'' im Juli 1893. 



— 304 — 

Florinand deRaemond, geb. 1540, Mitglied des Parlaments 
von Bordeaux, zu nenuen. Er neigte zuerst während 
einiger Zeit zum Protestantismus, nachdem er in Paris 
Beza gehört hatte ^ um so eifriger diente er aber später 
dem Katholizismus. In seinem Werk ,^La naissance, 
progrez et d^cadence de l'h^rösie de ce si^cle (Paris 
1605)", das von seinem Sohne veröffentlicht wurde, rühmte 
er Calvins Sittenreinheit. — Ihm folgt zunächst Papire 
Masson, geb. 1544, Großvikar von Lyon. Erst nach 
seinem Tode, 1638, wurden seine „Papirii Massonis 
Elogiorum pars I" und „pars II", zusammengestellt von 
Guy Patin, herausgegeben. Im letzten Bande dieses 
Werkes findet sich eine wahre Lobrede auf Calvin. Es 
ist oft bezweifelt worden, daB dieser Passus ivirklich 
von Massen stammte; aber die nach dem Tode Guy 
Patin's, 1692, veröffentlichten „Lettres Choisies" des- 
selben, bestätigen dessen Echtheit, da Guy Patin hier- 
über (Band II, Brief 29) schreibt, es habe ihm der Bruder 
Massons, ein Kanonikus, das Stück im Jahre 1619 ge- 
geben und er habe große Mühe gehabt, den Verleger 
zur Aufnahme desselben zu bewegen, da das die Jesuiten 
verboten hätten. Der Verleger habe endlich nachgegeben, 
als ihm Guy Patin nachwies, daß das Buch dadurch an 
Wert bedeutend gewänne. — Endlich erwähnen wir noch 
Andrö Rivet, einen römischen Theologen, welcher im 
„Catholicus orthodoxus" (Genfeve 1664) und noch mehr 
in dessen Fortsetzung „Jesultus vapulans, sive castigaüo 
notarum Sylvestri Pedrasanctae Loyolae sectarii" speziell 
die Beschuldigung der Pedication gegen Calvin zurückweist. 
Er zeigt, daß das Zeugnis der Jesuiten Brigerus, Stapleton, 
Campianus, Duraeus, Surius, Riginaldus und Lessius ab- 
solut wertlos ist, da sie alle kritiklos Bolsec abgeschrieben 
haben. Lessius schreckt nicht einmal vor der Behaup- 
tung zurück, es seien in Noyon, das der Beformation 
doch immer feindlich gegenüberstand, neue Kapitular- 



~ 305 — 

register angefertigt worden , um das Andenken an die 
Missetat aus der Welt zu schaffen! Auch stellt Eivet 
die Frage, weshalb man wohl dem Reformator, der stets 
mit lebhaften Farben die Sittenverderbnis der Geistlich- 
keit malte, nicht schon bei Lebzeiten eine solche Misse- 
tat vorhielt. Seine Antwort heißt: weil jedermann von 
seiner Beinheit tiberzeugt war. 

Spätere katholische Autoren, die zu Calvins Gunsten 
schrieben, tibergehen wir. 

Papire Masson, der Schüler und Freund eines der 
ersten Verleumder Calvins, nämlich des vom Protestantis- 
mus abgefallenen Frangois Balduin, sagt von diesem, er 
habe alles zusammengetragen, was er Übles über Calvin 
finden konnte, aber von Pedication habe er nichts ge- 
schrieben. Dann fahrt Papire Masson fort: „Ce sont des 
Ecrivains du commun et de nulle estime, qui ont objecto 
k Calvin de sales voluptös et des adulteres. Et toute 
fois il ne semble pas que personne ayt ha! les adulteres 
d'nne plus grande haiue que luy.*' (Es sind gewöhnliche 
und ungeachtete Schriftsteller, die Calvin schmutzige 
Ausschweifungen und Unzucht vorgeworfen haben. Es 
scheint jedoch niemand die Unzucht tiefer gehaßt zu 
haben als er.] 

Als „Ecrivains du commun et de nulle estime^* mtissen 
auch wir absichtliche Verleumder, wie einen Bolsec, be- 
zeichnen; denn Calvins Reinheit ist uns über jeden Zweifel 
erhaben. 

Calvins Feinde haben ihre moralische Ohnmacht auch 
dadurch anerkannt, daß sie die beiden Werke, in denen 
des Reformators Unschuld fast aktenmäßig bewiesen ist, 
nach Möglichkeit unterdrückten und vernichteten. Nur 
mit Mtihe gelang es Prof. Doumergue, von den W^erken 
von Desmay und von Le Vasseur je ein Exemplar zu 
finden. Außer diesen fand er nur noch kastrierte 
Exemplare einer spätem Ausgabe von Desmays „Re- 

Jahrbuch VII. 20 



— 306 — 

marques consid^rables^', in denen die ersten dreißig Seiten 
fehlten. 

Übrigens beweist auch die Verwendung von Hilfe* 
mittein, wie die von Bolsec gänzlich erdichtete Mission 
Bertheliers und die von Lessius vermutete Neuherstellung 
der Kapitularregister, die völlige Unhaltbarkeit der gegen 
Calvin gerichteten Beschuldigungen. 

Wir glauben daher mit aller Bestimmtheit be- 
haupten zu können» daß die Beschuldigung, Calvin habe 
Pedication getrieben, als eine boshafte und absichtliche 
Verleumdung seiner konfessionellen Gegner zu be- 
trachten ist. 



Louise Michel. 

(La vierge rouge.) 

Von 
Karl Frhr. y. Leyetzow-Marseille. 



20= 



„Miriam"*) 

Miriam! — So heißen sie beide: 
Meine Mutter! 
Meine Freundin! 

Geh hin, mein Buch, zu den Gräbern, wo sie ruhen! 

Daß doch mein Leben sich schnell verzehre, damit ich 

bald bei ihnen ruhe! 

Und nun, wenn etwa meine Tätigkeit irgendein Gutes 

wirkte, rechnet es mir nicht an, die Ihr 
nach Taten urteilt: Ich will mich nur 
betäuben; das ist alles! 

Mich tötet die große Langeweile. Mir bleibt nichts 

mehr zu hoffen, nichts mehr zu fürchten. 
Ich sehne mich zum Endziel. — Ich bin 
wie jene, die die Trinkschale mit dem 
letzten Bodensatze hinwerfen. 

Motto (aus dem Memoiren Louise Michels. 
Paris, F. Roy, 1 886). 



>) Myriamüü 

Myriam! leur nom k toiites deux: 

Ma m^re! 

Mon amie! 

Va, mon livre sur les tombes oü elles dorment! 

Que yite s'use ma vie pour qae bientot je dorme pr^s d'elles! 

Et maintenant, si par hasard mon actiyit6 produisait quelque 

bien, ne m'en sachez aucun gr6, vous tous qiii 
jugez par Ics faits: je m'dtourdis, voila tout 

Le grand ennui me tieut N^ayant rien ^ eapdrer ni ricn a 

craindre, je me bäte vers le bat, comme ceux 
qui jettent la conpe avec le reste de la lie. 



— 310 



I. 



An den großen Wendepunkten der Menschheits- 
entwicklang, wo sich aus den Trümmern alter Gedanken 
eine neue Weltanschauung, aus den Bruchstücken zer- 
schlagener oder zerfallener alter Ordnungen und Ver- 
ordnungen neue Harmonien, neue soziale Gleichgewichte, 
neue wirtschaftliche Stabilitäten bilden, treten, wie bei 
dem Wechsel der Jahreszeiten, gewisse Begleiterscheinungen 
zutage, die durch das Zusammenwirken so vieler unaus- 
geglichener Kräfte die großen Nebel gebären, in denen 
die Welt vor jedem Neuerwachen sich zu verhüllen scheint. 
Die Nebel vom Anfang aller Zeiten und Jahreszeiten, die 
ihren bald feinen, bald dichteren Stimmungsschleier über 
all das Werdende oder Versinkende werfen, in denen das 
Wirkliche in das Beich des Traumhaften entrückt, und 
scharfe Konturen in das verschwimmende zerfließende 
schemenhafte Irreelle gerückt werden. 

So erscheint im Frühlingsdunste, im Herbstnebel ein 
Ding unbestimmt und unerklärlich. Ist es ein Fels, ein 
Baum, ein Haus, ein Maulwurfshaufen? Ist es ein Heu- 
schober auf feuchten Wiesen? ... Eine Hütte mit rauchen- 
dem Herde, darum die Familie traulich sitzt, ... ist es ein 
einsamer Segel, den eine große Sehnsucht über den Ozean 
treibt? . . . Und dort die schreitende Gestalt, fem oder 
nah, vielleicht nicht größer als ich, vielleicht riesig groß, 
die menschliche Bildung im Nebel dort: ist es ein Mensch, 
ein Halbgott, ein Heros? Ein Körper, ein Geist, ein 
Schatten? ... Ist es ein Mann, ist es ein Weib? Vielleicht 
beides! — Nebel, Nebel! das Nahe fem, das Feme nah- 
gerückt und alles übermenschlich, außermenschlich. 

Ein solcher Nebel liegt auch über den Dingen und 
Erscheinungen neuer Zeiten, der Übergangszeiten, und 
hüllt sie dem nahen, oft auch noch lange dem ferneren, 
späteren Betrachter, dem Epigonen, in mystische Nebel, 



— 311 — 

« 

aus denen er sich dann neue Mythen und neue Götter 
wirkt 

Seltsame Gestalten durchschreiten die Nebel der 
Ubei^angszeiten, den Morgendunst neuer Welten. Dieser 
Mensch, jener Mensch taucht auf, und schon hat ihn die 
Atmosphäre, in der er wirkt und lebt und atmet, so 
aller Wirklichkeiten entkleidet, daß er wie losgelöst er- 
scheint von allen Dingen, wie herausgerissen und ver- 
einzelt, kein Mensch mehr wie die anderen mit warmem 
Blute und singenden Adern, mit pochendem Herzen und 
klingender Seele. Nurmehr ein Schemen — ein Typus — 
ein Repräsentant. Und doch muß es ein Mensch sein; 
nur der Nebel trübt den Blick, — und wieder sucht das 
forschende Auge ihn zu durchdringen. 

Ist es ein Mann? ein Weib?: Der Nebel; vielleicht 
beides! Vielleicht muß er beides sein; denn es ist ein 
Mensch, ein ganzer Mensch, ein Repräsentant -Mensch, 
und vielleicht muß ein solcher von allem an sich haben. 
Ein solcher Nebel lag auch über unserer Zeit, denn sie 
war eine Werde-Zeit. Er liegt noch; nur langsam be- 
ginnen sich einige Schleier zu heben; denn noch ist 
erst so weniges geworden von dem, was werden muß . . . 

Und eine solche Gestalt ist auch Louise Michel. 
Eine problematische, seltsam schillernde Gestalt — im 
Nebel, wie ein Rätsel. Die Frage drängt auch hier sich 
auf die Lippen: Ist es ein Mann, ist es ein Weib? Und 
wieder wird die Antwort des Verständigen lauten: vielleicht 
beides zugleich — und vielleicht mußte sie beides zugleich 
sein, von beidem an sich haben, um gerade ein solcher 
Mensch zu sein, wie sie war. 

Wenn der populäre Instinkt so oft solche sonderliche 
Erscheinungen im Zwielicht neuer Zeiten auch sonst von 
4er Menschheit absondert, sie über oder neben die Mensch- 
heit stellt, ihnen engelhafte oder dämonische Züge beilegt 
oder andichtet und sie jedenfalls sehr oft als unsexuell 



— 312 — 

empfindet, als selbstverständlich entbunden von der all- 
gemeinen Arbeit der Arterhaltung, weil sie — und dies 
fühlt der populäre Instinkt gut heraus — weil sie in der 
allgemeinen Ökonomie der Kräfte für die Art eine andere 
Arbeit verrichten, so irrt dieser Instinkt durchaus nicht 
immer ganz. Es liegt ihm eine sehr richtige Erkenntnis 
zugrunde. Freilich kein Mensch ist außerhalb der Natur 
für den tiefer, wissenschaftlich Erkennenden und wo das 
Volk mit großen Worten mystisches, mythisches Staunen 
ausdrückt, da findet der Forscher oft entweder einen 
ganz gewöhnlichen hausbackenen Alltagsmenschen . . . oder 
auch, und nicht in den seltensten Fällen, eine wirkliche 
Sonderstellung; nichts Übernatürliches selbstverständlich, 
nichts Dämonisches noch Engelhaftes, nichts unnatürliches 
noch Außernatürliches — aber eine seltenere und doch 
natürliche Varietät, ein Naturspiel, wenn man will; nichts 
Unsexuelles, nur eine veränderte, vielleicht kompliziertere 
unfruchtbare und oft dennoch vollere, aber anders ge- 
artete Sexualität. — Mit einem Worte das Volk sucht 
immer Sagen zu weben, der Tieferblickende findet überall 
wieder Naturgesetze und natürliche Übergänge, Zwischen- 
stufen. Das Volk faselt von Genien oder Dämonen . . . 
parturiunt montes nascetur: ein einfacher Urning. 

Von diesem Standpunkte aus soll in dieser kleinen 
Studie der Charakter der großen Revolutionärin und 
Neuweltserträumerin Louise Michel betrachtet werden, 
der „vierge rougC wie sie der Volksmund schon be- 
zeichnend genug genannt hat 

Bevor ich daran gehe, muß ich, so ungern ich Breit- 
getretenes nochmals breiter trete, auf etwas eigentlich 
Selbstverständliches nochmals zurückkommen, weil dieses 
Selbstverständliche immer wieder, und vielleicht geflissent- 
lich, von manchen Seiten vergessen wird und daher immer 
vrieder hervorgehoben werden muß. Hier ist es: 

Es kommt zur Charakterisierung eines Menschen als 



— 313 — 

Uranier durchaus nicht auf Betätigung an^ sondern nur 
auf die allgemeinen, übrigens streng beweiskräftigen 
Merkmale^ auf das psychische Profil Ich glaube^ wenn 
ich in einer Bildergallerie ein Brustporträt mit männlichen 
Zügen, Bart usw. sehe, so genügt mir das doch, um mit 
apodiktischer Sicherheit zu der Erklärung berechtigt zu 
sein: dies ist ein Männerporträt, wenn mir auch die 
Konstatierung unmöglich ist (denn es handelt sich um ein 
Brustbild) nachzusehen, ob der Mensch — Hosen oder 
Röcke anhat. — Nun so verhält es sich auch mit der 
geistigen Physiognomie. Auf allgemeine bestimmte Cha- 
rakterzüge kommt es an, auf die Triebrichtung allenfalls, 
gewiß nicht auf die Betätigung; sie ist von allzuvielen 
äußeren Faktoren abhängig und könnte höchstens manch- 
mal, nicht immer, als positives Symptom, ihre Abwesenheit 
kann nie als negativer Beweis in Betracht kommen. Auf 
aUe Fälle würde eine solche Konstatierung absolut meiner 
persönlichen Feinfühligkeit entgegen sein. Sie kann also 
als unnötig und meiner Ansicht nach wenigstens in dem 
vorliegenden Falle, wo es sich um eine kaum verstorbene 
Person und die noch viele Verbindungen unter Lebenden 
hat, als unangebracht wegfallen. 

Ich überlasse sie gerne einer gewissen, meiner An- 
sicht nach höchst ungerechtfertigten forensischen Neugier, 
die in einigen Ländern noch immer nicht davor zurück- 
schreckt, mit brutaler Hand den Vorhang der Alkove 
zu lüften und vor diesem Schauspiel „unzeitgemäße Be- 
trachtungen'^ anzustellen. 

Nur in kurzen Zügen werde ich die allgemeine Be- 
deutung Louise Michels skizzieren. Louise Michel ist eine 
vielseitige, in der Geschichte der neuen Menschheitsideen 
hochbedeutsame Individualität, die aber so unzertrenn- 
lich mit dem Anarchismus verbunden ist, daß ich es mir 
der prinzipiellen politisch- sozialen Stellungslosigkeit dieser 
Jahrbücher wegen versagen mußte, hierauf einzugehen. 



— 314 — 

Vielleicht wird übrigens auch, schon aus der Dar- 
legung der urnischen Natur der großen Frauenrechtlerin 
unwillkürlich ein, wenn auch skizzenhaftes Gesamtbild 
hervorgehen. Denn so tief wurzelt das ganze Wesen 
jedes Menschen y die ganze Individualität jedes und 
speziell der bedeutendsten Vertreter und Förderer unserer 
Rasse eben in Sexualität, daß man von der einen nicht 
sprechen kann^ ohne auf die andere Bezug zu nehmen, 
daß man die eine nicht erklären kann, ohne zugleich 
unwillkürlich die andere im Bilde erstehen zu lassen. 

IL 

Louise Michel wurde um 1830 geboren zu Vroncourt 
im Departement Haute Marne, wo sich germanische und 
romanische Rasse kreuzen, sie selbst ein Produkt vielfacher 
Rassenkreuzung und überdies ein Kind der Liebe ^ oder, 
wie sich die Prüderie der modernen Gesellschaft noch 
immer auszudrücken beliebt „mit dem Makel der Ille- 
gitimität behaftet'^: Sie hat diesem Makel ihr Lebenlang 
Ehre gemacht, indem sie eine erfolgreiche Verfechterin 
alles dessen wurde, was sie für naturhistorische Menschen- 
rechte ansah, — erfolgreich insoweit, als es für Ehr- 
lichkeit auf dieser sich nur langsam zu Wahrheit und 
Gerechtigkeit entwickelnden Welt Erfolg geben kann: 
Erfolg des Kampfes und der Verfolgung, den ihre Gegner 
und Neider ihr noch durch die Taktik des Totschweigens 
schmälern wollten und vielleicht noch wollen. 

Wir wissen nicht den Namen ihres Vaters '), denn das 
französische Gesetz verbietet (höchst unrepublikanisch 
übrigens) ,4a recherche de la paternitö'^ und sie selbst hat 
das Geheimnis, wohl einem Wunsche ihrer Mutter gemäß, 
bewahrt Jedenfalls gehörte er einem alten Feudal- 

') Es soll der SchloBherr von Vroncourt gewesen sein, zu 
dessen Gesinde Louisens Mutter gehörte. 



Louise Michel nach der Amneslie. 



— 315 — 

geschlechte an, wie aus mehreren Stellen ihrer Memoiren 
hervorgeht. Diese, auf den ersten Blick vielleicht neben- 
sächlich erscheinende Eonstatierung, ist nicht so ganz 
ohne Bedeutung, denn die Geschichte des Anarchismus 
scheint die Auffassung nahezulegen, daß mindestens ein 
starker Prozentsatz Tyrannenblut notwendig ist, um einen 
VoUanarchisten zu zeugen. Vielleicht war auch diese 
uneheliche Geburt schon der erste äußerliche Grund, daß 
Louise Michel, eine von Geburt aus Ausgestoßene, desto 
hartnäckiger, mit der ganzen Hartnäckigkeit der väter- 
lichen „Raubritter'*- und der mütterlichen bäuerischen 
„Dickschädel'^-Aszendenten aller anderer Enterbten und 
auf die Seite Geschobenen sich annahm, mit denen sie 
sich solidarisch fühlte und bis zum letzten Atemzuge 
solidarisch blieb. 

Das frühreife Kind, voll seltsamer intellektueller 
Neugier und sonderbarer Eigenheit — sie war stets „anders 
als die Anderen" — wurde im großelterlichen Hause er- 
zogen. „Erzogen'' ist viel gesagt, aber jedenfalls hat sie 
viele und recht heterogene Einwirkungen erfahren, die 
sie aber mit einer sehr starken eigenen Individualität zu 
etwas Eigentümlichen verarbeitete, das sehr bald eine 
sehr logische, abgerundete Persönlichkeit wurde, die ein 
bestimmtes, sehr hohes Ziel vor sich hatte. Ja ein sehr 
hohes Ziel: Eine neue freie Menschheit. Nichts mehr 
und nichts weniger. Man sollte ^meinen, dies Ziel wäre 
einer Lebensarbeit wert 

Ehe sie noch regelrecht schreiben gelernt, beginnt 
sie schon nach der Druckschrift, die man sie lesen lehrte, 
Buchstaben zu malen und mit dieser improvisierten Druck- 
schrift macht sie schon die ersten Aufzeichnungen — sogar 
Gedichte. Neben den kindlichen Spielen und Streichen, 
auf die noch zurückgekommen wird, verschlingt sie Buch 
um Buch mit einer unglaublichen Schnelligkeit, als wüßte 
sie schon, daß Zeit Geld, viel mehr als Geld ist. Mit 



— 316 — 

einer Hast, ihren Verstand auszustatten, als ob sie wüßte, 
daß die Spanne, die ihr hierzu vergönnt ist, kurz ist und 
schon die Ereignisse des positiven Kampfes warten, auf 
sie, die vollgewappnet in die Bewegung, in die Geschichte 
eintreten muß. Ein Zug männlicher Entschlossenheit und 
bewußter Überlegung liegt schon auf diesen Kindheits- 
jahren. 

Nach dem Tode der Großeltern beginnt der Kampf 
ums Leben, der harte Erwerh, das Studium voll Ent- 
sagungen, die die wißbegierige, tapfere, kleine Person sich 
bei jedem Kapitel der Wissenschaften, in das sie gerne 
tiefer eindränge, auferlegen muß, weil es vor allem gilt, 
nicht vertieftes Wissen in sich aufzunehmen, sondern 
schnell die Oberflächlichkeiten des Examenstoffes zu be- 
wältigen, wie sie von einer Normallehrerin verlangt werden. 

Und sie bleibt standhaft und überwindet einstweilen 
den Trieb nach tieferer Bedeutung, weil es vor allem gilt 
für die Mutter Brot zu schaflFen, die sie über alles liebt, 
deren Versorgung sie als die erste, nächste Pflicht empfindet. 

Sie überwindet auch den Wunsch, nach Paris zu 
gehen, an die Quelle höheren Wissens, und nimmt, um 
bei der Mutter zu bleiben, eine Stelle als Hilfslehrerin 
an der Ecole libre von Audeloncourt (1853) in der Nähe 
ihres Geburtsortes. Aber kaum ist sie in einen öffent- 
lichen Wirkungskreis getreten, greift auch schon das 
Schicksal in ihr Leben ein; das Schicksal ihres unbeug- 
samen geraden Charakters, ihrer ererbten und selbst er- 
worbenen Anschauungen, ihres kämpf esfrohen,opfer mutigen, 
menschheitsliebenden Gemütes. Ihre innere Vorbe- 
stimmung scheint es gewesen zu sein, sich hingebend, 
Menschen zu führen und zu ihren Anschauungen heran- 
zubilden, gegen alle Tyranneien vom ersten bis zum 
letzten Blutstropfen zu kämpfen. 

Und in dieser, ihr notwendig eingeborenen Arbeit 
kann keine Überlegung sie hindern; mehr! es taucht gar 



— 317 — 

keine hindernde Überlegung in ihr auf, wenn sie diesem 
ihrem Instinkte folgt. 

So kann ihr auch diese ruhige Stellung unter den 
verkehrten Komödienverhältnissen dieses IL Empire, des 
Offenbach'schen Operettenkaiserthums, nicht lange erhalten 
bleiben. 

In ihrem köstlichen^ ein wenig burschikosen Humor 
kennt Louise Michel keinen Kaiser Napoleon IIL, sondern 
nur einen „B^dingiiet'S allenfalls ,,Monsieur und Madame 
Bonaparte". — Den Argusaugen der kaiserlichen Spitzeln 
ist ihr Bildungsdrang, ihre naturwissenschaftliche Welt- 
anschauung längst unliebsam aufgefallen. 

Man weiß, daß sie nach Paris drängt; auch dies ist 
verdächtig, denn in Paris riecht es nach Revolution und 
republikanischer Gesinnung. Man verschwärzt sie bei 
dem Präfekten, der sie scheel ansieht und bei ihrem 
Schulinspektor, der solange als möglich ein Auge, beide 
Augen zudrückt. 

Aber sie kann und will nicht lügen^ und schon gar 
nicht „Herrn Bonaparte" zuliebe. 

Sie sieht es wie ein Verbrechen an, daß man den 
Kindern statt der Freiheitsliebe in der Schule Zufrieden- 
heit mit dem Kaisertum des Usurpators einimpfen will, 
und sie lehrt ihre Schulkinder andere Lieder. Ernste 
und heitere. Hier ein Bruchstück eines heiteren: 

Bonhomme, n'entends-ta pas 

Ce refrain de chansoii fran^aise? 

Ce refrain, c'est la Marseillaise. 

Übersetzt würde dies etwa lauten: 

Nanu, mein Kerlchen, hörst du nicht 

usw. 

Das „Kerlchen" ist Napoleon III. 
Unter den ernsten nimmt die Marseillaise eine Haupt- 
stelle ein. Die Verse: 

Nous entrerons dans la carriöre 
Quand nos ain^s n'y seront plus 



— 318 — 

werden kniend gesungen. Man sieht, gleich am Anfang 
ihrer Laufbahn predigt Michel die Religion der Freiheit, 
und diesen Beigeschmack behält ihre Wirkungsart bis zum 
Schlüsse. Ferr6 nannte sie i,une devote de la Bövolution^'^ 
und sie selbst zitiert in ihren Memoiren diesen Ausspruch 
und gibt zu, daß er yielleicht richtig sein mag. An so 
kleinen Demonstrationen läßt sie sich bald nicht mehr 
genügen. Es ist ihr ein Dom im Auge^ daß ihre Schul- 
kinder am Schlüsse der Messe das Besponsorium „Domine 
salvum fac imperatorem nostrum Napoleonem'' anhören 
und beantworten sollen. Und eines schönen Tages ge- 
schieht das Seltsame: bei den ersten Silben des Domine 
sacrum üac ertönt ein klapperndes Geräusch in der Kirche; 
es sind die Holzschuhe der Kinder aus der Ecole libre, 
die fluchtartig das Gotteshaus verlassen. Die Lehrerin 
hatte ihnen beigebracht^ fbr einen Napoleon zu beten sei 
eine Blasphemie. Man kann sich den Effekt einer solchen 
kindlichen Demonstration in einer ohne dies schon gären- 
den Zeit leicht vorstellen. 

Sie ist auch mit dem damals schon seiner republi- 
kanischen Gesinnung wegen verbannten Victor Hugo seit 
ihrer Kindheit in Verbindung. Damals wie jetzt sendet 
sie ihm Verse, die er stets freundlich beantwortete und 
in denen er ein echtes Talent erkannte. 1851 hatte sie 
den Dichter gesehen, als sie mit ihrer Mutter vorüber- 
gehend in Paris weilte. Nun schreibt sie Brandartikel 
in die Zeitungen von Chaumont Ich hebe eine dies- 
bezügliche Bemerkung aus ihren Memoiren heraus.^) 

TT 

J^envoyais aossi quelques feoiUetons 

auz joamanx de Chaumont 

J'en ai des fragmentB moins fragiles que les maina cb^ries 
qui me lea ont conserv^s. 

De ces feuilletons je cite une phrase qui xn^attira Taccosation 
d'insulte envers sa Majestö TEmpereur, accasation bien m^ritee 
da reste et qui eüt pu 6tre motiv^e par bien d^autres phrases. 



— 319 — 

,Jch sandte damals auch einige Artikel an die Presse 
yon Chaumont 

Es bleiben mir einige Bruchstücke, die weniger ver- 
gänglich waren als die geliebten Hände, die sie mir auf- 
bewahrt haben. ^) 

Aus diesen Aufsätzen will ich einen Satz heraus- 
heben, der mir die Beschuldigung der Beleidigung Sr. Ma- 
jestät des Kaisers eintrug. Die Beschuldigung war übrigens 
wohl gerechtfertigt und hätte sich auch auf so manchen 
anderen Satz stützen können. 

Das Feuilleton, eine Märtyrergeschichte , begann 
folgendermaßen: 

y^aEs war unter der Regierung Domitians. Er hatte 
Philosophen und Gelehrte aus Rom verbannt, den Sold 
der Prätorianer erhöht, die Capitolinischen Spiele wieder 
hergestellt und einstweilen, bis man ihn erdolchen würde, 
— vergötterte man den milden Kaiser. Für die einen 

Ca feuilleton, une histoire de martyrs, commen^ait ainsi: 
„Doxnitien r^gnait; il avait banni de Borne las philosophes 
et les Bavants, augment^ la solde des pr^torieDS, r^tabli las jeux 
Capitolins et Ton adorait le dement empereur an attendant qu'on 
le poignardät. Pour les uds Tapoth^ose est avant; pours les 
autres eile est apr^s, viol4 toat. 

Nous Bommas k Borne an Tan 95 de J^sos-Christ" 
Je foB mand^e cbez le prüfet qui me dit: Vous avez Insult^ 
Sa Majast^ rEmpareur an le comparant k Domitien et si vous 
n'^tiez pas si jeune on sarait an droit de vous envojer k Cayenne. 
Je r^pondis qae ceux qui raconnaissaiant M. Bonaparta au 
Portrait da Domitien Tinsultaient tout autant, mais qu'en effat 
c*^tait lui qua j*avais an vua. 

Ajoutant que, quant k Cayenne, il m'aüt 6t^ agr^able d*y 
Etablier un maison d'6ducation, et ne pouvant faire xnoi-meme las 
frais da voyage, que ce serait au contraire me faire grand plaisir. 
La cbose an resta \k\ 

^) Die Aufbawabrerin von vielen der zerstreuten scbrift- 
Stelleriscben Dokumente aus dieser Zeit war die vielgeliebte 
Freundin „Myriam^S Marie Ferr6, und nacb deren Tode Louise 
Micbels Mutter. 



— 320 — 

gibt es Vergötterung vorher, für die anderen nachher. 
Das ist der Unterschied. 

Wir sind in Rom, 95 nach Christus.»" 

Ich wurde zum Präfekten gerufen, der mir sagte: 
Sie haben Se. Majestät durch den Vergleich mit Do- 
mitian beleidigt. Wenn Sie nicht so jung wären, könnte 
man Sie von Rechts wegen nach Cayenne verschicken. 

Ich antwortete, daß die, welche in dem Porträt 
Domitians Herrn Bonaparte erkannten, ihn eben so schwer 
beleidigten; ich hätte aber tatsächlich diesen im Auge 
gehabt. 

Bezüglich Cayenne fügte ich noch hinzu, ich würde 
sehr gerne dortselbst eine Erziehungsanstalt eröfinen. Und 
da ich die Reisekosten aus eigenen Mitteln nicht be- 
streiten könne, würde man im Gegenteile mir damit einen 
Dienst erweisen. — Und dabei blieb es." 

Der ganze Charakter Louise Michels liegt in dieser 
kurzen Schilderung. 

Natürlich wurde auf diese Weise ihre Stellung in 
Audeloncourt bald unhaltbar, und sie geht nun doch de- 
finitiv nach Paris, 1855, wo sie auf dem Montmartre in 
der Schule der M"« VoUier tätig ist. Ihre Freundin Julie 
ist ihr von Audeloncourt nachgefolgt und erst die poli- 
tischen Ereignisse reißen beide nach Jahren auseinander. 

In Paris beginnt wieder eine neue Periode ange- 
strengtester vielseitigster Arbeit. Neben ihren beruflichen 
Pflichten, denen sie sich mit wahrer Leidenschaft hingibt, 
findet sie noch Zeit, in Abendkursen Naturwissenschaften 
und Philosophie, allein Mathematik zu studieren, Romane 
und Essays zu schreiben, Opern zu dichten und selbst 
zu komponieren, und die ganze beginnende revolutionäre 
Bewegung mitzumachen, mitzuorganisieren, Versammlungen 
zu besuchen und in ihnen zu sprechen, Frauen vereine 
ins Leben zu rufen und zu leiten. Es grenzt ans Wunder- 
bare, wie diese Person es verstand, aus einer Stunde 



— 321 — 

zwei — und aas zwei Groschen einen zu machen, — denn 
von jeher teilte sie alles mit allen. 

So finden die Ereignisse von 1870 — 71 sie gerüstet. 
In der Kommune spielt sie eine bedeutende EoUe, die 
von allen ihren Gegnern soTiel als möglich todgeschwiegen 
wird, wie ja überhaupt über die Kommune und ihre 
unglaublich blutige Unterdrückung soviel geschwiegen 
wird als nur irgend möglich. Louise Michel verzehnfacht 
hier ihre Energie in dem Kampfe für eine Sache, die ihr 
heilig ist, die Sache des Proletariats, der Republik Überall, 
wo die Partei wankt, ist sie gegenwärtig, kaltblütig im 
Kugelregen den Widerstand bis auf den letzten Mann 
predigend, sie selbst als der letzte Mann auf der sinkenden 
Barrikade aushaltend. 

Wenn gewisse Historiographen Louise Michel nicht 
der Erwähnung wert fanden, so hielt sie der Kriegsrat 
von Versailles für wichtig und gefährlich genug, um sie 
zur lebenslänglichen Deportation nach Neukaledonien zu 
verurteilen, zugleich mit Rochefort, Olivier Pain und vielen 
anderen; 6 Jahre lang bleibt sie auf der australischen 
Insel Nou, auch dort rastlos tätig, bis ihr die Amnestie ge- 
stattet, nach Frankreich zurückzukehren. Hier stürzt sie 
sich sofort wieder in die revolutionäre Bewegung, wieder 
arbeitend, all ihre Rahe und sogar die ihrer Mutter 
der Sache opfernd, der sie sich einmal hingegeben hat. 
Sie ist wieder dabei, Meetings abzuhalten und bei allen 
Manifestationen mitzutun, stets unterstützt von ihrer 
Freundin Marie Ferro bis zu deren Tode, der, wie sie 
selbst sagt, mit dem nicht lange nacher folgenden ihrer 
Mutter, ihr Herz zq Stein erstarren ließ. 1882 macht 
sie die Blanqui-Manifestation mit, die ihr eine kurze Ge- 
fängnisstrafe einbringt. 1883 die bekannte Zusammen- 
rottung auf der Esplanade des Invalides. Bei dieser 
Gelegenheit steckt sie eine improvisierte schwarze Fahne 
auf. Die Fahne des Hungers, wie sie sagt, die Fahne 

Jahrbuch VII. 21 



— 322 — 

des Anarchismus. An der Spitze eines Zuges, der sich 
hinter ihr formt, will sie die Straßen durchziehen und so 
eine große Demonstration für die Streikenden ins Werk 
setzen. Aber es kommt dabei zu Unordnungen, es werden 
einige Bäckerladen von manifestierenden Gruppen ge» 
plündert — und Louise Michel wurde dafür verantwortlich 
gemacht. Der hohe Gerichtshof verurteilt sie zu 6 Jahren 
Gefängnis! Es war gleichzeitig das Todesurteil ihrer 
Mutter, die vor Gram über die Trennung nach zwei 
Jahren starb. Nach Verbüßung ihrer Haft bleibt sie 
zunächst in Paris, wieder tätig und überall sich auf- 
opfernd, schreibend und in Versammlungen sprechend und 
ihre geringe Habe noch mit jedem Armen teilend, von 
Politikern ausgenützt, denen sie, die immer nur dem guten 
Zwecke zu dienen glaubt, noch Senatorenstellen und andere 
Ämter durch ihre Konferenzen einbringt Bis ihr auch 
der letzte Undank nicht erspart bleibt und das Volk, für 
das sie alles geopfert hat, durch seinen Unverstand sie 
in die Flucht jagt. Ihre große unglaubliche Güte und 
Selbstlosigkeit hat ihr den Huf eingebracht: „Louise 
Michel est une bonne fille, mais un peu toqu6e. — Louise 
Michel ist ein gutes Frauenzimmer, aber ein wenig ver- 
rückt." Die Bourgeois-Partei hat von jeher gearbeitet, 
um sie, die Unbequemste von allen, auf die Seite zu 
schieben, sie, die Unbeugsame, Unbesiegbare und — Un- 
bestechliche, mit der keine Kompromisse zu schließen 
sind, unschädlich zu machen. Was Neukaledonien, was 
die Gefängnisse nicht vermocht, würde es vielleicht das 
Narrenhaus zuwege bringen? Man wird so leicht in ein 
Narrenhaus gesperrt; in Frankreich genügt ein ärztliches 
Zeugnis, um hineinzukommen, und wie schwer es ist wieder 
herauszukommen^ das haben erst jüngst wieder einige 
traurige Fälle gesunder Opfer gezeigt. Louise Michel 
wußte das, sie wußte auch, daß man schon damit umging, 
die unverständige Volksnachrede zu einer Maßregel aus* 



— 323 — 

zunützen, die ihr wirklicher Tod gewesen wäre, und so 
geht sie wieder, diesmal freiwillig, in die Verbannung. 
Charlotte Vauwelle, die treue Freundin dieser Lebens- 
periode, der es auch vergönnt war, der ewig verfolgten 
Neuweltserträumerin die Augen zuzudrücken, begleitet sie 
nach England, wo sie ihre alte Tätigkeit fortsetzt Erst 
in den letzten Jahren, als die Ärzte für ihre durch 
soviel Kämpfe und Entbehrungen, soviel Gefängnis, Kummer 
und Verfolgung schließlich dennoch aufgeriebene Ge- 
sundheit das Klima Südfrankreichs verordneten, kehrte 
sie in die Heimat zurück. Aber auch jetzt noch gönnt 
sie sich keine Ruhe, sondern reist von Konferenz zu 
Konferenz, übrigens stets von der guten treuen Charlotte 
begleitet. 

Auf einer dieser Fahrten ist sie in Marseille am 
21. Februar 1905 gestorben. 

Man hat dieser armen, mutigen, opferfrohen Idealistin 
in ganz Europa einst den Ruf einer wilden, blutigen 
Petroleuse gemacht. Warum? weil sie wie ein Mann, 
besser wie ein Mann, für ihre Idee kämpfend auf der 
Barrikade gestanden und das Unglück gehabt hat, nicht 
zu fallen und nicht zu siegen. Ihre Sache ist unterlegen, 
darum ward eine Generation darauf gedrillt, vor dem 
Namen der Petroleuse zu erschauern. Sonst hätte sie 
vielleicht Statuen wie Jeanne d'Arc. — Joanne d'Arc hat 
ihrer Sache zum Siege verhelfen. Louise Michel ist unter- 
legen und wurde zur Zwangsarbeit nach Neukaledonien 
geschickt Zwölf Jahre hat ihr starker Charakter allen 
Schrecken der Gefängnisse getrotzt und ihr noch die 
Kraft gegeben, ihre Mitverurteilten zu erheben, zu trösten, 
zu bilden, zu höherer Lebensanschauung emporzuführen, 
und die geringen Unterstützungen, die ihr zeitweise zu- 
flössen, noch mit ihren Leidensgenossen zu teilen. Ihr 
ganzes Leben ist Opfer und Arbeit. Ihr ganzes Leben 
lang hat sie nicht ein Stück Brot erworben, dessen größere 

21* 



— 324 — 

Hälfte sie nicht dem gegeben hätte, der neben ihr Mangel 
litt, und oft weniger Mangel litt als sie selbst 

Nein, diese Petroleuse war yor allem ein Apostel. 
Sie lehrte „eine hohe freie Menschheit auf einer freien 
Erde'^ Aber man hat diese ganze Kommune und alles, 
was mit ihr zusammenhängt, so sehr verschwärzt, ver- 
leumdet^ in den Kot gezogen! — Man mußte es wohl 
tun, um die neue Pariser Blnthochzeit zu entschuldigen, 
die ein Teil der modernen Bourgeoisie gegen das recht- 
heischende Proletariat aller Stände angezettelt hatte. 

Die neuere exaktere Geschichtsforschung, der nun 
auch, wenigstens teilweise, lauge geheimgehaltene Archive 
geö£Pnet sind, hat schon viele der Schleier gelüftet, die 
auf diesen Schreckensjahren lagen. Sie hat im allgemeinen 
unwiderleglich dargetan, daß in diesem Kampfe die 
„Canaille'' nicht immer, aber auch durchaus nicht immer 
auf der Seite der roten Fahne zu suchen und zu finden 
ist Diese aufgeklärtere, exaktere Geschichtsforschung 
wird auch einst, vielleicht recht bald, der stets verfolgten, 
stets verleumdeten, stets ausgebeuteten Louise Michel 
Gerechtigkeit widerfahren lassen. 

IIL 

Nach dieser kurzen, allzukurzen Skizzierung des 
äußeren Lebens der „roten Jungfrau^', soll nun zur Dar- 
legung ihrer umischen Natur übergegangen werden. Ich 
will gleich vorhinwegnehmen^ daß alles dafär uud nichts 
dagegen zu sprechen scheint Ein virilerer Charakter 
als der ihre ist auch bei den männlichsten Männern kaum 
zu finden. 

Der alte Nestroy hat einst den köstlichen, allerdings 
vielzusehr generalisierenden, aber nicht minder tief blicken- 
den und vielbelachten Satz ausgesprochen: „Das ärgste 
alte Weib — ist ein alter Mann.*' Man wäre versucht 



— 325 — 

das Paradoxon allen Ernstes umzudrehen und zu sagen: 
9,Der männlichste Mann ist ein viriles Weib/' Wenigstens 
erweckt Louise Michel diese Vorstellung. — 

Die charakteristischen Merkmale des umischen 
Menschen gruppieren sich, wie folgt: 
. a] Körperliche Merkmale; 

b) erotische Abneigung gegen das entgegengesetzte 
Geschlecht und anerotische Kameradschaft, Ver- 
kehr auf brüderlichem Fuße mit demselben; 

c) erotische Zuneigung zum eigenen Geschlecht oder 
doch schwärmerische Freundschaften, langes, fast 
an Ehe gemahnendes Zusammenleben mit solchen 
Personen; 

d) Vorhandensein von Charaktereigenschaften und 
von Talenten, die im allgemeinen dem anderen 
Geschlechte ganz speziell zu eigen sind; 

Ein Blick auf die beigegebenen Bilder wird dem 
unparteiischen jedenfalls sofort den Eindruck aufzwingen, 
daß die männlichen Züge vorherrschen. Männlich ist diese 
starke Gharaktemase, die strenggeschnittene Stime, das 
breite, massige, feste Kinn, die flachen geraden Lippen, 
der energische, entschlossene Zug um den Mund. Es 
liegt eine gewisse Schönheit in dem Gesichte; aber dann 
ist es eine harte, herbe, rein männliche Schönheit; alles 
weiblich Weiche und Anmutige fehlt gänzlich. Besonders 
charakteristisch ist auch die Totenmaske. Man bemerkt 
einen unverkennbaren Bartanflug auf der Oberlippe; auf 
der Originalphotographie ist er noch stärker sichtbar als 
auf dem klischierten Bilde. Sie wendete also augenschein- 
lich Toilettemittel an, um den Bartwuchs zu verbergen; 
schon um der Meinung, sie sei ein cas pathologique, die 
oft ausgesprochen wurde, nicht weitere Anhaltspunkte 
zu bieten. Sie befand sich offenbar sehr gut in ihrer 
Haut und wollte durchaus nicht als „krankhafte'^ Er- 
scheinung gelten. Es ist dies vielleicht der einzige Punkt,. 



— 326 — 

wo sie persönliche Elmpiindlichkeit zeigt. An einer Stelle 
läßt sie sich sogar diesbezüglich zu einer ordentlichen 
Philippika hinreißen, die bezeichnend genug ist. Sie 
wendet sich gegen die Mode, jede Frau mit virilem 
Charakter als »^pathologisch" anzusprechen, und fährt 
dann fort: „Es wäre zu wünschen, daß solche patho- 
logische Fälle recht häufig aufträten bei den kleinen aus- 
geronnenen Gigerln und anderen Kategorien des starken 
Geschlechts".^) 

Fahren wir fort in der Beschreibung der äußerlichen 
Erscheinung. Sie ist groß, schlank, «nager, von flacher 
Brust und schmalen Hüften^ wenig ausgesprochener Taille, 
so daß sie in Männerkleidern nicht auffällt, und sie trägt 
solche oft. Stimme und Gang sind auffallend viril. Sie 
weiß es und gefällt sich entschieden in diesen Eigen- 
schaften, wenigstens beweisen dies einige Anekdoten, die 
sie selbst mit sichtlichem Vergnügen erzählt. 

Eines Abends verfolgt sie auf ihrem Gange durch 
einsame Straßen ein Herr mit Liebesanträgen. Anfang» 
beachtet sie ihn nicht und läßt ihn mitlaufen oder nach- 
laufen, stellt aber, ohne sich auch nur im mindesten befangen 
zu fühlen, über sein komisches Äußere die verschieden- 
sten Betrachtungen an. Schließlich aber, um ein Ende zu 
machen, dreht sie sich rasch um und singt ihm mit ihrer 
männlichsten Stimme eine Skala ins Gesicht, immer tiefer 
und tiefer gehend und den Buchstabennamen der Töne 
aussprechend, durch den auch überdies noch ein höchst 
derbes, sehr männliches Wort herauskommt; worauf der 
nächtliche Liebeswerber erschreckt die Flucht ergreift, 
wahrscheinlich in der Meinung, auf einen verkleideten 
Mann gestoßen zu sein. 



*) II scrait a souhaiter que ces cas pathologiques sc mani- 
festassent en grand nombrn chez les petits crev6s et autres 
cati'gories du sexe fort. 



— 327 — 

Auf der Insel Nou hat sie mit einem Mitverbannten 
eine politische Diskussion, wobei sie so gewaltige Stimm- 
mittel aufwendet, daß die Gefangenenwärter von dem 
Hauptposten herbeieilen — weil sie nach dem Lärm 
auf eine meuterische Zusammenrottung der ganzen An- 
siedlung schließen. 

Ein andermal, auch während eines ihrer einsamen 
nächtlichen Spaziergänge, jagen ihre hallenden Kürassier- 
schritte einen ängstlichen Kleinbürger in die Flucht 
(denn die Pariser Straße ist bei Nacht nicht sehr geheuer) 
und sie macht sich das Vergnügen, den Vertreter des 
starken Geschlechts in immer schnellerem Tempo durch 
eine Reihe von Gassen und Gäßchen vor sich herzutreiben. 

Um übrigens zu zeigen, daß ich nicht eigene Illusionen 
in diese Personsbeschreibung hineindichte, will ich das 
Zeugnis eines bekannten deutschen Publizisten anrufen: 

Theophil Zolling, der Louise Michel um 1880 
interviewt hat, beschreibt sie in seiner „Reise um die 
Pariser Welt" (Stuttgart, Verl von W. Spemann 1882, S.52). 

Er schickt voraus, daß Louise Michel im Gegensatze 
zu ihrer Mutter häßlich sei, „doch nicht ganz, besonders 
wenn man vergißt, daß man vor einem Weibe steht.'' 
Dann fährt er fort: Die hohe, nervige, überschlanke 
Gestalt, mit dem großen, energischen Kopfe, will nicht 
zum Frauenge wände passen. Die platte Brust scheint 
des Mieders zu spotten, welches die grobe Taille nicht 
im geringsten zusammenschnürt. Das Kleid aus schwarzem 
Kaschemir ist zu eng für ihren weit ausgreifenden Schritt, 
und die doppelsohligen Schuhe sind zu bequem für den 
beinahe feinen Fuß. In ihrem Angesichte erinnern 
höchstens die verschnittenen Locken, welche, in der Mitte 
gescheitelt und hinter die Ohren gestrichen, in ziemlich 
dichten, bereits ins Graue spielenden Ringeln rückwärts 
auf das schwarze Halstuch fallen, und etwa das kleine, 
charakterlose Kinn (??) an ihr Geschlecht. Starke Backen- 



— 328 — 

knochen begrenzen den breitgeschlitzten Mund, dessen 
dicke, blasse, aufgesprungene Lippen keineswegs zum 
Kusse einladen, und verdecken die kleinen, eisigen Augen, 
die hinter buschigen Brauen lauem, unter der kräftig 
und nicht unedel geschnittenen Nase schattiert sich ein 
Schnurrbärtchen, das den Neid eines Gymnasiasten er- 
wecken würde 

Das Gesamtbild dieser Züge ist vulgär, trotzig, ab- 
stoßend, hart, mumienhaft, wird aber vermenschlicht durch 
den Ausdruck physischen und psychischen Leidens, der 
darüber ausgegossen ist, und den Strahl der Begeisterung, 
welcher im Affekt in den grauen Augen phosphoresziert 
und das sonnenverbrannte vorzeitig gealterte Antlitz ver- 
klärt. Man sieht, daß man vor einer Intelligenz, einem 
Willen und einer Überzeugung steht, die bis zur Schwärmerei 
und zum Verbrechen gehen kann/' 

Diese wenigen Bemerkungen mögen für die körper- 
lichen Stigmata genügen; einerseits sind sie auch in dieser 
Kürze charakteristisch ' und lassen für jeden, der Augen 
hat zu sehen und Ohren zu hören, tief genug blicken, 
andererseits scheinen mir die psychischen Merkmale 
interessanter, wichtiger und ausschlaggebender. 

Da ist nun wirklich embarras de richesse. 

Die erotische Abneigung gegen den Mann zieht sich 
wie ein roter Faden durch das ganze Leben Louise Michels; 
nie hat ein Mann ihr Herz höher schlagen gemacht, nie 
haben ihr auch die mißgünstigsten, hämischsten Feinde 
auch nur die vorübergehendste Regung, auch nur das 
kleinste Abenteuer nachsagen können, und das hätte man 
doch weiß Gott gerne getan, um die wilde Revolutionärin, 
die Neukaledonien und St. Lazare übertaucht hatte, doch 
wenigstens als sittenlos an den Pranger stellen zu können. 
Aber es war umsonst; in diesem Punkte war sie nicht 
zu treffen, und der Yolksmund mußte recht behalten, der 
sie „la vierge rouge", die rote Jungfrau genannt hatte. 



— 329 — 

Woher diese Enthaltsamkeit? Aus Moralität, wird 
man vielleicht sagen; aber über die überkommenen Moral- 
and Religionsbegriffe ist sie ja hinaus, noch ehe sie lange 
Röcke trägt. 

Aus Zeitmangel vielleicht? Aber dazu findet man 
auch in angestrengtester Tätigkeit doch noch Zeit; tausende 
vielbeschäftigter Männer und Frauen beweisen es, die 
trotz rastloser Tätigkeit, trotzdem sie ohne Unterbrechung 
arbeiten, ihre ganzen Kräfte einer Idee widmen, eben 
doch noch zur Liebe Zeit finden. Dem Menschen, der 
lieben will, ist es gegeben, dem Tage, der 24 Stunden 
hat, noch eine funfundzwanzigste hinzuzufügen: das 
Schäferstündchen. 

Man wird als letzten Einwand Anerotik geltend 
machen wollen. Nun, vor allem will ich gleich eingestehen, 
daß ich an diese berühmte Anerotik wirklich nur sehr, 
sehr schwer glauben kann. In den meisten Fällen steckt 
hinter der vielgeliebten Anerotik ganz einfache Wald- 
und Wiesen- Homosexualität Mir will das nicht recht 
einleuchten, die Anerotik bei un verstümmelten Menschen. 
Die türkischen Haremswächter sind vielleicht, manchmal, 
in späteren Jahren anerotisch! 

Jedenfalls wäre es absurd, bei einem so temperament- 
vollen, von Liebe überfließenden Wesen wie Louise Michel 
es war, von Anerotik reden zu wollen. Nein, nein, sie 
war ein viel zu voller, ganzer Mensch, um anerotisch ge- 
wesen zu sein. 

Die Erklärung ist einfach die, daß ihr der Mann 
„nichts sagte^'. 

In dieser Beziehung ist wohl eines beweiskräftig. 
Der Mann, der sich ihr erotisch nähert, sei es mit einem 
Heiratsantcag, sei es mit flüchtigeren Anträgen, löst bei 
ihr spontan immer dasselbe Gefühl aus, das Gefühl des 
Grotesken, des Lächerlichen. Gibt es etwas Antierotischeres, 
als das Lächerliche? Nein! das Lächerliche ist direkt 



— 330 — 

das antierotische Symptom. Ihre Antworten machen 
ganz den Eindruck, als ob etwa ein lustiger, ganz normal 
fühlender Naturbursch den homosexuellen Antrag eines 
,,Weibling8'^ lachend abwiese. Lachend und ohne böse 
zu werden, weil ihm die Geschichte so unmöglich und 
lächerlich vorkommt, daß er sich nicht einmal darüber 
ärgern kann. 

Es möge hier die den Memoiren entnommenene Be- 
schreibung zweier Körbe folgen, die Louise Michel in 
jungen Jahren verabreicht hat. Die Stelle ist vielseitig 
charakteristisch und kann wohl auch jedes Kommentars 
entbehren.^) 

„Die Erinnerung an zwei lächerliche Wesen, die 
schon, als ich 12 oder 13 Jahre alt war, bei meioen 
Großeltern um meine Hand anhielten, hätte genügt, mir 
Heiratsgedanken abzugewöhnen, wenn ich solche über- 
haupt njoch gehabt hätte. 

Der erste Bewerber, eine wahre Lustspielfigur, wollte 

^) Le Boavenir de deux ßtres ridicules qui se suivant comme 
des oies ou des spectres (il y avait de Tun et de Tautre) m'avaient, 
Tun apr^s Tautre, demand^e k mes grands-parents dös Tage de 
(loaze k treize ans, m^eüt eloignee du mariago si je ne Teusse 
ötö d^j4. 

Le Premier, vöritable personnage de comödie, voalait faire 
partager sa fortune (qu'il faisait sonner k chaque parole comme 
un grelot) k une femme elev6e suivant ses principes (c'est-4-dire 
dans le genre d'Agnös); il ötait an peu tard ponr prendre cette 
mötbode aprös tont ce que j'avais lu. 

L'animal! On eiit dit qu^il avait dormi pendant une ou 
deux centaines d*ann^es et venait nous reciter cela ä son r6veil. 

On me laissa repondre moi-meme; j avais justement ce jour-U 

In avec mon grandpere dans sa vieille Edition de Moliöre. Le 

pretendant me faisait si bien Feffet du tuteur d* Agnes que je 

troavai mojen de lui gl isser k propos une grande partie de la 

scöne oü eile dit: 

Le petit chat est mort! 

Je lui avais meme r^pondu cela, mot k mot, — il ne com* 
prenait pas! 



— 381 — 

sein Vermögen (das er bei jedem Worte wie eine Schelle 
aufklingen ließ) mit einer nach seinen Prinzipien er- 
zogenen Frau teilen (das heißt nach dem Muster ,,Agnes<'); 
nach allem, was ich schon gelesen hatte, wäre es ein 
wenig spät gewesen fUr die Methode. 

Das Vieh ! er sah aus, als ob er ein- bis zweihundert 
Jahre geschlafen hätte und uns das nun bei seinem Er- 
wachen aufsagen käme. 

Man ließ mich selbst antworten. Ich hatte gerade 
an diesem Tage mit meinem Großvater in seiner alten 
Moliere-Ausgabe gelesen. Der Brautwerber sah mir so 
ganz nach dem Vormund der Agnes aus, daß ich Ge- 
legenheit nahm ihm sehr treffend mit einem guten Teil 
der Szene aufzuwarten, wo diese sagt: 

Die kleine Eatz' ist tot! 

Ich hatte ihm sogar Wort für Wort diesen Satz ge- 
antwortet — er verstand ihn nicht einmal!** 

Ich brauche wohl nicht hervorzuheben, welch' unglaub- 
lich starker Doppelsinn in dem Worte „petit chat*' liegt. 

Ebenso unverblümt antwortet sie dem zweiten.^) 

,,Sie sehen doch, was dort an der Mauer hängt? (Es 
war ein Hirschgeweih.) Ja? na also! Ich liebe Sie nicht; 
ich werde Sie nie lieben. Und als Ihre Frau würde 

') 

Vous voyez bien ce qui est lä au mur (c'^tait une paire de 
comes de cerf)V £h bien! je ne vous aime pas, je ne vous 
aimerai jamais, et si je vous epousais je ne me generais pas plus 
que M"* Georges Daudin! Vous en porteriez cent mille pieds 
plus haut que cela sur votre tete. 



Et dire quil y a de pauvres enfants qu'on eiit forcees 
d'epooser un de ces vienx crocodilles! — Si on eüt fait ainsi 
poar moi, je sentais que, lui ou moi, il aurait fallu passer par 
la fenetre. 



— 332 — 

ich mich ebensowenig genieren wie Frau Georges Dandin! 
— Noch hunderttausendmal größere würde ich Ihnen 

aufsetzen!'' Sie schließt endlich 

mit einer auch wieder ganz männlichen Bemerkung: 

,,ünd zu denken, daß es arme Kinder gibt, die 
man noch gez¥ningen hätte, solch ein altes Erododil zu 
heiraten. Ich filhlte, wenn man mir das angetan hätte: 
Er oder ich, einer von beiden wäre zum Fenster 
hinausgeflogen !<' 

Man könnte nun vielleicht glauben, dies wären zwei 
spezielle Fälle ; wenn nur der „R^^btige'' gekommen wäre, 
nämlich der ihr geistig ebenbürtige Mann! Aber man 
täuscht sich. Für den hat sie nur brüderliche, kamerad- 
schaftliche Gefühle: 

;,.... Die, die mir Heiratsanträge machten, 
wären mir teure Brüder gewesen; als Ehemänner 
schienen sie mir ganz unmöglich. Warum das, 

weiß ich wirklich nicht Ich habe Heirat 

ohne Liebe immer als Prostitution betrachtet."^) 
Sie gibt also besonders in dem letzten Satze ganz naiv 
und als selbstverständhch zu, daß diese Liebe ihr un- 
möglich war. Ich glaube, dies genügt wohl und braucht 
nicht weiter ausgeführt zu werden. 

Aber so wenig wir irgend eine Liebe zu irgend einem 
Manne in ihrem Leben aufdecken können, so häufig finden 
wir diese ungenierte Kameradschaft, wie sie zwischen 
Männern vorkommt, die gleiche geistige Interessen ver- 
folgen. Auf diesem Fuße verkehrt sie schon als Kind mit 
ihrem Vetter Jules, mit dem sie sich auch ordentlich prügelt, 
als er es sich einmal einfallen läßt, von der Superiorität 
des männlichen Geschle(!htes zu faseln, auf kamerad- 

^) , . . . Ceux qui m avaient demand^e en manage in*aiiraient 
ete auBsi chen comme Mres qua je las trouvaia impossibles comme 

maris; dire poorqaoi, je n'en sais vraiment rien j*ai toajours 

regard^ comme une prostitation toute union nana amour. 



— 333 — 

schaftlichem Fuße ist sie mit allen männlichen Verwandten 
und Bekannten, die im großelterlichen Hause aus- und 
eingehen ; und später mit den Führern der revolutionären 
Bewegung. Und diese Kameradschaftlichkeit zeigt sich 
in jedem Worte, das sie mit Männern spricht oder über 
Männer schreibt. 

Soll ich hier Belegstellen anführen? Sie sind so 
zahlreich und über ihr ganzes Leben in allen ihren 
Schriften yerstreut, daß dies über den Rahmen einer Ab- 
handlung weit hinausreichen würde, auch sind dies so feine 
Stimmungs- Nuancen, daß sie wirklich nicht mit fünf oder 
zehn Stellen klar gemacht werden können. Man muß da der 
Empfindung des Schreibers glauben — oder selbst nach- 
lesen. Dies will ich übrigens bei dieser Gelegenheit jedem 
empfehlen. Alle Werke dieses seltsamen Menschen sind 
voll Ton feinen Bemerkungen und yerschwenderisch mit 
großen Schönheiten durchsät. Sie geben Gelegenheit, 
einen vielseitigen und originellen, feinen, ideenreichen 
Geist kennen zu lernen. Die Tage, die man darauf ver- 
wenden wird, werden nicht sine linea sein. 

Schon aus der verschiedenen Art, wie sie Männer 
sieht und beschreibt, geht ganz unzweifelhaft die Anerotik 
dieser Anschauungsweise hervor. Sie sieht den Mann 
absolut nur vom Standpunkte des Kameraden, des Mit- 
kämpfers. Wenn sie einen Mann beschreibt, sieht sie 
entweder groteske Äußerlichkeiten, oder sie spricht über- 
haupt nur von Charaktereigenschaften und gemeinsamen 
Interessen, gemeinsamer Arbeit, gegenseitiger Unter- 
stützung. Nie ein einziger jener feinen, aber unverkenn- 
baren Züge, die dem Manne gegenüber das Weib ver- 
raten. Daß sie etwa sagen würde, er hatte „tiefe Augen'' 
oder „einen kecken Schnurrbart'' oder „eine muskulöse 
Gestalt"; mit einem Worte, nicht eine einzige von jenen 
vielen kleinen Beobachtungen, die auch der prüdesten 
Frau ganz unschuldig und natürlich unter die Feder 



— 334 — 

kommen und die zeigen, daß sie — bei aller Reinheit 
und Dnberührtheit — den Mann sinnlich zu begreifen 
und sinnlich zu sehen vermag. Nein, sie sieht den Mann 
einfach nicht. Wie anders hören sich dagegen die Be- 
schreibungen der weiblichen Bekannten an. Vielleicht 
wäre diese Gegenüberstellung allein schon ein genügender 
Beweis dafür, daß Louise Michel mit Urningsaugen in 
ihre Mitwelt blickte. Wir kommen noch darauf zurück. 

Eine Stelle aus den Memoiren will ich hersetzen, 
weil sie auch sonst die Stimmung des Augenblicks gut 
wiedergibt, es ist der Augenblick des Schlußkampfes, ehe 
die letzten Barrikaden vor den eindringenden Bretonen 
des Versailler Generals fallen und der General der 
Kommune Dombrowski, der seine Sache verloren sieht, 
den Tod suchend zum letzten Male die tapfere Kameradin 
Louise Michel begegnet und begrüßt. 

„300000 hatten für die Kommune gestimmt^) 

15000 ungefähr hielten während der Blutwoche den 
Anprall einer Armee aus. Man hat ungefähr 35000 
Füsilierte gezählt; und wieviele hat man noch übersehen! 
Aber es gibt Tage, wo die Erde ihre Leichen ausspeit. 

Die Frauen hatten in den Maitagen die Barrikade 

^) TroiB ceiit mille voiz avaient ^lu la Commune. 

Quiuze mille environ, pendant la semaine saoglaDte, soutiurent 
le choc d*mie arm^e. On compta a pen pr^ trente-cinq mille 
fusill^s; mais ceuz qu'on ignore? II y a des jours oü la terre 
rend ses cadavrea. 

Les femmeS) au jour de Mai, elev^rent et defendirent la 
barrieade de la place Blanche. Elles tinrent jusqu'ä la mort 

L'une d'elles, Blanche Lefebre, vint me voir comme en visite 
k, la barrieade du Delta. On croyait encore vaincre. 

Une insurrection gagnc bien. Mais la Revolution ätatt 
saign^e au cou par le vieuz renard Foutriquet, gen^ral d*arm^e 
de Versailles. 

Dombrowski passa devant nous, triste, allant se faire tuer. — 
C'est fini, me dit-il! 

Je lui r^pondis : — Non, non. £t il me tendit les deuz mains. 



— 335 — 

auf der place Blanche errichtet und yerteidigten sie. Sie 
hahen ausgehalten bis zum Tode. 

Eine von ihnen, Blanche Lefebre, kam mich auf der 
Deltabarrikade besuchen. Wir glaubten noch an den Sieg. 

Gelingen doch manchmal kleine Insurrektionen. Aber 
der Revolution hatte der alte Fuchs Foutriquet, General 
der Versailler Armee, die Gurgel durchbissen. 

Da kam Dombrowski bei uns vorbei, traurig, den Tod 
suchend. — Alles verloren! sagte er zu mir! Nein! nein! 
antwortete ich. — Da streckte er mir beide Hände hin." 

Epische Größe in zehn Worten! 

Man bemerke im übrigen ^ daß Louise Michel nicht 
auf der Frauenbarrikade kämpft, sondern mit den männ- 
lichen Kameraden auf der Deltabarrikade — und daß 
doch der Gestus Dombrowskis nicht an ein Weib sich 
wendet. Es ist der Gestus von Mann zu Mann^ vom 
General zu seinem tapferen Soldaten, der im ver- 
zweifeltsten Augenblick noch ein großes, trotziges Wort 
tkbrig hat. 

Wenn Dombrowski Louise als Weib empfunden 
hätte, hätte er ihr doch mindestens ein wenig gerührt, 
väterlich die Wange gestreichelt. 

Ich gebe zu, daß das Dinge sind, über die sich 
streiten läßt; die übersetzte Stelle soll aach kein mathe- 
matischer Beweis sein, sondern nur als Beispiel einer 
Stimmung gelten, die sich an unzähligen anderen Orten 
wiederfindet, wovon sich jeder leicht überzeugen kann: 
und dies dürfte schon eher einem Beweise ähnlich sehen. 
In psychologischen Dingen gibt es überhaupt kein a + b, 
aber man kann doch auch Stimmungen und Gefühle mit 
nicht minderer Sicherheit glaubhaft machen. 

Diese Stimmung aber geht, wie ich gezeigt zu haben 
glaube, aus dem ganzen Leben Louise Michels hervor: 
Sie fühlte sich dem Mann gegenüber als Mann. Er war 
ihr Bruder und Kamerad, erotisch war er ihr nicht, erotisch 
war er ihr abstoßend. Die ärgste Verachtung des Mannes 



— 336 — 

klingt auch ^wieder aus jener gelegentlichen Bemerkung: 
„Je n'ai pas voulu etre le potage de l'homme". Sie em- 
pfände also als flntwürdigung diese Hingabe, die des 
echten Weibempfindens eigentlichster Höhepunkt ist. Sie 
fühlt erotisch umgekehrt: als Mann. 

So fühlt sie denn auch dem Weibe gegenüber. 

Vor allem sieht sie das Weib schon anders, ganz 
anders. Wenn sie für den Mann kein Weibesauge hatte 
— für das Weib hat sie ein Mannesauge übrig. Was 
sage ich: zwei volle, rechte Männeraugen. An ihm sieht 
sie Schönheit^ Anmut und Liebreiz. Das Weib bemerkt 
sie, wenn sie Männer übersieht. AuBer den Freundinnen, 
die ihr besonders nahe gestanden, sind ihrem Gedächtnis 
aus allen Lebensmomenten Frauenköpfe haften geblieben, 
lachende und weinende, blonde und braune, mit blauen 
oder schwarzen oder grauen Augen — bedeutende und 
unbedeutende. Ja auch unbedeutende^ einfach deshalb, 
weil sie schön waren oder lieblich. Aus allen Seiten 
ihrer Werke lugen dort und da ein Paar hübsche, schlagende 
Mädchenwimpem herror, während nur leere Männermasken 
darin verstreut sind, oft ins Groteske verzerrt Denn 
diese waren ihr nichts, während sie jei^e auch sinnlich 
begreifen konnte. Wie anders klingen gleich ihre Persons- 
beschreibungen, wenn sie von Mädchen spricht. Wie 
anders ist da gleich die Farbengebung. Da sieht sie, da 
versagt der Sinn nicht mehr. 

„Es war eine kleine Brünette. Sie hieß Rosa und 
wir nannten sie den kleinen Maulwurf, weil sie so glänzend 
schwarzes Haar hatte.^' . . . 

„In Gruppen tauchen mir die Schülerinnen der 
WasserschloßstraBe wieder auf.^) Die Gruppe der Großen: 

*) C'est par groupes que je revoi« les Kleves du Chäteaa- 
d*£au: le groupe des grandes, deux ou trois de haute taille^ 
Ldonie C. . . ., Aline M. . . ., Leopoldine; — celui des blondes, 
deuz au large front, aux yeux noirs, Alphonsine G. . . ., et les 



— 337 — 

zwei bis drei hochaufgeschossene, Leonie G . . ., Aline 
E . . .^ Leopoldine; die der Blonden: zwei mit breiter 
Stirn und stahlblauen Augen, Heloise und Gabnelle; — 
eine schwarzäugige Gruppe Alphonsine G . . . und die 
beiden Schwestern L . . . ; eine Gruppe von Bleichsüchtigen, 
Josephine L . . ., die kleine Noel, Marie G . . .. Und 
dann Kleine, so brünett, daß sie wie Schwarze aus- 
sahen: Elisa B . . ., die, noch ganz jung, schon die aus- 
geprägten Züge der südländischen Rassen hatte — — .'' 
Oder eine allgemeine, ganz männliche Ideenassoziation, 
die ihr zu Beginn eines Kapitels entfährt: „Puisque nous 
parlions de femmes, parlons aussi d'amour.'^ 

Noch eine Szene mag hier Platz finden: eine selt- 
same Begegnung, die einen entschieden stark sinnlichen 
Eindruck macht. 

Louise Michel spielt gerade eine Partie ihrer Oper 
,,Le Heve des sabbats" und ist eben bei der höllischen 
Jagd angelangt, 

La conpe est rougie 
Da vin de l'orgie, 
Effeuillons chassears 
£t femmes et fleurs. 

,.Da läutet man.^) Es war eine alte jüdische Dame, kerzen- 

deux soeurs L. . . .; — un groupe de päles, Josdphine L. . . ., 
la petite No€l, Marie C. . . . Et des petites sie brunes qu*elle8 
en ötaient noires: Elisa B. . . . qui tonte petite avait les traits 
accentn^t« des races du Midi. 

') 

On sonna k la porte. C'^tait nne vieille dame juive, droitu 
comme le spectre du commandeur et encore d*une grande beaute : 
on eüt dit son visage taill6 dans du marbre: eile ^tait grand'- 
möre d*une de mes ^l^ves. 

— Est'ce bien vous, dit-elle, qui vous permettez la sauvagerie 
quc je viens d'entendre? 



eile aimait les chants d'amour. 

La ballade du squelette lui plut. 

Jahrbuch VII. 22 



— 338 — 

gerade, wie der steinerne Gast und noch von einer großen 
Schönheit; ihr Gesicht war wie in Marmor gemeiBelt. 
Sie war die Großmutter einer meiner Schülerinnen. 

,^Sind Sie es wirklich, die sich die Wildheiten leisten, 
die ich soeben gehört habe?^^ 

Aber die Dame ist neugierig geworden, die Originalität 
der Musik fesselt sie doch, sie will weiter hören bis zum 
Schluß. 

„Sie mochte die Liebesgesänge gerne. Die Ballade 
des Skelettes gefiel ihr. 



Toi qui chantes si tard auz mura yerts des tourelles, 

Jeune fiUe, ouvre-moi. 
Viens; j'ai de blanches malns et des amours fidöles 
Et j'aurai des Eclairs dans mes yeax sans pmnelles 
Pour regardcr encorc la reine du tournoi. 

A la fin de la ballade, bien entendu, la jeane fille aime le 
squelette et le suit dans Tinconnu; ils s'en yont dans une vallöe 
solitaire oü Ton entend nul brait qa*an solo de luth. 

Ma vieille darae daigna approuver le lai da troubadonr. 

Uoiseau chantait 
Et frissonnait 
Sous la feuill^e 
Et dans le vent Tarne envol^e 
Plenrait, pieurait. 

— Malheureuse! mais c^est de vous ces montruosit^-U ! 
Je ne r^pondis pas. 

— Le plus malheureuz c'est qu'il y a des choses bien. 

— S'il n*y avait rien je ne serais pas assez b^te pour 
m*en occuper. 

— Mais vous savez bien que pour se livrer k ces choses-U 
il faut ßtre riebe ou connu. 

— Aussi je ne m'y livre pas, je reste dans 1 instraction, et 
la preuve, c'est que je laisserai teile qu'elle est cette chose qa'ou 
ne peut ex^cufer sur an thdätre; c*est bien an r£ve, qa*il seit 
des sabbats oa de la vie; ainsi je jette et j*ai jet^ d^autres rSves. 

Elle me prit la main, la sienne 6tait tonte froide. 

— Et votre coear, oü le jetterejs-vous? 

— A la r^volution! 



— 339 — 

Am Ende der Ballade liebt das Mädchen das Skelett. 
Sie gehen in ein einsames Tal, wo alles schweigt und nur 
ein Violasolo tönt. 

Meine alte Dame war auch so freundlich den Sang 
des Troubadurs gut zu heiBen. 

Zitternd und bang 
Der Vogel sang 
Im Blätterhaus. 
Und die Seele flog mit dem Wind hinaus: 
Weinte, weinte lang! 

Aber die kraftgenialischen Monstruositaten der Musik, 
die ein mehr als Berliozsches Orchester verlangt hätten, um 
all' die Dämonenkämpfe und Weltuntergangsszenen dar- 
zustellen^ die der Autor erträumt, erschrecken die Dame. 

„Aber Unglückskind ist das von Ihnen? diese 
Monstruositaten ?<' 

Ich antwortete nicht. 

— „Das Traurigste dabei ist — daß wirklich etwas 
darin steckt.'' 

— „Wenn nichts darin steckte, hielten Sie mich wirk- 
lich für dumm genug, mich damit abzugeben ?'' 

— „Na, aber Sie wissen doch: um sich solchen 
Dingen zu widmen, muß man reich sein, — oder einen 
Namen haben.'' 

— „Deshalb widme ich mich ihnen eben auch nicht, 
sondern bleibe im Schuldienst. Beweis dessen: ich lasse 
dies Ding, das man auf keinem Theater aufführen kann, 
so liegen, wie es ist; es ist und bleibt eben ein Traum — 
vom Sabbat oder vom Leben. So werfe ich meine Träume 
hin; ich habe schon andere hingeworfen.^^ 

Sie ergriff meineHand. Die ihre war ganz kalt. 

— „und ihr Herz, wo werfen Sie das hin?*' 

— „In die Revolution!" 

Ich glaube, wenn man einzelne Bemerkungen dieser 
Stelle liest^ wird man sich doch mindestens des Eindrucks 

22* 



— 340 — 

nicht erwehren können, daß Louise Michel für Frauen 
andere Augen hatte als für Männer. 

Außerdem aber hat sie ihr ganzes Leben lang, bis 
zum Tode immer eine heißgeliebte Freundin gehabt, mit 
der sie zusammenlebte, mit der sie Freud und Leid 
teilte, die ihre wahre Lebensgefährtin war. Erst^ schon 
zuhause y und lange Zeit in Paris ist es Julie. Dann, 
zur Zeit der Kommune, Marie Ferr6, die innigst 
Geliebte, zu früh Verstorbene, der so viele Bemerkungen 
in den bald nach ihrem Tode geschriebenen Memoiren 
gelten. Endlich, in der letzten Periode ihres Lebens, 
Charlotte Vauwelle, in deren Armen sie gestorben ist 

Einige aus Louisens Aufzeichnungen herausgehobene 
Sätze werden genügen, um diese Verhältnisse zu cha- 
rakterisieren.*) 



*) Cert&ines de8tin<^e8 se saivent d'abord et prennent ensuitc 
des loates oppoe^es. J'ai connu, k ma pension de Chaumont, 
mon amie Julie L. . . . Avec eile, je fus institntrice dana la 
Haate-Mame et, avec eile encore, soas-maitredae k Paris, chez 
M°** Vo liier; paia yinrent les ev^nem^ts, eile y demeura etraDg^re. 

Mais jadis, anz vacances, dans nos grands bois, doos noos 
^tions juT^ (90UB le chßne aa sennent) nne amitie ^emelle; et ni 
rone ni Tautre n 7 ayoiis manqu^. 

M^me k Paris, Julie s'occapa surtoat d'^tnde, et la haine 
qae j*eprouvai8 poor TEmpire la laissa longtemps froide; la musiqne 
et U poesie rentraiDiuent davantage. Noas avons longtemp:«^ 
u Milli^res, oü an piano servait d^orgae, chante ensemble les soirs 
de printemps: j 7 fds an peu organiste, jasqua mon depart poar 
Paris, en 1855 oa lb56: Julie, h cette epoque avait la voix da 
rossignol de nos forets. — Deux institutions, ne tirant que d'elles- 
menies leurs ressoorces, ne pouvaient gurre subsister Tune pr^ 
de lautre dans ce pays, ^ans se reunir; c'est ce que nous fimea, 
Julie et moi. Mais toujonrs je songeais a Paris. j> partis la 
prt'init're: eile rint me retrouver chex M"* Vollier, 14, rue du 
Ch:»teau-d'Eau. 

Ma mere, a partir de cet instant jusqu a la mort de sa m^re, 
habita, a Vroncourt, cette maison sur la moutee auprt*s du cime- 
tirre dont je dois avoir pari^. 



— 341 — 

,,Manche Schicksalswege laufen erst eine Zeitlang 
nebeneinander her, um dann nach verschiedenen Richtungen 
auseinander zu gehen. Ich hatte in der Pension in 
Chaumont meine Freundin Julie L. kennen gelernt. Mit 
ihr- war ich Lehrerin in der Haute-Mame, und wieder mit 
ihr Unterlehrerin in Paris, bei M™® Vollier; dann kamen 
die großen Ereignisse^ denen sie fern blieb. 

Aber einst während der Ferien, in unseren weiten 
Wäldern hatten wir einander (bei der Schwureiche) ewige 
Freundschaft gelobt; und keine von beiden hat je den 
Schwur gebrochen. 

In Paris selbst befaßte sich Julie hauptsächlich mit 
ihren Studien und mein Haß auf das Kaisertum ließ sie 
lange kalt. Musik und Poesie zogen sie mehr an. Wir 
haben oft in MUIiöres bei einem Glavier^ das als Orgel 
diente, die Frühliogsabende mit gemeinsamem Singen 
zugebracht Ich war dort ein wenig der Organist^ bis 
zu meiner Übersiedelung nach Paris im Jahre 1855 oder 
1856. Damals sang Julie mit einer Stimme, wie die der 
Nachtigall unserer Wälder. 

Zwei auf ihre eigenen Mittel angewiesene Lehr- 
anstalten konnten damals in dieser Gegend nicht neben- 
einander bestehen, ohne sich zu verschmelzen. Das taten 
wir denn auch, Julie und ich. Aber meine Gedanken 



A partir de cette ^poque, jusqu'il la mort de M°* Vollier, 
quatre ans avant le si^ge, dans mon 6cole de Montmartre, uous 
ne nons sommes plus quitt^es. 

Son Portrait est avec les chers Souvenirs que la perquisition 
de la police a retrouväs, car ma möre me les conservait aoigneuse- 
ment; portraits k demi effac^s, livres rong^s des vers, fleurs 
fan^es, ocillets ronges et lilas blancs, branches d'if et de sapin; 
il y aurait maintenant, en plus, les roses blanches ans gouttes de 
sang que je lui ai envoy^es de Clermont. 



— 342 — 

waren immer in Paris. Ich fuhr voraus dahin; sie kam 
mir nach zu M"^^ Vollier, rue Chäteau-d'Eau. 

Meine Mutter blieb von da ab bis zum Tode ihrer 
Mutter in Vroncourt und wohnte in dem Hause am Ge- 
lände beim Kirchhof^ das ich wohl schon beschrieben habe. 

Von diesem Augenblick an bis zum Tode der 
jjme Vollier, (vier Jahre vor der Belagerung, in meiner 
Schule auf Montmartre,) haben wir uns nie wieder 
getrennt. 

Ihr Bild ist bei den teuren Andenken, die bei der 
polizeilichen Haasdurchsuchung gefunden worden sind; 
denn meine Mutter hob mir alles sorgsam auf: halb- 
verwischte Porträts, wurmstichige Bücher, trockene Blumen, 
rote Nelken und weißen Flieder, Eiben- und Tannenzweige; 
jetzt waren auch noch überdies die weißen, blutrot ge- 
sprenkelten Rosen dabei, die ich ihr von Clermont aus 
geschickt habe. 

Als wir, Julie und ich, bei M"*® Vollier waren, stets 
gleich angezogen, beide groß, beide brünett, hielt man 
uns immer für Schwestern: man nannte uns die beiden 
Fräulein Vollier; so daß ich im Jahre 71, als man so 
genaue Erkundigungen über mich einzog, die Behörde 

auf diesen Umstand aufmerksam machen mußte. '' 

Ebenso mit dem Zeichen der Liebe gestempelt ist das 
Verhältnis zu Marie Ferr^, der Schwester jenes Ferr^, der 
eine so große Rolle in der Kommune gespielt hat. Sie 
teilte im Gegensatze zu Julie die revolutionären Ansichten 
Louisens. Aber es muß betont werden, daß sie sie als 
Weib teilte und immer streng in dieser Rolle blieb. 
Vielleicht liegt diese Weiblichkeit schon in den Motiven 
dieser Stellungnahme. 

Während der Elroberung der kommunistischen Stadt 
Paris, durch die Truppen des Orlöanistischen Thiers 



— 343 — 

lag Marie am Typbus krank und wurde von ihrer Mutter 
gepflegt Ihrem Bruder, der eine der ersten Stellen in 
der Selbstverwaltung der Qemeinderepublik eingenommen 
hatte, war es gelungen, sich zu verbergen. Alle Nach- 
forschungen der Häscher blieben vergebens. Als letztes 
Auskunftsmittel dringt die Soldateska in die Privat- 
wohnung der beiden Frauen. Da die Mutter auch durch 
die ärgsten Drohungen nicht dazu zu bringen ist, den 
Aufenthaltsort des Sohnes zu verraten, stürzt man auf 
die totkranke Tochter, reißt sie aus dem Bette, um 
sie an Stelle des Bruders ins Gefängnis zu führen. 
Da gibt es einen Riß im Gehirn der Mutter. Sie verfällt 
in ein hitzige Fieber und stirbt endlich im Narrenhause. 
Sie hat das Geheimnis bewahrt, aber aus einigen ab- 
gerissenen Worten, die in ihren von den Sbirren ängstlich 
belauschten Fieberphantasien ihr entschlüpfen, geht der 
Aufenthaltsort des Sohnes hervor. Ferr^ wird gefangen 
gesetzt und nach einer glänzenden, kurzen, stolzen Ver- 
teidigungsrede , die eigentlich nur ^ne Rechtserklärung 
ist, erschossen. 

Nach solchen Erfahrungen mußte wohl Marie Ferr^ 
die Ansichten Louise Michels teilen, und sie ist denn 
auch eine begeisterte Anhängerin Louisens und der sozialen 
Revolution, aber wie gesagt, ohne je aus der Rolle des 
Weibes herauszufallen. 

Sie verfolgt mit stolzer Bewunderung die Laufbahn 
der männlichen Lebensgefährtin, sie sammelt die Werke, 
Artikel oder Gedichte, die jene in männlicher Unordnung 
und Großzügigkeit kaum entworfen, auch wieder ver- 
liert; sie sammelt auch die Zeitungsartikel über die Reden 
der Freundin und den Verlauf der Versammlungen; aber 
während Louise einen triumphalen Vortragszng durch 
den Süden hält, bleibt sie häuslich bei der Mutter Michel, 
die sie pflegt, so lange sie selbst gesund ist. 

Louise Michel hat an Marie mit der ganzen Kraft 



— 344 — 

ihres edlen, liebevollen Herzens gehangen. Mit der 
ganzen überschwenglichkeit ihres tiefen, stark germanisch 
angehauchten Gemüts beklagt sie den Tod der geliebten 
Freundin in den psalmodischen Sätzen, die ich an die 
Spitze dieser Abhandlung gestellt habe. Ihr Tod hat ihr 
alles geraubt und läßt, als auch die Mutter stirbt, wie 
sie sagt, ihr Herz zu Stein erstarren. Dieser elegische 
Ton durchzieht die ganzen Memoiren, die nicht lange 
nach den Todesfällen geschrieben sind. Der große Schmerz, 
die „große Leere^S die sie nun in und um sich fühlt, 
liegt wie ein Schatten auf jedem ihrer Worte, und mit dem 
Mute der VerzweiäuDg stürzt sie sich nun in den Kampf 
für das Letzte, was ihr blieb: die Idee des Anarchismus, 
der ihr die notwendige Vorstufe zu einer freieren, edleren, 
schöneren, höheren Menschheit scheint. 

, Jch glaubte, diesen entsetzlichen Schlag nicht über- 
leben zu können; aber ich hatte noch meine Mutter, — 
meine Mutter und die Reyolution. Jetzt habe ich nun- 
mehr die Reyolution.^' 

In einem Gedichte über Maries Tod sagt sie: „Jetzt 
ist es zu Ende. Für immer schläft sie im Dunkel der 
Erde; sie nahm im Tode unser letztes Lächeln mit 
Mein Herz liegt unter ihrem Leichensteine lebendig be- 
graben." 

Dieses Gedicht ist aus dem Jahre 81, die Memoiren 
aus dem Jahre 85 — 86. Bei einer so kräftigen Natur, 
wie Louise Michel bat Zeit und Arbeit auch diese Wunde 
yemarben lassen. Auch die geliebtesten Toten müssen 
Tor der Wucht der neuen Lebensarbeit weichen. Ihr 
Andenken wirft wohl auf manchen stillen Augenblick den 
Schleier seiner Wehmut Aber das Leben behält recht, 
es schafft neue Arbeit^ (vor allem dem männlichen Cha- 
rakter!) neue Arbeit, neue Verbindungen, knüpft neue 
Bande und neue Wechselwirkungen Ton Mensch zu 
Mensch; und bald muß auf dem verwaisten Herde ein 



— 345 — 

neues Feuer flackern. Dies ist der Sinn, das Recht des 
Lebens: — ist Lebenspflicht. 

Aach die letzten 20 Jahre Louise Michels gehörten 
ihrem rastlosen Wirken, der Propaganda für ihre Ideen. 
Sie fand für diese Zeit in Charlotte Vauwelle eine treue 
Gefährtin, die sie auch überall begleitete und Freud und 
Leid mitteilte. Charlotte folgte denn auch als Leid- 
trägerin dem Sarge der guten Louise, so wie diese einst 
dem Sarge Mariens gefolgt war. 

Die Liebe hat also doch auch noch auf das Ende 
dieser herben Laufbahn ihren Sonnenstrahl geworfen, 
ein Lächeln das den harten, steinigen Weg in helleren 
Farben aufblitzen ließ. 



Wenn wir nun die allgemeinen Charaktereigenschaften 
ins Auge fassen wollen, so sehen wir kaum einen wirk- 
lieh weiblichen Zug. überall Männlichkeit, ausgesprochene 
stärkste Männlichkeit. 

In den Einderspielen zeigt es sich schon. Keine 
Lieblingspuppe, keine Küchengeräte, kein Mutter- und 
Hausfrauenspiel, wie bei anderen kleinen Mädchen. Sie 
ist ein rechter Wildfang und wenn nicht ein Buch oder 
Großvaters Erzählungen von der ersten Bevolution das 
frühreife kleine Wesen an den Stuhl, in die Stube fesseln^ 
tollt es durch Garten und Ställe oder zieht sich von 
einem Troß gezähmter Tiere umgeben in die alte Turm- 
stube des Hauses zurück, wo es den Stürmen und Ge- 
wittern lauscht und allerhand Bubenstreiche ausheckt: 
So z. B. alle Taschen mit Kröten und Wasserfröschen 
anzufallen und sie unliebsamen Leuten zwischen die Füße 
zu werfen. Man stelle doch an ein Mädchen, ein echtes 
Mädchen, das Ansinnen einen Wasserfrosch anzufassen: 
Louise hat in echter Bubenart alle Taschen davon voll. 
Oder man sage einem Mädchen, auch einer ganz ver- 
nünftigen, erwachsenen Frau zur Dämmerstunde plötzlich: 



— 346 — 

,,Da ist eine Fledermaus!'' — Der Schrei des Entsetzens 
und der Reflexgriff nach den Haaren wird in den seltensten 
Fällen ausbleiben. Louise zähmt und züchtet ihre lieben 
Fledermäuse in ihrem alten Turme und macht ihnen 
wie den Schwalben Schutzbrettchen, damit der übrige 
Teil ihrer freiwilligen Menagerie bei Tage den Nacht- 
tierchen kein Leides zufüge. 

Dann sind es wieder, mit dem Cousin Jules, Eletter- 
partien von Ast zu Ast in den hohen Bäumen^ die 
schließlich in einer wüsten Prügelei enden, weil Jules 
mit richtigem Listinkt herausgefühlt hat, daß Louise 
,,une anomalie^^ ist, und es ihr sagt 

Eine beliebte Unterhaltung ist auch das Jagdspiel: 

y,Unsere Spiele waren nicht immer so ernst: Da war 
z.B. die Hetzjagd. Die Hausschweine stellten die Eber vor, 
und wir, mit brennenden Besen als Fackeln, galoppierten 
mit den Hunden hinterdrein und machten dabei einen 
Höllenlärm mit Scbäfertuten, die wir Waldhörner nannten. 
B^n alter Heger hatte uns irgend ein Stück gelehrt, das 
ein Hallali Yorstellte. 

Und die Regeln des edlen Waidwerkes mußten streng 
eingehalten werden bei dieser wilden Hatz. Meist endete 
es mit dem zwangsweisen Zurücktreiben der Schweine 
in ihren Stall; manchmal aber auch damit, daß sie in 
das Wasserloch des Eüchengartens plumpsten. Ihr Fett 
hielt sie wohl über Wasser, aber sie grunzten verzweifelt, 
bis man sie wieder herauszogt und das war nicht immer 
leicht Es mußten Leute mit Stricken dazu geholt werden, 
die dann auf uns schimpften. Ich genoß ganz be- 
sonders den Ruf, ,,wie ein wildes Fohlen^' zu 
spielen: — vielleicht stimmte es.**^) 



') NoB jeux n'^taient pas toujoars aussi graves il y avait 
par exemple la grande chasse, o&, les porcs nons servant de 
sanglien, noos allumions des balaia pour servir de flainbeaaz et 



— 847 — 

Die ernsteren Unterhaltungen, von denen sie im 
Beginne dieser Erzählung spricht, waren dramatische 
Darbietungen. Die Ereignisse von 1793, oder die Ver- 
brennung von Johannes Huß und andere ähnliche Epi- 
soden der Geschichte gaben den Vorwurf ab, oder die 
Dramen Victor Hugos wurden für zwei Darsteller her- 
gerichtet. Die zwei Darsteller sind Louise und Jules 
natürlich. — Louise spielt darin, wie aus der Natur der 
Sache schon hervorgeht, selbstverständlich auch, wahr- 
scheinlich vorzugsweise Männerrollen. Bezeichnend ist auch 
schon die Wahl der Stoffe und femer der umstand, daß die 
Cousine Mathilde nicht als Mitspielerin zugelassen wird: 
Sie stellt das Publikum vor. überhaupt entspricht diese 
Spielkameradschaft mit Jules genau dem Verhalten der 
Knaben in derselben vorpubischen Lebensperiode: „Vom 
Mädchen reißt sich stolz der Knabe.'' 

Auch die weibliche Eitelkeit fehlt ganz. Louise läuft 
zerrissen herum, wie ein toller Junge, und es macht 
ihr Freude. 

,3[eine Mutter war damals eine Blondine mit blauen, 
freundlichen, sanften Augen und langem, lockigen Haar, 
so frisch und hübsch, daß ihre Freundinnen lachend be- 
haupteten: „Es ist nicht möglich, daß das häßliche Kind 
wirklich von Ihnen ist.'' Ich für meine Person, groß, 
mager, zerzaust, wild und wagemutig wie ich war, sonnen- 



noas courions avec lea chiens au bruit ^poavantable de cornes de 
berger que noua appelions des trompes de chasse; un vieu garde 
nouB avait appris k sonner je ne sais quoi qu'il appelait Thallali. 
II parait qne lea regles de la v^nerie ^taient observ^es dans 
ces pourfluites ^cheveUes qui se terminaient en reconduisant, bon 
gr6, mal gr^, les chochons chez eoz, et quelqaefois, par leur chute 
dans le trou a Teau da potager oü, la graisse les soutenant, ils 
faisaient des „oafs*' d^sesp^r^s, jusqa^ä ce qu'on les retirät. Ce 
n^^tait pas toajoars facile. Des hommes avec des cordes 8*en 
chargeaient en criant apr^ nous. Je passais particulierement 
pour jooer ^^comme un cheval ^chapp^": — c'^tait peat-^tre vrai. 



— 348 — 

verbrannt und oft mit Rissen und Löchern in den 
Kleidern, die mit Nadeln zusammengesteckt waren, wurde 
mir vollständig gerecht und es machte mir Spaß, daß 
man mich häßlich fand. Meine arme Mutter kränkte 
sich oft darüber." 

Dieses geringe Verständnis für die weibliche Kleidung 
ist ihr übrigens geblieben, denn noch als sie in Paris 
bei M"* VoUier Unterlehrerin ist, muß diese als gute 
Hausmutter Röcke, Blusen und Hüte einkaufen, und für 
die Toilette Sorge tragen, damit ihre Pensionärin prä- 
sentabel aussieht, wie es einem jungen, zwanzigjährigen 
Mädchen ansteht Für ihre Männerkleider, in denen sie 
regelmäßig die Abendvorträge und Versammlungen be- 
sucht, sorgt sie allerdings selbst. Das versteht sie augen- 
scheinlich viel besser auch ohne Beirat So sieht sie 
denn auch in ihrer Uniform durchaus nicht „verkleidet'' 
aus, macht darin sogar eher den Eindruck eines ganz 
erträglich hübschen und hauptsächlich ,,8chneidigen'' 
jungen Soldaten und braucht sich keinen falschen Schnurr- 
bart anzukleben, um genügend männlich auszusehen. 
Es mag übrigens im Vorübergehen bemerkt werden, 
daß sie während der Kummune zwei vollständige, ver- 
schiedene Uniformspiele besaß. Sie hat gewiß in ihrem 
ganzen Leben keinen ähnlichen Aufwand an Frauen- 
kleidung gemacht, denn wenn sie zwei Röcke besaß, ver- 
schenkte sie in konsequenter Anwendung ihrer Prinzipien 
den besseren von beiden sofort 

Wir haben gezeigt, daß sich schon im Kindesalter 
hauptsächlich oder nur männliche Charaktereigenschaften 
zeigen. Ehe ich zur Analyse des reiferen Alters über- 
gehe, muß ich wenigstens mit einigen Worten darauf 
hinweisen, daß mit Eintritt der Pubertät diese Eigen- 
schaften noch besonders scharf sich akzentuieren, und 
die Differenzierung nach dem Typus „Mann" immer deut- 
licher hervortritt. Auffallend ist z. B. der Umschwung in 



Louise Michel in Uniform während der Koi 



— 349 — 

ihrer Poesie. In der androgynischen Periode sind neben 
bubenhaften Spottgedichten doch noch stark elegische, 
sanfte Züge bemerkbar, so in dem Gedichte, das sie an 
Victor Hugo schickte (und das er auch freundlich be- 
antwortete): 

Moi, je suis la blanche colombe .... ect 
Jetzt ist auch hier gleichsam ein seelischer Stimm- 
wechsel vorgegangen; alles tönt nun metallisch, nur 
mehr von Erz und Kampf und Mannesmut: 

Entendez yous tonner Tairain? 
Arriöre celui qui balance! 
Le lache trahira demain! 

Und von nun an sind die stärksten typisch-männ- 
lichen Eigenschaften scharf begrenzt und unverkennbar 
ausgeprägt. 

Männlich vor allem ist der Mut und die Kaltblütig- 
keit in der Todesgefahr. Louise Michel auf der Barrikade 
hat nichts mehr von einem Weibe an sich, und sie ist 
nicht etwa nur da, um anzufeuern und die Männer zum 
Mute anzuspornen; nein, sie kämpft und schießt mit^ ganz 
wie ein anderer, und tut die schwierigsten Patrouillen- und 
Ordonanzdienste. Hier fühlt sie sich in ihrem Element. 
Sie liebt Pulvergeruch und Kanonendonner und die 
Todesverachtung fließt dergestalt aus ihrer innersten 
Natur hervor, daß sie wirklich und aufrichtig auf die Oe- 
fahr vollständig vergißt. Die weiblichen „Schrecknerven" 
fehlen ihr einfach. Das Gesamtschauspiel fesselt sie derart, 
daß sie an die Kleinigkeit, daß die Bomben, die da 
durch die Luft fliegen und krachend rund um sie zer- 
platzen, auch ihr gelten könnten, nicht mehr denkt Ganz 
suggestiv wirkt z. B. eine Szene, wo sie mit einem 
russischen Studenten, der sich der Bewegung angeschlossen, 
an einer dem feindlichen Feuer ausgesetzten Stelle der 
Straßenbarrikade ruhig und seelenvergnügt den Nach- 
mittigskaffee schlürft und dabei über Baudelaire diskutiert, 



— 350 — 

dessen Gedichte der Student in der Tasche herumträgt: 
in der Hitze der Diskussion gar nicht bemerkend, daß 
rechts und links die Sprenggeschosse einfallen I Die 
Kameraden, die sich längst in gedeckte Positionen be- 
geben haben 9 können das endlich gor nicht mehr mit 
ansehen und werden grob mit den Beiden. Da ziehen 
sie sich denn endlich auch zurück, und kaum haben sie 
es getan^ fällt eine Bombe mitten in die stehengebliebenen 
Kaffeetassen ein. 

Ein andermal ist eine Katze von dem Kugelregen über- 
rascht worden und miaut verzweifelt an die Wand gedrückt, 
traut sich aber nicht über die Straße in eine geschützte 
Ecke. Da durchschreitet Louise, der das Tier Erbarmen 
einflößt, die gefährliche Zone^ trägt die Katze an einen 
sicheren Ort und ist sehr erstaunt, daß ihre Kameraden 
über diese Bravour ein großes Geschrei erheben. — Sie 
erzählt diese Szene ganz schlicht und einfach, ohne jede 
Benomisterei, und nur um sich von dem Vorwurf zu 
reinigen, als hätte sie dieser Sentimentalität halber ihre 
Pflicht vernachlässigt: f,Ja, aber ich habe deshalb nicht 
meine Pflicht vergessen! Ich habe die Katze geholt^ 
aber das ganze hat nicht eine Minute gedauert'^ 

Diese und ähnliche Szenen geben ihr auch Anlaß, 
sich über Heroismus auszulassen, den sie absolut nicht 
gelten lassen wilL Ich muß einige dieser Auslassungen 
hier folgen lassen, um dann eine Bemerkung daran zu 
knüpfen. 

„Dieses steht fest: niemand verdient Lob für seine 
Handlungsweise, denn er handelt nur so, weil es ihm 
gefallt; es gibt keinen Heroismus, denn man wird nur 
mitgerissen von der Größe des Werkes, das man ver* 
richten soll» und man bleibt doch immer unter seiner 
Aufgabe. 

Man sagt, ich sei tapfer: das kommt einfach daher, 
daß die Idee und die Szenerie der Gefahr meinen 



— 351 — 

künstlerischen Sinn fesseln. Die großen Bilder bleiben 
in meiner Seele haften/^ Hier folgt nun eine lange, 
künstlerisch vollendete Beschreibung ihrer Überführung 
nach Satoiy, wo Tausende füsiliert wurden, und sie dem- 
selben Schicksal entgegensah, und doch nur die roman- 
tische, traurige, verzweifelte Schönheit dieses nächtlichen 
Zuges als Erinnerungsbild festhält 

„Da mich nun die Anschauung der Idee so stark 
fesselt, ist es gar kein Verdienst meinerseits, die Gefahr 
zu verachten, denn daran denke ich gar nicht Das 
Gesamtbild fesselt mich, ich schaue rund und erinnere 
mich . . . ." 

Der erste Satz, daß ja schließlich jeder seiner Natur 
folgt, und daher nichts uns angerechnet werden soll, 
zeugt von einer tiefen physiologischen Erkenntnis, es ist 
ja gar nicht unwahrscheinlich, daß im letzten Grunde 
alle Handlungen, d. h. Bewegungen der belebten Sub- 
stanz auf Tropismen zurückführbar sind. Wenn sie aber 
die weiteren Sätze, die Erklärung des Phänomens der 
Todesverachtung, des persönlichen Mutes, verallgemeinem 
will, so sind diese Sätze falsch. Falsch für die über- 
wiegende Anzahl der Menschen, falsch wohl auch für den 
überwiegenden Teil der erprobten, anerkannten Helden. 
Man halte doch dagegen das herrliche Wort des großen 
Turenne, der vor jeder Affaire wie Eichenlaub zitterte: 
„Si tu savais, vieille carcasse oü je te mene, tu tremblerais 
bien autrement!" 

Da liegt doch wirklich Furcht vor, allerdings über- 
wundene Furcht; und das ist es wohl, was vor allem 
Bewunderung erregt und was man Heroismus nennt. 
Scheint man doch im allgemeinen diejenigen Handlungen 
groß, gut, tugendhaft, edel zu nennen, in denen man ein 
Prädominieren der cerebralen über die peripherischen 
Impulse wahrnimmt oder wahrzunehmen glaubt. Das 
Cerebrale ist einmal seit einigen Jahrhunderten unser 



— 352 — 



Steckenpferd, und seit Aristoteles wenigstens haben es 

alle Philosophen bis Nietzsche geritten, und auch Nietzsche 

verwahrte yielleicht das alte Spielzeug unter dem Kopf- 

polster zu verschämtem Privatgebrauch nach Feierabend. 

Und vielleicht tuen wir unrecht daran .... Aber das 

gehört nicht hierher .... Manchmal läuft eben auch die | 

Feder unseren geheimen Tropismen nach. 

Kommen wir zu unserem Ausgangspunkte zurück. 
Falsch ist jedenfalls die Verallgemeinerung der oben- 
erwähnten Erklärung. Aber eben diese Falschheit charak- 
terisiert den Satz als eine desto aufrichtigere Selbst- 
beobachtung. Und wenn der Mut als Naturanlage eine 
speziell männliche Eigenschaft ist, was wohl niemand 
bestreitet, so ist diese natürliche Anlage bei Louise Michel 
doch eben in fast phänomenal starker Weise entwickelt. 

So fehlt ihr denn auch sonst jede weibliche Schüchtern» 
heit. Auch die heulendsten Volksversammlungen bringen 
sie nicht einen Augenblick aus der Fassung; ihre mächtige 
Stimme überklingt den Lärm. Wenn Gegendemonstrationen 
vorbereitet sind, wenn Schimpfworte und Drohungen laut 
werden, wüstes Geschrei die Rednerbühne umtobt, schließ- 
lich sogar Bänke und Stühle auf die Rednerin geschleudert 
werden: all' das bringt sie nicht aus der Ruhe; sie sagt, 
was sie sagen zu müssen glaubt, furchtlos bis zu Ende. 
Bei einer ähnlichen Gelegenheit beweist sie übrigens eine 
ganz unweibliche Härte gegen Schmerzempfindungen. 
Ich hebe einige Sätze aus der Schilderung eines Augen- 
zeugen Rochefort heraus:^) 

„. . . . Als einige Wochen später Louise Michel, 



*) Quelques semaines plus tard, comme Louise Michel ^tait a la 
tribune d'une reuoion publique tenue au Havre, un individu nomine 
Lucasi probablement embauch^ par les r^actionnaires de la ville, 
tira sur eile deux coups de r^volver, qui Tatteignirent \ la tete. 
Uue des balles se perdit dans le chapean, Tautre lui fit derri^re 
Toreille une blessure assez grave. 



— 353 — 

gelegentlich einer Volksversammlang in Havre, auf der 
Rednertribüne stand , feuerte ein gewisser Lucas, wahr- 
scheinlich von den Reaktionären der Stadt hierzu ge^ 
düngen, zwei Revolverschüsse auf sie ab, die sie am 
Kopfe trafen. Eine der Kugeln verlor sich in ihrem 
Hute, die andere brachte ihr eine ziemlich ernste Ver- 
wundung hinter dem Ohre bei. 

Meine tapfere Freundin ließ voll Heroismus eine 
erste Operation über sich ergehen. Sie legte sich hin, 
ohne einen E^agelaut, den Kopf auf ein Tuch gestützt, 
während die sogleich herzugerufenen Ärzte die Wunden 
sondierten und durchsuchten. 

Obgleich man das Kratzen des Stahles an dem 
Knochen hörte, stieß Louise nicht einen Schrei aus und 
erzählte ruhig weiter von ihrer Cousine, die sie in Paris 
erwarte, und von ihren Tieren, die sie eingesperrt hätte 



Ma courageuse amie supporta h^roYquement une premi^re 
Operation. Elle se coucha sans pousaer une plainte, la töte appuy^e 
8ur une serviette, tandis que les docteurs imm^diatement appel^s 
sondaient et ezploraient les blessores. 

Bien qu'on entendit le grincement de Tacier sur Tos, Louise 
ne pou^sa pas un cri, et continua a causer tranquillement de sa 
Cousine qui Tattendait k Paris et de ses b^tee qu'elle avait 
enferm^es et qui ne recouvreraient la libertc qu*ä son retour. 
Quand it, Tassassm, eile refusa de d^poser une plainte contre lui 
et se contenta de dire: «Qu^on le laisse aller, c'est un malheureux 
fou ...» Puis, malgr6 la fi^vre qui la d^vorait, eile reprit le 
train pour Paris, et je re^us, en r^ponse k uue d^peche, la 
lettre suivante: 

28 Jan vier 1888. 
Mon eher ami. 

Je suis bien heureuse que vous me t^moigniez tant d*amitiä. 
Je vais bien. J*irai demain pour Textraction de la balle 
chez LabbS. 

Je suis bien, tr^s bien. 

Je vous embrasse de tout coeur. 

Louise Michel. 
Jahrbuch VII. 23 



— 354 — 

und die erst bei ihrer Heimkehr befreit würden. Was 
den Attentäter anbelangt, so weigerte sie sich hartnäckig, 
gegen ihn die Anklage zu erheben und sagte nur: ^^Man 
soll ihn laufen lassen, es ist ein unglücklicher Narr/' 
Dann nahm sie, trotz des aufreibenden Fiebers, den Zug 
nach Paris, und ich erhielt als Antwort auf ein Telegramm 
folgenden Brief von ihr: 

23. Jänner 1888. 
Mein lieber Freund! 

Ich bin sehr glücklich zu sehen, daß Sie mir so 
viel Freundschaft entgegenbringen. 

Es geht mir gut. Morgen gehe ich zu Labb^ um 
mir die Kugel herausziehen zu lassen. 

Es geht mir schon ganz, ganz gut. 

Ich umarme Sie herzlichst 

Louise Michel.^' 

Männlich ist endlich an Louise Michel ihr so un- 
geheuer stark entwickeltes Pflichtgefühl, das immer 
über alle anderen, sentimentalen Elemente den Sieg davon- 
trägt Wenn sie einmal etwas als ihre Pflicht erkannt 
hat, dann geht sie auch gerade durch auf dieses Ziel 
los, und wenn darüber alles andere zusammenbricht, und 
wenn das Herz auch blutet Ihrer erkannten Pflicht 
opfert sie unbedenklich den eigenen Wohlstand, die 
eigenen Neigungen, selbst die Mutter, obwohl sie diese 
doch über alles liebt Sie fühlt eben wie ein Mann ihre 
Pflicht, ihre abstrakt erkannte Pflicht, als wichtiger denn 
alles übrige Persönliche. Und dies führt sie denn, vor 
nichts zurückscheuend, konsequent bis zuletzt durch, mit 
einer geradezu verblü£fenden Logik. Und auch diese so 
stark betonte Logik ist wieder männlich. Männlich ist 
auch wieder dieser so stark ausgeprägte Zug, sich aller 
Schwachen anzunehmen, stets kampfbereit zuzuspringen, 
wo ihr jemand des Schutzes bedürftig zu sein scheint, 



— 355 — 

und stets gerne ritterlich Hilfe zu leisten. Männlich ist 
die ganze Großzügigkeit und Tiefe ihrer sozialen Leiden- 
schaft, die dabei jedes kleinen persönlichen Rachegefühls 
entbehrt, wie unter anderem ihr Benehmen gegen den 
obenerwähnten Attentäter beweist. 

Männlich vor allem ist ihr trotziges Gehaben ihren 
Richtern gegenüber; dieses starre, zähe Festhalten an ihren 
Ideen, dieser unbeugsame Stolz, bis zum letzten, der stets 
nur nach Gerechtigkeit verlangt und Gnade verachtet 
Männlich ist vielleicht auch ihre unglaubliche Kitzlichkeit 
im Ehrenpunkte. Männlich sind schließlich alle möglichen 
Kleinigkeiten, so zum Beispiel ihre rührende UnWirtschaft- 
lichkeit, diese „Schlamperei'^ im Haushalt, die uns an 
allen Ecken und Enden ihres Lebens aufstoßen, männlich 
dieses burschikose Bohfemeleben, — oder gelegentliche 
Gewalttätigkeit, die um so mehr als der spontane Ausfluß 
ihrer innersten Mannnatur erscheint, als sie sie später 
von anderen Gesichtspunkten aus bereut Ein Beispie 
davon, um die Aufzählung männlicher Charaktereigen- 
schaften damit zu beschließen. 

, Jiange Zeit (während der ersten Untersuchungshaft] 
war es mir nicht gestattet, meine Mutter zu sehen, die 
oft von Montmartre aus herkam, ohne mich sprechen zu 
dürfen. 

Eines Tages steckte mir die arme Frau eine Flasche 
Kaffee zu und wurde deshalb hart zurückgestoßen. Ich 
aber warf die Flasche dem Gendarmen, der sie zurück- 
gestoßen hatte, an den Kopf. 

Als mir ein Offizier darüber Vorwürfe machte, sagte 
ich ihm, was ich an dem Vorfalle bereue, sei nur, mich 
an einem untergeordneten Werkzeuge vergriffen zu haben, 
statt die zu treffen, welche die Befehle gäben." 

Sie scheut also nicht vor dem Gestus der Gewalttat 
zurück, wie das Weib fast immer tut So spricht sie 

23* 



— 356 — 

von einem geplanten Attentat auf Napoleon IIL: Sie 
zitiert anfangs die Hugoschen Verse: 

HarmodiuB c'est Theure! 
Tu peux frapper cet homme avec tranquillit^. 

Harmodins die Stande schlug! 
Du kannst den Mann mit ruhigem Gewissen töten. 

,,So hätte ich es getan, denn der Tod dieses einzigen 
hätte Millionen das Leben gerettet^] 

Jemand hatte mir eine Eintrittskarte versprochen 
(denn von ihm hätte ich keine Audienz verlangt, nicht 
einmal um ihn zu töten]. 

Die versprochene Karte erhielt ich erst, als Bonaparte 
schon fort war, nämlich als er sich auf seinen Kriegs- 
schauplatz begab. 

Ja, damals hätte uns der Tod Bonapartes Sedan 
erspart. Aber man wartet immer lieber die Massenmorde 
ab, man wartet lieber die Vernichtung eines ganzen Volkes 
ab, ehe man Hand anlegt an die großen Hochstapler.'' 

Wir wollen uns nun zu den speziell männlichen 
Talenten wenden. Hier muß wohl das musikalische Talent 
an die Spitze gestellt werden, und zwar besonders das Kom- 
positionstalent, denn dieses scheint wirklich ausschließlich 
männlich zu sein. Wir kennen keine einzige bedeutende 
Komponistin großer Musik — ausgenommen Franziska 
Holmös, die große französisch-skandinavische Tondichterin, 
über die mir zwar momentan keine näheren Daten zur 
Verfügung stehen, deren Gesichtszüge, aber soviel ich aus 

*) Ainsi je Feusse fait, car cet homme de moins, il 7 avait 
des millions dliommes d'^pargn^s. Quelqu^un m*avait promis 
une entr^e (car m^me ä lui, je n'eusse point demandä audience 
pour le tuer). 

L'entr^e qu*on m^avait promise, on me la donna quand 
Bonaparte n'dtait plus la, quand il partit pour sa guerre. 

Oui, k cette 6poque, on eüt Mt& Sedan si Bonaparte fÜt 
mort, mais on a la coutume d^attendre ran^antiasement d*ane 
multitude, on attendrait volontiers celle d*un peuple pour arr^ter 
les grands escarpes. 



— 357 — 

Photographien ersah, auch stark ins Männliche schlugen. 
Louise Michel zeigt von Jugend auf ein ausgeprägtes 
musikalisches Talent, allen ihren Stimmungen liegen starke 
musikalische Unterempfindungen zugrunde; sie versteht 
große Musik; ja, und dies ist zu betonen, schon in den 
80 er Jahren, wo in Frankreich Wagner noch ganz ver- 
vehmt war, und vor allem wirklich gar nicht verstanden, 
musikalisch nicht begriffen wurde, versteht sie diese Musik 
und schwärmt nicht nur für den Holländer und Lohengrin, 
nein, für die Trilogie! Aber dies soll nicht als speziell 
männlich vindiziert werden, sondern nur das komposi- 
torische Talent, das mir und anderen wohl auch als 
fast ausschließlich männlich erscheint. Dieses Talent ist 
bei ihr sehr ' stark entwickelt und zwar komponiert sie 
nicht etwa leichte Tänze oder kleine, graziöse Liedchen, 
nein, sehr große, ernste, sinnlich und gedankUch vertiefte 
Musik mit großem Instrumentationsaufwand und motivi- 
schen Durchführungen, so originell neu und eigenartig, 
daß die Aufführung fraglich, das Durchdringen in einer 
Zeit, die trotz des großen Namens, den Wagner damals 
schon hatte, die Trilogie ablehnte, unmöglich erscheint. 
Deshalb, aus keinem anderen Grunde, amputiert sie denn 
auch mit ganz männlicher Entschlossenheit dieses Talent, 
um sich möglicheren, zweckdienlicheren, größeren Aufgaben 
desto ungeteilter zu widmen. 

Eine stark männliche Geistesrichtung scheint wohl 
auch ihr Talent für Mathematik zu verraten und ihre 
Passion für diese Wissenschaft, die sie, schon erwachsen, 
als Unterlehrerin ohne Anleitung sich vollständig aneignet. 
Ebenso ihr Drang nach naturwissenschaftlicher Aus- 
bildung. Schon als Eind hatte sie ein Laboratorium in 
ihrem Eulenturme. Später vertiefte sie unter den denkbar 
ungünstigsten Umständen dieses erste Studium und ge- 
langte zu einer ganz umfassenden Kenntnis der Natur- 
wissenschaften. Die Gründlichkeit ihres Wissens steht 



— 358 — 

in erfreulichem Gegensatze zu der Oberflächlichkeit so 
mancher Benifsgblehrter ihrer Nation in dieser Epoche. 
So hat sie z. B. schon in Neukaledonien^ also Mitte der 
siebziger Jahre, an Pflanzen Experimente 7on Serum- 
injektionen gemacht! 

Hauptsächlich männlich ist doch wohl auch das so 
stark ausgeprägte Interesse für Politik und ö£fentliches 
Leben; besonders in dieser extremen Form, wie es bei 
ihr hervortritt, daß sie sich so verpflichtet und berufen 
fühlt, selbst in die Ereignisse einzugreifen, daß sie fühlt: 
ich gehöre nicht mir, sondern der Nation. Das echte 
Weib, wenn es sich überhaupt für politische oder soweit 
hinausreichende soziologische Probleme interessiert, fühlt 
sich doch meistens höchstens dazu berufen, in kleinem 
Kreise zu wirken und den sanfteren, ihrem Geschlechte 
gemäßeren Einfluß liebenswürdiger, kokettierender Über- 
redung geltend zu machen und im übrigen die Ereignisse 
von der stilleren Warte des Familienlebens zu betrachten. 
Louise Michel empfindet als erste Pflicht die politische, 
soziale Betätigung, und dieser Pflicht stellt sie mit strenger 
Logik, oft mit blutiger Selbstgrausamkeit, alles andere 
unter. Sie gehört der vielgeliebten Mutter, der Familie 
nur insoweit, als die Gesamtheit sie nicht in Anspruch 
nimmt Dieser Idee opfert sie Stellung und Familie, 
eigenen Wohlstand, alle Passionen, selbst ihre künstleri- 
schen Talente, soweit sie ihr hinderlich sein könnten. 

Als männlich kraftvoll erscheint schließlich der Ein- 
fluß auf die Massen, dieser trotz ihrer unindividualistischen, 
gegen alle Aristokratien, Monopole und Tyranneien ge- 
richteten Theorie so stark hervortretende, dominierende 
Zug, diese natürliche Führerschaft, dieses selbstverständ- 
liche sich an die Spitze stellen und Mitreißen der Massen, 
diese suggestive Kraft, der sich alle willig unterordnen 
und anvertrauen; der Wille, der, ohne zu befehlen selbst- 
verständlichen Gehorsam findet 



— 359 — 

Es würde zu weit führen, noch weitere Details 
herauszusuchen, noch hundert Eigenschaften zu beleuchten, 
und Anekdoten zu erzählen. Zusammenfassend können 
wir nun wohl behaupten^ daß auch die Charakter- 
eigenschaften und Talente in ihrer Gesamtheit einen stark 
männlichen Eindruck machen. Ich muß sagen, daß ich 
an der ganzen Louise Michel nur einen einzigen, tief 
eingewurzelten Charakterzug gefunden habe^ den vielleicht 
einige als besonders weiblich bezeichnen würden: es ist 
dies ihre Tierliebe. Wenn dies nun ein besonders be- 
zeichnender weiblicher Zug sein soll, so kann ich doch 
nicht umhin ^ darauf hinzuweisen ^ daß sie diesen Zug 
ganz bestimmt — von ihrem Großvater ererbt hat Also 
von einem männlichen Aszendenten, bei dem diese weib- 
liche Eigenschaft sehr stark betont war. Und weil wir 
gerade von Hereditäten sprechen, sei mir auch noch ge- 
stattet, darauf hinzuweisen, daß Louise Michel überhaupt 
wenigstens mütterlicherseits aus* einer Sonderlings- 
familie stammt Man bedenke, daß es sich um eine 
ganz einfache, kleine Bauemfamilie handelt, die ihren 
Weinberg selbst bebauen muß. Da hat schon ein Ur- 
großvater die seltsame Idee gehabt, in einer Auktion um 
einen Pappenstiel eine Bibliothek zu kaufen. Drei Onkel 
sind Sonderlinge, der eine ist Bauer und Geograph, ein 
anderer Müller und Erfinder. Der Großvater ist Bauer 
und Voltairianer, und schreibt dabei sein Tagebuch in 
Versen, die noch dazu gar nicht schlecht sind. Endlich 
hat eine Schwester ihrer Mutter ausgesprochen männlichen 
Typus, ging früh ins Kloster, das sie aber aus Gesundheits- 
rücksichten verlassen mußte, und litt ihr ganzes Leben 
an religiösem Fanatismus. Vielleicht sind auch diese 
Feststellungen von einigem Interesse, da das Auftreten 
von absonderlichen Charakteren (ohne Geistesstörung) ein 
Stigma der uranischen Familie sein soll. 

Es erübrigt mir, zur Vollendung dieses Charakter- 



— 360 — 

bildes noch kurz zu untersuchen^ ob an Louiee Michel 
auch speziell uranische Eigentümlichkeiten zu bemerken 
sind. Es ist dies ein sehr schwieriger Punkt, da ja die 
Forschungen über den Uranismus überhaupt noch in den 
Anfängen sind und daher noch manches schwankend ist 
Es soll daher auch nicht behauptet werden, daß das Vor- 
handensein einer der nachfolgenden Eigenschaften oder 
Neigungen gleich zu Schlüssen auf Uranismus bei dem Träger 
derselben berechtigt. Durchaus nicht. Es sind dies nur 
Neigungen, die bei einer überwiegenden Anzahl von Uraniem 
als besonders stark hervortretend beobachtet wurden. 

Ein solcher Zug, den Louise Michel mit den meisten 
Uraniern teilt, ist z. ß. die Vorliebe für Skulptur, er tritt mit 
besonderer Stärke hervor; wenn sie die höchste Schönheit, 
den höchsten Kunstgenuß ausdrücken will, spricht sie von 
Wagnerischer Musik oder — von einer Marmorstatue. 

Ein weiterer ist die Jugendlichkeit des Gemütes. Dies 
ist wohl auch unbestreitbar für fast alle Uranier charak- 
teristisch. So war auch Louise Michel nie altjüngferlich, 
fühlte sich immer wie 16 Jahre, trotz ihres tiefen Lebens- 
ernstes und bewahrte sich stets „ein junges Herz". 

Auch die Ruhelosigkeit und der Wandertrieb, dieses 
„Fliegende Holländer '<- artige Wesen scheint fast all- 
gemein uranisch zu sein und auch diese Eigenschaft 
teilt Louise Michel. 

Damit hängt vielleicht auch die so vielen Uraniem 
eigentümliche Vorliebe für die Marine zusammen. Ihre 
Sehnsucht geht in die Feme; das große Meer spricht zu 
ihrem weltfremden und doch weltliebenden, weltüber- 
schauenden Sinne. Vielleicht auch, daß in ihnen, die das 
Ende einer einst im Meere erwachten Lebensreihe dar- 
stellen, wie eine Urerinnerung auftaucht an die Mutter 
alles Lebens. Und diese Erinnemng wird in ihnen schärfer 
und deutlicher, als in allen anderen, weil jene die Fackel 
noch weiter geben sollen, während sie die letzten sind vor 



— 361 — 

der großen Nacht, und daher auf den Anfang zurück- 
schauen, der ersten Morgenröte sich ahnend erinnern. 

So träumte Louise Michel schon als Kind von Meer 
und Schiffen, obwohl sie nie das Meer gesehen hatte, und 
ihr Großvater schnitzt ihr Schiffe als erstes Spielzeug. 
Ich lasse hier die Verse folgen, die diese Jugendspiele 
schildern und die seltsame Schicksalsahnung, die in ihren 
Fregatten träumen zu liegen schien.^) 

Als erstes Spielzeug schnitzte er mir Schiffe. 
Die schönen Schiffe! richtig eingedeckt, 
Mit Mast und Rah\ und voller Takelage. 
Im Rinnstein ließen wir die Flotte schwimmen 
Zwischen den WasserfrÖschen, die dort hausten. 
Und manchmal sprang ein solcher brauner Fahrgast 
Jäh auf das Deck. — Dort bei den Bienenstöcken 
Dort bei der alten trauten Ulme war's. . . . 
Dort wo die blonden Köpfe der Reseden 
Sich unter Zweigen roter Rosen wiegten. 

wie oft sah am Abend weiße Segel 

Mein Kindertraum auf blauen Fluten gleiten! 

Eins kam stets wieder. Wie ein weißer Vogel, 

Allein und einsam unter tausend Sternen 

Verschwand es winkend in der weiten Nacht. 

Und als ich dann von seinem Flug erzählte, 

Dem stolzen Masten wald, den vollen Segeln, 

Sagte Großvater: Ja! wir bauen dir 

Dein Schiff aus Fichenholz — es wird sehr schön sein. 

. . . Eine Fregatte ist's. 

Die Fregatte hieß LaVirginie und brachte Louise Michel 

nach Neukaledonien. 

So werden oft Kinderträume erfüllt. 



*) Pour mes premiers jouets il me fit des bateaux, 
De beaux bateauz pont^s ayant haubans et hunes 
Et dans la pierre ronde on les mettait k flots, 
A travers les crapauds monstres auz teintex brunes 
Qui sur les ponts parfois faisaient d'^normes Gonds. 
C'^tait pres du vieil orme et des ruches d'abeilles. 
Des roses de Provins aux petiiles vermeilles 
£tendaient leurs rameaux sur les r^s^das blonds. 



— 362 — 

Vor allem aber ist eine Eigenschaft, zwar gewiß nicht 
ein uranisches Monopol, aber, und diesmal kann man 
ganz apodiktisch sprechen, bei allen Edeluraniern in be- 
sonders starkem Maße entwickelt: das ist diese große, 
weite Humanität, diese aufopfernde, tatkräftige, kämpfende 
Menschheitsliebe. Der Uranier, seiner Natur nach Ton dem 
Geschäfte der Arterhaltung durch Kindererzeugung entfernt 
(wenn auch nicht immer absolut ausgeschlossen], fühlt sich 
destomehr als Glied der Gesamtmenschheit, als er schon 
durch sein Geschlecht außerhalb der engeren Familie steht; 
er fühlt sich auch als soziales Wesen destomehr ver- 
pflichtet und innerlichst gedrungen, mit seiner großen, um- 
fassenden Liebe der Menschheit zu dienen, ihr an Stelle 
Ton Kindern soziale Arbeit, große Ideen zu schenken. 
So war denn Louise Michel eine große Menschheitslieberin, 
sie hat ihre ganze Person, ihr ganzes, umfassendes Wissen, 
ihre großen, schriftstellerischen Gaben ^), ihre ungeheuere 



Oh! combien tout enfant j'ai va de blanches voile:^ 
S'en aller sur les flots dans mes reves les soir. 
J*en voyais an toajours, qui seul soas les ^tolles 
Semblait un grand oiseau blanc ^ Thorizon noir. 
Comme je la peignais avec sa vive allure, 
Et la fi^re foret de sa haute mature, 
Mon grand-pöre me dit: Nous feroDs ton bateaa 
Avec du coBur de ebene et ce sera tr^s bean. 
Car c'est tine frögate 

*) Da es nicht möglicb ist, Liouise Micbel als Schriftstellerin 
zu würdigen, ohne sehr genau auf ihren Anarchismus einzugehen, 
solche Diskussionen aber aus dem Rahmen dieses Jahrbuches 
herausfallen würden, habe ich mich einer Betrachtung dieser ihrer 
Eigenschaften enthalten, sowie ich mich auch darauf beschränkte, 
nur wenige Andeutungen über ihre anarchistische und revolutionäre 
Propaganda zu machen. Es sei hier also nur soviel gesagt, daß 
auch die Schriftstellerin Louise Michel eine sehr bedeutende, sehr 
charakteristische, eigenartige, hochin teres.^ante Persönlichkeit ist. 
Ihr bilderreicher, kräftiger, voller Stil ist erfrischend, anmutend. 
Es liegt in ihm die große Sehnsucht nach neuen Sonnenaufgängen« 



— 363 — 

Willenskraft, ihre ganze Arbeit, ihr ganzes Wesen in den 
Dienst dieser Idee gestellt. 

Man kann Über die objektive Richtigkeit ihrer An- 
schauungen streiten, es ist auch hier nicht der Ort, meine 
Ansicht darüber auszusprechen^ eines ist sicher, daß sie 
subjektiv nur aus den höchsten, reinsten, edelsten, un- 
eigennützigsten Motiven heraus gehandelt hat, daß sie 
eine Märtyrerin des Menschheitsgedankens geworden ist, 
daß sie sich ganz dieser Idee hingegeben hat und der 
von ihr erschauten Morgenröte ihr eigenes, blutendes, 
zuckendes Menschenherz als erstes Brandopfer dar- 
gebracht hat 

IV. 

Ein seltsam heterogener Umzug lockte in diesem 
„Jahre des Heils^^ 1905 die schaulustige Menge in die 
fahle Februarsonne der Marseiller Straßen. Ein seltsamer 
Umzug: Faschingsscherz oder Leichenzug? Es war ein 
wenig von beiden darin. Über den Karnevalesken lag 



Er hat stellenweise die große Schönheit der Cy klonen von Neu- 
kaledonien und auch wieder die sinnige Lieblichkeit der nord- 
französischen und deutschen Wälder. Er ist immer prägnant 
und bezeichnend, immer der notwendige Ausdruck einer durchaus 
starken, mächtigen Persönlichkeit. Er hat, von einer naturhistorischen 
Weltanschauung getragen, Ausblicke die wie mächtige Propheten- 
worte klingen. Louise Michel hat sehr viele Manuskripte in den 
Stürmen ihres Lebens verloren und geopfert, andere sind in der 
ungeheuer großen Broschüren-, Revuen- und Zeitungsliteratur des 
kollektivistischen Anarchismus verstreut, dem sie angehörte. Hier 
seien nur die Titel einiger in Buchform erschienenen Hauptwerke 
genannt: ,,Memoires"; „La Commune*^ Dann die Hauptromane: 
,,Les Microbes humains'*; ,,Les Claquedent^'; „Le Monde Nouveau^' ; 
„La Misere"; „La Fille du peuple"; „Le Coq rouge" (Drama); 
„Le Bätard imperial*' ; „Legendes canaques"; „Contes et legendes 
pour les enfants'^; „Les Oc^aniennes**; auch einige Broschüren 
seien genannt: „Les Crimes"; ,,L'6poque"; „l'fere nouvelle" und 
viele andere. Ein Drama „Nadine*' wurde mit großem Erfolge 
unter den Initialen L. M. aufgeführt, hat ihr aber übrigens nie 
einen Centime Tantiemen gebracht. 



— 364 — 

wie ein verwehter Trauerflor; aus der Tragik grinste 
wie eine Satyrmaske. Kein Trauermarsch^ keine Bakchi- 
schen Chöre, aber gelbe Immortellenkränze und rote, 
wehende Tücher und schreiende Rosettenverkäufer und 
Bilderkolporteure; keine Faschingspuppe, aber ein wirk- 
licher, trauriger, knarrender alter Leichenwagen mit einem 
echten Sarge, dem hölzernen, rohgezimmerten Armensarge, 
und einem echten Leichnam darin: dem Leichnam der 
Louise Michel. Louise Michel, „la vierge rouge'S „die rote 
Jungfrau^S ^^ arme, gute, alte, neufromme Kind, ist hier, 
eines langen, mühevollen, domenreichen Kreuzweges müde, 
gestorben, in einem kleinen, düsteren Wirtshaus, fast auf 
der StraBe; denn diese Erträumerin einer neuen Mensch- 
heit, einer neuen, besseren Zeit, teilte das Schicksal 
aller großen Menschheitslieber: sie hatte kaum einen 
Platz ^ wo sie ihr Haupt zur Ruhe betten konnte. 

Für jeden, der hier Augen hatte zu sehen und Ohren 
zu hören, ging eine unbeschreibliche, unglaublich tiefe 
Rührung von dieser ärmlichen Bahre aus. Aus der un- 
bedenklichen Einmütigkeit, mit der sich in einem Augen- 
blicke, wie auf ein gegebenes Zeichen, alle Häupter ent- 
blößten, und manche Frauen sich gewohnheitsmäßig be- 
kreuzten, vor diesem Leichenwagen ohne Priester und 
ohne Eareuz, wehte wie ein Hauch der Mittelalterlichen — 
und ewigen Ehrfurcht der Masse vor der Willenskraft und 
dem hohen Mute der Einzelnen, der großen starken Be- 
kenner; jener, die diese selbe Masse gekreuzigt, verbrannt 
oder geköpft hat, und die sie später vielleicht bereuend 
zu ihrem Gott, ihrem Heiligen, ihrem Heros erhebt 

Vor der Gastwirtschaft, wo sie gestorben^ ist es um 
3 Uhr nicht mehr möglich sich durch die dichte Menge 
hindurchzudrängen. Endlose Reihen von Trambahnwagen 
stauen sich einerseits bis zur Eisenbahnstation, anderer- 
seits bis zum Obeliskenbrunnen der Place Castellane und 



— 365 — 

selbst die Cannebi^re hinauf und hinunter. Denn es ist 
kein Ordnungsdienst vorgesehen. Es ist überhaupt nichts 
vorgesehen. Diese Menschenmenge repräsentiert vorläufig 
nur eine spontane Kundgebung der Neugier. Auch die 
sozialistischen, Freidenker- und Arbeitervereine haben 
sich bis zum Morgen des Begräbnistages herumgestritten, 
obj wann und wie demonstriert werden sollte. Schließlich 
hat man sich so gut es ging geeinigt und es wird demonstriert 
werden ; irgendwie. Louise Michel ist zu plötzlich gestorben ^ 
mitten in der Arbeit einer Tournee in Südfrankreich, auf 
der sie den Menschen Friede und Liebe predigte. Sie ist zu 
plötzlich gestorben; die Possen sind nicht einstudiert, die 
Phrasen sind nicht ausgefeilt. Schleierlos wird die über- 
raschte Menschheit vor der Frage dieses Sarges defilieren. 

Ich habe mich in freiere Straßen durchgedrängt, 
um auf der Plaine St Michael^ wo er vorbeikommen muß, 
den Zug zu erwarten. Ich mußte lange warten; denn 
sie haben die arme Tote durch die halbe Stadt geschleppt, 
um zu demonstrieren. Wofür? wogegen? Für irgendein 
kleines Interesse. Wer kann das wissen! Wieviele von 
all' den Gaffern und „Figuranten'' und „Mitläufern'^ 
wußten denn überhaupt noch, wer Louise Michel wirklich 
war, was sie wirklich getan, wirklich gewollt und wirklich 
gelitten hat? Ihr eigenes Wort über die Gaffern kam 
mir da in den Sinn: „diese frohe Menge am Trauertage 
ist nicht das Volk. Es sind dieselben, die man bei Hin- 
richtungen sieht, und die nie zu finden sind, wenn es 
gilt, Pflastersteine aufzureißen/' 

Allmählich hat sich der große Platz, dessen breites 
Rechteck von einer doppelten, jetzt noch blattlosen Pla- 
tanenallee umsäumt ist, mit Menschengruppen aller Art 
belebt. Die Balkone sind zum Einbrechen überfüllt, wie 
gelegentlich des Feuerwerkes, das am 14. Juli hier ab- 
gebrannt wird. Ein Schauspiel ist ein anderes wert 
Die Terrassen der Bars und Caf^s sind überfüllt. Denn 



— 366 — 

getrunken wird hier immer und überall^ bei jeder Ge- 
legenheit. Oder vielmehr alles ist Gelegenheit zum Trunk, 
und wo es in Marseille nicht nach Fisch, Weihrauch 
oder Seife riecht, da riecht es nach Absynth. 

Nun geht eine Bewegung durch die Wartenden: die 
Vorläufer des Zuges brechen aus einer der Gassen, die 
hier heraufEiihren. Ein Schwann von zerlumpten Burschen, 
roh, schreiig, halb betrunken, jener Elasse von „Nervis" 
angehörig, die die Plage der Stadt ist, die arbeitslos, von 
allen unnennbaren Gewerben lebt, stiehlt und einbricht, 
bei allen Gelegenheiten raubt und plündert, johlt und 
tobt, und der ruhigen arbeitenden Bevölkerung das Leben 
in dieser Stadt manchmal fast unmöglich macht. 

Die Gruppen rennen, rufen und pfeifen, um einander 
nicht zu verlieren, und verschwinden schließlich hinter 
einer Staubwolke in der Richtung des Friedhofes. Sie 
eilen voraus, um die besten Plätze zu ergattern. Sie 
werden im allgemeinen Durcheinander Unfug treiben, im 
Gedränge anrempeln, stoßen und stehlen, und schließlich 
wie Harpyen oder böse Nachtvögel auf die Marmordächer 
der Grabstätten klettern, um von dort zu erspähen, was 
Übles zu tun ist. 

Neue Schwärme folgen nach, dichter und dichter 
mit Rotten kreischender Weiber vermischt. Eine lärmende^ 
hastende, unsaubere Menschen welle, die vor dem Zuge 
herläuft. Dann endlich im langsameren Tempo die ersten 
Korporationen, aber auch sie umwimmelt, umtanzt, um- 
wirbelt von einer drängenden, ga£fenden, eifrigen, ge- 
schäftigen Volksmenge, die in die Gruppen eindringt, 
die Vereine zerreißt und noch mehr Verwirrung in den 
ohnedies schon ordnungslosen improvisierten Aufzug bringt 
Lange, lange zieht dieser Strom vorüber. Dort und da 
taucht ein Fahnenträger, mit einer roten Masche im 
Knopfloch, aus der Masse von Köpfen auf, die wie auf 
einem dunklen, ungegliederten, fließenden Elemente vor- 



— 367 — 

wärts zu schwimmen scheinen, dort und da ein runder, 
gelber Immortellenkranz mit roter Schleife, wie ein in 
die Flut geworfener Rettungsring, der bald aufblitzt über 
den Wellen, bald verschwindet, wenn ihn eine greifende 
Hand erhascht. Mehr Vereine, mehr Fahnenträger, mehr 
gelbe Kranzringe und rote Schleifen; auch eine kleine 
schwarze Fahne erregt Aufsehen. Dann die Frauen- 
yereine. Sie tragen die „poeles*', die großen, heute meist 
roten Bahrtücher, die jeder Verein für ähnliche Gelegen- 
heiten bereit hat. Jede will mittragen, jede wenigstens 
einen Zipfel des Tuches halten, um ihre Mitzugehörigkeit 
zu unterstreichen, und jede will sich zeigen, will gesehen 
werden, für sich Reklame machen. Sie balgen sich fast 
um die Fransen des Tuches, von den herumdrängenden 
„Nervis'' ermuntert, geneckt und mit sarkastischen, zwei- 
und eindeutigen Bemerkungen überschüttet. Einige ärgern 
sich und Schimpfworte fliegen hin und her. Vielen 
macht es Spaß, sie antworten mit Blicken, Zeichen und 
Worten .... vielleicht für heute Abend. 

Dahinter wieder gemischtes fahnenloses Volk aller 
Art, das sich hier offenbar in eine Lücke eingeschoben. 

Und endlich^ merkwürdig abstechend, eine Gruppe 
eleganter Herren in schwarzen Überröcken, Handschuhen 
und beflorten Cylindem: — die hohe Politik, die sich 
auf die unteren Volksschichten stützt Die Persönlich- 
keiten — : ein gutes hartes Sprungbrett ist ihnen das 
hungergehärtete, leicht aufschnellende „Proletariat". — 
Aber gleich dahinter, knapp vor den Pferden, manchmal 
neben dem Sarge, manchmal zwischen den Persönlich- 
keiten, eine seltsame, schwankende Gestalt, wie einer der 
nicht weiß, wohin er geht, noch woher er kommt Ein 
betrunkener, schmutziger^ zerfetzter, alter Lumpensammler. 
Mit seinem Sack über der Schulter und seinem „Stir- 
hacken" in der Hand. Nein, es ist keine Verkleidung. 
Er ist echt, ganz echt, sogar waschecht Die eleganten 



— 368 — 

Herren sind peinlich berührt und ziehen die Rockschöße 
an sich, wenn er yorbeistreift, aber es ist nichts an- 
zufangen, er will keine Vernunft annehmen, man muß 
ihn gewähren lassen. Er ist offenbar einer von jenen^ 
die in einem gewissen Stadium eine fixe Idee fassen, 
Ton der sie nicht für ein Schloß abweichen würden; und 
so umtaumelt der unbewußt symbolische Lumpensammler 
die Gruppe der Cylinder, die mageren Gäule, den Leichen- 
wagen mit dem Armensarge. Ein paar einfache schwarz« 
gekleidete Frauen^ deren eine, von den beiden anderen 
gestützt, nur mühsam vorwärts zu schreiten scheint, werden 
einen Augenblick sichtbar, aber sie verschwinden gleich 
wieder in der nachdrängenden, mitflutenden, vorauseilenden 
Menge, und daneben heulen die Verkäufer: „Das Bild 
der Louise Michel mit Biographie 2 sous! — 2 sous die 
roten Kokarden!^' 

Der Friedhof St. Pierre ist ziemlich weit vom Zentrum 
der Stadt entfernt und die Tage sind noch kurz. Als 
der Zug an Ort und Stelle ankam, war es dunkel. Im 
Torweg wurde der Sarg fast umgeworfen von den drängen- 
den Menschen, die sich an den Wagen hängten, um gleich- 
zeitig mit durchzukommen, denn man erwartete Reden 
und wollte Persönlichkeiten sehen. 

Der Sarg wurde vor dem Depositorium niedergesetzt, 
denn man wußte noch nicht, wie und wo man die plötzlich 
Verstorbene definitiv bestatten würde: Louise Michel war 
arm wie eine Kirchenmaus. Mittlerweile ist sie auf Kosten 
der Partei nach Paris überführt und dortselbst beigesetzt 
worden. 

Eine eigentümlich traurige, fast grauenhaft phan- 
tastische Stimmung liegt in dieser Friedhofsszene in der 
Dämmerung vor dem Depositorium. Ein Blatt, das in 
den Klingerschen Totentänzen fehlt. Dieser arme Holz- 
sarg, wie eine Warenkiste auf der Erde vor dem schwarzen 
Tore, das Profil der Cypressen und Mttgnolien, dunkel 



— 369 — 

gegen den dämmernden Abendhimmel. Die eckigen, hohen, 
weißen Marmorgräber, die ans der einförmig blaugrauen^ 
yerscbwimmenden Vegetation bervordämmem. Und über all 
dem, dichtgedrängt auf allen Wegen, in allen Bäumen, 
auf allen Mausoleen^ bis auf die Dächer der Grabkapellen 
und Erinnerungstempel, undeutliche, schwarze, zuckende, 
geisterhafte, schemenhafte Gestalten: Die Menge! Die 
Menge^ die nun endlich schweigt, als ob eine unsichtbare, 
gebieterische, kalte Hand sich jedem von rückwärts auf 
den Mund gelegt hätte. 

Nun flammt das gelbe Licht einiger flackernder Kerzen 
auf. Eiin Männerkopf wird in dem Scheine erkennbar. 

Der Redner. Es ist einer von jenen, die mit der 
Sache des Proletariats, der Sache der Toten dort, poli- 
tische Karriere machen, die gegen den billigen Check 
einiger kommunistischer oder kollektivistischer Redens- 
arten teuere Zinshäuser eintauschen. Er wird sprechen. 
Man horcht. Aber, ich habe es ja schon gesagt: der 
Tod ist zu plötzlich, gekommen, die Posen sind nicht 
einstudiert, die Phrasen sind nicht ausgefeilt. Und der 
Redner spricht undeutlich, um nicht verstanden zu werden. 
Aber reden muß er^ das ist er seiner Karriere, seinem 
Vermögen schuldig. Er spricht undeutlich, er stockt . . . 
und um sich aus der Verlegenheit zu helfen, beginnt er, 
gerührt zu schluchzen. Anfangs schlecht und mühsam, 
dann leichter und besser. Schließlich noch ein paar 
Sätze, in denen man nur den Namen der Toten versteht, — 
und Schluß. 0, die soziale Komödie dieser Leute! Die 
dumme, alberne Komödie! Im Wahlsaal ist sie nur 
lächerlich. Auf der Stätte des Todes wird sie häßlich, 
abstoßend, widerlich, gemein. 

Ein paar schüchterne „Bravo^' und Applausversuche 
werden laut, aber gleich von dem geschmackvolleren 
Teile des Umstandes niedergezischt: die kalte Hand! und 
schweigend oder flüsternd verfließt die Menge. Während 

Jahrbach VII. 24 



— 370 — 

der schönen Kede ist übrigens die schwere, goldene Kette 
des Sozialpolitikers samt dem daran hängenden goldenen, 
kostbaren Chronometer in eine fremde, wahrscheinlich 
weniger reiche Tasche gewandert Das ist ein Schlußwort 
für eine Farce. — und alle die Geschäftigen, hoch und 
nieder, gehen heim. — Arme Louise Michel! verkannt, 
ausgenützt und ausgebeutet bis zum Schluß. 

Ausgebeutet von falschen Bettlern, sie, die mit jedem 
Armen ihr karges Brot teilte, ausgenützt von den Am- 
bitionen ihrer „Partei'^ als sie 1880 aus dem Exil zurück- 
kam nach der Amnestie, und zu Konferenzen verwendet 
wurde, die fremden Ambitionen Deputiertenstellen, 
Senatorenstühle und hohe Staatsämter eintrugen. Verkannt 
von dem Volke selbst; für das sie gedacht, gekämpft, ge- 
litten. — Arme Louise Michel! Die Reden sind gesprochen, 
die Demonstration der Tagesinteressen ist abgehalten; 
man dreht sich um, und läßt die Tote liegen! 

Aber nein, doch nicht ganz so. Die Anderen sind fort, 
die drei Frauen, die bisher unter all den Geschäftigen ver- 
schwunden waren, sind noch da. Die eine in dem einfachen, 
schwarzen Kleide, will noch einmal zu dem Sarge, ehe man 
ihn versperrt. Eine traurige, rührende, gebrochene Alte. 
Die beiden anderen stützen sie, denn ihre Knie scheinen 
zu versagen und vor dem Sarge sinkt sie nieder, auf- 
schluchzend, in sich selbst zusammenknickend, kein Weib 
mehr: ein schwarzes Stück Unglück, ein Haufen Schmerz. 
Ich werde nun ruhiger heimgehn, mit weniger Bitterkeit 
im Herzen. 

Denn die schluchzende Person dort ist Charlotte 
Vauwelle, die treue Freundin langer Jahre, der einzige 
Tröster in tausend Enttäuschungen und nun der einzige 
wirkliche, würdige Vertreter der dankschuldigen Mensch- 
heit auf diesem Grabe: — das einzige Wesen, das 
wirklich weint. 



Ein Brief Emile Zolas an Dr. Laupts*) 

über die 

Frage der Homosexualität. 

Übersetzt und eingeleitet 

von 

Rudolf Ton Benlwitz. 



^) Dr. Laupt«, der bekannte französische Arzt, der in seinem 
Vaterlande umfassende Stadien über die Homot^exualität machte, 
hat uns den Abdruck und die Übersetzung dieses seinem ersten 
großen Werke über diese Frage als Einleitung vorgedruckten 
Briefes freundlichst gestattet. 

24* 



Der weiter unten in möglichst wortgetreuer Über- 
setzung wiedergegebene Brief des großen Zola, den Dr. 
Laupts seinem Werke über die Homosexualität ^^Per- 
versionet perversit^ sexuelles^', Paris 1896, als bedeutungs- 
volles Vorwort beigegeben hat, bildet den einzigen Beitrag, 
den der sonst so allumfassende Schriftsteller und Künstler 
zu der homosexuellen Frage geliefert. Vergebens würde 
man seine Werke nach einer Zeile über den Uranismus 
beim Manne durchsuchen, wenn man von einer kaum ins 
Gewicht fallenden, kurzen Episode absieht, auf die weiter 
unten näher eingegangen wird. Ein großes Schweigen, 
ein absolutes Ignorieren dieser weitverbreiteten Natur- 
erscheinung starrt dem nach einem Wörtchen des Mit- 
gefühls, nach einer noch so knappen Äußerung sym- 
pathischer Art verlangenden uranischen Verehrer Zolas 
entgegen. Bei wem könnte er wohl eher Verständnis 
für seine Veranlagung finden, bei wem ein größeres und 
wärmeres Interesse mit ein wenig Liebe und Nachsicht ge- 
paart, als bei dem rücksichtslosen Vernichter aller Vor- 
urteile, dem mutigen Verfechter der Wahrheit und Ge- 
rechtigkeit, der, umgeben von Heuchelei, Verlogenheit 
und Prüderie, es gewagt hat, das verpönte und mit den 
dichten Schleiern der Ignoranz und Tartufiferie zum Elr- 
sticken eingehüllte Sexuelle in die lichten, sonnigen Höhen 
künstlerischer Darstellung zu erheben, und es mit der 
Aureole der Wahrheit und echten Menschlichkeit zu um- 
kränzen ! 

Da türmt es sich auf, das gigantische Gebäude der 
„Rougon-Macquart", da singt und rauscht verwirrend und 



— 374 - 

bezaubernd das hohe Lied des wahren und echten 
Lebens; des ganzen Lebens, mit all seinen Tiefen und 
Höhen, mit all seinen Tränen, mit seinem Q^elächter und 
seinem Lächeln: Laster aller Art, das Heer der physi- 
schen und psychischen Krankheiten und Gebrechen, das 
gellende Schreien der Verzweiflung, Brunst und wilde 
Leidenschaften, Mord und Ejieg, Hunger und Qual; — 
und Gcbtalten voll Schönheit und Gesundheit, das Lachen 
des Glücks, Lächeln von Müttern, liebliches Lallen aus 
frischen Kinderlippen, reine Liebe und selbstlose Auf- 
opferung. Nichts fehlt in dieser erhabenen Schöpfung 
eines einzigartigen Genius: das ganze Leben! 

Selbst für das Tier ist ein Platz in dem großen, 
von so weiter, verstehender Liebe erfüllten Herzen 
Zolas. Seine tiefe Zuneigung zu dem Gehilfen und 
treuen Gefährten des Menschen (ihm eng verwandt durch 
geheimnisvolle Bande der Abstammung und eng ver- 
wachsen mit seinen Leiden, Freuden und Schicksalen), 
zeigt sich fast in jedem der 20 Bände der „Rougon- 
Macquart*'. Mit welch warmer Teilnahme vermensch- 
licht Zola „Alles was unterhalb des Menschen einher- 
kriecht und jammert !^^ Da ist Bataille in „G^rminal", 
das alte Gruben pferd, das in der ewigen Nacht der 
Stollen ohne Hoffnung, jemals lebendig wieder herauf- 
gewunden zu werden, geduldig den Karren zieht, und 
von der Mühle und den grünen, sonnigen Wiesen träumt, 
die einst oben seine Heimat gewesen. Wie alte, liebe 
Bekannte muten sie uns an, menschlich näher gerückt 
durch die Kunst des gewaltigen Naturalisten: die treuen 
Hunde Mathieu und Bertrand, die egoistische Minonclie 
des „Ventre de Paris", die im Schaufenster mitten zwischen 
Pasteten und Würsten ihren satten, weißen Katzenleib zu 
sonnen liebt, die dicke Kaninchen-Mutter Pologne auf 
den Knien Souvarines, gestreichelt von den zarten 
nervösen Fingern des unerbittlichen Anarchisten, das 



— 375 - 

Gewimmel in Hühnerhof und Stall der halbblöden 
Dösiröe und Cösar, und Coliche, die brave Kuh aus „La 
terre^'. Auch das Leblose erwacht zu geheimnisvollem 
Leben in diesem Hymnus: die Lison braust daher, die 
Lokomotive des Schnellzuges zwischen Havre und Paris^ 
die so sanft und willig einhergleitet^ aber auch zuweilen 
launenhaft und empfindlich ist wie ein Weib. Lautlos, 
glänzend und schillernd, wie ein prachtvolles, giftiges 
Reptil, arbeitet die Destilliermaschine des „Assommoir"^; 
unheimlich und stetig stößt sie Tag und Nacht ihren 
Alkoholatem von sich. In der stürmischen Vorfrühlings- 
nacht lauert das Bergwerk „Le Voreux" wie ein 
böses, unheildrohendes Tier, in trüben Wasserlachen und 
schwarzbesudelten Schneemassen kauernd. ^^Les Rougon- 
Macquart", titanenhaftes Gemälde voll Poesie, Größe und 
Kraft, Hymne an das Leben, Werk voll Wissenschaft, Ge- 
rechtigkeit und W^ahrheit, schluchzend vor Mitleid mit dem 
Menschengeschlecht! — Und dennoch unvollständig! .... 
Kein Wort von Jenen, deren Zahl nicht gering ist, die 
auch ein Recht auf Leben und Liebe haben. 

In dem Lebenswerke Zolas gähnt eine große Lücke. 
Ein Werk, welches das ganze Leben umfaßt, das keine 
Wunde, keine Schmach, kein Gräuel und keine Schönheit 
verheimlicht oder übergebt, das in die verstecktesten Winkel 
der Menschenseele hineinleuchtet, übergeht die männ- 
liche Homosexualität mit Stillschweigen. Zwar findet sich 
in „La cur^e'^ eine Episode, die von einem homosexuellen 
Kammerdiener handelt^ die aber im Vergleich zu dem 
sehr breiten Raum, den Zola in seinen Romanen der 
weiblichen Homosexualität einräumt (man denke nur an 
„Nana'Oy ^^^^ S^^ nicht ins Gewicht fällt. Ich lasse diese 
wenigen Zeilen in Übersetzung folgen: 

„Ein einziger Mensch, Baptiste, der Kammerdiener 
ihres Gatten, beunruhigte sie (Ren6e) nach wie vor. Seit 
Saccard sich ihr wieder liebeheischend näherte, schien 



— 376 — 

es ihr^ als bewege sich dieser hochgewachsene, bleiche 
und würdevolle Diener in ihrer Nähe mit einer Feierlich- 
keit, die einen stummen Vorwurf in sich schloß. Er 
pflegte sie nicht anzusehen; seine kalten Blicke glitten 
hoch über ihrem getürmten Haar dahin, mit der Scbam- 
haftigkeit eines Eirchenschließers^ der die Zumutung« 
seine Augen an dem Haarschwall einer Sünderin zu be* 
sudeln y ablehnt Sie bildete sich ein, er wisse alles; ja 
sie hätte sein Stillschweigen erkaufen mögen, wenn sie 
den Mut dazu gehabt hätte. Dann ergriff sie ein deut- 
liches Unbehagen. Sie fühlte eine Art von verlegenen 
Respekt, so oft sie Baptiste begegnete, indem sie sich 
sagte, daß die ganze Ehrbarkeit ihrer Umgebung sich 
unter den schwarzen Frack dieses Lakaien zurückgezogen 
habe und sich in ihm versteckt halte. 

Eines Tages richtete sie an Celeste die Fra^e: 

— Macht Baptiste Witze im Dienerzimmer? Kennen 
Sie irgend ein Liebesabenteuer von ihm, eine Maitresse? 

— Ach, das will ich meinen! begnügte sich die Zofe 
zu antworten. 

— Na raus damit! er hat Ihnen doch sicher den 
Hof gemacht? 

— Eh! Nicht einen Blick wirft er auf die Weiber. 
Kaum daß wir ihn zu sehen kriegen. ... Er ist immer 
bei dem gnädigen Herrn oder in den Ställen. ... Er 
sagt, er möge Pferde sehr gerne." 

Gegen Schluß des Romans ist nochmals von Baptiste 
die Rede. Wiederum ist es die Kammerzofe Celeste, 
die etwas von ihm zu erzählen weiß: 

„Fast hätte ich vergessen: ich habe Ihnen die Ge- 
schichte von Baptiste, dem Kammerdiener des gnädigen 
Herrn, nicht erzählt .... man wird Ihnen nicht haben 
sagen wollen .... 

Die junge Frau (Ren6e) bestätigte, daß sie in der 
Tat von nichts wußte. 



— 377 — 

— Nun denn^ Sie erinnern sich doch an sein würde- 
volles Getue, an seiäe geringschätzigen Blicke ; Sie sprachen 
mir ja selbst davon .... das war alles Komödie. . . • 
Er liebte die Weiber nicht, nie kam er ins Dienerzimmer 
herunter, wenn wir dort waren; und, jetzt kann ich es 
ja sagen, er behauptete sogar, es sei ekelhaft im Salon, 
der dekolletierten Roben wegen. Na, das will ich wohl 
glauben, daß der die Weiber nicht liebte! 

Und sie neigte sich zu Ren^es Ohr nieder; sie 
machte sie erröten, während sie selbst ihre volle ehrbare 
Ruhe beibehielt 

— Als der neue Stallbursche, fuhr sie fort, dem 
gnädigen Herrn alles erzählt hatte, zog es der gnädige 
Herr vor, Baptiste fortzujagen, als ihn anzuzeigen. Es 
scheint, daß diese häßlichen Dinge seit Jahren in den 
Ställen vor sich gingen. . . . und wenn man bedenkt, 
daß es ^anz so aussah, als liebe dieser lange Lümmel 
die Pferde! Die Stallburschen liebte er!" 

Wie kam nun Zola dazu, in seinem Lebenswerke 
das wichtige Problem der männlichen Homosexualität 
nur so schüchtern zu streifen, ein Problem, das ihn 
sicherlich stark interessierte, wie alles was das Sexuelle 
anging? Welches ist der Grund, der den großen Ro- 
mancier dazu bestimmte, diese Naturerscheinung mit einem 
großen Stillschweigen zu übergehen, wenn man von den 
oben zitierten, belanglosen und nur flüchtig skizzierten 
Stellen aus „La cur^e'^ absieht? Sein Brief an Dr. Laupts 
löst das Rätsel: Klar und bestimmt gibt Zola selbst 
Antwort auf diese Fragen: Er wagte es eben nicht, einem 
tiefeingewurzelten Vorurteil zum Trotz dem Problem den 
ihm gebührenden Platz in seinen Werken einzuräumen. 
Emil Zola wagte es nicht! Emil Zola in Angst vor einem 
Vorurteil, Emil Zola sich beugend vor einem Vorurteil, 
schweigend um eines Vorurteils willen! Der unermüdliche 
Kämpfer um Wahrheit und Gerechtigkeit, der unerschrocken 



._ 378 — 

und ungebeugt die Lügen und den Haß einer übelwollen- 
den und yerläumderischen Kritik über sich ergehen ließ, 
der rücksichtslos alles niederriß, was faul, was veraltet, 
was unnatürlich und heuchlerisch ist, er, der um der Wahr- 
heit willen einst sein sonniges Vaterland, sein geliebtes 
Paris meiden mußte: er schweigt, — er verschweigt die 
Existenz der männlichen Homosexuellen. E^ gibt nichts, 
das die furchtbare Macht und Stärke des schier un- 
ausrottbar erscheinenden Vorurteils, das die Homosexuellen 
yerfehmt und so oft in Schande und Tod hetzt, eindring- 
licher zum Ausdruck brächte! 

Zolas Stellung zur homosexuellen Frage geht aus 
seinem Briefe an Dr. Laupts klar hervor. Er mag für 
sich selbst sprechen. Freilich fallt er im Schlußsatze seines 
Schreibens ein hartes Urteil, das in einem seltsamen Gegen- 
sätze steht zu seinen früheren warmen Worten voll tiefsten 
Mitleidens, zu seiner, zwischen den Zeilen überall deut- 
lich durchschimmernden Sympathie mit den Uraniern, 
die ihn auf das lebhafteste interessieren, und deren Ver- 
anlagung er für unverschuldet, für natürlich hält. Allein 
der Fanatiker der möglichst kinderreichen Familie, der 
begeisterte Sänger der unermeßlichen Fruchtbarkeit der 
alten „Mutter Erde^^ konnte nicht anders schreiben. 
„Zerstörer der Familie, der Nation, der Menschheit** sind 
ihm nicht bloß diejenigen, denen die unberechenbare 
Natur von Kind auf eine Veranlagung eingepflanzt hat, 
die ihnen die Fortpflanzung unmöglich macht, sondern 
auch Mann und Weib, sobald sie nicht mehr „das tun, was 
notwendig ist, um Kinder zu zeugen.'' Hier spricht der 
fanatische Anti-Malthusianer Zola, den die stetig ab- 
nehmende Zahl der Geburten in seinem geliebten Frank- 
reich entsetzte: hier in diesen wenigen Worten liegt 
sein Glaubensbekenntnis. Sie sind der Refrain, der in 
seinem Roman „Fruchtbarkeit" immer und immer wieder 
in tausend Variationen wiederkehrt So verstanden mag 



— 379 — 

auch der Schlußsatz des Zolascheo Briefes viel yod seiner 
Härte verlieren. 

Allzufrüh entriß uns ein erbärmlich banaler Tod 
den in Liebe zur Menschheit Glühenden. Sein gewaltiger 
Geist erlosch; ohne uns Uraniern das Kunstwerk zu 
schenken, auf das wir bis jetzt vergebens warten, in der 
Hoffnung, ein anderes gleichbegnadetes Genie werde doch 
einmal den wahren ,,Roman des Uraniers^' schaffen. 

Hoch oben auf den Montmartre-Friedhof überragt Paris 
die BroDzebüste des jugendlichen Zola. Der Schöpfer des 
Bildwerks hat seinen Augen einen seltsam sehnsüchtigen 
Ausdruck verliehen. Emil Zola scheint weit hinaus- 
zuspähen über den Dunst und Brodem der Märchenstadt, 
einer neuen, schöneren, besseren Morgenröte der Mensch- 
heit entgegen. Sie dämmert schon auf, diese Morgenröte, 
blaß, kaum merklich. Schauen auch wir mit Zola voll 
Hoffnung und Zuversicht ihr entgegen. Sie muß und 
wird einst völlig hereinbrechen, und endUch das grau- 
samste, ungerechteste der Vorurteile, das den Uranief 
ächtet, in den finstern Abgrund zurückstoßen, aus dem 
es einst giftgebläht, wie Fieberdunst, aufgestiegen ist! 

An Dr. Laupts in Lyon.^) 

Mein lieber Doktor! 

Ich sehe nichts Verwerfliches darin, daß Sie den 
„Roman eines Homosexuellen'* veröffentlichen; im Gegen- 
teil, ich bin sehr glücklich darüber, daß Sie in Ihrer 
Eigenschaft als Gelehrter das tun können, was ein ein- 
facher Schriftsteller wie ich nicht gewagt hat. 

*) Au Docteur Laupts, a Lyon. 

Mon eher Docteur, 

Je ne troave aueun mal, au contraire, a ce que vous publiiez 
«le Roman d'un inverti », et je suis trös heurenx que vous puissiez 
faire, i\ titre de savant, ce qu'nn simple ^crivain comme moi n'a 
poiot os6. 



— 380 — 

Als ich vor Jahren dieses so merkwürdige Doku- 
ment erhielt^ hat das große Interesse, das es in physio- 
logischer und sozialer Hinsicht darbot, einen tiefen Ein- 
druck auf mich gemacht. Seine absolute Aufrichtigkeit 
rührte mich ; man fühlt in ihm die Glut, fast möchte ich 
sagen die Beredsamkeit der Wahrheit Man bedenke nur: 
der junge Mann, der da seine Beichte ablegt, schreibt 
eine Sprache, die nicht die seine ist: und erhebt er sich 
nicht trotzdem an bestimmten Stellen zu dem bewegten 
Stil tief empfundener und voll wiedergegebener Gefühle? 
Hier liegt ein vollständiges und zwar ein naives, spon- 
tanes Bekenntnis vor, wie es sehr wenige Männer abzu- 
legen gewagt haben, und gerade diese Eigenschaften ver- 
leihen ihm von mehreren Gesichtspunkten aus einen 
ganz besonderen Wert. Daher hatte ich auch anfäng- 
lich, von dem Gedanken getragen, daß diese Veröffent- 
lichungen nützlich sein würden, den Wunsch, von dem 
Manuskript Gebrauch zu machen. Ich habe aber vergebens 
hach einer passenden Form der Veröffentlichung gesucht 
und dies hat mich schließlich dazu bestimmt^ den Plan 
fallen zu lassen. 

Ich hatte damals die schwersten Stunden meines 
literarischen Kampfes durchzumachen; die Kritik sprang 

Lorsque j'ai re^u, il y a des ann^es d6jä, ce document si 
carieuz, j*ai 6tä frapp^ da grand int^r^t physiologique et social 
qaHl offirait. II me toncha par sa sinc^rit^ absolue, car on y seilt 
la flamme, je dirai presque r^loqaence de la vMti. Songez que 
le jeune homme qui se confesse, ^crit ici UDe langue qui n'est 
pas la sienne; et dites-moi s'il n'arrive point, en certaios passages, 
au style ^mn des sentiments profond^ment 6pronv6s et tradaits? 
C'est \k une confessinn totale, naVve, spontan^e, qne bien peu 
d'hommes ont os^ faire, qualit^s qui la rendent fort pr^cieuse k 
plusieurs points de vue. Aussi ^tait-ce dans la pens^e que la 
pablication ponvait en ^tre utile que j'avais eu d'abord le d^sir 
d'utiliser le manuscrit, de le donner au public sous une forme que 
j'ai cherch^e en vain, ce qui, finalement, m'en a fait abandonner 
le projet. 

J'etais alors aux heures lesplus rüdes de ma bataille litt^raire, 



— 381 — 

täglich mit mir wie mit einem Verbrecher um^ der zu allen 
Lastern und zu allen Ausschweifungen fähig wäre, und 
sehen Sie mich in jenen Zeiten als den verantwortlichen 
Herausgeber jenes ,,Itoman8 eines Homosexuellen?^^ Zu- 
erst hätte man mich beschuldigt, die Geschichte in allen 
Stücken frei erfunden zu haben ^ aus persönlicher Ver- 
derbtheit. Sodann wäre ich gehörig verurteilt worden, 
weil ich in der Sache nur eine niedrige Spekulation auf 
die widerlichsten Instinkte gesehen hätte. Und was f&r 
ein Geheul, wenn ich mir zu sagen erlaubt, daß kein 
Gegenstand wichtiger und trauriger ist, daß es sich hier 
um eine Wunde handelt, die viel häufiger vorkommt und 
viel tiefer geht, als man zu glauben vorgibt, und daß 
das beste Mittel, um Wunden zu heilen, darin besteht^ sie 
zu studieren, sie aufzuzeigen und zu behandeln! 

Aber der Zufall hat es so gewollt, mein lieber 
Doktor, daß, als wir eines Abends zusammen plauderten, 
wir auf jenes menschliche soziale Übel der sexuellen 
Perversionen zu reden kamen. Und ich vertraute Ihnen 
das Dokument an, das in einer meiner Schubladen 
schlummerte, und so kam es, daß es endlich das Tages- 
licht hat erblicken dürfen; und zwar in den Händen eines 

la critique me traitait joamellement en criminel, capable de toua 
les vices et de toutes les d^bauches; et me voyez-vous me faire, 
k cette 6poqae, Töditeur responsable de ce «Roman d'un inverti»? 
D*aboTd, on m'aurait accns^ d'avoir inventä Thistoire de toutes 
piöces, par cormption peraonnelle. Ensnite, j'aurais 6t^ düment 
condamn^ poar n*avoir vu, dans Taffaire, qu'une sp^culation basae 
sur les plus r^pugnants instincts. Et quelle clameur, si je m'^tais 
permis de dire qu^aucun sujet n'est plus s^rieux ni plus triste, 
qu*il 7 a U une plaie beaucoup plus fr^quente et profonde qu'on 
n'affecte de le crolre, et que le mieux, pour gu^rir les plaies, est 
encore de les Studier, de les montrer et de les soigner! 

' Mais le basard a voulu, mon eher docteur, que, causant un 
soir ensemble, nous en vtnmes k parier de ce mal humain et 
social des perversions sexuelles. Et je vous confiai le document 
qui dormait dans un de mes tiroirs, et voilä comme quoi il put 
enfin voir le jour, aux mains d*un m^decin, d'un savant, qu'on 



— 382 - 

Arztes, eines Gelehrten, den man nicht beschuldigen 
wird, dem Skandal nachzugehen. Ich hofife sehr, daß 
Sie damit einen entscheidenden Beitrag zu der schlecht- 
gekannten, und besonders ernsten Frage der invertiert 
Geborenen liefern werden. 

In einem andern yertraulichen Briefe, den ich um 
dieselbe Zeit erhielt, und den ich unglücklicherweise nicht 
wiedergefunden habe, hatte mir ein Unglücklicher den herz- 
zerreißendsten Schrei menschlicher Qual gesandt, den ich 
jemals vernommen. Er wehrte sich dagegen, so schändlichen 
Liebesgelüsten nachzugeben, und er verlangte zu wissen, 
woher diese Verachtung Aller stamme, woher diese stete 
Bereitwilligkeit der Gerichtshöfe ihn niederzuschmettern, 
wo er doch in seinem Fleisch und Blut den Ekel vor dem 
Weibe, die wahre Liebe zum Manne mit zur Welt gebracht 
habe. Niemals hat ein vom Dämon Besessener, niemals hat 
ein dem unbekannten Verhängnis des Geschlechtstriebes 
preisgegebener armer Menschenleib so gräßlich sein Elend 
hinausgeheult. Dieser Brief, ich erinnere mich, hatte 
mich unendlich erschüttert; und ist nicht der Fall in 
dem „Roman eines Homosexuellen'^ ein und derselbe, nur 
mit einer glücklicheren Unbewußtheit? Hat man nicht 
hier einen wirklichen physiologischen Fall leibhaftig vor 



n'accusera pas de clicrcher le scandale. J'esp^re bien qae voub 
allez apporter ainsi une cotitributioii decisive a la question des 
invertis-n^s, mal connue et particuli^rement grave. 

Dans une autre lettre confidentielle, re^ue vers le meme 
temp?, et que je n'ai malheureusemeDt pas retrouv^e, uo mal- 
henreuz m'avait envoy^ le cri le plus poignant de douleur humaioe 
que j aie Jamals entendu. II se d^fendait de ceder iV des amoars 
abominables, et il demandait pourquoi le m^pris de tous, pourquoi 
\ea tribunauz, prets tV le frapper, s"ii avait apporte dans sa chair 
le degoüt de la femme, la pat^sion de Thomine. Jamals pos8<^d^ 
du demon, Jamals pauvre corps homain livre auz fatalito^ ignor^es 
du desir, n'a hurl^ »i afireusement ssl misere. Cette lettre, je 
men souviens, m'avait infiniment trouble, et dans le oRoman d*uii 
inverti» le cas n'est-il pas le meme, avec une inconscienco plus 



— 388 — 

Augen, ein Herumtasten, einen halben Irrtum der Natur? 
Nichts ist tragischer, meiner Meinung nach^ und 
nichts verlangt mehr nach der Enquete und dem 
Heilmittel, falls es ein solches gibt. 

Denkt man an solche Dinge bei dem dunklen Geheim- 
nis der Empfängnis? Ein Kind wird geboren: warum ein 
Junge, warum ein Mädchen? Man weiß es nicht. Aber 
was f[ir eine Verwickelung yoU Dunkel und Elend ist es, 
wenn die Natur in einem Augenblick der ünentschieden- 
heit den Jungen als halbes Mädchen, das Mädchen als 
halben Jungen geboren werden läßt! Und das sind alltäg- 
liche Tatsachen. Die Unsicherheit kann einfach mit dem 
physischen Gesamt-Habitus beginnen, den großen Linien 
des Charakters: der weibische, zarte, feige Mann; das 
maskuline, gewalttätige, jede Weichheit entbehrende Weib. 
Und sie geht bis zu der erwiesenen Monstrosität, dem 
Hermaphroditismus der Organe, bis zu den widernatürlichen 
Gefühlen und Liebesempfindungen. Gewiß, die Moral und 
die Justiz haben Recht einzuschreiten« da sie die Hüter 
der o£Pentlichen Ordnung sind. Aber mit welchem Rechte, 
wenn doch der Wille teilweise aufgehoben ist? Man ver- 

heurcuse? N'y assiste-t-on paa a un veritablc cas physiologique, 
k une hositation, k une demi erreur de la nature? Rien n*est 
plus tragique, selon moi, et rieo ne reclame davantage Tcnqu^te 
et le rem^de, s'il en est un. 

Dans le myst^re de la conception, si obscur, pense-t-on k 
cela? Un enfant nait: pourqaoi un garyon, pourquoi une fiUe? 
On l'ignore. Mais quelle complication d*obscurit6 et de mis^re, 
si la nature a un moment d'incertitude, si le gar9on nait a moitie 
fiUe, si la fille nait k moitie gan^on! Les faits sont 1^, quotidiens. 
L*incertitude peut commencer au simple aspect physique, aux 
^randes lignes du caract6re: Thomme eff6mine, d^licat, lache; la 
femme masculine, violente, sans tendres^c. Et eile va jusqu'ili la 
monstruosite constat^e, rhermaphrodisme des organes, les senti- 
ments et les passions contre nature. Certes, la morale et la justice 
ont raison d*intervenir, puisqu'elles ont la garde de la paix 
publique. Mais de quel droit pourtant, si la volonte est en partie 
abolieV On ne condamne pas un bossn de naissance, parce qu'il 



— 384 ~ 

urteilt nicht einen von Gebart an Buckligen, weil er 
bucklig ist. Warum einen Mann verachten, der als Weib 
handelt^ wenn er als halbes Weib geboren wurde? 

Selbstverständlich, mein lieber Doktor, liegt es nicht 
in meiner Absicht, das Problem auch nur aufzustellen. 
Ich begnüge mich damit, die Gründe dafür anzugeben, 
die mir die Veröffentlichung des „Romans eines Homo- 
sexuellen'' wünschenswert gemacht haben. Vielleicht 
wird dies ein wenig Mitleid für gewisse Bejammernswerte 
einflößen und ein wenig Billigkeit Und femer, alles 
was das Sexuelle betrifft, betrifft das soziale Leben selbst. 
Ein Invertierter ist ein Zerstörer der Familie, der Nation, 
der Menschheit. Mann und Weib sind sicherlich nur 
deswegen hienieden, um Eünder zu zeugen, und sie töten 
das Leben an dem Tage, wo sie nicht mehr das tun, 
was notwendig ist, um solche zu zeugen. 

In herzlicher Freundschaft 
M6dan, 25. Juni 1895. :^mile Zola. 

est bosBu. Pourqaoi m^priser an homme d'agtr en femme, b41 
est n^ femme k demi? 

Natarellement, mon eher docteur, je n'entends pa» m^me 
poser le problöme. Je me contente d'indiquer les raisons qai 
m'ont fait souhaiter la pablication da «Roman d'an inverti«. 
Pent-^tre cela inspirera-t-il an pea de pitiö et un peu d'^quit^ 
poar certains miserables. Et puis, toat ce qai toacbe aa sexe 
toacbe 4 la vie sociale elle-mSme. Un inverti est an desorgani- 
sateur de la familie, de la nation, de l'hamanitö. L*homme et la 
femme ne sont certainement ici-bas que poar faire des enfants, 
et ils taent la vie le jour oü ils ne fönt plus ce qu*il faat 
poar en faire. 

Cordialement h vous 

M6dan, 24 juin 1895. £mile Zola. 

Da der vorstehend Übersetzte Brief Zolas zur Reproduktion 
allza lang erscheint, fügen wir im folgenden die Photographie 
eines zweiten Schreibens an Dr. Laupts (G. St-P.) bei, in dem 
der große Romancier nochmals das rege Interesse betont, das er 
der Frage der Homosexaalit&t entgegenbringt. 



Aul rli^^iH /<^^»^ '^*K(jutli t^M/A c' seit C 



a< ti^ 




^ cK\f6xJt' t^nt u^A. /a.A ^* 



'L0SK\, \AAO\^ , /< 4^4 I^hX '^^U- 



t 



6)h^vöivwc«vtr'*" ^"^ t 





Entwarf zu einer reizphysiologischen 
Analyse der erotischen Anziehung 

unter Zugrundelegung 
vorwiegend homosexuellen Materials. 

Von 
Benedict Frledlaender- Berlin. 



25* 



Die moderne Reizphysiologie hat sich die Aufgabe 
gestellt, die Bewegungen der Tiere nach denselben Grund- 
sätzen zu erforschen, die auf dem Gebiete der anorgani- 
schen Naturwissenschaft und auch auf demjenigen der 
Botanik seit lange durch den Erfolg bewährt sind. Zwar 
können wir nicht umhin — trotz gewisser erkenntnis- 
theoretischer Einwände und Schwierigkeiten *) — wenigstens 
bei den höheren Tieren, und vor allem bei unsem Mit- 
menschen, subjektive Empfindungen und Willensregungen 
derselben Art anzunehmen, wie sie einem jeden von uns 
durch die Selbstbeobachtung bekannt sind; trotzdem ist 
es aber sicher, daß wir durch die, sei es berechtigte, sei 
es unberechtigte Annahme eines „Willens^', subjektiver 
„Empfindungen", „Triebe** oder gar eines „Instinktes" in 



*) Insofern nftmlich die wirklich vorliegende, unmittelbar ge- 
gebene Welt „Meine Vorstellung*' ist. Nach einer gewissen An- 
schauung soll aber die Welt schlechthin nur „meine" oder viel- 
mehr jener Autoren Vorstellung und gar nichts weiter „sein'^ Ich 
kann mir vorstellen, daß manche wirklich von der Bichtigkeit 
dieser Auffassung durchdrungen sind. Diese Überzeugten werden 
offenbar schweigen. An den vollen En^t ihrer publizistischen 
Vertreter vermag ich aber nicht zu glauben. Denn wem Welt 
und Menschen nichts sind denn „seine Vorstellung^^ für dtrn wäre 
es ein allzu müßiges Spiel, sich mit Vorstellungsschemen durch 
das gesprochene oder gedruckte Wort zu unterhalten. — Oder 
sollte es vielleicht möglich sein, als praktischer Mensch diese und 

als „Philosoph" jene andere Überzeugung zu haben? Die 

Mehrzahl meiner Leser wird zu ihrem Vorteil nicht wissen, wovon 
in dieser Note eigentlich die Rede ist; sie ist auch nur für eine 
kleine Minorität bestimmt. 



— 390 — 

der Erkenntnis der Ursachen, welche die Bewegungen 
der Tiere in jedem einzelnen Falle bestimmen^ auch nicht 
um einen Schritt weiter kommen. Aus diesem Grunde 
ist die Erklärung irgendwelcher Bewegungen durch die 
Annahme eines ,; Willens'', eines ^Jnstinktes'' oder eines 
„Triebes" in Wahrheit gar keine Erklärung. 

Die gesamte eigentliche Naturwissenschaft — also 
abgesehen von der Vorstufe bloßer Naturbeschreibung — 
besteht darin^ daß man durch Beobachtungen, Versuche 
und Induktionsschlüsse zu allgemeinen Sätzen — „Natur- 
gesetzen <' — gelangt, welche folgende logische Form 
haben: ,,Wenn dieser bestimmte Bedingungskomplex 
(yUrsache^ erfüllt ist, so treten allemal jene bestimmten 
Folgen ein." Nachdem einmal ein solcher Satz auf in- 
duktivem Wege gefunden ist, erlaubt es die allgemeine 
Gesetzlichkeit der gegebenen Welt — wobei übrigens 
die Tatsache der allgemeinen Gesetzlichkeit gleichfalls 
ein Erfahrungssatz ist — im einzelnen Falle deduktiv 
auf Grund des allgemeinen Satzes eine Erscheinung ent- 
weder absichtlich hervorzurufen oder aber sie wenigstens 
vorherzusagen. Hierdurch vdrd die Macht des Men- 
schen über die Natur vermehrt, indem jenes Ziel der 
Naturwissenschaft erreicht wird, welches der Physiologe 
Claude Bernard mit den Worten definierte: „Le but 
de toute science, tant des etres vivants que des corps 
bruts peut se caract^riser en deux mots: pr^voir et agir." 
Nun ist es weder logisch angängig, noch von dem aller- 
geringsten praktischen Nutzen, einen bewußten oder auf 
Instinkt beruhenden „Willen" oder „Trieb" zu einem 
Teil des Bedingungskomplexes zu machen, welcher die 
Bewegung der Tiere bestimmt. 

Da hiergegen jedoch noch immer gelegentlich ver- 
stoßen wird, so sei es erlaubt, im ernsten Zusammenhange 
an ein Berliner Scherzwort zu erinnern: „Warum hüpft 
der Sperling über den Damm? Antwort: Weil er auf 



— 891 — 

die andere Seite wilL^' Die „Erklärung'' würde um nichts 
besser werden, wenn man die Bewegung des Vogels auf 
einen „Instinkt" oder etwa auf einen zeitweilig auftreten- 
den „Transgressionstrieb'* zurückfuhren wollte. In der 
Tat stehen alle Erklärungen^ welche uns dem Verständ- 
nis der tierischen Bewegungen mit Hilfe eines angenom- 
menen „Willens", „Triebes" oder „Instinktes" näher zu 
bringen wähnen, durchaus auf derselben Stufe mit jener 
„Erklärung" der fraglichen Bewegung des Sperlings. Es 
liegt das daran, daß der subjektive „Wille" oder „Trieb", 
selbst wenn man ihn als festgestellt annehmen wollte 
oder könnte, doch selbst wieder von andern, feststell- 
baren, teils inneren physiologischen, teils äußeren Eeiz- 
ursachen abhängen muß. Diese materiellen Ursachen 
der materiellen Erscheinung, welche Bewegung heißt, 
zu erforschen, wäre aber gerade die Aufgabe, selbst wenn 
man eine subjektive „Willens"- oder „Trieb"- Empfindung 
als Mittelglied zwischen materielle Ursache und materielle 
Wirkung einzuschieben für gut befinden wollte. Hier- 
gegen läßt sich nur dann ein Einwand erheben, wenn 
man an eine absolute Spontaneität des Willens glaubte, 
was im Widerspruch zum Kausalgesetz stehen würde. 
Auf diese schwierige, früher vorwiegend von abergläubi- 
schen („religiösen"), in der Gegenwart von metaphysischen 
Vorurteilen umlagerte erkenntnistheoretische Frage kann 
hier nicht eingegangen werden. Das ist aber auch nicht 
nötig: denn soweit etwa eine absolute Spontaneität denk- 
bar wäre und tatsächlich bestünde, würde jede natur- 
wissenschaftliche Forschung unmöglich sein, da das Wesen 
der Spontaneität, genau genommen, gerade in der Ur- 
sachlosigkeit besteht.^; 

Vergleiche meinen Aufsatz im Biologischen Zentralblatt, 
Bd. XI, Nr. 14, 1891, S. 417 ff.: „Zur Beurteilung und Erforschung 
der tierischen Bewegungen". — In den 14 Jahren seit Erscheinen 
dieser Notiz habe ich meine Ansicht übrigens etwas geändert, 



— 392 — 

Seit einigen Jahrzehnten haben wir bereits eine ganz 
ansehnliche Zahl tierischer Bewegungen, welche früher 
als spontan ausgegeben oder mit der Scheinerklärung 
sogenannter Instinkte oder Triebe abgefertigt wurden, 
als notwendige Folgen gewisser Ursachen auf dem Wege 
des Experiments kennen gelernt Während man früher 
über den wunderbaren Instinkt vieler Nachtinsekten — 
ihren so oft für sie selbst yerhängnisvoUen Hang, dem 
Lichte zuzustreben — darwinistisch oder nichtdarwinistisch 
gefabelt hat, ohne daß dadurch die Sache auch nur um 
einen Deut verständlicher geworden wäre, so wissen wir 
jetzt, daß jene Bewegungen genau denselben G-esetzen 
folgen, wie die längst bekannten heliotropischen Be- 
wegungen der Pflanzen. 

Eä sind besonders die Forschungen von J. Loeb^, 

indem ich, gegen alle Theologie, gegen die meisten Metaphysiker 
und inabesondere gegen Kant zwar das facta infecta fieri non 
possunt, nicht aber die Allgemeingültigkeit der Kausalität als be- 
wiesen ansehe — nicht zu reden von deren angeblicher Kantischer 
Apriorität. Wohl aber hört da, wo die Kausalität aufhört, auch 
die Forschungsmöglichkeit auf; und es ist sicher, daß im all- 
gemeinen die tierischen Bewegungen unbeschadet ihres An- 
scheins von Regellosigkeit und Unberechenbarkeit, trotzdem die 
notwendigen Folgen erforschbarer und objektiv aufzeigbarer Be- 
dingungskompleze sind. Meine Ansicht über das Kausalitäts- 
problem hoffe ich dereinst in anderem Zusammenhange an anderer 
Stelle bekannt zu geben. 

*) Der Heliotropismus der Tiere und seine Übereinstimmung 
mit dem Heliotropismus der Pflanzen. Würzburg, Hertz, 1890. — 
Über die künstliche Umwandlung positiv heliotroptscher Tiere in 
negativ heliotropische und umgekehrt, in Pflügers Archiv f. d. 
ges. Physiologie. Bd. 54, S. 81. 1893. — Femer zahlreiche Auf- 
sätze, besonders über Galvanotropismus in Phjsiological Archivcs, 
Hüll Physiological Laboratory, Chicago, University of Chicago 
Press, 1898. — Endlich die ganze Betrachtungsweise in seiner 
„Comparative Physiology of the Brain and Comparative Psycho- 
logy'* New York G. P. Putnams Sons, and London John Murray, 
1900. Deutsch unter dem Titel: „Einleitung in die vergleichende 



— 393 — 

denen wir die entscheidenden Aufklärungen verdanken. 
Zufall und persönliche Umstände haben anfangs die Ver- 
breitung dieser Einsichten verzögert. Loeb bekleidete 
damals kein öffentliches Lehramt und hat sich von wissen- 
schaftlichen Coterien immer ferngehalten. Er war ein 
Einzelforscher, der zudem noch in manchen Richtungen, 
wie besonders in bezug auf den damals noch allmäch- 
tigen einseitigen Darwinismus, gegen den Strom schwamm. 
Nachdem dann Loeb eine Professur erst in Chicago, 
später in Berkeley in Kalifornien erhalten und seinen 
Namen durch eine Reihe anderweitiger, höchst sensatio- 
neller Entdeckungen^) weit über die Grenze der Fach- 
wissenschaft hinaus berühmt gemacht hat, wird das wohl 
anders werden und auch seine früheren Schriften werden 
mit der Zeit die ihnen gebührende Beachtung finden. 

Da übrigens der aus einem der vorigen Sätze heraus- 
klingende Widerspruch gegen die darwinistische Betrach- 
tungsweise physiologischer Dinge für ein weniger orien- 
tiertes Publikum leicht mißverständlich sein könnte, so 
sei er mit ein paar Bemerkungen präzisiert: Der Dar- 
winismus, soweit er in die Physiologie einzudringen ver- 
mochte, stellt über das, was möglicherweise mit den 
hypothetischen Vorfahren in geologisch grauer Vorzeit 
passiert sein mag, Spekulationen an; die exakte phy- 
siologische Forschung sucht hingegen auf dem Wege der 
Beobachtung und des Experiments die gegenwärtigen 
und immer gültigen Kausalzusammenhänge zu 
eruieren. Jener ist eine hypothetische Historie, diese 
ist exakte Wissenschaft Es handelt sich also keineswegs 
etwa um eine Ablehnung des Darwinismus in Bausch und 

Gehirnphysiologie und vergleichende Psychologie mit besonderer 
Berücksichtigung der wirbellosen Tiere." Leipzig, J. A. Barth, 
1899. Außerdem zahlreiche Abhandlungen in Zeitschriften. 

^) Besonders z. B. die künstliche Parthenogenesis und die 
Befruchtung von Seeigeleiem durch Seestemsperma. 



— 894 — 

Bogen, am allerwenigsten aber gar um eine Bekämpfung 
der äußerst wahrscheinlichen Deszendenzhypothese der 
Organismen, die übrigens nur ein Teil des Darwinismus 
ist^ und zwar derjenige , welcher schon vor Darwin 
existierte; sondern nur um einen Protest gegen den ver- 
kehrten Versuch, rein kausale Probleme historisch be- 
handeln zu wollen.^) 

Immerhin wird man sich auch auf der andern Seite 
vor einer Überschätzung der Tragweite der Reizphysio- 
logie zu hüten haben. Jedenfalls ist es problematisch, 
ob sich alle Bewegungen aller Tiere wirklich in letzter 
Linie restlos in Tropismen, d. h. Reizbewegungen auf- 
lösen lassen. Wenn das nämlich in bezug auf irgend 
ein Tier geschehen wäre, so würden wir alle Bewegungen 
dieses Tieres ebenso sicher voraussagen können wie etwa 
der Astronom die Bewegungen der Planeten. Alle und 
jede Spontaneität hätte sich als eine Illusion, und das 
Tier als eine reine Maschine erwiesen, wobei es ganz 
belanglos wäre, ob man der lebenden Maschine bei ihren 
mit absoluter Notwendigkeit erfolgenden und vorher be- 
rechenbaren Bewegungen einen bewußten Willen, Trieb, 
Instinkt oder Empfindungen zuschreiben wollte oder nicht. 
Wenn man nun aber auch diese Frage vorsichtigerweise 

*) Ich habe schon früher auf diesen Gegensatz, im AnschluB 
an ein besonders charakterisches Vorkommnis hinweisen müssen, 
nämlich in meiner Abhandlung über „Herrn Alfred Goldsborough 
Mayers Entdeckung eines fAtlantischen Palolo' uod deren Be- 
deutung für die Frage nach unbekannten kosmischen Einflüssen 
auf biologische Vorgänge. Zugleich eine Beleuchtung der darwi- 
nistischen Betrachtungsweise." (Biolog. Zentralblatt, Bd. XX I, 
S. 812 ff. und S52ff.) Meine Einwände gegen den Darwinismus 
oder vielmehr gegen dessen mißbräuchliche Anwendung stammen 
nicht, wie die üblichen, aus dem Lager der Reaktion, sondern er- 
folgen umgekehrt vom Standpunkte eines weiterreichenden, exakt- 
naturwissenschaftlichen Radikalismus. Übrigens bin ich weder 
der erste noch der einzige, der gegen den Mißbrauch der histori- 
schen Betrachtungsweise Einspruch erhebt. 



— 395 — 

einstweilen als eine offene ansehen mag, so ist es doch 
sicher^ daß sehr viele Bewegungen auch der höheren 
und höchsten Tiere weit über den Kreis der eigentlich 
sogenannten Reflexbewegungen hinaus sich als tropismen- 
artige Wirkungen bestimmter Reizursachen nachweisen 
lassen. Das muß auch vom Menschen gelten und wahr- 
scheinlich in besonders deutlicher Weise gerade auf dem 
Gebiete jener Lebensäußerungen, welche direkt oder in- 
direkt mit der Erotik zusammenhängen , jener Gruppe 
von Elrscheinungen, deren universelle Verbreitung es von 
vornherein anzudeuten scheint, daß sie auch bei dem 
intelligentesten Wesen, beim Menschen, weit weniger im 
Intellekt als in den verborgenen Tiefen der physio- 
logischen Konstitution wurzele. 

Auch wenn man grundsätzlich anderer Meinung ist — 
der gelehrte Jesuit und bekannte Ameisenforscher Was- 
mann warnt neuerdings ausdrücklich vor einer Über- 
schätzung der Tropismentheorie bei den Bewegungen der 
Ameisen^] — so geht es doch nicht an, wie das einige 

^) £. Was mann, S. J., «jUrsprung and Entwicklung der 
Sklaverei bei den Ameisen" (146. Beitrag zur Kenntnis der Myr- 
mekophilen), Biolog. Zentralblatt, Bd. 25, Nr. 5 vom 1. März 1905. 
Wasmanu sagt daselbst auf S. 140/41: . . . „Die Ameisen hatten 
sich mit ihrer Brut in den warmen Sonnenstrahlen gelagert, deren 
helles Licht sie durchaus nicht genierte. Hieraus darf man wohl 
mit Becht schließen, daß die Ameisen nur deshalb bei plötzlicher 
Erhellung ihres Nestinnem in Aufregung gerathen, weil die- 
selbe gewöhnlich mit einer feindlichen Störung ver- 
bunden zu sein pflegt, nicht aber deshalb, weil die Ameisen 
in ihren Nestern «negativ heliotrop» sind. Letztere Auf- 
fassung ist eine durchaus irrtümliche und bildet einen der vielen 
biologisch unhaltbaren Auswüchse der modernen Reflextheorie, 
welche das Tier erst willkürlich in lauter Reflexe zerschneidet 
und dann selbstverstftndlich die psychische Einheit des tierischen 
Seelenlebens nicht mehr finden kann." — Man braucht nicht Jesuit 
zu sein, um die Bedenklichkeit der Reizphysiologie zu fühlen, so- 
fern sie mit dem Ansprüche auftritt, nun alles und jedes in Tro- 
pismen und reflexartige Bewegungen auflösen zu können. 



meiner Kritiker getan haben, bei der Behandlung dieser 
Fragen die moderne ßeizpbysiologie einfach zu igno- 
rieren; weder im Sinne des NicbtadaTonvissenwollens wie 
in dem des naiven Nichtwissens. 

Zu einer Analyse der Erotik sind bisher vier ver- 
schiedene Ansätze ungleichen Wertes vorhanden. Der 
erste bezieht eich vorwiegend auf niedere und zum Teil 
sogar auf einzellige Lebewesen. Er besteht in dem Nach- 
weise, daß die sexuelle Anziehung, welche beispielsweise 
das Wandern der Spermatozoen zur Eizelle hervorruft, 
aaf Chemotaxis beruht. Es ist sogar, wenigstens in 
einem Falle, der chemische Stoff bekannt, welcher wirk- 
sam ist.'] Hierhin gehört aber auch die Anziehung, welche 
die Weibchen mancher Schmetterlinge auf die IJännchen 
ausüben: mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrschein- 
lichkeit handelt es sich auch hier, also bei den erotischen 
Annäherungen vielzelliger, hochdifferenzierter Organismen, 
um Chemotaxis, wobei es unsere Bewunderung erregen 
muß, wie unglaublich, mehr als homöopathisch, verdünnte 
Stoffe hier noch wirksam und für die Erhaltung der Art 
von ausschlaggebender Bedeutung sind.*) Übrigens kann 

ler „RenaiBsance des Eroi 

*) Um Standpunkt nnd AiudracJuweise der Reizphjaiologie 
an dieaem konkreten Beispiel eu erlSntera: wir wiBien, daB die 
Bewegungen dieser ScbraetterlingamKnncben durch chemische 
SabBtanien bestimmt werden und reden daher von Chemo- 
taxis. Ob sich diese Schmetterlingsmannchen dabei einer sub- 
jektiven Gemcbeempfindung erfreuen oder nicht, das kSnuen wir 
nicht erfahren nnd lassen es daher unherücksichtigt. Wollte man 
aber selbst das Vorhandensein einer subjektiven Empfindung an- 
nehmen , nod diese inr unmittelbaren Ursache der Bewegung 
machen, so wOrde sich die Frage nach der Ursache der sub- 
jektiven £mp6ndung erheben nnd uns scfalieBUcb doch auf die 
chemiacben Subslanten leiten. Die subjektive Empfindung kann 
besten Falles immer nur als ein der Beobachtung unnigfingliches, 
hypothetisches Milteiglied zwischen zwei objektiv Daehweisbarea 



— 397 ~ 

schon nach einem Wahrscheinlichkeitsbeweis per ex- 
closionem als feststehend angenommen werden, daß die 
erotischen Bewegungen der niederen Lebewesen ganz vor- 
wiegend, und in den meisten Fällen ausschließlich auf 
Chemotaxis beruhen: da nämUch die andern Sinnes- 
qualitäten und die zugehörigen Organe zu fehlen oder 
wenig entwickelt zu sein pflegen; so daß also wahrschein- 
lich eine weitgehende VerallgemeineruDg des Ergebnisses 
derjenigen Fälle erlaubt und angezeigt ist, in denen der 
chemotaktische Charakter der erotischen Bewegungen 
direkt nachgewiesen werden kann. Schwankend kann 
man erst da werden, wo es sich um Lebewesen handelt, 
bei denen, wie beim Menschen, der chemische Sinn 
im Verhältnis zum Gesichtssinn wenig ausgebildet ist. 
Übrigens aber ist schon hier darauf hinzuweisen, daß 
nicht nur die sexuelle, sondern auch die soziale An- 
ziehung zwischen den Individuen soziallebender Arten 
größtenteils auf Chemotaxis beruht, und daher mit der 
eigentlichen^ sexuellen Erotik jedenfalls eine Wurzel 
gemeinsam hat. Wasmann berichtet wiederholt, welch' 
enorme Rolle der „Nestgeruch" bei Versuchen mit Ameisen 
spielt, so daß man beispielsweise bei der Übertragung 
Yon Ameisen oder Ameisengästen von einem Nest in das 
andere immer die Vorsicht gebrauchen muß, die zu über- 
tragenden Tiere vorher einige Tage in Quarantäne zu 
halten, da andernfalls der fremdartige Oeruch ein feind- 
seliges Verhalten der neuen Wirte hervorruft^) Ebenso 
hat Wasmann nachgewiesen, daß die „Zuneigung^' der 
Ameisen zu gewissen Käfern (sog. Ameisengästen] auf 



Erscheinungen figurieren : so daß es besser und jedenfalls einfacher 
ist, sie von vornherein auszalassen. In ansrer hier vorliegenden 
Untersuchung sind wir dagegen in dem eigenartigen Falle, gerade 
umgekehrt aus den Angaben über subjektive Empfindungen eine 
Konstruktion der objektiven Zusammenhänge zu versuchen. 

*) Biologisches Centralblatt, Bd. XXV, S. 140, 142, 162 u. A. 



— 398 — 

Chemotaxis beruht, indem sich die Ameisen an einem 
Stoffe gleichsam berauschen, welcher von jenen Eäfem 
abgesondert wird.^) 

Die wenigstens teilweise Zurückfühnmg der erotischen 
Erscheinungen auf Chemotaxis ist der bisher wertvollste 
Ansatz zur biologischen Erklärung: denn er ordnet die 
erotischen Annäherungsbewegungen als einen Spezialfall 
in das weitere Gebiet chemotaktischer Reizwirkungen 
ein, und weist die Anwesenheit bestimmter chemischer 
Stoffe als ein wesentliches Stück im Komplexe der Ur- 
sachen nach, von denen die erotischen Bewegungen ab- 
hängen; und er enthält sich des Operierens mit nichts 
erklärenden Wörtern wie Wille, Empfindung, Instinkt 
oder Trieb. — 

Ein zweiter Ansatz ist sehr verschiedenen Ursprungs 
und bezieht sich vorwiegend auf den Menschen. A. Moll 
zerlegte den Geschlechtstrieb in einen „Kontrektationstrieb" 
und einen „Detumeszenztrieb^^ Dem ersteren wird die 
Annäherang der beiden Individuen, dem zweiten die Ent- 
leerang der Geschlechtszellen ins Freie oder in die weib- 
lichen GenitaUen zugeschrieben. Die beiden Wörter 
„Kontrektations-^^ und „Detumeszenztrieb*' sind von den 
meisten und auch von mir in meiner ,^Renais8ance des 
Eros Uranios^^ angenommen worden. Was wir unsem 
Geschlechtstrieb nennen setzt sich in der Tat, nach sub- 
jektiver Analyse, aus jenen beiden Komponenten zu- 
sammen. ,, Geschlechtstrieb^^ ist ein Sammelname für 
zwei wesentlich verschiedene, wenn auch zueinander in 
innigen Beziehungen stehende Triebe; was ein jeder 
normale, sei es vorwiegend heterosexuell, sei es vor- 
wiegend homosexuell empfindende Mensch aus unmittel- 
barer Selbstbeobachtung bestätigen kann, und — was 
man gerade wegen dieser leichten Feststellbarkeit von 

M Im Biologischen Centralblatt, Bd. XXIII; zitiert in meiner 
„Renaissance den Eros Uranios'S Anhang S. 70. 



— 399 — 

alters her gewußt haben muß. Der Fortschritt, den wir 
Moll in dieser Hinsicht verdanken, besteht nicht darin, 
daß er unsrer Kenntnis neue Elemente hinzugefügt hätte, 
sondern nur darin, daß er für die jedermann subjektiv 
bekannten beiden Komponenten des Geschlechtstriebes 
zwei neue bezeichnende Wörter ausgeprägt hat In dieser 
Feststellung liegt keine Verkleinerung, sondern nur eine 
Präzisierung der Mollschen Leistung: denn die Erfindung 
wirklich nützlicher und zur Begrififsanalyse brauchbarer, 
neuer Ausdrücke, durch welche die Verständigung er- 
leichtert wird, ist unter umständen und gerade in diesem 
Falle in der Tat von einiger Wichtigkeit Denn wenn 
früher vom Geschlechtstriebe im allgemeinen gesprochen 
wurde, so wußte man nicht, ob die eine, die andere^ 
oder etwa beide Komponenten gemeint waren. 

Beide Triebe stehen nun in einer Wechselwirkung, 
die gleichfalls jedermann geläufig und auch von Moll 
ausgeführt ist, die wir hier aber kurz skizziren müssen. 
Wenn beide Komponenten nicht eben eng zusammen- 
gehörten, so würde die Sprache schon längst gesonderte 
Wörter für beide gebildet und vielleicht sogar auf die 
zusammenfassende Bezeichnung „ Geschlechtstrieb '' ver- 
zichtet haben. Den Kontrektationstrieb empfinden wir 
subjektiv als die Neigung zur Annäherung an ein anderes 
Individuum; in objektiver Sprache ist er (oder das ihm 
zugrunde liegende, Physiologische) die Ursache der eroti- 
schen Annäherung. Die Annäherung löst dann das 
Erwachen des Detumeszenztriebes aus und dieser am 
Ende die Entleerung der Samenzellen. So hängen beide 
nach dem Schema eines Kettenreflexes zusammen, bei 
welchem sozusagen dem Kontrektation striche der erste 
und dem Detumeszenztriebe der zweite Akt zufällt; so 
daß auf Grund dieses Zusammenhanges der Kontrektations- 
trieb das zeitlich Primäre ist. Daneben existiert abe~ 
ein zweiter Zusammenhang: das Vorhandensein eine 



1 



— 400 — 

starken Detumeszenztriebes steigert den Eontrektations- 
trieb; bei reichlicher Absonderung oder Anhäufung der 
Sexualprodukte ist die Reizbarkeit auf Grund des Eon- 
trektationstriebes größer und es finden erotische An- 
näherungen statt auf Grund von Beizen, welche im andern 
Falle wirkungslos bleiben würden. Allgemein kann man 
daher sagen, daß ein starker Eontrektationstrieb die 
Empfindlichkeit f&r die den Detumeszenztrieb auslösenden 
Beize steigert und umgekehrt.^) 

Wenn man von der Selbstbeobachtung und den An- 
gaben andrer Selbstbeobachter über ihre subjektiven 
Empfindungen absieht, so ist der objektiv konstatierbare 
Tatbestand der folgende. Es findet zunächst eine An- 
näherung der Individuen statt, wobei in der Begel das 
Männchen dasjenige ist, welches sich vorzugsweise oder 
ausschliesslich aktiv in der Bichtung auf das Weibchen 
bewegt — ganz analog, wie es das männliche oder Samen- 
element ist, welchem in der ganzen Natur die aktive 
Beweglichkeit zukommt Nachdem die Annäherung er- 
folgt ist, die bei vielen Tieren noch durch eine je nach 
den Arten verschiedene mehr oder minder weit gehende 
körperliche Vereinigung ergänzt wird, werden die Ge- 
schlechtsprodukte oder — (im Falle einer Befruchtung 
im Innern des weiblichen Eörpers) — die Samenzellen 
ausgestoßen. 

Diese Vorgänge haben die größte Ähnlichkeit mit einem 
andern komplizierten und wunderbaren „Instinkte^^ der 

^) Dies ist auch der wahre Grund der Schädlichkeit der von 
unserer Sitte und Gesetzgebung, unabsichtlicher Weise, aber tat- 
sächlich, so übermäßig protegierten einsamen Selbstbefiiedigang: 
die reichlich und oft überreichlich geübte Detumessenz setzt den 
Rontrektationstrieb , sowohl dem eigenen wie dem andern Gre- 
schlechte gegenüber herab and schwächt dadarch den physiologi- 
sehen Kitt der Soziabilität. Der erste, der diesen Sachverhalt 
klar auHgesprochen hat, ist Gustav Jäger („Entdeckung der Seele" 
S. Aufl., I. Bd., S. 258). 



— 401 — 

gleichfalls der Erhaltung der Art dient: nämlich mit dem- 
jenigen des befruchteten Weibchens vieler Insekten, z. ß. 
der Hausfliege, ihre Eier an einem solchen Ort abzulegen^ 
wo die Larven die ihnen entsprechende Nahrung finden. 
Loeb hat in seiner „Einleitung in die vergleichende 
Gehimphysiologie und vergleichende Psychologie mit be- 
sonderer Berücksichtigung der wirbellosen Tiere" eine 
Analyse dieses „Instinkts" geliefert, welche für unsern 
Fall einen so hohen Aufklärungswert besitzt und zugleich 
ein so klassisches Beispiel der Betrachtungs- und For- 
schungsart der objektiven, nicht psychologisierenden Reiz- 
physiologie ist, dass ich jene paar Seiten hier in extenso 
folgen lasse. Loeb sagt auf S. 124: 

„Wir wollen uns nunmehr der Betrachtung von 
einigen komplizierteren Instinkten zuwenden. Es erschien 
mir immer als eine der wunderbarsten Einrichtungen in 
der Natur, daß bei einer Reihe von Spezies das Weib- 
chen die Eier an solchen Orten ablegt, wo die aus- 
kriechenden Larven die für sie passende Art der Nahrung 
finden. Wer die vergleichende Physiologie hierbei nicht 
berücksichtigt und statt dessen in der bisher üblichen 
Weise versucht, diese Reaktionen auf zweifelhafte Gehirn- 
zentren zurückzufuhren, wird schwerlich weit kommen. 
Vom Standpunkt der vergleichenden Physiologie aber 
werden wir zu der Einsicht geführt, daß es sich hier 
um einfache Tropismen handelt, für deren Zustande- 
kommen nur der Vorgang der Reizleitung, aber keinerlei 
sonstige mysteriöse Einrichtungen im Zentralnervensystem 
erforderlich sind. Die Hausfliege legt ihre Eier auf 
faulendes Fleisch, Käse oder ähnliches Material und diese 
Substanzen bilden das Nährmaterial für die jungen Larven. 
Ich habe oft Stücke Fleisch und Fett vom nämlichen 
Tier nebeneinander an das Fenster gelegt, aber die 
Fliege machte nie einen Irrtum, sie legte ihre Eier 
stets auf das Fleisch und nie auf das Fett. Ich 

Jahrbuch VII. 26 




— 402 — 

machte ferner den Versuch; die Larven auf Fett zu 
züchten. Wie zu erwarten war, fand auf Fett kein 
Wachstum statt und die Larven gingen bald zu- 
grunde. An den jungen Larven Hess sich die Mechanik 
des eigentümlichen Instinkts ihrer Mutter ermitteln. Die 
Larven werden durch bestimmte Substanzen, welche von 
einem Körper ausstrahlen, orientiert und diese Orien- 
tierung findet in derselben Weise statt wie die Orientierung 
heliotropischer Tiere durch das Licht stattfindet An 
die Stelle der Lichtquelle tritt in diesen Versuchen das 
Diffusionszentrum und an die Stelle der Licht- 
strahlen die Diffusionslinien, d. h. die geraden 
Linien, längs welcher die Moleküle vom Diffusionszentrum 
sich ins umgebende Medium fortbewegen. Die chemi- 
schen Effekte der diffundierenden Moleküle auf gewisse 
Elemente der Haut beeinflussen die Spannung der Mus- 
keln in ähnlicher Weise wie die photochemischen Wir- 
kungen der Lichtstrahlen im Falle heliotropischer Tiere. 
Man bezeichnet die Orientierung eines Organismus durch 
difiiindierende Moleküle als Chemotropismus ^) und wir 
sprechen von positivem Chemotropismus, wenn das Tier 
gezwungen ist, seine Symmetrieachse in die Richtung der 
der Diffusionslinien zu bringen und seinen Kopf gegen 
das Diffusionszentrum zu richten. Bei einer solchen 
Orientierung wird jedes Paar von Symmetriepunkten an 
der Oberfläche des Tieres unter gleichem Winkel von 
den Diffusionslinien getroffen. Es läßt sich leicht zeigen, 
daß die Fliegenlarven positiv chemotropisch gegen gewisse 
chemische Substanzen sind, die in faulendem Fleisch und 
Käse gebildet werden, die aber beispielsweise nicht im 
ITett enthalten sind. Die fraglichen Stoffe sind wahr- 
scheinlich flüchtige stickstoffhaltige Verbindungen. Die 
junge Fliegenlarve wird durch diese Substanzen in der- 



>) Oder Chemotaxis. B. P. 



— 403 — 

selben Weise zum Diffussionszentrum gefbhrt, wie die 
Motte in die Flamme. Die weibliche Fliege besitzt den- 
selben positiven Ghemotropismns für diese Stoffe wie die 
Larven und wird demgemäß zum Fleisch geführt So- 
bald sie auf dem Fleische sitzt, scheinen chemische Reize ^] 
reflektorisch die Eiablage auszulösen. Es könnte auch 
sein, daß zur Zeit, wo das Tier zur Eiablage bereit ist, 
der positive Ghemotropismus für die erwähnten StofiPe 
besonders stark entwickelt ist.^ Sicher ist aber, daß 
weder Erfahrung noch bewußte Wahl eine Rolle bei 
diesen Vorgängen spielen. Wenn wir nunmehr die Frage 
aufwerfen, was nötig ist, um diese Reaktion auszulösen, 
so lautet die Antwort: Erstens die Gegenwart einer 
Substanz in der Haut des Tieres, die durch die erwähn- 
ten flüchtigen StofiPe, die im faulenden Fleisch enthalten 
sind, verändert wird, und zweitens die bilaterale Sym- 
metrie des Körpers. Das Zentralnervensystem spielt da- 
bei keine andere Rolle, als daß es die protoplasmatische 
Brücke für die Reizleitung von der Haut zu den Muskeln 
bildet In Organismen, wo diese Reizleitung ohne Zentral- 
nervensystem möglich ist, bei Pflanzen z. B., finden wir 
auch dieselben Reaktionen (Instinkte). Das entspricht 
der Segmentaltheorie, aber nicht der Zentrentheorie." — 
Die Ähnlichkeit des Vorganges der Eiablage mit den 
Elrscheinungen der Begattung der höheren Tiere ist klar. 
Wie die Fliege von den Stoffen chemotaktisch angezogen 
wird, welche den Larven Nahrung bieten, so nähert sich 
das Männchen dem Weibchen; und ähnlich, wie die 
Fliege ihre Eier ausstösst, sobald die Annäherung statt- 
gefunden hat, so entleert das Männchen nach erfolgter 

') Ich würde hier eher an eine Verbindung chemischer Reize 
mit taktilen Beizen denken. B. F. 

') Ganz analog dürften die Reifangsznstände der Samenzellen 
und deren Anhftufung eine Änderung in denjenigen Reizbarkeiten 
hervorrufen, von welchen die erotiMlie Annäherung abhängt. B. F. 

26» 




— 404 — 

Annäherung — (oder bei vielen Arten nach der körper- 
lichen Vereinigung) — seinen Samen. Subjektivistisch 
ausgedrückt, könnten wir der Fliege einen ^^Eontrek- 
tationstrieb^' in bezug auf faulendes Fleisch und einen 
„Detumenszenztrieb^' betreffs der Ausstoßung der Eier 
zuschreiben. Jedermann sieht aber, daß wir hiermit zwar 
allenfalls bequeme neue termini technici gewonnen hätten, 
in das Wesen des Vorganges aber um keinen Schritt ein- 
gedrungen wären ; während die Loebsche Auflösung in 
Tropismen unserer Kenntnis wirklich neue Elemente 
hinzufügt — 

In einer logischen Abzweigung von diesem Gedanken- 
gang mag eine andersartige Erwägung Platz finden, welche 
sich auf die Beurteilung der Homosexualität bezieht 
Jener Vergleich des sexuellen Aktes mit der Eiablage 
der Fliege ist nämlich offenbar dazu angetan, die Homo- 
sexualität als eine Abnormität erscheinen zu lassen ; denn 
der Homosexuelle gliche gewissermaßen einer Fliege, 
welche ihre Eier an einen Ort ablegte, wo die Larven zu- 
grunde gehen müssen. Nun habe ich aber schon in meiner 
„Renaissance'' darauf hingewiesen, daß gerade bei sozialen 
Tieren sehr häufig eine Arbeitsteilung stattfindet zwischen 
solchen Individuen, die der Fortpflanzung und solchen, 
welche der Sozialität in anderer Weise dienen, wie das 
auch O. Jäger im IL Bande dieser Jahrbücher auf S. 122 
angedeutet hat. Hiemach wären die Homosexuellen offen- 
bar mit den letzteren Individuen zu vergleichen und da- 
mit stimmt überein die den Gegnern der Emanzipations- 
bestrebnngen so äußerst unbequeme, nichtsdestoweniger 
aber offenkundige Tatsache, daß gerade unter den Männern 
(übrigens auch Frauen) in sozial leitender Stellung der 
Prozentsatz der Homosexuellen besonders groß ist ^) Bei 

*) Man kaDD wohl als sicher hinBtellen, daß ein § 175 a, 
wenn es technisch möglich wäre, alle durch ihn kre- 
ierten ,,Straftateu*^ der sogenannten Gerechtigkeit su 



— 405 — 

andern sozialen Tieren, wie bei den Bienen^ ist in den 
rein sozialen Individuen, den „Arbeitern'', die eigentliche 
Sexnalfunktion unterdrückt; beim Menschen hingegen nur 
abgelenkt und modifiziert; auch ist die Trennung keine 
so scharfe und anatomisch festgelegte. Übrigens war 
diese Wahrheit schon Piaton bekannt, der ja ausdrück- 
lich in seinem ,,Gastmahl'' den Homosexuellen eine be* 
sondere politische Begabung zuschreibt. Dies beiläufig, 
auf daß nicht aus dem Vergleiche der Reizbarkeiten bei 
der Eiablage mit denen bei der Erotik ein falscher 
Schluß gezogen werde. — 

Von besonderer Wichtigkeit für die Analyse der Sexuali- 
tät der höheren Tiere und des Menschen sind endlich die 
Forschungen Gustav Jägers. Er führt sowohl den 
eigentlich sexuellen Kontrektrationstrieb als auch das 
SympathiegefÜhl — sowie dessen Gegenteil — überhaupt 
auf Duftwahmehmungen zurück, wodurch er sich offenbar 
mit der chemotaktischen Theorie der sexuellen Be- 
wegungen berührt Denn der Geruchssinn (neben dem 
mit ihm eng verwandten Geschmackssinn] ist der che- 
mische Sinn; und eine Anziehung oder Abstoßung, 
welche, nach unsrer subjektiven Empfindung, von Ge- 
ruchswahrnehmungen ausgeht, ist in der Sprache der 
objektiven Reizphysiologie positive oder negative Chemo- 
taxis. Ein besonderes, noch jetzt von nur wenigen 
begriffenes Verdienst von Jäger ist hierbei der Nach- 
weis, daß die Duftwahmehmungen von Erheblichkeit sind 
nicht nur für jenen „Kontrektationstrieb", der mit der 
Fortpflanzung zu tun hat, sondern für die Sympathie- 
und Antipathieverhältnisse überhaupt Deswegen ist 

überliefern, in die Fraaenrechtlerei gar große Lücken reißen 
müßte. Ebenso würde es ein nationales Unglück sein, wenn auch 
nar ein nennenswerter Teil der homosexuellen Männer „bestraft^* 
und dadurch ihrer vielfachen leitenden und führ''- * 
beraubt würde. 



1 



— 406 — 

auch Jäger als der erste anzusehen^ der für die Sozia- 
bilität des Menschen eine wirklich wissenschaftliche, 
d. h. erkenntnisvermehrende physiologische Erklärung an 
Stelle der sonst kurshabenden psychologisierenden Schein- 
erklärungen angebahnt hat Besonders in negativer Rich- 
tung ist übrigens der chemotaktische Sachverhalt sowohl 
f&r einige andere soziale Tiere als auch für unsre eigene 
Art ganz augenscheinlich. Die Abneigung der Ameisen 
gegen Eindringlinge aus fremden Nestern sowie auch der 
menschliche Rassenhaß beruht^ unbeschadet aller andern, 
mitvdrkenden Ursachen, auf chemotaktischer Basis: die 
menschlichen Rassen riechen einander im allgemeinen 
unangenehm. In der Tat gewinnt hierdurch ein großes 
Gebiet der Biologie, nämlich die BeBtinunung der tieri- 
Bohen Beweg^gen durch andere Individuen sei es des- 
selben, des andern, oder^ wie bei manchen sozialen In- 
sekten, eines dritten Geschlechts, oder gar einer andern 
Art, ein einheitliches Aussehen: Sexualität, Sozia- 
bilität und Symphilie^) beruhen in der gesamten 
Natur wenigstens zum Teil und vielfach vor- 
wiegend oder ausschließlich, auf Chemotaxis^ und 
haben somit eine gemeinsame Wurzel. Inwiefern 
nun dies auch auf die in diesen Jahrbüchern vorzugs- 
weise behandelte Frage der sogenannten Homosexualität 
Licht wirft^ habe ich in meinem Buche über die Renais- 
sance des Eros Uranios — vgl. die Bibliographie in 
diesem Jahrbuche — ausführlich darzulegen versucht 

Dort habe ich aber auch schon die Vermutung aus- 
gesprochen, daß möglicherweise Jäger das Sympathie- 
gefühl, oder, in objektiver Ausdrucksweise^ die biologische 
Anziehung zwischen den Geschlechtern und zwischen den 
Individuen der sozialen Arten allzu ausschließlich auf 



^) Hierunter versteht man das sogen. Gastverhältnis, z. B. 
gewisser Käferarten , zu bestimmten Ameisen. 



— 407 — 

Chemotaxis gründen wollte. Schon damals schwebte mir 
daher der Plan vor, eine Analyse der Sexualität nach 
den verschiedenen Sinnesqualitäten vorzunehmen. Ob- 
jektive Versuche sind hier beim Menschen, aus vielen, 
z. T. naheliegenden Gründen wenigstens in größerem Um- 
fange nicht möglich. Wir können nicht bei einer größeren 
Zahl von Menschen experimentell versuchen, auf welche 
Reize ihre Sexualität reagiert Wohl aber schien der 
Weg einer Rundfrage gangbar, durch welche im günstigen 
Falle ein Material zu gewinnen war, das alle Vorteile 
und — alle Nachteile eines subjektiven, aus Selbst- 
beobachtung gewonnenen Materials an sich tragen würde. 

Zwar liegt es auf der Hand, daß Selbstbeobachtung 
in diesen subtilen Dingen schwer — und vielleicht in 
manchen Beziehungen undurchführbar ist: denn es ist 
denkbar, daß sich manches unterhalb der Bewußtseins- 
grenze abspielt Außer diesen wirklichen Schwierigkeiten 
war noch die begreifliche Zurückhaltung des einzelnen 
in diesen allerpersönlichsten Dingen in Ansatz zu bringen. 

Wir haben uns aus verschiedenen Gründen einst- 
weilen auf den Anhänger- und Freundeskreis des wissen- 
schaftlich-humanitären Komitees beschränkt. 

Herr Dr. Hirschfeld hatte die Güte, als Beilage des 
Monatsberichts vom 1. März 1905 folgenden Fragebogen 
an 787 Adressen zu versenden: 

„Für wissenschaftliche Zwecke bitten wir um mög- 
lichst eingehende Beantwortung der nachfolgenden Fragen. 
Hierbei ist es erwünscht, aber nicht notwendig, daß 
Sie auch angeben, ob Sie normal, homosexuell oder bi- 
sexuell sind. Die Antworten können auch anonym 
erfolgen. Die Fragen sind folgende: 

Auf welchen Eindrücken beruht die Anziehung, 
welche gewisse Personen des Sie anziehenden Geschlechts 
ausüben ? 




— 408 — 

a) Auf Wahrnehmungen des Gesichtssinns, also 
auf der Schönheit 1. des AnÜitzes oder 2. des 
Körpers? 

b) Auf Wahrnehmungen des Gehörs, d. h. übt die 
Stimme der Sie reizenden Personen eine be- 
sondere Anziehung aus? 

c) Auf Wahrnehmungen des Gefühls? Übt bei- 
spielsweise die hart und straff sich anfühlende 
Muskulatur des Jünglings bzw. die weiche und 
schwellende Haut des Weibes auf Sie eine be- 
sondere Anziehung aus? 

d) Auf Wahrnehmungen des Geruches? Werden 
Sie durch den Ausdünstungsgeruch gewisser Per- 
sonen erregt? Spielt dabei die Ausdünstung 
bestimmter Eörperstellen (und welcher?) eine 
besondere Rolle? 

e) Oder halten Sie die Anziehung für eine rein oder 
vorwiegend seelische, auf Eigenschaften des 
Charakters, Willens, Intellekts usw. beruhende? 

W^elches sind femer, nach denselben Rubriken 
a) — e) die Eindrücke, welche bei dem Sie nicht an- 
ziehenden Geschlechte auf Sie abstoßend wirken? 

Wir bitten Sie, diese Fragen streng wahrheitsgemäß 
möglichst genau und eingehend zu beantworten, da hier« 
durch die Materialien für die noch fehlende und außer- 
ordentlich wichtige Analyse des Kontrektationstriebes 
gewonnen werden sollen. 

Mit vorzüglicher Hochachtung 
WisBenBchaftlioh-liumanitärefl Komitee.^^ 

Hierauf gingen bis zum 7. März 1905 44 Antworten 
ein. Die Zahl wuchs bis Anfang April langsam auf 104 
an. Zur Zeit des Abschlusses dieser Arbeit waren im 
ganzen 113 Antworten eingegangen. Berücksichtigt in 
den Auszählungen wurden nur die ersten 104, da eine 



— 409 — 

Neuabzählang in Anbetracht der Geringfügigkeit des neu 
hinzugekommenen Materials nicht gelohnt hätte. 

Zur statistischen Würdigung ist also vor allem die 
unzureichende Zahl der Angefragten und der erstaunlich 
geringe Prozentsatz der Antworten hervorzuheben. 

Schon dieser Umstand, abgesehen von allem andern, 
stempelt das ganze unternehmen zu einem allerersten, 
vorläufigen Versuche. 

Dazu kommt femer, daß sich von den 104 berück- 
sichtigten Antworten 84 durch ausdrückliche Elrklärung 
oder durch unzweideutige Angaben als von Homosexuellen 
herrührend erwiesen. 4 waren fraglich, 10 bisexuell und 
6 heterosexuell. Nun ist es sehr wohl möglich, daß 
die Reizbarkeiten, welche die erotische Anziehung beim 
Heterosexuellen und beim Homosexuellen zusammensetzen, 
nicht in allen Beziehungen übereinstimmen; eine durch- 
schnittliche, typische Verschiedenheit würde sogar von 
allergrößtem Interesse sein und möglicherweise über das 
Wesen der Hetero- und Homosexualität unerwartete Auf- 
schlüsse geben. Eine Wiederholung einer ähnlichen Rund- 
frage in größerem Maßstabe sowohl bei Homosexuellen 
wie insbesondere bei Heterosexuellen ist somit ein wissen- 
schaftliches Desiderat Denn es liegt auf der Hand, daß 
sich mit den Angaben der 6 Heterosexuellen unseres 
Materials so gut wie nichts anfangen läßt. Immerhin 
sind die Ergebnisse, die sich aus den 94 Antworten ganz 
(84) oder teilweise Homosexueller (10) gewinnen lassen, 
von großem Interesse. Wir betreten mit diesem Versuch 
einer systematischen Analyse der Erotik ein so gut 
wie jungfräuliches Gebiet, auf das bisher fast nur ver- 
einzelte Anekdoten einiger Mediziner sowie die auf den 
Aussagen von Gewährsmännern beruhenden Angaben 
Gustav Jägers einiges Licht geworfen hatten. 

Die erste wichtige Tatsache, die sich nur allzubald 
aufdrängte, war dio^lMUMg^ubliche Mannigfaltigkeit 




— 410 — 

und Verschiedenheit der Angaben. Diese war so groß, 
daß ein statistisches Zusammenzählen des Gleichartigen 
nur in beschränktem Maße möglich war. 

Die beste Übersicht auf dem hier zur Verfügung 
stehenden Räume läßt sich noch durch eine gesonderte 
Behandlung der verschiedenen Sinnesqualitäten und ihrer 
Erheblichkeit für die erotischen Tropismen gewinnen. 
Vorher aber seien ^ als Einleitung, zwei höchst charakte- 
ristische Antworten zitiert^) 

Nr. 43 schreibt anstatt jeder weiteren Antwort: ^,Bei 
einer wirklichen Liebe analysiert man seine Empfindungen 
nicht« — 

Und Nr. 7, ein auf Anraten seines Arztes (!) ver- 
heirateter rein Homosexueller meint: „. ... die tief inner- 
lichen Gefühle lassen sich ja schwer in Worte kleiden'^ und 
Nr. 99: ,, Jedwede Anziehung ist für mich auf voneinander 
nahezu untrennbare und deshalb schwer zu analysierende 
psychische gleichwie physische Eindrücke gegründet.^' 

Wahrscheinlich liefern diese beiden Antworten den 
Schlüssel zum Verständnis der Tatsache, daß bei dieser 
Rundfrage nur 113 von 787 Angefragten geantwortet 
haben. ^ 

In Parenthese sei noch bemerkt, daß sich die geringe 
Zahl der Bisexuellen im Vergleich zu den rein Homo- 
sexuellen in diesem Materiale sehr leicht erklärt. Bei 
unserer statistischen Rundfrage bei den Studenten der 
Charlottenburger polytechnischen Hochschule hatten sich 

') Zur leichteren Auffindbarkeit und Kontrollierbarkeit des 
Materials wird die laufende Nummer angegeben, die, wohlbemerkt, 
nachträglich auf den Antworten in zufälliger Reihenfolge 
behufs Ordnung angebracht wurde, so dafi die völlige Diskretion 
gewahrt bleibt 

*) Bei unserer statistischen Euqu^te über die Verbreitung 
der Homosexualität erhielten wir in dem einen Falle 58,8 *' o i im 
anderen 41,6 ^/o Antworten. 



— 411 — 

ja l,57o rein Homosexuelle und 4,5 ^^ Bisexuelle, also 
dreimal mehr Bisexuelle als Homosexuelle, ergeben; 
der äußerst geringe Prozentsatz der Bisexuellen in dem 
hier vorliegenden Material der Komiteefreunde ist also 
eine Bestätigung des von mir in meiner „Renaissance 
des Elros Uranios^ ausgesprochenen und leicht verständ- 
lichen ümstandes, daß sich die Bisexuellen viel seltener 
an Arzte oder an das Komitee wenden, als die rein 
Homosexuellen. — 

Im folgenden werden zunächst nur die 84 Antworten 
Homosexueller in der Reihenfolge der Rubriken des 
Fragezettels berücksichtigt 

Die QeBlohtswahmehmimgen waren unbeschadet aller 
Abweichungen im einzelnen bei allen Beantwortern von 
Erheblichkeit Das ist leicht begreiflich, weil ja der 
Gesichtssinn beim Menschen — im Gegensatz zu vielen 
anderen Tieren und sogar Säugetieren — der durch- 
schnittlich am weitesten tragende und daher sozusagen 
führende Sinn ist Fast alle sahen auf „Schönheit'', 
und wiederum die meisten sowohl auf Schönheit des 
Antlitzes als auch des Körpers. Bei ersterem wurden 
von vielen die Augen oder der Blick, als „Spiegel der 
Seele'S wie es gelegentlich heißt, besonders hervorgehoben. 
Im übrigen geben aber manche an, daß die Schönheit 
des Körpers für sie das wichtigere sei, andere, daß die 
Schönheit des Antlitzes den Hauptreiz ausübe; wobei 
natürlich zu veranschlagen ist, daß wir bei unseren 
europäischen Kulturgewohnheiten Körper weit seltener 
zu sehen bekommen, als Gesichter. Wenn dem nicht 
so wäre, so würde wahrscheinlich die Wichtigkeit der 
Schönheit des übrigen Körpers verhältnismäßig steigen. 
Nebenbei seien noch einige Geschmacksabweichungen und 
Kuriositäten erwähnt Nr. 9 gibt an, daß dasjenige, was 
sexuell erregend wirkt, nicht die Schönheit, sondern „Bart- 



— 412 — 

wuchs und starke Eörperbehaarung, weicher Muskelbau 
und maßvolle Beleibtheit, auch am Bauch<< sei^ was doch, 
den ,yRegeln der Ästhetik nicht entspricht". Diese Nr. 9 
gehört, wie die Vorliebe für Bartwuchs beweist, offenbar 
zu denjenigen Homosexuellen, welche das reifere Mannes- 
alter lieben; eine Kategorie von Homosexuellen, welche in 
dem mir vorliegenden Material zwar in einigen Exemplaren 
vertreten ist, aber doch die entschiedene Minorität bildet, 
indem bei weitem die meisten durch das Jünglingsalter 
von etwa 16 bis zu 22 oder 24 Jahren gereizt werden. 
Insofern die Majorität die Normalität bestimmt, müßte 
also die Liebe zu Jünglingen als der Normalfall der 
Homosexualität bezeichnet werden. 

Bei einigen spielt die Kleidung eine wichtige und 
bei einem sogar die vorherrschende Rolle. Nr. 74 schreibt 
auf die Frage, ob Schönheit des Körpers oder des Ant- 
litzes stärker wirke: „Nein, Kleidung übt besondere An- 
ziehung aus — Soldaten, Matrosen usw." Wieder ein 
anderer gibt an, daß eine regelmäßige, objektive Schön- 
heit nicht so sehr von Erheblichkeit sei, wie ein gewisses, 
undefinierbares anziehendes Äußere. 

Bei der Unbestimmtheit und unscharfen Fassung 
sehr vieler Angaben ist eine genaue Auszählung nicht 
möglich, die ja auch bei der Geringfügigkeit des vor- 
liegenden Materials ohnehin von wenig Wert sein würde. 
Folgende ungefähre Zahlen sind jedoch wohl von 
einigem Interesse: Antlitz und Körper nahezu gleich- 
mäßig kamen in Betracht bei 35; ein entschiedenes 
Vorwiegen des vom Antlitz ausgehenden Eindrucks 
gaben 28, einen überwiegenden Anreiz durch die Schönheit 
des übrigen Körpers 19, eine vorwiegende oder fast aus- 
schließliche Wirksamkeit der Kleidung 3 Personen an.'] 

^j Eine BemerkuDg über die Kleidang als mitwirkend kommt 
häufiger vor, wie z. B. die im Text zitierte Nr. 2 angibt, oder 
etwa Nr. 7, welcher schreibt: ,,Jünglinge und junge Mftnner haben 



— 413 — 

Eine Diskussion dieser Ergebnisse bleibt f&r den Schluß 
vorbehalten. 

Die Mannigfaltigkeit der einzelnen Angaben inner- 
halb der Fragerubriken ist so groß, daß ein Eingehen 
auf alle Details untunlich ist Um jedoch eine Vor- 
Stellung hiervon zu geben, seien ein paar Beispiele 
herausgegriffen. Nr. 1 liebt Jünglinge von 17 — 23 Jahren 
und zwar eine ,,stramme> doch dabei schlanke und kräf- 
tige Figur.'' — Nr. 2: ,^Die mir gefallenden Männer müssen 
groß; robust und möglichst ordinär sein.'' — Nr. 3: ,^Die 
hauptsächliche Anziehung übt die Beschaffenheit des 
Körpers aus; das Antlitz kommt erst in zweiter Linie in 
Betracht Es reizen dabei mehr bekleidete Körper, 
z. B. Reithosen und -Stiefel, uniformierte Personen, ein 
sogenannter Lastträgergang, überhaupt alle Anzeichen, 
welche die Beschäftigung mit körperlicher Arbeit oder 
Sport erraten lassen. Gänzlich nackte Körper, wie z. B. 
beim Winterbade in der Kaserne, üben einen direkten 
Reiz nicht aus." 

Manche geben ziemlich detaillierte Schilderungen der 
Eigenschafken, welche der ideale Liebling haben muß. 
Nr. 8 antwortet auf Frage a): „Vor allen Dingen auf 
Schönheit des Gesichts von Jünglingen von 16 — 20 Jahren, 
mit regelmäßigen Gesichtszügen, mehr runder als ovaler 
Kopfbildung, blonden Haaren, weißem Teint, aber doch 
frischer, gesunder Gesichtsfarbe, blau glänzende, jedoch 
mild und ruhig blickende Augen, starke Wimpern und 
Augenbrauen; leicht aufgebogene Nase, Ohren klein, 
Mund nicht zu groß mit frischen, roten, etwas aufgewor- 
fenen Lippen, nicht zu volles Kinn. Zweitens die Körper- 
auf mich stets eine große Aoziehungskraft ausgeübt, teils durcb 
ein sympathisches Gesicht, teils durch eine schlanke und sehnige 
Gestalt, zumal wenn der betreffende junge Mann in einer Kleidung 
einhergeht, welche die schönen Körperfonnen hervorhebt und nicht 
verdeckt, also in eng anliegenden Hosen und in hohen Stiefeln.** 



— 414 — 

bildung^ im allgemeinen schlanke Gestalten, nicht zu 
breite Schaltern, enge Hüften, Gesäß nicht zu tief, voll 
und vorstehend, Oberschenkel rund und voll, Waden 
mittelstark mit zartem Ansatz vom Knöchel an, runde 
Knie und kleine Füße. Geschlechtlich erregt werde ich 
durch der Augen träumerisches Blicken, durch das stramm 
und straff in die Hosen gepreßte Gesäß, und genitalibus 
si per vestitum latu sinistro videri possunt." ^) — Nr. 22 
schreibt: „Die Eindrücke, auf welchen die Anziehung 
beruht, die Personen des männlichen Geschlechts auf 
mich ausüben, sind bei mir körperlicher und seelischer 
Natur usw. . . . a) auf der Schönheit, den regelmäßigen 
Zügen des Antlitzes, sofern dasselbe nicht durch einen 
starken Bartwuchs entstellt ist; das hat wohl seine Be- 
rechtigung in den Gesetzen der Schönheit, man denke 

^) Ich bitte den Leser wegen dieses nnd einiger anderer, 
nach onsem Begrififen obscöner und nach aller Begriffe wider- 
licher Zitate um Entschuldigung. Ich habe sie auf Wunsch des 
Herausgebers und einem alten Gebrauche folgend, ins Lateinische 
übersetzt, obgleich dies nach meiner persönlichen Meinung zweck- 
widrig ist, weil die scheinbar angestrebte Verminderung der All- 
gemeinverständlichkeit praktisch nicht erreicht und weil obendrein 
durch die sprachliche Differenz das Augenmerk auf das Obscöne 
geradezu hingelenkt wird. Ich hätte diese zum Teil das Gefühl 
der allermeisten unangenehm berührenden Stellen fortgelassen, 
wenn sie nicht unbedingt wissenschaftlich zur Sache gehörten — 
in höherem Grade, als gar manche latinisierten Obscönitäten in 
allerhand Büchern. In nnserm Falle beruht das wissenBcbaftliche 
Interesse auf folgendem Umstände. Der weniger Orientierte ist näm- 
lich geneigt, bei den Homosexuellen eine besondere Vorliebe für 
die männlichen Genitalien vorauszusetzen. £s ist das aber in dieser 
Allgemeinheit falsch. Zwei Homosexuelle haben mir persönlich 
mitgeteilt, daß für sie gerade die Genitalien gar nichts anziehen- 
des, und einer von ihnen sogar, daB sie für ihn etwas geradezu 
abstoßendes haben. Nur aus diesem Grunde erschien ^e zitat- 
weise Anführung eines Beispiels vom Gegenteile als wiBsenschaft- 
lieh interessant, da sie die große Mannigfaltigkeit des Geschmacks 
auch in dieser speziellen Hinsicht dartut. 



— 415 — 

sich einen Apoll mit Vollbart, er wäre einfach eine 
Karrikatnr. Zweitens auf Schönheit des Körpers, eben- 
mäßigen Wuchs/^ — Nr. 21 schreibt: „Der primäre Reiz 
geht ausschließlich aus von der Schönheit des Gesichts, 
d. h. der bestimmten Art Schönheit, die speziell für mich 
den Eontrektationstrieb auslöst Der Anblick eines meinem 
Ideal entsprechenden Gesichts (das übrigens recht selten 
ist) wirkt auf mich wie ein elektrischer Schlag und raubt 
mir fast den Atem. Nun tritt der sekundäre Eeiz in 
Tätigkeit und es beginnt der Anblick der Oberschenkel 
ein gleiches Interesse zu fordern. Wohlgemerkt ist das 
aber immer in zweiter Linie, das Interesse muß immer 
erst durch ein in meinem Sinne schönes Gesicht geweckt 
werden." — Nr. 26: „Zunächst zieht mich die Schönheit 
eines Gesichts an und erst dann schaue ich nach dem 
Ebenmaße des übrigen Körpers, bei welchem dann Beine 
und vor allem Füsse eine große EoUe spielen. Im Ge- 
sicht wiederum sind es hauptsächlich die Augen, die ich 
als ,Spiegel der Seele' ansehe und deshalb besonders 
schätze, worauf in zweiter Linie die Schönheit des Mun- 
des eine große Anziehungskraft auf mich auszuüben ver- 
mag." — Nr. 89 schreibt: „Ich fühle mich vorwiegend 
zu Jünglingen mit hellen, hohen Stimmen und sanftem 
Aussehen hingezogen. Schönheit des Antlitzes ist mir 
wichtiger als die des Körpers, doch ist beides nicht maß- 
gebend." — Dagegen meint Nr. 64: „Die Schönheit des 
Körpers, große, schlanke, jedoch kräftig gebaute Statur 
mit schön gewachsenen Beinen. Die Schönheit des Ant- 
litzes fällt weniger ins Gewicht usw.'^ — Endlich Nr. 87: 

■ 

„Von Gesicht schöne Männer — ich beurteile alles nach 
meinem homosexuellen Standpunkt — ziehen mich nie- 
mals an, im Gegenteil wirken sogen, schöne Männer 
direkt abstoßend auf mich, denn Antlitzschönheit bei 
Männern hat meistens etwas unendlich Leeres. Wohl 
aber zieht mich die Schönheit eines männlichen Körpers 



— 416 — 

ungemein an, aber dies doch auch weniger in Kleidern 
als nackt Namentlich gefällt mir ein feines Ebenmaß 
der Oberschenkel, der Beine und Füße/' — 

Die Gtehörswahmehmnngen treten hinter denen des 
Gesichts im Durchschnitt entschieden zurück Immerhin 
wurden die Gehörswahmehmungen als erheblich angeführt 
von 41; als minder wichtig, jedoch nicht ganz zu ver- 
nachlässigen bei weiteren 14, im ganzen also bei 55. 
Jedoch ist die Gehörswahmehmung bei einigen von her- 
vorragender Wichtigkeit. So antwortet Nr. 56 auf die 
Frage b) einfach mit „Sehr!" — Nr. 91 gibt an, daß 
Gehörswahmehmungen von Erheblichkeit waren „in drei 
Fällen, darunter gerade die zwei ersten Jugendlieben im 
Alter von 5 und 11 Jahren. Der dritte Fall als Referen- 
dar zu Student. In allen andern Fällen aber nur der 
Gesichtssinn, YgL kroatisches Volkslied in Dr. Harme- 
nings Übersetzung: ,Hab Dich lieb, doch nicht weil 
Deine — Schönheit einem Engel paßt, — Sondern weil 
Du als Kroatin — Solche schöne Sprache hast*." — 
Nr. 93 sagt: ,,Kommen obiges Moment (schönes Antlitz 
und besonders schöne Augen) und eine wohllautende 
Stimme in demselben Menschen zur Elrscheinung, so übt 
derselbe eine ganz besondere Anziehung aus." — Nr. 97 
antwortet auf Frage b): „Ja, je tiefer die Stimme ist, 
desto sympathischer." — Doch sind dies eben die Aus- 
nahmen, die meisten lassen durchblicken, oder geben 
direkt an, daß die Gehörswahrnehmungen für ihre Ebrotik 
von geringerer Bedeutung sind und eine ansehnliche 
Zahl antwortet auf Frage b) durch Auslassung oder 
durch ein einfaches Nein. 

Dennoch sind für die ganze Theorie unserer Analyse 
gerade einige Angaben über die sonst so unerheblichen 
Gehörswahrnehmungen von besonderem Interesse. Es 
geben nämlich im ganzen vier Personen an, daß der 



— 417 — 

Klang der mutierenden, d. h. im Stimmwechsel begriffe- 
nen Stimme auf sie eine ganz besondere Anziehung aus- 
übe. Nr. 54 sagt hierüber: „0 ja, diese kaum gebrochene 
Jungenstimme reizt sehr"; und Nr. 69: „Das Organ 
mutierender Jünglinge, zufällig auf der Straße gehört, 
kann mich in einen hochgradigen Erregungszustand ver- 
setzen. Doch haben das auch verschiedentlich fertig 
entwickelte Organe, nur durch den ihnen innewohnenden 
Klangreiz vermocht." Von demselben wird dann noch ein 
Erlebnis angeführt, daß der zufällig vernommene Klang 
von acht Worten, und besonders eines einzigen von diesen, 
eine ganz besondere Wirkung ausgeübt habe. — Endlich 
sei die Angabe von Nr. 96 zitiert: Die Stimme „muß 
leichten, femininen Beiklang haben. Besonders reizvoll 
ist mir die Stimme zur Zeit des Stimmbruchs. Ganz 
tiefe Stimmen abstoßend." Wohlbemerkt ist diese Vor- 
liebe für die mutierende Stimme, ebenso die für das ent- 
sprechende Alter, eine Ausnahme; wohl aber sind diese 
Angaben von sehr hohem Werte für die Beurteilung der 
sozusagen erotischen Wertigkeit der einzelnen Sinnes- 
qualitäten überhaupt. Gerade diese Ausnahme ist (wie 
ja auch sonst mitunter ausnahmsweise Erscheinungen) 
geeignet, auf die Regel ein erhellendes Schlaglicht zu 
werfen, wie später dargetan werden soll. 



Man könnte leicht denken, daß die Angaben über 
die QefühlBwahmehmimgen von besonderem Interesse in 
physiologischer Beziehung sein müßten. Denn jene bilden 
gleichsam die Brücke vom „Kontrektations-" zum „Detu- 
meszenztriebe"; oder in der Ausdrucksweise der objektiver, 
nicht psychologisierenden Reizphysiologie, es liegt die 
Annahme nahe, daß die mechanischen Reizbarkeiten nach 
Art der Thigmotaxis oder des Stereotropismus dasjenige 
Glied in der Reflexkette bilden möchten, welches von der 
erotischen Annäherung zur Entleerung des Samens 

Jahrbuch VII. 27 



— 418 — 

hinüberleitet Welche Rolle die Berührungsreize in 
bezug auf letztere spielen, ist bekannt Es sei hier 
beispielsweise an den bekannten Umarmungs- oder Um- 
klammerungsreäex der männlichen Frösche in der Brunst- 
zeit erinnert. 

Es ist daher überraschend^ daß von den 84 Homo- 
sexuellen nur 56 die Tastwahmehmungen als erheblich 
für ihr erotisches Leben bezeichnen, wozu noch 4 kom- 
men^ welche eine^ wenn auch sehr geringe Wichtigkeit 
der Tastwahmehmungen zugestehen. Die andern deuten 
durch Freilassung dieser Rubrik oder ausdrücklich an, 
daß Gefühlswahmehmungen bei ihnen nicht in Betracht 
kommen. Details werden nur vereinzelt angegeben. 
Einige Zitate werden auch hier das anschaulichste Bild 
von der obwaltenden Mannigfaltigkeit geben. So sagt 
Nr. 1: „ . . . Hierbei will ich nur wie ein Weib geliebt 
werden, und erregt es meine Lust in hohem Grade, wenn 
der Schenkeldruck und die Umarmung meines . . . recht 
stark sind. Membrum virile magnum et tactu durum 
valde mihi placef — Nr. 33 gibt an, daß ihn eine sich 
hart und straff anfühlende Muskulatur ,^hinreißend glück- 
lich'^ mache. — Nr. 67 scheint ein stark entwickeltes 
plastisch-ästhetisches Gefühl zu haben; denn nachdem 
er sich über die Gesichtswahrnehmungen ausgelassen hat, 
sagt er unter der Rubrik der Gefühlswahmehmungen: 
„Die schlanke und geschmeidige Gestalt eines Jünglings 
oder Knaben finde ich unzweifelhaft schöner als eine 
weibliche . . .** — Nr. 87: Die höchste Anziehung gewährt 
mir das Befühlen einer stählern harten Muskulatur eines 
Jünglings, und zwar nur eines solchen. Die Erregung 
kann sich dabei bei mir bis zum physischen Schmerze 
steigern, wenn ich kein Entgegenkommen finde.'^ — 
Nr. 98: „Das Gefühl scheint unter der Kontrolle des 
Gesichts und Gehörs zu stehen^ indem es mir angenehm 
ist^ die mir dadurch sympathischen Leute zu berühren, 



— 419 — 

besonders am Munde." — Hingegen flült Nr. 17 die 
Rubrik c) aus: „Nein. Wenigstens ist mir diese Art 
der Anziehungskraft bis jetzt nicht oder doch nur in 
sehr schwachem Maße zum Bewußtsein gekommen." — 
Ähnlich meint Nr. 29: „Das Gefühl spielt bei mir in 
bezug auf die Liebe nur eine untergeordnete Rolle." — 
Nr. 78 sagt: „h, c, d kommt bei mir gar nicht in Be- 
tracht ..." — Endlich Nr. 97 : „sehr nebensächlich, doch 
weiche Haut zum streicheln angenehm." 

Die Bedeutung der Geruchswahmehmungen für die 
menschliche Erotik erscheint aus mehreren Gründen be- 
sonders interessant. Vom yergleichend physiologischen 
Standpunkte deswegen, weil, wie schon eingangs erwähnt, 
die erotischen, sowie auch die mit der Soziabilität der 
sozialen Arten zusammenhängenden Bewegungen^] der 
Tiere und Pflanzen sich in vielen Fällen als chemo- 
taktische Reizbewegungen herausgestellt haben; d. h. sie 
werden durch chemische Stoffe ausgelöst Ferner liegen 
hier die bekannten Arbeiten Gustav Jägers vor, die in 
Bezug auf den Menschen wohl hier zum ersten Male an 
einem systematisch herbeigeschafften Materiale von einigem 
Umfange kontrolliert werden. Vor allem aber sind die 
Antworten auf diese Rubrik unseres Frageschemas, des- 
wegen besonders interessant, weil, wie später erläutert 
wird, gerade hier und nur hier die Möglichkeit vorliegt, 
den erotisch wirksamen Reiz und seine Wirkung ohne 
weiteres und ohne Einschränkung als einen „Tropismus" 
im Sinne der vergleichenden Reizphysiologie zu klassi- 
fizieren. Deswegen wurde hier trotz des geringen Materials 
eine besonders genaue Auszählung und Einteilung in 



^) Das klassische Beispiel hierfür ist die chemotaktische 
Wirkung der Bienenkönigin auf die Arbeiter — eine Anziehung, 
die sich besonders bnim Schwärmen, in anderer Form aber auch 
sonst geltend macht. 

27' 




— 420 — 

Unterklassen angestrebt. Von den 84 zur Zeit der Ver- 
arbeitung vorliegenden Antworten Homosexueller gaben 
54 an^ daß Geruchswahrnehmungen für ihre Erotik über- 
haupt von irgend welcher Erheblichkeit (darunter einer, 
für den die Geruchswahmehmung nur eine ganz uuter- 
geordnete Rolle spielt). Die Zahl derer, welche durch die 
vom männlichen Geschlechte ausgehenden oder mit ihm 
zusammenhängenden Gerüche positiv angezogen werden , 
betrug 33 (darunter zwei, bei denen das nur in geringem 
Grade der Fall war). Ungefähr ebenso groß ist die An- 
zahl derer, welche durch die vom Weibe ausgehenden 
Gerüche abgestoßen werden, nämlich 32; wobei zu be- 
merken ist, daß diese und die vorige Kategorie großen- 
teils, aber nicht vollständig zusammenfallen, indem einige 
vom Weibe chemotaktisch abgestoßen werden, ohne jedoch 
deswegen vom Manne positiv angezogen zu werden, und 
umgekehrt Von den 33, welche durch Düfte, die vom 
Manne ausgehen, angezogen werden, haben manche ihre 
Empfindungen weiter spezifiziert Den Duft des Haupt- 
haars liebten 6, des Mundes oder Atems 2, der Achsel- 
höhle 6, der Genitalien 2, der Beine 1, diverse (vorwiegend 
nicht vom menschlichen Körper ausgehende) Gerüche 7; 
davon gaben 2 den Geruch nach Leder an, 1 den Geruch 
von „Soldaten und Kavalleristen", 1 Tabak und Bier, 
2 Zigaretten und Parfüm, 1 „Erd- und Stallgeruch", — 
eine bunte Musterkarte verschiedener Geschmacksrich- 
tungen. Hierbei fallen übrigens manche in der Weise 
zusammen, daß z. B. einige den Geruch der Haupthaare 
und der Achselhöhlen als anziehend anfahrten usw. 

Betreffs der chemotaktischen Abstoßung durch die 
Ausdünstung des weiblichen Körpers gaben 2 den Geruch 
der Genitalien, 4 den der Achselhöhlen und 1 den der 
Brüste als besonders abstoßend an. Die Gesamtzahl 
von 32 ist aber jedenfalls etwas zu erhöhen, da nicht 
wenige alles mit dem Weibe Zusammenhängende oder 



— 421 — 

,,das ganze Wesen des Weibes" als abstoßend anfiibrten, 
wobei mitunter wohl die Geruchsempfindung, auch wenn 
nicht besonders namhaft gemacht, mit beigetragen 
haben mag. 

Die größte Schwierigkeit für die Beurteilung dieses 
Kapitels liegt nun in einer Erwägung und in zwei Tat- 
sachen. Jäger führt den Satz an: bene ölet, quod non 
ölet: unangenehm empfundene Gerüche überschreiten 
leichter die Bewußtseinsschwelle als angenehme; so daß 
eine positive Chemotaxis auch in solchen Fällen vorliegen 
könnte, wo sie nicht zum Bewußtsein gekommen ist. ^) 
Die beiden Tatsachen aber sind folgende: Nicht weniger 
als 10 Personen geben an, daß ihnen jeder wahrnehm > 
bare Ausdünstungsgeruch — (auch beim geliebten 
Geschlechte!) — unangenehm und widerwärtig, kurz 
abstoßend ist, und daß fUr sie daher die Geruchswahr- 
nehmung überhaupt ausschließlich negativ in Betracht 
kommt; und nicht weniger als 30 haben entweder durch 
Freilassung der Kubrik, durch ein einfaches „nein'' oder 
durch ausdrückliche Erklärung angeben, daß Geruchs- 
wahmehmungen fbr ihre Erotik vollständig gleich- 
gültig sind. Es sind also auch in diesem Kapitel wohl 
alle logisch denkbaren Variationen verwirklicht und zwar 
sämtlich in so hohen Prozentzahlen, dass keine dieser 
Variationen als eine zahlenmäßig unerhebliche Ausnahme 
gelten könnte. 

Wie äußerst bestimmt dabei die verschiedenen An- 
gaben gemacht werden, sollen einige Zitate zeigen. Es 
sagt Nr. 10: „Jeder Geruch oder Ausdünstungs- 
geruch ist mir unangenehm, sei es von welcher Körper- 
stelle immer." — Nr. 9: „Der Ausdünstung fällt bei 
Erregung von WoUustgefilhlen eine wesentliche Rolle 

^) Auch beweist ja die vergleichende Physiologie, daß z. B. 
im Falle gewisser Schmetterlinge, der erotische Chemotropismus 
von geradezu unfaßbar geringen, spezifischen Stoffen ausgelöst wird. 



— 422 — 

zu, sowie sie auch anderseits wieder Abstoßung bewirken 
kann. Bestimmten Körperteilen kommt dabei eine größere 
oder mindere Wichtigkeit nicht zu."*) — Nr. 8: „Ohne 
zu wissen warum, rieche ich unwillkürlich an dem Kopf- 
haar derjenigen Personen, mit welchen ich verkehre. Er- 
regt aber wurde ich durch den angenehmen Greruch, 
welcher zwischen Kragen und Hals hervorströmt und 
hauptsächlich von Brust und Rücken herzurühren scheint 
Ein früher schon beschriebenes Verhältnis von mir konnte 
mich durch eben diesen angenehmen, wie nach frisch 
gebackenem Brot riechenden Geruch zur Elrektion mit 
Samenverlust bringen, wenn er mir gleichzeitig längere 
Zeit in die Augen schaute. Ein gegenwärtiger Freund 
riecht sehr angenehm nach frischem Harz, was Vorzugs* 
weise beim Küssen stärker als gewöhnlich hervortritt" 
— Nr. 22: „Jeder natürliche und künstliche Geruch ist 
mir bei einem Menschen zuwider, mein Ideal ist hier 
völlige Geruchlosigkeif Derselbe sagt aber in bezug 
auf das Weib: „Hier spielt auch der Geruch eine Rolle, 
die Ausdünstungen des weiblichen Körpers sind mir höchst 
unangenehm.'' — Nr. 37: „Eine hervorragend wichtige 
Sache ist der Ausdünstungsgeruch, der mich stets sehr 
erregt und den entscheidendsten Einfluß auf mich ausübt 
Namentlich ist die Ausdünstung der Genitalien, der Haare, 
der Stellen unter den Armen maßgebend, ob ich für eine 
Person Sympathie und Liebe empfinden kann." — Da- 
gegen Nr. 63: „Jede Ausdünstung von Personen wirkt 
abstoßend auf mich." — Hingegen wieder Nr. 42: „Die 
Ausdünstung unter dem Arm eines mir sympathischen 
Mannes reizt mich sehr." — Auch die nach Abschluß 
der Auszählung hinzugekommenen 9 Antworten — sämt- 
lich von Homosexuellen — enthalten einige bemerkens- 



^) Die gesperrten Worte sind hier, wie auch bei den Übrigen 
Zitat^'U) im Original nnterstricLen. 



.^ -J 



— 423 — 

werte ÄDgaben: So sagt Nr, 105: „ . . . Der Geruch, 
manchmal bei gewissen Personen derart, daß er mich 
aufregt Ich rieche sehr scharl Sitz der Ausdünstung: 
vermutlich Genitalia." — Dagegen gleich darauf Nr. 106: 
,,Das beste ist die Abwesenheit des Geruchs^ selbst Par- 
füms sind verdächtig. Auf mich macht die Jägersche 
Theorie den Eindruck einer Marktschreierei. Lassen Sie 
mich der Sache auf andere Weise dienen." — Nr. 107 
antwortet einfach mit „Nein". — Nr. 108 dagegen: „Der 
Odem meines Lieblings schmeckte mir förmlich wie 
Fleischbrühe. Ausdünstungen konnten mich sonst nicht 
erregen." — Nr. 109 gibt an: ,,6esonders anziehend der 
Geruch der Haut von a Freiluft »-Menschen. Diese an- 
genehme Geruchsempfindung wird aber aufgehoben durch 
starke Nebengerüche wie: Seife, Pomade, Parfllm, ferner 
durch intensiven Schweiß; hingegen verstärkt durch Tabak, 
Teer, Stallgeruch." — Nr. 110 meint dagegen: „Nein. 
Jeder, auch der leiseste Ausdünstungsgeruch ist mir 
sehr zuwider. Parfümierte Körper üben einen großen 
Reiz aus." — Nr. 111 sagt nur: „Ich kann Weiber meist 
nicht riechen." — Nr. 112: „Nein! Doch wird ein 
(älterer) Freund von mir durch meinen Achselschweiß 
sexuell erregt" — Völlig gleichgültig gegen Geruchs- 
wahmehmungen ist indessen z. B. Nr. 46: „Betreffs des 
Geruchssinnes habe ich keinerlei Wahrnehmungen gemacht 
und wüßte ich nicht zu sagen, daß die Ausdünstung, 
weder des Mannes noch des Weibes, noch gewisser Körper- 
teile, mir eine Erregung verursachte, weshalb dieser 
Punkt für mich belanglos ist." — 

Besonders interessant ist die oft weitgehende Spezi- 
fizierung der Angaben. So sagt Nr. 58: „Der Geruch, 
namentlich gewisser Körperteile des Weibes, ist mir 
äußerst widerwärtig, während mich die Schweißaus- 
dünstung des Mannes mit Wonne erfüllt Gewisse Körper- 
teile spielen jedoch hierbei keine Rolle. Jedoch stößt 



— 424 — 

mich der Schweißgeruch gewisser Männer ab, was nach 
meiner Ansicht seine Ursache in dem Kranksein der- 
selben oder in dessen Typus hat, der mir nicht sym- 
pathisch ist, wie z. B. cholerische Naturen." — Nr. 69: 
,,Tastsinn wirkt bei mir nach meiner Beobachtung nie 
primär bei der Auslösung geschlechtlicher Gefuhlszustände, 
dagegen vermag solche Wirkungen die Oeruchsempfindung 
sehr leicht hervorzubringen. Das habe ich schon im 
Alter von 11 Jahren beobachten können. Unter meinen 
Spielkameraden fesselte mich ein dreizehnjähriger, sehr 
entwickelter Junge, lediglich in erster Linie durch sein 
Hautparf&m usw." — Nr. 66: „Gesunde, kräftige Aus- 
dünstung des ganzen Körpers, sowie frischer, reiner 
Atem eines jungen Mannes üben eine angenehme 
Wirkung auf mich aus. Bei weniger Geliebten ist mir 
die Ausdünstung einzelner Körperteile nebensächlich^ 
eventuell sogar unangenehm. Bei geliebten Personen 
spielt die Ausdünstung oft eine sehr große Bolle, 
z. B. beim sexuellen Verkehr. Hierbei ist mir die 
Ausdünstung einzelner Körperteile in hohem Maße Be- 
dürfnis und sympathisch berührend, so z. B. der Geruch 
des Mundes, der Achselhöhlen, der Haare, der Füße 
(Fußschweiß ist mir auch beim Liebling unangenehm, 
beim weniger Geliebten stets ekelhaft), überhaupt des 
ganzen Körpers. Principalia excitamenta sunt mihi 
(d. h. sind mir dringendes Bedürfnis) mentulae 
emanationes et in illis praecipue odor glandis praeputio 
denudatae etc." — Nr. 75 gibt an: „Nein, aber nach der 
Bekanntschaft meine ich immer noch den Geruch der 
Person zu spüren." — Nr. 73: „Jede Ausdünstung männ- 
licher Körper ist mir unangenehm, die der Weiber 
ekelhaft" — Nr. 92: „Der Geruch spielt eine nicht zu 
unterschätzende Rolle, und zwar der Individualduft (nach 
Gustav Jäger). Penetranter Geruch, desgl. säuerlicher 
Gerach, desgl. metallischer Geschmack beim Küssen, sind 



— 425 — 

mir unsympathisch; angenehm dagegen schokoladenartiger 
Duft. Auch zu flau darf der Geruch nicht sein, son» 
dem frisch." 



Die Antworten auf die Frage e), d. h. nach den 
psychischen Einwirkungen interessieren in einer vor- 
wiegend physiologischen Arbeit weniger. Auch ist bei 
der innigen Verflechtung des Physischen und des Psychi- 
schen eine exakte Antwort ganz ungemein schwer^ so 
daß wir uns hier über die Mannigfaltigkeit der Ant- 
worten weniger wundern dürfen. Auch war bei dieser 
großen Verschiedenheit eine Einteilung in Klassen und 
genaue Auszählung kaum tunlich. Bei weitem die 
meisten gaben die Wichtigkeit der seelischen und in- 
tellektuellen Eigenschaften zu, namentlich^ wie begreiflich, 
für die Dauerhaftigkeit eines Verhältnisses. Durch Aus- 
lassung der Fragerubrik oder durch direkte Angabe, als 
sehr wenig oder gar nicht ins Gewicht fallend^ wurden 
die seelischen Eigenschaften immerhin Yon 15 angegeben; 
außerdem haben weitere 13 die seelischen Eigenschaften 
zwar als wichtig, aber doch als weniger wichtig denn 
das Physische bezeichnet. Bei andern hingegen spielt 
gerade umgekehrt das Psychi^he die Hauptrolle. 

So sagt Nr. 82: ,,Die seelische Anziehung tritt in 
der Regel bei längerem Beobachten oder mit dem Bekannt- 
werden ein, obwohl sich oft auch schon nach bloß kurzem 
Sehen der heiße Wunsch in mir geregt hat, mit dem 
betreffenden jungen Manne gesellschaftlich und womöglich 
in ihm nutzenbringender Weise verkehren zu können, ganz 
ohne sexuelle Nebengedanken. Wohl bei jeder wirk- 
lichen Anfreundung wird der Charakter eine wichtige 
Rolle spielen. Hoher Intellekt, auch fester Wille er- 
freuen mich und gefallen mir. Geringer Intellekt kann 
meine freundschaftlichen Gefühle abschwächen. Ich ver- 
lange vom jugendlichen Freund ein gutes Herz, aber auf 



— 426 — 

seine Gegenlie^be kann ich verzichten. Meine Liebe kann 
intensiv genug auftreten, um mich auf Verlangen auch in 
ein reines «platonisches» Verhältnis zu dem psychisch sowie 
physisch Geliebten mit Entsagung zu fügen, allerdings auf 
Kosten meiner Gesundheit" — Nr. 88 beanwortet Frage e) 
einfach mit den Worten : „Sehr wesentlich!" — Nr. 92 
meint: „Vorwiegend ist die Anziehung eine seelische. 
Der Liebling muß intelligent, von gutem Willen^ an- 
schmiegsam usw. sein." — Dagegen Nr. 16: „Die An- 
ziehung beruht wohl vorwiegend auf den unter a) — d) 
angeführten Punkten." — Und Nr. 17: „Nein; denn sie 
(d. h. die Anziehung) äußert sich oft in Beziehung auf 
Personen, die weder, was den Geist noch was den Charakter 
betrifft, irgendwie hervorragend sind." — Und Nr. 52 be- 
antwortet Frage e) mit dem Wort: „Weniger!" — Nr. 57 
hingegen sagt: „Vorwiegend seelische." — Nr. 77 endlich 
hält die Anziehung für eine vorwiegend seelische „nur 
in Fällen ohne geschlechtliches Begehren, die also wohl 
nicht hierher gehören". 



Auf die Frage, welche Wahrnehmungen die vom 
Weibe ausgehende Abstoßung hervorrufen, sind im ganzen 
nicht so genaue Antworten eingelaufen. Eine ganze An- 
zahl meint, daß für sie eine wirkliche Abstoßung über- 
haupt gar nicht vorliege, sondern nur eine völlige Gleich- 
gültigkeit wenigstens in erotischer Beziehung, eine sexuelle 
Indifferenz, die mitunter einen freundschaftlichen Verkehr 
keineswegs ausschließt So sagt ein rein Homosexueller, 
Nr. 47: „Obwohl körperliche Schönheit, edler Charakter 
und Seelenadel in einer Person die höchste und stärkste 
Anziehung auf mich ausübt, so können doch diese Eigen- 
schaften auch getrennt, je nach den Umständen, bloß 
sinnlich und rein seelisch den hinreißendsten Eindruck 
auf mich machen; daher kommt auch eine innige, aber 
rein seelische Zuneigung zu weiblichen Personen ver- 



— 427 — 

einzelt bei mir Tor.'' — Bei weitem die meisten bezeichnen 
hingegen das Weib schlechthin als abstoßend, mit oder 
ohne Angabe von Einzelheiten. Die Mehrzahl von diesen 
bekundet nur eine allgemeine Abstoßung. Manche hin* 
gegen spezifizieren die Abstoßung und bekunden einen 
Widerwillen, sei es gegen die weibliche Gestalt, oder die 
weiblichen Brüste, oder die weiblichen Grenitalien, oder 
sogar gegen die weibliche Kleidung; verhältnismäßig viele 
führen, wie schon angegeben, den weiblichen Geruch als 
besonders abstoßend an. In psychischer Beziehung gibt es 
zwei Haupttypen. Die einen haben an der weiblichen Psyche 
wenig oder nichts auszusetzen. So gibt z. B. Nr. 67 an: 
,,Daß ein Weib auf mich direkt abstoßend wirkt, kann ich 
nicht behaupten, sondern ich fühle mich selbst als solches, so 
daß ich gegen dieselben ein rein schwesterliches Empfinden 
habe. Sinnlich erregend hat noch niemals ein Weib auf 
mich gewirkt, doch • fühle ich mich sofort abgestoßen, so- 
bald der Versuch gemacht wird, sich mir geschlechtlich 
zu nähern.'^ — Andere legen hingegen auch hier gerade 
auf das Psychische das Hauptgewicht Es finden sich 
hierbei so ungalante Behauptungen, daß sie oft an antike 
Weiberschätzung erinnern. — So sagt Nr. 20: „Ich könnte 
ein Weib zur Not nur noch sinnlich lieben, während ein 
mir sympathischer junger Mann mein Herz in reiner 
Liebe schwelgen läßt.^' Manche haben für die durch- 
schnittlichen psychischen Qualitäten des Weibes den 
klaren Blick und das objektive Urteil, das bei den 
Heterosexuellen so oft durch die blindmachende Liebe 
getrübt und durch die mittelalterliche Mode der Galanterie 
vollends verdorben zu sein pflegt Einige weichen viel- 
leicht sogar etwas in der umgekehrten Richtung von der 
Objektivität ab, indem sie für die guten Eigenschaften 
der weiblichen Psyche gar kein Verständnis haben. — 
Nr. 57 sagt: „Das . . . des Weibes stößt mich ab; be- 
sonders aber die minderwertigen geistigen Eigenschaften 



— 428 — 

des Weibes/* — Nr. 91 beantwortet die Frage nach dem 
Grunde der Abstoßung seitens des Weibes mit den Worten : 
^,Die bekannten weiblichen Untugenden.^' 

Nachdem so aus den Antworten der Homosexuellen 
die wesentlichsten Punkte und manche Einzelheiten auf- 
geführt sind, sei noch ein kurzer Blick auf das geringe 
Material an Bisexuellen, Heterosexuellen und Fraglichen 
geworfen. Von ersteren, zehn an der Zahl, kann es aus 
den angegebenen Gründen nicht wundernehmen, wenn 
die meisten von ihnen sich selbst als überwiegend homo- 
sexuell bezeichnen: denn solche Bisexuelle, bei denen 
die heterosexuelle Komponente die stärkere ist, treten 
aus leicht begreiflichen Gründen viel seltener in Be- 
ziehung zu dem Komitee. So sind denn von den zehn Bi- 
sexuellen sechs entweder eingeständlichermaßen oder sonst 
nachweislich entschieden mehr homo- als heterosexuell, 
während nur bei dreien, soweit sich aus ihren Angaben 
schließen läßt, eine ungefähr gleich starke Mischung der 
beiden Neigungen Torzuliegen scheint. Eine der zehn Ant- 
worten mußte wegen vollständiger Unsicherheit in jeder 
Beziehung unberücksichtigt bleiben. 

Die Gesichtswahmehmungen werden auch von den 
Bisexuellen ausnahmslos als erheblich bezeichnet 
Antlitz- und Körperschönheit wirken gleichmäßig stark 
bei dreien, der Eindruck des Antlitzes wiegt vor bei fünf, 
der des Körpers bei einem. Die Gehörswahmehmungen 
spielen auch hier meist eine mehr untergeordnete Rolle. 

Über die GefÜhlswahmehmungen, in Verbindung mit 
denen des Gesichts, macht einer der anscheinend nicht 
vorwiegend Homosexuellen, Nr. 32, eine recht interessante 
Angabe. Er antwortet auf Frage a), bei der er das 
Wort „Antlitz" einmal, „Körper" aber zweimal unter- 
streicht, als Zusatz zu dem Worte Körper: ,jMehr! be- 
sonders beim Weib die Extremitäten! Der nackte weib- 



— 429 — 

liehe Fuß ist direkter Fetisch"; und ferner: „beim Mann 
nur die Genitalien, der übrige Körper interessiert mich 
nur als Maler, nicht sexuell begehrend." und ent- 
sprechend antwortete er auf Frage c) ,,beim Jüngling nur 
die Genitalien, beim Weib alles!" — 

Zur Frage nach den Geruchswahrnehmungen seien 
einige zitiert. Nr. 65: „Während, bzw. vor dem sexuellen 
Akte wirkt Schweißgeruch anregend, der Duft des Haares 
(Naturgeruch) bei Männern und Frauen wirkt angenehm ; 
im übrigen hasse ich alle natürlichen und künstlichen 
Gerüche an Menschen." Eine sehr eigentümliche Vor- 
liebe für einige Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen 
bekundet Nr. 85: ^^Gewisse Ausdünstungen werden als 
sehr erregend und stimulierend empfunden, obgleich nie- 
mals der Geruch allein den Liebesreiz erzeugen kann. 
Primär bleibt immer der Eindruck des Antlitzes. An- 
ziehend wirkt besonders die Ausdünstung der Soldaten, 
Arbeiter, besonders auch der Kavalleristen (Stiefel-, Leder-, 
Stallgeruch wirken reizvoll), abstoßend wifkt Unreinlich- 
keit, z. B. namentlich Schweißgeruch der Füße. Einen 
starken Reiz übt auch aus der Wein-, Bier-, Zigarren-, 
Zigarettengeruch beim Kuß. Hierbei handelt es sich aber 
nicht bloß um Wahrnehmungen des Geruches, sondern 
hauptsächlich auch um solche des Geschmackes (wonach 
zu Unrecht in dem Fragezettel nicht gefragt worden ist). 
Der bei mir vorhandene Einfluß der Wahrnehmungen des 
Geschmackes ist nur verständlich mit Rücksicht auf die 
Bedeutung, die bei meiner geschlechtlichen Befriedigung 
dem Kuß zukommt. Der fortgesetzte Mund- und Zungen- 
kuß stellt bei mir gleichsam das Mittel der geschlecht- 
lichen Befriedigung dar und löst die Ejakulation aus. 
Deshalb ist auch beim Kuß die Gefühlswahmehmung 
stark beteiligt, namentlich bezüglich Lippen und Zunge 
des Partners. Das enge An- und Einschmiegen an den 
Partner dient nur zur Verstärkung des vom Kuß aus- 




— 430 — 

gebenden Reizes. An dem Genitale selber wird außer 
während dem Moment der Ejakulation nur geringer lokaler 
Reiz empfunden. Bei dieser Art des sexuellen Reizes 
ist die große Rolle begreif lieb, die Geruch, Gefubl und 
Geschmack bei dem Kuß spielen. Heiße, glühende Küsse, 
oder süße einsaugende erhöhen sehr stark den geschlecht- 
lichen Reiz, wobei sogar Devoratio des Speichels (beim 
Mann, nicht aber bei der Frau) vorkommt. Kalte, kühle 
Küsse, Lippen die sich nicht, oder nur ungern ö£fnen, 
töten den Reiz, ein geschlechtlicher Verkehr ohne fort- 
gesetzten Kuß ist überhaupt unmöglich. Voraussetzung 
für eine völlige Befriedigung ist aber beim noch so 
glühenden Kuß der primäre, durch das Antlitz erweckte 
Reiz." — Von Interesse in anderer Hinsicht sind noch 
zwei Angaben, von denen die erste, Nr. 31, entsprechend 
den Einzelheiten der Antwort als homosexuell klassifiziert 
werden mußte, die aber aus sofort ersichtlichen Gründen 
trotzdem besser hier ihre Stelle findet. Dieser Nr. 31, 
der zwischen direkt physischer Liebe und „mehr idealer 
Liebe, die einen Umweg über die Seele macht" unter- 
scheidet, sagt zum Schlüsse: „Anziehend beim Weibe 
könnte mir sein: Geruch des Haares und so der all- 
gemeine Duft, zumal Parfüm und eventuell ihre Litelligenz. 
Intelligente Frauen zu lieben, ist ja das Vorrecht der 
o Päd erasten ».** 

Von besonderem Interesse für die Sexualphjsiologie 
und zugehörige Psychologie scheint mir aber Nr. 46 zu 
sein, der folgendes angibt: „Was meine Veranlagung be- 
trifft, bin ich eigentlich homosexuell, nur von Zeit zu 
Zeit kehrt eine ans Normale grenzende Empfindung zurück, 
die sich aber nicht bis zur vollständigen Entfaltung zu 
entwickeln vermag und schon im Keime erstickt, weil 
die mehr auf mich einwirkenden männlichen Personen 
mich stets verwirren. Am Tage, im Umgänge mit Men- 
schen ist es, wo ich am Altare des Eros opfere, dagegen 



— 431 — 

sind es "meine Träume, die ich mit wenigen Ausnahmen 
am Bilde der niedrigen Venus verschwende." Diese An- 
gabe ist deswegen von Interesse, weil im allgemeinen 
die Annahme nahe liegt, daß gerade die erotischen Träume, 
bei denen die Suggestion der zeitlichen und örtlichen 
Moden und Sitten weniger Einfluß haben kann, die an- 
geborene Veranlagung deutlicher zum Ausdruck bringen 
sollten, und weil in diesem Falle von Bisexualität dennoch 
die homosexuelle Komponente, trotz ihres nach allen An- 
gaben mit Sicherheit anzunehmenden Überwiegens, gerade 
im Traume hinter der heterosexuellen Empfindung 
zurücktritt. 

Die flinf Antworten, bei denen die Veranlagung 
fraglich blieb, können hier unberücksichtigt bleiben, und 
die sechs Antworten Heterosexueller ganz kurz erledigt 
werden, da sie sich mutatis mutandis, nicht wesentlich 
von denen der Homosexuellen unterscheiden, und da ihre 
Zahl viel zu gering ist, als daß man daraus Schlüsse 
ziehen könnte. Immerhin seien ein paar Zitate gebracht, 
welche die Übereinstimmung deutlich machen, oder aber 
aus andern Gründen interessant sind. Es sagt Nr. 6, der 
sich als geschlechtlich normal veranlagten Mann von 
40 Jahren bezeichnet, am Schlüsse: „Eine gewisse Aus- 
nahme können junge Leute von 14 — 16 Jahren für einen 
Augenblick hervorrufen, soweit sie im Grunde weibliche 
Züge haben, wie das eben in diesem Alter öfter der Fall 
ist. Indes, glaube ich, wird man dabei (andern hetero- 
sexuellen Männern geht das, wie ich weiß, auch so) — 
unbewußt vielleicht — doch den weiblichen Liebes- 
tjpus vor Augen haben. Deshalb sind auch solche etwa 
einmal auftauchende Gefühle niemals auch nur annähernd 
ernsthaftere diesen Personen gegenüber gewesen! Im 
Gegenteil empfinde ich dem gleichen Geschlecht gegen- 
über leicht Scham (z. B. in öffentlichen Bedürfnis- 




_4 




— 432 — 

aoBtalten]." — Diese Angabe war fiir mich deswegen 
TOD besonderem Interesse, weil sie die in meiner Re- 
naiasance vertretene Ansicht stützt, daß bei sehr vielen 
Heterosexuellen sozusagen ein Keim oder ein Anflug 
sogenannter Homosexualität besteht, eine Anlage, die bei 
uns künstlich unterdrückt und abgeleugnet zu werden 
pflegt Wenn man diesen Keim systematisch pfle);^, wie 
das besonders in hellenischen Enltarzuständen der Fall 
gewesen ist, so fördert man dadurch die Männerfreuad^ 
Schaft und den ittr die höhere Pädagogik unersetzlichen 
freien Verkehr der Männer mit Jünglingen, ohne 
deswegen eine irgendwie wesentliche Zunahme homo- 
sexueller Praktiken befürchten zu müssen: denn wie 
gleichfalls aus jener Angabe entnommen werden kann, 
und wie durch hundertfältige Beobachtang feststeht, zieht 
eben der Heterosexuelle das Weib so entschieden vor, 
daß er zu sexuellen Zwecken sich wohl immer ausschlieS- 
lich des Weibes bedienen wird. ') Wo man hingegen 
jenen sozusageu homosexuellen Anflug sonst hetero- 
sexueller Männer systematisch erstickt, weil man nämlich 
die eigentliche Homosexualität durch die Aberglaubens- 
brille zu betrachten gelehrt worden ist, und daher nun 
auch den bloßen, noch so leisen Verdacht vermeiden 
will Aa rniiB dis wcsentÜcb von den allgemeinen Lebens- 
iü abhängende Gesell ungsfreibeit zwischen Män- 

■ meiner italii-niaclieD Bekanaten, ein liochAnf;esehener 
ich Art der romaniacheD Rassen weniger an Scxnal- 
nkt, erzählte mir vor langen Jahren einmal, er habe 
engierdc den in Italien bekanntlich freigegebenen 
n Verkehr kennen lernen «ollen, sei aber davon nach 
■en ViTBUche anf immer abgekommen, da ihm die 
t nicht tusagtei ein einzelnes, aber ^ehr charnkteristi- 
;1 fiir die nachgerade sehr gut begründete Auffawung. 
ro-, Bi- und Homoseinalitfit viel zu tief in der mensch- 
wurzelt, als daB durch Verführung od<T Gr'legenheit 
dlung Blattfinden könnte. 



— 433 — 

nern und zwischen Männern und Jünglingen weit über 
den engen Bezirk der eigentlichen Homosexuali- 
tät hinaus beeinträchtigt werden. Hierdurch steigt dann 
der relative Einfluß des weiblichen Elements in der Ge- 
selligkeit und indirekt auch in Gesellschaft und Politik 
Dies führt dann weiterhin zu einer Machtsteigerung der 
Priester und übrigens auch der priesterhaften Demagogie 
und überhaupt aller jener Kasten^ Richtungen und Be- 
strebungen, welche die Kritik zu scheuen haben; denn 
diese stützen sich zu allen Zeiten und bei allen Völkern 
aus guten Gründen vorzugsweise auf das weiblich-gemüt- 
liche Glaubensbedürfhis und somit auf das weibliche 
Geschlecht Doch können hier diese kulturwissenschaft- 
lichen Zusammenhänge^ die in etwas anderer Form in 
meiner Benaissance auseinandergesetzt werden, eben nur 
skizziert werden. Jedenfalls sieht man wohl zur Genüge, 
wie falsch es ist^ wenn mir einige vorwerfen, ich hätte 
in jesuitisch verklausulierter Manier dem allgemeinen 
Publikum, also der heterosetxuellen Majorität, die Pä- 
derastie empfohlen; das ist, besonders wenn man an deren 
gröbste Formen denkt, noch um einen Grad weniger zu- 
treffend als der entgegengesetzte Vorwurf, ich hätte den 
Homosexuellen eine absolute, noch über unsere gesetz- 
lichen Mißstände hinausreichende Askese gepredigt — 

Da von einigen Seiten ein Hervortreten der Geruchs- 
wahmehmnngen in der Elrotik als der Degeneration ver- 
dächtig bezeichnet wird, seien hierauf bezügliche Angaben 
auch von heterosexueller Seite zitiert. Es sagt der 
Heterosexuelle Nr. 23: „ . . . und z. B. ist mir der Geruch 
in dem Dreieck hinterm Ohr und nahe des Halses sehr 
angenehm." Und der gleichfalls Heterosexuelle Xr. 101 : 
^ein — vielleicht aber doch unbewußt" Derselbe gibt 
übrigens als besonders abstoßend am männlichen Ge- 
schlecht an: die ,,rohe, klanglose Stimme, sowie die groben 
Formen des Körpers." Letztere Angabe ist mit Bezug auf 

Jatr^.jfh VII. 2S 



— 434 — 

den Zusammenhang zwischen gewissen Richtungen der 
Kunst und dem Eros von großem Interesse: denn wer 
also empfindet, der kann offenbar auch kein Verständnis 
haben Mr einen großen Teil der antiken Plastik, die ja 
gerade in der Schönheit des jugendlichen männlichen 
Körpers schwelgte. 

Wir sind am Ende mit der Besprechung der auf 
unsere Rundfrage eingelaufenen Antworten, und wollen 
nun versuchen, einige allgemeinere Ergebnisse aus der 
Fülle des Verschiedenartigen herauszuschälen. 

Als erstes allgemeines Ergebnis der ganzen Unter- 
suchung muß sich jedem Leser eben die Tatsache dieser 
außerordentlichen Mannigfaltigkeit selbst aufgedrängt 
haben. Auf kaum einem andern Gebiete scheinen in- 
dividuelle Geschmacksunterschiede in dem Grade obzu- 
walten wie gerade hier. Ein zweites allgemeines Resultat 
ist darin zu sehen, daß allen Sinnesqualität^n — 
wenn auch nicht in allen einzelnen Individuen — in der 
p]rotik eine mehr oder minder wichtige Rolle zukommt. 
Ein drittes Hauptergebnis, welches mit dem zweiten zu> 
sammenhängt und welches mir das weitaus wichtigste zu 
sein scheint, besteht darin, daß der scheinbar einheitliche 
und mit einem einheitlichen Worte bezeichnete „Instinkt*' 
der „Sexualität'' — in unserm Spezialmateriale vorwiegend 
der Homosexualität — die Summe oder besser die Resul- 
tante einer ganzen Reihe einfacherer Reizbarkeiten und 
Reizwirkungen ist, ähnlich wie das Loeb in der zitierten 
Stelle für den „Instinkt" der Eiablage bei der Fliege 
nachgewiesen hat Aus dieser Zusammengesetztheit der 
Sexualität erklärt sich mancherlei. Zunächst der Streit, 
ob irgend etwas auf „Sexualität beruhe" oder nicht. Die 
Sexualität ist ein Gemisch verschiedener Elementar- 
tropismen und deren Reizwirkungen, aus welchem sich, 
wie der Leser bereits bemerkt haben muß, besonders 



— 435 — 

deutlich die in der ganzen organischen Natur hoch- 
wichtige Chemotaxis und die von der Schönheit aus- 
gehende Anziehung, der Morphotropismus (worüber 
später) herausheben. Diese Tropismen führen im Falle 
der HeteroSexualität nach dem Schema der Kettenreflexe 
die verschiedenen Geschlechter zusammen ujnd gipfeln 
in der Ausstoßung der männlichen, oder (bei Tieren mit 
Befruchtung außerhalb des weiblichen Körpers) der beiden 
Arten von Geschlechtszellen, die sich darauf in ganz 
analoger Weise, nämlich auf Grund chemotaktischer 
Reizbarkeit, einander nähern und miteinander vereinigen, 
wie sich vorher die ganzen Organismen genähert und 
vereinigt haben. Die Zerlegung der Sexualität in die 
einzelnen konstituierenden Tropismen scheint mir nun 
auch den neuerdings durch meine Renaissance entfachten 
Streit aufzuklären, ob und inwieweit die gewöhnliche 
Freundschaft und weiterhin der soziale Trieb mit der 
„Sexualität'' zusammenhänge. Jedermann, ob homo- oder 
heterosexuell, weiß aus subjektiver Erfahrung, daß 
zwischen Freundschaft und Liebe trotz aller Schwierig- 
keiten der Definition und der Analyse und trotz der 
vollkommenen Stetigkeit der Übergänge ein Unter- 
schied obwaltet, der, nach der subjektiven Empfindung 
zu urteilen, sicherlich ein erheblicher Unterschied des 
Grades ist, und vielleicht auch ein Unterschied der Art 
zu sein scheint Und ebenso zeigt die objektive Erfahrung 
beim Menschen wie bei den sozialen Tieren, daß im 
Falle der „Freundschaft" oder des „sozialen^^ Zusammen- 
halts zwar Annäherungen der Individuen stattfinden, ganz 
ähnlich wie bei der „sexuellen** Liebe, daß aber diese 
Annäherungen in der Rege] nicht zur Ausstoßung der 
Geschlechtszellen führen. Nun wäre es aber ein von 
vornherein nicht sehr wahrscheinlicher Verstoß gegen die 
Einheitlichkeit und Einfachheit der Natur, wenn die 
freundschaftliche oder soziale Anziehung durch ganz 

28* 



— 436 — 

andere, grundsätzlich yerschiedene Anziehungskräfte 
zuwege gebracht werden sollte^ als lUe erotische. Und 
unsere Analyse beweist sogar, daß ein solcher Unter- 
schied kaum möglich ist, da die erotische Anziehung 
alle Sinnesqualitäten so völlig erschöpft, daß für die 
freundschaftliche oder soziale Anziehung grundverschie- 
dene Art^n der Anziehung gar nicht abzusehen sind. 

Der Unterschied kann also kaum in etwas anderem 
begründet sein, als darin, daß die Stärkegrade und die 
Mischungsverhältnisse der Elementartropismen in beiden 
Fällen verschieden sind, wobei es allenfalls denkbar ist, 
daß bei der bloß freundschaftlichen Anziehung der eine 
oder andere Tropismus fehle oder nur sehr schwach 
entwickelt sei. Beim Menschen dürftie z. B. das sog. 
Psychische, so wichtig es auch in der eigentlichen 
Erotik ist, in der Freundschaft noch mehr überwiegen; 
während Morphotropismus und Chemotaxis wahrscheinlich 
etwas mehr in den Hintergrund treten. Die Freundschaft 
hingegen als etwas rein Geistiges, physiologisch gar 
nicht Begründetes anzusehen, geht aus vergleichend 
physiologischen Gründen nicht an, denn das hieße in 
den oben gerügten Fehler verfallen, materielle Wirkungen 
aus immateriellen Ursachen erklären zu wollen, und ferner 
obendrein bei Menschen und bei Tieren, bei denen- doch 
richtige Analoga zur Freundschaft vorkommen und bei 
denen sie doch physiologisch erklärt werden muß, 
verschiedene Ursachen für dieselbe Erscheinung voraus- 
zusetzen: was nur die Kollektivanmaßung der Species 
Homo sapiens fertigbrächte. Dasselbe gilt für die so- 
zusagen verallgemeinerte Freundschaft, für die Soziabilität; 
und in negativer Beziehung ist das auch beim Menschen 
völlig evident, indem z. B. die Insoziabilität zwischen ver- 
schiedenen Menschenrassen, ganz ähnlich wie zwischen 
Ameisen verschiedener Nester, sich wenigstens teilweise 
auf negative Chemotaxis zurückftihren läßt Hiermit in 



— 437 — 

ZusammenhaDg mag auch die Tatsache gebracht werden, 
daß nach der Angabe Maeterlincks eine Arbeitsbiene 
trotz günstigster Nahrungs- und Wärme Verhältnisse in 
wenigen Stunden zugrunde geht, wenn sie verhindert 
wird, von Zeit zu Zeit in den Dunstkreis ihrer Schwestern 
zurückzukehren^); wobei einem der Gedanke aufsteigen 
mag, ob nicht die Schädigung der Gefangenen in der 
Isolierhaft zum Teil auch eine rein physiologische 
sein mag. 

Die allgemeine Soziabilität, die individuelle Freund- 
schaft, sowie die Erotik homo- wie heterosexueller Art 
beruhen somit auf dem Zusammenwirken derselben 
Elementarreizbarkeiten, aber in verschiedenen absoluten 
und relativen Stärkegraden. Da nun die relativen und 
absoluten Stärkegrade der Elementarkonstituenten eine 
sehr große Zahl von Kombinationen zulassen, so erklärt 
sich auch die subjektiv bekannte Tatsache, daß kaum 
eine „Freundschaft^' oder „Liebe'' der andern gleicht 

Ferner erklärt unsere Analyse aber auch die be- 
merkenswerte Tatsache, daß, soweit unsere Erfahrung 
reicht, die eigentlich sogenannte Homosexualität beim 
Menschen ungleich häufiger ist, als bei allen andern, 
und zumal bei den nichtsozialen Tieren. Die ältere An- 



^) ,,Sie (die Arbeitsbiene) taucht einen Augenblick in den 
blumenreichen Raum, wie der Schwimmer in den perlenreichen 
Osean, aber sie maß, wenn ihr das Leben lieb ist, von Zeit zu 
Zeit wieder in den Dunstkreis der Gefährtinnen zurück, wie der 
Schwimmer wieder auftaucht, um Luft zu schöpfen. Bleibt sie 
allein, so geht sie auch bei den günstigsten Temperaturverhält- 
nissen und dem größten Blumenreichtum in wenigen Standen za- 
grunde, nicht infolge von Hunger oder Kfilte, sondern von Ein- 
samkeit. Die Menge ihrer Schwestern, der Bienenstock, ist für sie 
ein zwar unsichtbares, aber nicht weniger unentbehrliches Nahrungs- 
mittel als der Honig." — (Maeterlinck, Das Leben der Bienen, 
Deutsch von F. v. Oppeln-Bronikowski, HI. Aufl., Jena, Diederichs, 
1905. S. 20.) 



— 438 — 

sieht, daß die Homosexualität ein Kulturprodukt sei, 
kann als völlig widerlegt gelten. Denn sie findet sich 
zu allen Zeiten, bei allen Völkern und unter allen Kultur- 
verhältnissen. Gerade bei Naturvölkern ohne nennens- 
werte Kulturentwicklung tritt sie um so mehr in 
Erscheinung, als sie sich dort nicht, wie etwa im christ- 
lich-europäischen Sittenrayon, zu verstecken genötigt ist. 
Auf GruDd der reizphysiologischen Betrachtungen können 
wir nun die große Verbreitung der Homosexualität gerade 
bei unsrer Art bis zu einem gewissen Grade begreifen. 
Beim Menschen^ als einem exquisit sozialen Tiere, 
müssen so gut wie bei Ameisen oder Bienen, Anziehungs- 
kräfte auch zwischen Geschlechtsgleichen bestehen; und 
diese tropismenartigen Anziehungskräfte können im 
Grunde gar keine andern sein, als diejenigen, welche 
auch die Erotik zusammensetzen. Bei nichtsozialen Tieren 
sind die Reizbarkeiten so beschaffen, daß zwischen In- 
dividuen desselben Geschlechts im allgemeinen gar keine 
Anziehung (vielleicht sogar positive Abstoßung) besteht; 
bei den sozialen Tieren hingegen besteht, unbeschadet 
alles Geistigen, auch hier eine Anziehung, die im tiefsten 
Grunde auf physiologischen Tropismen beruhen muß. 
Da nun, wie gezeigt, diese Tropismen mit einer an 
Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit dieselben sind, 
welche auch die erotische Annäherung bewirken, und der 
Unterschied nur ein solcher des Grades und der Mischungs- 
verhältnisse der einzelnen Elementaranziehungen ist: so 
bedarf es beim Menschen zur Entstehung eigentlicher 
Homosexualität einer viel geringeren Abweichung vom 
Typus, als bei solchen Lebewesen, bei denen zwischen 
Geschlechtsgleichen eine Anziehung überhaupt nicht be- 
steht. Denn es bedarf nur einer Änderung der Stärke- 
grade und der Stärkeverhältnisse, nicht aber des Hinzu- 
tretens einer Reizbarkeit, die dem Typus vollkommen 
fehlt Damit stimmt gut überein, daß die von Karsch 



— 439 — 

gesammelten Fälle von ,,Pädera8tie und Tribadie bei 
Tieren^' sich größtenteils auf soziallebende Arten beziehen. 
So wird sie von den Raubtieren nur für die einzige 
Gruppe dieser Klasse erwähnt, welche wenn auch in be- 
schränktem Grade sozial lebt, nämlich in Rudeln jagt; 
für die Hunde. Die sogenannten umischen Akte bei 
n i c h t sozialen Tieren sind jedenfalls viel seltener 
und können in manchen Fällen auch auf eine sehr ver- 
schiedene Weise erklärt werden. Hagen hat das Ver- 
dienst, dies für die päderastischen Maikäfer experimentell 
nachgewiesen zu haben in seiner ^^Sexuellen Osphresio- 
logie" (Charlottenburg, Barsdorf, 1901), S. 40, 41. Es 
werden nämlich nach den Versuchen dieses Autors von 
andern Männchen sexuell gebraucht nur solche Männchen, 
welche vorher zufällig mit den Duftstoffen eines weiblichen 
Käfers imprägniert waren. Die „Päderastie^' der Mai- 
käfer erklärt sich somit ganz anders als die des Men- 
schen: denn nach den Ergebnissen unsrer Untersuchung 
würde eine Imprägnierung mit weiblichen Duftstoffen bei 
homosexuellen Menschen gerade das Gegenteil zu erreichen 
geeignet sein. — 

Nicht erklärt wird durch unsre Betrachtung, wohl 
gemerkt, die Frage, von welchen indivaellen Eigentüm- 
lichkeiten denn nun die Homosexualität im einzelnen 
konkreten Falle abhänge. Die elementaren Reizbarkeiten, 
besonders Morphotropismus und Chemotaxis, sind hier 
abgeändert Wir sehen zwar, daß und warum eine solche 
Abänderung beim Menschen besonders nahe liegt, da der 
Mensch sozial lebt wie die Bienen, ohne doch deswegen 
ein anatomisch scharf abgegrenztes drittes, sozusagen 
geschlechtsloses Geschlecht hervorgebracht zu haben; die 
Frage hingegen, von welchen Ursachen im einzelnen 
Falle diese vielbesprochene Abweichung abhänge, können 
wir noch nicht beantworten und auch die Analyse der 
Sexualität gibt hierauf noch keine Antwort. Hier ist der 



— 440 — 

Punkt, wo andere Theorien ihre Leistangsfähigkeit ver« 
suchen mögen, wie etwa die Ulrichs sehe Ansicht oder 
die Jägersche Snpervirilitätstheorie. Die Quintessenz 
der ersteren liegt in der Formel: „anima muliebris yinli 
corpore inclusa" und in der Vorstellung, daß die Homo« 
sexuellen (die „Urninge'') sozusagen zwischen den beiden 
Geschlechtem stehen; während Jäger — wenigstens ftir 
einen Teil der Homosexuellen ^ umgekehrt meint, daß 
diese ,,Superyirilen'' ,, vermöge einer individuellen Variation 
ihrer Seelenstoffe^' ^^ebenso über dem Manne*' stehen, 
„wie der Normalsexuelle über dem Weib" („Entdeckung 
der Seele'S I. S. 269] und daß diese homosexuellen 
„Supervirilen'' „die wahren naturgeborenen und oft 
gewiß mit Eecht als gottgesandt betrachteten «Über- 
menschen» sind, die von jeher, sei es im engeren oder 
weiteren Kreise eine leitende, beherrschende Rolle ge- 
spielt haben und noch spielen/' (Dieses Jahrbuch, Bd. U, 
S. 122.) — Meine Ansichten hierüber habe ich in meiner 
„Renaissance'* auseinandergesetzt und brauche an dieser 
Stelle nicht darauf zurückzukommen. — 

Schließlich ist zu betonen, daß alle Theorien gegen« 
über den Tatsachen doch nur von sekundärer Bedeutung 
sind. Die Auffindung der Kathoden-, Röntgen- und 
Becquerelstrahlen ist sehr viel wichtiger als die Eäek- 
tronenhypothese, selbst wenn diese richtig sein sollte. In 
unserem Falle vollends, wo noch immer Irrtümer, Vorurteile, 
Böswilligkeit und Gelehrteneifersucht der Aufklärung über 
die bloßen Tatsachen im Wege stehen, tut man gut, immer 
von neuem die wichtige, aus der Beobachtung gewonnene 
und durch unsere Statistik erhärtete Tatsache zu be- 
tonen, daß die menschliche Gesellschaft eine sehr viel 
größere Zahl rein oder vorwiegend Homosexueller birgt, 
als man sich wenigstens in unserem Sittenrayon bisher 
hat träumen lassen; und daß es endlich an der Zeit ist, 
aus dieser unumstößlichen und unabänderlichen 



— 441 — 

Tatsache in Gesetz und Sitte diejenigen Folgerungen 
nicht sowohl theoretischer als vielmehr praktischer 
Natur zu ziehen, welche die logische Konsequenz jener 
Tatsache früher oder später sein müssen und trotz aller 
Widerstände auch sein werden. — 

Ob die als erstes allgemeines Ergebnis hervor- 
gehobene, große Mannigfaltigkeit in allen Fällen wirklich 
von „Natur" besteht und nicht etwa z. T. ein Kultur- 
produkt ist — (der einzige^ relativ berechtigte Gegensatz 
zu Natur ist ja Kultur^ obwohl auch diese selbst im 
tieferen Sinne ein Stück Natur ist] — mag dahingestellt 
bleiben. 

Man könnte wenigstens auf den Gedanken kommen, 
daß gerade die sozusagen verhaltene Geilheit der christ- 
lichen Zivilisation 9 d. h. der sexuelle Aberglauben des 
Mittelalters^ demzufolge alles Sexuelle „Sünde'' ist und 
die aus diesem Sexualaberglauben entsprossene Prüderie 
der europäischen Völker, ungewollter- aber begreiflicher- 
weise jene große Variabilität, die sich in manchen Fällen 
— zwar nicht in dem der Homosexualität, wohl aber in 
dem des Sadismus, Masochismus und der Neigung zu 
Kindern — zu wirklichen Monstrositäten und sozialen 
Unleidlichkeiten steigert, erst künstlich hervorgerufen oder 
doch gesteigert habe.^) Unserer Jugend fehlt das, was 



') Man sucht es von manchen Seiten in Abrede zu stellen, 
daß dem Christentum ein asketischer Zag innewohne, oder man 
möchte wenigstens die Sache so darstellen, als ob dieser asketische 
Zug ausschließlich eine Erfindung der älteren Kirche gewesen 
und als ob er in der Gegenwart so gnt wie ganz verschwunden 
sei. Einiges darüber habe ich, besonders betreffs des früheren 
Mittelalters, in meiner Renaissance gebracht und möchte hier bei 
dieser Gelegenheit ein paar Sachen nachtragen. Was znnAchst 
die kirchliche Auffassung der Gegenwart betrifft, so sei aus der 
„Frauenfrage" von Viktor Cathrein S. J, (Freiburg L Br., 
Herdersche Verlagsbuchhandlung, 1901) ein Satz zitiert. Er sagt 
in diesem Kapitel über „Die Frauentage und die Verehrung der 



— 442 — 

man eine sexuelle Erziehung nennen könnte, fast voll- 
ständig und es sucht sich jeder im Dunkel des prüden 
Nichtredens über das Sündhafte ohne Anleitung seinen 
Weg, wobei er natürlich leichter auf Abwege kommt — 
auf Abwege, die gar nicht in seiner Natur begründet zu 
sein brauchen — als wenn er rechtzeitig aufgeklärt 
würde. Das ganze sexuelle Gebiet steht in Europa 
unter einem unerhörten Aberglaubensdrack. Wenn über 
alle diese Fragen eben so offen gesprochen würde^ 
wie etwa bei uns über die Ernährung, oder auch wie 
bei den unverprüdelten^ nicht christlichen Völkern über 

Grottesmutter" auf S. 161: „Maria war Jungfrau, kein Hauch 
der Sünde trübte den reinsten Spiegel ihrer Seele." Wenn demnach 
sogar der eheliche, von Priestern eingesegnete GeschleGhtsverkehr 
einen Hauch von Sünde enthält, so muß der nicht von Priestern 
entsündigte Geschlechtsverkehr eine angeheuere Sünde sein. — 
Daß femer diese Auffassung doch nicht so ganz eine dem wahren 
Wesen des Christentums fremde Zutat ist, geht ans folgender 
Überlegung hervor : Wenn Gott selbst in einer seiner drei Personen 
für die Sünden seiner Geschöpfe den schmerzlichen Kreuzestod 
auf sich genommen hat, so erscheint der heitere Lebensgenuß in 
der Tat leicht als eine Frivolität — Der von einigen gleichfalls 
bestrittene innere Zusammenhang zwischen Priestermacht und der 
sozialen Stellung der Frau wird in der Schrift des Jesuiten und 
daher doch wohl Fachmanns Cathrein unumwunden zugegeben. 
Er sagt auf S. 160: „Es ist unbestreitbar, einen großen Teil der 
ritterlichen Verehrung, welche die Frau im Christentum im Gegen- 
satz zu den heidnischen Religionen genießt, verdankt sie der Ver- 
ehrung der heiligen Frauen, ganz besonders der gnadenreicheir 
Gottesmutter, der <> Gebenedeiten unter den Weibern». Vom 
strahlenden Stemenkranze , der Maria umleuchtet, fällt ein ver- 
klärender Schimmer auf das ganze weibliche Geschlecht In Maria 
sind alle Frauen gewissermaßen geadelt/' Und femer auf S. 124: 
„Wenn das deutsche Volk in seinen breiten Schichten bis heute 
noch treu zum christlichen Glauben steht, so verdankt es das zum 
guten Teil der tiefireligiösen Gesinnung der deutschen Frauen." — 
Wenn man sich herbeiließe, noch mehr kirchliche und jesuitische 
Literatur durchzusehen, so würde man, wie ich bestimmt glaube, 
noch mehr Bestätigungen meiner Ansicht finden. 



— 443 — 

das Sexuelle geredet wird — so würden aller Wahr- 
scheinlichkeit nach nicht nur viele und aus Unkenntnis 
begangene Handlungen^ wie etwa die Verheiratung extrem 
Homosexueller, sondern auch manche der sexuellen Mon- 
strositäten yermieden werden, weil sich die Phantasie 
von vornherein mit entsprechenden Bildern föUen und 
die Praxis den der Naturanlage wirklich entsprechenden 
Weg einschlagen würde. 

Von den Fragerubriken beanspruchen die erste und 
die vierte das größte Interesse: die Gesichtswahrnehmimgen 
wegen ihrer von allen Beantwortern zugestandenen Er- 
heblichkeit; die Geruchswahmehmungen aber deswegen, 
weil hier der festeste Anknüpfungspunkt für die ver- 
gleichende Physiologie der Erotik gegeben ist. Entgegen 
der Reihenfolge des Schemas sollen daher diese zuerst 
diskutiert werd^. Die Bedeutung der Geruchswahr- 
nehmungen ist seit Jäger allgemein bekannt und sie 
war es in gewissem Sinne wohl auch vor ihm, weil näm- 
lich die vielen, welche also empfinden^ vermutlich still- 
schweigend den Schluß von sich auf andere gemacht 
haben. Nun ist es aber gerade ein Hauptergebnis der 
vorliegenden Untersuchung, daß ein solcher Schluß in 
der Erotik wegen der Mannigfaltigkeit der individuellen 
Geschmacksrichtungen denn doch nicht ohne weiteres zu- 
lässig ist Großenteils ist ja auch unser Ergebnis eine 
Bestätigung und eine Spezifizierung der Jägerschen Auf- 
stellungen; wohl aber geben die vielen zu denken, für 
welche nach ihrer bestimmtesten Aussage die Geruchs- 
wahmehmungen gleichgültig sind^ und die gleichfalls 
ziemlich zahlreichen, welche sich von allen Gerüchen, 
auch bei dem geliebten Geschlechte oder Individuum, 
abgestoßen fühlen. Unbedingte Anhänger Jägers würden 
allenfalls einen Ausweg in der schon angedeuteten An- 
nahme finden, daß den beiden Kategorien von Personen 



— 444 — 

eben nur die unangenehmen Gerüche ins Bewußtsein 
kommen. Es würden nach dieser Annahme diejenigen, 
welche die Geruchswahrnehmungen für belanglos halten, 
sich derselben eben nur nicht bewußt geworden sein; 
und diejenigen, welche angeblich durch Geruchswahr- 
nehmungen auch vom geliebten Geschlechte abgestoßen 
werden, nur deswegen diese bloß negative Angabe ge- 
macht haben, weil ihnen die individuellen Düfte be- 
stimmter Personen unangenehm sind, während ihnen die- 
jenigen sympathischer Personen nicht recht ins Bewußt- 
sein kommen. ^,Bene ölet, quod non olet'< führt G. Jäger 
(dieses Jahrbuch^ Bd. 11^ S. 117) nicht ohne Grund an. 
Es ist mit aller Bestimmtheit hervorzuheben, daß eine 
Chemotaxis vorliegen kann, auch wenn gar keine be- 
wußten Geruchswahrnehmungen vorhanden sind. Man 
denke z. B. daran, daß der Heliotropismus auch bei 
augenlosen Tieren — ganz zu schweigen von den Pflanzen 
— eine verbreitete Erscheinung ist Da ferner manche 
geruch- und geschmacklosen Stoffe die stärksten physio- 
logischen oder sogar tödliche Giftwirkungen hervorrrufen 
können, so wäre es wohl denkbar, daß auch geruchlose 
chemische Stoffe eine Chemotaxis bewirken könnten. Je- 
doch ist dies eben nur eine logische Möglichkeit, 
welche als wirklich vorauszusetzen wir keinen zureichen- 
den Grund haben. 

Überall da, wo es sich um Angaben aus Selbst- 
beobachtungen anstatt um objektive Versuche handelt, 
wird übrigens ein solcher Rest von Unsicherheit unver- 
meidlich sein. Zugunsten der Annahme, daß Chemotaxis 
auch in den Fällen mitwirkt, in denen die Erheblich- 
keit der Geruchswahrnehmungen bestritten wird, könnte 
man die allgemeine Verbreitung der Chemotaxis in dem 
Gesamtgebiet der außermenschlichen Erotik und übrigens 
außer Jäger noch das Zeugnis anderer Autoren anführen. 
So sagt der beliebte populärwissenschaftliche Schrift- 



— 445 — 

steller Wilhelm Bölsche — der übrigens ausschließlich 
mit der heterosexuellen Liebe zu tun hat, als ob es etwas 
anderes kaum gäbe — im HL Bande seines Liebeslebens 
in der Natur auf S. 72: „Hier will mir nun die Ver- 
mutung nicht aus dem Sinn, es möchte in unseren mensch- 
lichen Achsel- und Schamhaaren eine verwandte uralte 
Beziehung stecken zu erotisch wirksamen Düften. Wenn 
diese Haare nun erhalten geblieben oder gar nachträglich 
wiederhergestellt worden wären ^), weil sie ganz ähnlich 
wie die Duftzäpfchen der Schmetterlinge lange Zeit hin- 
durch noch als Zerstreuer und Zerstäuber gewisser Lock- 
gerüche der Liebeszeit dienen mußten? — Mindestens 
vom Geruch der Achselgegend ist noch heute kein Zweifel, 
daß er eine gewisse erotische Wirkung ausübt Vor 
allem der des Mannes auf das Weib/' — Und auf S. 74: 
„Nun mußt du dich in jene Zeit versetzen, da der ent- 
kleidete, stark ausdünstende Mensch in der Höhle daheim 
anfing, ausgesprochen der erotische Mensch zu werden. 
Es wäre sehr gut möglich, daß ganz bestimmte erotische 
Ausdünstungen der Achsel- und Schamgegend , in der 
Zeit der Liebesreife zuerst auftretend, lange Zeit eine 
sehr starke Rolle gespielt hätten.^' Hierzu ist nun vor 
allem zu bemerken, daß die paar Jahrtausende sog. 
Zivilisation schwerlich in der physiologischen Natur des 
Menschen eine irgendwie erhebliche Wirkung gespielt 
hätten, abgesehen vielleicht von einer zeitweiligen und 
auch nur auf eine Anzahl von Individuen beschränkten 
Verkümmerung; vergleichbar etwa dem Eulturübel der 
Kurzsichtigkeit oder anderweitigen Sehschwäche. Ferner 
ist hinzuzufügen, daß die Bekleidung im europäischen 
Sinne auch in der Gegenwart auf einen Teil der Mensch- 

') Das Zurückgleiten von der kausalen in die historisch- 
darwinistische Betrachtungsweise, worüber am Schlosse dieser 
Arbeit ein paar aufklärende Worte gesagt werden, ist bedauerlich, 
aber schadet hier in bezug auf den sachlichen Kernpunkt nichts. B. F. 



— 446 — 

beit beschränkt ist, und daß ein anderer sebr großer 
Teil in den bier in Betracbt kommenden Dingen noch 
ziemlich eben so lebt, wie in ,, jener Zeit^^ in „der Höhle 
daheim'^ — Femer ist Albert Hagen zn nennen. Sein 
Buch: Die sexuelle Osphresiologie. Die Beziehungen des 
Geruchssinnes und der Gerüche zur menschlichen Ge- 
schlechtstätigkeit Charlottenburg, Barsdorf 1901, zeugt 
Ton großer Belesenheit und enthält vielfache Literatur- 
hinweise. Unangenehm berührt jedoch, daß der Ver- 
fasser, dessen Schrift ohne Jägers Vorgängerschaft niemals 
entstanden wäre, und der sich auch im großen und 
ganzen trotz manchen Widerspruchs im einzelnen nicht 
weit von Jägerschen Bahnen entfernt, diesem seinen 
originalen Vorgänger und Lehrer mehr Spott als Lob 
zuteil werden läßt; wenngleich auch ich der Ansicht bin^ 
daß Jäger in manchen Richtungen nicht kritisch genug 
gewesen ist und daß der Titel seines Buchs „Die Ent- 
deckung der Seele'' deswegen zu Mißverständnissen Anlaß 
gibt und sogar komisch berührt, weil man im allgemeinen 
und speziell der Volksaberglaube unter Seele ein un- 
stofflich-geistiges Prinzip, nicht aber gasförmige, riech- 
bare Stoffe versteht. Hagen ftihrt einige der am meisten 
angreifbaren Behauptungen Jägers an und meint dann 
(S. 163): „Nach derartigen Leistungen wird Jäger sich 
nicht wundem dürfen, wenn er von der zünftigen Wissen- 
schaft vollkommen ignoriert wird. Zwaardemaker, der 
die neuste und ausführlichste Arbeit über die Psychologie 
des Geruchs geschrieben hat, erwähnt Jäger überhaupt 
nicht; ebensowenig Wundt in seiner physiologischen 
Psychologie." Auf S. 165 zitiert dann Hagen noch einen 
Ausspruch A. Weismanns über Jäger: „Es ist wohl die 
Schuld der zügellosen Spekulationslust des Verfassers, 
(laß die guten Gedankenkerne seines Buches unbeachtet 
und ohne Nachwirkung geblieben sind." — Hagen und 
Weismann irren beide in der Annahme, daß Jäger wegen 



— 447 — 

seiner »^zügellosen Spekulationslnst'' bei der ^^zünftigen^' 
Wissenschaft keinen Anklang gefunden habe und des- 
wegen in einschlägigen Professorenbüchem nicht einmal 
erwähnt wird. Das ist unrichtig. Denn in der offiziellen 
Wissenschaft ist es keineswegs das Lächerliche, das tötet, 
auch keine Übertreibung und keine ,,zügellose Spekulations- 
lust" — ein Ausdruck der sich im Munde des Über- 
darwinisten und Eeimplasmatheoretikers Weismann merk- 
würdig genug ausnimmt — , sondern ein unzünftiges 
literarisches Auftreten und sozusagen überhaupt die 
Sünde wider den heiligen Geist der Zunft Wer nun 
aber keine Cliquen- und Zunft-Interessen zu yertreten 
gezwungen noch gesonnen ist, wird Jäger ungeachtet aller 
sachlichen Vorbehalte im einzelnen dennoch die Priorität 
und die Originalität in allen diesen Fragen zuerkennen 
müssen. Die ärgsten wissenschaftlichen Blößen, ja Bla- 
magen mit barem Unsinn oder mit handgreiflichen Plagiaten 
haben, wie der Kenner der Zustände weiß, längst auf- 
gehört, bei der Zunft unmöglich zu machen. Und um- 
gekehrt sind für die „zünftige Wissenschaft'' gewisse 
Werke, die sich von Übertreibungen nach Art Jägers 
gänzlich fem halten, trotz reichlicher Ausnutzung un- 
zitierbar und scheinbar nicht yorhanden: es genügt ihre 
Cliquenwidrigkeit Gerade der freie Forscher hat einer 
wissenschaftlichen Persönhchkeit wie Jäger gegenüber 
einen schweren Stand. Da es Mode ist^ die zunftwidrigen 
Autoren zu ignorieren oder allenfalls zu verspotten, so 
wird derjenige, der sie literarisch fair bebandelt, von der 
Gegenseite gern gegen alle Wahrheit als Apostel oder 
unbedingter Anhänger ausgegeben. — Doch genug hiervon. 
Nur eine Ansicht Hagens muß noch herangezogen werden, 
nämlich die, daß ein Hervortreten der Geruchswahr- 
nehmungen in der Erotik ein Degenerationszeichen oder 
gar ein „Atavismus'' sei. Daseist nun wirklich einmal 
eine völlig unbewiesene Spekalation, und würde das auch 



- 448 — 

bleiben, wenn — eine Annahme, zu der bisher keinerlei 
Grund vorliegt — sich etwa herausstellen sollte^ daß 
bei Heterosexuellen die Geruchswahmehmungen eine ge- 
ringere Rolle spielen, als bei den Homosexuellen. E^ 
ist richtig, daß das Geruchsorgan des Menschen minder 
entwickelt ist, als dasjenige vieler anderer Tiere. Es ist 
aber nicht zutreffend, daß, je höher die Stellung im 
System, um so geringer die Ausbildung des Geruchs- 
organs sei. Und über die Beschaffenheit des Geruchs- 
vermögens der unmittelbaren Vorfahren wissen wir nichts. 
Die Behauptung Hagens, daß sich das Geruchsvermögen 
der „ wilden ^^ Völker, die sich noch „auf primitivster 
G^istesstufe befinden'' durch besondere Schärfe aus- 
zeichne, ist allerdings zutreffend. Dasselbe gilt aber 
auch z. B. vom Sehvermögen, und in beträchtlichem 
Grade auch von der durchschnittlichen körperlichen Aus- 
bildung überhaupt. Mit demselben Rechte, mit dem daher 
Hagen und übrigens auch Moll eine besondere Schärfe 
und erotische Bedeutsamkeit des Geruchsvermögens als 
Degenerationszeichen bemängeln, könnte eine abnorme 
Sehschärfe und besonders gute körperliche Ausbildung 
als ein „atavistischer^' Rückschlag auf diejenigen Vor- 
fahren gedeutet werden, welche sich ihre Sinnesschärfe 
noch durch keine Uberkultur verdorben und ihren Wuchs 
noch durch keinen Eleiderzwang verschlechtert hatten. 
Oder der muskelstarke und gewandte Turner könnte des 
„atavistischen" Rückschlages auf seine baumkletternden 
Vorfahren verdächtig werden. Der eigentliche, un- 
degenerierte, allseitig normale Kulturmensch wäre danach 
der an Stockschnupfen leidende, etwas schwerhörige 
Brillenträger, der weder durch Sinnesschärfe noch durch 
körperliche Schönheit und Stärke an die Wilden oder 
gar an noch mehr atavistische Typen erinnert 

Trotz dieser Ausstellungen enthält das Hagensche 
Buch aber manches Bemerkenswerte. Am allerwichtigsten 



— 449 — 

erscheinen die im Anschluß an Zwaardemaker und an 
Fliess gemachten Angaben über die chemische Natur 
der chemotaktisch wirksamen Stoffe in der Erotik der Säuge- 
tiere und über die anatomisch-physiologischen Beziehungen 
zwischen bestimmten Teilen der Nase und den Geschlechts- 
organen. (S. 14 und S. 17/8.) In bezug auf erstere 
wird auf die Wichtigkeit der Fettsäuren und besonders 
der Caprylgerüche hingewiesen, die eine besonders große 
Difl'erenzierung aufweisen; und in bezug auf den zweiten 
Punkt sei, der Wichtigkeit der Sache wegen , die Stelle 
auf S. 17/8 zitiert: 

„Es ist nun merkwürdig, daß in der Tat ein direkter 
anatomischer und physiologischer Konsensus zwischen 
bestimmten Teilen der Nase und den Geschlechts- 
organen besteht Man hat diese Stellen zutreffend als 
die Genitalstellen der Nase bezeichnet^) Diese 
nasalen Genitalstellen liegen an der unteren Muschel und 
dem Tubercalum septi einer- oder beiderseits. Es sind 
Schwellkörper, eigenartige Organe von kavernösem 
Bau, ganz ähnlich, wie man sie in der Klitoris und im 
Penis findet. Es gehen nämlich, wo sie vorhanden sind, 
die Kapillaren nicht, wie sonst, direkt in die abführenden 
Venen über, sondern es schiebt sich dazwischen ein Kon- 
volut von Bluträumen ein, die zum Teil miteinander 
anastomosiren. Verengem sich die Venen, so nimmt die 
Füllung jener Bluträume zu und das Volumen der Schwell- 
körper vergrössert sich. Man weiß, daß dieser Vorgang 
unter dem Einflüsse des Ganglion sphenopalatinum steht, 
das durch den Nervus petrosus profundus sympathische 
Fasern vom Carotisgeflecht bezieht Schon durch diese 
Bahn wäre die Verbindung mit dem sympathischen Nerven- 

') „Die Beziehungen zwischen Nase und weiblichen Ge- 
BcblecbtsoTganen'* von Wilhelm Fliess, Leipzig und Wien 1897, 
S. 8. 

Jftbrbach VH. 29 



— 450 — 

System verständlich, dem ja auch die Sexaalleitungen 
Untertan sind.^] Fliess vermag sich nicht den Zweck 
dieser nasalen Genitalstellen zu erklären. Ihm scheint 
Zwaardemaker's ansprechende Vermutung unbekannt 
geblieben zu sein, daß die Erscheinung der Anschwellung 
der nasalen Corpora cavemosa bei sexuellen Erregungen 
des Mannes und des Weibes im Einklang steht mit den 
Beziehungen zwischen Geruch und Sexualität, welche 
durch die ganze Tierreihe bemerkbar sind. Nach 
Zwaardemaker ist es nicht unmöglich, daß der 
Uberfiillung der Schwellkörper eine Schrumpfung der- 
selben vorangeht, welche eine sehr erwünschte zeit- 
weilige Hyperosmie während des sexuellen Exzitations- 
stadiums bedingt'' 

„Dies ist um so wahrscheinlicher, als die Capryl- 
gerüche, welche im Geschlechtsleben der Säugetiere 
eine so große Rolle spielen, gerade über den Schwell- 
körpern lokalisiert sind. Beim Abschwellen des 
Schwellgewebes entsteht nämlich reichlicher Zutritt der 
Atemluft in dieser Gegend der Sinnesschleimhaut und 
dadurch Hyperosmie für bestimmte Gaprylgerüche. 
Beim Anschwellen der Tela cavemosa findet fast voll- 
kommener Abschluß derselben Gegend statt und in- 
folgedessen relative Anosmie iUr die nämlichen Gerüche, 
so daß die Caprylsäuren sogar angenehm empfunden 
werden."^ — 

Wenn dies als sicher nachgewiesen angenommen 
werden könnte, so würde hier sogar, meines Wissens zum 
ersten Male, eine genauere Einsicht in den physiologisch- 
anatomischen Mechanismus eines Kettenreflexes gewonnen 
sein: denn wir würden bis zu einem gewissen Grade ver- 
stehen, auf welche Weise der Zustand der Sexual- 

») Fliess a. a. 0. S. 3. 

-) Zwaardemaker a. a. 0. S. 263—264. 



- 451 — 

Organe den „Instinkt^^ des ^^Kontrektationstriebes^^ regn- 
lierte; es geschähe dies durch eine nervöse Beeinflussung 
der Nasenschwellkörper und eine dadurch erfolgende 
Änderung der chemotaktischen Reizbarkeit, auf welcher 
die erotische Anziehung beruht. 

Jedenfalls kann man mit Sicherheit aussprechen, daß 
auch in der menschlichen Erotik — nach unsrem Ma- 
terial zunächst in deren homosexueller Variante — 
positive wie negative Chemotaxis eine sehr erhebliche 
Rolle spielt, und daß nur die Frage offen bleibt^ ob diese 
Tatsache nur eine sehr verbreitete, oder aber, trotz des 
Widerspruchs Vieler, gar eine allgemeine sei. Femer 
liegt hier ein so fundamentaler, einfacher und primitiver 
Tropismus vor^ wie das bei keiner der andern fbr die 
Erotik wichtigen Sinneswahmehmungen der Fall sein 
kann. Ein Tropismus nämlich, welcher etwa durch einen 
bestimmten Stimmklang ausgelöst würde, wäre eine sehr 
schwer vorstellbare Annahme und könnte außerdem jeden- 
falls nicht mit den primitiven Tropismen, wie dem Helio- 
tropismus, dem Geotropismus, der Chemotaxis usw. ohne 
weiteres in Parallele gesetzt werden. In solchen Fällen, 
wie z. B. gerade denen der Oehörswahmehmungen, liegt 
jedenfalls die Annahme näher, daß es sich hier um 
Wirkungen sozusagen zweiter Hand handle, welche den 
Umweg durch das assoziative Gedächtnis gemacht haben. 
Wenn z. 6. — deswegen wurden gerade jene vier Fälle 
besonders hervorgehoben — sich jemand durch die Klang- 
farbe der mutierenden Jünglingsstirome angezogen fühlt, 
so ist dies wahrscheinlich nur deswegen der Fall, 
weil sich diese Klangfarbe im Gedächtnis mit einem 
jQnglinge desjenigen Alters assoziiert hat, welcher ur- 
sprünglich aus andern Gründen erotisch bevorzugt wird. 
Und wahrscheinlich steht es mit manchen andern Angaben 
ebenso. Eine tiefe oder eine hohe Stimme könnte bei- 
spielsweise ein äußeres, weithin wahrnehmbares Anzeichen 

29* 



— 452 — 

f&r eine besondere Körperbeschaffenheit sein, die aus 
ganz andern Gründen den Betreffenden erfahmnga- 
und gedächtnisgemäß erotisch reizt. Sobald nun diese 
äußeren Zeichen — die mutierende oder die tiefe Stimme 

— wahrgenommen werden , so wird halb unbewußt 
durch die Gedächtnistätigkeit die Vorstellung jener 
andern, erotisch fundamental erheblichen Sinnesqualitäten 
wachgerufen, so daß der Anschein entsteht, als ob 
die Klangfarbe eine unmittelbare Anziehung ausübte, 
während dies nur mittelbar, infolge der Assoziation, der 
Fall ist. 

Eine unmittelbare Anziehung scheint hingegen 
wirklich durch die Gesichtswahmehmungen erzeugt zu 
werden. Auch diese, vermittelst der Assoziationshypothese, 
etwa als eine verkappte Chemotozis anzusehen, hieße 
denn doch^ nach den bisherigen Ehrgebnissen, zugunsten 
einer vorgefaßten Theorie den Tatsachen Gewalt antun. 
Denn über die Erheblichkeit der Gesichtswahmehmungen 
sind ja alle einig, während die Bedeutung der Geruchs- 
wahmehmungen von Vielen auf das Bestimmteste in Ab- 
rede gestellt wird. Um nun den relativ primitiven 
Charakter dieser von der sichtbaren körperlichen Form 
ausgehenden Anziehungskraft durch ein Wort als solchen 
kenntlich zu machen, dachte ich daran, einen neuen 
terminus technicus auszuprägen und die fragliche Er- 
scheinung etwa als „Kalotropismus'< (von xakog) zu 
bezeichnen; während ein zufällig anwesender Freund 
Morphotropismus (von /bio()<jr 17) vorschlug. Dieser bereits 
oben benutzte Ausdruck würde besagen, daß eine be- 
stimmte, sichtbare oder fühlbare körperliche Form — 
nämlich die Normalform der betreffenden Art oder Rasse, 
und zwar unter Umständen in einer, nach dem indivi- 
duellen Geschmacke verschieden ausgeprägten Nuancierung, 

— eine unmittelbare, einstweilen nicht weiter analysier- 
bare Anziehungskraft ausübt, ' gleichviel mit welchem 



— 453 — 

Sinnesorgan diese Form wahrgenommen wird. Bei der 
Einführung eines dieser Ausdrücke — Morphotxopismus 
scheint mir der mehr geeignete zu sein — ist jedoch 
sogleich ausdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daB 
dieser ,,Tropismus'^ nicht auf einer Stufe mit der Chemo- 
taxiS; dem Geotropismus oder dem Stereotropismus steht, 
und zwar deswegen nicht, weil hier nicht eine Reizung 
durch eine einfache physikalische oder chemische Ein- 
wirkung, sondern eine ungleich mehr verwickelte An- 
ziehung durch eine viel kompliziertere Reizkombination 
vorliegt — eine Anziehung, welche sich großenteils einst- 
weilen in das physiologische Schema nicht recht ein- 
passen läßt und in das sogenannte Psychische, also in ein 
weit dunkleres Gebiet, übergreift. Auch ist der Aus- 
druck Morphotropismus, wie ich gleichfalls ausdrücklich 
hervorhebe, im Gegensatz zum Geotropismus, Helio- 
tropismus, Chemotropismus usw. nur ein neues Wort für 
einen altbekannten Tatbestand ; er ist in dieser Hinsicht 
zu vergleichen mit den MoUschen Worten „Eontrekta- 
tions-" und ^Detumeszenztrieb'^ Die Ausprägung neuer 
Worte hat jedoch, wie allgemein zugestanden wird, mit- 
unter einen gewissen logisch-analytischen Wert und erhöht 
die Bequemlichkeit der Verständigung. Wenn man da- 
her jene beiden Einschränkungen niemals außer acht 
läßt, so dürfte der neue Ausdruck flir die von der sicht- 
baren Gestalt ausgehende, einstweilen nicht weiter 
analysierbare erotische Anziehungskraft mit Vorteil an- 
gewandt werden. 

Hiemach würde sich die Jägersche Theorie etwas 
modifizieren. Wir werden verstehen, daß vorwiegende 
Nasentiere, wie die meisten Säugetiere, auch in der Elrotik 
überwiegend chemotaktisch reizbar sind, während bei 
vorwiegenden Augentieren, wie dem Menschen, neben die 
Chemotaxis der Morphotropismus tritt, um in vielen 
Fällen ersteren an Bedeutung zu übertreffen. Mit dra*- 



— 454 — 

winistisch-historischen oder gar mit atavistischen Speku- 
lationsentgleisungen hat diese Fassung natürlich nichts 
zu tun. — 

Die in manchen Fällen behauptete Bedeutsamkeit 
der Gehörswahmehmungen möchte ich, wie schon gesagt, 
größtenteils^ wenn nicht ausschließlich, durch das assozia- 
tive Gedächtnis erklären, teilweise aber vielleicht in das 
sogenannte psychische Gebiet einreihen und damit an- 
erkennen, daß sie sich einstweilen der physiologischen 
und überhaupt rein naturwissenschaftlichen Analyse 
entzieht — 

Die für die Erotik sicherlich hochwichtigen, objektiv 
als Stereotropismus zu klassifizierenden Tastwahr* 
nehmungen sind in den Antworten unserer Rundfrage 
offenbar zu kurz gekommen. Vielleicht deswegen, weil 
sich diese Empfindungen besonders schwer in klare Worte 
kleiden lassen, vielleicht aber auch deswegen, weil wir, 
nach der Mollschen Bezeichnungsweise, diesmal in unserm 
Frageschema nur eine Analyse des „Eontrektationstriebes^, 
d.h. der erotischen Anziehungskraft auf Distanz, erstrebt 
haben, während die stereotropischen Reizbarkeiten offen- 
bar teils die Brücke zum „Detumeszenztriebe'^, d. h. zum 
Mechanismus der Samenentleerung schlagen, teils aber 
sogar ganz in das letztere Gebiet fallen. Daß Reizbar- 
keiten nach Art des Stereotropismus bei der Erotik 
eine große Rolle spielen, kann als gewiss gelten; unser 
Material ist aber nicht dazu angetan, an dieser Stelle 
näher darauf einzugehen. — 

Das rein Psychische müssen wir endlich hier auf 
sich beruhen lassen; nicht etwa, weil es an sich unerheb- 
lich wäre, sondern deswegen, weil es mir — einstweilen 
— ganz und gar der naturwissenschaftlichen Analyse zu 
trotzen scheint. — 

Ich habe schon in meiner ersten kurzen Abhand- 
lung, welche sich auf die Reflex- und Tropismen theorie 



— 455 — 

der tierischen Bewegungen bezieht (vgl. Fußnote auf S. 391) 
einen Zweifel ausgesprochen, ob es überhaupt möglich 
sei, alle tierischen Bewegungen restlos auf Tropismen 
zurückzuführen; und dieser damals noch gelinde Zweifel 
ist inzwischen zu der entschiedenen Vermutung heran- 
gereift, daß dies wenigstens bei höheren Tieren niemals 
der Fall sein wird und zwar nicht etwa nur wegen der 
sozusagen technischen Kompliziertheit der Sache, sondern 
ans übergeordneten, fundamentalen Gründen: so bereit- 
willig ich auch anerkenne, daß das Wort „niemals'' in 
diesem Zusammenhange bedenklich klingt. Jedenfalls 
aber hat man keinen zwingenden Grund zu der positiven 
Annahme, daß sich alle tierischen Bewegungen restlos in 
Tropismen auflösen lassen müßten. Das würde meiner 
Ansicht nach ein ähnlicher, dogmatisch-materialistischer 
Fehler sein, wie wenn man von vornherein die Annahme 
machte, daß sich alle Lebenserscheinungen aaf physika- 
lische und chemische Prozesse zurückführen lassen müß- 
ten. Letztere Annahme ist in den beiden letzten Jahr- 
zehnten durch eine Reihe von Untersuchungen auf dem 
Gebiete der experimentellen Embryologie oder sogenannten 
Entwicklungsmechanik, übrigens aber auch durch die 
SerumforschuDg, sogar geradezu unwahrscheinlich ge- 
worden, und die alte Theorie von einer besonderen 
„Lebenskraft" hat eine Art Auferstehung erlebt, wie schon 
das Schlagwort „Neovitalismus'^ andeutet. 

Hier sind wir aber nachgerade bei einer der aller- 
schwierigsten Fragen angelangt, auf die ich mich hüten 
werde eine Antwort zu geben. Nur mein persönlicher 
Standpunkt sei dahin präzisiert, daß ich die Achtung vor 
Tatsachen als das Hauptrequisit aller und jeder wirk- 
lich voraussetzungslosen Forschung ansehe. Ein dog- 
matischer Materialismus ist eben auch ein Dogmatismus, 
und diese Erkenntnis ist nur insofern gefährlich, als sie, 
wenn man unvorsichtig zu Werke geht, dem priesterlichen 



— 456 — 

Rückschritt eine Handhabe gegen die naturwissenschaft- 
liche Aufklärung überhaupt in die Hand gibt. Diese 
wirklich bestehende Gefahr, die nicht zu unterschätzen 
ist, darf uns aber logischerweise nicht dazu verführen, 
aus Furcht vor der pfäffischen Reaktion nun selbst 
unsererseits dieselben unsauberen Waffen des Dogmatis- 
mus zu schwingen, wie unsere und der besseren Mensch- 
heit Gegner. Die wirklich vorhandene Neigung mancher 
Neovital isten zum Mystizismus, zu erkenntnistheoretisch 
verkappten oder unverschleiert religiösen Aberglaubens- 
artikeln, ist auf das schärfste zu bekämpfen, ohne deswegen 
die zugrunde liegenden Tatsachen geflissentlich zu 
ignorieren oder den Versuch zu machen, sie auch dort 
ins Physicomechanische einzuzwängen, wo das nun ein- 
mal nicht möglich ist. 

Ahnlich also, wie die Annahme voreilig ist, daß sich 
alle Lebenserscheinungen in ein Gefüge physikalischer 
und chemischer Vorgänge auflösen lassen müssen, so 
wäre es eine ohne zureichenden Grund vorgefaßte Mei- 
nung, als ob sich alle tierischen Bewegungen — in unserem 
Falle die erotischen — restlos in Tropismen auflösen 
lassen müßten. 

Die Analogie geht aber noch weiter. Es ist sicher, 
daß sich viele, früher der „Lebenskraft'' zugeschrie- 
benen Vorgänge in der Tat rein physikalisch und che- 
misch erklären lassen^ und es ist ebenso sicher, daß 
sich viele, früher für rein „spontan'' oder „instinktiv«' 
ausgegebenen tierischen Bewegungen in der Tat als 
Tropismen, Reflexe und Reflexketten erweisen lassen. 
Damit ist aber außerordentlich viel gewonnen: denn mit 
der Feststellung der Reizbarkeiten und der Reize haben 
wir wenigstens die erste und unmittelbare Ursache ge- 
funden, von welcher jene Bewegungen abhängen. 

Wenn die Reizphysiologie und ihre Anwendung auf 
die sog. Listinkte nicht noch immer manchen Biologen — 



— 457 . — 

vom Groß der Arzte nicht zu reden — wenig geläußg 
wäre, 80 würden manche mündliche, schriftliche und ge- 
druckte Einwendungen gegen meine Betrachtungsweise 
unterblieben sein — auf Unkenntnis beruhende Ein- 
wendungen, welche im einzelnen zu widerlegen nicht der 
Mühe lohnt, da sich, wie das in der Wissensgeschichte 
oft so geht, niemand um sie kümmern wird, nachdem 
erst einmal jene Kenntnisse, die^ dort eben fehlten, in 
einigem Grade Allgemeingut geworden sein werden. Es 
berührt eigenartig, wenn der gelehrte Jesuit und bekannte 
Ameisenspezialist Wasmann einen Wamungsruf vor einer 
Überschätzung der Tragweite der Reizphysiologie aus- 
stößt, während die Majorität der Biologen und Ärzte 
noch gar nicht weiß, wovon eigentlich die Bede ist 
Die einzige Antwort, die man von mir erwarten dar^ 
kann also nur in der Aufforderung bestehen, sich etwas 
mehr um die neuere Physiologie zu bekümmern und zwar 
nicht nur um diejenige, welche gerade im Augenblick 
auf den Hochschulen modern ist Ich empfehle allen, 
die sich für diese Fragen interessieren und sich bilden 
wollen, das Kapitel „Zur Theorie der tierischen Instinkte^' 
in Loebs ,^Einleitung in die vergleichende Gehimphysio- 
logie usw. mit besonderer Berücksichtigung der wirbel- 
losen Tiere" (Leipzig, J. A. Barth, 1899) zu lesen. Wenn , 
dieses in manchen Richtungen grundlegende Buch, das 
z. B. auch mit einem Lieblingssteckenpferde der älteren 
(aber auch noch der gegenwärtigen!) Schulphysiologie, 
nämlich mit der Zentren theorie, aufräumt, hinlänglich 
bekannt wäre, so würde sich auch der in manchen Be- 
ziehungen verdienstvolle Moll die historische Spekula- 
tion über die große Frage erspart haben, welche seiner 
beiden Komponenten des subjektiven Geschlechtstriebes 
wohl die „phylogenetisch ältere" sei; er würde vielmehr, 
wie das in unserer Schrift zum ersten Male versucht 
wird, eine wirklich naturwissenschaftliche, d. h. kausale 



— 458 — 

Auflösung des Geschlechtstriebes oder yielmehr der deui 
Sexualinstinkt zugeschriebenen Erscheinungen und Be- 
wegungen in Reizbarkeiten, Tropismen und Eettenreflexe 
angestrebt haben. Um jedoch dem weniger Orientierten 
unter meinen Lesern womöglich eine noch klarere Vor- 
stellung Yon dem Gedankengange Loebs zu geben, so sei 
aus dem genannten Buche nochmals ein Passus (auf 
S. 130) zitiert: 

,^Mit der Zentrentheorie der Instinkte fällt auch der 
Versuch, die Instinkte «historisch» zu erklären. Wir 
haben im ersten Kapitel auf die Behauptung hingewiesen, 
daß die Instinkte ursprünglich bewußte Handlungen ge- 
wesen seien, die durch «Übung» zur Ausbildung Ton 
Reäexzentren geführt hätten. Solange periphere Reizbar- 
keiten, wie Lichtempfindlichkeit usw., f&r die Reflexe be- 
stimmend sind, ist es unmöglich anzunehmen, daß es 
sich bei den Instinkten um fixierte Erfahrungen der 
Yoranfgehenden Generation handelt Ich vermag mir 
nicht vorzustellen, wie ein Tier oder eine Spezies licht* 
empfindliche Substanzen in seinen Augen oder auf seiner 
Haut auf dem Wege der «Erfahrung» oder «Übung» 
erwerben könnte. Ich glaube aber, daß der «historische» 
Weg der Erklärung der Lebenserscheinungen ^ d. h. der 
Versuch einer phylogenetischen Erklärung derselben er- 
kenntnistheoretisch ebenso verfehlt ist, wie wenn man 
etwa darauf bestehen wollte, daß die Dampfmaschine 
geologisch zu erklären sei. Bei Maschinen interessiert 
uns die Umwandlung und Dosierung der Energie, die 
Geschichte unseres Planeten kann uns darin nicht förder- 
lich sein. Lebende Wesen aber sind Maschinen und 
müssen als solche analysiert werden, sobald wir ein Ver- 
ständnis ihrer Reaktionen erlangen wollen. In den er- 
kenntnistheoretischeu Irrtum «historischer» Erklärungs- 
methoden ist die Biologie nur dadurch geraten, daß dem 
genialen Wiedererwecker des Evolutionsgedankens, Darwin, 



— 469 — 

die energetischen Naturwissenschaften (Physik, Chemie 
und Physiologie] weniger nahe lagen. Das schmälert 
natürlich sein Verdienst obensowenig, wie es unsere Be- 
wunderung für den Mann verringern darf. Auf der andern 
Seite ist aber auch kein Grund vorhanden, daß die 
erkenntnistheoretischen Einseitigkeiten des Meisters nun- 
mehr unter den Biologen erblich werden sollten. Selbst 
das Problem der Entstehung der Arten wird erst dann 
zu ernsten Resultaten führen^ wenn es vom Standpunkt der 
energetischen Naturwissenschaften, d. h. vom maschinellen 
Standpunkt aus in Angriff genommen werden kann.'' — 

Doch lassen sich diese Dinge nicht beiläufig ab- 
machen; es steht zu hoffen, daß mit der Erkenntnis, daß 
wir in Loeb den Ersten unter den lebenden Physiologen 
zu erblicken haben, auch die Kenntnis seiner Werke 
zunehmen möge, wodurch solche historisierenden Be- 
trachtungen über rein kausale Probleme — Redereien, 
welche wegen ihrer gänzlichen Wertlosigkeit für das 
wirkliche Versl&ndnis auf den Kenner komisch wirken — 
mit der Zeit aufhören. 

So haben mich die ablehnenwollenden Kritiken 
meines Buches nicht beeinflussen können, weil sie auf 
Unkenntnis der modernen Reizphysiologie beruhen.^) 



') Die ganz beil&ufige Erwfthnnng der — überdies schon von 
Eagen Dühring entdeckten und beschriebenen — Psychopathia 
oder Paranoia psyehiatrica ist mir von einigen übelgenommen 
worden. Dn lieber Himmel ! Der einzige Psychiater, der seinem 
Mamen wirkliche Unsterblichkeit gesichert hat, ist der, ich 
weiß nicht ob Gehefme oder nicht Geheime Medizinalrat von 
Zell er, der Robert Mayer auf dem Zwangsstuhl unter An- 
wendung körperlicher Schmerzen vergeblich zum Widerruf seiner 
großen Entdeckung zu zwingen versuchte. Diese therapeutische 
Leistung wird in Jahrhunderten und Jahrtausenden unvergessen 
bleiben, ja solange sich die Menschheit überhaupt um Wissenschaft, 
um ihre größten Vertreter und um deren Schicksale kümmert. 
Und während der Irrenrat das, was er nicht verstand, fortzukurieren 



— 460 — 

Bei Loebs Kritik des Darwinismus und seiner 
mißbräuchlichen Anwendung mag einem das Wort 
des Ibsenschen Volksfeindes einfallen: „Was sind denn 
das für Wahrheiten, um welche die Majorität sich zu 
scharen pflegt? Es sind W^ahrheiten, die so hoch 
zu Jahren gekommen, daß sie sich bereits abgelebt 
haben. Ist jedoch eine Wahrheit so alt geworden, so ist 
sie auf dem besten Wege eine Lüge zu werden. — 
Ja, ja, ihr möget mir glauben oder nicht, aber die Wahr- 
heiten sind nicht so zählebige Methusalems, wie die 
Menschen sich einbilden. Eine normal gebaute Wahrheit 
lebt — nun sagen wir: in der Regel fünfzehn, sechzehn, 
höchstens zwanzig Jahre; selten länger. Aber solche 



yenachte, waren die findigeren unter den Handwerksgelehrten 
damit beschäftigt, die Majenche Entdeckung des mechanischen 
Wärmeftquivalenta für sich zu eskamotieren. — Bei dieser Sach- 
lage ist doch wohl ein harmloses Scherzchen über psychiatrische 
Sachverständigkeit kein Majestfitsverbrechen. — Vergl. Du bring, 
,3obert Mayer, der Galilei des XIX. Jahrhunderts^' (Chemnitz, 
Ernst Schmeitzner, 18S0), S. 73 ff. — Herr Professor Karsch ver- 
rät schon im Titel seiner Broschüre: „Beruht gleichgeschlechtliche 
Liebe auf Soziabilität?* (Seitz & Schaaer, München, 1905) die Un- 
kenntnis der reizphysiologischen Betrachtungsweise, indem Ursache 
und Wirkung verwechselt werden. Es beruht nicht die gleich- 
geschlechtliche Liebe auf Soziabilität, sondern umgekehrt beruht 
die Soziabilität — d. h. die biologische Eigentum lichkeit gewisser 
Arten, in Herden, Verbänden oder Staaten zu leben — auf gleich- 
geschlechtlicher Liebe im weiteren Sinne, d. h. auf dem Umstände, 
daß bei sozialen Arten physiologische, auf Tropismen beruhende, 
Anziehungskräfte nicht nur zwischen Männchen und Weibchen 
und Eltern und Kindern, sondern auch zwischen den Individuen 
desselben Geschlechts wirksam sind. Ohne solche vom Geschlechte 
unabhängige Anziehungskräfte könnten soziale Arten gar nicht 
existieren. Betreffs der Bienen wissen wir zudem die interessante 
Einzelheit, daß es sich jedenfaUs um chemotaktische Anziehungs- 
kräfte zwischen Königin und Arbeitsbienen handelt; wozu viel- 
leicht noch Anziehungskräfte zwischen den einzelnen Arbeits- 
bienen und andere Zusammenhänge kommen. B. F. 



— 461 — 

bejahrte Wahrheiten sind entsetzlich dürr und mager. 
Und dennoch macht sich erst dann die Mehrheit mit 
ihnen zu' schaffen und empfiehlt sie der Menschheit als 
gesunde geistige Nahrung usw.^' — Eine solche gar 
magere und bejahrte Wahrheit ist seit langem auch der 
Darwinismus, soweit er nämlich überhaupt jemals Wahr- 
heit gewesen ist Wie dürr aber die darwinistische 
Deszendenzwahrheit nachgerade geworden ist, erkennt 
man daran, daß der groBe Haufe, wenn er sonst nichts zu 
sagen weiß, zu phylogenetehi anfängt und oft in hoch- 
komischer Weise rein kausale Probleme historisch 
anpackt. 

Der wissenschaftliche Fortschritt liegt sicherlich in 
der möglichst weitgehenden Zurückfiihrung der Lebens- 
Torgänge auf physikalisch-chemisches Geschehen und einer 
möglichst weitgehenden Reduktion der meist als spontan 
oder instinktiv bezeichneten Bewegungen auf Reflexe und 
Tropismen; denn Reizbarbeiten, und bestimmte, namhaft 
zu machende äußere Reize, und somit ein relatives 
Verstehen, Vorhersagen und Beherrschen der Ver- 
enge treten an die Stelle scheinbarer Willkür und 
Spontaneität. 

In beiden Fällen bleibt ein immer kleiner werdender 
Rest von besonderen Erscheinungen übrig, welche wir, 
soweit es sich um Wachstums-, Stoffwechsel-, Energie- 
wechsel und physiologische Vorgänge aller Art handelt, 
als spezifisch „vital" — d. h. soviel wie einstweilen 
nicht reduzierbar auf physikalisch-chemisches Geschehen — 
im Falle der tierischen Bewegungen hingegen einstweilen 
als anscheinend „spontan" oder vielleicht nur „psychisch 
motiviert" bezeichnen. 

Beide Reste werden immer kleiner; ob sie aber je- 
mals ganz verschwinden werden oder ob ein solches Ver- 
schwinden auch nur theoretisch denkbar ist, ist für den 
Vorsichtigen eine offene Frage. 



— 462 — 

Vielleicht wird die Loebsche Wahrheit — die Zurück- 
führbarkeit der tierischen Bewegungen auf Tropismen — , 
wenn sie dereinst bejahrt und von der Majorität angenom- 
men sein wird, ebenso gemißbraucht werden, wie heut- 
zutage der Darwinismus ; d. h. auf solche Fälle angewandt^ 
auf die sie nicht anwendbar ist und die sie nicht zu 
erklären vermag. 



Schadet die soziale Freigabe des 

homosexuellen Verkehrs 

der kriegerischen Tüchtigkeit der Kasse? 



Ein vorläufiger Hinweis 

von 

Benedict Frlcdlaender-Berlin. 



Eines der schwerwiegendsten Bedenken gegen die 
legale Freigabe und noch mehr gegen die soziale An- 
erkennung des homosexuellen Verkehrs besteht in der Be- 
hauptung, der homosexuelle Verkehr könne zur Verweich- 
lichung und hiermit zur kriegerischen Untüchtigkeit der 
Rasse beitragen. Wenn das richtig wäre^ so würde mancher 
der Ansicht zuneigen, daß gegenüber nationalen Interessen 
private Gerechtigkeitsrücksichten verstummen müßten. 

Nun ist aber dieser Einwand, wie so viele andere, 
einfach unrichtig, and innerhalb gewisser Grenzen sogar 
das Gegenteil davon wahr. Im Rahmen dieser vorläufigen 
Notiz sei zunächsj; nur an die mannigfachen Zusammen- 
hänge zwischen der sozialen Anerkennung des E^ros mit 
der Gymnastik und dadurch auch mit der kriegerischen 
Tüchtigkeit im hellenischen Altertum erinnert Auch ist 
es klar, daß der engere Anschluß zwischen Männern und 
Jünglingen, welcher die Folge dieser sozialen Anerken- 
nung ist, der Pflege der spezifisch männlichen Tugenden 
(üpSgsta] virtus; Bushido] günstig sein muß. Piaton 
spricht in seinem Gastmahl bekanntlich aus, daß der 
homosexuelle Verkehr, sowie auch die Leibesübungen und 
die Pflege der Wissenschaft bei den Barbaren deswegen 
verpönt sei, weil die Tyrannen in der engen Verbrüde- 
rung des superioren Geschlechts gefährliche Freiheits- 
keime witterten.^) — In Kupfl'ers bekanntem, aber noch 
immer nicht hinreichend gewürdigtem Werke über die 
„Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur*' 
findet man zahlreiche Beispiele von homosexuellen Lieb- 
schaften bei hellenischen Staatsmännern und Heerführern. 
Die inneren kausalen Zusammenhänge der geschichtlichen 
Tatsachen habe ich in meiner Renaissance aufzuhellen 

^) Gastmahl ; zitiert in meiner ,,Renai88ance des Eros Uranios" 
auf S. 17 des Anhangs. 

Jahrbuch VII. 30 



— 466 — 

versucht Auf diese Dinge kann jedoch hier im Augen- 
blick nicht des näheren eingegangen werden, es soll viel- 
mehr auf folgende bemerkenswerte Tatsache aus der 
Weltgeschichte der Gegenwart hingewiesen werden. 

Im IV. Jahrgange dieser Zeitschrift (1902) findet sich 
in dem äußerst lesenswerten Artikel von Suyewo Iwaya- 
Tokio über ,,Nan sho k'^', d. h. die Päderastie in Japan, 
auf S. 270 folgender Passus: 

„Es ist auch noch merkwürdig, daß die. Päderastie in 
Japan nicht in allen Provinzen in gleicher Weise bekannt 
ist. Es scheint, daß sie in dem südlichen Teil eine 
größere Ausdehnung gefunden hat, als in den nördlichen 
Promnxen von Japan, Es gibt Gegenden ^ wo das große 
Publikum beinahe keine Ahnung davon hat. Dagegen 
in KyushUy besonders in Satzuma ist sie von alten 
Zeiten ganz besonders verbreitet. Das kommt vielleicJU da- 
her, das man dort in Salxuma so sehr die Tapferkeit und 
Männlichkeit schätzt, wä^irend in andern Provinzen, u)o 
keine oder wenig Päderastie bekannt ist, das Ansehen der 
Frauen und die Liebe zu ihnen viel größer ist. Denn man 
hört von verständigen Leuten sagen^ daß der MenscJi in den 
Pronnzen, wo die Liebe zu Jünglingen vielfach herrscht, mehr 
männlich und robust, und der, welcher in Gegenden ohtie 
Päderastie lebt, sanfter, schlaffer, manchmal liederlicher sei.** 

Aus dem übrigen Inhalt des Artikels sei noch her« 
Yorgehoben, daß nach einer Angabe auf S. 266 die 
Päderastie schon bei den Rittern (um das Jahr 1200) sowie 
auch bei den Daimyos (Fürsten) eine große Rolle spielte. 
Insbesondere hielten die letzteren neben ihren Frauen 
noch hübsche Jünglinge als sogenannte Kosho. Hiemach 
hat man also nicht nur die rein Homosexuellen gewähren 
lassen, sondern auch der homosexuellen Quote bei den 
weit zahlreicheren Bisexuellen Freiheit verstattet, so daß. 
anscheinend die Sittenzustände in dieser Beziehung den- 
jenigen des alten Hellas nicht unähnlich waren; woraus 
dann weiter mit Sicherheit geschlossen werden kann, daß 
die Stellung der Frau weniger dem europäischen Damen- 



— 467 — 

wesen, als yielmehr gleichfalls den altgriechischen Zu- 
ständen entsprochen haben mag. — Dies ist, wohlbemerkt, 
schon 1902, also lange vor Ausbrach des japanisch- 
russischen Krieges geschrieben, so daß eine Färbung der 
Tatsachen ganz außer Spiel ist 

Vor ein paar Monaten ersah ich nun zufällig aus 
einer Zeitungsnotiz, daß einige der berühmtesten Männer 
des modernen Japan aus dem südlichen Teile des InseU 
reichs gebürtig seien. Als dann in der Juni -Nummer 
der von Herrn Eisak Tamai (Berlin, Kleinbeerenstr. 9) 
herausgegebenen Zeitschrift ,, Ost- Asien <* auf S. 96 die 
Namen von zwanzig der hervorragendsten Japaner mit 
Angabe ihrer Laufbahn in den letzten 22 Jahren ver- 
öffentlicht wurden, da hielt ich es in diesem Zusammen- 
hange — der den Alten ja völlig geläufig war und den 
ich in meiner „Renaissance des Eros Uranios'' aus mittel- 
alterlicher Verschüttung wieder ans Tageslicht zu ziehen 
versucht habe — für interessant, festzustellen, von welchen 
Inseln jene hervorragenden Männer stammten. Ich 
wandte mich daher brieflich an Herrn Eisak Tamai, 
welcher ohne die geringste Kenntnis vom Zwecke meiner 
Anfrage mir in liebenswürdiger Weise die erbetene Auskunft 
gab — eine Auskunft, welche die erwähnte Zeitungsnotiz 
vollauf bestätigte und alle Erwartungen weitaus übertraf. 

In der Tat muß für jeden Denkenden folgendes 
vom höchsten Interesse sein. 

Es sind von Ghoshu, d. h. dem äußersten Südwest- 
zipfel der Hauptinsel Nippon: 

1. Graf Katsura, General und Premierminister. 

2. Herr Terauchi, General und Kriegsminister. 

3. Baron Sone, Finanzminister. 

4. Marquis Yamagata, Feldmarschall und Chef 
des Generalstabs. 

5. Baron Nogi, Feldmarschall, Oberbefehlshaber 
der III. Armee, Eroberer von Port Arthur. 

30* 



— 468 — 

6. Baron Kodama, General, Stabschef des Mar- 
schalls Oyama. 

7. Herr Hasegawa, Feldmarschall, Oberbefehls- 
haber der Korea-Armee. 

8. Baron Eawamura, Feldmarschall, Oberbefehls- 
haber der Yalu-Armee. 

Aus Satzuma, der in homosexueller Beziehung beson- 
ders hervorgehobenen Provinz der Insel Kyushu stammen: 

9. Baron Yamamoto, Admiral und Marineminister. 

1 0. Marquis y am a, Feldmarschall und Oberbefehls- 
haber sämtlicher Truppen in der Mandschurei. 

11. Graf No zu, Feldmarschall, Oberbefehlshaber der 
IV. Armee. 

12. Togo, Admiral und Oberbefehlshaber der Mari ne, 
Sieger in der größten, voraussichtlich einer der 
folgenreichsten, und sicherlich einer der für den 
menschlichen Gesamtfortschritt erfreulichsten 
Seeschlachten der Völkergeschichte. 

Aus Awa, Provinz der auch zum südlichsten Japan 
gehörigen Insel Shikoku ist: 

13. Vicomte Yoshikawa, Minister des Innern. 
Aus Higo, Provinz der Insel Kyushu stammt: 

14. Baron Kiyoura, Minister für Landwirtschaft 
und Handel. 

Aus Oita, Provinz der Insel Kyushu ist: 

15. Baron Kuroki, Feldmarschall, Oberbefehlshaber 
der I. Armee. 

Von den fünf nicht erwähnten hervorragenden Japanern 
— unter denen vier, nämlich Komura, Oura, Hatano und 
Kubota Minister und nur einer — (Oku) — Militär ist, 
konnte mir Herr Tamai die Geburtsinsel nicht angeben, 
jedoch habe ich dann von anderer befreundeter japanischer 
Seite erfahren, daß auch Oku von der Insel Kyushu stammt. 

Man vergegenwärtige sich nun, daß sich die Reihe 
der japanischen Inseln (außer Formosa) ungefähr vom 



— 469 — 

45. bis zum 31. Parallelkreise, also ungefähr über einen 
Breitenunterschied wie von Norddeutschland nach Sizilien 
erstreckt und daß Choshu^ wie Eyushu und Shikoku 
sämtlich südlich des 35. Parallelkreises liegen. Es 
stammen also ganz aufikllend viele dieser hervorragen- 
den Japaner und unter ihnen gerade die allermeisten der 
großen Eriegshelden, denen ihr Vaterland nicht nur un- 
sterblichen Ruhm, sondern sichtlich genug seine Ekistenz 
verdankt, und welche der ganzen Völkergeschichte neue 
Bahnen vorgeschrieben haben, aus dem Süden des Reichs, 
und nicht weniger als vier sogar aus Satzuma. Noch 
viel gewichtiger nimmt sich aber dieser umstand im 
Lichte der Bevölkerungsstatistik aus, welche ich gleich- 
falls der gütigen Mitteilung des Herrn Kisak Tamai ver- 
danke. Es beträgt die Gesamtbevölkerung (nach dem 
Zensus vom letzten Dezember 1903) 46732841. Davon 
leben auf der Insel Kyushu (einschließlich natürlich der 
Provinz Satzuma) • 6708657, davon auf Satzuma nur 
683670. Auf Choshu, jenem Zipfel der Uauptinsel 
Nippon, welcher Kyushu gegenüber liegt und die beiden 
Provinzen Suwo und Nagato enthält, leben 1132879. 

Die auffallende statistische Häufigkeit der großen 
Kriegshelden im südlichen Japan wird also noch mar- 
kanter, wenn man bedenkt, auf einen wie kleinen Prozent- 
satz der Gesamtbevölkerung des Reichs sich jene großen 
Heer- und Flottenführer zusammendrängen. Ja, sowohl 
Oyama, der Besieger der russischen Landarmee, als 
auch Togo, der Vernichter der russischen Flotte, also 
die beiden allerhervorragendsten soldatischen Retter des 
Reichs der aufgehenden Sonne, stammen von Satzuma, 
von jener Provinz, „wo die Päderastie von alten Zeiten 
ganz besonders verbreitet ist", und welche dabei noch 
keine ^/^ Million Einwohner zählt! 

Wie lächerlich nimmt sich nicht angesichts dieser 
Tatsachen der unternommene Versuch aus, die männliche 



— 470 — 

Jugend länger zu „schützen" als die weibliche und die 
homosexuelle Verführung als gefährlicher hinzustellen, 
denn die heterosexuelle! 

Wenn man nun mit dem, was uns die große nicht- 
cbristliche Kultumation der Gegenwart lehrt, noch die 
bekannten Zustände und Biographien der europäischen 
vorchristlichen Kulturen zusammenbringt, so ist ein Zu- 
fall äußerst unwahrscheinlich, und es liegt nahe, einen 
kausalen Zusammenhang zwischen der sozialen Anerken- 
nung mannmännlicher Liebesbündnisse und der erfolg- 
reichen Päege männhcher Tüchtigkeit anzunehmen, wie 
das ja auch Suyewo Iwaya schon 1902 in dieser Zeit- 
echriii direkt behauptet hat, und wie es mit den in 
meiner Renaissance des Eros Urauios vertretenen An- 
schauungen bestens zasammenstimmt. '] 

Gleichviel wie man aber auch über die Einzelheiten 
der für Wohl und Wehe der Nationen wichtigen Frage 
denken mag, so sind doch jedenfalls die in dieser Notiz 
zusammengestellten Tatsachen geeignet, den in der Über- 
schrift angedeuteten Einwand gegen die Homosexualität 
und ihre soziale Anerkennung nach hellenischem Vorbilde 
vollständig zu entknLften.*] 

<) Vgl. u. ft. die FuBnote auf S. 274/76 sowie deo V. Ab- 
schnitt des genanDten Werkes. 

*) „Ea ist natürlich nicht meine Ansicht, daB die Pfl^e 
mfinnlicher Tugenden eine unmittelbare Folge des manDmänDliclien 
GeBchlechtGve^ehrs sei. Dieser ist vielmehr eine an eich inner- 
halb gewisser Grenzen indifferenl«, weder schSdIiche noch auch 
nillzliche NebeDsache, aus der nur der asketische Prieatertrug 
eine Hauptsache und eine Art Popanz gemacht hat. Wohl aber 
muB überall da, wo der homoaeiaelte Vcriiehr der Männer über- 
m&Big verpSat ist, der soziale Zusammenhang der Mit|;lieder des 
fahrenden Geschlechts gelockert werden und dadurch der relative 
Einfluü des weiblichen Elements and hierdurch wiederum e. B. die 
LaxaskormptioD steigea — Zusammenhänge, die scbon Aristoteles 
geläufig waren (Politicomm libri octo, Lib. II, 6). — Über die 
persänliche Veranlagung und die Gewohnheiten der japaniachen 
Führer wissen wir nichts und brauchen wir auch nichts zu wissen, 
da es hierauf in diesem Zusammenhang nicht ankommt." — 



Zusammenstellung der Literatur über 
Hermaphroditismus beim Menschen. 



Von 



Dr. med. Franz rou Nengebauer, 

Vorstand d. gynUolog. AbteUnog d. ErangelUchen Hospitals in Warschau. 



Im Laufe meiner Studien über den Hermaphroditis- 
mus des Menschen, mit einer Sammlung von bisher 
1000 einschlägigen Beobachtungen^ mußte ich nicht wenig 
Zeit dem Aufsuchen der einzelnen Mitteilungen widmen. 
Es wird jedem Fachgenossen, welcher ähnliche Studien 
unternimmt, die Arbeit erleichtern, die gesamte Literatur 
in einer Arbeit zitiert beisammen zu finden. Gern kam 
ich der vor sechs Wochen von Herrn Dr. M. Hirschfeld 
an mich ergangenen Aufforderung nach, diesen biblio- 
graphischen Index für das Jahrbuch zu bearbeiten. — 
Dabei muß ich jedoch einen Vorbehalt stellen: erstens 
wäre es heute ein Ding der Unmöglichkeit, jede der in 
den Journalen der gesamten Welt und so mancher Jahr- 
hunderte verstreuten Originalaufsätze in die eigene Hand 
zu bekommen, ich mußte mich also sehr oft auf Zitate 
aus zweiter oder gar dritter Hand stammend stützen — 
zweitens vermag ich keineswegs zu behaupten, daß das 
von mir gelieferte Literaturverzeichnis ein erschöpfendes, 
vollständiges sei. Drittens garantiere ich nicht dafür, 
daß nicht hier und da ein Name, eine Jahres-, Band-, 
Seitenzahl als ungenau, falsch sich herausstellt — ich 
mußte mich oft mit einer Literaturangabe aus zweiter 
oder dritter Hand begnügen, ohne Möglichkeit, die Richtig- 
keit derselben durch Einsicht der Originalarbeit zu prüfen, 
d. h. ich übernehme keine Verantwortung für die Genauig- 
keit der von mir benutzten Quellen zweiter und dritter 
Hand. 

Das gesamte Material habe ich in mehrere Ab- 
teilungen gruppiert, deren erste Allgemeines über Herma- 



— 474 — 

phroditismus, Einteilung, Entwicklungsgeschichte, Ana- 
tomie^ vergleichende Anatomie, pathologische Anatomie, 
Beziehungen zur forensischen Medizin und Psychopatho- 
logie, Chirurgie usw. bringt, sowie Kunstgeschichte, Über- 
lieferungen, Sagen, Mythus, Satyren, wobei ich auf die 
gleichzeitige Einsicht der modernen Lehrbücher der Ent- 
wicklungsgeschichte, Histologie, Anatomie, vergl. Anatomie 
verweisen muß, da es zwecklos wäre hier sämtliche Werke 
dieser Art anzuführen. 

In der zweiten Abteilung ist die Literatur der 
einzelnen kasuistischen Mitteilungen zusammengestellt 

In einem Anhange folgt die Zusammenstellung der 
Namen resp. Vornamen der bekanntesten als Beispiele 
von Zwittertum beschriebenen Personen. 

Der dritte Teil umfaßt eine Reihe von Einzel- 
beobachtungen von anormalem Hermaphroditismus bei 
Tieren. Letztere Beobachtungen habe ich nur beläufig 
notiert, ohne speziell danach zu suchen. Dieser dritte 
Teil darf daher keinen Anspruch auf Vollständigkeit 
machen. 

Bezüglich der bildlichen Darstellung der Herma- 
phroditen in der heidnischen Welt und im Altertume ver- 
weise ich auf die vorzügliche umfassende Monographie 
von L. S. A. M. v. Römer (Über die androgynische Idee 
des Lebens) im V. Jahrgange dieses Jahrbuches, auf die 
Arbeiten von H. Meige, Winckelmann, die Hand- 
bücher der Kunstgeschichte und Beschreibungen des 
Museo Burbonico in Neapel, der Museen in Rom, Florenz, 
Paris usw. 

Die verehrten Leser bitte ich, mir von Ihnen in 
diesem Literaturverzeichnisse bemerkten Irrtümer und 
Dngenauigkeiten gefälligst mitteilen zu wollen. 



L 

Allgemeines über Hermaphroditismus, Einteilung, Ent- 
wicklungsgeschichte, Anatomie, pathologische Anatomie, 
Beriehnngen zur forensischen Medizin u. Psychopathologie, 
Sagen, Mythus, Satjrren, unter Hinweis auf die modernen 
Lehrbücher der Anatomie, vergl. Anatomie, path. Anatomie, 
Histologie, Entwicklungsgeschichte, gerichtlichen Medizin, 
Psychopathologie, sexuellen Neurologie, Chirurgie usw. 

1. V. Ackeren, Beitrage zur Entwickelungsgeschichte d. 
weibl. Sexualorgane des Menschen. D. K., Leipzig 1888. 

Reste eines Gartuerschen Ganges in einer Vaginalwand 
gefanden. 

2. Adams, John, „ Utriculus prostaticus". The Cy clopaedia 
of Anat. und Physiol. (Rober, Todd), London 1849, 
Vol. IV, p. 151. 

3. Aetius, Opera omnia: Cornarus et Montanus, Basileae 
1533 — 95, erwähnt von v. Haller, Biblioth. chirurg. 
Basileae 1774, T. I, p. 79. 

4. Affaitatus, Fortunius, De Conceptu Androgyni. 
Venetiis 1549. 

5. Affaitatus, Fortunius, siehe Kaplan 1. e. p. 14. 

Der englische Prophet Merlin soll das Produkt der Selbst- 
befruchtung eines Mädchens im Traume gewesen sein. 

6. Ahlfeld, Die Mißbildungen des Menschen (mit Atlas). 
Leipzig. 

Allgemeines und reiche Kasuistik vom path.-anat Stand- 
punkte aus betrachtet mit zahlreichen Abbildungen. 

7. Ahlfeld, Fr., Die Mißbildungen des Menschen (mit 

Atlas), IL Abschnitt, Leipzig 1882, S. 223, 242—255. 
Allgemeines, Kasuistik mit Literatur und zahlreichen Ab- 
bildungen. 

8. Alberti, System a jurisprudeDtiaemedicae. Tom. 1,1725, 
cap. II, § 31 seq., p. 50. 



— 476 — 

9. Albrecht von Haller, Comm. P. 1752, T. I. 
Eigene Einteilang des HermaphroditismuB. 

10. Aldrovandi, Ulisse, Monstrorum historia. Bouoniae 

1642, C. V, p. 513. 

A. erklärte wegen der überaas großen Polymorplue der 
Hermaphroditen eine Klassifizierang für unmöglich. 

11. Allen, C. W., „Report of a case of psychosexual 
Hermaphroditism". Med. Record 8, V, 1897. 

Beschreibung der Viola Estella Angell. 

12. Amann (jun.). Über Cysten des Wol ff sehen Ganges. 
Centr. f. Gyn. 1896, Nr. 43. 

Große Cyste der Uteruswand. 

13. V. Ammon, Die angeborenen chirurg. Krankheiten des 
Menschen. „Hermaphroditisnms". Tab. XX, Berlin 1842. 

14. Ampt, C, „Über das Parovarium (Epoophoron) bei 

Neugeborenen u. Erwachsenen. Inaug.-Diss, Berlin 
1895. 

15. Ancarani, Guzzoni degli, „A proposito di uu caso 
di ermafroditismo" (V. verlangt Änderung des § 372 
des Civilkodex und Einführung der Rubrik: „sesso 
dubio"). La Rassegna di Ostetricia e Ginec. Febbraio 
189G, Jg. 113. 

16. Argelata Pietro, Cirurgia. Venezia 1499, LV, Tract 
XVII, cap. III, p. 114. 

Über Hermaphroditismus beim Menschen als eine unerklfir- 
liche, abscheuliche Afiektion. 

17. Aristoteles, „De generatione animalium". Lib. IV, 
cap. IV. 

Über männl. Hypospadie, weibl Geschlecht simulierend. 

18. Aristoteles, Opera omnia. Graece et latine. Vol. III, 
Parisiis 1854. De animalium generatione. Lib. IV, 
cap. IV, p. 406. 

19. Arnaud, George, Memoire de Chirurgie. Sixi^me 
Memoire. Dissertation sur les hermaphrodites. London 
und Paris 1768. p. 239—402 und Table des mati^rea. 

Ausführl. Zusammenstellung der Geschichte der I>ehre vom 
Hermaphroditismus u. Kasuistik vom grauen Altertum bis 1768 
(mit Abbildungen. H. bei Menschen u. Tieren). 

20. Arnaud, Treatise on hermaphrodites. London 1759. 
M^m. de chirurg. Vol. I, London et Paris 1768. 




— 477 — 

21. Arnaud, 6., Anatom.-chirurg. Abhandlung über die 

Hermaphroditen/' Aus dem Französischen. Straßburg 

1777, p. 66ff. 
Allgemeines. 

22. Arnaud (1. c. 19: p. 326). 

Einzelheiten betreffend den als Hermaphroditen denunzierten 
Bischof von Bremen, s. auch: J. Fr. Mayer, Dr. Luth^rien: 
Dissertatio. Gryphdae 1705 und: Nillenberg, Dr. Luth^rien, 
Danzig. 

23. Ausonius, Decimus Magnus, Opera. Parma 1449 
— Firenze 1517 — Amstelodami 1671. Epigr. 69, 
p. 63. Quae sexum mutarint, Vallebanae (nova res et 
vix credenda pactis Sed quae de vera promitur historia) 
Foemineam in speciem convertit masculus a]is etc. Siehe 
Taruffi 1. c. p. 365. 

24. Ausonio, Epigramma — cap. XL 

Die figjptiscbe Mondgöttin Astarte als Zwitter angesehen. 

25. Avicenna, Lib.UI,Tractatu8l. De causis masculinitatis. 

26. Bachincourt, Fran9ois, Documents pour servir ä 
rhistoire de la pu^riculture intrauterine. Th^se. Paris 1878. 

27. Ballantyne, J., W., „Manual of Antenatal Pathology 
and Hygiene of the foetus". Edinburgh 1902. W. Greens 
and Sons. 

28. Banks, W. M., On the Wolfian bodies of the foetus, 
including the developement of the generation-system. 
Edinburgh 1864. 

29. Barety, „De Tinfantilisme, du s^nilisme, du £§minisme, du 
mascuÜsme et du facies scrofuleux". Nice m^dical 1876. 

30. Bart, Persistance des conduits de Mueller. Bullet, 
de la Soc. anat. Paris 14. Nov. 1878. 

31. Bartels, M., „Über abnorme Behaarung beim Menschen*^ 
Zeitschr. f. Ethnologie. Bd. XIII. 

32. Bartels, M., „Einiges über den Weiberbart in seiner 
kulturgeschichtlichen Bedeutung'^ Zeitschr. f. Ethnologie. 
XIII. 18wl, p. 255—280. 

33. Bau hin warf die Frage auf: Hermaphroditus an potest 
esse medicus, advocatus, rector universitatis? 

34. Bauhin, C, „De Hermaphroditorum monstrosorumque 
partuum natura ex Theologorum, Jureconsultorum, 
Medicorum, Philosophorum, Rabbinorum sententia". 1614. 



— 478 — 

35. Bauhinus, C, De hermaphroditorum monstrorumque 
partium natura. Havniae 1600 u. Oppesch 1614. 

86. Bauhinus, De hermaphroditorum moDStrorumque partium 
natura. Francofurti 1500 u. 1609. 

3 7^ Bayer, H., Entwickelungsgeschichte des weiblichen 
Oenitalapparates. Vorlesungen über allgemeine Geburts- 
hülfe. I. Bd., I. Heft. Straßburg 1903. 
Vorzügliche und gut illustrierte SchilderuDg. 

37^. Bayer, H., Befruchtung u. Geschlechtsbildung. Straß- 
burg 1904. 

38. Beauregard, Henri, Contribution ä F^tude de d^veloppe- 
ment des organes g^nito-urinaires chez les mammif^res". 
Th^se. Paris 1877. 

89. Beck, Theod. Romeya, Elementa of medical juris- 
prudence. Secondedit. London 1825. Thirdedit. London 
1830. 

40. Behrend, G., Der Frauenbart. Siehe Alex Brandt, 
Biol. Centralblatt Bd. XVU, Nr. 6, 15, IH, 1807. 

41. Beigel, Hermann, Zur Entwickelungsgeschichte des 

Wolff 'sehen Körpers. Med. Centralbl. 1878, Nr. 27. 

In 5 Fällen von embryonalem Uterus in den Anhängen 
Wolf fache Körper gefunden. 

42. Benda, C, Entwickelung des Säugetierhodens. Ver- 
handlungen d. anatom. Gesellschaft. 3. Versammlung. 
Berlin 1889. 

43. Benda, C, Anatomie u. Entwickelung des Geschlechts- 
apparates. Klinisches Handbuch d. Harn- u. Geschlechts- 
organe. Von W. Suelzer, Leipzig 1894, Bd. L 

44. Benda, „Hermaphroditismus u. Mißbildungen mit Ver- 
wischung des Geschlechtscharakters. Ergebnisse d. allg. 
Pathologie und path. Anatomie der Menschen und der 
Tiere von Lubarsch u. Ostertag. U. Jahrg., 1895, 
p. 627. 

Allgemeines und Kasuistik. 

45. Benedictis, C. de, „Contributo allo studio dell' erma- 
frodismo". Roma 1893. Giornale di veterinaria militare. 
Anno IV, Nr. 8—9, p. 356—361. 



— 479 — 

46. B6ranger, Chansons. Oeuvres corapl^tes, Tome V. 
Supplement. Paris 1834, p. 49: „L'Hermaphrodite". 

Satyre über einen Fall von Androgyoie. 

47. Berengarius, J. in Mundinum. Fol. 210. Bononiae 
1521. „Mares perpetuo servant sexum, quia natura 
non intendit in specie humana generare nil perfectius 
masculo; sed interdum repertum est, foeminas convariare 
sexum, quia natura semper cupit perfectionem". Siehe 
Taruffi 1. c. 365. 

48. Bergk, R., Fälle von Epispadie. Virchow's Arch, 
f. path. Anat. Bd. 41, p. 305. 

49. Bergmann, C, Lehrbuch d. medicina forensis für 
Juristen. — Hermaphroditismus. 

50. Berillon, „Les Femmes h. barbe: £tude psychologique 
et sociologique". Revue de l'hypnotisme et de la Psycho- 
logie physiologique. Paris. 19® ann^e 1904 Juillet-Dec. 
et 1905 Janv.-Aoüt. 

51. Birnbacher, Die ungarische Tribade, Gräfin SaroltaV. 
S. auch: Meinert, Friedreichs Blätter etc. 1891, p. 85. 
S. auch: Fr. Neugebauer, Interessante Beobachtungen 
aus dem Gebiete des Scheinzwittertumes 1. c. Sep.-Abdr. 
p. 163—169. 

52. Bise hoff, Entwickelungsgeschichte des Menschen u. d. 
Säugetiere. Leipzig 1892. 

53. Blacker, G. F. and Lawrence, F. W. P., A case of 
true unilateral hermaphrodism with ovotestis occurriug in 
a man with a summary and criticism of the recorded cases 
of true hermaphroditism. Transact of the Obst Soc. of 
London. Vol. XXXVIII, 1896. 

Grründliche kritische Arbeit. 

54. Blaue, L., Les Anomalies chez Thomme et les mammi- 

ß'res. Paris 1893, p. 193. 

Angaben aus den Werken von Aristoteles, Plinius, S. Au- 
gustinus. 

55. Blauchet, J. A., Statuette d'Hermaphrodite. Revue 
archdologique, IIP S6rie, T. XXVIII. 

56. BlumenbachjJ. F., Handb.d. Naturgeschichte. 12. Aufl. 
Göttingen 1830. 



— 480 - 

57. L. Blumreich, Die Entwickelung der Fallopischeu 
Tuben beim Menschen. Inaug.-Diss., Berlin 1895. 

58. Boaistuan, P. et Tesserant, Cl. de, Histoires prodi- 
gieuses extraicts de plusieurs fameux Autheurs Grecs et 
Latinä, Sacrez et Prophanes. Paris 1568. U. a. über 
Teufel, ungeheuerl. Menschen, Juden, Edelsteine, fliegende 
Fische und Meerungeheuer, seltene Kräuter, Geister- 
erscheinungen, seltene Geburten, Herrn ap h r od iteu, 
Frauen etc. Dasselbe Werk 1597 erschienen. 

50. Bodon, Karl, „Die diagnostieche Bedeutung des 
Bauchreflexes in der Gynäkologie. Anhang: Gibt 
es einen Cremasterreflex beim Weibe?" Centralbl. f. 
Gyn. 1898, Nr. 5, p. 115. 

GO. Böhm, Ober Erkrankung der Gärtner sehen Gänge. 
Arch. f. Gyn. 1883, Bd. XXI. 

61. B oe ttiger. Über die Hermaphroditen: Fabel und Bildung. 
Boettigers Amalthea. Bd. I. 

62. Born, G., Entwickelung der Geschlechtsdrüsen. Ergebnisse 
der Anatomie u. Entwickelungsgeschichte, herausg. von 
Merkel u. Bonnet. 4 Bd., 1895 (Litt. 1894). 

63. Born, „Die Entwickelung der Ableitungswege des Uro- 
genitalapparates u. des Dammes bei den Säugetieren*^ 
Ergebnisse d. Anatomie u. Entwickelungsgeschichte 1894. 

64. Bornhaupt, „Untersuchungen über die Entwickelung 
des Urogenitalsystms". Riga 1867. 

65. Bouisson, „De Thypospadie et son traitement chirur- 
gical". Paris 1861. 

66. F. Bramann, „Beitrag zur Lehre von dem Des- 
census testiculorum u. dem gubernaculum Hunteri beim 
Menschen." Archiv f. Anatomie u. Physiolog. Anato- 
mische Abteilung 1884. 

67. Brandt, A., Gber die Arrhenoidie in ihrer Beziehung 
zum Hermaphroditismus. Zeitschr. f. wiss. Zoologie 1896. 
Bd. 48 S. 175. 

68. Brandt, AI., Eine Virago. Virchows Arch. 146. Bd. 
1896. S. 532. siehe auch v. Neugebauer. 

Beschreibung der Marie Nekrassow. 



— 481 — 

69. Brandt, Alex., Über den Bart des Mannweibes 
(Viragines). Biolog. Centralbl. Bd. XVII, Nr. 6. 15. 
m. 1897. 

70. Brandt, Alex., „Anatomisches und Allgemeines über die 
sog. Hahnenfedrigkeit etc.". Zeitschr. f. wiss. Zoologie 
XLVm. 1889, S. 101. 

71. Breitensteins Repetitorium Nr. 6 7, Kurzes Repetitorium 
der vergleichenden Embryologie. Leipzig u. Wien. 

72. Brero, Van, „Malformation des organes g^nitaux, in- 
fantilisme et föminisme chez un 6pileptique". Nouv. 
Iconographie de la Salpetri^re Juillet et Aoüt 1895, 
p. 225. 

73. Breuer, Neue Methode der Behandlung der Hypospadie 
nach Bardenheuer. Centralbl. f. Chirurgie 1898 Nr. 44. 

74*. B r ouardel, „Des emp^chements au mariage et de Pherma- 
phrodisme en particulier''. 6az. d. hdpitaux. 1887 
Nr. 1. 

74^Br ouardel, „Hermaphrodisme et impuissance, type in- 
fantil." Gaz. d. Höpitaux 1887, p. 57. 

75. Brouardel, „Le mariage au point de vue m6dicol6gale." 
Paris 1899. 

7G. Brouardel, Malformation des organes g^nitaux de la 
femme. Y a-t-il lieu de reconnaitre Texistence d'un 
troisi^me sexe? Annal. d'hyg. publique et de m6d. legale. 
Paris. Mars 1904. 

Wichtige Angaben: Ehescheidung betreffend. 

77. Brouardel, Des empdchements au mariage et de Therma- 
phrodisme en particulier. Gaz. d. höpit. 1 u. 18,1, 1 u. 
8,11, 1877. 

78. Brühl, G., Über Hermaphroditismus. D. J. Freiburg 

1894. 

Allgemeines und reiche Kasuistik mit Berücksichtigung 
des H. bei Tieren. 

79. Bryant, Ph., Cases of malposition ofthetesticle. Guy's 
Hosp. Reports 1868. Vol. XIII, p. 439. 

£rbliche Hypospadie. 

80. Bullinger, „Über den distalen Teil der Gartn ersehen 
Gänge." D. J. München 1896. 

Jahrbuch VII. 31 



— 482 — 

81. Burckardt, Otto, Cyste des linken Gartnerschen 
Ganges. Mon. f. Geb. u. Gyn. Berlin 1897, Bd. V, Heft 6, 
p. 616. 

82^Burdacll, Anatom. Untersuchungen, bezogen auf Natur- 
wissenschaft u. Heilkunst Heft I. Leipzig 1814. „Die 
Metamorphose des Geschlechtes.'' 

82^ Burdach, Die Physiologie als Erfahrungs Wissenschaft. 
Bd* I. Leipzig 1835, 6. 229: „Hermaphroditisrous". 

83. Burlin, J., De foeminis ex mensium suppressione bar- 
batis. Altdorf 1664. 

84. Gann, Mc, Transact of the obst Soc. of London. 
Vol. XLm. London 1901, p. 303. 

Diskussion. 

85. Cann, Fred. John Mc, Some abnomalities of the 
female organs. Amer. Journ. of med. sc. Vol. CXIl, 

• 4, p. 393 (Octobre). 

86. Cara, La, Un ermaphrodita psicosessuale. Rivista di 
psichiatria forense 1902, Nr. 9. Siehe Referat: Jahrb. 
f. sex. Zwischenstufen. V. Jahrg., Bd. II, 1903, p. 982. 

87. Casper, Handb. d. gerichtl. Medizin, neu bearbeitet 
von C. Lim an. Berlin 1881. 

88. Cerutti, G. R., Sulla cura delF ipospadia penoscrotale. 
Gazz. degli ospedali XX, p. 132, 1809. 

89. Championni^re, J. Lucas, „Les anomalies du testi- 
cule." — ?— 

90. Chavigny, de, Liebesgeschichte einer schönen Herma- 
phroditin. (Aus d. Franz. des Sieur de Chavigny). 
An: Entfuhrung der preiswürdigen Helena von Amster- 
dam. Basel 1683, 12. — Orig. La Galante Herma- 
phrodite, par le Sieur de Chavigny. Amsterdam 1683, 12. 
(Bibl. Uffenbach I, p. 231.) 

91. Chavigny, de, Nachricht von der lustigen Vermählung 
einer schönen Hermaphroditin. (Aus dem Französ. des 
Sieur de Chavigny . An: Leben der entführten Holländi- 
schen Helena . . . o. O. 1 749, 8. (Bibl. J. J. Schwabii H.) 

92. Chavigny, Sieur de, La Galante Hermaphrodite, 
ä Amsterdam 1683, 12. Bibl. Uffenbach I, p. 231. — 
Auch bei Adelung der „de Chavigny" hat. 



— 483 — 

93. Chesnet, Vice de conformation des organes g6nitaux, 
hypospadias, erreur Bur le seze. Annal. d'hyg. 1868. 
2« 86rie, XIV, p. 206. 

94. Chevalier, Julien, De Tiiiversion de Tinstinct sexuel 
au point de vue m^dicol^al. Paris 1885. 

95. Chronique scandaleuse de Louis XI, p. 386 — und 
Ghronique depuis Pharamon jusqu'en 1499 par Ro- 
bert Gaguin, Li vre X, p. 284. 

Mönch-puerpera im Kloster d'Issoire en Auvergne, be- 
schrieben auch von Jehan de Molinet in einem satirischen 
Poem. 

96. Clarke, Jackson, A case of Pseudo-Hermaphrodism. 
Path. Transact. 1894, Vol. 44, p. 120. 

Weibl. Scheinzwitter, penis von der Urethra durchbohrt 

97. Glasen, F. E., „Die Gesichtshaare u. der Bartwuchs 
der Frauen u. ihre Heilung." Frankfurt a. M. 

98. Clemens Alexandrinus [Paedagogia. Lib. II, cp. 10. 
Opera omnia. Florenz 1550 (griechisch). — (Potter- 
Oxon, Oxford 1715, V, II (griechisch-lateinisch)] be- 
zweifelt laut Taruffi das Vorkommen von Zwittern. 

99. Coblenz,H., Zur Genese u. Entwicklung von Cystomen 
im Bereich der inneren weibl. Sexualorgane. Virchows 
Arch. 1881, Bd. 84, S. 26, 44. 

Cysten auf Reste der Wol ff sehen Körper zurückgeführt 

100. Cocchi. R., Lezione fisico-anatomiche. Livomo 1775. 
Opera posthuma. Lez. V, p. 43; s. Taruffi 1. c. p. 367. 

C. schreibt der außerordentlichen Größe der Clitori», 
so daß sie einen Penis vortäuscht, die Meinung der Alten 
über die Umwandlung des Geschlechts zu. 

101. Code fran9ais, „Lorsqu'il j a erreur dans la personne, 
le manage ne peut ^tre attaqu^ que par celui des 
deux 6poux qui a ^t6 induit en erreur." 

102. Cohn-Antenario, Wilhelm, Der Bart der Aino- 
frauen. Jahrb. f.. sexuelle Zwischenstufen, V. Jahrg., 
IL Bd., 1905, p. 941. 

103. Columbus, De re anatomica. Libr. XV, Venet. 1559, 
p. 495. 

104. Cotta, Carlo, „Alcune idee suirermafrodismo.*' Gazz. 
med. de Milano, 1844, T. III, p. 205. 

Einteilung de» Uermaphroditlsmn». 

31* 




— 484 — 

105. Courty, ,,Con8ultation m^dicol^gale h, l'appuy d'une 
demande eu nullit^ du mariage/' Montpellier m^d. 1872. 
T. XXVIII, p. 473. 

106. Curling, Trait^ des maladies des testicules. 

Selbstmord eines Studenten wegen Krjptorchismus. 

107. Daillez, Georges, „Les sujets du sexe douteux etc.'' 
Thöse de Paris. Lille 1893. 

Allgemeines, Geschichte u. Kasuistik. 

108. Dareste, „Recherche sur la production artificielle des 
monstruosil^s.*' 2^ Edition, Paris, p. 549. 

109. Debierre, Gh., L'Hermaphrodisme. Paris 1891. 

Ausgewählte Kasuistik u. Entwickelungsgeschichte des 
Urogenitalsystems. 

110. Debierre, „L'hermaphrodite devant le cöde civil. 
L'hermaphroditisme, sa nature, son origine, ses con- 
s^quences sociales.'' Archives de l'Anthropologie crimi- 
nelle, 1886, I, p. 305, 338. 

D. verlangt die Einführung der Rubrik S. D. » Sexe 
douteux in die Metrik. 

111. Debierre, Archives d'Anthropologie criminelle. 1886, 
Juillet. 

Scheinzwittertum u. Ehescheidung. 

112. Debierre, Gh., Sur les canaux de Gärtner chez la 
femme. Gompt. rendus de la Soc. de Biologie. Paris 
22, V, 1885, p. 318. 

113. Deen, J. van, ,;Beitrag zur Entwickelungsgeschichte 
des Menschen u. d. Säugetiere mit besonderer Berück- 
sichtigung des Uterus masculinus." Leipzig 1849. 

114. Dolore, £tapes de Thermaphrodisme. Echo m^ical 
de Lyon, 15, VII, 1897?— 1899? 

115. Dolore, X., „De rhermaphrodisme dans Thistoire 
ancienne et dans la Chirurgie moderne." Joum. d. 
Sciences m^d. de Lille, 1899, Nr. 28. 

116. Dictionnaire en 30 volumes. 1837, Art: Herma- 
phrodisme. 

117. Dionis, Pierre, Gours d'op^rations de Chirurgie. 

Paris 1707. Bruxelles 1708, p. 197. 

Eigene Einteilung de» Hermaphroditismus. Über ClitoriA* 
hypertrophie. 



— 485 — 

118. Disselhorst, R., Die accessorischen Geschlechtsdrüsen 
der Wirbeltiere mit Berücksichtigung des Menschen. 
Wiesbaden, und Inaug.-Diss. Tübingen 1897. 

119. Dohrn, A., „Über Gartn ersehe Gänge beim Weibe." 
Arch. f. Gyn. 1883, Bd. XXI, p. 328—348. 

120. Donath, J., „Johannes Weiher über den Herma- 
phroditismus." Virchows Archiv 1886, Bd. 104, p. 205. 
Referat: Virchowu. Hirsch, Jahresbericht für 1886, 
I. Bd., p. 306. 

Hiatoriscbe Forschung. 

121. Dorillier, S. G., Les sujets du sexe douteux et leur 
6tÄt psychique. 

122. Dug^s, „Sur l'hermaphrodisme". £ph^m6rid. m6d. de 
Montpellier 1827. 

123. Duplay, „De Phypospadias p^rin^oscrotal et de son 
traitement chirurgical". Bullet de la Soc. de chir. 28, 
I, 1874. Archives g6n6rales de m6d. 1874, T. 23, 
p. 518, 657. 

124. Lafitte-Dupont, „De la sexualit6". Gaz. hebd. d. 
sc. m6d. de Bordeaux 1899, Nr. 36, p. 425. 

125. Durval, 2 Fälle von bärtigen Frauen. Virchows 
Arch. 1877, H, p. 81. 

126. Dutrochet, Rapport. Acad. d. Sciences: „R^lativement 
k la conformation apparente des organes g^nitaux ex- 
ternes tout homme a 6t6 femme dans le principe". 

127. Duval, Les Hermaphrodits, accouchemens des femmes 
et traitement qui est requis pour les relever en sant6, 
et bien Clever leurs enfans. Ou sont expliquez la 
figure des laboureurs ^s verger du genre humain, signes 
de pucelage, d^floration, conception etc. Av. portr. et 
fig. Ronen 1612. Mar. rouge, tr. dor. 

128. Duval, Jacques, Trait^ des hermaphrodits. parties 
genitales, accouchemens des femmes, etc. Oü sont 
expliquez la figure des laboureurs ^s verger du genre 
humain, signes de pucelage, d^floration, conception, et 
la belle Industrie dont use Nature en la promotion 
du concept et plante prolifique. R6imprim^ sur TMition 
unique. (Ronen 1612) Paris 1880. 



— 486 — 

129. Duval, Trait^ des Hermaphrodites. Rouen 1610, 
S. 314. 

Allgemeines and Kasuistik. 

130. Duverney, Oeuvres anatomiques. 1761. 

D. leugnet das Vorkommen von Hermaphroditismus beim 
Menschen. 

131. Ebermaier, Rusts Wörterb. I, S. 721. 

132. Ebert, Die männl. Geschlechtsorgane. Handb. d. 
Anatomie des Menschen; herausg. von K.v. Bardeleben. 
Jena 1904. 

133. Eble, B,f Die Lehre von den Haaren in der ge- 
samten organischen Natur. Wien 1831, IL Bde. 

134. Ebstein, „Eigentümlicher Krankheitsverlauf bei Uterus 
unicomis u. Einzelniere*'. Virchows Archiv, Bd. 145, 
Heft I, 1896, S. 158. 

135. Ecker, Icones physiolog. Tafel 29. 

136. Egli, Beitrag zur Anatomie u. Entwickelungsgeschichte 
d. Geschlechtsorgane. In.-Aug., Zürich 1876. 

137. Ekama, A., Julia Pastrana. Album der Natur 1888. 

138. EUis, Sülle facolta artistiche degli invertiti. Archivio 
delle Psicopatic sessuali. 1896 settembre. 

139. Ellis, Havelock, Mann u. Weib, Anthropologische u. 
psychologische Untersuchung der secundären Geschlechts- 
unterschiede. Deutsche Ausg. von K u r e 1 1 a , Leipzig 1895. 

140. Ellis, Havelock, Geschlechtstrieb und Schamgefühl. 
Deutsche Ausgabe von Koetscher. Leipzig 1900. 

141. Eppinger, Prag. Viertel) ahrschr. Bd. 125. 1875. 

Koincidenz mit Mißbildungen im uropoetischen System. 

142. A. Eulen bürg. Sexuale Neuropathie. Leipzig 1895. 

Psychosexuale Hermaphrodisie, S. 127, 186. 

143. Hieronymi Fabricii ab Aquapendente Opera chirur- 
gica. Lugd. Bat. 1723. De hermaphroditis p. 567. 

144. F ahn er, J. C, Vollständiges System der gerichtl. 

Arzneikunde. 3 Bde. Stendal 1795—1800. 

Handelt u. a. von Zwittern und Hermaphroditen. Hayn, 
Bibl. Gynäk. S. 33. 

145. Famin, C, Peintures, bronzes et statues ^rotiques, 
formant la collection du cabinet secret du mua^e Royal 
de NAples. Paris, chez Abel Ledoux 1832. 



— 487 — 

146. Fanneau de la Cour, ,,La f(§inmisme et rinfan- 
tilisme chez les tuberculeux*^ Th^e. Paris 1871. 

147. Farwick, Josef, „Über Tumorenbildung bei Leisten- 
u. Bauchhoden" In.-Diss.., Bonn 1893. 

148. Feiler, „Über angeborene menschliche Mißbildungen 
im allgemeinen u. Hermaphroditen insbesondere". Lands- 
hut 1820. 

149. F6r6, Charles, „Contribution h, T^tude des 6quivoques, 

des caract^res sexuels acoessoires". Revue de M6de- 

cine 1893. 

Über MaskulismuB und Feminismus. 

150. F^r6, Ch., „L'instinct sexuel et ses perversions". 
Paris 1899. 

151. Ferraresi, C, Canali di Oartner o di Malpighi? 
Atü della Soc. Italiana di Ostetrica e Ginecol. Roma 
1897, Vol. III, p. 207. 

152. Ferrein, Antoine, Memoire sur le v6ritable sexe de 
ceux, qu'on appelle hermaphrodites. S. M6m. de l'Acad. 
des Sciences de Paris 1757. 

153. Filippi, Manuale di Medicina legale. 2*^ Ediz., 
Vol. I, p. 123. 

154. Fi sc hei, W., Beitrag zur pathologischen Histologie d. 
weibl. Genitalien. Arch. f. Gyn. 1884, Bd. 24, S. 119. 

Reste der Wolf fachen Gänge in der Portio vaginalis uteri. 

155. Fleisser, Theses de sexu, sive de natura et ortu, 
maris, foeminae et hermaphroditi. Witeb. 1608. 

156. Foerster, A., Handb. d. allg. pathol. Anatomie. 
Leipzig 1865. 

157. Förster, August, Die Mißbildungen des Menschen 
systematisch dargestellt. Jena 1865, II. Auflage, 
8. 151—160 u. Atlas Tafel 21 ff. 

158. Foges, A., „Zur Lehre von den sekundären Ge- 
schlechtscharakteren" (Experimentelle Tierversuche). 
Wiener Med. Presse 1902, Vol. XLIH, S. 1810. 

159. Foges, Arthur, „Sekundäre Geschlechtscharaktere''. 
Pflügers Archiv 1902, 93. Bd., 1. u. 2. Heft. 

160. Follida Borgo, T., 8. Sepolero: Recreatio physica etc. 
Fiorentini 1665, p. 129. „Monialis virgo, postquam 



— 488 — 

plures annos intra saora claustra vixisset, femineum 
sexum in virilem mutavit''. 

161. Follin, Recherches 8ur lecorpsde Wolff. Paris 1850, 
p. 25. 

Gartn ersehe Kanäle bei einer Sau entdeckt. 

162. Le Fort, L^on, De vices de conformation de Tut^rus 
et du vagin et de moyens d*j rem^dier. Th^se. Paris 
1863. De rhermaphrodisme dans ses rapports avec lee 
vices de conformation de l'ut^rus et du vagin'^ S. 174 
bis 207. 

Allgemeines n. Kasuistik. 

163. Foroni, Jaqueline, (?) Milano 1802. 

164. Fester et Balfour, Elements d'embryologie. 1871. 

165. Franke, O., Das runde Mutterband. Denkschriften 
d. Kais. Akad. d. Wissenschaften in Wien. Mathemat- 
naturwissensch. Classe. Bd. 84. 1904. 

166. Franke, O., Über Missbildungen der Gebärmutter u 
Tumoren der Uterusligamente im Lichte embryologi- 
scher Erkenntnisse. Sammlung klin. Vorträge, be- 
gründet von R. V. Volk mann. Neue Folge 363. 
Leipzig 1903. 

167. Franke, O., Beiträge zur Lehre vom Descensus testi- 
culorum. Sitzungsber. d. Kais. Akad. d. Wissen- 
schaften in Wien. Mathematisch-naturwissenschaftliche 
Classe. Bd. CIX. Abt. IV. 1900. 

168. Fürst, Bildungshemmungen des Utero vaginalkanales. 
1868. 

169. Gader, „Ein Beitrag zur Lehre von der Fortpflanzungs- 
fahigkeit bei Hypospadie und von der Vererbung dieser 
Mißbildung''. Zeitschr. f. Medizinalbeamte. 1 890, S. 247. 

170. Gallard, Le9ons cliuiques sur lesmaladies des femmes. 
2. 6dit. Paris 1879. 

171. Gangitano, T., Delle eiste della vagina da residui 
del dotti di Wolff. II Policlinico (Supplem.), Roma 1898 
et IV, Nr. 49, p. 271. 

172. Garnier, P., Hygiene de la g6n§ration. La sterilit^ 
humaine et Thermaphrodisme. 



— 489 — 

173. Garnier, A., Du Pseudohermaphrodisme comme im- 
p^diment m6dicol§gal ä la d^claration du sexe daus 
l'acte de naissance. Annal. d'hyg. publ. et de m^d. legale. 
1885. S^rie 3, T. XIV, p. 286 u. 293. 

174. Garnier u. Leblond, ,,Du pseudohermaphrodisme 

comme imp^diment mMicol6gal k la d^claration du 

sexe dans Tacte de naissance." Annales d'hygi^ne 

publique XIV, 1885, p. 185 u. 593. 

Die Autoren verlangen für zweifelhafte Fälle die Einfüh- 
rung einer Rubrik: „seze donteux**. 

175. Gärtner, H. (Kopenhagen), „Anatomisk Beskrivdse 
over et sed nogle dyr-arters Uterus undersögt glandu- 
lost Organ". Kjoebenhavn 1822. 

176. Gautier, Französische Übersetzung (1752) des Werkes 
von Morand. Dissertatio de Hermaphroditis 1749. 

177. Gebert, Ernst, „Beitrag zur Differentialdiagnose der 
Tumoren in der Leistengegend". In.-Diss., Berlin 1887. 

178. Geddes u. Thompson, Evolution of Sex. 1890, 
p. 269. Conteraporary Science Series. 

179. Geigel, Richard, „Über Variabilität in der Ent- 
wickelungsgeschichte d. Geschlechtsorgane beim Men- 
schen. In.-Diss., Würzburg 1883. 

180. Geigel, „Über Variabilität in der Entwickelung der 
Geschlechtsorgane beim Menschen". Verh. d. phys. 
med. Ges. in Würzburg, N. F., Bd. XVII, 1883. 

181. Gellius, Aulus, Noctium atticarum lit IX, cap. 4. 
„Ex foeminis inquit (de Caenide et Caeneo) mutari 
in mares non est fabulosum." 

182*.Geoffroy Saint-Hilaire, „Des rapports de la 
t^ratologie avec la m^decine legale". Annal. d'hyg. 
1837, T. XVII. 

182^Geoffroy Saint-Hilaire, fitienne, Philosophie 
anatomique. Paris 1818, T. II, p. 361. 

183. Geoffroy Saint-Hilaire, Isidore, Histoire des 
anomalies de Torganisation etc. Paris 1836. Bruxelles 
1837. T. II, p. 36. 

Einteilung des Hermaphroditismus. 



— 490 — 

184. Geoffroy Saint-Hilaire, Isidore, Histoire g6n6- 

rales et particuli^re des anomalies de rorganisation 

chez Phomme et les animaux, des monstruosit^s etc. 

ou Trait6 de t^ratologie. Paris 1836, T. II. 

Reiche Kasuistik, entwickelungegeachichtliche Theorie 
und Einteilang. 

185. Gerhardt, Ulrich, „Morphologische u. biologische 
Studien über die Kopulationsorgane der Säugetiere''. 
ID.-Diss. Breslau 1903. 

« 

Sehr wertvolle Zosammeiistellang. 

186. Gimma, G., De hominibus et animalibus fabulosis. 

1714. cp. 22, p. 219; s. Taruffi, 1. c. p. 367. 

Gegenüber der Meinung derer, die glauben, Weiber 
könnten sich in Männer verwandeln, glaubt G., sie seien immer 
Männer gewesen, deren Geschlechtsteile zuerst in einer Spalte 
verborgen waren. 

187. De Graaf, De mulierum orgauis generationi inserv. 
Lugd. Batav. 1672, p. 18, seq. 

188. Grabowskj, N., Die mannweibliche Natur des Men- 
schen mit Berücksichtigung des psjchosexuellen Herma- 
phroditismus. Leipzig 1897. 

189. Gräfe, Max, Zehn Fälle von Vaginalcyste. Zeitschr. 
f. Geb. u. Gyn. 1882, Bd. VIII, S. 460. 

190. Graziani, Loren zo, „Sul sesso degli lepri e sopra 
gli ermafrotiti". ' Magaz. Toscano. Firenze 1773, 
T. IV, p. 1 et 2. 

191. Del Greco, L'istinto nel delinquenti parri. II Malin- 
conico modemo 1890, Nr. 1 — 2. 

192. Gruber, W., Die menschliche Brustdrüse u. über 
Gynäkomastie. M6m. de TAcad. Imp. des Sc. de 
St. P^tersbourg, VII. S^rie, T. X, 10, 1866. 

193. Günther, A. F., De Hermaphroditismo. Mit Kpfrn. 
Dresden 1845, 8. 

194. Guenther, A. F., „Commentatio de hermophroditismo'^ 
Lipsiae 1846. 

Allgemeines, Geschichte u. Kasuistik. 

195. Gu^ricolas, Ren 6, ;,De Thermaphrodisme vrai chez 
l'homme et les animaux sup^rieurs*'. Th^e. Lyon 1899. 



— 491 — 

196. Guermonprez, „Une erreur de sexe avec ses con- 
s6quence8". AoDales d'hygi^e publique et de la m4d. 
16gale. Sept 1892, V. 28, Nr. 3, p. 243 ff. 

Allgemeines, Greschichte und eigne Beobachtung. 

197. Guinard, L., Pr^cis de Teratologie. Paris 1893. 

Sammlung neuer Fälle von Scheinzwittertum bei Mensch 
und Tier, auch für die gerichtliche Medizin von Interesse. 

198. Guinard, Aim^, „Comparaison des organes g^nitaux 
externes dans les deux sexes". Paris 1886. 

Allgemeines und antike ELasuistik. 

199. Gurlt, E. F., Die neuere Literatur über menschliche 
und tierische Mißgeburten. 

200. Gurlt, E. F., Lehrb. d. pathol. Anatomie. Berlin 
1832, p. 183. 

201. Gurlt, E.F., Über tierische Mißgeburten. Berlin 1877. 

Eigene Einteilung des Hermaphroditismus. 

102. Gurlt, Lehrb. d. pathol. Anatomie der Haussäugetiere. 
Bd. II, Berlin 1832, p. 183. 

203. Guthrie, G. J., „On the anatomy and diseases of the 
neck of the bladder and the Urethra.'' London 1834. 

Beschreibung des Sinus pocularis. 

204. Häckel, Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte 
des Menschen. Leipzig 1874. 

205. Häckel, Anthropogenie. Trad. fran9. 1877. 

206. Haller, A. v., Oper. Minora. T. H, p. 94. 

Allgemeines. 

207. Haller, Elem. phys., T. VIL Coram. soc. Goett., T.L 

Allgemeines. 

208. Haller, Communic. de Hermaphroditis. Goettingae 
1752. 

209. Hall er, A. v., „An dentur hermaphroditi?" Com- 
mentationum societatis regiae scientiarum Goettingensis 
1751. 

210. Hamonic, Les anomalies testiculaires. Revue clinique 
d* Andrologie et de Gyn^cologie. 9**™*ann6e, 13 Aoüt 
1903. 

Über Ektopie der Hoden. 



— 492 — 

211. Hanau, „Versuche über den Einfluß der Geachlechts- 
drüsen auf die sekundären Geschlechtscharaktere.'' Archiv 
f. d. gesamte Physiologie, Bd. 65, p. 516. 

212. Harris-Liston, L., „Cases of bearded women.*' Brit. 
med. Journ. 1894, 2, VI. 

213. Hegar, „Correlation der Keimdrüsen u. der Geschlechts- 
bestimmung." Vereinsbeilage d. Deutsch. Med. Wochen- 
schrift 1903, Nr. 12, p. 95. 

214. He gar, A., „Abnorme Behaarung und Uterus duplex.'* 
Beitr. z. Greb. u. Gyn., her. von A. Hegar. Bd. I, Heft I, 
1898. 

215. Hegar, A., Der Geschlechtstrieb. Stuttgart 1894. 

216. Heinrich, C. Fr., Hermaphroditum arüs antiquae 
operibus illustrium origines et causae. Kiliae 1805. — 
Hamburg 1805. 

217. Heinrichii, Caroli Frid., Commentatio academica 
qua Hermaphroditorum artis antiquae operibus illustrium 
origines et causae explicantur. Hamburgi, in libraria 
Perthes 1805. 

218. Hengge, „Über den distalen Teil der W o 1 ff sehen Gänge 
beim menschlichen Weibe.'* Inaug.-Diss. München 1900. 

219. Hermann, G., „Genesis." Das Gesetz der Zeugung. 
3. Bd. Sexualismus u. Generation. Beitrage zur Sexual- 
Physiologie. 2. Aufl., A. Strauch, Leipzig. 

220. Hermann, G., Naturgeschichte der Geschlechtstriebe. 
I. Bd.: Sexualismus u. Ätiologie. Beitrage zur Sexual- 
physiologie. Leipzig 1???. 

221. Hermaphroditism, Cur contemporary Mr. Punch has 
unearthed the foUowing delightful advertisment from 
the Christian Advocate: Governess, Junior: Inter- 
mediate; male and female. There is no doubt about 
the intermediateness in this case. (Satirisch.) 

222. Herrmann, „ Hermaphrodisme." Art.: Teratologie. 
Dict encyclop. des sc. m6d. Paris 1888, XII, p. 609 — 635. 

223. Herrmann, Art.: Hermaphroditus. Ausföhrl. Lexikon 
d. griech. u. röm. Mythologie, her. von Röscher 1890. 

224. Herrmann, G., „ Hermaphroditisme." Dict. encyclopM. 
Paris 1888, 5, III, p. 617. 



— 498 — 

225. Hertwig, O., Lehrb. d. Entwickelungsgeschichte des 
Menschen u. der Wirbeltiere. Jena 1896. XV. Kapitel: 
Die Organe des mittleren Keimblattes p. 330 — 400. 

Reiches Literaturverzeichnis p. 897. 

226. Hofmann, E. v., Lehrb. d. gerichtl. Medizin. Wien 
u. Leipzig 1885. 

227. Home, Phil, transact. 1799. 

Allgemeines. 

228».Horteloup, E., Soci6t6 de m6d. legale. Paris 1885. 

228^Horteloup, P., Bullet de la Soc. anatomique. Paris 

1864. * 

229. Howard, Lee William, Psychical Hermaphroditism. 
Reprint, from the Alienist and Neurologist. April 1897. 

230. Hutchinson, Hypospadias in dififerent degree in two 
brothers. Clinic. Museum, Part. I, p. 117, 1894. 

231. Jacobi, M. P., „Gase of absent uterus with con- 
siderations on the siguificance of hermaphrodisme." 
Amer. Joum. of Obstetr. XXXVH, 1895, p. 510—544. 

232. Jacobson, Ludwig (Kopenhagen), „Die Oken sehen 

Körper oder Primordialnieren". Kopenhagen 1830, p. 16. 

J. sprach die Vermutung ans, die von Malpighi ent- 
deckten Kanäle entsprechen den Vasa deferentia. 

233. Jacques, P., Uterus male et Utricule prostatique. 
Nancy 1895; siehe Bibliogr. anat, Paris 1895, p. 87. 

234. Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter besonderer 
Berücksichtigung der Homosexualität, herausg. von 
Dr. Magnus Hirschfeld. Leipzig 1899, L Bd. u. ff. 

235. Jalabert, Revue critique de l^islation et de juris- 
prudence 1872. T. II, p. 129: „La science n'a, ä la 
v6rit^, jamais reconnu d'hermaphrodites parfaits, ayant 
effectivement les deux sexes, avec les deux facultas 
qui les caract6risent, et tous les r^cits qui s'y rapportent 
ont 6t6 r616gu6s depuis longtemps dans la domaine 
des fahles." 

236. Jalabert, Revue critique de Legislation en XXII an., 

T. II. p. 130. 

Über Ehescheidung. 



— 494 — 

237. Jones, Mac Naughton, „The Co-Relation of sexual 
functioDS with insanity and crime/' Brit. Gyn. Jouru. 
February 1900, p. 524 — 546; s. auch Med. Press and 
Circular Bd. I, 1900, Nr. 4 a. 5. 

238. Jourdan, Louis, „Un hermaphrodite." Deuxi^me 
Edition. Paris 1861. 

Biographie des seiner Zeit berühmten Scheinzwitters 
Chevalier oder Chevaliöre d*£on — Marquis d'Eou. 
Nekropsie der 83 jähr. Person durch C op el au d erwies männl. 
Geschlecht. 

239. Kaess, „Über Erektion u. Bau der corpora cavernosa 
vestibuli." Eckards Beitr. z. Anat u. Phys., Gießen 
1883. 

240. V. Kahlden, „Über Neubildungen bei Kryptorchidie 
u. Monorchidie." Münch. Med. Woch. 1887. Nr. 31. 

77 Fälle von maligner EntartuDg eines Leistenhodeus 
u. Literatur. 

241. Kaplan, Paul S., „Hermaphroditismus u. Hypospadie.'' 

Inaug.-Diss. Berlin 1895. 

Allgemeines u. Kasuistik mit sehr ungenauen Literatur- 
angaben, Druckfehlern! 

242. Kar seh, Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen, III. Jahrg., 
1901, p. 113. Über Hermaphroditen unter den Indianern 
Amerikas. 

243. K ei bei, F., „Zur Entwickelungsgeschichte des mensch- 
lichen ürogenitalapparates." Arch. f. Anat u. Physiol. 
Anatom. Abteilung 1896, p. 97. 

244. Kennel, J. v., „Studien über sexuellen Dimorphismus, 
Variation u. verwandte Erscheinungen." Sehr. d. Natur- 
Naturforscher-Ges. in Dorpat, IX, 1896. 

245. Kerkringii, Specile^umanat.Amstelodamil670,p.32. 

246. Kisch, E. H., Über den gegenwärtigen Standpunkt 
d. Lehre von der Entstehung des Geschlechts beim 
Menschen. Wiener Klinik. Juni 1887. Hefl. 6. 

247. Klaatsch, „Über den Descensus testiculorum." 
Morphol. Jahrb. Bd. 16, 1890. 

248. Klebs, E., Handb. d. patholog. Anatomie. Berlin 
1873. Geschlechtsorgane I, p. 723 — 750. Herma- 
phroditismus u. Pseudohermaphroditismus. 



— 495 ~ 

249. Klebs, E., Handb.d.pathol. Anatomie. Vierte Lieferung: 

Geschlechtsorgane I, Berlin 1873. 

S. 718 — 748: Entwickelungsgeschichtliches u. Lehre vom 
Hermaphroditisixms. 

250. Klebs, Einteilung des Hermaphroditismus. Lehrb. d. 
pathol. Anatomie 1876. 

251. Klein, G., Die Geschwülste der Gärtner sehen Gänge. 

Virchows Archiv, 1898, Bd. 154, p. 63. 

Cysten aus den Gartn ersehen Gängen hervorgegangen 
im Lig. latum, in der Muskelwand des corpus uteri, der 
cervix uteri, Scheiden wand u. im Hymen. Bibliographie. 

252. Klein, Gustav, Kongress d. Deutsch. Gynäkologischen 

Gesellschaft in Wien 1895. 

Mikroskopische Serienschnitte beider Wolff-Gartner- 
schen Kanäle bei einem neugeborenen Mädchen. 

253. Klein, G., Cyste des Wolffschen Ganges. Zeitschr. 
f. Geb. u. Gyn. 1890, Bd. 18. 

254^ Klein, G., Zur vergleichenden Anatomie und £nt- 
wickelungsgeschichte der Wolffschen u. Müller sehen 
Gänge. München 1899, und Monatsschr. f Geb. u. Gyn. 
1899, V. Bd., p. 827. 

254^ Klein, G., Zur vergleichenden Anatomie u. Physiologie 
der weibl. Genitalien. Zeitschr. f. Geb. u. Gyn. 43. Bd. 
1900. 

255. Klein, „Über die Beziehungen der Müllerschen zu 
den Wolffschen Gängen beim Weibe.** Bericht über die 
VII. Versammlung d. deutschen Gesellschaft f Gynä- 
kologie; siehe Münch. Med. Woch. 1897 Nr. 24 u. 25. 

256. Knox, „Outline of the theory of Hermaphrodism.** 
Brewsters Edinb. Journ. of Sc, Vol. XI, 1830. 

257. Kob, Gam., De mutatione sexus. Berlin 1823. 

25S. Kobelt, G. L., Der Nebeneierstock des Weibes, das 

langst vermißte Seitenstück des Nebenhodens des Mannes. 

Heidelberg 1847. 

Nr. 429: Cystiache Entartung der Wolffschen Gänge 
bei Weibern. 

259. Kobelt, G.L., Der Nebeneierstock des Weibes. Heidel- 
berg 1847. 

Malpighische Kanäle entdeckt bei S Säuen, andere bei 
Ziegen u. Rehen. 



— 496 — 

260. Kocks, Über die Gartnerschen Gänge beim Weibe. 
Arch. f. Gyn. 1883, Bd. XX, p. 287. 

261. Kölliker, A. v., Entwicklungsgeschichte des Menschen 
u. der höheren Tiere. Leipzig 1876, I. Bd., 1879 II. 
Entwicklung der Harn- u. Geschlechtsorgane. II. Hälfte, 
p. 938—1003. 

262. V. Köllicker, Hermaphroditismus bei den Säugetieren. 
Sitzungsber. d. phys. med. Ges. zu Würzburg 1884. 6. 

263. Kossmann ß., Wo endigen die Gartnerschen Gänge? 
Centralbl. f. Gyn. 1894 Nr. 9. 

264. Kostanecki K., Descensus testiculorum. Nowing 
Lekarskie. Mörz 1905 Nr. 3. 

265'. V. Kr äfft- E hing, Psychopathia sexualis. 

265^v. Krafft-Ebing, „Der Konträrsexuale vor dem 
Strafrichter". Leipzig u. Wien 1895. 

266. Krügeis te in, Promptuarium med. forens. Bd. I, 
1822, p. 471. 

267. Eruska, Emil, Ein Beitrag zu dem Kapitel „ab- 
norme Behaarung beim Menschen". Inaug. - Diss., 
Jena 1890. 

268. Kuckuck, Sur la d^termination du sexe. Comptes 
rendus hebdoraad. des s^ances de la Soci6t6 de Biologie. 
10 Mars 1905. 

269. Kuhff, G. A. et Edouard Cuyer, Les organs 
g^nitaux de l'homme et de la femme. Paris 1879, 
p. 52. 

Beschreibung der Marie Madelalne Lefort. 

270. Kussmaul, A., Von dem Mangel, der Verkümmerung 
u. Verdoppelung der Gebärmutter usw. Würzburg 1859. 

S. 1 — 18: Entwickelongsgeschichte. 

271. Labalbary, Prag. Viertel). 1864, Bd. 114. „Über 
H}^ospadiaeen u. ihre Zeugungsfahigkeit", siehe auch 
Kopps Jahrb. III, p. 228. 

2 Fälle von erblicher Hypospadie. 

272. Lacassagne, De Therm aphrodisme moral., s. Julien 
Chevalier 1. c. p. 17. 

273. Lagneau, Le Bulletin M^dical, Avril 1885. 

(1,5 % der französiflchen Rekruten wegen Hypospadie 
zurückgewiesen. 



— 497 — 

274. Landrecht, Preußisches, Tit. I, Teil I, § 19—23. 

Gesetzbeetimmungen über Zwitter. 

275. Langerhans, „Über die accessorischen Drüsen d. 
Geschlechtsorgane". Virchows Archiv 1874, Bd. 61, 
p. 208. 

276. Latouche, Henri de, Fragoletta. NÄples et Paris 
en 799. 2. Edition, 4tom. Paris 1829. pet in 8. 

Darin Liebesgeschichte einer Uermaphroditin. — Ed. I, 
c. 1825? 

277. Laugier, M., Art.: „Hermaphrodisme** du Dictionn. 
de mM. de Jaccoud. Paris 1873. 

278. Laulani^, F., Sur T^volution compar^e de la sexualit^ 
dans rindividu et dans Tesp^ce''. Comptes rendus. 
T. 101, p. 393; Soc. de Biologie 1887 (S^ance du 
3. Aoüt 1885). 

279. Laurent, „Les bisexu^, gyn^comastes et hermaphro- 
dites". Paris 1894. 

Allgemeines u. Kasuistik mit Berücksichtigung des homo- 
sexuellen Empfindens. 

280. Laurent, E., „Die Zwitterbildungen, Gynäkomastie, 
Feminismus, Hermaphrodismus**. Deutsch von Kurella. 
Leipzig 1896 (mit 17 Tafeln). 

Allgemeines u. Kasuistik. 

281. Lavater, C. R., Diss., Med. de Atriteis nee non 

Hypo8i)adiaeis. Trajecti ad Rhenum 1708, p. 20. 

(TTiaoi, vnoanaü}, vnotmaafAogy imoanadiaCog subtraho sc. 
subtractio urlnae. 

282. Lavrence, Tract. „Generation" in Rees Cyclopaedia. 
Vol. XVI, London 1819. 

283. Leblond, A., Du Pseudohermaphrodisme comme im- 
p4diment ä la d^claration du sexe dans l'acte de 
naissance. Annal. d'hyg. publ. et de ra6d. legale, 
1885, T. XIV, p. 293. 

284*. Lecocq, Journ. pratique de m6d. v6terinaire. F6vr. 

1827. 
284^Lecocq, siehe Heusingers Zeitschrift f. d. organische 

Physik. Bd. I, Eisenach 1827. 

285. Legrand du Saulle, „Les signes de la folie 
raisonnante". Annales m^dicopsychologiques. 1897. 

Jahrbuch VU. 32 



r 



— 498 — 

286. Lehmann, „Hermaphroditismus", siehe: 8aenger u. 
V. Herff: Encyklopädie der Geburtshülfe u. Gynäko- 
logie. Leipzig 1900. 

Allgemeines. 

287. Leisewitz, Th., Reste des „Wolff-Gartnerschen Ganges 
im paravaginalen Bindegewebe.*^ Zeitschr. f. Geb. u. 
Gyn. 1904, LIII, 2 Heft, p. 269. 

288. Lenormant, Collier ^trusque, Hermaphrodite de 
Bemay. Annali dell' Istituto 1834. 

289. Leonidas, Chirurg, in Alexandrien zwischen dem 
II. u. ni. Jahrh. vor Christi Geburt lebend, versuchte 
eine Klassifikation der Scheinzwitter. ' Siehe Taruffi 
L c. p. 4 — 5. 

290. Lesser, E., Beiträge zur Pathologie u. Therapie der 
Hypospadie. Inaug.-Diss., Straßburg 1876. 

291. Lesser, „Beitrag zur Vererbung der Hypospadie". 
Virchows Archiv Bd. 115, Heft 3. 

2 Brüder Hypospaden. 

292. Leuckart, Rud., „Das Webersche Organ u. seine 
Metamorphosen. Ein Beitrag zu der Lehre von den 
Zwittermißbildungen." Münch. Illustrierte Zeitung. 
1852, Bd. I, p. 69. 

293. Leuckart, Artikel: „Zeugung" in Wagners Hand- 
buch d. Physiologie. 

294. Licetus, Fortunat De Quaesitis per Epistolas 
Responsorum Tom II, ütini 1646, p. 302 seq. 
Cap. LVI. De generatione hominis — deque homine 
mulieres implente simul ac parturiente. Cap. LVII. 
De ortu hominis — deque marito gravido. 

295. Licetus, Fortunius, De monstris. Patavii 1668. 

De hermaphroditis mira quaedaxn p. 168. Hermaphroditus 
sine cute p. 284. Hermaphroditum monstram quale sit 
p. 179. 

296. Lilienfeld, Beiträge zur Morphologie u.Eutwickelungs- 
geschichte der Geschlechtsorgane. Marburg 1856. 

297. Lingard, „The hereditary transmission of hypospadias 
and its transmission by indirect atavism'^ Laucet, 
19. April 1884. 



— 499 — 

298. Lippi, Regolo, Bizarre forme degli organi della re- 
produzione di due individui della specie umana. Firenze 
1826. Dissertat ADatom., Zootom., Fisiolog. 

Eii^eilang des HermaphroditiBmus ac^ anatomischer Basis. 

299. Löwenthal, S., Ein Fall von cystiBcher Erweiterung 
des Wolffschen Ganges. Würzburg 1890. 

300. Loisel, „Evolution des id6es g^n^rales sur la 8exualit4'^ 
Revue g^n^rale des sciences. 15. Janvier 1905. 

301. Lombroso, Cesare, „L'uomo deliquente". Milano 

1876, p. 32—35. 

Ober das Auftreten heterosexueller sekundärer Ge- 
schlechtscbaraktere. 

302. Lombroso, C. e Ferrero, G., La donna deliquente 
ecc. Torino 1894. 

303. Louet, Pierre, Des anomalies des organes.g^nitaux 
chez les d6g6n6r6s. Th^se. Bordeaux 1889. 

304. Mac an, J. J., Briefliche Zusendung eines Zeitungs- 
ausschnittes aus dem „Punch" (Humor. Journ.). Our 
comtemporary Mr. Punch has unearthed the following 
delightful advertisement from the Christian Advo- 
cate. — Governess, junior, Intermediate : male and 
female. 

There is no doubt about the intermediateness in this 
case. 

305. Macnaughton- Jones, H., „The Co-Relation of 
sexual functions with insanity and crime.** The Med. 
Press and Circular. 31, I, 1900, Nr. 5, p. 104—106. 

306. Mahon, P. A. Oliver, Encyclop6die Diderot et 

d'A. 178, 2. 

M. leugnet das Vorkommen wahren Zwittertums beim 
Menschen. 

307. Mahon, P. A. O., (siehe: Encyclop. de Diderot et 
d'autres. 178) schrieb 1794: „que la question des 
v^ritables hermaphrodites ne pouvait ötre agit6e que 
dans les teraps d'ignorance. On ne devrait plus la 
proposer dans les si^cles ^clair^s." 

308. Majols, S., Episcopus Vulturariensis : Dies caniculares. 
Moguntiae 1650. Vol. I, p. 65, squ.: Feminarum in 
mares mutatio. 

32* 



— 500 — 

309. Malacarne da Saluzzo, Vic, Esempi della dis- 
metria, di bysteria, della Pseudohermaphrodisia etc. 
Modena 1802. 

310. Malpighi, Marcello (Bologna 1681) siehe: Letter to 
Dr. Spon (Lyon) concerning the strueture of the womb." 
Philosoph, transact 20. July 1^64, N. 161. London 
1684, Vol. XIV. p. 630. 

Entdeckung der Wolf fachen Gänge bei der Kuh. 

311. Manolescu, Influence des malformations ut^ro vaginales 
d'origine cong^nitale sur la vie g^n^sique de la femme. 
Th^se. Paris (Delmas). 

312. Marato, A. T., Du traitement de Thypospadie et en 
particulier de l'hypospadias p^rin^oscrotal. Th^e. Paris 
(Carr6 et Naud). 

313. Ma-rc, Art.: Herrn aphrodisme. Dict. d. sc. m6d. 
T. XXI. 

314. Marcello, Donato, De medica historia mirabili. 

Mantova 1688, Lib. VI. 

Neutraler Hermaphroditismus bei infolge rudimentärer 
Entwickelung unbestimmbarem Geschlecht. 

315. Marchand, F., „Die Mißbildungen", Realencyclop. 
d. ges. Heilkunde. Wien u. Leipzig 1897, p. 145. 

316. Martial, Epigramroata. Lib. I, ep. XCI. 

Beschreibung derTribadeBassa (mitClitorishypertrophie). 

317. Martini, Vierteljahrsschrift für gerichtl. Medicin. 
Bd. XIX, p. 303. 

Diagnost Bedeutung der Muskelkontraktion am gespal- 
tenen Scrotum gegenüber der Labialverwachsung. 

318. Marx, Dissertation über Hermaphroditismus, Auszug 
davon in Mendes Beobachtungen aus der Geburts- 
hilfe u. gerichtlichen Medicin. Göttingen I, 8. 245. 

319. Maschka, Trattato di Medicina legale con note del 
Prof. Filomusi-Guelfi. Vol. III, p. 82. Napoli 

1887. 

320. Masius, Handb. d. gerichtlich. Arzneiwissenschaft. 
Bd. L Stendal, 1821. 

321. Mathieu, Nie, An hermaphroditus utriusque sexus 
potens? Lat(?) 1G69. 



— 501 — 

322. Mayer, „Über den sogenannten Uterus masculinus." 
Klin. Monateschr. f. prakt. Ärzte. Köln 1847, 
p. 165—168. 

323. Mazeyrie, J. 6.» Du traitement de Tectopie testi- 
culaire inguinale simple, type mobile. Paris 1900. 

324. Meckel, H., „Zur Morphologie der Harn- und Ge- 
schlechtswerkzeuge der Wirbeltiere in ihrer normalen 
u. anormalen I^twicklung.'' Halle 1848. 

325*. Meckel, „Über die Zwitterbildungen." Reils u. Auten- 
rieths Archiv f. Physiologie Bd. XI, Halle 1812, 
p. 263. 

325^Meckel, Hdb. d. path. Anat. Bd. I, Leipzig 1812, 
p. 655 ff. n, p. 201. 

Allgemeines u. Kasuistik. 

326. Meckel, J. Fr., Handb. d. path. Anat, Zwitterbildung. 
Leipzig 1816, Bd. 2, Abt, 1, p. 196—221. 

327. Meige, Henry, „Sur les rapports r^ciproques de 
l'appareil sexuel et de l'appareil squelettique." Joum. 
des Connaissances m^icales pratiques et de pharmaco- 
logie. 14. Mai 1896, Nr. 20, p. 164. 

328. Meige, H., „L'Infantilisme, le F^minisme et les Herm- 

aphrodites Antiques". L'Anthropologie. T. VI, Paris 

1895, p. 48: „Les hermaphrodites antiques." 

BeschreibuDg der Hermaphroditenstatuen in der Villa 
Horghese in Rom, im Louvre, in Florenz, in Petersburg. 

329. Meige, H., Les ex-votos pathologiques dans les 
temples de TAntiquitö. Journ. d. Connaiss. m^dicales. 
Nr. 33—35, 1895. 

330. Meige, Henry, „Deux cas d'hermaphrodisme antique.** 
Nouvelle Iconographie de la Salpetri^re. Paris. 

331. Meige, Henry, „Infantilisme chez la femme." Nou- 
velle Iconographie de la Salpetriöre. Juillet et Aoüt 
1895, Nr. 4, p. 218ff. 

332 Menci^re, L., Kystes du canal vaginop^riton^al et 
kystes du canal de Nuck. Paris 1898. 

333. Meriudolo, A., De possibili sexus metamorphosi 

disputatio. Aquis-Sextiis 1608. Siehe Taruffi 1. c. 

p. 367. 

M. leugnet die Andro^ynen und erklftrt sie durch den 
verborgenen Zustand der Hoden. 



— 502 — 

334. Mertrud, C. J., Dissertation au sujet de la fameuse 
hermaphrodite, qui parait aux yeux du public. Paris 

1749. 

335. Metzger, J. D., Ger.-medicin. Abhandlungen. Königs- 
berg 1803. 

336. Metzger, J. D.y Kurzgefaßt. System d. gerichtl. Arznei- 
wissenschaft. Königsberg 1805. 

HermaphroditeD . 

337. Meyer, R., Über epitheliale Gebilde im Myometrium 
des fötalen u. kindlichen Uterus, einschließlich des 
Gartn ersehen Ganges. Berlin 1899. Verlag von 
S. Karger. 

338. Meynert, Friedreichs Blätter f. gerichtl. Medizin. 
Nürnberg 1891, 42. Jahrg., 1. Heft, p. 39, 

339. Mihalkovics, G6za, A hermafroditasägröl. Buda- 
pesti 1885 (mit 21 Abbildungen). 

Entwicklungsgeschichtliche Studien. 

340. Milner Smyth, R., „Virility of cryptorchids." Lancet, 
IG. IX. 1899, p: 785. 

341. Milton, H. M., Persistent Gartn er 's duct treated in 

one case by diversion of opeuing frora vagina to bladder. 

Lancet 1893, p. 924. 

Bei einer Frau mündete ein Gartnerscher Gang frei 
in Vagina und entleerte tfiglich 60 Gramm seröser Flüssig- 
keit!!! 

342. Minkiewicz, „Hermafrodytyzm". Tygodnik Lekarski 

1865, XIX, p. 339. 
Polnisch. 

343. Minot, Lehrb. d. Entwickelungsgeschichte des Men- 
schen. Deutsche Ausgabe von Kaestner. Leipzig 1894. 

344. Moebius, Beiträge zur Lehre von den Geschlechts- 
uuterschieden. 1903. Heft 2: „Über Geschlecht und 
Entartung." 

345. Mochrel, G. F., De duplicitate monstruosa commen- 
tatio. Halae 1815. 

34(3°. Möllerus, Jacobus, Discursus duo philologico-juri- 
dici, prior de cornutis, posterior de herraaphroditis. 
Francofiirti. 1692. 



— 503 — 

346^ Dasselbe: Berolini 1699 u. 1708. 

Ehepaar von zwei wahren Zwittern, beide schwanger. 

347. Moll, Albert, Untersuchungen über die libido sexualis. 
Berlin 1898. 

348. Morand, J. F., Questions de ni6d. sur les herma- 
phrodites. M^m. de l'Acad. d. sc. de Paris 1750, p. 165. 

349. Morgagni, G. B., Adversaria anatomica. IV, p. 110. 
Animadversio III. Venetiis 1762. 

Auf 15 Männerleichen 12 mal Sinns pocularis prostatae 
konstatiert. 

350. Morgagni, De sedibus et causis morborum. Ep. 67, 
Art. 6. 

Allgemeines. 

351. Mos86, Facult6 de M6d. de Toulouse. Juillet 1900. 

352. Müller, Friedreich's Blatter f. gerichtl. Medicin. 

1891, p. 279. 

Katharina Margaretha Lincker, homosexuelles 
Weib als Mann verheiratet, benutzte „ein ledern Ding'* im 
Geschlechtsverkehr mit der ihr angetrauten Gattin. 

353*^. Müller, Joh., „Bildungsgeschichte der Genitalien aus 
anatomischen Untersuchungen an Embryonen des Men- 
schen u. der Thiere." Düsseldorf 1830. 
Elritik der Lehre vom Hermaphroditismus. 

353^ Müller, Johannes, Bildungsgeschichte der Genitalien. 
Düsseldorf 1830. 

M. verlangte Nachweis von Samenkanälchen oder Graaf- 
schen Follikeln behufs Bestimmung des Geschlechtes. 

354. Muscatello, G., Delle formazioni cystiche dei residui 
dei dotti di Wolf f. Riv. med. disc. med. Venezia 

1892, Vol. XVII, p. 25. 

355. Nagel, W., Handb. d. Gynäkologie her. von Veit. 
I. Bd. Wiesbaden 1897, p. 519—628. — Entwicke- 
lung u. Entwickelungsfehler der weiblichen Genitalien, 
p. 620: Hermaphroditismus. 

356. Nagel, W., „Über die Entwickelung des Uterus u. der 
Vagina beim Menschen*'. Arch. f. mikrosk. Anatomie. 
Bd. 37. Bonn 1881. 

357. Nagel, Entwickelung u. Entwickelungsfehler d. weibl. 
Genitalien. Handbuch d. Gynäkologie von G. Veit 
Wiesbaden 1897. 



~ 504 — 

358. Nagel, „Zur Frage des Hermaphroditismus vems'*. 
Arch. f. Gyn., Bd. 58, p. 83. 1899. 

359. Nedkow, Th., Contribution ä T^tude des kystes 
Wolffiens des organes g^nitaux et de leurs annexes 
chez la femme. Th^se. Montpellier 1897. 

360. Nega, De rHermaphroditisme. Th^se. Paris. 

361. Negrini, F. (Scuola veterinaria di Parma), „Contri- 
buto airanatomia dei canali di Malpighi detti di 
Gärtner, nella vacca*'. Parma 1896. — s. auch: 
Monitore zoologico italiano. Firenze 1896, Anno VII, 
Nr. 12, p. 285. 

362. Neugebauer, Fr. v., „Einige Worte über männliche 
Behaarung bei Frauen und einige andere Anomalien 
der Behaarung u. allgemeinen Entwickelung". Gazeta 
Lekarska 1897 [Polnisch]; mit 56 Abbildungen. 

363. Neugebauer, F. v., Eine Reihe neuer Beobachtungen 
von männlicher Behaarung bei Frauen u. einigen anderen 
Anomalien der Behaarung u. allgemeinen Entwickelung 
(mit 14 Abbildungen). [Polnisch.] Kronika Lekarska 
1897. Heft 20—33. 

364. Neugebauer, F. v., „50 observatioos personnelles 
de kystes du vagin". Revue de Gyn^col. et Chirurg, 
abdominale. Paris 1897, Nr. 4, p. 589—604. 

Ein grosser Teil dieser Cysten auf teilweise Persistenz 
eines Gärtnerischen Ganges zurückgeführt 

365. Neugebauer, F. v., „50 Missehen wegen Homo- 
sexualität der Gatten u. einige Ehescheidungen wegen 
,Erreu8 de sexts*." Zentr. f. Gyn. Nr. 8, 1899. 

366. Neugebauer, Franz v., 37 Fälle von Verdoppelung 
der äusseren Geschlechtstheile. Monatsschr. f. Geb. 
u. Gyn. 1898, Bd. VII, p. 550—578, 645—659. 

277. Neugebauer, Fr. v., 17 Fälle von Koinzidenz von 
Geistesanomalien mit Pseudohermaphroditismus. Jahrb. 
f. sexuelle Zwischenstufen. Jahrg. II, 1900, p. 224 — 253. 

368. Neugebauer, F. v., „Beitrag zur Lehre von der Ver- 
doppelung der äusseren Genitalien" (Polniscli). Gazeta 
Lekarska 1897, N. 21. — Deutsch: „37 Fälle von 
Verdoppelung der äusseren Geschlechtstheile*^ Monats- 
schr. f. Geb. u. Gyn. 1898, Bd. II, Mai u. Juni. 



— 505 — 

369. Neugebauer, F. v., „Über Vererbung vou Hypos- 
padie u. Scheinzwittertum". MoDatsschr. f. Geb. u. Gyn. 
Bd. XV, Heft 3. 

370. Neugebauer, F. v., Artikel: „Hermaphroditismus, 
Zwittertum". Chirurg. Encyklopädie her. von Kocher 
u. de Quervain. 

371. Neugebauer, F. V., „Quarante quatre erreurs de sexe 
r6v616e8 par Fop^ration; soixante douze Operations 
chirurgicales d'urgence, de complaisance ou de com- 
plicit^ pratiqu^es chez des pseudohermaphrodites et per- 
sonnes de sexe douteux'^ Revue de Gyn^col. et de 
Chirurgie Abdominale. Paris 1000, T. IV, Nr. 3. 

372. Neugebauer, F. v., „19 Fälle von Koincidenz von 
Geisteskrankheiten mit Scheinzwittertum. 57 Fälle von 
gerichtlich medicinischer Untersuchung an Schein- 
zwittem" (Polnisch). Kronika Lekarskal900, Hft. 9— 10. 

373. Neugebauer, F. de, „Hermaphrodisme et pratique 
journali^re du m^decin. Notions sur Thermaphrodisme 
indispensables pour le praticien''. La Gyn^cologie. 
Paris 1903, Nr. 1. 

374. Neugebauer, F. v., „Hermaphrodism in the Daily 
Practice of Medicine, being Information upon Herma- 
phrodism indispensable for the Practitionner". Brit. 
Gyn. Journal Nov. 1903, p. 226—263. 

Von der Redaktion gelieferte englische Übersetzung eines 
deutschen Manuskriptes. 

375. Neugebauer, F. v., „What value has the Knowledge 
of Pseudohermaphroditisme for the practitionner?" In- 
terstate Med. Joum. St. Louis 1904, Nr. 2, February, 

p. 103—124. 

Von der Redaktion gelieferte englische Übersetzung des 
deutschen Manuskriptes. 

376. Neugebauer, F. v., „Welche Kenntniss des Schein- 
zwittertums ist für den Praktiker erforderlich?" [Polnisch.] 
Medycyna. 1904, Nr. 1 — 4. — Derselbe Aufsatz er- 
scheint deutsch in der Sammlung klin. Vortr., begründet 
vou R. V. Volk mann. Leipzig 1905. 

377. Neugebauer, F. v., „Interessante Beobachtungen aus 
dem Gebiete des Scheinzwittertum s". Jahrb. f. sexuelle 
Zwischenstufen. Leipzig 1902. IV. Jahrg. (176 Seiten.) 



— 506 — 

378. Neugebauer, F. v., „Chirurg. ÜberraschungeD auf 
dem Gebiete des Scheinzwittertums". Jahrb. f. sexuelle 
Zwischenstufen. Leipzig 1903. V. Jahrg. (220 Seiten.) 

379. Neugebauer, Fr. v., 103 Beobachtungen von mehr 
oder weniger hochgradiger Entwickelung eines Uterus 
beim Manne (Pseudohermaphroditismus masculinus in- 
ternus) nebst Zusammenstellung von 58 Beobachtungen 
von periodischen genitalen Blutungen menstruellen 
Anscheins, pseudomenstruellen Blutungen, Menstruatio 
vicaria, Molimina menstr. usw. bei Scheinzwittern. Jahrb. 
f. sexuelle Zwischenstufen. VI. Jahrg. 1904. 

380. Neugebauer, F. v., „Einige Worte über bisexuelle 
Entwickelung der Geschlechtsgänge des Menschen mit 
Berücksichtigung der hervorragendsten Fälle von Ent- 
wickelung eines Uterus beim Manne'' [Polnisch]. 
Medycyna. 1905, Nr. 9, 10, 11, 12, 13, 14. 

381. Neugebauer, F. v., Der Damenimitator X. X. (Sep.- 
Abdruck p. 8.) Jahrbuch f. sexuelle Zwischenstufen. 
IV. Jahrg., 1902. 

382. Neugebauer, F. v., Offener Brief an die Redaktion. 
Interstate Med. Journal. iSt. Louis 1904, p. 317. 

383. Neuhäuser, Hugo, Beiträge zur Lehre vomDescensus 
der Keimdrüsen. Inaug.-Diss. Stuttgart 1901. 

384. Nicolai, Rust's Wörterb. VII., 284. 

385. Nussbaum, M., Zur Differenzierung des Geschlechtes 
im Tierreich. Archiv f. mikroskop. Anatomie (mit 
4 Tafeln). 

386. Olichow, S. A., „Beitrag zur Lehre von der Be- 
deutung des Kryptorchisraus in der gerichtl. Medicin**. 
Wjestnik obszcz. Gigjeny, ssudjebuoj i prakt. Mediciny. 
Januar 1901 [Russisch]. 

387. Ornstein, „Eine bärtige Jung&au usw.'* Zeitschr. 
f. Ethnologie. 1880. 

388. Orth, Johann, „Missbildungen und Verwischung des 
Geschlechtscharakters'^ Lehrb. d. spez. path. Anal. 
Bd. II, Lieferung 2. Berlin 1891. 

389. Osann, F., Über eine vor kurzem in Pompeji aus- 
gegrabene Hermaphroditenstatue. (Boettger's Amal- 
thea I. Bd.) 



— 507 — 

390. Osiander, Neue Gedenkwürd. f. Geburtsh. Göttingen 
1799, p. 260, erklärte Hermaphroditen für männl. 
Hypospaden. 

301. Ovidius, Metam. Lib. IV, p. 285 — 388. 

„Nee duo sunt, et forma duplex, nee faemina dici, 
Nee puer ut possin t; neutrumque ctutrumque videntur." 

392. Ozenne, Persistance du canal excr^teur du corps 
de Wolff ohez une femme de GO ans. Bullet, de la 
Sog. Anat. Paris 1880, T. 55, p. 271. 

393. Pallavicino, Ferrante (1615 — 44), II principe herma- 
frodito. Venetia 1656, 12^ br. 

394. Palletta, J. B., Exercitationes pathologicae. P. IL 

Mediolani 1826. Praefatio 7. 

P. lenkte die Aufmerksamkeit aaf die Entdeckung von 
Malpighi. — „Quaedenovo organo in bmtoram matricibus 
vidit M. Gärtner amplissime et distinctissime explicata 
reperiuntur a Marcello Malpighio in epistola ad Sponium. 

395. Panormitas, A., „Hermaphroditus". Primus in Ger- 
mania editus et apophoretae adj. F. C. Foberg. Coburg 

1824. 

396. Antonii Panormitae Hermaphroditus, Primus in 
Germania edidit et Apopboreta adjeeit Frid. Carol. 
Forbergius. Coburgi, Sanctibus Meuseliorum. 1828. 8^. 

397. Panormita, „L'Hermaphrodite" XV®. si^le. Traduit 

pour la premi^re fois. Avec le texte latin et un choix 

des notes de Forberg. Paris. J. Liseux 1892. 

Diese Arbeit im Manuskript von Antonio Benacelli, 
Panormita genannt, — wurde als 4 Jahrhunderte altes Manu- 
skript zuerst 1761 im Druck veröffentlicht. 

398. Pamasse satyrique du 19 si^cle. Rome ä Tenseigne 

des Sept Peches capitaux sans date. T. I, p. 31. 

Vers betreffend das Liebespaar: Juliette R^camier und 
den Dichter Chateaubriand: 

„Juliette et K^n^ s'aimaient d'amonr si tendre, 
Que Dieu, sans les punir, a pu leur pardonner; 
li n'a pas voulu que Tune piit donner 
Ce que Tautre ne pouvait prendre." 

399. Par^, A., Opera chirurgica. L. XXIII, cp. 5. „De 
Fcxus mutatione". Francofurti ad Moenum. 1594; p. 729. 
„Homines ex foeminis mutari in mares non esse fabu- 



— 508 — 

loBum. At ex raaribus, qui in foeminas degeneraverint, 
nusquam in historia repertum. Natura semper enim 
tendit progressueque facit ab imperfecüs ad perfecta, 
nunquam contra turpi relapsu a perfectis ad imperfecta 
refertur". Siehe Taruffi 1. c. p. 366. 

400. Parent-Duchatelet, „La prostitution dans la ville 

de Paris". 

P.-D. fand auf viele Tausende Prostituierter in Paris nur 
3 mal Clitorishypertrophie. 

401. Parmly, Georg eDubois, „Hermaphrodisme". Amer. 

Joum. of Obßtetr. 1886. Vol. XIX, p. 931. 

Allgemeine Betrachtungen über die Hermaphroditenbild- 
werke des Altertumes und einige Fälle aus der neuereu 
Kasuistik; die antiken Uermaphroditenstatuen sollen aus- 
schliesslich Weiber mit hypertroph. Clitoris darstellen. 

402. ParsoDS, A. Jara., A mechanical and critical inquir}' 

into the nature of hermaphrodites. London 1741. 

[8^- With pl.) 

Parsonsu. Hill erklärten alle Hermaphroditen für Weiber 
mit h3rpertrophi8cher Clitoris und hoben die Analogie zwischen 
Hermaphroditen und weiblichen Foeten hervor. 

403. Penta, P., Caracteri generale, origine e significato dei 
pervertimenti sessuali ecc. Archivio par le Psicopatie 
sessuali 1896, Nr. 1. 

404. Petegbem, van, „De Tabsence des organes g^nitanx 
internes cbez la femme, consid^r^e au point de vue 
m^dical et juridique. Th^e. Lille 1878. 

405. Peters, Die ürniere in ihrer Beziehung zur Gynäko- 
logie. 8ammlung klin. Vortr., begr. von R. v. Volk- 
manm. Neue Folge, Nr. 195, Leipzig 1897. 

406. Picardat, „Recherches sur les anomalies cong^nitales 
du canal de l'ur^thre". Th^se. Paris 1858. 

Mädchen männl. Scheinzwitter. 

407. Pick, L., Über Adenome d. männl. u. weibl. Keim- 
drüsen bei Hermaphroditismus verus u. spurius beim 
Menschen. Berlin, klin. Woch. 1905, Nr. 17. 

Sorgfaltige mikroskopische Untersuchungen bezüglich 
des Falles von Unger und eines Falles von Landau 
(Ovariotomie bei einer 24 jähr. Ill-para: Adenoma tubuläre 
testiculare ovarii bez. Adenoma tubuläre testiculi-ovotestis. 



— 509 — 

408. Plinius d. Aeltere, Historia mundi lib. VII, cap. IV: 
,,De mutatione sexus'^ 

409. Plinius, Histor. Nat Lib. VII, cap. IL Lex Romuli: 
TödtUDg der missbildeten Neonaten u. AUgemeiues. 

410. Poppesco, De rhermaphrodisme au point de vue 
m6dico-16gal. Th^se. Paris 1874. 

311. Portal, A., Anat. Med. T. V, p. 474. 

Unterscheidung mftnnl. u. weibl. Scheinzwitter. 

412. Pouchet, 6., „Sur le d6veloppement des organes 
g^nito-urinaires". Annales de gyn^cologie. 1876. 

413. Pozzi, 8., „L'origine de Thymen". Gaz- d'höp. 19. 
VL 1884. Nr. 21. 

414« Pozzi, S., „De la bride masculine du vestibule chez 

]a femme et de Torigine de Thymen". Compt. rendus 

et memoires de la Soc. de Biologie. Paris 1884. — 

Gaz. m6d. de Paris. 23, II, 1884. 

Beschreibung eines 27jähr. Mädchens, Louise Bavet, eines 
männl. Scheinzwitters. 

415. Pozzi, S., De Therm apbroditisme". Gaz. hebdom. 
1890, Nr. 30, p. 351. 

416. V. Preuschen, Über Cystenbildung in der Vagina. 
Vi rc ho WS Archiv. 1877,Bd. 70, p. 111, Tafel 2, Fig. 9. 

Abbildung eines Gärtnerischen Kanales bei einer Katze. 

417. Puech, Albert, „Fruit de cinq ann6es de m^ditation 
et de recberches. 1864. 

418. Quintilianus,Fabr.,Deinstitutioneoratoria. Augustae 
Taurinorum 1824, lib. 1. 4. 24. 

Neutraler tiermaphrodismus: Genus epicoenum bei un- 
bestimmbarem Geschlecht. 

419. Raffegeau, „Du röle des anomalies cong^nitales des 
organes g^nitaux dans le d^veloppement de la folie 
chez Thomme". Thöse de Paris 1881. 

420. Ramage, „Congenital absence of ovaries with rudi- 
mentary Uterus". Lancet 1896. Vol II, p. 1664. 

421. Rambaud, P., „Les anomalies des organes g^nitaux 
de la femme". Paris 1900. 

422. V. Recklinghausen, Die Adenomyome u. Cystadenome 
des Uterus u. der Tuben wandung, ihre Abkunft von 
Resten des Wol ff 'sehen Körpers. Berlin 1896. 



— 510 — 

423. Recht, Römisches, L. 10, D. 1.5. „Quaeritur herma- 
phroditum cui comparemus? et magis puto ejus sexus 
aestimandum, qui in eo praevalet." 

424. Reichel, P., „Die Entstehung der Missbildungen der 
Harnblase u. Harnröhre an der Hand d. Entwickelungs- 
geschichte bearbeitet Arch. f. klin. Chirurgie 1893, 
XLVI, p. 740 ff. 

425. Reuter, J., „Ein Beitrag zur Lehre vom Herma- 
phroditismus.'' Verh. d'. phys. med. Ges. zu Würzburg 
N. T. XIX. Bd., 1885. 

3 Fälle von Zwitterbildung beim Schweine u. Kritik von 
19 Fällen von angebl. H. verus beim Menschen. 

426. Richer, Paul, „Les hermaphrodites dans TArf 
Nouvelle Iconographie de la Salpetri^re, 1892, Nr. 6. 

427. Rieder, Carl, Über die Gartnerschen (Wolffschen) 
Kanäle beim meltischliohen Weibe. Virchows Arch. 
1884, Tafel VIII. 

10 Beobachtungen beim Weibe und 6 bei weiblichen 
Haustieren. 

428. Riolan, Discours sur les hermaphrodites. Paris 1614. 

429. Riolan, Encheiridion Anatomicum et Pathologicum. 

1658. 

K. faßt die sog. Hermaphroditen auf als Weiber mit 
hypertrophischer Clitoris. 

430. Robin, „Leyons sur Torigine embryog^nique des 
616ments et des syst^mes organiques." Paris 1875 
(Journal de Pficole de M6decine). 

431. Rochard,Ectopiete8ticulairesous-abdominale. L'Union 
ra6d. 1896, Nr. 19. 

432. Römer, L. 8. A. M. v., „Über die androgynische Idee 
des Lebens.*' — Jahrb. f. sexuelle Zwischenstufen. 
V. Jahrg., IL Bd., 1903, p. 1—939. 

AuBerordcntlich fleißige Zusammenstellung d. eiiiHchlftgigeu 
Materiales mit 87 Abbildungen antiker Bildwerke z. gr. Teile 
hermaphroditische Figuren betreffend u. reichen Literatur- 
verzeichnis, die bisher vollkommenste Bearbeitung dieser 
Frage. Berücksichtigung von 196 Arbeiten auf das antike 
Zeitalter bezüglich. 

433. Rosculetz, Valerin, Beiträge zur Entwickelungs- 
geschichte des Genitalhöckers beim Menschen u. beim 
Schwein. Inaug.-Diss., Berlin 189U. 

Entwickelung von penis, clitori». 



— 511 — 

434. Rosenmueller, J.Ad., Quaedam de ovariis ezcbryonum 
et foetuum humanorum. Lipsiae 1802. 

435. Rot he, F., Untersuchungen über die Behaarung der 
Frauen. Inaug.-Diss., Berlin 1893. 

436. Rothmann, Joachim, „Über das Vorkommen von 
Hydrocele bei Kryptorchismus." Inaug.-Diss. Kiel 1901. 

437. Rudeck, W., Medizin und Recht 2. Aufl., 8. 354: 
Strittiges Geschlecht u.Zeugungsun&higkeit. Berlin 1902. 

438. Rüdinger, N., Zur Anatomie der Prostata, des Uterus 
masculinus u. des Ductus ejaculatorius beim Menschen. 
München 1883. 

439. Rueff, Jacobus (Zürich], De conceptu et generatione 

hominis etc. Francofurti ad M. 1587, p. 41. 
Kasuistik. 

440. Rust, J. N., Theoret prakt Handb. d. Chirurgie. 
Berlin 1832, Bd. Vm, p. 287. 

AUgemeines. 

441. Ruyschius, Thesaurus VIII. Nr. 53. Adversaria. 
Dez. I, p. 22. 

R. erklärte alle Zwitter für Weiber mit hypertrophischer 
Clitoris. 

442^ Ruyschius, Adversaria anat. I in ejusd. Opera omnia, 

Amstel., Vol. I, 1720. Thes. VIU, Nr. 53. 

442**. Ruyschius, Thesaurus anat VIII. Nr. LIII in ejus- 
dem Opera omnia. Amstelodami, Vol. II, 1744. 

443. Saltarino, Fahrend Volk. Leipzig 1895, p. 122. 
„Haar- u. Bartmenschen" (mit zahlreichen Abbildungen). 

444. Schallgruber, Abhandl. aus dem Gebiete d. Gerichts- 
arzneikunde. Graetz 1823. 

445. Schatz, Die griechischen Götter und die menschlichen 
Mißgeburten. Wiesbaden 1901. 

446. Schenk, J.G., „Observationum medicarum etc." Franco- 
furti 1600, p. 572. „De genitalibus partibus utrius- 
que sexus." Ältere Beobachtungen von Aristoteles 
stammend, Paulus v.Aegina, Pliuius,TitusLiviu s, 
Julius Obsequens, Albertus magnus, Cardanus, 
Rhodigius, R. von Volterra, Pondanus, Lico- 
stenus, Rueff, Fulgosius, Haies, Rkodoham, 
Marcellus Donatus, Lusitanus u. Pareus. 



— 512 — 

447. Schenkius von Graefenberg, J. 6., Monstrorum 
historia memorabilis. Francofurti 1609. 

448. Schickele, 6., ZusammenfasBendes Referat: Die 
Lehre von den mesonephrischen Geschwülsten. Zentr. 
f. allg. Pathol. u. patholog. Anatomie. XV. Bd., 1904, 
Nr. 7, 8. 

449. Schneider, Zwitterbildung in gerichtlich -med. Hin- 
sicht beobachtet von 8. in Fulda. Kopp 's Jahrb. d. 
Staatsarzneikunde. Frankfurt II, 139. 

450. Schubert, „Vom Unterschiede beider Geschlechter"; 
siehe: Schubert's Abhandlungen einer allg. Geschichte 
des Lebens. Bd. I, Leipzig 1806. 

451. Schultze, Grundriss der Entwickelungsgeschichte des 
Menschen u. d. Säugethiere." Würzburg 1Ö96. 

452. Schurig, M., De hermaphroditis et sexum mutantibus. 
Francofurti ad Moenum 1720, p. 561 — 721 und Spermato- 
logia ibidem. 

453. Schurigius, Mart, Spermatologia historico-medica, 
hoc est, seminis humani consideratio physico-medico- 
legalis, qua ejus natura et usus, insimulque opus 
gcnerationis et varia de coitu, de castratione, phimosi, 
circumcisione, infibulatione, de hermaphroditis traduntur. 
Franeof. 1720, 4^, (In Marburg, Univ.-Bibl.: XI c. 

454. Schurigius, Mart., Muliebria h. e. partium genitalium 
muliebrium consideratio. Dresdae et Lipsiae 1729. 

455. Seilheim, H., Zur Lehre von den sekundären Ge- 
schlechtscharakteren. Hegars Beiträge zur Geburts- 
hülfe u. Gynäkologie, Bd. I, Heft 2, 1898. 

456. Shaw,T. Clay, „On insanity with sexual complications." 
St. Bartholomcws Hosp. Reports. Vol. XXII. 

457. Shrady, George, „Sex in crime.*- Med. Record 1898. 
Vol. LIV, Nr. 24. 

458. Sicard,H., L'6volution sexuelle dans Tesp^e huniaine. 
Paris 1892, p. 265. 

459. Siede, Johann Christian, Gemälde des physischen 
Menschen oder die Geheimnisse der Mannbarkeif, des 
Geschlechtstriebes u. des Ehebettes. 4 Teile, Berlin 
1794—98. Bd. I, Nr. 9: Zwitter oder Hermaphroditen 
halb Mann, halb Weib. IL Anhang Nr. 1 : Noch etwas 
über Zwitter. 



— 513 — 

4G0. Simonis, D. Job. 6eo., Präsidium Aoademicuiu. 
Francof. et Lipsiae, J. Th. Fleischer, 1686, 4^ p. 827. 
33 über Hermaphroditen. 

461. Simpson, „Hermaphroditism." The Cyclopaedia of 
anatomy and pbysiology. Vol. II, 1839. 

Todds Gjclopaedia. 

462. Smyth, R. Milner, Virility of Cryptorchist Laucet 

16, IX, 1899, p. 785. 

Krjptorcbist zeugte in 16 jähr. Ehe 5 Kinder. 

463. Souli6, „Recherches sur la migration des testicules.'' 
ThhsQ de Toulouse 1895. 

464. Souli6, Sur la structure de la poche cr^mast^rienne. 
Bibliographie anatomique 1895. Comptes rendus de 
la 8oc. de Biologie 1895. 

465. Steenstrup, „Untersuchungen über das Vorkommen 
des Hermaphroditismus." 

466. Steglehner, Georg, De Hermaphroditorum natura 

tractatus, anatomo - physiologico - pathologicus. Bam- 

bergae 1817, 4«. 

Lehre vom Hennaphroditismus und systematische Zu- 
sammenstelluDg der älteren Kasuistik. 

467. Stephan, Pierre, „De Thermaphrodisme chez les 
vert^br^s." Th^se de Montpellier. Marseille 1901. 

Gründliches vergleichend anatom. Studium mit eingehen- 
dem Literaturverzeichnis über Zwitterbildungen bei Tieren. 

468. Stricker, W., Virchows Arch., 88. Bd., S. 184. 

Eine literarhistorische Studie über Hermaphroditismus. 

469. Stricker, Lehrb. d. Histologie. Studien über Zwitter- 
bildungen. Archiv f. prakt. Anat. Berlin 1882. 

470. Stolle, Fr., Kryptorchisraus u. Hernie. Marburg 1896. 

471. Strobe],C, „Zur Entwickelungsgeschichte u. Anatomie 
derVagina, Urethra u. Vulva. Inaug.-Diss. Würzburg 1 893. 

472. Suidas, Lexikon: Hermaphroditus. Cambrigi 1705, 
p. 857. „Hermaphroditus est, qui utraque masculinum 
et feminiuum Organa habet, turpiter faciens et agcns.'' 

473. Sutton, Bland, „Diseases of the Reproductive organs 
in Frogs, Birds and Mammalcs." Joum. of Anat. and 
Physiol. Vol. 19, 1885, p. 137. 

Jahrbuch VII. 88 



— 514 — 

474. Switalski,L., Über das Verhalten der Umierenreste bei 
weiblichen Embryonen u. Kindern. (Polnisch). Erakau 
1898. — Sep.-Abdr., Anzeiger d. Akad. d. Wissen- 
schaften in Erakau (Deutsch), Mai 1898. 

475. Tabarani, Pietro, „6ugli ermafroditi.'' Lettera terza. 

Appendice agli Atti dell' Acad. dei fisiocritici di Siena 

1787, p. 77. 

T. bezweifelte laut Taruffi das Yorkommeii von Herma- 
pbroditismos. 

476. Tardieu, „II n'existe pas un seul fait authentique, 
dans lequel on ait constat^ par un examen anatomique 
et histologique complet la coexistence de tous les 
organes ä la fois essentiels et accessoires du double 
sexe masculin et feminin''; s. Gu^ricolas, 1. c. p. 96. 

477. Taruffi, Storia della Teratologia. Bologna 1882. 
Dasselbe 1894. 

478. Taruffi, Cesare, „Hermaphrodismus und Zeugungs- 
fähigkeit. Eine systematische Darstellung der Miß- 
bildungen d. menschlichen Geschlechtsorgane.'' Deutsche 
Ausgabe von R. Teuscher. Berlin 1903. 

Anatomischer u. klinischer Hermaphrodismus u. Pseudo- 
hermaphrodismus. Allgemeines una Kasuistik. Berück- 
sichtigang des sekundären Geschlechtscharaktere. Psycho- 
sezuelle Pathologie. 

479. Taruffi, Hermaphrodismus u. Zeugungs&higkeit, 1. c. 
p. 141—151. 

Kasuistik der Gynäkomastie u. Mammabypertrophie. 

480. Taruffi, „Hermaphrodismus und Zeugungsfahigkeit 

L c. p. 220—224, 

Kasubti^L u. Literatur der Hypertrichosis u. der bärtigen 
Weiber. 

481. Taruffi, Hermaphrodismus und Zeugungsfahigkeit 

Deutsch von Dr. Teuscher. Berlin 1903, p. 387— 404. 

Literatur u. Kasuistik des fehlenden oder rudimentären 
Penis bei Gegenwart von Hoden, der Adhärenzen des Penis 
am Scrotum, Hypoplasie des Scrotum, Ectopia vesicae ohne 
äußere Geschlechtsorgane, mehr oder weniger vollständigen 
Fehlens äußerer Geschlechtsteile. 

482. Taruffi, 1. c p. 3—21. 

Die zu verschiedenen Zeiten angenommenen Eiateilungen 
des Zwittertumes. 



— 515 — 

483. Taruffi, Hermaphrodiüsmus und Zeugungsfahigkeit, 

Lc. p. 133 — 141. 

Kasuistik des Feminismus bei rudimentären mftnnlichen 
Genitalien. 

484. Taruffi, 1. c. p. 120—121. 

Über Coineidenz des männlichen Pseudobermaphroditis- 
mos — Hypospadie — mit Gynäkomastie. 

485. Taylor, Fälle männl. secuDdärer Geschlecbtscharaktere 
bei Weibern. Medical Jurisprudence, 1873, II, p. 279. 

486. Terrelius, Dominicas, De generat. et partu hu- 
mano. CX. 

487. Thoinot, „Attentats aux moeurs et perversions du 
Bens genital." Paris 1898. 

488. Thomas, „Description de l'isle des Hermaphrodites 
nouvellement d6couverte, contenant les mcBurs, les cou- 
tumes et les ordounances des Habitans de cette isle, 
comme aussi le discours de Jaccophile ä Siume avec 
quelques autres pi^ces eurieuses." Cologne 1724. 

489. Thomas, s(ieur?) d'Embry, Description de Tisle des 
hermaphrodites nouv. d^couverte. Cologne 1726. 

490. Thompson, and Geddes, The Evolution of Sex. 
London 1896, p. 267; Contemporary Science Series. 

491. Thompson, Helen Bradford, Vergleichende Psycho- 
logie der Geschlechter. Experimentelle Untersuchungen 
der normalen Geistesfähigkeiten bei Mann u. Weib. 
Autorisierte Übersetzung von J. E. Koetscher, Würz- 
burg 1905. 

492. Tode, „Beitrag zur Geschichte der Hermaphroditen." 
Med. chir. Journal, Bd. III, Heft 4, Kopenhagen 1795, 
p. 423. 

493. Tongl, Franz, Beiträge zur Kenntnis d. Bildungs- 
fehler der Urogenitalorgane. Virchows Archiv 1889, 
Bd. 118, p. 414. 

Persistenz des linken Gartn ersehen Ganges bei einer 
65 j. Frau. 

494. Tourdes, G., Art.: Hermaphrodisme. Dict. encyolop. 
d. sc. med. Paris 1888, S^rie 4, T. XH, p. 635. 

Über die Forderung Garniers, in die Metrik die Rubrik 
B. D. » sexe doateux — einzuführen. 

33* 



— 516 — 

495. Tourneux, Pr^cis d'embryologie humaine. Paris 1898. 

496. Tourneux, F., „Des restes du corps de Wolff chez 
Tadulte." Bull. sc. du d6p. du Nord et pajs voisins 
et Paris 1882, T. V, p. 321—353. 

497. Tourneux, F., „Note sur le d^veloppement du yagin 
m41e chez les foetus humain." Compt rendus heb- 
dom. de la Soc. de Biologie 1887. Ser. VIII, T. IV, 
Nr. 22, p. 812 und: Rev. bioL du Nord de la France. 
Lille 1889, T. I, p. 212. 

498. Trallianus, Phlegon, Quae exstant opuscula, „De 
rebus mirabilibus." LugduniBatavoruml 620, cap.2, p.l 1 9. 

Ältere fabulöse Angaben über Zwitter. 

499. Troxler, „Über Hermaphroditen" siehe: Troxlers 
Versuche in der organischen Physik, Nr. 6. Jena 1804. 

500. Tuffier, Traitement de l'hypospadias par la tunnelli- 
sation du p^nis et l'application des grefiTes O liier- 
Thiersch (proc^d^ de Nov6- Josserand). Annales 
des malad, des organes g^nito-urinaires. Avril 1899. 

501. Ulpianus, De hermaphrodito. Lib. I ad Sabinum. 
Digestorum lib. I, titulus V. „Quaeritur henna- 
phroditum cui coroparemus? et magis puto ejus sexum 
aestimandum, qui in eo praevalet." 

502. Ulpianus, Digestum. lib. I, tit. 5. 1. 10. 

U., als Jurist, verlangte Feststellung des Geschlechts der 
Scheinzwitter. 

503. Valenti, G., Rudimente del canale di Gärtner nella 
donna. Bull, della Soc. tra i cultori delle sc. med. 
Siena 1883. A. I, p. 62. 

504. Varchi, B., Lezione sopra la generazione dei mostri, 
fatta da lui nell' Academia Fiorentina Tauno 1548. 
Lezione raccolte nuovamente etc. Firenze 1590, p. 103. 
Siehe Taruffi 1. c. p. 365. 

V. glaubt nicht, dskß ein Mann ein Weib werden könne, 
wohl aber, daß ein Weib sich bisweilen in einen Mann verwandle. 

505. Vasmer, W., Über einen Fall von Persistenz der 
Gärtner sehen Gänge in Uterus u. Scheide mit cjstischer 
Entartung des in der linken Vaginalwand verlaufenden 
Abschnittes des Gärtner scheu Ganges. Archiv für 
Gynäkologie. Bd. 60, Heft I. 



— 517 — 

506. Veit, 6., Über einen Fall von sehr großer Scheiden- 
cyste. Zeitechr. f. Geb. u. Gyn. 1882, Bd. VIII, p. 2. 

Cyste aus Resten eines Wo Iff sehen Ganges hervor- 
gegangen. 

507. Venette, N., Tableau de Famour. Geheimnüsfie 
keuscher Liebes- Werke betrachtet im Stande der heil. 
Ehe zwischen Mann u. Weib, zu gesegnetem Kinder- 
Zeugen, und Erhaltung der Familien. Aus. d. FranzÖF. 
ins reine Teutsch übersetzet, durch ein Mit-Glied der 
Frucht- wüntschenden Gesellschafft. Colin, bey Wilh. 
Marteau, 1690. 8. 31 u. 712 S. „Von Hermaphro- 
diten oder Zwittern" Seite 701—712. 

508. Venette, N., Von der Erzeugung der Menschen. 
Leipzig 1698. Mit Portr. u. 11 (von 12) Kpfm. 31 Bll. 
608 S. Prgt. 

Dasselbe Werk wie das vorgenannte, nur in anderer 
Uebersetzung. Die Abtheilung „Hermaphroditen'' mit 
1 Tafel Abbildungen. 

509. Venette, N., Abhandlung von der Erzeugung des 
Menschen. Neue Auflage. Aus dem Französischen. 
Königsberg 1762. Siehe auch Venette, Von Erzeugung 
des Menschen. Leipzig 1711. 

510. Verneuil, Sur les cystes de Forgane deWolffdans 
les deux sexes. M^m. de la Soc. de Chirurg de Paris. 
1857, T. IV, p. 58, 84. 

511. Viault, Fr., Le corps de Wolff. Th^se. Paris 1880. 

512. Vincentelli, „Essai de Intervention du m^decin 
l^giste dans les cas de Separation de corps et de 
divorce." Th^se de Montpellier 1884. 

513. Voigtel: Handb. d. path. Anatomie. Bd. HI, Halle 
1805, p. 364 ff. 

Allgemeines und Kasuistik. 

514. Voltaire, „Ainsi Piaton, le confident des dieux, 

A pr^tendu que nos premiers äieux, 
D'un pur limon p^tri des mains divines 
N6s tout parfaits et nomm^ androgynes, 
£galement des deux sexes pourvus, 
Se sufifisaient par leurs propres vertus." 

Siehe: Witkowski 1. c. anläßlich der Fabel, daß 

Adam ein Zwitter gewesen sei. 



— 518 — 

515. Waldeyer, Eierstock und Ei. 1870. 

516. Wahlgren, Bidrag tili GeneratioDS Organernas Äna- 
tomi och Phjsiologi hos Menuiskan och Dagdjuren. 
Lund 1849. Siehe auch Wahlgren: Über den Uterus 
masculinus Weber bei den Menschen u. den Säuge- 
tieren, Müllers Archiv 1849. Deutsche Übersetzung 
von Peters. 

517. Walter, Denison, Über operative Behandlung von 
männlicher Epispadie u. Hjpospadie nach Raubergers 
Methode. Tübingen 1891. 

518. Webber, K. W., Brit. rud. Joum. 10. X. 1896. 

Beispiel von Tele^onie: die Witwe eines rothaarigen 
Gatten gebiert in 2. Ene lauter später rothaarige Kinder. 

519. Weber, E. H., Über das Rudiment eines Uterus bei 
männlichen Säugethieren. 1846. 

520. Weber, E. H., Zusätze zur Lehre vom Baue u. den 
Verrichtungen der Geschlechtsorgane. Leipzig 1846. 

Über den Uterus masculinus. 

521. Weber, Rusts Magazin f. d. gesarate Heilkunde. 
Bd. XIV, Heft 3. Berlin 1823. 

522. Weber, E., Über die geschichtliche Entwickelung der 
anatomischen Kenntnisse von den weiblichen Geschlechts- 
organen. Inaug.-Diss. Würzburg 1899. 

523. Weber, M., Studien über Säugetiere. L Über den 
Descensus testiculorum der Säugetiere. Jena 1898. 

524. Wedekind, W., „Der gegenwärtige Stand des Ge- 
schlechtsproblems u. d. willkürlichen Gesohlechts- 
bestimmung." Sexuelles Centralblatt für das gesammte 
Geschlechtsleben der Menschen, Tiere u. Pflanzen. 
Januar 1904, Nr. 1. 

525. Weill, Beitrag zur Entwickelungsmechanik des Ge- 
schlechtes. Mon. f. Geb. u. Gyn. Mai 1899. 

526. Weis, William H., „The anatomical findings in ihe 
hjpoplastic genitals from two true female dwarfe?'' 

527. Weicker, Über Hermaphroditen der alten Kunst. 
S. Studien. Hrsgg. v. C. Daub. u. Fr. Creuzer, 6 Bde. 
Heidelberg 1805—1811, 8, mit Kpfim, br. 



— 519 — 

528. Wertheimer, £., „Recherches sur la structore et le 
d^velopperoent des organes g^nitaux externes de la 
femme." (Joutd. de Fanatomie de Ch. Robin. Paris 
1883, p. 551.) 

529. Wiedersheim, Lehrb. d. vergleichenden Anatomie der 
Wirbelthiere. Jena 1883. 

530. Wier, J., Opera omnia. Amstelodamil660,Lib.IV,p.24 

— und : „De la naturelle transmutation du sexe humain.'' 

Paris 1885, Vol. I, p. 598. Siehe: Taruffi 1. c. p. 865. 
Die Natur neigt sich dem Besseren zu, niemals dem 
Schlechteren, aus einem Weibe könne ein Mann werden, aber 
niemals aus einem Manne ein Weib. 

531. Wier, Job., Histoires des illusions et impostures des 
diables etc. Paris 1579, N. Mit, Paris 1885, T. I, 
p. 598, Cap. XXIII: „De la naturelle transmutation 
du sexe humain." 

W. trat laut Taruffi zuerst auf gegen das Vorurteil 
zu Männern gewordener Weiber. 

532. Winckel, Fr. v.. Über die Eintheilung, Entstehung 
u. Benennung der Bildungshemmungen der weiblichen 
Sexualorgane. 1889. 

533. Win ekel mann, Geschichte der Kunst. IV. Buch, 
IL Kap., § 39. 

Über Hermaphroditenbildnisse des Altertums. 

534. Wltkowski, „La g^n^ration humaine." Paris 1880. 

Reiche Kasuistik des fabulSsen Altertums u. Mittelalters, 
enthält auch die Geschichte der aus dem Kloster vertriebenen 
Nonne Ang6Iique de la Motte d^Aspremont in Chartres, 
welche bei den Nonnen als Mann funktionierte, bei nächt- 
lichen Ausflogen ins Dorf als Weib. 

533. Wolfart, Job. Henr., (J. ü. L. et in illustri Athenaeo 
Hanoviensi Prof. publ.), tractatio juridica de sodomia 
Vera & spuria hermaphroditi, von ächter u. unächter 
Sodomiterey eines Zwittern. Francof. ad Moen., Job. 
Priedr. Fleischer, 1742, 4®, cart. 

536*.Wolff, Caspar Friedrich (Berlin)^ Theoria genera- 
tionis Halae 1759. Berlin 1764. 

536^Wolff, Caspar Friedrich, De formatione intesti- 
norum. NoviCommentAcad.S. J. Petropolitan. T. XII — 
XIIL 1768—1769. 

Die von Wolff entdeckten „Umieren". 



— 520 — 

537. Wrisberg, H. A., „GommeDtatio de singulari geni- 
talium deformitate in puero hermaphroditum mentiente, 
cum quibusdam de hermaphroditis/* OoettiDgae 1796, 
Par. 19, p. 541—542. 

EinteiluDg des HermaphrodismuB n. reiche Bibliogpraphie. 

538. X. X., Description de Tlsle des Hermaphroditen, 
nouvellement d^couverte etc. pour servir de Supplement 
au Journal de Henri HI (attrib. ä Arth. Thomas, 
sieur d'Embry, ou au cardinal Duperron) A Cologne 
chez les h^ritiers de Herrn an Demen (Bruxelle8)1724. 

Satire auf die Zustände am Hofe Heinrichs des Dritten. 

539. X. X., Philosophische Untersuchungen über die Ameri- 
kaner oder wichtige Beyträge zur Geschichte des 
menschl. Geschlechtes. Aus d. Französischen des 
Herrn von P***. 2 Bde., Berlin 1769. — Enthält: 
„Von den Hermaphroditen in Florida.'' 

540. X. X., „Mariage et Hermaphrodisme'' (Ehescheidung). 
Annales d'hjgi^ne publ. et de m^d. legale. 3. S6rie, 
T. XLVII, p. 87, Paris 1902. 

541. X. X., „Mariage et hermaphrodisme''. Annales 

d'hjgi^ne publique et de mM. legale. Jan vier 1902, 

p. 87. 

Entscheid in einem fihescheidungsprozesse wegen Schein- 
zwittertumes der Frau: Cour d'appel de Douai. 

542. X X., „Lesbian Love and Murder.'* Med. Record 
1882, Nr. XVI, p. 104. 

543. X. X., Les Herroaphrodites. S. 1. n. d. 8. P. o. gall. 985. 

544. X. X., Les Hermaphrodites ä tous accords, S. 1. et a 8. 

545. X. X., Causes, c^I^bres et interessantes avec les juge- 
mens qui les ont d^cid^s. 12 vols. 8. Paris 1735 — 38. 
Histoire du proc^s des Sr. Saurin et Rousseau. Hist. 
de M"^ de Choiseul. Fille r6put6e faussement Herma- 
phrodite. La belle ^pici^re. Urbain Grandier, condamn^ 
comme Magicien etc. 

546. X. X., R^flexions sur les hermaphrodites, relativem, 
ä Anne Grand- Jean. Avign. 1765. 8, cart. 

547. X. X., De hermaphrodiüs et sexum mutantibus. Franoof. 

1720, 4«. 



— 521 — 

548. X. X., L'Hermaphrodite, ou lettre de Grandjean li 
Fran^oise Lambert (par Ed.-Th. Simon). A Grenoble 
et ä Paris 1765, 8. Les Hermaphrodites ä tous 
aecords. 8. 1. ni d. (17**?), 8. 

549. X. X., Hermaphroditisches Sonn- und Mondskind, d. i. 
des Sohnes deren Philosophen natürlich - übematürl. 
Gebährung, Zerstörung u. Regenerierung oder Theorie 
u. Practic den Stein der Weisen zu suchen u. zu 
machen. Mayntz 1752. Br. 

550. X. X., Hermaphroditisches Sonn- und Monds-Kind. 
Mayntz 1752, 8^. (In Breslau, K. B. Phys. III. 8^ 581). 

551. X. X., Les Hermaphrodites. A tous aecords. „Je ne 
suis masle ny femelle et sy je sui bien en ceruelle 
lequel des deux ce doibt ohoisir, mais qu'importe ä 
qui on ressemble il vault mieux les avoir ensemble 
on en re9oit double plaisir." L'Isle des Hermaphro- 
dites nouvellement descouverte. Avec les moeurs, loix, 
coutumes et ordonnances des habitans d'icelle. Dis- 
cours de Jacophile ä Linne. 2 parties de 235 et 
191 pages. S. ]. ni d. 12^ Parch. 

Gelte eatire, fort piquante, contra les desordres de la 
cour de Henri Ilf., est attribu^e & Arthas Thomas ou To- 
mas Arthus sieur d'Embry. L'^dition ci dessas, qui est 
originale, a paru vers 1605, mais ne porte ni date ni nom 
de ville. Eltß a un frontispice gravö, oä Henri III. est 
repr^sent^ avec une fraise et une coiffure de femme. 

552. X. X., C16mentine, orpheline et androgyne ou les 
caprices de la nature et de la fortune, par Cuisin, 
in- 12 avec 2 figures. 

Curieux roman sur les tribalatioos d'une fille hermaphro- 
dite qui, aprös bien des accidents ^prouv^s comme fille et 
gar^on, finit enfin par Stre femme. Ce roman est un des 
plus curieux du genre. 

553. X. X., Das Leben der entführten holländischen Helena, 
nebst Nachricht (S. 222 — 318) von der lustigen Ver- 
mählung einer schönen Hermaphroditin. o. O. a. J. 
(c. 1720). 

554. X. X. „Memnon'', Die Geschlechtsnatur des mannlieben- 
den Urnings. Körperlich-seelischer Hermaphroditismus. 
Anima muliebris virili corpore inclusa. Eine natur- 
wissenschaftliche Darstellung. 2 Teile, Schleiz 1868. 



— 522 — 

555. X. X., Tragen, Sechs u. siebentzig . . . von Jungfern 
. . . Ander Teil. Prankfurt, Phil. Wilh. Stock, 1736, 8. 
„Zu was fär einem Geschlechte die Hermaphroditen 
sollen gerechnet werden ?<' 

556. Yarell, Willam, „On the change in the plumage of 
some Hen-Pheasants.'* Philosoph. Transact of the 
Royal Society of London 1827. Part I, p. 272. 

557. Yarell, William, „On the Influence of the Sexual 
Organ in Modifying External oharacter.'* Joum. of 
the Proceedings of the Linnean Society, Zoologie 1857. 
Vol. I, p. 81. 

558. Zacchias, P., Quaestiones medico-legales. Libr. VIII. 
Tit 1, quaest. 9, § 1. Prancofurti 1657. 

559. Zar üb in, W., J., Zur Lehre von der Hypertrichose. 

Ein seltener Fall von Hypertrichosis universalis acqui- 

sita. Mediciua, Petersburg 1896 (russisch). 

Beschreibung der Marie Nekrasow, Allgemeines u. gutes 
Literaturverzeichnis. 

560. Ziegler, Lehrb. d. allg. path. Anatomie. Jena 1892. 

Nachtrag: Halban, Joseph, „Die Entstehung der Gre- 
schlechtscharaktere. „Eine Studie über den formativen 
Einfluß der Keimdrüse." Archiv £ Gyn. Bd. 70, Heft 2. 
Wichtige, an Kasuistik reiche, kritische Arbeit, Material 
für den Habilitationsvortrag, vergl. Wiener klin. Woch. 
1903, Nr. 23. Einschlägige Literatur. 

Hirschfeld, M., Übergange zwischen dem männlichen u. 
weiblichen Geschlecht Monatsschr. f. Hamkrankh. u. 
sexuelle Hygiene. 1904, Heft 10—11. 

II. 
Kasuistik des HermaphroditiBmns beim Menschen. 

561. Abbas, Haly, Regalis dispositionis theoreticae LibriX, 
quos Stephanus Philosophus discipulus ex arabica in 
latinam linguam transtulit. Venetiae 1492. Fol. L. 
IX, Caput 54. „De pudendi et non naturalis sezus 
cura, quod nos hermaphroditum dicimus." 



— 523 — 

562. Abel, ,,£in Fall von Pseudohermaphroditismus mas- 

culinus mit sarcomatöser Cryptorchis sinistra." Vir- 

chows Archiv, Bd. 126. — 1891. 

Sektion der 88j. Albertine R., nach Operation ver- 
storben, mfinnl. Scheinzwittcr. 

563. Abel, „Pseudohermaphroditismus masculiuus.'' Inaug.- 

Diss. Greifswald 1890. 

S8j. Weib mfinnl. Scheinzwitter mit Cryptorchis sarco- 
matosa, Tod Dach vaginaler Parazenthese. 

564. Abel, R., 1. c. p. 435. 

A. scheint die periodischen Blutungen aus der Harnröhre 
bei Katharina Hohmann leugnen zu wollen, da sie unter 

fenauer Aufsicht in der Klinik Wunderlichs aufeehört 
aben sollen, auch diesen Blutungen gewöhnlich Nasenbluten 
vorausgegangen sein soll. 

565. Abeles, G., Aerztl. Central-Anzeiger. Wien 10, VIII. 
1892. N. 23. 4. Jahrg. 

Kind fraglichen Geschlechtes. 

566. Accolas, „Gas de pseudohermaphroditisme." Revue 
mM, chir. des maladies des femmes. Paris 1889. XI, 
p. 140. 

567. Ackermann, Jacobus Fidelis, „Infantis androgyni 
historia et iconographia, acceduut de sexu et genera- 
tione disquisitiones physiologicae." Jenae 1805. 

Nekropsie eines 6wöchentl. männl. Scheinzwitters. 

568. Ackermann, Allg. med. Annalen. Altenburg 1805. 

569. Adams, 1852, Art: Prostatic Gland. Todd's Cyclop. 

Mfinnl. Scheinzwitter mit Uterus; siehe auch: Arnold 1. c. 

570. Affaitat, J., De hermaphroditis. Venet. 1549. 

571. Agrö, Natale de, „ Osservazioni su una donna di 

Palermo avente le apparenze d'uomo etc." Giomale de 

med. prat. di V. L. Brera. Venezial817. Semestre I. 

p. 204. 

Nekropsie eines 1 8j. Mannes ergab weibl. Scheinzwittertum. 

572. Ahlfeld, „Die Missbildungen des Menschen". Leipzig 
1880. I u. II, mit Atlas. 

Allgemeinep, Theorie u. reiche Kasuistik. 

573. Alberti, Relazione di un parto monstruoso, avvenuto 
in Brescia il 10 Die. 1810. Commun. delF Acc. di 
scienze etc. del Mella 1810. Brescia 1811. p. 48. 

Fötus erst für weiblich, dann für mftnnlich erklärt 



— 524 — 

574. Alexander, E., „Über einen Fall von Pseudoherma- 

phroditismus". Deutsche Med. Woch. Nr. 38. 16. IX. 

1807, p. 606—608; s. auch Jordan: „Inhalt einer 

Leistenhernie bei Missbilduno^ der Genitalien." Fest- 

schr. zur Feier des 50j. Jubil. des Vereins der Aerzte 

des Regierungsbezirks Düsseldorf 1895. 

Hemiotomie bei der 16j. Klara D. erwies männl. Schein- 
zwittertum. 

575. Allen, S. W., „A congenital malforroation". Boston 
Med. and Gaz. Journal. Vol. CXLVI, p. 361. 

Männl. Scheinzwitter mit 3 unteren Extremitäten. 

576. Allen, Tb., Exact narrative of an hermaphrodite now 
in London. Phil. Transact of London 1666, p. 624. 

Männl. Scheinzwitter. 

577. Allen, C. W., „Report of a case of psychosexual 
Hermaphroditism.'' Medical Record. 8. V. 1897. 

Beobachtang betreffend Viola Estella Angell. 

578. Allen, Th., „An exact narrative of an Hermaphrodit^ 

now in London". Philosoph. Transact. Nr. 32 — und: 

H. Samson, Observ. de Hermaphr. sing.: Miscellan. 

N. C. Dec. L Ann. IIL Obs. 168, p. 323. 

Anna Wilde 1647 geb., im 6. Jahre als männl. Schein- 
zwitter erkannt. 

579. Amato, Curationum medicinalium. Cent. II. Lugduni 

1580, Veneüis 1653. p. 150. Curatio 39. „In qua 

agitur de puella in virum versa, priapum usque ad id 

tetnpus intus latitantem extra ejecit". Siehe Taruffi: 

Hermaphrod. u. Zeugungsfähigkeit 1. c. p. 366. 

Amato berichtet in einer Anmerkung über mehrere 
ähnliche Fälle aus der römischen Literatur. 

580. V. Ammon, Die angeborenen chirurgischen Krank- 
heiten des Menschen. 1842. p. 963: Beschreibung 
der Marie Rosine, des späteren Gottlieb Göttlich, eines 
als Mädchen erzogenen männlichen Scheinzwitters. 

581. Ancarani, Guzzoni degli, „A proposito di un caso 

di pseudo-erroafrodismo feminine. Attidella SocietaltaLdi 

Ostetr. e Ginec. raccolti dal Segretario XaverioRocchi. 

Vol. n. Roma 1896. p. 468-474. 

Nekropsie des 2monatL Artur B. wies weibl. Schein- 
zwittertum nach. 



— 525 — 

582. Ancarani, Guzzoni degli, 1. c. p. 471. 

Der Gatte erkannte 8 Monate nach der Hochzeit, daes 
seine Frau ein mann]. Scheinzwitter war. 

583. Anger, Th., Hypospadias p^noscrotal compliqu^ de 
ßoudure de la verge. 8oc. de chir. de Paris. 21. I. 
1874 et 17. II. 1875. 

584. Anschütz, ,,Fall von verkannter hochgradiger Hypo- 
spadie, welche zur Verwechselung des Geschlechtes ge- 
führt hatte." Schles. Gesellsch. f. vaterl. Kultur in 
Breslau. 17. I. 1902. Aerztl. Sachverständigen-Zeitung 
1902. Bd. VIII, Nr. 18, p. 384. 

50j. Weih, männl. Scheinzwitter, ist mit ihrem weiblichen 
Lose zufrieden. 

585. Ansiaux u. Fournel, siehe Geoffroy St Hilaire 

1. c. p. 77. 

Männl. Scheinzwitter als Madchen erzogen. 
G8G. Anton ini, G., Di uu caso di pseudo-ermafroditisrao 
in una famiglia cretinosa. Arch. di psych., sc. penali etc. 

Torino 1888. Vol. IX, p. 247. 

lOj. Mädchen mit 5 cm langem Penis hypospadiaeus, 
Geschlecht fraglich. 

587. Antonini, E., Un uomo-donna ippocratico. Faro 18G9. 

Ser. III, T. XV, p. 403—411. 
27j. Bäuerin mftnnl. Hypospade. 

588. Appiatt, M., Gaz. hebd. 18G1. T. VIII, p, 550. Ab- 
tragung einer apfelsinengrossen Clitoris bei einer 50j. 
Frau. Anatom. Präparat im Pariser Mus^e Dupuytren : 

* „Tumeur fibreuse." In demselben Museuro sub Nr. 704 
bis 707 noch ein Präparat von Clitoris fibrosa von 
Saucerotte u. zwei von Desault Diese vier Prä- 
parate dürften mit Hermaphrodisie nichts gemein haben. 
(F. V. N.) 

589. Aranyi, Ungar. Zeitschr. 1855, p. 4, 15. Siehe auch: 
Langer, 1. c. 

63j. männl. Scheinzwitter mit Uterus. 

590. Archambault, L., „Malformation des organes g^iii* 

taux. — Monstre. — Premier degrö d'hermaphrodisme." 

Th^rapeutique Contemporaine Janvier 1899. S. auch: 

L'Ind^pendance m^dicale 22 Mars 1899. 
Neonat männl. Scheinzwitter. 

591. Arigo e Fiorani, „Una Donna Uomo". Anuali Univ. 
di Medicina. Vol. CCXLVII. Marzo 1879. Siehe: 



— 526 — 

Virchow u. Hirsch, Fortschritte der Medicin. Jahrg. 
1879. Bd. I, p. 255. 

6Sj. inäonl. Scheinzwitter, angeblich wahres Zwittertam, 
Nekropsie. 

592. Arnaud, G., M^moires de Chirurgie. I^re partie. 
Paris 1768. Dissertation sur les hermaphrodites. 

593. Arnaud 1. c. p. 329. 

Beschreibung der Anne, de-) späteren Jean Baptiste 
G r an d j e a n. Grerichts Verhandlung wegen Ehe mit Fran^oise 
Lambert, Profanation des Sacrameutes. 

594. Arnaud 1. c. p. 326. 

Albert, Bischof von Bremen als Zwitter denunziert 

595. Arnaud 1. c. p. 310 u. 311. 

Autobiographie eines Mädchens, hervorgegangen ans der 
Schwängerung eines Franziskanermönches durch ein adeliges 
Fräulein. 

596. Arnaud 1. c p. 286. 

ejähriges Mädchen männl. Scheinzwitter. 

597. Arnaud 1. c. p. 310. 

Liebespaar: „une jeune Demoiselle deQualit^ unR61igieux 
de Tordre de Saint -Fran^ois." Der Beichtiger der jungen 
Dame ward schwanger, ein weibl. Scheinzwitter durch einen 
männlichen. Die aus diesem Verhältnis hervorgegangene 
Tochter veröffentlichte die Biographie des Pfaffen (ihrer Mutter). 

598. Arnold, „Ein Fall von Uterus masculinus u. angeborner 

Strlktur der Harnröhre u. Harnleiter." Virchows 

Archiv 1869, Bd. XVH, p. 38. 

Anatom. Präparat von Meier u. Molitor überlassen. 
Arnold stellt hier 26 Beobachtungen von Uterus masculinus 
zusammen. 7 monatl. Frucht, männl. Scheinzwitter mit Uterus. 

599. Arthur, Mc, „Gase of hermaphroditism with imper- 
forate anus." Amer. J. of Obstetr. 1902, p. 562—572. 

Operation wegen atresia ani, Tod, Nekropsie wies weibl. 
Scheinzwittertum nach. 

600. Aubert, Ein männlicher Scheinzwitter. Siehe: De- 
bierre: „L'Hermaphrodisme.*' Paris 1891, p. 137. 

601. Aubert, Polidor, Des canaux de Gärtner. Th^e. 
Bordeaux 1901. 

602. Audain, „Hermaphrodisme double, kyste dermoide 

des ovaires. Annal. d. Gyn. et d'Obst. VoL XI, 

1893, p. 362. 

Bauchschnitt bei einem 29 j. Mädchen, wahrscheinlich 
weibl. Scheinzwitter. 



— 527 - 

603. Auger, Archives gßn^rales 1874. 

604. Auria, V., Notizie di alcune cose notabili, occorse in 

Palermo dal 1636 al 1665 cavate da alcuni mano- 

scritte. Bibl. stör, e letter. di Sicilia. Palermo 1869. 

Vol. II, p. 399. 

1636 in Palermo Frau von Trapani 5 Jahre verheiratet, 
verlaugte Anerkennung mftnnl. Rechte als Witwe. Kardinal 
Doria gestattete ihr nach Untersuchung als Mann su hei- 
raten. Der Herzog von Montalto schickte sie — ihn zum 
Könige von Spanien. Nach einem Jahre kehrte sie als 
Priester mit Bart, Don Mario genannt, nach Palermo zurück. 

605. Aveling, Amputation der hypertroph. Clitoris bei 
einem menstruirenden weibl. Scheinzwitter. 

606. Avery, „A genuine Hermaphrodite with Operation 

for removal of the testicles." Med. and Surg. reporte. 

PhUadelphia 1868. Vol. XIX, 8, p. 144. 

Castration eines Mädchens ergab männl. Scheinzwitter- 
tum. 24 j. Miß Christie Anne. 

607. Bacaloglu et Fossard, „Deux cas de Pseudo-Herm- 
aphrodisme (Gynandroides)." La Presse m^d. 6. XII. 
1899, p. 331 — 333 — und: Referat: AnnaL des 
malad, des org. g^nito-urinaires. T. XIX, Nr. 2. 
F^vrier 1901, p. 246—255. 

47 j. Selbstmörderin, Frftulein Emilie M. und 31 j. Fräu- 
lein A. Lefran9ois (Nekropsie), angeblich zwei weibl. 
Scheinzwitter. 

608. Badaloni, „Sopra un caso di anomalia di confor- 

mazione degli organi genitali maschili — ipospadia 

completa rispetto la medicina legale." — Bullet, della 

Reale Aead. Med. di Roma 1885. Nr. 5, p. 146. 

Scheidungsprozeß d. 51 j. Maura Faustina, eines mftnnl. 
Scheinzwitters. 

609. Bailey, James, A case of hypospadias. New York 
med. Joum. April 1877. 

610. Baillie, „Anatomie des krankhaften Baues von einigen 
der wichtigsten Theile des menschlichen Körpers.^' 
Aus d. Englischen von Sömmerring. Berlin 1794« 
p. 232, 238, 240. 

611. Bailly, Hermaphrodisme. Bull, de TAcad« de m6d. de 
Paris 1863. T. I, p. 341. 

88 j. Mann männl. Scheinzwitter. 



— 528 — 

612. BannoD, Dublin Med. Journal. 1852. Vol. XIV, p. 73. 

Mftnnl. Scheinzwitter mit Uterus, als Mädchen getauft, 
später für einen Knaben erklärt Anna — Andreas. 
Nekropsie. 

613. Bardenheuer, „8 Fälle von Hypospadie, Operation 
nach Beck. Münch. Med. Woch, 1903, Nr. 18, p. 796. 

614. Barkow, „Ober einen wahren menschlichen Zwitter.*' 
Anatom. Abhandl. Breslau 1851, p. 60. 

54 j. verheirateter Mann mit hemia uteri, wahrscheinlich 
männl. Scheinzwitter. Nekropsie. 

615. Barnes, Fancourt, Brit. Med. Journal 1888. 
p. 205, 231. 

Zwei Schwestern, männliche Scheinzwitter (19 Jalirc u. 
22 Monate alt), ein Rind zweifelhaften Geschlechtes, Nekropsie 
wies weibl. Seh. auf. 

616. Barry, „On the ünity of Structure in the Animal 
Kingdom." Siehe: Jamieson Edinb. New Philosoph. 
Journal 1837. 

617. De Barry, Gerichtsverhandlung gegen einen Schein- 
zwitter, den 23 j. Snydam, wegen Missbrauch des 
Wahlrechtes. Siehe: Oesterlen in Maschkas Handb. 
d. gerichtl. Medizin. Bd. III, p. 79. 

618. Barth u. Leri, „Un cas de hermaphroditisme.'* Bullet 
de la Soc. Anat. de Paris. 1902, p. 957. Referat: 
Zentr. f. d. Krankh. d. Hain- u. Sexualorgane Bd. XIV, 
p. 454. 

Nekropsie einer 75 j. Frau, 15 Jahre verheiratet gewesen 
u. angeblich vom 18. bis 55. Jahre menstruiert, ergab männl. 
Scheinzwittertum. 

619. Barth, „Anomalie du d^veloppement de l'utricule 
prostatique, persistance de l'organe de Müller du cöt6 
droit en forme de poche diverticulaire, passant sous la 
vessie; soul^vement de la muqueuse v6dicale formant 
valvule." Bullet de la Soc. anat de Paris 1878. 
T. LIII, p. 483. 

620. Bartholinus, Hist anat cent III, bist 59. 

Venetianische Conrtisane mit infolge Abusus Veneiia 
verknöcherter Clitoris. 

621*. Bartholinus, Anatome. Lugd. Batav. 1693. 
621^ Bartholinus, Epist med. III. Epist 93, 94. 
62P. Bartholinus, Histor. anatom. Cent II, bist. 57. 



— 529 — 

622. Bartholinus, T., Historiarum aDatomicarum rariorum. 

Cent. I, obs. 65. Amstelodami 1654. p. 103: Vir 

sine pene et podice natus. 

24 j. Mädchen Anna als Mann erkannt; Hamen durch 
den offenen Urachns, Defakation per os bei defectus ani. 

623. Bartholinus, Th., Epistolar. Cent. III, ep. 94. p.406. 
Hafriae 1667. 

Bärtige Holländerin mit Clitorishypertrophie. 

624. Baster, J.y Descriptio foetus monstrosi sine ullo sexus 
signo. Tab. U, Fig. 1. Philosoph, transact. Vol. 46 
for the years 1749 and 1750. p. 479. 

625. Batujew, Ein Fall von Pseudohennaphroditismus 
femininus extemus, Beitrag zur Lehre vom Herm- 
aphroditismus. Russkij Wracz 1903, Nr. 29 (Russisch). 

Beschreibung eines anatomischen Präparates. 
Nekropsie eines Neonaten, weibl. Scheinzwittertam. Prä- 
parat von Dr. Spiro gesandt 

626. Bauer, „Caseof epispadias.'« Med. Times. 1852 Febr. 224. 

Männl. Scheinzwitter. 

627. Bauhin, G., Observat. lib. VT, cap. 54. 

18 j. Mädchen männl. Scheinzwitter. 

628. Bauhin, G., siehe Guenther 1. c. p. 55. 

Hermaphroditische Zwillinge, mit dem Rücken ver- 
wachsen, von A. Par6 abgebildet 

629. Bauhin, C, siehe Kaplan 1. c. p. 13. 

Verheirateter Soldat soll ein Kind geboren haben? — 
Weibl. Scheinzwitter. 

630. Bauhin, C, siehe Kaplan 1. c. p. 13. 

Nekropsie erwies männl. Scheinzwittertam eines als 
Weib geltenden Individuums. 

631. Bauhin, C, s. 0. 8. Kaplan: „Hermaphroditismus 

u. Hypospadie.*' Inaug.-Diss. Berlin 1895. 

Ein Gatte verlangte gerichtl.-med. Untersuchung seiner 
Fraa, welche lieber mit dem 28 j. Stubenmädchen als mit 
dem Gatten geschlechtlich verkehrte. Ergebniss: männl. 
Scheinzwittertam der Gattin. 

632. Bauhin, Gaspard, 1743 (siehe Arnaud 1. c. p. 285). 
Moine Hermaphrodite ä Issoire en Auvergne aecouch^. 
„Mas, Mulier, Monachus, mundi mirabile 
Monstrum." 

Jahrbuch VII. 84 



— 530 - 

633. BauhiD 1. c. Siehe auch Jehan de Moliuet: Be- 
schreibung in einem Gedicht — s. auch Chronique 
scandaleuse de Louis XI., p. 386 — und: Chronique 
depuis Pharamon jusqu'en 1899 par Robert Gaguin. 
Livre X, p. 284. 

ErwähnuDg des Mönches, der 1478 im Kloster in Issoire 
en Auvergne eines Rindes genas: „Mas, mnlier, monachus, 
mundi mirabile monstrum.^* 

634. Baus: Umtaufung eines Zwitters. Anz. für St der 

Vorzeit. 1875, Nr. 4, p. 119. 

Dokument des Notars Wolff vom Jahre 1527: eine 
Hermaphroditin Elisabeth, später als Knabe umgetauft 

635. Bazy, Bullet et M6m. de la Soc. de Chirurgie de 

Paris. T. XXVUI, 1902, Nr. 31, p. 943. 

26 j. Mädchen bei Appendicitisoperation als männl. Schein- 
zwitter erkannt 

636. Beatty, „Doubtful sex'', siehe: Cyclopaedia of Pract 
Med. London 1833. 

637. Beaumont, E., „Absence of sexual organs." Clin. Soc. 
of London 28, X, 1903. Brit Med. Jörn. 1903, VoLH, 
p. 1152. 

14monatl. Kind ohne Spur äußerer Geschlechtsteile. 

638. Beck, Carl (New York), briefl. Mitteilung. 

24 j., vier Jahre verheiratete Böhmin verließ ihren Mann. 
Die Oattin erwies sich als Scheinzwitter fraglichen Ge- 
schlechtes. 

639. Beck, Carl, Die Operation der Hypospadie. Deutsch. 
Med. Wochenzeitung. 1901, Nr. 45, p. 777. 

640. Beck, C, 1. A case of Hermaphrodism.(?) Medical 

Record. New York. 25. VII. 1896, Nr. 1342, VoL L, 

p. 135. 

Bauchschnitt bei einem 21 j. Scheinzwitter, bis zum 
19. Jahre als Mädchen geltend — fraglichen Geschlechts. 

2. ibid. p. 694. 

3. „Malformation of the genital organs; probably a 
case of true hermaphrodism.'' New York, Path. Soc 
14. X. 1896. Med. Record Vol. L, p. 724. 

641. Beck, C, Description of a Specimen taken from a 
Hermaphrodite. Med. Record February 20. 1897. 



— 531 — 

642. BeckmanD, „Fall von mänDlichem Scheinzwittertum.'' 
Bolnicznaja Gazeta Botkina 1897, Nr. 35, p. 1350. 
(Russisob.) 

60 j. mfinnl. Scheinzwitter. 

643. B^clard, „Description d'un individu dont le sexe a 
quelque chose d'6quivoque." Bullet de la fac. de m^l. 
de Paris 1815, Nr. 2, Vol. IV, p. 273. Siehe auch: 
Hufelands Joum. d. prakt. Arzneikunde. Bd. 47. 
Dec. 1821. 

BeschreibuDg d. weibl. Scbeinzwitten Marie Madeleine 
Lefort. 

644. B^clard, Bulletin de la Facult^ de M6d. Pans. T.IV, 
1815, Nr. 11, p. 282. Siehe Pinel 1. o. p. 342. 

Sektion eines 18 j. Mannes, angeblich H. verus lateralis. 

645. Bedinelli, F. de Paula, Nupera Androgynae per- 
fectae structurae observatio. Pisauri 1755; vide: 
Commerc. Lipsiense IV, 709. 

646. Beer, A., Beschreibung eines Hermaphroditen. Deutsche 
Klinik 1867, Nr. 34. 

Über Katharina Hohmann. 

647. Belli n, £. F., „Hermaphroditismus vom gerichtl.-med. 
Standpunkte aus betrachtet." La Gyn6cologie 1898, 
Bd. III, p. 243. 

648. Beilin, E. F., „Ein Fall schwieriger Bestimmung des 
Geschlechtes u. der bürgerlichen Rechte: Mann oder 
Weib?« Charkow 1898. 

Gerichtl.*med. Untersuchung: 24 j. Mädchen, Opfer eines 
Notzuchtsyersaches, männl. Scheinzwitter. 

649. Benoit, J., „Consultation sur un cas d'hermaphro- 
disme.*' Joum. de la 8oc. de m^d. prat. de Mont- 
pellier, Nov. 1840. 

27 j. Mädchen, Braat, erwies sich als männl. Scheinzwitter. 

650. Bergk, R., Symbolae ad cognitionem genitalium ex- 
temorum femineorum. IV. Hospitalstidende 1900, Nr. 52. 

B. leugnet das Vorkommen von Clitorish^pertrophie, bei 
angebl. Clitorishypertrophie handle es sich immer um männl. 
Scheinzwittertum. 

651. Bergk: R., Virchows Arch. f. path. Anat. etc. Bd. 41, 

p. 305: „Fälle von Epispadie.'' 

Nekropsie eines Mädchens ergab männl. Scheinzwittertum 
mit Epispadie des Penis. 

34* 



— 532 — 

652. V. Bergmann, „Herrn aphrodiasis", s. Münch. Med. 
Woch. Bd. XII, p. 216 — und: Berlin. Klin. Woch. 
1894: „Defeetus scroti." 

Mädchen männl. Scheiozwitter. 

653. V. Bergmann, Freie Vereinigung Berliner Aerzte 13, 
VI; 8. Centr. f. Chirurgie Bd. XXV, p. 986. 

Erwachsener mftnnl. Scheinzwitter. 

Besieht sich auf Zephte Akaira, beschriehen von Rarz, 
Zuccareili, Daffner u. A. 

654. Bergonzoli, O., „Un caso di ermafrodismo." Bolletino 
seien tifico redatto da Maggi, Zoja e Di Oiovanni. Pavia 
1893, An. XV, Nr. 1, p. 9. Referat: Giomale di 
Medicina Legale. Marzo 1904, Nr. 2, p. 85. 

Beschreibang der Zephte Akaira. 

655. Bergonzoli, O., Di un caso d'ermafroditismo. Bull. sc. 
di Pavia 1803 (?), Nr. 1, Marzo. 

Beschreibung des Hermaphroditen Dcrrier. 

656. Bernt, Beiträge zur gerichtl. Arzneikunde» Bd. I, 
Wien 1818. 

657. Berthold, „Seitliche Zwitterbildung beim Menschen/' 
Abhandl. d. kön. Gesellschaft d. Wissenschaften zu 
Göttingen. 1845, Bd. II, p. 104. 

Nekropsie eines Neonaten, angebl. H. veros lateralis. 

658. Berthold, £., „Ein Fall von Hermaphroditismus 
masculinus diagnosticirt mit dem Laryngoskop." Archiv 
f. Laryngologie u. Rhinologie, IX. Bd., Heft I, Berlin 
1899, p. 70—74. 

22jfthr. Mädchen männl. Scheinzwitter. 

659. Besnoist, „Rapport sur un cas d'hermaphroditisrae.'* 
Annales d'hygifene publique XVI, p. 85. 

24 jähr. Mädchen männl. Scheinzwitter. 

660. Betz, Fried r.. Ober den Uterus masculinus. Arch. 
f. Anat u. Phys. von J. Müller, Berlin 1850, p. 65, 
Tafel 2. 

Männl. Neonatenleiche mit Uterus o. Vagina. 

661. Biesiadecki, „Katarzyna Hohmann. Obojnactwo 
prawdziwe (Hermaphrodipia vera lateralis)." Krak6w 
1871 [Polnisch]. 



— 333 — 

662. Biero, van, „Angeborene Verwachsung von Penis u. 

Scrotura." Virchows Archiv Bd. CLIII, Heft I. 
Mäunl. Scheinzwitter. 

663. Binaud et Bousquet, ,,Pseudohermaphrodisme male. 
Cryptorchidie et bypospadias perin^oscrotal." Soc. d'Anat. 
et de Physiol. 4. VI. 1894, und: Journ. de mM. de 
Bordeaux, Vol. 24, 1894, p. 264. 

Mädchen, männl. Scheinzwitter. Gerichtsverhandlung. 

664. Bippen, Guilielmus de, „Nonnulla de herma- 
phroditis et meraorabilis hominis gynandri historia atque 
descriptio." Diss. path.-anat. Halis 1831. 

Beschreibune der prostituierten Marie Rosine, des 
späteren Gottlieb Qoettlich, eines lange verkannten 
männl. Scheinzwitters und zweier anderer verkannter er- 
wachsener männl. Scheinzwitter. 

665. Bishop, „Hermaphroditism spurious.'' Med. Becord. 

19. III. 1892, Vol. 41. 

27 jähr. Mädchen als männl. Scheinzwitter erkannt. 

666. Bittner, W., Fall von Pseudoh. masculinus oompletus. 
Casuistische Mittheilungen aus Prof. C. Bayer'« chirurg. 
Abtheilung des Kaiser Franz Joseph -Kinderhospitales 
in Prag. Prager Med. Wochenschrift, October 1895. 
Nr. 43, p. 491. 

13 jähr. Mädchen männl. Scheinzwitter. 

667. Blacker u. Lawrence, „A case of true unilateral 
hermaphroditism with ovotestis occurring in a man, 
with a summary and criticism of the recorded cases of 
true hermaphroditism." Transact. of the Obst Soo. 
of London. Vol. XXXVIII, 1896. 

8 Vi monatlich totgeborener Fötus, angeblich mit einem 
Hoden u. einem Ovotestis; Deutung der letzteren Geschlechts- 
druse später von W. Nagel widerlegt. 

668. Blackmann, siehe Müller's Referat in Canstatt's 
Jahrb. 1884, Bd. IV, p. 12. 

30 jähr, menstruierender Kryptorchist, angeblich wahrer 
Zwitter. 

660. Blagowolin, „Eine Beobachtung von Hermaphroditis- 
mus transversus.'' Arbeiten d. Moskauer geb. -gyn. 

Gesellschaft, Januar 1893, Nr. 1, p. 2 — 5. 

Kastration einer 25 jähr, verheirateten Köchin durch 
Prof. Snegirjow stellte männl. Scheinzwittertum fest bei 
beiderseitiger Herniotomie. 



— 534 - 

670. Blainville, Meckers Archiv Bd. 5, 1819. 

671. Blanche, OrgaDcs femelles pris d'abord pour des 
organes m&les. Bullet de la soc. anat. Paris 1867, 
T. 42, p. 21—23. 

Nekropsie eines 15tfigigen Kindes, das für einen Knaben 
angesehen worden war, ergab weibl. Scheinzwittertum. 

672. Blom, G3maekolog. obstetr. Middelelser Bd.X, Heft 3, 
p. 194—216. 

Banchschnitt wegen Fibromjoma uteri bei einer 49jfihr. 
Frau durch Howitz, Geschlecht unentschieden. 

673. Blondel, R, Un cas de pseudohermaphrodisme. La 
Gyn^cologie, T. IV, 1899, p. 21. 

Verheiratete Frau mftnnL Scheinzwitter. 

674. Blondel, R., „Observation de pseudohermaphroditisme." 
Bullet, et m^moires de la Soc. obst et gyn. de Paris. 
S^anoe de 12 Janvier 1899, p. 3. 

Verheiratete Frau männl. Scheinzwitter. 

675. Blumenbach, F., Comment. soc. scient. Qöttingen 
1813, p. 8. Fabricae androgynae femina. Handb d. 
Naturgesch. 1825, p. 20. 

676. Blumhardt, „Ein Fall von Hermaphroditismus." 
Würtemb. Correspondenzblatt XXIH, Nr. 6, und: Fried- 
reich's Blätter 1854, 4, p, 66. 

Klage wegen Notzucht an einem männl. Scheinzwitter, 
der weibl. Kleider trug, wegen Blasenezstrophie and Epis* 
padiasis urethrae. 

677. Bock, Aug., Beschreibung u. Abbildung der miss- 
gebildet. Gcschlechtsth. eines 7 jährigen Kindes, welches 
bis jetzt für ein Mädchen gehalten, am 18. Januar 
1811 aber von einer Gesellschaft praktischer Aerzte 
in Berlin, namentlich Heim, Knapc, Reid, Ru- 
dolphi etc als Knabe erklärt worden u. jetzt als 
solcher erzogen wird. Berlin 1811, Hörn 's Archiv. 

678. Boddaert, „£tude sur Thermaphrodisme lateral." 
Annal. de la Soc. de m6d. de Gand 1874. 

Scheinzwitter fraglichen GcHchlechts, linke GesichtshAlfte 
weiblich, rechte männlich gebildet. Kritisches Studium über 
Katharina Hohmann, 12 andere Fälle. 



— 535 — 

679. Boeckel, „Exstirpation d'un ut^rus et d'une trompe 
herni^ chez un homme." Acad. de M6d. Paris, 
19, IV. 1892; 8emaine M6dicale 1892, Vol. XII, 
p. 146. 

20jfthr. rnftonl. Scbeinzwitter: Herniotomie. 

680. Boerhave, erwähnt von Gustav Brühl. („Über 
Hermaphroditismus.*' Inaug.-Diss. Freiburg 1894, p. 54.) 

2 Zwillingspaare männl. Scheinzwitter. 

681. Boerhave, Historia infantis, cujus pars inferior mon- 
strosa. Propolit. 1754. 

682. Bogajewsky, A., „Ein Fall von Hermaphroditismus 
verus lateralis; hypospadiasis et cystoma colloides 
ovarii sinislri : Ovariotomie bei einem Manne." (Russisch). 
Russkij Wracz 1904, Nr. 38, p. 1290, und: Joum. f. 
Geb. u. Fr. Petersburg 1904, p. 1552. 

Bedarf der mikroskop. Kontrollprüfung. 

683. Boid, V. G., „ Impersonation of a woman." (Eine 
Frau verleugnet ihr weibliches Geschlecht.) Med. Record. 
XLIX. 14. April, p. 500. 

684. M™® Boivin et A. Dug^s, Trait6 des maladies de 
Tut^rus et de ses annexes. Bruxelles 1834, T. I, p. 31. 
Baudelocque (Der Enkel), Acad. de m6d. 12, II, 
1826: bei Nekropsie eines Weibes ein persistenter 
Wol ff scher Gang entdeckt, der sich im collo uteri 
öffnete. 

685. Bollinger. Briefl. Mitteilung 1905. 

26 jähr. Individuam, bis zum 18. Jahre als Mädchen er- 
zogen, männl. Scheinzwitter. 

686. Bondarew, „Fall von Hermaphrodisie." Wracz 1887, 
p. 962. (Russisch.) 

35 jähr, verheiratete Bäuerin männl. Scheinzwitter. 

687. Bonjour, „Pseudohermaphrodisme male." Gaz. M6d. 

de Nantes 1888, p. 95. 

Angeblich menstmierender als Weib geltender männl. 
Scheinzwitter. 

688. Boogarde, Persistance des canaux de Müller chez 
un homme adulte. Journ. d'Anat et de la Physiologie, 
1877, p. 200. 

Nekropsie eines 60 jähr. Mannes mit Uterus. 



— 536 — 

G89. Boogaard, J. A., Persistentie der MüUersche Gangen by 
een volwassen Man. Verst. en Meded. der k. Acad. 
van Wetenschap. afd. Naturkund. D. IX, R. 2, Amster- 
dam 1874. 

690. Borge, C.J., „Enmisdannelse-hypospadi." Nor8k.Mag. 

for Laegevidenskab. 3 R, VI Vol , 1876, p. 342. 

82 jähr. Mädchen B. M. 0., aDseblich männl. Schein- 
zwitter, fragt, ob es einen 50 jähr. Witwer heiraten könne? 

691. Borkhausen, 24 jähr. Mädchen mit hypertroph. Clitoris, 
Mangel einer äusseren Vaginalmündung, Menstruation 
p. rectum; siehe Günther 1. c. p. 33. 

692. Boudon, siehe Arnaud 1. c. p. 283. 

1726 Nekropsie eines Mönches, männlichen Scheinzwitters 
mit Uterus. 

693. Bouillaud, „Exposition raisonn^ d'un cas denouvelle 
et singuli^re vari^t6 d'hermaphrodisme observde chez 
rhomme.'' Joum. univ. et hebd. de m6d. et de Chirurgie 
pratique et des instit. m6d. Paris 1833. 

Bezieht sich auf den Scheinzwitter: Valmont. 

694. Bouillaud, siehe Gerson u. Julius; Magazin d. 
ausl. Litteratur. 6. Bd., Hamburg 1833, p. 31. 

Nekropsie eines als Witwer geltenden Scheinzwitters. 

695. Brand, Thom., The Gase of a boy had been mistaken 
for a girl. London 1787. 

Verkannter männl. Scheinzwitter. 

696. Branle, siehe Index medicus für 1844. 

Ein Fall Ton Scheinzwittertum. 

697. Bransford, Lewis, „A case of hermaphroditism.*' 
Medicine H, p. 793, 10. X. 1896. 

698. Brauer, Münch. Med. Woch. 11. VL 1901, Nr. 24, 
p. 991. 

32 jähr. Bäuerin männl. Scheinzwitter? 

699. Braun, H., „Ein Fall von Pseudohermaphroditismus 

masculinus externus.'' (Aus dem Mannheimer Eranken- 

hause.) Zeitschr.f.Geb,u.G7n. Bd.28, 1894, p.375— 382. 

Kastration eines 28 jähr. Dienstmädchens durch Heuck 
wies männl. Scheinzwittertum anf. 

700. Breggers, T. van der, Jets over den herroaphrodiet 
M. D. Derrier (in holländischer Sprache). 



— 537 — 

701. Breiskj, ,J)]e Krankheiten der Vagina/' Stuttgart 

1879, p. 18. 

Nekropsie eines Mftdchens wies mftnnl. Scheinzwitter- 
tum auf. 

702. Breitung, Max, „Ein Fall von Hermaphroditen- 
bildung.'' Inaug.-Dis8. Jena 1891. 

SOjfthr. Tagelöhnerin, von Schnitze unterBucht, weibl. 
Scheinzwitter. 

703. Breton u. Chauvet, siehe E. Godard, „£tudes sur 
la moDorchidie et la cryptorchidie chez Thomme." Paris 

1857, p. 119. 

Nekiopsie eines 18 monatlichen Mädchens erwies mftnnl. 
Scheinzwittertom. 

704. Briand, siehe Wald, Gerichtl. Medicin II, p. 87. 

Erwähnt von Oesterlen. 

705. Bri^re, siehe Guyon, Th^se d'aggr^gation. 

Hypospadie bei Vater und Sohn. 

706. Brjuchanow, „Fall von Pseudohermaphroditismus' 

masculinus extemus.'' Bolnicznaja Gazeta Botkin'a 

1899, Nr. 44. (Russisch> 

Kastration eines 14 jähr. Mädchens erwies männl. Schein- 
zwittertnm. 

707. Brockniann (briefl. Mitteilung 1901). 

Neonat männl. Scheinzwitter. 

708. Brohl, „Hemia uteri bei Pseudohermaphroditismus 

femininus." Deutsche med. Wochenschrift 1894, Nr. 15. 

Hemiotomie bei einem 36 jähr, weiblichen Scheinzwitter 
mit hypertrophischer erektiler Clitoris. 

709. Brooks, H., „A case of asexualism.'' Med. Record. 
12. Vni. 1889, p 221. 

Zweifelhaftes Geschlecht eines Mannes trotz Nekropsie 
u. mikroskopischer Untersuchung der GeschlechtsdrOsen. 

710. Brouardel, „Des emp^chements au mariage et de 

rhermaphrodisme en particulier.'' Gaz. des höpitauz 

1877. 

Bis 1887 sechs eigene gerichtl.-med. Gutachten über als 
Mädchen erzogene männl. Scheinzwitter. 

711. Brouardel, Le mariage, nullit^, divorce, grossesse, 

accouchement." Paris 1900, p. 22—26. 

Nekropsie eines Erwachsenen, angeblich H. verus lateralis. 
Beischlaf amphoter. 



— 538 — 

712. Brouardel, „Hermaphrodisme, impuisBance, tjpe in- 
fantil." Gaz. d. höpit. 1887, p. 57. 

713. Brown, Chalmers, Med. Record. 14.11. 1900, p. 643. 
Referat: Brit. Med. Journ. 31. III. 1900. „A case 
of spurious hermaphroditism." 

20jfihr. Dienstmädchen, angeblich weiblicher, wahrschein- 
lich mSnnl. Scheinzwitter. 

714. Brück, Deutsche Med. Zeitung 1898, Nr. 12, p. 124. 

Beschreibang d.äefti Alkalisa aus Tunis s=ZephtheAkaira, 
verheiratete Frau männlicher Scheinzwitter. Untersuchung 
durch Landau im Berliner Panoptikum; siehe auch Be* 
Schreibungen durch Kurz, Daffner u. Zuccarelli u. A. 

715. Brühl, 6., Über Hermaphroditismus. Inaug.-Diss. 
Freiburg 1894. 

Nekropsie der 2VsJähr. ElsaK. durch Prof. Kahl den: 
U. spurius masculinus completus. Allgemeines u. reiche 
Kasuistik. 

716. Brycholow, Protokolle der Anthropolog. Gesellschaft 
1894, Nr. 1, p. 29, Nr. 10, p. 207. (Russisch.) 

14 jähr. Mädchen als männl. Scheinzwitter erkannt nach 
Kastration. 

717. Brjant, Th., „Cases of malformation of the testicle." 
Quy's Hosp. Reports 1868. XIII, p. 439. 

Drei Beobachtungen von erblicher Hypospadie. 

718. Buchanan, George, Case of Hermaphrodit, aged 
9 years with the extemal Appearance of a Female, in 
whom both Testicles were removed from the Labia 
Majora. London Med. Times. 1885, Vol. I, p. 211 
— und: Glasgow med. Journ. March 1885 — und: Brit. 
med. Times. 14. II. 1885. 8. auch: G. Herrmann, 
Dict encyclop. d. sc. m6d. 8§rie 4, T. III, p. 629. 

Kastration eines 9jähr. Mädchens erwies mfinnl. Schein- 
zwittertum. 

719. Burdach, Anatom. Untersuchungen bezogen auf Natur- 
wissenschaft u. Heilkunde. I. Heft. Leipzigl814, p. 47. 

Mädchen, 1797 in Norwegen durch eine Frau geschwängert. 
Gerichtl. med. Untersuchung ergab männl. Scheinzwittertum. 

720. Burdach, Anatomische Untersuchungen bezogen auf 
Naturwissenschaft u. Heilkunst. Erstes HefL Leipzig 
1814, p. 66. 

Mädchen, später als Knabe getauft, Nekropsie im 6. Jahre 
ergab weibl. Scheinzwittertum. 



— 539 — 

721. Burghard, Gründliche Nachricht von einem Herm- 
aphroditen. Breslau 1743. 

722. Burghard, C. T., Monstrum pro hermaphrodito false 
habitum. Medicor. Silesiacorum Satyrae. Vratislaviae 
et Lipsiae. 1736. Satyr. I, p. 53 — 64. 

723. Bychowski, S. B., Wracz 1898, Nr. 12, p. 357. 

19j. Judeninädchen Scheinzwilter, von Prof. Rein für 
weiblich gehalten. Beischlaf amphoter. 

7 24. C ai 1 1 o t, R., „Observations sur deux formations vicieuses 
des orgaDCs de la g6n§ration de la femme''. M6m. de 
la Soc. M§d. d'Emulat. k Paris. Ann. II pour Tan VI 
de la r^publique, p. 470. 

725^Caldani, L. M. A., Lettera al Dr. V. Zeviani Mem. 
della soc. ital. Verona 1794. T. VII, p. 130. 

Domenica Scappato aus Padaa heiratete im 17. Jahre, 
Scheidungsklage wegen Untanglichkeit zur Ehe. Geschlecht? 

725^Caldani, Männl. Scheinzwitter. Siehe: Steglehner 
1. c. p. 87; Ackermann 1. c. p. 22. 

726. Caluri, F., „Sopra un preteso ermafrodito'-. Atti 
deir Acad. sc. di Siena 1774. T. V, p. 167. 

34 j. männl. Scheiuzwitter. 

727. Cameron, Hector Clarence, „Notes on a Gase of 
Hermaphrodisme." Brit Gyn. Journ, February 1904» 
p. 347. 

27j. verheirateter Ingenieur — weibl. Scheinzwitter, wie 
die Exstirpation einer Geschlechtsdrüse erwies. Unicum in 
vielerlei Beziehung! 

728. Canton: siehe: Cannstatts Jahresbericht f. 1852. 
Würzburg 1853. IV. Bd., p. 96. 

23 j. Mädchen mit Exstrophia vesicae, Kekropsie wies 
männl. Scheinzwittertum nach. 

729. Carlier, Annales des maladies des organes g^nito- 
urinaires Janvier 1905, p. 145. 

Plastische Operation wegen Hypospadie bei zwei Brüdern, 
männl. Scheinzwittem , deren einer als Mädchen erzogen 
worden war. Der ältere Bruder wurde zum Militär genom- 
men, bei dem jüne;eren 8jährigen Bruder Erfolg der Opera- 
tion nach Nov^'Josserand gleich gut. 

730. Carrara, Mario, „Un caso di pseudoermafrodismo 
femminile.'' Archivio di Psichiatria, Scienze penali ed 

Antropologiacriminale. Vol. XXIV. Fase V— VI. 1903. 
ITjähr. Mädchen, weibl. Scheinzwitter mit psychischem 
Masculismus. 



— 540 — 

731. Carrara, Mario, „Un caso di ginecomastia in ori- 
minale." Riforma medica XII. 1896, p. 183. 

732. Carreiro, Bruno T.y^yPseudohermaphrodismo androgj- 
noide in un caso de supposta hemia inguinal d'ovario.'' 
O Correio m6dical de Lisboa, Ootob. 1896, p. 149. 

733. Carson, J. C. u. Hrdliczka^ „An ioteresting case 

of pseudohermaphrodiiiamus masculinus externus.'* 

Albany Med. Annais. Vol. XVIII. 1897, Nr. 10. 
27 j. Weib im Irrenasyl, wahrscheinlich männl. Scheinzwitter. 

734. Carson, „Rudimentary vagina and enlarged clitoris." 
Courr. of Medicine 8t Louis 1880. 

735. Gases, Puer judaeus, quoad genitalia monstrosus neque 
tarnen hennaphroditis adnumerandus. Medicor. Silesia- 
corum Saturae. Vratislaviae etLipsiae 1736. Satura III, 
p. 5—16. 

736. Casper-Liman,Handb. d.gerichtl.Medicin 1876, 1, 75. 

Nekropsie der 84 j. Marie Arsano, als Weib verheiratet, 
ergab männl. Scheinzwittertam. 

787. Cassano, C. u. F. P. Pedretti, Un caso di clitoride 
monstruosa. Rendicont. della R. Acad. med.-chir. di 
Napoli 1860. Fase. I u IV, p. 69. 

Puerpara mit hypertroph. Ciitoris verkehrte sexuell mit 
Weibern, im 40. Jahre — 1850 — Ciitoris (Cancroid) ampatirt. 

738. Castellana, „Uretroplastia e chiusura dell' orifioio 
vaginale in un caso d'ipospadia perineale con cryptor- 
chidia e vagioa rudimentale bifida". Riforma Medica 
1899. Anno XV. Nr. 212—215, p. 769 ff. 

15j. Carmela Caponetto männl. Scheinzwitter, jetzt 
Carmelo genannt. 

739. a Castro, De mulierum natura. L. III. o. 12; siehe: 
Memoire de TAcademie des Sciences. Paris 1750. 

740. Le Caty siehe Arnaud 1. c p. 52. 

Sämmtliche Sohne einer Frau Hypospaden. 

741. Le Cat, siehe Arnaud 1. c p. 61. 

Sektion eines Individuums mit angeblichem H. veras 
lateralis 1744. 

742. Le Cat, siehe Arnaud 1. c. p. 314 ff. 

Beschreibung Marie Marin le Marcis: mehrfache Ge- 
richts Verhandlungen, Verurteilung wegen Profanation des 
Sakraments mit Jeanne le Fövre, Freisprechung nach 
Untersuchung durch Jacques Duval. 



— 541 — 

743. Cecc herein, A., Un caso di ermafroditismo. La 
Sperimentale. Firenze 1874. F. 33, p. 198. 

Über Katharina Hohmann. 

744. Celsius, Jac, „Über Entstehung und Verhütung der 
Missgeburten für Eheleute." Hadamar 1812. 

745. Centinon, Berlin, klin. Wochenschrift 1876, Nr. 1. 

20j. Rekmt erwies sich als weibl. Scheinzwitter. 

746. Cham bers, London Obst. Soc.Transact. 1859,Vol.XXI, 

p. 256. 

Kastration eines 24j. Mädchens ergab männliches Schein- 
zwittertum. 

747. V. Chami8So:Münch.Med.Woch. 1898, 18.x., p. 1361. 

21j. männl. Scheinzwitter. 

748. Championni^re, Lucas, Journ. de m6d. et de chir.- 
pratique. Parb 1885. LVI, p. 67. 

Vier „pr6tendaes femmcs** männl. Scheinzwitter. 

749. Gharon, „Atr6sie du rectum s'ouvrant au milieu du 
raph^ du scrotum chez un pseudohermaphrodite de 
trois mois". Clinique, Bruzelles. Vol. VII, p. 37. 

750. Chatillon, s. Poppesco 1. c. 

19j. Mädchen: Prostitationsgeleitschcin von Ricord a. 
Clerc verweigert, weil männl. Scheinzwitter. 

751. Ch^rot, „Du molluscum pendulum de la vulve. Faux 

Hermaphrodisme par Pseudoverge laterale.'' Paris. 

Th^se. 18. V. 1892. 

Beobachtung von Mauclaire, hat nichts mit Uerm- 
aphroditismus gemein. 

752. Cheselden: Anatomy of the human bodj. London 

1726. Taf. XXX. 

Beschreibang zweier männl. Scheinzwitter. 

753. Cheselden: Anatomie des menschl. Körpers. Aus 
d. Englischen v. Wolf. Mit 46 Kupfertafeln. Gottingen 
1790. 

754. Chesneut, „Question d'identit^. Vice de conformation 
des organes g^nitaux-hjpospadie/' Annal. d'hjp. publ. 
et de m^d. legale. Juillet 1860, p. 206. (Klinische 
Beobachtung der Aleksina B.); siehe E. Goujon: 
Cas d'hermaphrodisme bisexuel imparfait ohez Thomme» 
Journ. d'anat et de Phys. Paris 1869. A. VI, p.599. 
Planches XVI et XVII. (Nekropsie der Aleksina B.); 



— 542 — 

siehe T a r d i e u : Ques tions m6dicoI§gales de Tiden tit6 etc. 
Paris 1874. (Autobiographie der Aleksina B.) 

755. Chevreuil, siehe Steglehner 1. c. p. 91. 

Nekropsie eines Scheinzwitters mit malignem Tumor an- 
geblich eines Ovarium, Anna Bergault, yielleicht m&nnl. 
Scheinzwitter. 

756. Chevreuil, Journ. de m6d. T. 51, p. 441. 

Menstruierende Frau soll mit ihrer hypertroph. Clitoris 
ein Mädchen defloriert haben. 

757. ChiarleoDi, „Due casi di malcoDformazione dei geni- 

tali esterni.'' Lezioni cliniche. Palermo 1897 — und: 

„Ennafrodismo in due sorelle." La Riforma Medica. 

Palermo 1899. Vol. I, Nr. 65, p. 301. Vol. II, Nr. 11, 

p. 126. 

Zwei Schwestern von 17 u. 15 Jahren, Francesca und 
Angela d'Angelo, männl. Scheinzwitter. 

758. Chiarugi, V., Sopra una supposta forma di ermafro- 
ditismo. Lettera al prof. Tommasini. Firenze 1819. 

38j. Mädchen heiratet, nach 18 Monaten Ehescheidungs- 
klage in der Curie von Fiesole. Mehrfache Prozesse. Neue 
Untersuchung im 52. Jabre: männl. Scheinzwitter. 

759. Chopin: New York med. Journal 6. IV. 1889. 

Allmonatliche Blutung ex Urethra bei einem Manne. — 
Ch. erwähnt zwei ähnliche Beobachtungen, eine von Rover, 
betreffend einen Schlächter aus S^dan, die andere beschrie- 
ben von Chopart: Referat durch Simon Duplay, Archiv, 
gen. de Medecine. Octobre 1880, p. 464. 

560. Choulant, Allg. med. Annalen des 19. Jahrb. Alten- 
burg 1820, p. 1483. 

761. Chrocker, Jean, Fax. Histor. (?); siehe: Arnaud 1. c. 
p. 280. 

Nonne Magdalena Mugnoz erwies sich als männl. Schein- 
zwitter, später Francesco Mugnoz, gerichtlich belangt wegen 
Schwängerung einer Jungfrau. 

762. Clark, A., „A ease of spurious hermaphroditisme, 
hypospadias and undescended testicles in a subjeet, 
who had been brought up as a female and had been 
married for sixteen years". Lancet 1898. Vol.I, p. 718. 

42 j. verheiratete Frau; Rastration erwies männl. Schein- 
zwittertum. 

763. Clark, „Nephrolithotomie chez un hermaphrodite.*' 
Mdd. moderne 1896. Nr. 4.3. 

Nekropsie einer Frau erwies männl. Scheinzwittertum. 



— 543 — 

764. Clauder, Ephemerid. natur. ouriosor. Dec. 11, Ann. III, 
cap. II, p. 75 u. Obser. 76, p. 171. 

Weiblicher Scheinzwitter angeblich. 

765. Clesius, Eine Zwitterbildung in Koblenz; siehe Har- 
less's Rheinische Jahrbücher f. Med. u. Chirurg. Bonn 
XL b. 42. 

766. Colle: Journal historique. Paris 1765. 

Beschreibung der Anne Grandjean. 

767. Collenza, P.^ „Caso d'ermafrodito vivente nentrale- 
laterale". II Filiatre Sebezio Napoli 1853. Vol. 65, p. 179. 

78j. Mann zweifelhaften Geschlechts. 

768. Columbus, B., „De iis, quae raro in anatomia re- 
periuntur." De re anatomica. Francofiirti 1590. Lib.XV, 
p. 169 u. 493. 

Amputation einer angeblichen hypertrophischen Clitoris 
vom Arzt verweigert 

769. Colombo, Bealdo, „De re anatomica." Venetiis 1559. 

Lib. XV, p. 268. 

Nekropsie eines m&nnl. Scheinzwitters, Uterus a. Krypt- 
orchismos. 

770. Golson, A., Nouvelle biblioth^ue m6d. 1830; siehe 
Günther 1. c. p. 37. 

Mftnnl. Scheinzwitter. 

771. Comstock, „Alice Mitchell of Memphis; a case of 
sexual perversion of Urning." New York Med. Times. 
1892/93. Vol. XX, p. 176; s. auch: „Lesbian Lowe 
andMurder." New York med. Becord 1892. Vol XVI, 
p. 104. 

Scheinzwitter? 

772. Cordoba, Ortizy, „Pseudohermaphrodism". Second 
Pan-American Med. Congress. Medical Becord 1896. 
Vol. 4, p. 796. 

Männl. Scheinzwitter. 

773. Cook, H. D., „A case of doubtful sexe." Transact. 
South Indian Brauch. Med. Assoc. Madras 1888 bis 
1890, p. 250. 

774. Coop, W. A. H., „A curious anomaly of the female 
genitalia with striking resemblance to some of the ex- 
ternal male elements by plastic-surgery changed into 



— 544 — 

a woman of normal appearence." Amer. gyn. and obst. 

Journ. New York. May 1895, p. 594. 

Plast. Operation bei einer 24 j. verheirateten Frau mit 
Labialverwachsung. 

775. Cooper, P. Astley, Gu/s hosp. Reports 1840, p. 243. 

86 j. Frau, Scheinzwitter fraglichen Geschlechtes. 

776. Corigliani, „De Apuliaeandrogyno.'' Raccolta d'opusc. 
scientifici in Venezia 1761. T. XL VI, p. 165. Com- 
merc. de rebus in scient. naturalibus gestio. T. III, 
p. 640. 

Männl. Scheinzwitter. 

777. Cornil, „Examen histologique de la glande genitale 

d'un hermaphrodite." 8oc. Anat. de Paris. 5. I. 1900. 

Mikroskop. Untersuch one der Ovarien von A. Le f r a n ^ o i s , 
siehe auch Bacaloglu et Fossard. 

778. Corrado, Gaetano, „Due casi consecutivi die sesso 

dubbio nella stessa famiglia." Atti della R. Aeademia 

Medico-Chirurg. di Napoli. Anno LIV. No. 1. Genuaio 

ad Aprile 1900, p. 53. 

Angiolina u. Rafaela X, zwei Schwestern von 6 und 
2 Jahren, wahrscheinlich männliche Scheinzwitter. 

779. Coste, E., „Conformation vicieuse des organes g6ni- 
taux chez une femme. Operation.'' Journal de eon- 
naissances m6d. chirurg. par les drs. A. Trousseau, 
J. Lebaudy,H.Gouraud: Ill^^^'^ann^e. 1835, p. 276. 

21j. Mädchen angeblich weibl. Scheinzwitter. 

780. Cotter, Brit. Med. Joum. 24. XII. 1892. 

Nekropsie eines Scheinzwitters von zweifelhaftem Gre- 
schlecht erwies weibl. Scheinzwittertnm. 

781. Cotto, Carlo^ „Einige Ideen über den Hermaphrodi- 
tismus." Frorieps Neue Notizen Bd. 32. 1844. Nr. 699. 

782. Gozzi, Luca, „Sopra un caso d'ermafroditismo in- 

completo etc.'' Ann. univ. di med. Milano 1852. 

Vol. 140, p. 490. 

Nekropsie einer 52j. verheirateten Frau erwies männl, 
Scheinzwittertum. 

783. Gramer, „Ein Fall von Hermaphroditismus lateralis." 
Inaug.-Diss. Zürich 1857; s. auch Meyer: Virchows 
Arch. 1857. Vol XI, p. 420. 

Neonat: angeblich H. verus lateralis. 



— 545 — 

784. de Crecchio, Luigi, Sopra un caso d'apparenze virile 

in UDa donna. II Morgagni 1865^ p. 165. 

Nekropsie eines als männlich eetauften und erzogenen 
64jfthr. Individuums ergab weibliches Scheinzwittertum. — 
Giuseppe- Giuseppa Marzo. 

785. Croom, H., Obst. Soc of Edinburgh. 14. VL 1899. 

Referat: Mon. f. Geb. u. Gyn. April 1899, p. 246. 

),Über Geschlechtsirrtum bei Erwachsenen." — Zwei 
Mädchen mftnnl. Uypospaden. 

786. Rapport de M. Cruveilhier sur un cas d'herma- 

phrodisme pr^sent^ par M. de Corogne. Bulletin 

de la Soc Anat. de Paris. T. XI, ann^ 1865^ 

p. 468 (siehe Nr. 792). 

Bemerkungen bezüglich Marie Madeleine Lefort. Legros 
konstatierte Graafsche FoUikeL 

787. Cruveilhier, M., Anat. Pathol. T. I, p. 301. 

Erwähnung d. Beobachtung von Breton u. Chauvet. 

788. Cummings, Suflfolk distr. med. Soc. 10. L 1883. — 
Boston med. and surg. Journal 1883. 

Scheinzwitter für männl. erklärt: Nekropsie zwei Jahre 
später wies weibl. Scheinzwittertum auf. 

789. Curling, T. B., Cases of malformation of the female 
sexual Organs^ causing difficultj in determining the sex. 
Med. Times and Gazette. London 1852. Ser. N. 
T. IV, p. 84. 

Zwei Schwestern männl. Scheinzwitter. 

790. Czarda, „Ein Fall von zweifelhaftem Gesohlecht bei 
einem Neugeborenen." Wiener klin. Woch. 1876. 
Nr. 41, p. 1075. 

HTpospadiasis peniscrotalis mit blind endender Vagina. 

791. Czermak, (Meissners Forschungen des 19. Jahrb. 

1833. Bd. VI, p. 72). 

Weibl. Scheinzwitter mit Penis von der Urethra durch- 
bohrt? 

792. Dacorogna, „Hermaphrodisme apparent chez une per- 
sonne du sexe f(gminin." Bullet, de la Soc. Anat. de 
Paris. 1864, p. 481—488. 

Betrifitd.